Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Twittern vom Krankenbett

Künstler soll durch Schläge der chinesischen Polizei Gehirnblutungen erlitten haben. Seinen Krankenhausaufenthalt in München dokumentiert er im Internet.

Der renommierte chinesische Künstler und Designer Ai Weiwei ist am Montag in München wegen Gehirnblutungen operiert worden, bei denen es sich um eine Spätfolge von Misshandlung durch die chinesische Polizei handeln soll. „Der Auslöser war der Vorfall in Sichuan“, erklärte Ai im Telefonat mit dem Autor. Am 12. August war er in der südwestchinesischen Provinz von Polizisten geschlagen worden, weil er den Prozess gegen den Aktivisten Tan Zuoren verfolgen wollte, der sich wie Ai für Opfer des Erdbebens im vergangenen Jahr eingesetzt hatte. Damals waren tausende Kinder in schlecht gebauten Schulen umgekommen, was die Regierung bis heute zu verschweigen versucht.

Ai erklärte, er habe seit dem Angriff in seinem Hotelzimmer unter Kopfschmerzen gelitten und sich nach einer plötzlichen Verschlechterung am Sonntag in München ins Krankenhaus begeben. Der Künstler bereitet dort derzeit mit seine Soloausstellung im Münchner Haus der Kunst vor, die im Oktober eröffnet werden soll. „Ich hatte Blutungen im Kopf und es mussten sofort zwei Löcher in meine Schädeldecke gebohrt werden, um das Blut abzulassen“, sagte der am Telefon äußerst geschwächt klingende Ai. „Ich befinde mich jetzt nicht mehr in Gefahr, aber fühle mich noch sehr matt.“

Wie matt, das kann die chinesische Internetgemeinde derzeit auf seiner Twitter-Seite verfolgen. Der für seine spektakulären Internetaktionen bekannte Künstler veröffentlicht dort laufend Handyfotos von sich im Krankenbett. Sie zeigen ihn unter anderem mit einem Infusionsbeutel und einem Kopfverband. „Jeder soll sehen, was passiert ist“, erklärte der Künstler. „Die Menschen müssen wissen, dass wir in China in einem System leben, in dem die Polizei friedliche Bürger so brutal misshandelt, dass sie Hirnschäden erleiden können, wenn sie nicht wie ich das Glück haben, Zugang zu erstklassiger Medizin zu haben?“

Ai hatte unmittelbar nach dem Vorfall in Sichuan Anzeige gegen die Beamten gestellt. Die Behörden zögern die Untersuchungen derzeit allerdings hinaus und wollen sich dem Fall wenn überhaupt erst nach den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Volksrepublik am 1. Oktober widmen, erklärte der mit Ai befreundete Pekinger Anwalt Liu Xiaoyuan. Einem Eintrag auf seinem Blog zufolge habe er Ai geraten, die Dokumentation seiner Operation von der chinesischen Botschaft in Deutschland beglaubigen zu lassen und in China als Beweismittel einzureichen. Ai reagierte auf diesen Vorschlag allerdings skeptisch. „Ich weiß noch nicht, ob ich die Operationsunterlagen für mein Verfahren benutzen kann“, sagte Ai. „Bei dem Prozess zählt in China ja ohnehin nicht die Beweislage, sondern vor allem die Politik.“

Ai ist einer der bekanntesten chinesischen Künstler. Außerhalb der Kunstszene erlangte er als Mitdesigner des Pekinger Olympiastadions, des sogenannten „Vogelnests“ Berühmtheit, insbesondere weil er sich von den Olympischen Spielen distanzierte, die er als „unerträgliche Propagandaveranstaltung der Kommunistischen Partei“ bezeichnete.

Bernhard Bartsch | 16. September 2009 um 20:51 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.