Bernhard Bartsch

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Tritt auf die Kreditbremse

Peking zieht in der Geldpolitik die Zügel an und schaltet vom Krisenmodus zurück in den Kampf gegen eine Überhitzung der Konjunktur.

Als im Herbst 2008 die Finanzkrise über die Welt hineinbrach, befand sich China mitten im Dauerkampf gegen die Überhitzung der Konjunktur. 16 Monate und einen globalen Jahrhunderteinbruch später machen Pekings Wirtschaftslenker nun dort weiter, wo sie aufgehört haben: Seit Beginn des Jahres ringt die Regierung darum, die zur Krisenbewältigung eingeführte Politik des billigen Geldes wieder zurückzunehmen, ohne dabei jedoch die Erholung der Wirtschaft zu gefährden.

Um den Geldverleih zu drosseln, trat gestern für die Geschäftsbanken eine vergangene Woche angekündigte Erhöhung der Mindestreserveanforderungen in Kraft. Das hat zur Folge, dass sie weniger Geld verleihen können. Es ist das erste Mal seit Juni 2008, dass die Zentralbank wieder von diesem Mittel Gebrauch macht. Notenbank-Vizepräsident Su Ning ermahnte die Banken, „abnormale Schwankungen zum Monats- oder Quartalsende“ zu vermeiden. Medienberichten zufolge wurden besonders undisziplinierte Filialen großer Banken sogar angewiesen, die Vergabe neuer Krediten vorläufig einzustellen, darunter Niederlassungen der Citic Bank in Shanghai und der Industrial and Commercial Bank (ICBC) in Peking.

Laut einem Bericht der Wirtschaftszeitung 21st Century Business Herald waren die bisherigen Versuche der Regierung, die Banken zu einer zurückhaltenden Kreditvergabe zu bewegen, nicht von Erfolg gekrönt. In den ersten 19 Tagen des Jahres seien neue Darlehen im Wert von 1,45 Billionen Yuan (150 Milliarden Euro) vergeben worden. Peking hat für 2010 das Ziel ausgegeben, die Kreditvergabe auf 800 Milliarden Euro zu beschränken. Zuvor hatte die Zentralbank bereits Bemühungen gezeigt, die Liquidität auf den Geldmärkten einzuschränken und die Rendite für dreimonatige Schatzwechsel erhöht.

An den Börsen sorgt die Ankündigungsserie für Spekulationen über weitere Maßnahmen. Einige Marktakteure haben bereits begonnen, mit Risiken behaftete Anlagen zu verkaufen. Sie fürchten, dass China übers Ziel hinausschießen könnte. Zwar hat die Politik des billigen Geldes geholfen, auch im Krisenjahr 2009 ein robustes Wirtschaftswachstum von 8,7 Prozent zu generieren. Doch die Konjunkturhilfe hat ihren Preis. Im Dezember stieg der Verbraucherpreisindex um 1,9 Prozent gegenüber 0,6 Prozent im November und zuvor neun Monaten rückläufiger Preise. Zwar ist die Inflation an sich noch nicht bedenklich hoch und außerdem zum Teil jahreszeitlich bedingt, doch die Marke von drei Prozent, die Peking als angestrebtes Höchstmaß sieht, könnte schnell überschritten werden.

Gravierender sind jedoch die langfristigen Auswirkungen einer zu lockeren Geldpolitik. Ein überproportionaler Anteil des chinesischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) stammt aus Investitionen, die zum Teil in Sektoren mit ohnehin schon beträchtlichen Überkapazitäten oder großen Umweltproblemen fließen. Nachdem Peking seine Wirtschaftspolitik zweieinhalb Jahrzehnte darauf ausgerichtet hatte, ein möglichst hohes BIP-Wachstum zu generieren, versucht die Regierung seit 2003, ein nachhaltigeres Entwicklungsmodell zu finden. Durch die Finanzkrise wurde Peking gezwungen, seine Disziplinierungsmaßnahmen einstweilen aufzugeben. Zwar wurde mit dem Konjunkturpaket versucht, weiter Impulse in Richtung Umweltschutz und Entwicklung der ländlichen Gebiete zu setzen, doch dies gelang nur eingeschränkt. Ein beträchtlicher Teil der staatlichen Finanzspritzen nährte neue Blasen an den Immobilien- und Aktienmärkten.

Diesen ungesunden Trend will Peking nun wieder umkehren. Grundsätzlich neue Impulse sind aber erst bei der Jahrestagung des Nationalen Volkskongresses im März zu erwarten.

Bernhard Bartsch | 27. Januar 2010 um 05:45 Uhr

 

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