Bernhard Bartsch

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Toyota sieht rot

Toyota hat den ersten operativen Jahresverlust seiner Geschichte eingefahren. Und der weltgrößte Autobauer befürchtet, dass das Schlimmste noch vor ihm liegt.

Toyota galt jahrzehntelang als krisensicher, doch der aktuelle globale Konjunktureinbruch ist selbst für den japanischen Musterkonzern ein paar Nummern zu groß. Gestern musste Unternehmenschef Katsuaki Watanabe deshalb tun, wozu in der mehr als 70-jährigen Firmengeschichte bisher kein Vorstandsvorsitzender gezwungen war: Er vermeldete einen operativen Jahresverlust. In den Ende März geschlossenen Büchern für das Geschäftsjahr 2008/2009 verzeichnet Toyota ein Betriebsminus von 461 Milliarden Yen, umgerechnet 3,5 Milliarden Euro.

Zwar verringert sich der Fehlbetrag dank einer Steuergutschrift unterm Strich auf 3,3 Mrd. Euro. Doch auch damit erweist sich der Branchenprimus weitaus stärker angeschlagen als bisher bekannt. Noch im Februar hatte Toyota erklärt, der Nettoverlust werde sich auf 2,65 Milliarden Euro beschränken. Im Vorjahr hatte Toyota noch einen Profit von 13 Milliarden Euro verbucht, vor Steuern waren es sogar gut 17 Milliarden Euro. Watanabe begründete die Verluste mit dem dramatischen Absatzeinbruch in den westlichen Industrienationen, dem Höhenflug des japanischen Yen und den hohen Rohstoffpreisen. Die Zahl der verkauften Fahrzeuge fiel im vergangenen Geschäftsjahr um 1,34 Millionen auf 7,57 Millionen, ein Minus von rund 15 Prozent. Beim Konzernumsatz führte dies zu einem Rückgang um gut ein Fünftel auf 155 Milliarden Euro.

Und bessere Zeiten scheinen vorerst nicht in Sicht. Es werde noch „einige Zeit dauern, bis sich die Finanzmärkte in den USA und Europa normalisieren und sich die Weltwirtschaft erholt“, erklärte Watanabe. Er prognostizierte, dass der Umsatz im laufenden Geschäftsjahr um weitere 20 Prozent einbrechen werde. Der Absatz werde voraussichtlich auf 6,5 Millionen Fahrzeuge sinken. Für die nächste Jahresbilanz sei deshalb mit einem operativen Minus von 6,4 Milliarden Euro und einem Nettoverlust von 4,1 Milliarden Euro zu rechnen.

Damit die Zahlen nicht noch roter werden, will Toyota seine Kosten weiter senken. Mit neuen Sparmaßnahmen solle „eine Ergebnisverbesserung um rund 800 Milliarden Yen (6 Milliarden Euro) erreicht werden“, sagte Watanabe. Das Sparziel ist damit sechsmal so hoch wie im vergangenen Jahr, als die Kosten schon einmal um eine Milliarde Euro gesenkt wurden. Tabus gibt es bei der Schrumpfkur nicht: Neben Kürzungen bei den geplanten Investitionen stehen auch Stellenstreichungen und die Stilllegung von Produktionslinien auf dem Plan. Trotzdem wollen die Japaner auch im laufenden Jahr eine Reihe von Innovationen auf den Markt bringen. Insbesondere mit umweltfreundlichen Autos hofft Toyota, seinen von der Krise teilweise noch weitaus schlimmer gebeutelten Konkurrenten Marktanteile abnehmen zu können. In Japan sind vier neue Hybridmodelle geplant; drei davon sollen auch in westlichen Märkten angeboten werden.

Verantwortet wird der Sanierungskurs allerdings nicht mehr von Watanabe. Bei der Jahreshauptversammlung im Juni soll der 67-Jährige in den Aufsichtsrat wechseln. Designierter Nachfolger ist Akio Toyoda. Damit wäre die Führung des Konzerns erstmals seit 14 Jahren wieder in der Hand der Gründerfamilie, auch wenn diese nur noch rund zwei Prozent der Firmenaktien hält. Der 52-Jährige ist der Enkel von Unternehmensgründer Kiichiro Toyoda und arbeitet seit 24 Jahren bei Toyota. Während seiner Karriere war er unter anderem für den Aufbau von Toyotas Vertrieb in den USA und die Führung eines Gemeinschaftswerks mit General Motors zuständig. 2000 wurde er Toyotas jüngstes Vorstandsmitglied und verantwortete die Unternehmensentwicklung in den Wachstumsmärkten Asiens, insbesondere Chinas. Seit 2005 war er für den weltweiten Vertrieb und das Zulieferkettenmanagement zuständig.

Erschienen in: Stuttgarter Zeitung, 9. Mai 2009

Bernhard Bartsch | 09. Mai 2009 um 13:57 Uhr

 

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