Bernhard Bartsch

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Tunnel der Freundschaft

Südkorea plant unterirdische Verbindungen nach Japan und China und hofft nicht nur auf räumliche Annäherung

Ostasien will zusammenwachsen. Ein 220 Kilometer langer Eisenbahntunnel unter dem Meeresboden könnte künftig die südkoreanische Hafenstadt Busan mit dem japanischen Fukuoka verbinden. Sogar eine 350 Kilometer lange Röhre von der südkoreanischen Westküste in die chinesische Hafenstadt Weihai wird geprüft. Bis Ende des Jahres will das Verkehrsministerium in Seoul eine Machbarkeitsstudie erstellen lassen, berichten südkoreanische Medien. Die Verwirklichung würde Jahrzehnte dauern und alle vergleichbaren Infrastrukturmaßnahmen in den Schatten stellen.

Zum Vergleich: Der Eurotunnel unter dem Ärmelkanal ist 50 Kilometer lang. Der in Bau befindliche Gotthard-Basistunnel in der Schweiz, der 2017 in Betrieb genommen werden soll, wird 57 Kilometer Länge haben und damit der dann längste Verkehrstunnel der Welt sein.
Japans Regierung soll das Vorhaben unterstützen, China hat sich bisher noch nicht zu dem Plan bekannt. In Südkorea wird das Projekt seit Jahren kontrovers diskutiert – nicht nur aus wirtschaftlichen und finanziellen Gründen, sondern aus politischen. Viele Koreaner werfen den Japanern vor, sich nie hinreichend zu ihren Gräueltaten in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts bekannt zu haben und fordern, dass die Regierung in Tokio die Annexion der koreanischen Halbinsel aus dem Jahr 1910 für unrechtmäßig erklären müsse. „Damit dieses Träume hervorrufende Projekt wahr werden kann, muss Japan zeigen, dass es einen sauberen Bruch mit seiner Geschichte macht“, fordert die Zeitung Korean Herald. Sollte Tokio dazu bereit sein, könne der Tunnel zum Symbol einer neuen Partnerschaft beider Länder werden.

Die Wahrscheinlichkeit einer Verbindung von Südkorea nach Japan ist deutlich höher als der Tunnel nach China. Schließlich könnten sich beide Länder geografisch gesehen auch leicht auf dem Landweg vernetzen – mit einer Eisenbahnstrecke durch Nordkorea. Das isolierte Land ist derzeit das einzige Hindernis für eine direkte Zugverbindung über die ganze Länge des eurasischen Kontinents. Infrastrukturplaner wollen die Transsibirische Eisenbahn zu einer Hauptverkehrsader für Gütertransporte ausbauen.

Theoretisch könnten Waren auf diesem Weg 12000 Kilometer von Portugal bis nach Südkorea geschickt werden – und eines Tages vielleicht bis nach Japan. Südkoreas Wiedervereinigungsminister Hyun In Taek erklärte, dass die Eisenbahnverbindung die „Grundlage für eine Vereinigung der beiden Koreas“ bilden könne. Nordkorea hat sich dazu noch nicht geäußert.

Bernhard Bartsch | 21. September 2010 um 16:25 Uhr

 

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