Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Tyrann alter Schule

Kim Jong-Il war ein Exzentriker zynischer Realpolitik. Nun ist er im Alter von 69 Jahren gestorben und hinterlässt seinem Son Kim Jong-un ein schwieriges Amt.

Über Kim Jong-il macht man keine Witze, findet Lee Yong-guk. Wenn es um den „Geliebten Führer“ geht, hat der 50-Jährige nie Spaß verstanden. Nicht damals, als er Kims Bodyguard war und für den vergötterten Landesvater bereitwillig sein Leben gegeben hätte. Und auch nicht später, als er von Kims Grausamkeiten desillusioniert nach Südkorea desertierte, wo der nordkoreanische Tyrann allgemein als Witzfigur galt. Dabei hat Lee in Kims Dienst viele Momente erlebt, die man mit genügend Abstand komisch finden könnte. „In seiner Jugend war Kim ein großer Trinker und ist nachts besoffen in seinem Mercedes über das Palastgelände gerast“, erzählte Lee kürzlich dieser Zeitung. „Wir Leibwächter hatten immer Panik, dass ihm etwas passiert und wir ihm helfen müssen.“ Wenn Kim betrunken oder schlecht gelaunt war, wollte man ihm nicht unter die Augen kommen.

Als er sich einmal im Suff dazu hinreißen lassen habe, es vor den Augen eines Freundes mit einem seiner Lustmädchen zu treiben, habe er diesen am nächsten in sein Büro zitiert, ihm einen Revolver überreicht und ihn aufgefordert, sich selbst zu erschießen. Selbst enge Vertraute vermieden deshalb ungeplante Begegnungen. „Ich habe häufig beobachtet, wie Minister hinter Mauern oder Bäume flüchteten, wenn Kim im Anmarsch war“, erinnert sich Lee. „Niemand wollte alleine seiner Unberechenbarkeit ausgesetzt sein.“

Kim der Unberechenbare. Kim der Grausame. Kim der Komische. Nun ist Nordkoreas Diktator im Alter von 69 Jahren gestorben. Schon am Samstag soll er während einer Inspektionsreise in seinem Sonderzug einem Herzinfarkt erlegen sein, gab das nordkoreanische Staatsfernsehen am Montag bekannt. „Es ist der größte Verlust für unsere Partei und der größte Trauerfall für unser Volk und Land“, erklärte eine in schwarz gekleidete Nachrichtensprecherin unter Tränen. Das Volk müsse nun „unsere Traurigkeit in Stärke umwandeln und unsere Schwierigkeiten überwinden.“

Schwierigkeiten hinterlässt Kim Jong-il im Übermaß. Die Demokratische Volksrepublik Korea ist heute eines der ärmsten Länder der Welt. Während es in den Nachbarländern Südkorea und China boomt, leidet ein großer Teil der Nordkoreaner an Unterernährung. Vom Ausland schottet sich der Staat nach Kräften ab. Über den Rest der Welt wissen die Nordkoreaner nur wenig, dafür müssen sie die Propaganda ihres eigenen Regimes auswendig können. Wer ideologisch nicht streng auf Linie ist, wird brutal bestraft. Der Kalte Krieg ist in Nordkorea noch immer in vollem Gange. Kim Jong-il wollte es so.

Denn obwohl er wegen seiner absonderlichen Erscheinung – Plateauschuhe und enge Armeeanzüge, abstehende Haare und große Sonnenbrillen – oft als weltpolitische Witzfigur betrachtetet wurde, war er ein Tyrann alter Schule. „Kim verstand es immer, die Menschen in seiner Umgebung in permanenter Angst zu halten“, sagt Gwon Hyoek, ein ehemaliger nordkoreanischer Geheimagent, der einst zu Kims innerem Zirkel gehörte und heute ebenfalls in Südkorea lebt. „Für interne Zwecke hatte er seine Sicherheitsdienste, die jeden Nordkoreaner nach Belieben terrorisieren konnten, und für die Außenpolitik hatte er die Atombombe.“ Mit den Nuklearwaffen, die Nordkorea 2006 und 2009 testete, konnte Kim immer wieder die Aufmerksamkeit der Weltpolitik auf sich ziehen und die großen Mächte der Region – allen voran China und die USA – gegeneinander ausspielen.

