Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Toter Affe, verschreckter Tiger

Chinas Führung will das Fernsehen wieder parteitreuer haben – dabei sind die Zuschauer längst an Shows und Seifenopern gewöhnt.

Der Fernseher begleitet Frau An von morgens bis abends. „Wir machen ihn zum Frühstück an und dann läuft er, bis wir schlafen gehen“, erzählt die Pekinger Hausfrau. „Natürlich habe ich keine Zeit, immer hinzuschauen, aber wenn etwas Interessantes läuft, bekomme ich es mit.“ Ihre Hochhauswohnung ist klein genug, dass sie das Programm auch verfolgen kann, wenn sie in der Küche Gemüse schneidet oder im Schlafzimmer die Wäsche macht. Nur wenn die elfjährige Tochter nachmittags am Esstisch Hausaufgaben erledigt, wird der Ton leise gestellt. Zum Ausklang des Tages sitzt die Familie gemeinsam auf der Couch, knackt Sonnenblumenkerne und sieht sich eine Serie oder Unterhaltungssendung an. „Am liebsten schauen wir Casting-shows“, sagt Frau An. „Da geht es schließlich um echte Menschen.“

Die Sehgewohnheiten der Familie gleichen denen der meisten Chinesen. In vielen Haushalten läuft von früh bis spät der Fernseher. Aufs Sofa bannen die Zuschauer vor allem Programme, die nah am Leben sind: entweder Seifenopern oder Shows, in denen Partner, Jobs oder gute Ratschläge vermittelt werden. Doch neuerdings bemerkt An, dass die Fernsehmacher offensichtlich andere Interessen haben. „Es gibt jetzt mehr Nachrichten, Dokumentarfilme und Volksmusik“, hat sie beobachtet. „Ich habe das Gefühl, früher war das Programm besser.“

Besser vielleicht, aber für wen? Seit Monaten bemühen sich die Propagandabehörden darum, das wichtigste Medium des Landes, das annähernd hundert Prozent der 1,3 Milliarden Chinesen erreicht, patriotischer zu gestalten und stärker in den Dienst der Kommunistischen Partei zu stellen. Schritt für Schritt erlässt Peking derzeit neue Regeln. Vergangene Woche gab die Staatliche Verwaltung für Radio, Film und Fernsehen (Sarft) bekannt, dass ausländische Fernsehsendungen zur Primetime zwischen sieben und zehn Uhr abends nur noch höchstens ein Viertel der Sendezeit belegen dürfen. Zum Jahresbeginn war zudem die Zahl der TV-Shows stark eingeschränkt worden, von ehemals mehr als 120 auf nur noch 38. Bei den verbleibenden Sendungen stehen die Macher noch stärker als früher unter dem Druck, politisch korrekte Werte zu vermitteln. „Soziale Spannungen, vor allem zwischen Arm und Reich, sollen in den Shows nicht mehr zu spüren sein“, sagt ein ranghoher Redakteur des Provinzsenders Hunan TV, der bisher zu den progressivsten im Land zählte, im vertraulichen Gespräch. „In internen Sitzungen wird uns immer wieder eingebläut, dass wir unser Publikum nicht nur unterhalten, sondern vor allem erziehen sollen.“

Was das in der Praxis bedeutet, lässt sich jeden Samstag- und Sonntagabend in der Kuppelshow „Fei Cheng Wurao“ beobachten, derzeit die wohl beliebteste Sendung des Landes. Der Titel lautet in etwa: „Wenn du es nicht ernst mit mir meinst, lass mich in Ruhe“. In dem 2010 vom Provinzsender Jiangsu TV gestarteten Format müssen sich Singles den Fragen von 24 potenziellen Partnern stellen, die durch das Löschen einer Lampe signalisieren können, dass es mit ihrem Interesse vorbei ist. Den Reiz der Sendung machte vor allem das Aufeinanderprallen unterschiedlicher sozialer Schichten aus: Bauern trafen auf Banker, Wanderarbeiter auf Unternehmer – begleitet von zwei spitzzüngigen Moderatoren, die Chinas gewaltige Unterschiede lustvoll

