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	<title>Bernhard Bartsch &#187; Tradition</title>
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	<description>TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN</description>
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		<title>Die chinesische Weltformel</title>
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		<pubDate>Fri, 28 Oct 2011 23:44:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Tradition]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Namen sind in China keine Geschmackssache, sondern eine Schicksalsfrage. Die richtige Antwort findet man mit kosmologischer Mathematik.</h3>
"Holt euch professionelle Hilfe", rieten uns chinesische Freunde nach der Geburt unseres ersten Kindes. Ihre Sorge galt der Namenswahl. Wie unsere Tochter auf Deutsch heißen sollte, stand fest, aber ein in Peking geborenes Kind müsste auch einen chinesischen Namen haben, fanden wir. Dass wir dafür Unterstützung benötigten, war uns klar, denn in chinesischen Schriftzeichen schwingen viele Bedeutungen mit, die sich nur einem Muttersprachler erschließen. Doch als wir unsere Freunde um Rat fragten, schreckten sie zurück: "Wendet euch lieber an einen Namensgeber!"...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Namen sind in China keine Geschmackssache, sondern eine Schicksalsfrage. Die richtige Antwort findet man mit kosmologischer Mathematik.</h3>
<p>&#8220;Holt euch professionelle Hilfe&#8221;, rieten uns chinesische Freunde nach der Geburt unseres ersten Kindes. Ihre Sorge galt der Namenswahl. Wie unsere Tochter auf Deutsch heißen sollte, stand fest, aber ein in Peking geborenes Kind müsste auch einen chinesischen Namen haben, fanden wir. Dass wir dafür Unterstützung benötigten, war uns klar, denn in chinesischen Schriftzeichen schwingen viele Bedeutungen mit, die sich nur einem Muttersprachler erschließen. Doch als wir unsere Freunde um Rat fragten, schreckten sie zurück: &#8220;Wendet euch lieber an einen Namensgeber!&#8221;</p>
<p>Den fanden wir in einem kleinen Büro in der Nachbarschaft des Pekinger Konfuziustempels. Er war Mitte vierzig, trug ein chinesisches Gelehrtengewand aus blauer Seide und ließ sich mit Meister Chen anreden. An der Wand hing ein gerahmtes Foto vom Jahreskongress der Vereinigung der Namensberater, an dem mehrere Hundert Mitglieder teilgenommen hatten. &#8220;Sehen Sie, ich sitze ganz vorn in der Mitte&#8221;, warf sich Meister Chen in Pose. &#8220;Unsere Familie beschäftigt sich schon in dritter Generation mit der Wissenschaft vom richtigen Namen.&#8221; Die vier dicken Bücher auf seinem Schreibtisch habe er schon als Kind auswendig gelernt, und er lege sie eigentlich nur aus, damit seine Kunden sich davon überzeugen könnten, dass er sich streng an die traditionelle Lehre halte.</p>
<p>Dann kam er zur Sache: Er fragte nach Datum und Uhrzeit der Geburt und vertiefte sich in ein Buch mit Tabellen. Auf einem Block machte er sich Notizen. Nach einigen Minuten eröffnete er uns seine Diagnose: &#8220;Dem Mädchen fehlt Holz.&#8221; Er schob uns seine Aufzeichnungen hin und rechnete vor: einmal Feuer, zweimal Wasser, einmal Metall, viermal Erde. &#8220;Aber kein einziges Holz &#8211; das müssen wir ins Lot bringen&#8221;, sagte er mit ernster Miene. &#8220;Ihr könnt von Glück reden, dass ihr zu mir gekommen seid.&#8221;</p>
<p>Solche Rechnungen sind in China weitverbreitet: Feuer, Wasser, Metall, Erde und Holz sind die &#8220;Fünf Elemente&#8221;, aus denen nach traditioneller Vorstellung das Universum besteht. Dass Meister Chen acht dieser Elemente gezählt hatte, leitet sich aus den sogenannten &#8220;Acht Trigrammen&#8221; ab, einem alten Orakel, das einst aus Rissen in erhitzten Schildkrötenpanzern oder Rinderknochen gelesen wurde und die Grundlage des auch in Deutschland bekannten Buches der Wandlungen &#8220;I Ging&#8221; bildet. Zusammen ergeben die Fünf Elemente und die Acht Trigramme so etwas wie eine Weltformel, mit der sich zu allen Menschheitsfragen eine Antwort ausrechnen lässt.</p>
<p>Das ist kein Witz. Der Glaube an die traditionellen Wissenschaften spielt für viele Chinesen eine ähnliche Rolle wie in anderen Kulturen die Religion. Dabei vertrauen sie ihr Schicksal nicht unergründlichen Göttern an, sondern stützen sich auf kosmische Gesetzmäßigkeiten, die ihre Vorfahren entdeckt haben und die bis heute mit mathematischer Präzision funktionieren. Wahrsagerei heißt deshalb im Chinesischen &#8220;suan ming&#8221;, wörtlich: &#8220;das Leben berechnen&#8221;.</p>
<p>Doch die Bedeutung der Fünf Elemente und Acht Trigramme geht weit darüber hinaus: Wo immer auf der Welt Menschen ihre Wohnung nach Feng-Shui-Regeln einrichten oder sich mit Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) behandeln lassen, setzen sie auf Weisheiten, die aus den alten Büchern stammen, die Meister Chen auf seinem Tisch liegen hat. &#8220;In der Mao-Zeit wurde unsere Wissenschaft als Aberglaube verfolgt&#8221;, sagte er. &#8220;Aber heute merken viele Menschen wieder, dass unsere Vorfahren mehr von der Welt verstanden, als wir es heute tun.&#8221; Wir hätten gern mit ihm darüber diskutiert, aber ließen es bleiben. Obwohl man mit Chinesen grundsätzlich über alles streiten kann, sollte man Debatten über die chinesische Seinslehre vermeiden und es bei der höflichen Feststellung belassen, dass China eine sehr alte Kultur sei und Europa nur eine junge &#8211; wie könnten wir verstehen, was die Chinesen schon seit Jahrtausenden wissen?</p>
<p>Da die Umrechnung der Geburtsstunde in kosmische Schicksalseinheiten ergeben hatte, dass die Natur unserem Kind kein Holz mit auf den Weg gegeben hatte, machte sich Meister Chen daran, diesen Mangel auszugleichen. Ihr Name müsse aus besonders &#8220;holzhaltigen&#8221; Schriftzeichen bestehen, erklärte er. Die chinesische Schrift beruht auf 214 Zeichenbausteinen, die jeweils einem der fünf Elemente zugeordnet werden können. Feierlich holte Meister Chen eine Urkunde mit dem Siegel der Vereinigung der Namensberater aus der Schublade, mischte in einem Reibstein frische Tinte an und begann mit einem Pinsel zu schreiben. &#8220;Offizieller Name: Linxin&#8221;, trug er ein. Das heißt so viel wie &#8220;Ein Wald aus Gold&#8221;. Mit Spitznamen sollten wir unsere Tochter &#8220;Linlin&#8221; rufen: &#8220;Ein Hain aus Jade&#8221;. Und sollte sie je einen Künstlernamen brauchen, wäre &#8220;Songhua&#8221; passend: &#8220;Pinienpferd&#8221;. Mit diesem Namen werde sie eine große Karriere machen, wahrscheinlich als Pianistin oder Diplomatin.</p>
<p>Goldwald? Jadehain? Pinienpferd? Obwohl wir uns vorgenommen hatten, die Autorität des Gelehrten nicht anzuzweifeln, baten wir, ob er nicht noch ein paar andere Vorschläge habe und ob wir beim Namen unserer Tochter vielleicht sogar mitentscheiden dürften. Selbstverständlich, antwortete der Meister, aber das koste zusätzlich. Bis hierhin habe er uns zum Basistarif von 198 Yuan (23 Euro) beraten. &#8220;Dafür habt ihr Namen bekommen, die ein Vielfaches wert sind&#8221;, versicherte er. Für einen besseren Namen müsse er noch weitere Berechnungen anstellen. Er schob uns eine Preisliste hin. Für 888 Yuan (103 Euro) ließen sich noch ganz andere Schicksalsmanipulationen vornehmen, sagte er. &#8220;Das mag jetzt nach viel Geld klingen, aber eine bessere Investition als in einen guten Namen kann man kaum machen.&#8221;</p>
<p>Wir verabschiedeten uns mit dem Hinweis, dass ein so wichtiger Schritt gut überlegt sein müsse und wir noch eine zweite Meinung einholen wollten. Tatsächlich ließen wir ein weiteres Gutachten erstellen, das ebenfalls zu dem Ergebnis kam, dass unsere Tochter dringend Holz brauche. Aber auch dort sollte ein guter Name viel Geld, ein ausgezeichneter ein Vermögen kosten.</p>
<p>Vor einigen Monaten wurde in Peking unser zweites Kind geboren, ein Junge. Seine große Schwester ist inzwischen zwei und hat noch immer nur einen deutschen Namen. Unsere Freunde finden das seltsam und schütteln den Kopf, wenn wir erzählen, dass wir ihren Fünf-Elemente-Haushalt mit Holzspielzeug ins Gleichgewicht zu bringen versuchen. Aber wenn man mit dem richtigen chinesischen Namen viel gewinnen kann, kann man mit dem falschen auch viel verlieren. Das Risiko ist uns zu groß. Falls unsere Kinder wirklich einmal einen chinesischen Namen wollen, müssen sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. -</p>
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		<title>Murdochs Tarantel</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Aug 2011 11:21:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Tradition]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Wendi Deng wurde von ihren Landsleuten verachtet - bis sie ihren Gatten verteidigte.</h3>
Kann es wahre Liebe zwischen alten Männern und jungen Frauen geben? Eher nicht, glaubt man in China, wo die Wertvorstellungen noch immer traditionell sind und generationenübergreifende Beziehungen als anrüchig gelten. Auch die Ehe zwischen dem 80-jährigen Medientycoon Rupert Murdoch und seiner 38 Jahre jüngeren chinesischen Frau Wendi Deng galt als Liaison zwischen lüsternen Altmännerfantasien und konsumgeilen Mädchenträumen - bis ein beherzter Schlag eine andere Lesart anbot...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Wendi Deng wurde von ihren Landsleuten verachtet &#8211; bis sie ihren Gatten verteidigte.</h3>
<p>Kann es wahre Liebe zwischen alten Männern und jungen Frauen geben? Eher nicht, glaubt man in China, wo die Wertvorstellungen noch immer traditionell sind und generationenübergreifende Beziehungen als anrüchig gelten. Auch die Ehe zwischen dem 80-jährigen Medientycoon Rupert Murdoch und seiner 38 Jahre jüngeren chinesischen Frau Wendi Deng galt als Liaison zwischen lüsternen Altmännerfantasien und konsumgeilen Mädchenträumen &#8211; bis ein beherzter Schlag eine andere Lesart anbot: Eine Frau, die ihren Mann wie eine Löwin verteidigt &#8211; könnten da etwa doch edlere Gefühle im Spiel sein?</p>
<p>Chinas Fernsehzuschauer waren live dabei, als Murdoch am 19. Juli im britischen Parlament zum Abhörskandal um seine Zeitung News of the World Rede und Antwort stehen musste. Für Chinas Propaganda ist der Fall ein gefundenes Fressen, um ihrem Volk die, wie die Agentur Xinhua schreibt, &#8220;Scheinheiligkeit und die legalen und moralischen Probleme der westlichen Presse&#8221; vorzuführen. Die Übertragung wurde in chinesischen Mikroblogforen mit dem üblichen Spott über Deng begleitet, die in ihrem rosa Blazer und kurzen Rock noch immer aussehe &#8220;wie eine Zweitfrau, obwohl sie doch längst die Erstfrau ist&#8221;. Doch dann ging der Komödiant Jonathan May-Bowles mit einem Teller voller Rasierschaum auf Murdoch los, worauf Deng instinktiv aufsprang, weit ausholte und den Angreifer direkt am Kopf traf. Das Video wurde zur Internetsensation und veränderte Dengs Image in ihrer Heimat &#8211; im wahrsten Sinne des Wortes &#8211; schlagartig.</p>
<p>&#8220;Wendi Deng lehrt die Welt chinesisches Kungfu&#8221;, jubelt die Internetgemeinde. Manche benennen sie nach dem Film &#8220;Crouching Tiger, Hidden Dragon&#8221; andere raten: &#8220;Hol dir eine Frau wie Wendi Deng.&#8221; Die Zeitung ihrer Heimatstadt Xuzhou in der Provinz Jiangsu porträtierte prompt Dengs ehemaligen Sportlehrer Jiang Limo, der für sich in Anspruch nimmt, ihr den richtigen Schlag beim Volleyball beigebracht zu haben. &#8220;Das war ein astreiner Schmetterball&#8221;, sagt Jiang. &#8220;Im entscheidenden Moment ist ihr Schlag so schön und hart, wie er immer war.&#8221;</p>
<p>In Onlineumfragen avanciert Deng geradezu zur Volksheldin. Zwei Drittel der Benutzer klickten auf: &#8220;Bewundernswert &#8211; in der Krise ist sie aufgesprungen und ihrem Mann mutig zu Hilfe gekommen.&#8221; Ein Fünftel gab an, sie früher nicht gemocht, seit ihrem Schlag aber eine völlig neue Meinung zu haben. Nur noch 14 Prozent erklärten: &#8220;Ich mag solche kalkulierenden Frauen nicht.&#8221; Dabei war dies bisher die allgemeine Meinung. &#8220;Im chinesischen Sprachgebrauch ist Wendi Dengs Name ein Synonym dafür, wie man mit Ehrgeiz, Opportunismus und Skrupellosigkeit seine Ziele erreicht&#8221;, schreibt der Blogger Hecaitou. &#8220;Allgemein gehen alle davon aus, dass Murdoch das stärkste Sprungbrett war, das Wendi Deng sich erträumen konnte, doch in Wahrheit liebt sie nur sich selbst, wie eine weibliche Tarantel.&#8221;</p>