Es ist das Diktatorenhandwerk, das Kim von seinem Vater Kim Il-sung (1912-1994) gelernt hatte – und an dem er sich ein Leben lang abarbeitete. Denn Kim Senior war als Vaterfigur übermächtig: ein kommunistischer Revolutionär der ersten Stunde, der sein Land von der japanischen Kolonialherrschaft befreite; ein Hüne von Mann, dessen Persönlichkeit jeden noch so großen Saal ausfüllte; ein Charismatiker, der Frauen in Ekstase versetzen und Männer in Schlachten treiben konnte. Kim Junior hatte keine andere Wahl, als diesem Vater nachzueifern.

Geboren wurde Kim Jong-il am 16. Februar 1942 in einem Militärlager in der Sowjetunion, wo die Truppen seines Vaters Zuflucht vor den Japanern gefunden hatten. Nordkoreas offizielle Geschichtsschreibung berichtet heute allerdings von einer Geburt nach messianischem Vorbild: Kims Mutter soll demnach in einer schäbigen Holzhütte an Koreas heiligem Berg Paekdu niedergekommen sein. Das Haus ist heute eine nationale Wallfahrtstädte und Darstellungen vom Berg Paekdu sind ein fester Bestandteil der propagandistichen Ikonographie.
Kims Mutter starb, als er sieben Jahre alt war, und der Junge war fortan mit seinem Vater allein. Die Unterschiede von Kim dem Älteren und Kim dem Jüngeren waren von klein auf sichtbar. Kränklich und schüchtern soll Kim Jong-il gewesen sein, und vergeblich um die Anerkennung des Vaters gerungen haben. Als einziger Sohn war er dennoch der natürliche Machterbe. 1964 begann Kim seine Karriere in der Arbeiterpartei, in den Abteilungen für Propaganda und Ideologie. 1974 wurde er ins Politbüro gewählt und führte die Parteijugendorganisation der „Revolutionären Brigaden“. Im Alter von 38 Jahren bekam er die Leitung des Politbüros, des Parteisekretariats und der Militärkommission übertragen und wurde damit zur Nummer Zwei im Staat und zum designierten Nachfolger.

Wie dem Vater wurde auch dem Sohn ein Personenkult auf den Leib geschnitten. Er erhielt den Titel „Geliebter Führer“. Lieder wurden auf ihn gedichtet, die vom Volk in speziellen Notizbüchern aufgeschrieben werden mussten. 1982 wurde sein Geburtstag zum Staatsfeiertag erklärt und ab 1986 sogar auf zwei Tage ausgedehnt. Das Propaganda-Ministerium verbreitete Geschichten über seine übermenschlichen Fähigkeiten: Während seines Studiums soll er jeden Tag ein Buch geschrieben und immerhin sechs Opern verfasst haben. In der Schule wurde sein Leben als eigenes Schulfach eingeführt. Unterrichtseinheiten sind: der überragende Theoretiker, der Held des Volkes, der erfahrene Staatslenker, das Organisationsgenie, der Unterstützer des einfachen Volkes, das Idol aller Völker. Hebammen bekamen die Anweisung, Müttern nach der Geburt einen Löffel Honig in den Mund zu stecken, mit dem Hinweis, dies sei ein Geschenk des lieben Führers.

