Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Aufstand gegen den Zensor

Ein Fall von Zensur bringt liberale Medien in China auf die Palme. Erstmals seit Jahrzehnten treten Journalisten im Reich der Mitte in den Streik.

Nach der Logik chinesischer Propagandakader hat Tuo Zhen alles richtig gemacht. Als der Chefzensor der Provinz Guangdong in den Vordrucken für die Neujahrsausgabe der einflussreichen Wochenzeitung «Nanfang Zhoumo» einen Leitartikel entdeckte, der offen politische Reformen forderte, liess er den Text kurzerhand aus dem Blatt schmeissen. Den weissen Platz füllte Tuo mit einem Meinungsstück aus eigener Feder – einer Lobeshymne auf die Errungenschaften der Kommunistischen Partei. Den Redaktoren wollte er damit eine Lektion erteilen: Sie sollten nicht glauben, die Regeln der politischen Korrektheit ignorieren zu können…

Bernhard Bartsch | 08. Januar 2013 um 08:04 Uhr

 

Im roten Minenfeld

Chinas Literaturnobelpreisträger Mo Yan sorgt mit Äußerungen über Zensur für Aufregung. Kritiker werfen ihm liebedienerische Angepasstheit vor.

Dass die Frage kommen würde, war unvermeidlich: Fast zwei Monate hatte Chinas Literaturnobelpreisträger Mo Yan Zeit, sich zurechtzulegen, was er vor der Weltpresse zum Thema Zensur sagen wollte (Auf dem Pressefreiheits-Index der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ belegt China Rang 174 von insgesamt 179 Ländern.). Als es dann am Donnerstag bei einer Pressekonferenz zum Auftakt der Nobelpreisfeierlichkeiten in Stockholm soweit war, überraschte Mo Yan mit einem Vergleich…

Bernhard Bartsch | 07. Dezember 2012 um 15:25 Uhr

 

„Die Polizei darf bei mir einziehen“

Ai Weiwei hofft, Ende des Jahres als Gastprofessor in Berlin antreten zu können. Im Interview spricht er über das Leben nach seiner Festnahme, neue Formen des Protests und den Dokumentarfilm „Never Sorry“, der nächste Woche in die deutschen Kinos kommt.

Ai Weiwei lebt idyllisch. Im Garten seines Wohnstudios im Norden Pekings sprießen Bambus und Kiefern. Dichtes Efeu rankt die Hauswände empor. Ein Dutzend Katzen und mehrere Hunde tollen über den Rasen. Ai Weiwei sitzt in der Morgensonne und isst Kirschen. Die Kerne landen in einem gläsernen Aschenbecher, der die Form des Pekinger Olympiastadions hat. Ein Spucknapf mit hohem Symbolwert: Vor zehn Jahren wurde Ai durch seine Mitarbeit am Design des sogenannten „Vogelnests“ weltberühmt und zu einem der bestverkauften chinesischen Künstler. Doch noch vor den Olympischen Spielen 2008 distanzierte er sich von dem Projekt, weil er das Sportfest als geschmacklose Machtdemonstration der Kommunistischen Partei sah. Seitdem gilt er als Chinas prominentester und mutigster Regimekritiker…

Bernhard Bartsch | 04. Juni 2012 um 09:53 Uhr

 

China erhöht den Druck

Peking entzieht einer Al-Dschasira-Journalistin wegen kritischer Berichterstattung das Visum.

Peking China erhöht den Druck auf ausländische Journalisten. Zum ersten Mal seit 14 Jahren ist eine akkreditierte Korrespondentin des Landes verwiesen worden, teilte der Verein der Auslandskorrespondenten in China (FCCC) mit. Die Reporterin des arabischen Fernsehsenders Al-Dscha­sira, Melissa Chan, musste ausreisen, weil sich die Behörden über einen Enthüllungsbericht über Arbeitslager geärgert hatten…

Bernhard Bartsch | 08. Mai 2012 um 08:27 Uhr

 

Der Clown sagt sorry

Chinas Medien ringen um den richtigen Umgang mit dem Fall des Bürgerrechtlers Chen Guangcheng.

Peking Am Ende durfte er doch nicht mitfliegen, aber vielleicht reist er bald hinterher : Der Bürgerrechtler Chen Guangcheng war nicht mit an Bord, als Hillary Clinton am Samstag nach ihrer wohl dramatischsten Reise als US-Außenministerin Peking verließ. Drei Tage lang hatte sie mit Chinas Führung um das Schicksal des blinden Anwalts gerungen, der vor zwei Wochen aus dem Hausarrest geflohen war und in der US-Botschaft in Peking Zuflucht gesucht hatte. Für beide Seiten standen Grundsatzfragen auf dem Spiel…

Bernhard Bartsch | 07. Mai 2012 um 07:20 Uhr

 

Tomatenrepublik China

Die Turbulenzen in Chinas Kommunistischer Partei offenbaren ein kompliziertes Wechselspiel zwischen Staatspresse, Internetforen und Auslandsmedien.