<p>Die Zeichen der Zeit richtig zu deuten, wussten schon Dengs Eltern, die ihre Tochter 1968 nach der politischen Stimmung des Moments &#8220;Wenge&#8221; nannten &#8211; &#8220;Kulturrevolution&#8221;. Nach Maos Tod wurde daraus Wendi, was so viel wie &#8220;kultiviert und strahlend&#8221; bedeutet. Obwohl Deng später häufig von der Armut ihrer Kindheit erzählen sollte, stammte sie aus vergleichsweise privilegierten Verhältnissen. Dengs Vater, Parteikader und Leiter eines Staatsbetriebs, konnte seiner Tochter Möglichkeiten eröffnen, die anderen nicht offen standen &#8211; so etwa den Umzug nach Guangzhou, Chinas Wirtschaftswundermetropole der ersten Stunde. Dort lernte die 16-Jährige die amerikanische Familie Cherry kennen, die dem intelligenten Mädchen etwas Gutes tun wollte und es mit nach Los Angeles nahm. Erst teilte sie das Kinderzimmer mit der fünfjährigen Tochter des Paares &#8211; bis sie ins Eltern-Schlafzimmer umzog, die Cherrys sich scheiden ließen und der 50-jährige Hausherr die 19-jährige Gaststudentin heiratete.</p>
<p>Doch schon nach vier Monaten Ehe hatte Deng einen neuen Lover, einen Studenten an der California State University in Los Angeles, an der sie mittlerweile studierte. Bis zur Scheidung dauerte es allerdings noch über zwei Jahre, lang genug für eine amerikanische Greencard. Nach ihrem Abschluss in Kalifornien schaffte Deng den Sprung an die Elite-Uni Yale, wo sie einen MBA machte.</p>
<p>1996 heuerte Deng in Hongkong bei dem Fernsehsender Star TV an, Teil des Imperiums von Rupert Murdoch, der die ehemalige britische Kronkolonie als Brückenkopf nutzen will, um ins chinesische Mediengeschäft einzusteigen. Auf seinen China-Reisen begleitet Deng ihn als Übersetzerin, und bald nicht nur beruflich. Murdoch verlässt nach 31 Ehejahren seine Frau Anna, und das Paar heiratet 1999 auf Murdochs Yacht &#8220;Morning Glory&#8221; im Hafen von New York.</p>
<p>Seitdem zerreißen sich Leute aus der Medienbranche und die Chinesen gleichermaßen das Maul über das ungleiche Paar. Dass es weitaus mehr Privatsphäre in Anspruch nimmt, als Murdochs Boulevardjournalisten vielen anderen Menschen zugestehen, heizt die Gerüchteküche nur noch zusätzlich an. Vor allem zwischen Wendi Murdoch und den gleichaltrigen Kindern ihres Mannes aus erster Ehe soll das Verhältnis schwierig sein &#8211; doch nach den Maßstäben chinesischer Pietät kann sich der alte Murdoch offensichtlich auf seine Gattin mehr verlassen als auf seine eigenen Nachkommen. Denn während Wendi Deng für Rupert Murdoch im britischen Parlament in den Kampf zog, stand sein Sohn James nur verdattert herum und tat gar nichts.</p>
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		<title>Glorreiche Zeiten</title>
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		<pubDate>Mon, 22 Feb 2010 09:42:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
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		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
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		<category><![CDATA[Zensur]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Big Brother made in China: Ein satirischer Roman beschreibt die Volksrepublik als Orwellschen Alptraum. Das Buch wird trotz Publikationsverbots heiß diskutiert.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/02/Chan_Koon-Chung_2.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-1811" title="Chan_Koon-Chung (Copyright: Martin Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/02/Chan_Koon-Chung_2.jpg" alt="" width="138" height="165" /></a>China im Jahr 2013: Die Volksrepublik ist wieder ein Reich der Mitte. Der Westen ist in einer zweiten Runde der Finanzkrise kollabiert, doch China hat sich rechtzeitig abkoppeln können und ist nun stärker als je zuvor. Das Staatsunternehmen Wang Wang hat den amerikanischen Kaffeeröster Starbucks übernommen, Pekings Eliten trinken Frankreichs Weinkeller leer, und keine ausländische Regierung wagt mehr, Chinas Regierung zu kritisieren. Das chinesische Volk liebt seine Kommunistische Partei und sieht sich am Beginn eines neuen "glorreichen Zeitalters". So hat es die Volkszeitung angekündigt, und wer würde an ihren Vorhersagen zweifeln?...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Big Brother made in China: Ein satirischer Roman beschreibt die Volksrepublik als Orwellschen Alptraum. Das Buch wird trotz Publikationsverbots heiß diskutiert.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/02/Chan_Koon-Chung.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1813" title="Chan_Koon-Chung (Copyright: Martin Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/02/Chan_Koon-Chung-1023x688.jpg" alt="" width="442" height="297" /></a>China im Jahr 2013: Die Volksrepublik ist wieder ein Reich der Mitte. Der Westen ist in einer zweiten Runde der Finanzkrise kollabiert, doch China hat sich rechtzeitig abkoppeln können und ist nun stärker als je zuvor. Das Staatsunternehmen Wang Wang hat den amerikanischen Kaffeeröster Starbucks übernommen, Pekings Eliten trinken Frankreichs Weinkeller leer, und keine ausländische Regierung wagt mehr, Chinas Regierung zu kritisieren. Das chinesische Volk liebt seine Kommunistische Partei und sieht sich am Beginn eines neuen &#8220;glorreichen Zeitalters&#8221;. So hat es die Volkszeitung angekündigt, und wer würde an ihren Vorhersagen zweifeln?</p>
<p>China im Jahr 2013 &#8211; dieses Szenario gehört derzeit zu den populärsten Diskussionsthemen in chinesischen Internetforen und Intellektuellenzirkeln. Doch was wie die Großmachtfantasie einer parteiinternen Denkfabrik klingt, ist in Wirklichkeit der Inhalt einer schwarzen Satire, die China als real existierende Anti-Utopie beschreibt.</p>
<p>In dem Roman &#8220;Das glorreiche Zeitalter &#8211; China 2013&#8243; verlegt der in Peking lebende Hongkonger Autor Chan Koon-Chung George Orwells Stalinismusparabel &#8220;1984&#8243; in die nahe Zukunft der Volksrepublik. Pekings Big-Brother-Maschinerie hat die Chinesen erfolgreich gehirngewaschen, das Volk vibriert vor patriotischem Hochgefühl, die Stimmen von Menschenrechtsaktivisten, Demokratiekämpfern und Zensurgegnern sind verstummt. &#8220;Natürlich ist das alles Fiktion&#8221;, sagt Chan und lächelt vielsagend. &#8220;Aber Chinas Realität nähert sich meinen Beschreibungen ziemlich schnell an &#8211; man kriegt es regelrecht mit der Angst zu tun.&#8221;</p>
<p>Dabei wirkt Chan eigentlich nicht wie einer, der sich fürchtet. Der knapp 60-Jährige verbreitet das Selbstbewusstsein eines Kosmopoliten, der in vielen Kulturen und Sprachen zu Hause ist. Sein langes graumeliertes Haar ist sorgfältig frisiert, die Kleidung strahlt lässigen Luxus aus, und zum Interview schlägt er ein Nobelhotel in der Pekinger Innenstadt vor, wo er mehrere Wohnungen besitzt. Doch gerade seine Distanz und finanzielle Unabhängigkeit erlauben es ihm, sich öffentlich Sorgen über Chinas Entwicklung zu machen &#8211; und zu formulieren, was viele Chinesen denken, aber nicht auszusprechen wagen. &#8220;Die Regierung greift zu immer härteren Methoden, um Konformität durchzusetzen und jegliche Kritik zu unterdrücken&#8221;, sagt Chan. &#8220;2008, nach den Olympischen Spielen, hat diese Kampagne eine ganz neue Dimension angenommen, weshalb ich mich entschieden habe, die gegenwärtige Entwicklung in einem Buch zu Ende zu denken.&#8221;</p>
<p>Als er ein Jahr später fertig war, wusste er, dass &#8220;Das glorreiche Zeitalter&#8221; in China keine Chance auf Veröffentlichung haben würde. Stattdessen erschien das Buch nur in Hongkong und Taiwan in einer bescheidenen Auflage von 12 000 Stück. Doch obwohl Pekings Zensurbehörden verhindern konnten, dass der Titel offen in Buchläden verkauft wird, hat er im Internet schnell Kultstatus erreicht. Über Chatforen oder Twitternetzwerke werden geschmuggelte oder raubkopierte Exemplare ausgetauscht, auf Dutzenden Webseiten lässt sich das Buch kostenlos herunterladen. Die Textdatei hat Chan selbst zur Verfügung gestellt. &#8220;Mein Buch ist ein offener Text&#8221;, sagt er lachend.</p>
<p>Über die Anzahl seiner Leser kann Chan nur spekulieren, doch nach der Resonanz unter Chinas Bloggern zu urteilen, könnte er Bestsellerstatus genießen. Ein Twitterbenutzer mit dem Codenamen &#8220;Haohaolee&#8221; schrieb: &#8220;Mein Vater hat die elektronische Version gelesen, ohne zu wissen, das die Handlung im Jahr 2013 spielt und gedacht, alles sei die heutige Wahrheit.&#8221; Ein anderer bezeichnete das Buch als &#8220;Lehrwerk für alle, die noch nicht gemerkt haben, in was für einem Zensursystem wir leben&#8221;.</p>
<p>Dass die Internetpolizei es bisher nicht geschafft hat, das Buch zu stoppen, liegt nicht zuletzt am klug gewählten Namen. &#8220;Shengshi Zhongguo&#8221;, so der Originaltitel, ist ein fester Begriff, der seit über zweitausend Jahren die ruhmreichsten Phasen der chinesischen Geschichte beschreibt. &#8220;Die Han-Dynastie, die Tan-Dynastie, die Qing-Dynastie &#8211; das waren Chinas glorreichste Epochen&#8221;, sagt Chan, &#8220;und die Kommunistische Partei will jetzt auch so gesehen werden.&#8221; Wollten die Zensoren Chans Buch im Internet unauffindbar machen, müssten sie im Suchmaschinengedächtnis auch viele jener Legenden löschen, aus denen Chinas Patriotismus seine Kraft bezieht.</p>
<p>So berührt Chan ein sensibles Thema, wenn er die Frage, wie stolz die Chinesen tatsächlich auf ihr Land sein sollten, zur Triebkraft seines Buches macht. Im Zentrum seiner Geschichte steht ein taiwanesischer Schriftsteller namens Chen, der im Peking des Jahres 2013 ein sorgloses Dasein führt. &#8220;Das China, das wir heute sehen, ist großartig&#8221;, findet Chen. Als einziges Land habe die Volksrepublik die Finanzkrise unbeschadet überstanden, während andere Länder im Chaos versinken. &#8220;Wir leben harmonisch&#8221;, meint er.</p>
<p>Doch dann begegnet Chen zwei alten Bekannten, Fang Caodi und Xiao Xi, die früher zu jener kleinen Gruppe politischer Dissidenten, intellektueller Querdenker und kritischer Ausländer gehörten, die Chinas Regierung als &#8220;Störenfriede&#8221; bezeichnete &#8211; und von denen man seit Beginn des &#8220;glorreichen Zeitalters&#8221; nichts mehr gehört hat. Selbst die Regimegegner sind verwirrt: &#8220;Niemand kritisiert mehr die Regierung, alle sind so zufrieden&#8221;, wundert sich Xiao. Das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens sei ebenso in Vergessenheit geraten wie Maos Kulturrevolution. &#8220;Es ist, als ob bestimmte Erinnerungen kollektiv in ein schwarzes Loch gefallen sind.&#8221; Die Erklärung dafür ist, wie sich bald herausstellt, ebenso einfach wie grauenhaft: Die Geschichte von Chinas scheinbar unaufhaltbarem Aufstieg ist reine Fiktion.<br />
Kurz vor dem Beginn des vermeintlichen &#8220;glorreichen Zeitalters&#8221;, so erfahren die Helden, waren Chinas wirtschaftliche und soziale Probleme wegen der neuen Finanzkrise außer Kontrolle geraten, im Land herrschte Anarchie. Doch die Partei war bestens vorbereitet: Nachdem die Menschen eine Zeit lang unter Aufständen, Plünderungen und Lebensmittelknappheit litten, ließ sie die Volksbefreiungsarmee aufmarschieren. Diese ließ alle Widerständler verschwinden und versetzt seither das Trinkwasser mit einer Chemikalie, die die Menschen euphorisiert und unangenehme Erinnerungen tilgt. &#8220;High-lailai&#8221; nennt die Partei den nationalen Drogenrausch, von dem nur der innerste Führungszirkel im Pekinger Regierungsviertel Zhongnanhai ausgenommen ist. Damit es niemand merkt, hat man alle Informationen über die Chaostage aus den Medien und dem Internet gelöscht &#8211; es existiert nur noch die Wahrheit, die der Partei passt.</p>