Hinter den Kulissen ging es dagegen ruppiger zu. „Kim schaffte damals seine eigenen Abhängigkeitssysteme“, erklärt Ex-Agent Gwon. Weil sein Großvater an Kim Il-sungs Seite gekämpft hatte, gehörte er in den Achtzigern zu den Vertrauten des Kim-Klans. „Ich wurde damit beauftragt, lokale Kader zu überwachen und die Sicherheit von Gefängnissen für politische Häftlinge zu überprüfen.“ Auch an Auslandseinsätzen die direkt von Kim angeordnet worden seien, sei er beteiligt gewesen. Er habe Japaner gekidnappt, die in Nordkorea Spione ausbilden sollten, und geholfen, im Ausland gefälschte US-Dollar in Umlauf zu bringen oder Waffen zu kaufen. Wer in Kim Jong-ils Gunst stand, bekam von der Armut im Lande wenig mit: Das Regime importierte große Mengen Cognac und Bordeaux-Weine. „Kim ließ im Regierungsviertel eine eigene Wurstfabrik bauen“, erzählt Lee, der Ex-Bodyguard. „Er war ein wirklicher Lebemann.“ Zu seinem Gefolge gehörten auch stets junge Frauen. Seine erste Frau, die Ballerina Song Hye-rim, ließ er zu sich in den Palast bringen, nachdem er sich bei einer Vorstellung in sie verguckt hatte. „Song war verheiratet, aber das kümmerte Kim nicht“, erzählt Kim Yong-sun, eine Jugendfreundin, die heute ebenfalls im Süden lebt. „Um kein Gerede aufkommen zu lassen, verschwanden viele Leute, die sie kannten, im Straflager.“
Trotz des eingespielten Terrorsystems war nach Kim Il-sungs Tod im Jahr 1994 keineswegs klar, ob sich sein Sohn an der Macht würde halten können. Durch den Zusammenbruch der Sowjetunion hatte Nordkorea seinen größten Unterstützter verloren. Das Volk litt Hunger.

China und die USA machten Kim Avancen und versuchten das Land zur Öffnung zu bewegen. Doch Kim entschied sich dagegen. Er hatte Angst, so zu enden wie die Diktatoren Osteuropas, die von ihren Völkern aus dem Amt gejagt worden waren. Statt Wirtschaftsreformen auszurufen, gab er die Devise „Militär zuerst“ aus und machte die Armee endgültig zu seiner Machtbasis. Auf südkoreanische Annäherungsangebote im Rahmen der Sonnenscheinpolitik ging er zwar zum Schein ein, doch nur weil im Hintergrund gewaltige Summen flossen. Für ein Treffen mit Südkoreas Präsident Kim Daejung im Jahr 2000 zahlten ihm südkoreanische Industrielle 400 Millionen Dollar – Devisen, die er dringend brauchte, um sein System am Laufen zu halten und die Eliten mit Annehmlichkeiten zu versorgen. Gleichzeitig trieb er die Entwicklung einer eigenen Atombombe voran. Im Oktober 2006 führte Nordkorea seinen ersten Test durch – und Kim Jong-il hatte eine Errungenschaft, mit der er aus dem Schatten seines Vaters heraustreten konnte. Fortan wurde er in der Weltpolitik ernst genommen, ohne sich in sie integrieren zu müssen.

Doch so gut es ihm gelang, seine Macht zu sichern, so schwierig fiel es ihm, die Weichen für seine Nachfolge zu stellen. Eigentlich hatte er nach koreanischer Tradition seinen Erstgeborenen aus der Beziehung mit Song Hye-rim als Erbe einsetzen wollen, Kim Jong-nam, heute 40. „Jong nam wurde von klein auf wie ein Prinz behandelt und tauchte schon als Kind bei Staatsbesuchen auf“, erzählt Lee. Doch der Junge hatte von seinem Vater zwar die Exzentrik geerbt, nicht aber das Machtgeschick. Weil er im Mai 2001 am Flughafen in Tokio verhaftet wurde, als er mit einem gefälschten Pass der Dominikanischen Republik einreisen wollte, um Disneyland zu besuchen, fiel er bei seinem Vater in Ungnade und lebt seitdem im Glücksspielparadies Macao.

Mit dem zweiten Atombombentest im Mai 2009 wurde dann der Drittgeborene und jüngste Sohn Kim Jong-un als Nachfolger vorgestellt. Im System war er offensichtlich nicht einfach durchzusetzen, und auch China, Nordkoreas einziger Verbündeter, stellte sich gegen eine dynastische Erbfolge. Als Kim Jong-il im August 2009 einen Schlaganfall erlitt und monatelang aus der Öffentlichkeit verschwand, sahen einige Beobachter die Macht der Kims schon im Schwinden. Doch der „Geliebte Führer“ berappelte sich noch einmal und schaffte es im Herbst 2010 schließlich, seinen Sohn in die nötigen Parteiämter zu hieven. Nordkoreas Staatsmedien bezeichnen ihn nun als „Großen Nachfolger“. Er hätte allen Grund, seinen Vater für sein Erbe zu verfluchen.

Bernhard Bartsch | 19. Dezember 2011 um 17:58 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.