Bernhard Bartsch

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Teurer als die Partei erlaubt

Die Inflation macht auch vor China nicht halt und steigt auf 5,5 Prozent. Die Regierung fürchtet soziale Spannungen – trotz Wachstumsraten von fast zehn Prozent.

Wenn Pekings Propagandabehörden chinesischen Medien Direktiven schicken, wie über ein bestimmtes Thema zu berichten ist, handelt es sich stets um politisch sensible Probleme. Auch die Inflation gehört derzeit zu den sogenannten „heißen Punkten“: Seit Monaten sorgen sich die Chinesen um die steigenden Preise für Fleisch, Reis sowie andere Lebensmittel und Alltagsgüter. Die Kommunistische Partei befürchtet, dass die Inflationsangst soziale Spannungen anheizen könnte und hält Journalisten deshalb an, in ihren Berichten über die Teuerung stets um Vertrauen für die Maßnahmen der Regierung zu werben.

Doch die neuesten Inflationszahlen zeigen, dass die Politiker Wirtschaftspolitiker noch länger auf die Hilfe der Staatspresse angewiesen sein werden. Im Mai stieg der Verbraucherpreisindex auf 5,5 Prozent und liegt damit so hoch wie seit 34 Monaten nicht mehr. Wie schon in den vergangenen Monaten übertraf die Inflationsrate die Prognosen der meisten Analysten von Banken und Wirtschaftsinstituten – was nichts anderes bedeutet, als dass die Experten Chinas Wirtschaftslenkern mehr Eingriffsmöglichkeiten zutrauten, als diese tatsächlich zu haben scheinen.

Um Zweifel an ihrer Handlungsfähigkeit zu entkräften, kündigte Pekings Zentralbank unmittelbar nach Bekanntgabe der Inflationsstatistiken demonstrativ eine weitere Verschärfung der Geldpolitik an. Banken sollen ihre Pflichtreserven noch einmal um ein halbes Prozent erhöhen. Es ist bereits die achte Anhebung der Eigenkapitalquote seit vergangenem Oktober. Einige Analysten rechnen außerdem mit einer weiteren Erhöhung der Leitzinsen, der fünften im gleichen Zeitraum.

Haupttreiber hinter der Teuerung sind nach wie vor die Lebensmittelpreise. Chinas ohnehin knappe landwirtschaftlich genutzte Fläche schrumpft seit Jahren, eine Folge von Urbanisierung, Industrialisierung und Umweltverschmutzung. Derzeit führen Dürren in mehreren Provinzen zu zusätzlichen Ernteeinbrüchen. Chinas Inflation hat allerdings auch
hausgemachte Gründe. Ein großer Teil der Konjunkturanreize, mit denen China in der Finanzkrise die Wirtschaft am Laufen hielt, sind in spekulative Sektoren wie den Wohnungs- oder Aktienmarkt geflossen.

Ein weiterer Faktor sind die weltweit hohen Rohstoffpreise. China ist bei Öl, Erzen und anderen Ressourcen stark auf Importe angewiesen. Der daraus entstehende Teuerungsdruck ließe sich durch eine schnellere Aufwertung des Yuan abmildern, doch bisher macht die Zentralbank keine Anstalten, die Währung aktiv als Mittel zur Inflationsbekämpfung einzusetzen. Analysten rechnen für dieses Jahr mit einer Aufwertung des Yuan gegenüber dem US-Dollar von vier bis fünf Prozent.

Ökonomen wie Zhang Zhuoyuan von der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften erwarten deshalb, dass die Preise in China weiter steigen werden, im Juni womöglich mit einer Rate von sechs Prozent. Andere Experten glauben allerdings, dass die straffe Geldpolitik in der zweiten Jahreshälfte Wirkung zeigen werde. Gleichzeitig rechnen die Analysten mit einer leichten Abkühlung der chinesischen Wirtschaft. Die Industrieproduktion war im Mai um 13,3 Prozent gestiegen, die niedrigste Expansionsrate seit vergangenem November, unter anderem wegen der abgeschwächten Nachfrage nach chinesischen Exporten.

In Europa drücken die Probleme des Euro auf das Wachstum, die USA leiden unter hoher Arbeitslosigkeit und Japan ist in Folge der Erdbeben- und Nuklearkatastrophe in die Rezession gerutscht. Eine Abkühlung wäre für China nicht unbedingt eine schlechte Nachricht, solange die Konjunktur dort nachlässt, wo sie derzeit Teuerung, Umweltverschmutzung und Überkapazitäten beflügelt, also etwa im Immobiliensektor. Vergangenes Jahr wuchs Chinas Wirtschaft mit 10,3 Prozent. Im ersten Quartal kühlte sich die Konjunktur allerdings auf 9,7 Prozent ab und dürfte weiter zurückgehen. Für das Gesamtjahr prognostiziert die Weltbank ein Wachstum von 9,3 Prozent, der Internationale Währungsfond rechnet mit 9,5 Prozent.

Bernhard Bartsch | 14. Juni 2011 um 13:33 Uhr

 

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