Die Hölle ist ein Amt
Sollten die alten Chinesen mit ihrem Höllen-Modell richtig liegen, war die katholische Kirche mit ihren Ablässen auf dem richtigen Weg. Und Martin Luther hat jetzt einen Hasenkopf.
Die Fortschrittlichkeit der alten Chinesen ist unbestritten. Ihre Erde war schon rund, als wir noch auf einer Scheibe lebten. Sie kreisten bereits um die Sonne, während wir uns im Mittelpunkt des Universums wähnten. Und in ihrer Hölle herrschte längst ein moderner Rechtsstaat, derweil uns die Diktatur des Satans als gottgegebene Ordnung erschien…
Das Harakiri des kleinen Mannes
Dieser Text ist leider nicht ganz fertig geworden. Tut mir leid, einige Fakten hätte ich gerne noch recherchiert, aber es ist schon sehr spät und ich habe Angst. Angst um mein Leben. Angst vor Karoshi.
Karoshi ist Japanisch und heißt „Tod durch Überarbeitung“. Keine perfekte Übersetzung, aber besser geht es nicht. Als Nichtjapaner wird man ohnehin nie ganz verstehen, was bei Karoshi alles mitschwingt. Schließlich ist es gewiss kein Zufall, dass das Japanische als einzige Sprache der Welt für Tod durch Berufsstress ein eigenes Wort hat…
Gott vom Fließband
Die größte Bibelfabrik der Welt steht in China. Das Buch der Bücher ist dort ein Bestseller.
Als Gott die Heilige Schrift unter die Menschen bringen wollte, bestellte er Moses zum Diktat auf den Berg Sinai. Es muss ein langer Aufstieg gewesen sein, denn das Volk Israel hatte genügend Zeit, ihn für tot zu erklären, vom Glauben abzufallen und eine goldene Kalbsgottheit zu erschaffen, bevor der Stammesvater mit Steintafeln beladen zurückkehrte. Offenbar muss auch der Höchste gemerkt haben, dass dies auf Dauer keine optimale Lösung sei…
Der Aufklärer
Der Fernsehhistoriker Yi Zhongtian erklärt seinen Landsleuten, was es bedeutet, Chinese zu sein.
„Immanuel Kant für alle, Aufklärung in 20 oder 30 Sendungen, das wär’s!“ Der Professor presst die Lippen zusammen, eine Angewohnheit, mit der er sich das Lachen unterdrückt. Er genießt es zuzuschauen, wie es in den Köpfen seiner Zuhörer rattert, wie sie sich fragen, wo er diesen Einfall nun wieder hergenommen hat und wohin er ihn führen will. Wenn er in Fahrt ist, macht er dieses Gesicht nach jedem zweiten Satz. „Und dann Hegel“, fügt er hinzu. „Da könnten wir Chinesen wirklich etwas fürs Leben lernen.“
Er trinkt Drachenbrunnentee, vorgebeugt, um sich nicht zu bekleckern. Das also ist er: Yi Zhongtian ist Chinas berühmtester Historiker, der Hauslehrer der Nation, der seinen Landsleuten Woche für Woche im Fernsehen erklärt, was es bedeutet, Chinese zu sein…
Der letzte Kaiser
Japans Kaiserfamilie ist die älteste Adelsdynastie der Welt. In bester Zen-Tradition dient sie als Meditationsvorlage für Nationalisten, Voyeure und Harmonieselige.
Der Leidensweg von Masako Owada begann an einem Freitag, 2624 Jahre vor ihrer Geburt, am 11.Februar des Jahres 660 vor Christus. An jenem Wintermorgen, so verzeichnen es die japanischen Annalen, schickte die Sonnengöttin Amaterasu ihren Sohn Jimmu auf die Erde, um dort das «Reich der aufgehenden Sonne» zu gründen. Der Götterspross machte seine Sache gut, seine Nachfahren sind heute die älteste Herrscherdynastie der Welt…
Die Sache mit dem Gesicht
Chinas Sozialkodex sorgt dafür, dass Fehler nicht mit Spott und Demütigungen bestraft werden. Das kann zu konstruktiver Kritik führen. Oder zu noch mehr Fehlern.
Gegen Ende des dritten vorchristlichen Jahrhunderts begegneten sich in einem chinesischen Kleinstaat namens Zhao zwei Pferdewagen. In dem einen saß der Dichter und Denker Lin Xiangru, den der König zum Premierminister ernannt hatte, nachdem er dem aggressiven Nachbarstaat Qin einen Nichtangriffspakt und ein großes Stück Jade abhandeln konnte. Die andere Kutsche gehörte Lins größtem Neider, General Lian Po. Die Straße war schmal, einer musste ausweichen…
Am Ursprung des Zahlen-Zen
Der Japaner Maki Kaji hat das Sudoku nicht erfunden. Das war ein Schweizer. Doch der weltweite Siegeszug des Rätsels begann in seinem Büro.
Auf seiner Visitenkarte steht «Vater des Sudoku», doch Maki Kaji macht sich nichts aus Zahlenknobeleien. «Rätsel interessieren mich nicht», schnoddert er mit tiefer, rauer Stimme. Man hört ihm an, dass er sich lieber an echte Laster hält. Aber solange sich genügend für Zahlenkästchen begeistern, sind seine Ausschweifungen gesichert…
Lebe hoch, meine Konkubine!
Für die neue Geldelite Chinas gilt es wieder als chic, eine Konkubine zu haben. Weil finanziell zum Teil sehr lukrativ, sind auch viele Studentinnen Zweitfrau.