kollidieren ließen. Zu nationaler Berühmtheit brachte es eine Kandidatin, die auf das Angebot eines Mannes, sie auf seinem Fahrradgepäckträger mitzunehmen, empört antwortete: „Ich würde lieber in einem BMW weinen als auf einem Fahrrad lachen.“ Die Abfuhr ist in China inzwischen sprichwörtlich geworden und gilt als Ausdruck des neuen Materialismus. Doch so sehr der inszenierte Klassenkampf das Publikum fesselte, so sehr besorgte er die Parteioberen, die Angst haben, dass in den Einkommensunterschieden sozialer Sprengstoff liegt. Vergangenen Sommer ordneten sie deshalb an, dem Moderatorenduo eine Professorin der Parteihochschule zur Seite zu stellen, die auf gute Sitten achten soll.

Gleichzeitig gab es ein Ultimatum: Entweder die Show wird moderater oder sie wird abgesetzt. „Seitdem geht es in der Sendung sichtbar harmloser zu“, sagt der Redakteur aus Hunan. Sein eigener Sender musste vergangenes Jahr sein populärstes Format, die Casting-Show „Super Girl“ einstellen, weil es den Zensoren zu „vulgär“ war. Die Zuschauer hatten verlässlich die individualistischen, westlich orientierten Kandidaten unterstützt. „Die Absetzung war in der Branche ein Zeichen, dass Peking es ernst meint“, erklärt er. „Es ist wie im Sprichwort: Man tötet den Affen, um den Tiger zu erschrecken.“

Der Tiger ist vor allem die Fernsehindustrie, die sich zu einem hoch lukrativen Sektor entwickelt hat. 18 Kanäle hat das Zentralfernsehen CCTV, hinzu kommen rund 270 Provinz-Programme. Obwohl alle Sender an die staatlichen Pressebehörden angebunden sind, folgt das Programm zum großen Teil kommerziellen Erwägungen. „Vor ein paar Jahren wurden die Inhalte noch ausschließlich vom Staat bestimmt, aber inzwischen dominiert der Markt“, sagt Qiao Mu, Direktor der Journalismus-Fakultät an der Pekinger Fremdsprachenuniversität. „Dadurch haben die chinesischen Medien einen großen Wandel durchgemacht.“

Allein CCTV nahm im November bei seiner jährlichen Werbeblockversteigerung umgerechnet 1,7 Milliarden Euro ein. Für das Geld durften die Werbepartner bei den Inhalten mitreden. Was nicht politisch verboten war, galt als erlaubt. So kamen neben zahlreichen Shows auch Hunderte Importfilme ins Programm, vor allem Action- und Schnulzenserien. Auch deutsche Formate schafften es so in China ins Fernsehen, darunter eine chinesische Version von „Wetten, dass ..?“, eine Adaption der „Knoff Hoff Show“ und „Derrick“.

Doch den westlichen Einfluss sieht man in Peking zunehmend als Gefahr. Anfang des Jahres warnte Staats- und Parteichef Hu Jintao vor feindlichen Kräften aus dem Ausland, die China zu verwestlichen und durch ihre kulturellen Einflüsse zu entzweien versuchen. Auch die Macht des Geldes soll eingeschränkt werden: Zu den neuen Regeln gehört, dass Fernsehfilme zur Primetime nicht mehr von Werbung unterbrochen werden dürfen. So sollen die Sender gedrängt werden, vor allem Inhalte auszustrahlen, die ihnen dier Zentrale günstig zur Verfügung stellt: linientreue Historiensendungen, politisch Korrekte Dokumentationen und patriotische TV-Galas.

Inwieweit das Publikum dabei mitmacht, ist allerdings fraglich. Die Programmänderungen bleiben nicht unbemerkt, viele Zuschauer wollen sie nicht einfach hinnehmen. So wird Frau An in ihrer Pekinger Wohnung zwar weiter jeden Tag von früh bis spät den Fernseher laufen lassen. Doch kürzlich hat ihr Mann auf dem Balkon eine kleine Satellitenschüssel installiert, mit dem man die Sender aus Hongkong und Taiwan empfangen kann. „Genau genommen ist das zwar verboten“, sagt An, „aber so einfach, wie die Schüssel zu kaufen war, können wir nicht die Einzigen sein.“

Bernhard Bartsch | 24. Februar 2012 um 08:05 Uhr

 

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