Bernhard Bartsch

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Tragischer Arbeitskampf

Bei Foxconn, dem größten Computerhersteller der Welt, haben sich seit Jahresbeginn zehn Arbeiter umgebracht. Großkunden wie Apple und Dell werden nervös.

Es ist ein ungewöhnlicher und tragischer Arbeitskampf, der sich derzeit in der südchinesischen Industriemetropole Shenzhen abspielt. Nachdem sich seit Jahresbeginn zehn Mitarbeiter des Computerhersteller Foxconn das Leben genommen haben, hat der Konzern der Belegschaft eine Lohnerhöhung von zwanzig Prozent versprochen. Die taiwanesischen Eigentümer wollen so das unter ihren Angestellten offenbar weit verbreitete Gefühl von Perspektivlosigkeit bekämpfen – und ihr eigenes Image retten. Denn prominente Kunden wie Apple, Dell, Hewlett-Packard und Nokia, die ihre Geräte von Foxconn produzieren lassen, waren zuletzt nervös geworden, dass Gerüchte um Ausbeutung chinesischer Arbeiter ihre Marken beschädigen könnten.

Foxconn gehört zu den Weltkonzernen, die nur Schlagzeilen machen, wenn sie Probleme haben. 50 Milliarden Euro setzte das Unternehmen vergangenes Jahr mit Auftragsproduktionen für namhafte Technologiefirmen um – eine Arbeitsteilung, die für das Globalisierungszeitalter typisch, aber nur den wenigsten Kunden bewusst ist. Doch nun ist Foxconn selbst Titelthema. Die schwarze Serie begann im vergangenen Juli, als ein 25jähriger Mitarbeiter aus seinem Wohnheim in den Tod sprang, nachdem unter seiner Aufsicht ein Prototyp von Apples neuestem Iphone verloren gegangen war. Seit Januar häuften sich dann die Suizidfälle und erreichten in dieser Woche ihren Höhepunkt: Am Dienstag und Donnerstag stürzten sich Arbeiter in den Tod. Ein dritter wurde am Donnerstag mit aufgeschnittenen Pulsadern gefunden und überlebte. Es waren diese jüngsten Fälle, die Foxconn zu dem ungewöhnlichen Schritt einer deutlichen Gehaltserhöhung veranlassten – eine Entscheidung, die laut Analysten den Unternehmensgewinn um mindestens zehn Prozent schmälern dürfte.

Dabei ist sich Foxconn keiner Schuld bewusst. Die Suizidserie habe nichts mit den Arbeitsverhältnissen in der Fabrik zu tun, sondern mit „sozialen Problemen“, erklärte Unternehmensgründer Terry Gou am Mittwoch bei einem Krisenbesuch in dem Shenzhener Hauptwerk, in dem 420.000 Menschen arbeiten. „Wenn junge Menschen zu arbeiten beginnen, gibt es Anpassungsprobleme“, so Gou. Alle Selbstmörder seien Wanderarbeiter im Alter von 18 bis 24 gewesen und hätten weniger als ein Jahr in der Fabrik gearbeitet. „Viele unserer jungen Angestellten leben weit von zuhause entfernt und brauchen Zuwendung von ihren Familien“, sagte Gou. „Das Unternehmen kann dafür kein Ersatz sein.“

Obwohl nun sowohl die chinesischen Behörden als auch die Großkunden Apple, Dell und Hewlett-Packard die Arbeitsbedingungen in Shenzhen unter die Lupe nehmen wollen, gibt es bisher von keiner Seite konkrete Vorwürfe, dass die Arbeitsbedingungen bei Foxconn schlechter seien, als bei anderen Fabriken. Nach Angaben Hongkonger Medien, die der Selbstmordserie intensivster und unabhängiger als die festlandchinesische Presse nachgingen, sind die Verhältnisse sogar überdurchschnittlich. Imagebewusste Markenkonzerne wie Apple bestehen schließlich darauf bestehen, dass ihre Zulieferer gesetzliche und ethische Mindeststandards einhalten. Foxconn-Mitarbeiter erhalten bisher ein Grundgehalt von umgerechnet 90 Euro im Monat und können mit Überstunden auf bis zu 150 Euro kommen.

Für viele Wanderarbeiter ist das zwar mehr, als sie in ihrer Heimat auf dem Land verdienen könnten, aber viel zu wenig, um ihren wirtschaftlichen Aufstiegsträumen gerecht zu werden. Vor allem die junge Generation von Landflüchtlingen, die von klein auf von den Verheißungen des chinesischen Aufschwungs geprägt wurden, hat hohe Konsumerwartungen, die sich mit Fließbandgehältern nicht verwirklichen lassen. Obwohl sich die Regierung die Verringerung der Ungleichheit zwischen arm und reich auf die Fahnen geschrieben hat, nehmen Einkommensunterschiede rapide zu. Der soziale Druck nimmt zu. Die Selbstmordserie bei Foxconn erinnert an eine Reihe von Schulattentaten, die in China derzeit ebenfalls für Aufsehen sorgt. Seit Ende März haben sieben Attentäter Schüler und Kindergartenkinder mit Messern angegriffen. Chinesische Psychologen sprechen von einem Nachahmungseffekt. Chinas Medien sind deshalb angewiesen worden, nicht mehr groß über die Fälle zu berichten.

Bei Foxconn weist man zudem darauf hin, dass die Selbstmorde statistisch gesehen weniger dramatisch sei, als sie in der Öffentlichkeit erscheint. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation kommen in China 14 Selbstmorde auf 100.000 Menschen. Zehn Selbstmorde bei 420.000 Mitarbeitern sind da deutlich unter dem Durchschnitt. Trotzdem versucht der Konzern mit drastischen Maßnahmen, die schwarze Serie zu stoppen. Foxconn-Mitarbeiter wurden aufgefordert, ihrem Arbeitgeber per Unterschrift das Recht übertragen haben lassen, sie gegebenenfalls „zum eigenen Schutz und dem anderer“ in eine psychiatrische Klinik schicken zu dürfen, falls sie durch eine „anormale geistige oder körperliche Verfassung“ auffielen. Hundert Mitarbeiter sollen psychologisch geschult werden, um Probleme frühzeitig zu erkennen. Außerdem will das Unternehmen künftig stärker in Westchina investieren, damit die Arbeiter näher bei ihren Familien sind. Allerdings ist unklar, ob die Standortentscheidung tatsächlich eine Reaktion auf die Selbstmordserie ist oder nur als solche deklariert wird, um dem tragischen Arbeitskampf ein Ende zu bereiten.

Bernhard Bartsch | 28. Mai 2010 um 04:33 Uhr

 

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