Bernhard Bartsch

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Teurer Triumph

Am 15. September 2008 bricht die US-Investmentbank Lehman Brothers zusammen. Ein Jahr später ruhen die Hoffnungen auf China als globaler Konjunkturmotor.

Kann China den Rest der Welt aus der Krise ziehen? Seitdem die Volksrepublik als erste große Wirtschaftsmacht wieder auf Wachstumskurs eingeschwenkt ist, sind die Erwartungen gewaltig – und die Ängste. Denn das fernöstliche Land gilt vielen als einziger Gewinner des globalen Finanzmarktkollaps und des anschließenden Konjunktureinbruchs. Zwar hat auch China stark gelitten: Nach neuesten Berechnungen der Akademie für Sozialwissenschaften haben aufgrund der Krise 41 Millionen Chinesen ihren Job verloren, und erst 40 Prozent von ihnen haben vom staatlichen Konjunkturprogramm profitiert und eine neue Arbeit gefunden. Aber die internationale Wirtschaftsarchitektur der Nachkrisenära könnte für die Volksrepublik tatsächlich vorteilhafter sein als zuvor.

Seitdem aller Welt offensichtlich geworden ist, dass nicht nur China vom Westen abhängig ist, sondern auch der Westen von China, tritt Peking politisch und wirtschaftlich selbstbewusster auf als je zuvor. „Unser Land muss sich nicht mehr von anderen sagen lassen, was es darf und was nicht“, erklärt ein ranghoher Mitarbeiter des chinesischen Wirtschaftsministeriums. Namentlich zitiert werden will er allerdings nicht – in Peking gilt die Devise, strategische Erfolge nicht öffentlich zu feiern. „Wir lassen uns nicht mehr diskriminieren“, so der Beamte. In westlichen Augen dürfte sich der Sachverhalt allerdings anders darstellen: Die Chancen, China auf internationale Spielregeln zu verpflichten, haben sich dadurch nicht gerade verbessert.

Seine schnelle Erholung verdankt China vor allem dem 400 Milliarden Euro schweren Konjunkturpaket, das die Zentralregierung im vergangenen November aufgelegt hatte und das bis 2010 einen Infrastrukturboom hervorrufen soll. Das offizielle Jahreswachstumsziel von acht Prozent, das Peking für notwendig hält, um die soziale Stabilität aufrecht erhalten zu können, dürfte damit erreicht werden. Die Investmentbank Goldman Sachs glaubt, dass China Ende des Jahres mit einer Expansion des Bruttoinlandsprodukts von vielleicht mehr als neun Prozent dastehen könnte und 2010 sogar mit 11,9 Prozent Zuwachs rechnen kann.

Allerdings ist der neuerliche Boom nicht ohne Gefahren. So droht die Volksrepublik wieder dorthin zurückzugeraten, von wo sie eigentlich wegwollte: einer Wirtschaft, die den Signalen des Staates folgt statt denen des Marktes. Strukturreformen werden damit gestoppt – und teilweise sogar zurückgedreht. In vielen Branchen sorgt das billige Geld der Staatsbanken dafür, dass neue Überkapazitäten aufgebaut werden, etwa im Stahl- oder Zementsektor. So stehen die 660 Millionen Tonnen Stahl, die in China dieses Jahr produziert werden, einer erwarteten Nachfrage von nur 470 Millionen Tonnen gegenüber, weswegen Industrieminister Li Yizhong die Hersteller bereits aufforderte, in den kommenden drei

Jahren keine neuen Projekte auf den Weg zu bringen. In der Zementbranche wurde mit dem Bau von 200 neuen Fabriken begonnen, womit das Angebot bald 300 Millionen Tonnen über der Nachfrage liegen dürfte. Mit Besorgnis wird in Peking außerdem beobachtet, dass ein beachtlicher Teil der Staatshilfen zweckentfremdet worden ist und einen neuen Börsenboom beflügelt hat. Im ersten Halbjahr verliehen Chinas Staatsbanken 770 Milliarden Euro, wovon rund 100 Milliarden Euro in Spekulationen geflossen sind.

Dennoch gibt man sich in Peking optimistisch, dass die Vorteile, die China aus der Krise entstehen, langfristig größer sein könnten als die Nachteile. Gleich mehrfach hat die Regierung in den vergangenen Monaten deutlich gemacht, dass sie alles daran setzen will, ihren neu gewonnenen Spielraum zu nutzen. Der wohl offensivste Schritt ist die Berufung einer Kommission, die studieren soll, wie es China gelingen könnte, die Vorherrschaft des US-Dollar brechen und den Yuan als Währung für den Welthandel zu etablieren. Um den internationalen Einfluss der chinesischen Währung zu stärken, will Peking ausgewählte Länder in der Region dazu bewegen, ihre Im- und Exportgeschäfte mit der Volksrepublik in Yuan abzuwickeln. Was vor einem Jahr undenkbar gewesen wäre, stößt auf Zustimmung seitdem die Welt gesehen hat, wie verletzlich das internationale Finanzsystem durch die Abhängigkeit von einer einzigen Weltwährung ist. Russland hat sich bereits hinter Chinas Offensive zur Aufweichung des Dollar-Monopols gestellt. Die Uno-Kommission zur Reform des internationalen Finanzwesens ist auch davon überzeugt, dass die Dollar-Ära ihrem Ende entgegen geht. Zwar kommt aus den USA Widerstand, doch so laut wie früher sind Washingtons Angriffe nicht. Denn China ist mit seinen Devisenreserven von über zwei Billionen Dollar ein Großinvestor in US-Staatsanleihen.

Doch gerade seinen Devisenreichtum versucht China zu nutzen, um noch in anderer Weise von der Krise zu profitieren. Der 2007 gegründete Staatsfonds China Investment Corp (CIC) soll weltweit in Rohstoffe, Firmenanteile und andere profitable oder strategisch wichtige Bereiche investieren. 200 Milliarden Dollar hat CIC dafür zur Verfügung. Unter anderem starteten die Chinesen in den vergangenen Monaten eine milliardenschwere Initiative zum Kauf von Rohstoffen in Australien. Zwar ist das chinesische Geld nicht überall erwünscht. Doch ein prominent besetztes Beraterteam, dem unter anderen Ex-Weltbank-Präsident James Wolfensohn angehört, soll nun in aller Welt Lobbyarbeit machen, um die Angst vor der Volksrepublik zu vertreiben.

Doch das dürfte so schnell nicht gelingen. Für viele im Westen ist China nun die Verkörperung aller Globalisierungsängste. In China findet man das unfair, denn obwohl das Land in der Summe immer reicher wird und seinen Sieben-Prozent-Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung deutlich ausbauen dürfte, liegt das Durchschnittseinkommen der Chinesen wohl auf Jahrzehnte noch

immer weit hinter dem westlicher Industrienationen. Doch zu Chinas Leidwesen bringt Armut in Zeiten der Krise noch weniger Sympathiepunkte als sonst. So dürfte man besonders in Deutschland in den kommenden Monaten ein Augenmerk darauf legen, ob die Chinesen der deutschen Industrie eine lieb gewonnene Trophäe abjagen: Seit 2003 trägt die Bundesrepublik den Titel Exportweltmeister. 2009 könnte er

aber an China gehen. Im ersten Halbjahr lagen die chinesischen Ausfuhren knapp vor den deutschen – und für die zweite Jahreshälfte sind Chinas Wachstumsprognosen allemal optimistischer als die deutschen.

Bernhard Bartsch | 15. September 2009 um 00:46 Uhr

 

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