In politisch turbulenten Zeiten können Tomaten zu Waffen werden. Seit Mitte April gehört „Xihongshi“ (Chinesisch für Tomate) zu den Begriffen, die bei Chinas Internetzensoren auf dem Index stehen. Alle Nachrichten über die rote Strauchfrucht werden seitdem entweder automatisch blockiert oder von Überwachungssoftware an die Cyberpolizei weitergeleitet. Denn Tomate ist eines der Synonyme, das Internetbenutzer für Bo Xilai verwenden, den ehemaligen Parteichef von Chongqing, der im Zentrum von Chinas wohl größtem politischem Skandal seit Jahrzehnten steht. „Xihongshi“ klingt so ähnlich wie „westliche rote Stadt“ – eine nahe liegende Anspielung auf die westchinesische Metropole, die unter Bo eine „rote Kampagne“ erlebte, die viele Beobachter an die Kulturrevolution erinnerte…

Bernhard Bartsch | 01. Mai 2012 um 05:59 Uhr

 

Blog aus, Protest an

Chinas nervöse Zensurbehörde sperrt Kurznachrichten-Dienste – und erntet eine Kritik-Flut.

Charles Chao, Chef von Chinas größtem Internetportal Sina, musste am Dienstagmorgen ertragen, was im Webvokabular „Shitstorm“ heißt: eine Flut von Beschimpfungen. Dabei hatte der Manager nur über einen Kurznachrichtendienst im Netz eine harmlose Bemerkung über das schöne Wetter veröffentlicht. Innerhalb weniger Stunden antworteten mehrere Hundert Surfer. „Schanghais Wetter ist überhaupt nicht gut, wir haben starken Nordwind und schlechte Luft“, schrieb ein Nutzer. Mit dem Nordwind spielte er auf die Pekinger Parteiführung an, mit der Luftverschmutzung auf Chinas ungesundes Meinungsklima…

Bernhard Bartsch | 04. April 2012 um 06:26 Uhr

 

Putschgerüchte? Unsinn!

Internetgerüchte über einen Putsch in China zeigen, wie wenig die Kommunistische Partei die öffentliche Meinung im Griff hat.

Hat es in China einen Putsch gegeben? Natürlich nicht. Zwar kursieren in chinesischen Internetforen seit Tagen wilde Gerüchte: Mehrere Pekinger wollen hinter den Mauern des Regierungsviertels Zhongnanhai Schüsse gehört haben, andere berichten von einer verstärkten Militärpräsenz. Angebliche Insider verbreiten, der Chef des Sicherheitsapparats, Zhou Yongkang, habe die Macht an sich gerissen und besetze nun Schlüsselpositionen mit Verbündeten, um sich im Herbst selbst als Parteichef zu inthronisieren. China werde dann einen Linksruck erleben, wird kolportiert, und wieder auf den Weg kommunistischer Wirtschaftspolitik und maoistische Massenmobilisierung zurückkehren…

Bernhard Bartsch | 26. März 2012 um 04:56 Uhr

 

Dead Men Talking

China stoppt die umstrittene TV-Show „Interviews vor der Hinrichtung“. Dass die BBC Ausschnitte der seit fünf Jahren laufenden Sendung zeigt, ist Peking peinlich.

Ding Yu ist an diesem Montag nicht zu erreichen. Sie sei auf einer langen Drehreise, entschuldigen sie ihre Kollegen beim Justizkanal des chinesischen Provinzsenders Henan TV. Die Fernsehjournalistin möchte im schwierigsten Moment ihrer Karriere offenbar keine Interviews geben. Dabei beruht Dings zweifelhafter Ruhm gerade darauf, dass sie sich nie darum kümmerte, ob ihre Gesprächspartner von ihr befragt werden wollten. In ihrer Sendung „Interviews vor der Hinrichtung“ hat Ding fünf Jahre lang zum Tode verurteilte Verbrecher unmittelbar vor ihrer Exekution einem letzten, oft demütigenden Verhör unterzogen…

Bernhard Bartsch | 12. März 2012 um 14:30 Uhr

 

Toter Affe, verschreckter Tiger

Chinas Führung will das Fernsehen wieder parteitreuer haben – dabei sind die Zuschauer längst an Shows und Seifenopern gewöhnt.

Der Fernseher begleitet Frau An von morgens bis abends. „Wir machen ihn zum Frühstück an und dann läuft er, bis wir schlafen gehen“, erzählt die Pekinger Hausfrau. „Natürlich habe ich keine Zeit, immer hinzuschauen, aber wenn etwas Interessantes läuft, bekomme ich es mit.“ Ihre Hochhauswohnung ist klein genug, dass sie das Programm auch verfolgen kann, wenn sie in der Küche Gemüse schneidet oder im Schlafzimmer die Wäsche macht. Nur wenn die elfjährige Tochter nachmittags am Esstisch Hausaufgaben erledigt, wird der Ton leise gestellt. Zum Ausklang des Tages sitzt die Familie gemeinsam auf der Couch, knackt Sonnenblumenkerne und sieht sich eine Serie oder Unterhaltungssendung an. „Am liebsten schauen wir Casting-shows“, sagt Frau An. „Da geht es schließlich um echte Menschen.“…

Bernhard Bartsch | 24. Februar 2012 um 08:05 Uhr

 

Steinwurf aus dem Glashaus

Ein Lokalpolitiker aus Xiamen bereist Deutschland und beklagt die Internetzensur. Das macht ihn im Netz berühmt.