<p>Wenn Chans Geschichte auch über weite Strecken einem Hollywood-B-Movie näher ist als Orwells eleganter Prosa in &#8220;1984&#8243;, so greift sie doch mitten in die bedeutendste Debatte ein, die derzeit in der Volksrepublik geführt wird: Wer darf entscheiden, was chinesisch ist? Denn hinter der fiktiven High-lailai-Droge verbirgt sich nichts Anderes als der staatlich geschürte Nationalismus, mit dem sich die Partei einen ideologischen Schutzschirm vor Angriffen aufbaut. Kommunismus spielt in China schon lange keine Rolle mehr &#8211; die neue Leitidee heißt nationale Wiedergeburt. &#8220;Dazu wird die chinesische Geschichte nach einem einfachen Muster uminterpretiert&#8221;, erklärt Chan. &#8220;China war immer großartig, bis es vom Westen schlecht behandelt wurde, doch dann kam die Kommunistische Partei, und jetzt geht es wieder weiter wie früher.&#8221;</p>
<p>&#8220;Chinesisch&#8221; ist demnach, was dem Regime nützt. Alles andere wird als &#8220;westlich&#8221; diskreditiert. &#8220;Die Partei beschäftigt einen riesigen Apparat von Akademikern, der dieses Konzept mit Inhalten füllt&#8221;, sagt Chan. &#8220;Damit kann niemand mehr die Regierung kritisieren, denn das wird dann automatisch zu einer Kritik am Chinesischsein an sich.&#8221; Die Masche komme gut an. Vor allem bei jungen Chinesen gewönnen Patriotismus und antiwestliche Ressentiments oft geradezu fanatische Züge.</p>
<p>Chan und seinen Gleichgesinnten erscheint der neue Nationalismus als Verhöhnung einer Kultur, die reicher ist, als es die Partei erlaubt, und als Unterschätzung eines Volkes, das es nicht nötig hat, dunkle Kapitel seiner Geschichte in Erinnerungslöchern zu versenken. &#8220;Ich habe mein Leben in Hongkong, Taiwan und der Volksrepublik verbracht,&#8221; erzählt der Autor. &#8220;Ich kenne alle drei Chinas &#8211; und sie sind alle sehr verschieden.&#8221; In Shanghai geboren, wuchs Chan in Hongkong auf und gehörte in den Siebzigern zum linken Lager, das Demokratie und soziale Gerechtigkeit forderte &#8211; damals noch nicht von den Kommunisten, sondern von den britischen Kolonialherren. Gleichzeitig verstand er es, sein Gespür für soziale Stimmungen zu Geld zu machen. Er gründete eine Zeitschrift und einen Fernsehsender, produzierte Spielfilme und Fernsehstücke, arbeitete als PR-Berater und Event-Organisator. Trotz seines Erfolgs verlor er seine Ideale nicht aus den Augen: Er schrieb Romane und kulturkritische Essays.<br />
Vor zehn Jahren zog Chan nach Peking und stellte schnell fest, wie sehr unabhängige Intellektuelle in der Volksrepublik im Abseits stehen. Je länger die Partei herrsche, desto öfter müsse sie Löschaktionen am kollektiven Bewusstsein durchführen, um ihre Macht legitimieren zu können. Neubewertungen der Kulturrevolution oder des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens seien ebenso tabu wie öffentliche Diskussionen über die Minderheitenpolitik in Tibet oder die Verfolgung von Demokratieaktivisten.</p>
<p>Weil die Partei alle Diskussionsforen kontrolliert, beschloss Chan, den Umweg über die Fiktion zu beschreiten &#8211; ebenso wie Orwell 1948 seine Befürchtungen über die Zukunft in einen Fantasiestaat namens Ozeanien verlegte. &#8220;Ich habe ,1984&#8242; seit dreißig Jahren nicht gelesen&#8221;, sagt Chan. &#8220;Als ich mich entschieden habe, den gleichen literarischen Trick zu benutzen, habe ich bewusst darauf verzichtet, es mir noch einmal anzuschauen.&#8221; Doch während Orwell seine Wahrheitssucher am Ende gebrochen zurücklässt, findet Chan für seine Protagonisten einen Schluss, der etwas hoffnungsfroher wirkt. Das Dissidententrio zieht in eine ferne Region in Südchina, in der das Wasser noch so sauber ist wie im Machtzentrum und wo alle, die das wahre China kennen, frei von nationalistischer Zwangsmedikation leben können &#8211; in der Hoffnung, dass die Anti-Utopie irgendwann eine neue Utopie gebiert. Doch wann das sein könnte, traut sich Chan nicht zu sagen.</p>
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		<title>Saison der Schicksalsingenieure</title>
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		<pubDate>Sun, 14 Feb 2010 14:31:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>In China haben die Feierlichkeiten zum Jahr des Tigers begonnen. Es ist die Zeit der Glücksrituale.</h3>
Hier werden also die Rätsel des Universums gelöst: im 15. Stock eines schmucklosen Mietshochhauses in der südchinesischen Industriemetropole Guangzhou. Der Teppichboden ist fleckig, die Büromöbel sind abgestoßen, und die Fenster wurden schon lange nicht mehr geputzt. Die Zimmerpflanzen sind kurz vor dem Eingehen. Kein Wunder, dass Pei Weng sich lieber in einem Teehaus verabredet hätte...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>In China haben die Feierlichkeiten zum Jahr des Tigers begonnen. Es ist die Zeit der Glücksrituale.</h3>
<p>Hier werden also die Rätsel des Universums gelöst: im 15. Stock eines schmucklosen Mietshochhauses in der südchinesischen Industriemetropole Guangzhou. Der Teppichboden ist fleckig, die Büromöbel sind abgestoßen, und die Fenster wurden schon lange nicht mehr geputzt. Die Zimmerpflanzen sind kurz vor dem Eingehen. Kein Wunder, dass Pei Weng sich lieber in einem Teehaus verabredet hätte. &#8220;Wir sind gemeinnützig und arbeiten nicht für Geld, sondern nur, um den Menschen zu helfen&#8221;, versucht der Mitfünfziger zu erklären, warum das Büro nicht zu dem Eindruck passt, den er eigentlich von sich und seiner Arbeit vermitteln will. &#8220;Seit 32 Generationen ist es die heilige Aufgabe unserer Familie, Chinas alte Wissenschaften zu bewahren&#8221;, sagt er.</p>
<p>&#8220;Großmeister&#8221; steht als Berufsbezeichnung auf Peis Visitenkarte. Zur langen Liste seiner Ämter gehören der Vorsitz des Chinesischen I-Ging-Verbands, des Globalen Verbands für I-Ging-Kultur und des Globalen Feng-Shui-Verbands. Alle firmieren unter der gleichen Adresse. Wer nur die Internetauftritte kennt oder den wortgewandten Großmeister außerhalb seines Büros trifft, könnte tatsächlich denken, dass es sich bei den Verbänden um gewichtige Organisationen handelt. Denn Feng-Shui ist Chinas traditionelle Wissenschaft vom Wind und Wasser, die den Menschen helfen soll, sich in ihren Häusern im Einklang mit den Kräften der Natur einzurichten. Beim &#8220;I Ging&#8221; (wörtlich: &#8220;Buch der Wandlungen&#8221;) handelt es sich um einen jahrtausendealten philosophischen Text, der auch als Orakelbuch gedeutet wird und mit dem viele Chinesen bis heute in die Zukunft zu blicken hoffen. Doch der Besuch macht deutlich, dass hinter den scheinbar gemeinnützigen Verbänden eine Firma steckt, die für Feng-Shui-gläubige Bauherren die Kraftfelder der Erde vermisst oder I-Ging-überzeugten Chinesen ihr Schicksal auslegt &#8211; gegen eine &#8220;Aufwandspauschale&#8221;, wie Pei es nennt.</p>
<p>Egal, was man von Pei und seinen Geschäften hält, &#8220;Aufwandspauschalen&#8221; konnte er in den letzten Tagen jedenfalls viele kassieren, wie auch Tausende andere &#8220;Großmeister&#8221;, die in China ihre Dienste als Kenner traditioneller Wissenschaften anbieten. Denn am gestrigen 14. Februar haben die Chinesen ihr nach dem Mondkalender festgelegtes Neujahrsfest gefeiert. Viele versuchten vorher mit Hilfe von Feng-Shui-Meistern oder I-Ging-Auslegern gute Vorzeichen zu schaffen. &#8220;Wir helfen den Menschen, die Potenziale zu nutzen, die in ihrer Natur veranlagt sind&#8221;, erklärt Meister Ma, der sich als Taoist und I-Ging-Kenner bezeichnet. Traditionell glauben Chinesen nämlich, dass der Lauf des Schicksals nicht fest ist, sondern sich steuern lässt. Ihre Götter und Geister wandern nicht auf unergründlichen Pfaden, sondern gleichen eher Geschäftspartnern, mit denen man kooperieren kann. Je nach Aufwand kostet eine Götterbeschwichtigung bei Meister Ma monatlich bis zu 1000 Yuan (100 Euro).</p>
<p>Die Mehrheit der Chinesen ist allerdings mit weitaus geringerem finanziellem Aufwand ins neue Jahr gestartet, wenn auch nicht ohne Beachtung Dutzender Glücksregeln, die in China zum Neujahrsfest gehören wie im Westen der Tannenbaum zu Weihnachten. Am chinesischen Silvesterabend werden traditionell Teigtaschen gefüllt, und zwar unbedingt eine gerade Anzahl. Außerdem müssen in der Neujahrsnacht neue Unterwäsche und Socken getragen werden. Vor die Türen werden fünf Tage lang rote Laternen gehängt.</p>
<p>Landesweit feierten Menschen mit gewaltigem Feuerwerk den Jahreswechsel. Das soll böse Geister vertreiben und am besten so viel Rauch produzieren, dass noch bei Sonnenaufgang die Schwaden über den Städten hängen. &#8220;Nach der Böllerei zu urteilen, wird es ein gutes Jahr&#8221;, sagt ein Pekinger Feuerwerksverkäufer. Sehr große Bedeutung hat auch der zwölfjährige Tierzyklus: Nach dem Ochsenjahr kommen die Chinesen nun ins Tigerjahr. Für Menschen, die im Jahr des Tigers geboren sind, beginnen damit zwölf gefährliche Monate, denn das eigene Jahr ist nach traditionellem Glauben stets das schlimmste. Um Unglück von sich abzuwenden, sollten sie deshalb am Neujahrsmorgen zwischen sieben und neun Uhr etwas Rotes anziehen und fortan für den Rest des Jahres stets etwas Rotes am Leibe tragen.</p>
<p>Vor allem rote Unterhosen haben deshalb derzeit reißenden Absatz. Auch der Bewegungsradius der ersten Tage des Jahres ist streng geregelt. Weite Reisen sollten vermieden werden. Außerdem sollte man im ersten Monat nicht zum Friseur gehen, denn damit könnte man den Tod eines Verwandten bewirken. Am zweiten Tag des zweiten Mondmonats haben die Friseurläden dafür dann Hochbetrieb, weil an diesem Tag &#8220;der Drache den Kopf hebt&#8221; &#8211; und damit auch die Menschen sich eine neue Frisur zulegen sollten. Häufig werden Neujahrsausflüge genutzt, um den Göttern konkrete Wünsche zu übermitteln. So besuchen Pekinger den Lingguang-Tempel, um dort eine Karriere zu erbitten, oder den Guanji-Tempel, wenn es Eheprobleme gibt. Im Fayuan-Tempel kann man sich Kinder wünschen und im Tempel des Weißen Turms Gesundheit &#8211; weswegen es nebenan reihenweise Apotheken gibt, die auch an Feiertagen öffnen.</p>
<p>Kaum einer weiß noch, woher diese Bräuche kommen, doch viele Chinesen beachten sie, zumindest am Jahresanfang. Und die professionellen Glücksingenieure sorgen dafür, dass die Bräuche aufrechterhalten werden. &#8220;Ich weiß, dass nicht alle Menschen uns ernst nehmen&#8221;, sagt Ma. Aber schon die Existenz der Branche sei ein Beweis dafür, dass sie den Menschen praktischen Nutzen bringe. &#8220;Bei mir bekommen sie die Gewissheit, dass ihr Schicksal in guten Händen ist&#8221;, sagt er.</p>
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		<title>Morgen kommt der Weihnachtsgreis</title>
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		<pubDate>Wed, 23 Dec 2009 16:39:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Auch die Chinesen haben Weihnachten mittlerweile in ihren Jahreskalender aufgenommen - als exotisches Konsumfest.</h3>
Was es mit den Adventskränzen auf sich hat, ist Frau Zhou bis heute ein Rätsel. Aber was soll's, solange man damit Geld verdienen kann. Vor drei Jahren entdeckte die Blumenhändlerin im Pekinger Stadtteil Chaoyang, wo viele Europäer und Amerikaner leben, dass einige Konkurrenten Nadelzweigkränze mit Schleifen und Kerzen ins Angebot genommen hatten. "Also habe ich auch begonnen, solche Kränze zu binden", erzählt die Floristin. Doch seltsamerweise blieb sie auf ihren Gewinden sitzen. Erst nach einigen Wochen wurde Zhou auf ihren Fehler aufmerksam gemacht...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Auch die Chinesen haben Weihnachten mittlerweile in ihren Jahreskalender aufgenommen &#8211; als exotisches Konsumfest.</h3>
<p>Was es mit den Adventskränzen auf sich hat, ist Frau Zhou bis heute ein Rätsel. Aber was soll&#8217;s, solange man damit Geld verdienen kann. Vor drei Jahren entdeckte die Blumenhändlerin im Pekinger Stadtteil Chaoyang, wo viele Europäer und Amerikaner leben, dass einige Konkurrenten Nadelzweigkränze mit Schleifen und Kerzen ins Angebot genommen hatten. &#8220;Ich habe mich erkundigt und erfahren, dass Ausländer diese Gestecke im Winter gerne kaufen, weil sie irgendwas mit Weihnachten zu tun haben&#8221;, erzählt die Floristin. &#8220;Also habe ich auch begonnen, solche Kränze zu binden.&#8221;</p>
