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Tod eines Teddys

Viele Japaner trauern um das im Zoo von Tokio verendete Pandababy. In China dagegen gibt es Verschwörungstheorien: Ist der kleine Bär etwa ermordet worden?

Tokio Pandas sind Chinas beste Botschafter. Alle Welt liebt die pummeligen Bambusfresser, und die Chinesen wollen gerne glauben, diese Liebe gelte auch ihnen. Deshalb wird das Schicksal der Bären, die Peking im Rahmen seiner sogenannten Pandadiplomatie ins Ausland schickt, in der Volksrepublik genau verfolgt. Doch selten gingen die Chinesen mit ihrem Nationaltier durch ein turbulenteres Wechselbad der Gefühle als in diesen Tagen. In der vergangenen Woche hatte der Ueno-Zoo in Tokio die Geburt eines Pandababys bekanntgegeben, ein höchst seltenes Ereignis und die erste in Japan seit 24 Jahren. Die japanische Öffentlichkeit reagierte euphorisch, und mit ihr die chinesische.

Zehntausende von Japanern würden nun Schlange stehen, um das Kleine zu bewundern, freute man sich in Peking. Der Glückstaumel war allerdings nur von kurzer Dauer. Am Mittwoch unterbrachen japanische Fernsehsender ihr Programm, um live zu übertragen, wie der Zoodirektor Toshimitsu Doi unter Tränen den Tod des noch namenlosen Bärchens meldete. Wahrscheinlich habe sich das 144 Gramm leichte Geschöpf beim Stillen an Milch verschluckt und dadurch eine Lungenentzündung eingefangen. Selbst Japans Premierminister Yoshihiko Noda gab eine Erklärung ab und zeigte sich „schwer enttäuscht“.

In chinesischen Internetforen löste die Nachricht patriotischen Alarm aus. Das Verhältnis zwischen den Nachbarländern ist traditionell gespannt, und viele Chinesen geben sich bereitwillig Verschwörungstheorien hin. „Das ist sicher eine Intrige von Japans Rechtsradikalen“, schreibt ein Blogger in dem Portal Sina. „Wahrscheinlich haben sie den kleinen Panda versteckt. Denn wenn er wirklich gestorben ist, muss seine Leiche überführt und obduziert werden.“

Andere Internetnutzer werfen den Japanern vor, sie hätten eigentlich gleich nach der Geburt chinesische Pandaexperten einfliegen müssen. Auch eine Intervention des chinesischen Außenministeriums wird gefordert. „Wir sollten eine Entschädigung verlangen“, schreibt ein Blogger. Da die Eltern des Babys nur an Japan ausgeliehen seien, sei auch ihr Nachwuchs chinesisches Eigentum gewesen. „Vielleicht haben die Japaner den Kleinen getötet, weil sie ihn uns nicht wiedergeben wollten.“ Zahlreiche Kommentatoren sehen in dem Schicksal des Bärenbabys ein Sinnbild für die japanisch-chinesischen Beziehungen: „Es gibt immer wieder Hoffnung, aber sie hält nie lange.“

Es ist nicht das erste Mal, das der Tod eines Pandas in China hohe Wellen schlägt. Als 2007 die Berliner Pandadame Yan Yan überraschend starb, wurde in chinesischen Medien darüber spekuliert, die Deutschen hätten sie womöglich gemäß ihren eigenen Ernährungsvorlieben mit Schokolade und Bier gefüttert. Auch den Berlinern wurde damals vorgeworfen, sie hätten regelmäßiger chinesische Tierärzte konsultieren müssen. Der Große Panda gehört zu den bedrohtesten Tierarten der Welt. Nur noch schätzungsweise 1600 Bären leben in den chinesischen Bambuswäldern und mehr als 300 in Zoos und Tierparks. Weil Pandas notorische Einzelgänger und Sexmuffel sind, lassen sie sich nur schwer züchten.

Bernhard Bartsch | 13. Juli 2012 um 10:06 Uhr

 

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