Die Deutschen können einem leidtun. Technisch veraltet und politisch in ideologischer Gefangenschaft. Jeder Chinese sollte froh sein, dass er nicht in Deutschland geboren wurde. Das ist zumindest die Sicht des chinesischen Provinzpolitikers Zang Jiebin. Damit versuchte er seine Landsleute davon zu überzeugen, dass sie in der Volksrepublik demokratische Rechte und Freiheiten genießen, von denen die Menschen im Westen nur träumen können…

Bernhard Bartsch | 11. Juli 2011 um 03:57 Uhr

 

Die Partei bloggt mit

Das Internet kann Diktaturen stürzen – aber auch stärken. Interne Propagandapläne der Kommunistischen Partei Chinas zeigen, wie sie mit einer Armada von Netzagenten die öffentliche Meinung manipuliert.

Ende Februar twitterte der Künstler Ai Weiwei eine Einladung zum Verrat: „Sagt mir eure Meinung: Ich möchte Internetkommentatoren, sogenannte Wumao, interviewen. Das Gespräch dauert 10 bis 20 Minuten, und ich bezahle 2000 Yuan oder nach Vereinbarung.“ 2000 Yuan sind rund 210 Euro. Staatsgeheimnisse haben ihren Preis. Wumao heißt so viel wie „fünf Groschen“. Es ist der Spitzname der Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) des Propagandaapparats. Sie sollen gegen Bezahlung im Internet linienkonforme Beiträge verfassen, abweichende Meinungen löschen und Kritiker verpfeifen…

Bernhard Bartsch | 04. Juli 2011 um 01:58 Uhr

 

„Feindliche Mächte wollen China schaden“

Interne Dokumente der Kommunistischen Partei zeigen, wie sehr Chinas Führung die Ausbreitung westlicher Ideen fürchtet. Der Staatsapparat soll deshalb zu einer Festung gegen Kritik und Meinungsfreiheit werden.

Über die größten Probleme spricht man am besten im kleinsten Kreis: In der eleganten Liebermann-Villa am Wannsee speisten Bundeskanzlerin Angela Merkel und der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao am Montagabend, begleitet nur von einer Handvoll enger Vertrauter. Themen, bei denen offene Worte nottun, gibt es reichlich, von den Menschenrechten über Wirtschaftsstreitigkeiten bis hin zur Reform des globalen Finanzsystems. Doch wie offen Wen mit Merkel über Chinas Positionen und Pläne reden kann, ist fraglich. Denn auch in Peking werden die wichtigsten Fragen nur im innersten Führungszirkel diskutiert, und viele der dort vertretenen Ansichten sind keineswegs für die Öffentlichkeit bestimmt. 

So etwa der Inhalt des Kommuniqués, welches das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei am 5. März verschickte…

Bernhard Bartsch | 28. Juni 2011 um 02:42 Uhr

 

In den Schwanz gebissen

Chinas Blogger organisieren Schuh-Attacke auf den Vater der chinesischen Internetzensur. Die öffentlichkeitswirksame Aktion ist auch eine Homage an Ai Weiwei.

Der Schuh traf Fang Binxing aus heiterem Himmel. Ein zweiter flog daneben, mehrere Eier zerplatzten zu seinen Füßen. Die Schrecksekunde, die der Informatikprofessor und seine Entourage benötigten, um die Situation zu erfassen, reichte dem Schuhschützen, um barfuß zu flüchten und im Wegrennen mit seinem Handy sogar noch ein Foto vom Ort des Geschehens zu machen. „Ich habe Fang getroffen“, jubilierte der Student wenig später per Twitter. „Es war nicht schwierig, ihn zu bewerfen, aber nicht ganz einfach, ihn richtig gut zu treffen.“ Die Attacke auf dem Campus der zentralchinesischen Wuhan Universität ist aktuell eines der heißest diskutierten Themen im chinesischen Internet…

Bernhard Bartsch | 21. Mai 2011 um 02:36 Uhr

 

Demo der Schaulustigen

Mit Polizeigroßeinsätzen und Pressezensur will Peking neue „Jasmin-Demonstrationen“ verhindern – und führt die Proteste just damit zum Erfolg.

Kann man eine Demonstration ohne Demonstranten veranstalten? Chinesische Regimekritiker haben am Sonntag gezeigt, wie das geht: Hunderte hochnervöse Polizisten und dutzende ausländische Journalisten versammelten sich am Sonntagnachmittag vor einem McDonald’s-Restaurant in Pekings zentraler Fußgängerzone Wangfujing und wurden damit selbst zu Protagonisten von Chinas zweiter „Jasmin-Kundgebung“…

Bernhard Bartsch | 27. Februar 2011 um 17:21 Uhr