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Tibetische Mönche stürmen Polizeistation

Chinas Sicherheitskräfte verhaften 95 Tibeter und rüsten sich vor dem neuen Gedenktag zur „Befreiung von der Leibeigenschaft“ für weitere Proteste.

In China haben sich Mönche und Sicherheitskräfte erneut gewalttätige Auseinandersetzungen geliefert. In Golog, einem Landkreis in der großteils von Tibetern bewohnten Provinz Qinghai im Nordwesten des Landes, stürmten am Samstag hunderte Menschen eine Polizeistation, wie die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtet.

„Sie griffen Polizisten und Regierungsangehörige an“, hieß es in der Meldung. „Mehrere Regierungsbeamte wurden verletzt.“ Rund 30 Menschen sollen den Polizeiposten bis zum Sonntagmorgen besetzt gehalten haben, bevor die Sicherheitskräfte die Station zurückerobern konnten.

95 Beteiligte seien festgenommen worden, wobei es sich „mit zwei Ausnahmen um Mönche des La’gyab-Klosters handelt“, so die offizielle Nachricht. Auslöser der Proteste soll die Festnahme eines Tibeters gewesen sein, den die Polizei wegen öffentlicher Aufrufe zur tibetischen Unabhängigkeit verhaftet habe.

Der Mann sei am Freitag unter dem Vorwand, die Toilette aufsuchen zu wollen, aus dem Polizeigewahrsam geflohen und habe andere Menschen durch „Gerüchte getäuscht“, zitierte Xinhua einen Polizisten. Nach Berichten von Exiltibetern soll sich der Mann, ein Mönch, nach der Flucht aus der Polizeistation in einen Fluss gestürzt haben, wo er ertrank.

Unterdessen wurde in der Provinz Sichuan eine 21-jährige Nonne bei einem protibetischen Protest festgenommen und geschlagen. Sie befinde sich in Lebensgefahr, teilte die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) unter Berufung auf das Tibetische Zentrum für Menschenrechte und Demokratie (TCHRD) am Wochenende in München mit. Demnach befand sich die Nonne Anfang März auf dem Weg vom Kloster Gema Drawok zum Sitz der Provinzregierung in Kardze. Sie habe Flugblätter und politische Literatur über Tibet mitgeführt und Parolen gerufen wie „In Tibet gibt es keine Freiheit“. Chinesische Sicherheitskräfte hätten sie geschlagen und in ein Gefängnis nach Kardze gebracht. Angehörige hätten die Auskunft erhalten, die Nonne habe ein schweres Verbrechen begangen und den Tod verdient.

Der Protest in Golog ist der erste größere Tibeteraufstand in diesem Jahr. In den tibetischen Gebieten, zu denen neben der sogenannten Autonomen Region Tibet auch weite Teile der Provinzen Qinghai, Gansu, Sichuan und Yunnan gehören, ist die Lage seit Wochen angespannt. Nachdem im März 2008 in vielen Klöstern demonstriert worden war und bei Zusammenstößen mit der Polizei zahlreiche Menschen starben, soll eine hohe Militärpräsenz neue Proteste im Keim ersticken.

Anlässe für Kundgebungen haben unzufriedene Tibeter reichlich. Der 10. März war der 50. Jahrestag des brutal niedergeschlagenen Aufstands von 1959, bei dem zehntausende Tibeter gegen die chinesische Obrigkeit aufbegehrt hatten. Am 28. März, dem 50. Jahrestag der Flucht des Dalai Lama nach Indien, will Peking einen neuen Feiertag einführen, an dem der „Befreiung von der Leibeigenschaft“ gedacht werden soll. Die Kommunistische Partei versucht damit ihr Geschichtsbild zu zementieren, wonach sie die Tibeter aus der Sklaverei befreit habe.

Als Teil der Propagandakampagne veröffentlicht die hochoffizielle Volkszeitung einen Aufruf des Panchen Lama, der von Peking ernannten zweithöchsten tibetischen Religionsinstanz. „Das hart verdiente glückliche Leben der heutigen Tibeter sollte sehr gewürdigt werden“, so der Panchen Lama. Tibet habe seinen „heutigen Reichtum, seine Entwicklung und seine schöne Zukunft nur unter der Führung der Kommunistischen Partei erreichen können.“ Der Dalai Lama hatte Peking am 10. März vorgeworfen, das Leben der Tibeter zur „Hölle auf Erden“ gemacht zu haben.

Der Streit über eine Einladung an den Dalai Lama überschattet eine geplante Friedenskonferenz des Gastgeberlandes der nächsten Fußball-WM, Südafrika. Dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter wurde laut Medien unter dem Druck Chinas ein Visum für Südafrika verweigert. Erzbischof Desmond Tutu und Ex- Präsident Frederick Willem De Klerk drohten mit einer Absage, falls der Dalai Lama kein Visum bekommen sollte.

Erschienen in: Frankfurter Rundschau, 23. März 2009

Bernhard Bartsch | 23. März 2009 um 01:55 Uhr

 

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