Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Taiwans Katrina

Die langsame Reaktion auf den verheerenden Taifun Morakot beschädigt das Image von Präsident Ma Ying-jeou und das Vertrauen in das Militär.

Eigentlich ist Ma Ying-jeou ein Mann, der sich auf seine Mimik verlassen kann. In 25 Jahren Politikerkarriere hat Taiwans Präsident sich angewöhnt, sein Mienenspiel weitgehend auf zwei Gesichtsausdrücke zu beschränken, die ihm beide ausgezeichnet stehen und zwischen denen er bei öffentlichen Auftritten alle paar Sekunden hin und her springt: einen kantigen Macherblick und ein entwaffnendes Lachen. Doch nun passt plötzlich keiner davon: Die Macherpose nimmt Ma derzeit niemand ab – und zum Lachen gibt es keinen Grund.

Denn Taipehs katastrophales Krisenmanagement im Umgang mit Taifun Morakot, dessen Verwüstungen am 8. August bis zu 500 Menschenleben forderten, lässt Ma alles andere als präsidial erscheinen. Nach dem schwersten Tropensturm auf der Insel seit einem halben Jahrhundert wurden bisher 141 Menschen geborgen.

In den entlegenen Bergregionen werden noch Hunderte weitere Tote unter dem Schlamm der niedergegangenen Erdrutsche vermutet. Viele Orte sind von der Außenwelt abgeschnitten, in einigen Dörfern erhielten die Menschen erst eine Woche nach der Katastrophe Hilfslieferungen.

Ma versucht nun zu retten, was zu retten ist. Am Donnerstag verabschiedete die taiwanesische Regierung ein Nothilfepaket. Hundert Milliarden Taiwan-Dollar (2,1 Milliarden Euro) werden bereitgestellt, um den Opfern zu helfen und die zerstörten Dörfer wieder auszubauen. Wegen der verheerenden Schäden hat die Regierung inzwischen auch die Veranstaltungen zum Nationalfeiertag am 10. Oktober abgesagt. Anfang der Woche entschuldigte Ma sich bei seinen Landsleuten mit einer tiefen Verbeugung und erklärte: „Ich laufe vor meiner Verantwortung nicht davon.“

Auch das Militär steht nun stark in der Kritik. Die Armee hatte zunächst nur 8000 Soldaten für die Rettungseinsätze abkommandiert. Erst später wurden die Hilfstrupps auf 55 000 aufgestockt. Die Taiwaner haben wenig Verständnis dafür, dass ihre kostspielige, von den USA mit modernster Technologie ausgerüstete Armee, die den de facto unabhängigen Inselstaat im Ernstfall gegen einen Angriff der Volksrepublik verteidigen soll, mit den Rettungsaktionen überfordert war. Ma kündigte an, die Streitkräfte besser für Inlandseinsätze zu schulen. „Die Vermeidung von Katastrophen und Rettungsmaßnahmen werden künftig die wichtigste Aufgabe der Armee“, sagte der Präsident. „Unser Feind ist nicht mehr nur das Land auf der anderen Seite der Taiwanstraße, sondern die Natur.“ Einen Rücktritt schloss er allerdings aus. Die politische Verantwortung sollen andere übernehmen.

Am Mittwoch boten Verteidigungsminister Chen Chao-min und Kabinettsminister Hsueh Hsiang-chuan ihren Rücktritt an. Hsueh wird vorgeworfen, am 8. August in Taipeh mit seiner Familie in einem Fünfsternehotel gegessen zu haben. Tags zuvor hatte bereit Vizeaußenminister Andrew Hsia sein Amt zur Verfügung gestellt. Sein Ministerium hatte Taiwans Vertretungen im Ausland zunächst angewiesen, Unterstützungsangebote abzulehnen, eine Entscheidung, die erst nach fünf Tagen revidiert wurde. Premierminister Liu Chao-shiuan erklärte allerdings, mit den Rücktritten werde sich die Regierung erst im September befassen.

Wie Ma dann entscheidet, wird sicherlich auch davon abhängen, wie die Morakot-Krise seine Umfragewerte beeinflusst. Am Mittwoch erklärten in einer Erhebung 46 Prozent der Befragten, sie hätten kein Vertrauen in die Fähigkeiten der Regierung, den Wiederaufbau zu bewerkstelligen. Mas persönliche Zustimmung fiel auf 29 Prozent – ein Allzeittief.

Bernhard Bartsch | 20. August 2009 um 07:13 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.