<p>Doch seltsamerweise blieb sie auf ihren Gewinden sitzen. Erst nach einigen Wochen wurde Zhou auf ihren Fehler aufmerksam gemacht: Statt vier hatte sie nur drei Lichter aufgesteckt. &#8220;Drei fand ich schöner, und billiger war es auch&#8221;, rechtfertigt sie sich. &#8220;Wie kann man ahnen, dass Ausländer ausschließlich Kränze mit vier Kerzen wollen?&#8221; Seitdem produziert auch Frau Zhou normgerechten Adventsschmuck &#8211; und macht damit in der Weihnachtszeit ein gutes Extrageschäft. So wie die Blumenhändlerin gehen viele Chinesen mit Weihnachten um, sie nehmen es mit, ohne recht zu verstehen, was es damit eigentlich auf sich hat. Traditionell spielt das Weihnachtsfest in China schließlich keine Rolle.</p>
<p>Da in Großstädten westliche Trends gerne imitiert werden, ist das christliche Fest der Liebe für wohlhabende Chinesen ein willkommener Anlass, es sich wieder einmal gut gehen zu lassen. Weihnachten feiern heißt konsumieren. Einkaufszentren drapieren dafür Tannenbäume und Rentierschlitten in die Schaufenster oder setzen ihren Angestellten rotweiße Mützen auf. Liebespaare nutzen Weihnachten als Anlass für romantische Rendezvous bei Kerzenschein, bevorzugt in einem westlichen Lokal oder Coffeeshop. Restaurants werben um Kunden, indem sie Girlanden und Nikoläuse aufhängen oder Kunstschnee an die Scheiben sprühen. Da der Schmuck oft das ganze Jahr über hängen bleibt und je nach Saison um chinesische Neujahrsscherenschnitte, Valentinsherzen und Halloweenmasken ergänzt wird, erscheinen manche Lokale geradezu als Museen einer globalisierten Feiertagskultur. Auch Chinas Staatsfernsehen nimmt im Dezember westliche Weihnachtsfilme ins Programm. Radiosender legen &#8220;Jingle Bells&#8221; auf und klären ihre Hörer darüber auf, was es mit Rudolph, dem rotnasigen Rentier auf sich hat.</p>
<p>Fortschrittliche Kindergärten oder Grundschulen inszenieren sogar eigene Bescherungen, um den Kindern westliche Traditionen nahezubringen. &#8220;Weihnachten ist eine Möglichkeit, den Kindern zu erklären, wie das Leben außerhalb Chinas ist&#8221;, erklärt die Pekinger Kindergärtnerin Mao Hua. Der Schüler Wang Jiayi erzählt, ihm sei Weihnachten zum ersten Mal in einem Zeichentrickfilm begegnet. &#8220;Da kam ein Mann mit rotem Mantel und langem Bart und hat Geschenke unter einen geschmückten Baum gelegt&#8221;, erinnert sich der Achtjährige. &#8220;Shengdanjie Laoren&#8221; nennen die Chinesen den Paten des Spektakels wörtlich: &#8220;Weihnachtsgreis&#8221;.</p>
<p>Dass Weihnachten in der Volksrepublik vor allem als Kauffest wahrgenommen wird, könnte dem Westen zu denken geben: Schließlich machen die Chinesen nur nach, was sie im Ausland sehen. Außerdem bemerken chinesische Unternehmen die weltweite Konsumbereitschaft zur Weihnachtszeit in ihren Auftragsbüchern. China ist längst ein fester Bestandteil in der globalen Christkindindustrie. Ein großer Teil der Geschenke, die unter die Tannenbäume gelegt werden, sind Made in China.</p>
<p>In der vergangenen Woche vermeldete die Nachrichtenagentur Xinhua, China habe allein im Monat Oktober 58 456 Tonnen Weihnachtsartikel im Wert von 157 Millionen Dollar exportiert. Allerdings gibt es auch Chinesen, für die Weihnachten mehr ist als Kitsch und fremdländische Folklore. Obwohl die Kommunistische Partei das Volk seit nunmehr sechzig Jahren zum Atheismus zu erziehen versucht, verzeichnen die Religionen auch in China eine Renaissance. Inzwischen wird die Zahl der chinesischen Christen auf 50 bis 130 Millionen Menschen geschätzt &#8211; und viele von ihnen sind mehr als Christnachtkirchgänger. Die Mehrheit der chinesischen Gläubigen gehören sogenannten Untergrund- oder Hauskirchen an, weil sie sich nicht der offiziellen, streng kontrollierten Staatskirche anschließen wollen.</p>
<p>Dafür nehmen sie oft harte Sanktionen in Kauf. Im vorigen Jahr zählte die christliche Organisation &#8220;China Aid Association&#8221; 2 027 Fälle von Repressionen gegen Christen. 2009 dürfte diese Zahl weiter ansteigen, weil die Regierung ihr Vorgehen gegen inoffizielle Religionsgemeinschaften zuletzt stark verschärft hat. &#8220;Die Partei sieht die Religion grundsätzlich als Feind und hat panische Angst vor Organisationen, die sie nicht kontrollieren kann&#8221;, sagt der Pekinger Menschenrechtsanwalt Li Fangping. &#8220;Deshalb können viele Menschen ihre Religion nur in der Illegalität ausleben.&#8221;</p>
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		<title>Ein Gott für alle Fälle</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Jul 2009 22:43:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Der Dalai Lama ist eine Jahrhundertpersönlichkeit. Alle großen Themen unserer Zeit spiegeln sich in ihm wider. Porträt einer globalen Projektionsfläche.</h3>
<img class="alignleft size-full wp-image-1354" title="Dalai Lama" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/07/a_DalaiLama4.jpg" alt="Dalai Lama" width="126" height="172" />Vor einigen Wochen servierte der Dalai Lama in einem US-amerikanischen Obdachlosenheim das Mittagessen. Es gab Pasta mit Pesto und dazu eine Kostprobe, warum der 74-jährige Mönch einer der beliebtesten Menschen des Planeten ist. "Wissen Sie, ich bin auch heimatlos", scherzte er in die Runde der Penner und lachte dabei so herzlich und mitreißend, dass selbst diejenigen einstimmten, die weder sein holpriges Englisch noch die Anspielung auf sein Exil verstanden hatten. In der Regel sind derartige Suppenküchentermine das Spielfeld von Politikern im Wahlkampf oder Promis bei der Imagesanierung. Doch das tibetische Religionsoberhaupt absolviert sie mit der gleichen Ernsthaftigkeit. Seit fünf Jahrzehnten ist sein Leben eine einzige Öffentlichkeitskampagne für sich und seine Sache: die politische oder zumindest kulturelle Freiheit der Tibeter...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Dalai Lama ist eine Jahrhundertpersönlichkeit. Alle großen Themen unserer Zeit spiegeln sich in ihm wider. Porträt einer globalen Projektionsfläche.</h3>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-1354" title="Dalai Lama" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/07/a_DalaiLama4.jpg" alt="Dalai Lama" width="126" height="172" />Vor einigen Wochen servierte der Dalai Lama in einem US-amerikanischen Obdachlosenheim das Mittagessen. Es gab Pasta mit Pesto und dazu eine Kostprobe, warum der 74-jährige Mönch einer der beliebtesten Menschen des Planeten ist. &#8220;Wissen Sie, ich bin auch heimatlos&#8221;, scherzte er in die Runde der Penner und lachte dabei so herzlich und mitreißend, dass selbst diejenigen einstimmten, die weder sein holpriges Englisch noch die Anspielung auf sein Exil verstanden hatten.</p>
<p>In der Regel sind derartige Suppenküchentermine das Spielfeld von Politikern im Wahlkampf oder Promis bei der Imagesanierung. Doch das tibetische Religionsoberhaupt absolviert sie mit der gleichen Ernsthaftigkeit. Seit fünf Jahrzehnten ist sein Leben eine einzige Öffentlichkeitskampagne für sich und seine Sache: die politische oder zumindest kulturelle Freiheit der Tibeter.</p>
<p>Diese Woche macht er wieder einmal in Deutschland Station, und wie immer, wenn der Dalai Lama in Erscheinung tritt, wird auch hier viel gelacht werden. Humor gehört zu seiner Lehre wie Buddhas und Mandalas. &#8220;Die Kunst des Lebens&#8221;, lautet das Motto seiner viertägigen Unterweisung in der Frankfurter Commerzbank-Arena. Wo sonst Fußballspiele oder Popkonzerte stattfinden, versprechen die Veranstalter nun &#8220;einen Impuls, der Ihnen neue Kraft im Alltag gibt&#8221;. Neben Buddhismus spricht der Dalai Lama auch über Hirnforschung, die Wirtschaftskrise, Klimawandel und Armutsbekämpfung. Diese Mischung aus Spiritualität, Politik und Wissenschaft ist ein bewährtes Programm, mit dem der Friedensnobelpreisträger schon in dutzenden Stadien vor Millionen Menschen aufgetreten ist. Der bescheidene Mann in der roten Kutte und der zeitlos unmodischen Brille hat alles, was einen Superstar ausmacht und gilt trotzdem als Gegenentwurf zum globalen Entertainment- und Erleuchtungszirkus.</p>
<p>Denn der Dalai Lama ist eine Jahrhundertpersönlichkeit. Alle großen Themen unserer Zeit spiegeln sich in ihm wider. Dass er 1959 vor den Kommunisten aus seiner Heimat ins indische Exil floh, machte ihn zu einer Symbolgestalt des Kalten Kriegs und gleichzeitig zu einer Ikone des Pazifismus. Dank seines persönlichen Charismas und Engagements wurde die Tibetfrage nicht nur zu einem Konflikt von weltpolitischer Bedeutung, sondern auch zu einem Exempel, an dem sich die Meinungen darüber bilden, wie sich westliche Wertevorstellungen über Menschenrechten und Demokratie mit den wirtschaftlichen und politischen Zwängen der Globalisierung vereinbaren lassen. Er symbolisiert den Kampf der Armen und Schwachen gegen die Reichen und Mächtigen. Er verkörpert die moderne Sinnsuche zwischen Religion und Wissenschaft. Er steht für die Probleme, Tradition und Fortschritt miteinander zu vereinbaren. Der Dalai Lama ist ein Mikrokosmos der großen Fragen der Moderne.</p>
<p>Er hat sich diese Rolle nicht selbst gewählt. Aber er füllt sie perfekt aus. 1935 unter dem Namen Lhamo Dhondrub als Sohn armer Bauern geboren, wurde er im Alter von zwei Jahren als 14. Reinkarnation des Dalai Lama ausgewählt, des religiösen und politischen Oberhaupts der Tibeter. In Lhasa wurde er einer strengen religiösen Erziehung unterworfen. Als er gerade fünfzehn war, gliederte Mao Zedong Tibet in die Volksrepublik China ein. Der große Vorsitzende umschmeichelte den jungen Geistlichen und versuchte ihn zum Kommunismus zu bekehren, zunächst sogar mit Erfolg. Doch als der Dalai Lama erkannte, wie der real existierende Sozialismus die Kultur seiner Heimat umzukrempeln versuchte, wurde er zum Anwalt der tibetischen Selbständigkeit. Für Peking wurde er damit zur Feindfigur, und als die Volksbefreiungsarmee im März 1959 einen Tibeteraufstand brutal niederschlug, überredete ihn seine Gefolgschaft zur Flucht nach Indien, wo er im Bergdorf Dharamsala eine Exilregierung gründete.</p>
<p>Unter normalen Umständen hätte die tibetische Unabhängigkeitsbewegung dort wohl ein schnelles und ruhmloses Ende gefunden. Denn Tibets jahrhunderte altes Feudalsystem passte eigentlich so wenig in die moderne Welt, dass es bisweilen sogar mit der Mullah-Herrschaft im Iran verglichen wird &#8211; eine Parallele, mit der sich vergangenes Jahr eine deutsche Politikerin der Linken bei einer Debatte in der Hamburger Bürgerschaft unrühmliche Minutenprominenz verschaffte. Schließlich ist es dem Dalai Lama gelungen, das de facto entmachtete Herrschaftssystem so zu reformieren, dass es heute wie eine Demokratie mit tibetischen Traditionen erscheint. Im Westen erwies sich die Mischung aus antikommunistischem Widerstandskampf, buddhistischer Kultur und Himalaja-Romantik als interessante Nebenhandlung der großen Weltpolitik und der Dalai Lama als eine Persönlichkeit, mit der sich Prominente und Politiker gerne umgaben und den sie bereitwillig &#8220;Eure Heiligkeit&#8221; nannten.</p>
<p>Der in weitgehender Isolation aufgewachsene Mönch entpuppte sich schnell als medienpolitisches Ausnahmetalent und als das einzige Original in einer Welt voller Selbstdarsteller und Möchtegerns. Nie erlag er der Versuchung, sich als Missionar zu betätigen. Bei seinen Veranstaltungen weist er bis heute stets darauf hin, dass die Menschen ihren spirituellen Halt lieber in ihren eigenen Religionen und Traditionen suchen sollten, statt ihre Hoffnungen in eine neue Glaubensrichtung zu setzen.So ist der Dalai Lama zu einem Gott für alle Fälle geworden, zu einer Projektionsfläche, die jeder nach Belieben benutzen darf und die stets Wärme und Freundlichkeit zurückstrahlt selbst nach China, wo ihn die Regierung als &#8220;Separatisten&#8221;, &#8220;Wolf in der Mönchskutte&#8221; oder schlicht &#8220;Bestie &#8221; betitelt.</p>
