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Totgesagte leben länger

Wie Altpräsident Jiang Zemin Chinas Flüsse zm Verschwinden brachte.

Am Donnerstag gab es in China plötzlich keine Flüsse mehr. Suchanfragen nach dem Jangtse oder Chinas Mutterstrom, dem Gelben Fluss, führten im chinesischen Internet in den vergangenen zwei Tagen zur Fehlermeldung: „Aufgrund gesetzlicher Bestimmungen können die Ergebnisse nicht angezeigt werden.“ Die staatlichen Zensoren hatten sie verschwinden lassen, um Gerüchte über den Tod des ehemaligen Staats- und Parteichefs Jiang Zemin zu stoppen, dessen Nachname übersetzt Fluss bedeutet. Offenbar wird das Ableben des 84-Jährigen in Peking als Politikum ersten Grades gesehen, dass Machtverschiebungen innerhalb der Parteispitze zur Folge haben könnte.

Mutmaßungen über Jiangs Gesundheitszustand waren aufgekommen, als der Altpräsident am 1. Juli beim Festakt zum 90. Geburtstag der KP fehlte. Dabei gilt Jiang Zemin, der die Partei von 1989 bis 2002 führte, in Pekings offizieller Geschichtsschreibung nach Mao Zedong und Deng Xiaoping als dritter großer Staatslenker der Volksrepublik. Da seine Abwesenheit kaum einen anderen Grund als gesundheitliche Probleme haben kann, wurde im Internet umgehend darüber gemutmaßt, wie ernst es um Jiang steht. Von einem Herzinfarkt war die Rede, auch von Leberkrebs. Berichte über ein großes Aufgebot von Staatskarossen vor dem Pekinger Krankenhaus 301, in dem sich Chinas höchste Führung behandeln lässt, wurde als Anzeichen dafür interpretiert, dass die Parteispitze sich dort an Jiangs Sterbebett versammle.

Als die Internetzensoren den Gerüchten ein Ende setzen wollten, wurde dies in Hongkong als weiteres Signal dafür gesehen, dass die Staatsmedien sich die Bekanntgabe von Jiangs Tod nicht aus der Hand nehmen lassen wollten. Der Hongkonger Sender ATV rang sich am Mittwochabend schließlich zu einer Exklusivmeldung durch und erklärte Jiang für tot. Eine Nachrichtenwebsite aus der Provinz Shandong zeigte ein Trauerbanner und feierte Jiang als „Unsterblichen“. Das Portal wurde umgehend vom Netz genommen.

Doch Totgesagte leben länger. Am Donnerstag meldete die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua, die Berichte über Jiangs Tod seien „rein spekulativ“, ohne jedoch mehr über seinen Gesundheitszustand zu verraten. Dabei heißt es in Parteikreisen, dass Jiangs Tod seinem Nachfolger Hu Jintao sehr gelegen käme. Die beiden Granden gelten als erbitterte Widersacher und sollen sich derzeit in einem Kampf über die Zusammensetzung der nächsten Führungsmannschaft befinden, die kommendes Jahr die Macht übernehmen soll.

Bernhard Bartsch | 07. Juli 2011 um 12:59 Uhr

 

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