Die erste Liebe vergisst man nie. Im Fall von Liu Jinbao war es eine Schulliebe, die ihn jedoch verschmähte und damit Jahrzehnte später zu einem irrwitzigen Selbstbetrug trieb. Liu, Präsident der Bank of China in Hongkong und damit einer der mächtigsten Finanzmanager, liess eine seiner zahlreichen Geliebten nach dem Vorbild seines Jugendschwarms umoperieren.
Wo Götter keine Egos haben
80 Prozent der Japaner bezeichnen sich als Shintoisten, 60 Prozent als Buddhisten und 50 Prozent glauben an Jesus Christus. Macht 190 Prozent. Na und?
Es gab eine Zeit, da war es modern, von den Japanern zu lernen. Das war in den Achtzigern. Westliche Manager versuchten mit japanischen Schlachtrufen wie „Muda, Mura, Muri“ (Verschwendung, Unausgeglichenheit, Überlastung) dem Angriff von Toyota und Sony zu trotzen; Volkshochschulen nahmen Zen-Kurse ins Angebot, damit jeder dem spirituellen Vorsprung der Asiaten hinterher meditieren konnte…
Chinas Stilberaterin
Von Mao zu Missoni: Angelica Cheung erteilt als Chefredaktorin der chinesischen «Vogue» ihren Landsleuten Nachhilfeunterricht in Mode.
Die erste Modenschau des Tages sieht Angelica Cheung morgens im Lift. 25 Stockwerke fährt sie bis zur höchsten Etage von «Corporate Avenue», einem Schanghaier Büroturm, aus dem Weltkonzerne den Chinamarkt zu erobern versuchen. Es ist ein Wolkenkratzer, in dem die Gewinner des Wirtschaftswunders zur Arbeit gehen…
Granatäpfel statt Kirschen
Wo Vertrautes vergeht, hat Sinnsuche Hochkonjunktur. Ein Pekinger Jungphilosoph versucht, seine orientierungslosen Landsleute mit den Lehren des Endzeitdenkers Konfuzius aufzufangen.
„Unsere Welt ist wie ein Granatapfelbaum, an dem Kirschen wachsen“, sagt Pang Fei und vergewissert sich mit einem raschen Blick, ob alle ihm folgen können. „Aber am Ende“, er macht eine Pause, „am Ende werden wir zu unseren Anfängen zurückkehren.“ Seine Zuhörer nicken, einige lächeln. Pang genießt die Stille, die seinem kleinen Vortrag folgt, und gießt seinen Gästen neues Wasser auf die Teeblätter in ihren Pappbechern…
Etwas sehr Vornehmes
Der Designer David Tang gibt Chinas wirtschaftlichem Aufschwung eine modische Stilnote.
Am Anfang, erzählt David Tang, waren da ein paar alte Schneider aus Schanghai. Vor Maos Truppen nach Hongkong geflohen, hatten sie jahrzehntelang Hemden und Anzüge genäht, bevor Tang erkannte, dass sie zu Höherem befähigt waren. Denn sie beherrschten ein fast vergessenes Handwerk: die Herstellung der kostbaren Gewänder des chinesischen Kaiserhofs…
“Luxus ist totale Schwerelosigkeit”
David Tang, Lifestyle-Papst des neuen China, spricht im Interview über Konsum, Konten und Konfuzius.
Frage: Herr Tang, in Ihren Boutiquen und China-Klubs feiern sie das alte Reich der Mitte. Was macht die klassische chinesische Kultur so faszinierend?
David Tang: China hat etwas ungeheuer Geheimnisvolles. Denken Sie nur an die Terracotta-Armee, die Chinas erster Kaiser sich mit ins Grab geben liess. Oder Konfuzius, die Steingärten, die Gedichte der Tang-Dynastie, die Vasen der Ming, die Architektur und die Rituale des Kaiserhofs…
Vanilla Confusion
Nach mehr als zehn Jahren scheint Japan seine Wirtschaftskrise überwunden zu haben. Doch nichts ist mehr so,wie es einmal war. Nach der Umstrukturierung folgt nun das Umdenken. Das tut weh.
Kommt ein Unternehmer zum Psychoanalytiker. Leise und knapp chauffiert er den Arzt durch seine Biografie – seinen Erfolg, seinen Wohlstand, seine Weltläufigkeit. Dann schweigt er. Der Analytiker stellt Fragen, die unbeantwortet bleiben. Doch in der folgenden Woche kommt der Geschäftsmann immer wieder und schweigt weiter, eine Stunde lang für umgerechnet gut hundert Euro. Anderthalb Jahre geht das so. Dann bedankt er sich. Es gehe ihm jetzt schon viel besser.
Brett für die Welt
Go, das jahrtausendealte Strategiespiel, erlebt in seinem Ursprungsland China eine gewaltige Renaissance. Wer das Spiel beherrscht, trifft sein Leben lang die richtigen Entscheidungen, behaupten seine Anhänger – und lassen deshalb schon die Kleinen trainieren.
Sun Haopeng sitzt bewegungslos wie eine Wachsfigur und starrt konzentriert auf das Schlachtfeld. Nach links sind seiner Armee alle Wege abgeschnitten, und die kleine Truppe rechts unten droht vom Feind umzingelt zu werden. Allerdings bieten die gegnerischen Stellungen genau dort eine offene Flanke. Soll er angreifen, oder handelt es sich um einen Hinterhalt?