<p>Nicht nur für die Tibeter ist er eine Identifikationsfigur. Globalisierungsgegner sehen in ihm ebenso ein Vorbild wie Manager. Auch Politiker sonnen sich gerne in seinem Schein und nehmen gerne Pekings Zorn in Kauf, wenn sie dafür bei der eigenen Bevölkerung punkten können. Denn egal ob links oder rechts mit dem Dalai Lama kann man nichts falsch machen. Er erscheint als zeitgemäße Alternative zum Papst: weltumarmend statt dogmatisch, tolerant statt drohend, liebend, ohne Forderungen zu stellen. Zwar kritisiert er gerne die westlichen Konsumgesellschaften, aber stets nur so, dass es nicht weh tut, sondern höchstens wohlig kribbelt. Jeder darf seine Lehre als Open-Source-Religion betrachten und sich ihrer bedienen, wie es ihm gefällt. Das ist seine Art, eine Veränderung der bestehenden Verhältnisse zu versprechen: nicht durch gesellschaftliche Umbrüche, sondern durch die Verbesserung der persönlichen Befindlichkeit. Die Revolution findet im Kopf statt.</p>
<p>Denn wirkliche Antworten oder Lösungen für die großen Fragen, die er verkörpert, hat er nicht. Was er bei seinen Auftritten sagt und in seinen Büchern schreibt, geht kaum über die Allerweltsweisheiten hinaus, mit denen einem auch Küchenkalender, Esoterik-Ratgeber oder Frauenzeitschriften den Weg durchs Leben weisen. Trotzdem klingen sie aus seinem Mund nicht platt. Er rezitiert sie mit einer Leichtigkeit, die jedes Pathos abschüttelt und keinen Zweifel an seiner Authentizität zulässt. Denn der Dalai Lama ist eine Figur, wie sie die Welt wohl noch nie gesehen hat: Ein tragischer Held, der sein Schicksal nicht schwer nimmt.</p>
<p>Sicherlich weiß er, dass das internationale Interesse für die Sache der Tibeter ihn wohl nicht lange überleben wird. Die Tibet-Bewegung war immer auch eine Dalai-Lama-Fan-Bewegung. Doch obwohl seine Mission, Tibet aus der chinesischen Herrschaft zu befreien oder den Kommunisten zumindest eine weitgehende kulturelle Autonomie abzuringen, gescheitert ist und er seine Heimat wohl nie wieder sehen wird, ist ihm das Lachen nie vergangen.</p>
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		<title>Die besten Bomben</title>
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		<pubDate>Sat, 04 Jul 2009 13:35:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>In China gelten Männer, die Süßigkeiten essen, als degeneriert. Dabei könnten französische Törtchen womöglich den nordkoreanischen Atomkonflikt lösen.</h3>
<img class="alignleft size-medium wp-image-1261" title="Windbeutel" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/07/creme_puff2-300x237.jpg" alt="Windbeutel" width="162" height="128" />In meiner Pekinger Nachbarschaft hat kürzlich eine französische Bäckerei eröffnet. Ich bin zweifellos einer ihrer besten Kunden, aber noch häufiger als ich kommen die Diplomaten der nahen nordkoreanischen Botschaft. Wann immer ich meine Mandel- oder Schokocroissants kaufe, sitzen dort mehrere Männer mit den unverkennbaren roten Kim-Jong-il-Ansteckern bei Törtchen und Cappuccino...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>In China gelten Männer, die Süßigkeiten essen, als degeneriert. Dabei könnten französische Törtchen womöglich den nordkoreanischen Atomkonflikt lösen.</h3>
<p><img class="alignleft size-medium wp-image-1261" title="Windbeutel" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/07/creme_puff2-300x237.jpg" alt="Windbeutel" width="162" height="128" />In meiner Pekinger Nachbarschaft hat kürzlich eine französische Bäckerei eröffnet. Ich bin zweifellos einer ihrer besten Kunden, aber noch häufiger als ich kommen die Diplomaten der nahen nordkoreanischen Botschaft. Wann immer ich meine Mandel- oder Schokocroissants kaufe, sitzen dort mehrere Männer mit den unverkennbaren roten Kim-Jong-il-Ansteckern bei Törtchen und Cappuccino.</p>
<p>Vermutlich bezahlen sie ihren Kaffeeklatsch von den internationalen Hilfsgeldern, die ihr „Geliebter Führer“ mit seinen Atomwaffen erpresst. Aber beim Bäcker ist mir das egal. Dort sehe ich die Nordkoreaner als Leidensgenossen und Verbündete – als Männer, die wie ich gerne Kuchen essen, und damit in China einen schweren Stand haben.</p>
<p>Chinesen halten männliche Süßmäuler für degeneriert. Wenn ich mir nach dem Essen die Frage nach einem Nachtisch nicht verkneifen kann, muss ich mir anhören, ich ernähre mich wie ein kleines Mädchen. In der Regel ist der Blick auf die Dessertkarte in China ohnehin vergeblich. Obwohl die Chinesen sicherlich über die vielseitigste und raffinierteste Küche der Welt verfügen, ist ihre Zivilisation in Bezug auf Süßspeisen kurz nach der Steinzeit stecken geblieben.</p>
<p>Natürlich sehen Chinesen das vollkommen anders. Als ich seinerzeit in Peking studierte und mir in der Pause gelegentlich einen Schokoriegel genehmigte, fragte mich die Dozentin besorgt, ob alles in Ordnung sei. „Wenn Männer Süßigkeiten essen, ist das ein Zeichen für psychische Probleme“, erklärte sie mir. Ich entgegnete, in Deutschland äßen alle Männer Süßes, worauf sie mitleidig nickte. In den folgenden Monaten schnitt mir die Dozentin in regelmäßigen Abständen Zeitungsartikel zu „meinem Problem“ aus. Darin argumentierten Mediziner und Psychologen, Appetit auf Süßes sei bei Männern ein Symptom für eine traumatische Kindheit, mangelnde Zuneigung oder ein zerrüttetes Privatleben. Auf meine Feststellung, die Häufigkeit der Beiträge lege den Schluss nah, dass zuckerinduzierte Männerpsychosen in China offenbar ein besorgniserregender Trend sei, seufzte die Dozentin und murmelte etwas Trauriges über die „Einflüsse des Westens“.</p>
<p>Kann es wirklich sein, dass Süßigkeiten ein Volk seiner Seele berauben und eine Kultur in die Knie zwingen können? In Hinblick auf Nordkorea wäre das eigentlich wünschenswert. Würden die Herrscher weniger die harten Männer markieren und mehr wie kleine Mädchen fühlen, wäre der Atomkonflikt gelöst. Womöglich ist die Bäckerei ja ein Geniestreich französischer Geheimagenten, die Nordkoreas Betonköpfe mit Baisers und Eclairs verweichlichen (und nebenbei die Hilfsgelder einsacken). Jedenfalls wirken die Nordkoreaner im Café wie nette Kerle, die längst kapiert haben, dass französische Kalorienbomben die einzigen Bomben sind, für die man wirklich sterben möchte.</p>
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		<title>Die Buddha-Bar</title>
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		<pubDate>Mon, 22 Jun 2009 02:50:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Tradition]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Buddhistische Mönche betreiben in Tokio eine Kneipe. Sie wollen zeigen, dass Spiritualität und Spaß gut zusammenpassen.</h3>
<img class="alignleft size-medium wp-image-1237" title="Gugan Gaguchi (Copyright: Martin Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/06/gugan_taguchi-250x300.jpg" alt="Gugan Gaguchi (Copyright: Martin Gottske)" width="150" height="180" />Donnerstagabend, kurz nach zehn. Aus den Lautsprechern sprudelt Jazz, und der blinde Mönch an der Theke lauscht, wie sich John Coltranes Saxofon in die Stimmen seiner Gäste webt. Knapp zwei Dutzend sind gekommen, und wenn einer aufsteht, muss sich die Hälfte des Raumes mit ihm erheben, so eng ist es. Ursprünglich war die Vowz-Bar ein Einzimmerapartment im zweiten Stock eines Hauses in Tokios Stadtteil Shinjuku. Doch nun steht an der Stelle des Bettes eine Theke, auf der neben den Sakeflaschen auch ein paar Bände buddhistischer Schriften ausliegen. An den Wänden hängen Gebetswimpel und Kalligrafien, und in der hinteren Ecke sitzt ein Bronzebuddha, vor dem Räucherstäbchen ihren Sandelholzduft in den Zigarettenqualm mischen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Buddhistische Mönche betreiben in Tokio eine Kneipe. Sie wollen zeigen, dass Spiritualität und Spaß gut zusammenpassen.</h3>
<p><img class="alignleft size-large wp-image-1239" title="Gugan_Taguchi_(Copyright Martin Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/06/vowz_bar_1-1024x680.jpg" alt="Gugan_Taguchi_(Copyright Martin Gottske)" width="430" height="286" />Donnerstagabend, kurz nach zehn. Aus den Lautsprechern sprudelt Jazz, und der blinde Mönch an der Theke lauscht, wie sich John Coltranes Saxofon in die Stimmen seiner Gäste webt. Knapp zwei Dutzend sind gekommen, und wenn einer aufsteht, muss sich die Hälfte des Raumes mit ihm erheben, so eng ist es. Ursprünglich war die Vowz-Bar ein Einzimmerapartment im zweiten Stock eines Hauses in Tokios Stadtteil Shinjuku. Doch nun steht an der Stelle des Bettes eine Theke, auf der neben den Sakeflaschen auch ein paar Bände buddhistischer Schriften ausliegen. An den Wänden hängen Gebetswimpel und Kalligrafien, und in der hinteren Ecke sitzt ein Bronzebuddha, vor dem Räucherstäbchen ihren Sandelholzduft in den Zigarettenqualm mischen.</p>
<p>Der Buddha ist hier nicht Dekoration, sondern der Hausherr. „Bar und Buddha sind für mich kein Widerspruch&#8221;, sagt der Vowz-Gründer Gugan Taguchi, der blinde Mönch. „Ich finde, sie passen sogar ziemlich gut zusammen.&#8221; Warum gehen Menschen in den Tempel?, fragt er. „Weil sie nach Glück suchen.&#8221; Und in die Kneipe? Aus dem gleichen Grund. „Warum sollte man das also nicht verbinden?&#8221;</p>
<p>Auf den ersten Blick scheint Taguchi mit seinen Gästen wenig gemein zu haben. Während die Kundschaft mit Anzug und geöffnetem Krawattenknoten Bier trinkt, trägt Taguchi eine schwarze Robe und eine Gebetskette. Dabei war er früher selbst ein Salaryman, ein Gehaltsempfänger, dessen Leben nach dem gleichen Muster ablief wie das der meisten Japaner: früh ins Büro, spät in den Feierabend, auf dem Heimweg ein paar Drinks. Doch dann riss ihn eine Augenkrankheit aus seinem Trott. Mit Ende 20 war er arbeitsunfähig, heute ist es um ihn fast vollkommen dunkel. Der Schlag zwang ihn zur inneren Einkehr, und so wandte er sich dem Buddhismus zu.</p>
<p>„Ich begann, in meinem neuen Leben auch gute Seiten zu sehen&#8221;, sagt Taguchi. „Viele Menschen suchen nach Spiritualität, aber ihnen fehlt die Zeit, um zur Ruhe zu kommen.&#8221; Wo es in der modernen Welt noch Religion gebe, da werde sie mehr konsumiert als wirklich gelebt, findet er. In Japan sei dieser Trend besonders stark, weil sich die Glaubensrichtungen nie so exklusiv gegeneinander abgegrenzt haben wie in anderen Kulturen. Umfragen zufolge bezeichnen sich 80 Prozent der Japaner als Anhänger der traditionellen Shinto-Religion, aber gleichzeitig sehen sich 75 Prozent als Buddhisten.</p>
<p>Zusammen mit Christen, Atheisten und anderen Glaubensrichtungen verschreibt jeder Japaner seine Seele statistisch gesehen gleich zwei Religionen. Doch mehr als ein paar Rituale zu Feiertagen oder Beerdigungen bekommen sie davon kaum noch mit. „Ich kann verstehen, warum junge Leute sich nicht mehr für den Buddhismus interessieren&#8221;, sagt Taguchi. „Deswegen wollte ich einen neuen Zugang schaffen.&#8217;</p>
<p><img class="alignleft size-large wp-image-1242" title="vowz_bar_2" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/06/vowz_bar_2-1024x680.jpg" alt="vowz_bar_2" width="491" height="326" />Als er sich vor fünf Jahren entschied, eine Bar zu eröffnen, erntete er zunächst Unglauben. Doch schon bald erkannten auch andere Buddhisten, dass es nicht schaden kann, zurück in die Gesellschaft zu gehen, statt zu warten, bis diese wieder in den Tempel kommt. Immerhin leiden viele von Japans 75 000 buddhistischen Gebetsstätten unter finanziellen Schwierigkeiten. Nebengeschäfte sind da höchstwillkommen. So eröffnete Tokios Baijozan Komyoji Tempel vor seiner Haupthalle ein Café. Der Zendoji-Tempel in Kyoto betreibt einen Schönheitssalon, und im Tokioer Jazz-Club Chippie treten neben Saxofonisten auch Mönche auf, die in Sanskrit Sutren singen.</p>
<p>Taguchi findet das nur natürlich. „Früher sind die Menschen nicht nur in spirituellen Fragen zum Tempel gegangen, sondern wegen aller möglicher Anliegen&#8221;, sagt er. „Heute ist das halt eher eine Bar.&#8221; Er unterhalte sich mit den Menschen nicht nur über Spirituelles. Je nach Gemütslage hält sein Barmann für sie besondere Cocktails bereit, die er mit der Sorgfalt eines Apothekers mixt. „Liebe ist die Hölle&#8221; heißt eine Spezialität des Hauses, andere nennen sie „Heiße Hölle&#8221;. „Man muss durch die Hölle gehen, um ihr zu entkommen&#8221;, sagt Taguchi und lässt offen, ob das eine buddhistische Weisheit oder ein Stammtischwitz ist. Im Zweifel beides.</p>
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		<title>Das letzte Geschäft</title>
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		<pubDate>Mon, 18 May 2009 23:32:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Tod]]></category>
		<category><![CDATA[Tradition]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Vom Tod lässt sich gut leben: Eine Bestattungsmesse in Hongkong zeigt die neuesten Trends der Beerdigungsindustrie.</h3>
Der Tod gehört zum Leben wie die Geburt, nur sorgt er meist für weniger Freude. Es sei denn, man hat den Sensenmann als Arbeitgeber. Dann kann man mit der Vergänglichkeit leicht seinen Frieden machen, und unter Umständen sogar ein Vermögen verdienen. Wie das geht, darüber tauschte sich die Branche kürzlich in Hongkong aus, bei der Asiatischen Bestattungsmesse...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Vom Tod lässt sich gut leben: Eine Bestattungsmesse in Hongkong zeigt die neuesten Trends der Beerdigungsindustrie.</h3>
<p>Der Tod gehört zum Leben wie die Geburt, nur sorgt er meist für weniger Freude. Es sei denn, man hat den Sensenmann als Arbeitgeber. Dann kann man mit der Vergänglichkeit leicht seinen Frieden machen, und unter Umständen sogar ein Vermögen verdienen. Wie das geht, darüber tauschte sich die Branche dieser Tage in Hongkong aus, bei der Asiatischen Begräbnismesse. Da reiche Chinesen, Japaner oder Koreaner für ihre Beerdigungen mehr bezahlen als diesseitsorientierte Europäer oder Amerikaner, gilt die Messe als eines der wichtigsten Treffen des Totengewerbes. Schon der Rahmen machte deutlich, dass die Industrie weiß Gott kein Schattendasein führen will: Das Hongkonger Ausstellungszentrum gehört zu den teuersten der Welt. In den Räumlichkeiten, in denen kürzlich noch Sothebys seine Frühjahrsauktion für exquisite Kunst und Antiquitäten abhielt, stehen nun Särge, Urnen und Grabsteine – oder so sieht es zumindest aus, wenn man nicht weiß, dass auch das Bestattungswesen von technologischem Fortschritt, innovativem Design und kundenfreundlichen Dienstleistungen lebt.</p>
<p>„Die Konsumenten werden immer anspruchsvoller“, erklärt Fred Liu, Geschäftsführer der chinesischen Firma „Dingcheng Religionsbedarf“, einem der über 150 Aussteller. An seinem Stand hängen Kruzifixe, Davidssterne, Allah-Schriftzüge und Buddhafiguren einträchtig nebeneinander. „In einem modernen Begräbnis müssen Tradition, Fortschritt und Individualität vereint sein“, sagt Liu. Zu seinen Messeneuheiten gehören Geldscheine aus Bambuspapier, das beim Verbrennen – ein wichtiger Bestandteil chinesischer Beerdigungszeremonien – keinen hässlichen Rauch produziert und vollständig weiße Asche hinterlässt. Mit solchen grünen Produkten liegt Liu voll im Trend. „Umweltfreundliche Begräbnisse sind sehr angesagt“, meint Allen Chu, Manager von Lunen Handicraft, einem Unternehmen für Särge aus Pappe oder Korbgeflecht. „So entstehen beim Verbrennen weniger Schadstoffe.“ Gleich mehrere Firmen versuchen sich dem Trend anzuschließen, etwa mit biologisch abbaubaren Urnen, die in der Erde zu Dünger werden.</p>
<p>Da nicht nur Fachleute, sondern auch interessierte Laien &#8211; und künftige Kunden – zur Messe kommen, haben die Veranstalter einen Infosarg aufgebaut, in dem ein Film die Besucher darüber aufklärt, welchen Aufwand der Tod nach sich zieht. Für die Warteschlange sind Bänke aufgestellt, denn viele der Interessenten sind schon lange nicht mehr gut zu Fuß. „Kannst gleich liegen bleiben“, lautet der Standardwitz bei der Sarganprobe. Dabei sollen Besucher vor allem mit dem Bewusstsein nach Hause gehen, dass sie ihr Restleben nutzen sollten, um ihren Tod im Detail vorzubereiten, schon um zu verhindern, dass die Nachfahren dann bei einigen der teuren Extras sparen, beim letzten Make-up etwa, oder beim Parfüm, das den Leichengeruch verschwinden lässt.</p>
<p>Zu den Hauptattraktionen gehört der Stand der Schweizer Firma Algordanza, die aus der Asche von Toten Diamanten presst. „Jeder Mensch ist einmalig“, heißt es in einem emotionalen Werbeclip voller Klaviermusik und Lebensfreude. Großeltern toben darin mit ihren Enkeln durch einen Garten, bis die Stimme aus dem Off ihnen die Frage stellt, für wen sie noch da sein werden, wenn sie einmal nicht mehr sind. Eine Reinkarnation als Edelstein, den die Nachkommen als Ring oder an einer Kette tragen können, soll das Problem lösen: „Ein Juwel, so individuell wie ich“, endet die Präsentation. Auf Nachfrage erfährt man, dass das Verfahren die Kosten für die Leichenendlagerung um rund 15.000 Euro erhöht.</p>
<p>Ähnliche Summen muss man einplanen, wenn man sich von der taiwanesischen Firma SKEA ein Haus fürs Jenseits bauen lässt. Nach chinesischem Brauch werden für Tote oft Modelle von allen lebensnotwendigen Gegenständen verbrannt. Nicht nur seinen Namen hat SKEA beim schwedischen Möbelhaus IKEA abgekupfert, sondern auch viele Designs. Die Nachbildungen werden in minutiöser Handarbeit eingerichtet. Möbel, Bettwäsche und Gardinen kann man ebenso auswählen wie die Speisen auf dem Esstisch, das Handymodell oder die Ausstattung der Golftasche. Technikfans können sich sogar einen Hochgeschwindigkeitszug durch ihren Garten fahren lassen. Das hat zwar seinen Preis, aber anders als die vergängliche Bausubstanz des Diesseits wird das Papierhaus schließlich für die Ewigkeit errichtet. „Make it happen“ lautet der Werbespruch, mit dem SKEA seine Kunden ermutigt, sich auch nach dem Tod noch Träume zu erfüllen. Eine Kopie des IKEA-Slogans hätte ebenfalls funktioniert und könnte sogar für die gesamte Messe stehen: Lebst du noch, oder wohnst du schon?</p>
<p>ZUKUNFTSINDUSTRIE TOD</p>
<p>Das Geschäft mit dem Tod ist ein Wachstumsmarkt. Aufgrund der Alterung der Gesellschaft werden in Zukunft immer mehr Menschen sterben. Derzeit segnen in Deutschland jährlich rund 820.000 Menschen das Zeitliche, 2050 werden es ein Viertel mehr sein. Rund 25.000 Menschen arbeiten in Deutschland in den etwa 50 Berufsgruppen, die sich mit dem Ableben beschäftigen, von Kranzbindern und Friedhofsgärtnern über Leichenwäscher und Bestatter bis zu Herstellern von Krematorienöfen und den Herausgebern von Fachmedien. Nach einer Berechnung der Zeitschrift „Friedhofskultur“ machte das Totengewerbe 2006 einen Umsatz von 16 Milliarden Euro. Allerdings ist der Preisdruck auch in der Bestattungsindustrie angekommen. Einer Studie der Verbraucherinitiative Aeternitas zufolge gaben die Deutschen im Jahr 2000 für einen Todesfall noch rund 7500 Euro aus. Im Jahr 2004 waren es nur noch 5800 Euro.</p>
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		<title>Endspiel in Tibet</title>
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		<pubDate>Mon, 09 Mar 2009 05:13:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Bauern]]></category>
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		<category><![CDATA[Tibet]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Am 10. März 1959 erhob sich Tibet gegen die chinesischen Besatzer. 50 Jahre später ist die kulturelle Eigenständigkeit der Einheimischen mehr denn je bedroht.</h3>
<img src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/03/tibet-300x198.jpg" alt="Tibet" title="Tibet" width="300" height="198" class="alignleft size-medium wp-image-972" />Das kleine Wäldchen auf der Bergkuppe sieht nicht nach einem Schlachtfeld aus. "Aber manchmal haben wir hier richtige Gefechte", erzählt ein Bauer aus dem Dorf im Tal, in dem seine Familie dem widerspenstigen Hochland mit Yak- und Schafzucht seit Generationen ein karges Auskommen abringt. "Wenn einer von uns Tibetern zum Holzschlagen geht, greifen die Muslime ihn an", erklärt er, "und wenn einer von denen Bäume fällt, lassen wir uns das natürlich nicht gefallen." 
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Am 10. März 1959 erhob sich Tibet gegen die chinesischen Besatzer. 50 Jahre später ist die kulturelle Eigenständigkeit der Einheimischen mehr denn je bedroht.</h3>
<p><img src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/03/tibet-300x198.jpg" alt="Tibet" title="Tibet" width="300" height="198" class="alignleft size-medium wp-image-972" />Das kleine Wäldchen auf der Bergkuppe sieht nicht nach einem Schlachtfeld aus. &#8220;Aber manchmal haben wir hier richtige Gefechte&#8221;, erzählt ein Bauer aus dem Dorf im Tal, in dem seine Familie dem widerspenstigen Hochland mit Yak- und Schafzucht seit Generationen ein karges Auskommen abringt. &#8220;Wenn einer von uns Tibetern zum Holzschlagen geht, greifen die Muslime ihn an&#8221;, erklärt er, &#8220;und wenn einer von denen Bäume fällt, lassen wir uns das natürlich nicht gefallen.&#8221; Holz zum Heizen und Bauen ist schließlich rar, und beide Seiten kämpfen mit allem, was sie haben: Fäusten, Steinen, Pfeil und Bogen, sogar Gewehren.</p>
<p>Erst vor einigen Monaten prügelten sich zwischen den Bäumen einige hundert Männer. Mehrere wurden verletzt, doch eine friedliche Lösung des Konflikts kann sich keiner vorstellen. &#8220;Der Zwist mit den Muslimen ist Jahrhunderte alt&#8221;, sagt der Tibeter. Auch in den Nachbardörfern käme es regelmäßig zu Schlägereien, mitunter sogar mit tödlichem Ausgang. Es geht um Weidegründe und Wasserquellen, die Höhe von Moscheen und Tempeln oder alte Familienfehden, deren Ursprung kaum noch jemand kennt.</p>
<p>Streit mit anderen Volksgruppen gehört für die Tibeter seit jeher zu den Konstanten ihres Lebens, besonders hier in Qinghai, einer der fünf chinesischen Provinzen mit großem tibetischem Bevölkerungsanteil (neben Tibet, Sichuan, Gansu und Yunnan). Amdo nennen die Tibeter die Region, die einmal den nördlichsten Teil ihres Königreichs darstellte. Sie war einst ihre Verbindung zur Seidenstraße, die seit über 3000 Jahren die Völker und Religionen Asiens miteinander vernetzt.</p>
<p>In Amdo kamen die Tibeter im 8. Jahrhundert erstmals mit dem aus Indien stammenden Buddhismus in Berührung. Hier wurde auch im 14. Jahrhundert Tsongkhapa geboren, der Begründer der Gelbmützen, der einflussreichsten unter den tibetischen Glaubensschulen. Und hier kam 1935 in dem Bauerndorf Taktser, wenige Kilometer von dem umstrittenen Wäldchen entfernt, der Junge Lhamo Dhondrub zur Welt. Das Kind, in dem die Gelbmützen die 14. Wiedergeburt ihres Dalai Lama erkannten. Dort, wo einst dessen Elternhaus stand, erinnert heute ein kleiner Tempel an den berühmten Sohn des Ortes – verborgen hinter hohen Mauern und einem Tor, das für Auswärtige verschlossen bleibt.</p>
<p>Kein Bewohner wagt offen über &#8220;ihn&#8221; zu sprechen, steht er doch im Zentrum eines Kulturkampfes, der die traditionelle Lebensart der Tibeter mehr gefährdet als alle Konflikte zuvor. Doch die Tatsache, dass viele Tibeter sich noch immer heimlich das Bild ihres Dalai Lamas auf den Hausaltar stellen, zeigt, auf welcher Seite sie stehen.</p>
<p>&#8220;Die Tibeter können einfach nicht von ihm lassen&#8221;, sagt ein chinesischer Händler in der Provinzhauptstadt Xining, der unter dem Ladentisch auch Fotos und Plaketten des buddhistischen Religionsoberhauptes verkauft. &#8220;Dabei bereitet er ihnen doch nur Probleme.&#8221;</p>
<p>Doch die Probleme kommen nach Meinung vieler Tibeter nicht aus dem Süden, wo der geflohene Herrscher am Fuße des Himalaya seit 50 Jahren im indischen Exil sitzt. Sie kommen aus der entgegengesetzten Richtung, aus dem Norden. 1950, ein Jahr nach der Gründung der Volksrepublik, ließ Mao Zedong von dort seine Armee ins tibetische Kernland einmarschieren. Auf den Hochebenen des Himalaya sollten die gleichen revolutionären Kräfte walten wie im Rest des Landes. Großgrundbesitzer wurden vertrieben und das Land an die Bauern verteilt. Hunderte Klöster geschleift und die frommen Tibeter, die seit Menschengedenken jeweils einen Sohn zum Mönch auserkoren hatten, in die spirituelle Leere des Atheismus gestoßen.</p>
<p>Womöglich unterlag Mao eine Zeitlang tatsächlich der Illusion, die Tibeter empfänden die chinesische Herrschaft als Befreiung. Doch dann kam der 10. März 1959. Zehntausende Tibeter erhoben sich und der ernüchterte Mao ließ seine Volksbefreiungsarmee die Proteste brutal niederschlagen. Der Dalai Lama floh über die Grenze und gründete dort mit seiner Gefolgschaft in dem Bergdorf Dharamsala eine Exilregierung.</p>
<p>Was ein Regionaldisput hätte bleiben können, wurde damit zum Weltkonflikt. Die Fronten sind scharf und die Sympathien klar verteilt. Der Dalai Lama wirft Peking einen &#8220;kulturellen Genozid&#8221; vor: die systematische Auslöschung der tibetischen Lebensweise durch brutale Repressionen, wirtschaftliche Benachteiligung und die Ansiedlung Hunderttausender Chinesen in den tibetischen Gebieten.</p>
<p>Für seine Forderung nach einem freien oder zumindest weitgehend autonomen Tibet konnte er große Teile der westlichen Öffentlichkeit hinter sich bringen. Pekings Kommunisten halten dagegen mit dem Argument, dass Tibet seit Jahrhunderten Teil des Vielvölkerstaats China gewesen sei. Außerdem habe es durch den Aufschwung der vergangenen Jahrzehnte sehr profitiert. So würden die Tibeter inzwischen mehr verdienen, hätten eine bessere Bildung, medizinische Versorgung und Infrastruktur.</p>
<p>Gut 30 Jahren nach dem Ende der Kulturrevolution sei auch die Religionsfreiheit wiederhergestellt; behauptet Peking. Viele zerstörte Klöster wurden wieder aufgebaut. Dass es trotzdem immer wieder zu Unruhen kommt wie zuletzt im vergangenen März, lastet Peking der &#8220;Dalai-Clique&#8221; an, die Tibet vom Mutterland abtrennen wolle.</p>
<p>Wer jeweils recht hat, lässt sich schwer überblicken. Denn so präsent das Thema Tibet seit 50 Jahren in der Weltöffentlichkeit ist, so isoliert sind die Landstriche, um die sich der Streit dreht. Seit Jahrzehnten sind große Teile der tibetischen Gebiete für Reisende, insbesondere für Ausländer gesperrt. Nach den Unruhen des vergangenen Jahres wurden weitere Regionen abgeriegelt, so dass Tibet derzeit fast unzugänglich ist. Zwar gelang es dem Autor Ende Februar trotzdem, in Qinghai in gesperrte Gebiete zu gelangen und dort mit Mönchen, tibetischen und chinesischen Beamten, Bauern, Nomaden und Geschäftsleuten zu sprechen (zu ihrem Schutz bleiben Namen und Ortschaften ungenannt). Doch mehr als ein bruchstückhaftes Bild vom Alltag der Tibeter kann unter diesen Bedingungen nicht entstehen.</p>
<p>Sicher scheint allerdings: Die traditionelle Lebensart der Tibeter ist im Verfall begriffen – und daran sind nicht nur die Chinesen schuld. Die Einheimischen haben noch ganz andere Probleme: Ihre Nomaden- und Bauernkultur passt schlecht ins Globalisierungszeitalter; das Leben in den Städten lockt die Jugend. &#8220;Zum ersten Mal haben junge Menschen die Möglichkeit, ein anderes Leben zu wählen als ihre Eltern&#8221;, sagt ein Tibeter.</p>
<p>&#8220;Der Reiz des Neuen ist groß, aber auch gefährlich&#8221;, fährt er fort. Denn wer erst einmal das Leben jenseits von Feld und Weide kennengelernt hat, findet selten den Weg zurück. Da die Alten die schwere Landarbeit nicht alleine machen können, sind auch sie über kurz oder lang zum Umzug gezwungen.</p>
<p>Allerdings hält sich die Zahl der Tibeter, die in die Städte drängen, noch in Grenzen. Da in den vergangenen Jahrzehnten viele von ihnen nie eine Schule besucht haben – weil es entweder keine gab oder die Eltern ihre Kinder lieber als Arbeitskräfte zu Hause behielten – können sie in den urbanen Zentren noch schwer Fuß fassen. &#8220;Wie soll ich in die Stadt kommen, wenn ich nicht Chinesisch spreche und nicht einmal einen Busfahrplan lesen kann?&#8221;, fragt eine junge Frau. Deswegen sei es ihr sehr wichtig, dass wenigstens die Tochter zur Schule gehe.</p>
<p>Doch Bildung bedeutet auch, sich dem Einfluss der Chinesen auszusetzen. Weil sie fern jeder Ortschaft wohnten, zog die Familie kürzlich in ein Ansiedlungsprojekt für Nomaden. Mit derartigen Baumaßnahmen möchte die Regierung die Sesshaftigkeit der Einheimischen fördern und die Überweidung von Weideland verhindern. Dort ist in der Schule Chinesisch die Hauptunterrichtssprache, Tibetisch wird dagegen nur als Nebenfach gelehrt.</p>
<p>&#8220;Viele Tibeter sehen inzwischen ein, dass sie in der heutigen Welt um das Chinesische nicht mehr herumkommen&#8221;, erklärt ein Mönch. &#8220;Aber sie haben Angst, dass ihre Kinder dadurch ihre Kultur verlieren.&#8221; Der circa Dreißigjährige, der an einer staatlichen Hochschule studiert hat, unterrichtet selbst Chinesisch – in seinem Kloster. Rund ein Dutzend Kinder werden dort zu Mönchen ausgebildet, erhalten aber neben der religiösen Erziehung auch Chinesischunterricht.</p>
<p>Die Existenz der Klosterschule wird durch eine stille Vereinbarung mit der Lokalregierung gesichert. Laut Gesetz darf ein Jugendlicher erst mit 18 Jahren ins Kloster. Doch weil viele Familien nach traditionellem Brauch schon jüngere Kinder in die Mönchsausbildung schicken wollen, drücken die chinesischen Beamten manchmal ein Auge zu. &#8220;Sie wissen, dass sie von uns keine Proteste zu befürchten haben&#8221;, sagt der Mönch, &#8220;deshalb sind sie zu Zugeständnissen bereit.&#8221;</p>
<p>Zwar bekennt er im Vertrauen, dass auch er in seiner Jugend die gefährliche Wanderung über die wilde Grenze nach Indien unternommen hat, um den Dalai Lama zu sehen – wie jedes Jahr Hunderte anderer Tibeter auch. Doch nach einem Jahr kehrte er zurück. Seitdem bemüht er sich, die tibetische Kultur zu fördern, ohne mit den Chinesen in Konflikt zu geraten. &#8220;Wir müssen ihnen zeigen, dass sie vor uns keine Angst haben brauchen&#8221;, sagt er. &#8220;Das ist unsere einzige Chance.&#8221;</p>
<p>Vor den Auswirkungen der Spannungen des vergangenen Jahres bleibt allerdings auch er nicht verschont. Wie alle Mönche darf er seinen Landkreis nicht verlassen; Busfahrer sind angewiesen, Geistliche nicht mitzunehmen. Außerdem verbietet den Mönche eine neue &#8220;Sicherheitsklausel&#8221; im Gesetz zur Religionsausübung &#8220;separatistische Aktivitäten gegen das Mutterland oder die Teilnahme an illegalen Protesten, die öffentliche Störungen verursachen könnten&#8221;. Tibeter erhalten derzeit keine Reisepässe mehr, weil Peking alle Auslandskontakte unterbinden will. In den Zentren des letztjährigen Konflikts fährt die Regierung angesichts des anstehenden fünfzigsten Jahrestages des Volksaufstandes ihr ganzes Einschüchterungspotenzial auf. So marschieren in der Klosterstadt Rebkong Truppen der Volksbefreiungsarmee in Camouflage-Uniform die Hauptstraße entlang und absolvieren auf öffentlichen Parkplätzen Drillübungen.</p>
<p>Viele Tibeter hoffen, dass der 10. März ohne neue Unruhen vorbeigeht und dass die Chinesen ihre derzeitigen Restriktionen lockern. Doch wie schwer sie es selbst in einem friedlichen Tibet hätten, zeigt sich zum Beispiel im Kloster Kumbum. Das religiöse Zentrum ist der Geburtsort des Gelbmützenbegründers Tsongkhapa und einer der fünf wichtigsten tibetischen Pilgerstätten. Unter Mönchen gilt das Heiligtum mittlerweile als Strafversetzungsposten, denn kaum ein anderes Kloster ist stärker zum Rummelplatz chinesischer Tibettouristen geworden als Kumbum.</p>
<p>Es kommen zwar immer noch viele Pilger. Ein tibetischer Schüler aus dem Hochland erzählt, er wolle hier ein paar Tage lang mit Niederwerfungen für ein besseres Abschlusszeugnis beten, und eine alte Frau umkreist täglich dreimal die Pilgerstätte, um so ihr Knieleiden zu heilen. Doch in erster Linie gehört das Kloster den Reisenden. Chinesen, die lärmend Fotos machen und im Spaß tibetische Gebetsrituale nachspielen. &#8220;Sie merken nicht, dass wir unsere Kultur nicht zur Folklore reduzieren wollen&#8221;, sagt ein Tibeter. Womöglich ist derartige Ignoranz die schlimmste Form der Diskriminierung – und für Tibets Kultur weitaus gefährlicher als die gelegentlichen Keilereien um Bäume auf den Bergen von Amdo.</p>
<p>Erschienen in: Badische Zeitung, 9. März 2009</p>
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		<title>Hasenjagd</title>
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		<pubDate>Tue, 03 Mar 2009 00:41:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Wie ein chinesischer Kunstliebhaber den Versteigerern eines umstrittenen Bronzehasen einen Haken schlug.</h3>
<img class="alignleft size-full wp-image-945" title="YSLs_umstrittener_Hase" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/03/chinese-bronze-heads-auctioned-by-french-yves-saint-laurent-preview.jpg" alt="YSLs_umstrittener_Hase" width="170" height="182" />Der chinesische Antiquitätensammler Cai Mingchao hat bei der Pariser Auktion von Kunstschätzen des verstorbenen Modeschöpfers Yves Saint Laurent den Verkauf von zwei Skulpturen verhindert, die China als Beutekunst zurückverlangt, indem er selbst das Höchstgebot abgab – und sich nun zu zahlen weigert. Er habe per Telefon mitgesteigert und bei 31 Millionen Euro den Zuschlag erhalten, erklärte Cai, als er am Montag das fünftägige Rätselraten über den siegreichen Bieter beendete. "Ich muss betonen, dass dieses Geld nicht bezahlt werden kann", sagte der 45-Jährige...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Wie ein chinesischer Kunstliebhaber den Versteigerern eines umstrittenen Bronzehasen einen Haken schlug.</h3>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-945" title="YSLs_umstrittener_Hase" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/03/chinese-bronze-heads-auctioned-by-french-yves-saint-laurent-preview.jpg" alt="YSLs_umstrittener_Hase" width="170" height="182" />Der chinesische Antiquitätensammler Cai Mingchao hat bei der Pariser Auktion von Kunstschätzen des verstorbenen Modeschöpfers Yves Saint Laurent den Verkauf von zwei Skulpturen verhindert, die China als Beutekunst zurückverlangt, indem er selbst das Höchstgebot abgab – und sich nun zu zahlen weigert. Er habe per Telefon mitgesteigert und bei 31 Millionen Euro den Zuschlag erhalten, erklärte Cai, als er am Montag das fünftägige Rätselraten über den siegreichen Bieter beendete. &#8220;Ich muss betonen, dass dieses Geld nicht bezahlt werden kann&#8221;, sagte der 45-Jährige. Die beiden Bronzeköpfe eines Hasen und einer Ratte stammen aus Pekings kaiserlichem Sommerpalast, der 1860 im Zweiten Opiumkrieg von britischen und französischen Truppen geschleift wurde. Die Zerstörung gilt in China bis heute als Symbol nationaler Schande und ausländischer Feindseligkeit. Chinesische Anwälte und Diplomaten hatten die Versteigerung durch das Auktionshaus Christie’s bis zuletzt zu verhindern versucht, weil sie &#8220;die Gefühle des gesamten chinesischen Volkes verletzt&#8221; hätten.</p>
<p>Cai will seine Sabotage als patriotische Pflichterfüllung verstanden wissen. &#8220;Ich fühle mich geehrt, diese Chance gehabt zu haben&#8221;, sagte er. Cai weiß bestens, wie bei Versteigerungen der Hase läuft, schließlich betreibt er im südchinesischen Xiamen selbst ein Auktionshaus namens Harmoniekunst International. Gleichzeitig ist er Berater des Fonds für Nationalschätze, einer privaten Stiftung vaterlandsliebender Kunstsammler, die sich um die Rückkehr von Raubkunst bemühen. Im Oktober 2006 machte Cai Schlagzeilen, als er in Hongkong zum Rekordpreis von elf Millionen Euro einen 500 Jahre alten Bronzebuddha ersteigerte. &#8220;Er wird nie wieder chinesische Erde verlassen&#8221;, erklärte Cai damals. &#8220;Ich habe ihn nicht für mich gekauft, sondern für das chinesische Volk.&#8221;</p>
<p>Nach staatlichen Angaben sind seit dem 19. Jahrhundert 1,64 Millionen chinesische Antiquitäten ins Ausland verkauft oder geschmuggelt worden. Seit einigen Jahren bemüht sich China, die Kunstschätze zurückzubekommen. Durch Spenden und diplomatische Bemühungen sind inzwischen 4000 Stücke wieder in ihre Heimat gelangt. Aushängeschild der Kampagne ist die Suche nach den zwölf Jahrestieren, die einst im Sommerpalast einen Springbrunnen zierten. Im Jahr 2000 ersteigerte das staatliche Militärkonglomerat Poly den Tiger, den Affen und den Ochsen, später erstanden chinesische Geschäftsleute das Schwein und das Pferd. Fünf Tiere sind noch verschollen.</p>
<p>Nach Cais Coup will Chinas staatliche Behörde für Kulturschätze erneut mit Christie’s über die Rückgabe des Hasen und der Ratte verhandeln. Der Erbe des Designers Laurent, Pierre Berge, hat allerdings angekündigt, die Stücke nur hergeben zu wollen, wenn die Kommunistische Partei Tibet die Unabhängigkeit erlaube. Nicht zuletzt der Streit um die chinesischen Antiquitäten hatte der Versteigerung weltweite Aufmerksamkeit beschert und den Preis der umstrittenen Skulpturen auf fast das Doppelte des Schätzwertes steigen lassen. Allerdings ist auch nicht auszuschließen, dass mehrere chinesische Patrioten den Preis bei der Versteigerung untereinander in die Höhe getrieben haben.</p>
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		<title>Man lebt nur zweimal</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Feb 2009 02:02:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Tradition]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Wie ist das Leben nach dem Tod? Ganz ähnlich wie das davor, glaubt man in China.</h3>
Der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Auch nicht vom Tod. Zumindest glauben das offenbar viele Chinesen. Denn warum sollten sie sonst ihre Ahnen mit neuen Errungenschaften versorgen, die zu ihren Lebzeiten gar nicht existierten: mit Computern und Handys, mit Digitalkameras und Kreditkarten, mit Vitaminpräparaten und Potenzpillen?...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Wie ist das Leben nach dem Tod? Ganz ähnlich wie das davor, glaubt man in China.</h3>
<p>Der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Auch nicht vom Tod. Zumindest glauben das offenbar viele Chinesen. Denn warum sollten sie sonst ihre Ahnen mit neuen Errungenschaften versorgen, die zu ihren Lebzeiten gar nicht existierten: mit Computern und Handys, mit Digitalkameras und Kreditkarten, mit Vitaminpräparaten und Potenzpillen?</p>
<p>Geschäfte für Jenseitsbedarf finden sich im Umfeld vieler chinesischer Tempel. Wenn man von den Papiermodellen, die hier verkauft und zu Gedenktagen verbrannt werden, darauf schliessen kann, wie es im nächsten Leben weiter geht, steht zu erwarten, dass sich wenig ändert: Männer brauchen nach wie vor Rasierapparate und Frauen Lockenwickler. Bei der Arbeit trägt man Schlips oder Kostüm, in der Freizeit Polohemden oder tief ausgeschnittene Blusen. Seine Termine verwaltet man mit einem elektronischen Taschenkalender, dessen Batterie laut Packungsaufdruck „bis zu 100 Stunden“ hält. Man telefoniert, surft im Internet (Breitbandanschluss!) oder spielt Karten, trinkt Cola, Bier, Cognac und nimmt Tabletten gegen Kopfschmerzen und Altersgebrechen. Das Leben geht also genau dort weiter, wo es aufgehört hat.</p>
<p>Was nicht aus dem Diesseits geliefert wird, lässt sich auch im Jenseits kaufen. Die Hinterbliebenen verbrennen deshalb dicke Bündel sogenannten Geistergelds. Auf den Scheinen stehen Fantastillionen-Summen, Einsen mit dutzenden Nullen. Weil das Verbrennen dicker Geldpakete an Feiertagen zu schwerer Rauchbelastung führt, wird neuerdings dafür geworben, der Umwelt zuliebe Kreditkarten zu verbrennen und die Nirwana-Rente mit einem Gebet zu überweisen.</p>
<p>Vor allem in Hongkong und Taiwan sind die Ahnentraditionen lebendig, doch auch in der Volksrepublik haben sie Jahrzehnte sozialistischer Gottlosigkeit überlebt. Bei vielen Menschen hat der materialistische Purismus hat spirituelle Leere hinterlassen, die zu einem Comeback der Religionen führt, wobei volkstümliche Rituale wie Totenkulte als erste wieder aufgenommen werden. Bei ihrer Beerdigung erhalten Verstorbene eine Grundausstattung, bestehend aus mindestens einer Villa und einer Luxuslimousine (im Himmel fahren keine Kleinwagen) und womöglich einem Privatjet. Männer bekommen gelegentlich noch ein paar Pappmätressen mit ins Feuer geworfen, was Pekings Behörden allerdings verbieten. Was im Diesseits sittenwidrig ist, wird auch im Jenseits nicht toleriert.</p>
<p>Ob dies nun das Paradies oder die Hölle ist, hängt wohl vom eigenen Empfinden ab. Pietätvolle Hinterbliebene sind aber in jedem Fall von Vorteil. Und wer selbst für das Nachleben vorsorgen will, sollte auch im Alter versuchen, auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Man lernt schliesslich nie aus. Auch nicht mit dem Tod.</p>
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		<title>Jeder ist seines Glückes Bäcker</title>
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		<pubDate>Sat, 13 Sep 2008 14:13:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Japan]]></category>
		<category><![CDATA[Tradition]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Die chinesischen Glückskekse wurden in Kalifornien erfunden. Das muss ein kulturelles Versehen sein: Kaum ein Volk zelebriert abergläubische Späße mehr als die Chinesen.</h3>

Jetzt kann ich es ja sagen: Glückskekse waren mir schon immer zuwider. Wenn ich als Kind meine Großmutter besuchte und das traditionelle Sonntagsessen im Chinalokal „Mandarin“ anstand, freute ich mich zwar auf Knusperente und natürlich „Flühlingslolle“, aber das sinnige Plätzchen zum Abschied bot stets eine verlässliche Enttäuschung...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die chinesischen Glückskekse wurden in Kalifornien erfunden. Das muss ein kulturelles Versehen sein: Kaum ein Volk zelebriert abergläubische Späße mehr als die Chinesen.</h3>
<p>Jetzt kann ich es ja sagen: Glückskekse waren mir schon immer zuwider. Wenn ich als Kind meine Großmutter besuchte und das traditionelle Sonntagsessen im Chinalokal „Mandarin“ anstand, freute ich mich zwar auf Knusperente und natürlich „Flühlingslolle“, aber das sinnige Plätzchen zum Abschied bot stets eine verlässliche Enttäuschung. Schon das Backwerk schmeckte wie Pappe, und die Zettelchen machten Versprechungen, die ich entweder nicht brauchte, noch nicht kannte oder mir nie zu erhoffen wagte. Einmal &#8211; ich muss acht oder neun gewesen sein &#8211; stellte mir das Orakelgebäck Erfüllung in der Liebe in Aussicht. Ich wurde schrecklich rot, mein Bruder plärrte den Namen meines Pausenhofschwarms durchs Restaurant und als ich die mir Versprochene nach den Sommerferien über die Unausweichlichkeit unser gemeinsamen Zukunft in Kenntnis setzte, lachte sie mich aus wie eh und je. Wie froh war ich deshalb, als ich später bei meiner ersten Chinareise entdeckte, dass dort noch nie jemand von Glückskeksen gehört hatte.</p>
<p>Denn das Nachtischritual, mit dem die Inhaber der „Mandarins“, „Shanghais“ und „Goldenen Drachen“ dieser Welt ihre Kunden an sich zu binden versuchen, stammt überhaupt nicht aus China, sondern aus Kalifornien. Es ist auch nicht Jahrtausende alt, sondern gerade mal hundert. Und es statt chinesischer Weisheiten wurden die Plätzchen zunächst mit biblischen Psalmen oder japanischen Zensprüchen gefüllt. Allerdings haben die Amerikaner wahrscheinlich nur nachgeholt, was die alten Chinesen irgendwo zwischen der Erfindung von Papier, Schießpulver und dritten Zähnen vergessen haben. Denn nicht ohne Grund haben sich die Glückskekse ausgerechnet die chinesische Kultur als Adoptivtradition ausgesucht. Wohl kein anderes Volk hat ein größeres Repertoire an Symbolen, Bräuchen und Zaubereien entwickelt, um den Gesetzen des Schicksals auf die Schliche zu kommen und den Lauf der Welt in die gewünschten Bahnen zu lenken. Die Idee, in Schleckereien frohe Botschaften zu verstecken und hinterher an diese zu glauben, passt da so gut ins Konzept, dass es geradezu unerklärlich ist, warum die alten Chinesen nicht selbst darauf gekommen sind.</p>
<p>Denn sie haben sich die Welt praktisch eingerichtet. Während wir christlich geprägten Abendländer tief in unserem Innern davon überzeugt sind, dass wir entweder ein Leben lang um die Liebe unseres Herrgotts kämpfen müssen oder als Atheisten ganz auf uns allein gestellt sind, sehen die Chinesen das Schicksal als einen großen Apparat, den man nur richtig einzustellen braucht, damit er verlässlich Glück produziert. Wobei Glück in China häufig ein Synonym für Wohlstand ist, was eine in einem traditionell armen Bauernvolk weniger ein Zeichen materialistischer Eindimensionalität als gesunden Menschenverstands ist. Das Zubehör, mit dem man die kosmische Glücksmaschine bedient, ist nicht kompliziert, sondern verbindet oft das Nützliche mit dem Angenehmen. So essen die Chinesen zum Beispiel mit Vorliebe glückbringende Speisen. Weil das chinesische Wort für Fisch („Yu“) so ähnlich klingt wie der Ausdruck für Überfluss, isst man sich mit jedem Fischgericht gleichzeitig Wohlstand an. Wird danach Gebäck gereicht, verbessert sich der Lebensstandard gleich doppelt, denn Kuchen („Gao“) ist ein Teekesselchen für „hoch“, und oben zu sein, ist schließlich immer gut. Zu Neujahr werden in China ganze Glücksmenüs zusammengestellt: Schildkrötensuppe für Unverwundbarkeit, Gänsefleisch für eine harmonische Ehe, Granatäpfel für reichen Kindersegen und Kamillenschnaps für ein langes Leben. Damit erzielen die Chinesen den gleichen Effekt wie ein Katholik bei der Messe, nur haben sie dabei deutlich mehr Spaß.</p>
<p>Auch chinesische Wohnungseinrichtungen sind häufig schicksalsmechanisch durchdacht. Haustüren haben hohe Schwellen, denn chinesische Dämonen können zwar Tod und Feuer bringen oder kleine Kinder klauen, aber nicht über Hindernisse steigen. Wer die Schwelle zu lästig findet, kann auch einfach einen Spiegel neben die Tür hängen, denn wenn chinesische Geister sich darin sehen, bekommen sie selbst einen Schreck und suchen das Weite. Außerdem kleben an Türen oft umgekehrte Glücks-Schriftzeichen, ein weiteres der unzähligen Wortspiele, aus denen die Chinesen quasi ihren gesamten Humor bestreiten: „Glück fällt um“ klingt wie „Glück kommt.“ Mit ähnlichem Sachverstand sind die Motive von Bilder ausgewählt: Lilien vertreiben alle Sorgen, Felsen stehen für Stabilität und Bambus verspricht Unversehrtheit. Kinder tragen kleine Jadeschlösser um den Hals, denn diese sperren Unheil aus, und wenn sie Drachen steigen lassen, schneiden die Erwachsenen ihnen manchmal die Schnur durch, damit der Wind die Papierflieger davon trägt wie alles Pech. Warum sollte man Glücksbotschaften da nicht auch als Backwerk zu reichen?</p>
<p>Und doch brauchten die Chinesen ausgerechnet in dieser Frage Beistand aus Übersee. Wer genau sich als Vater des Glückskekses bezeichnen darf, ist wild umstritten und beschäftigte in den USA sogar die Gerichte. Stimmt das Urteil, das Richter Daniel M. Hanlon im Oktober 1983 fällte, dann ist das Plätzchen mit dem Spruch die Erfindung des frommen Bäckers David Jung aus Los Angeles. 1919, unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg, wollte Jung seinen Kunden mit seinen Leckereien auch noch eine frohe Botschaft mit auf den Weg geben und füllte seine Backwaren mit biblischen Psalmen, die sein Pastor für ihn aussuchte. Einer anderen Legende zufolge sollen die Presbyterianer mit Jungs Gebäck sogar Missionsarbeit gemacht haben, indem sie es an nichts ahnende Arme verteilten, die dann plötzlich auf das Wort dessen bissen, dem sie für ihr Brot danken sollten. Später brachten Kunden Jung auf die Idee, in seine Kekse alles einzubacken, was der Markt verlangte, von flotten Anzüglichkeiten über Sammelbildchen bis zu exotischen China-Bonmots. Diese setzten sich als Werbegeschenk von chinesischen Imbisslokalen schließlich durch und wurden in industriellem Maßstab kopiert. Jung verdiente daran nicht mehr viel, denn seine Idee ließ sich nicht patentieren. So blieb seinen Nachkommen nichts anderes übrig, als sich wenigstens seinen Ruhm juristisch bestätigen zu lassen.</p>
<p>Ob Jung diesen tatsächlich verdient, bestreiten jedoch die Erben eines anderen Bäckers, Makoto Hagiwara, einem japanischen Auswanderer, der in einem Teehaus in San Francisco schon in den 1890ern – drei Jahrzehnte vor Jung – Glückskekse serviert haben soll. Seine Inspiration kam angeblich von einem bestimmten Tempelgebäck seiner Heimat, das aus Waffelteig bestand, der noch in heißem Zustand in die unverkennbare Form geknickt wurde. Den entstehenden Hohlraum habe man schon seit Jahrhunderten gefüllt, behaupten die Japaner, meistens zwar mit roter Bohnenpaste, aber manchmal auch mit Zetteln. Tatsächlich gibt es heute in Tempeln in Kyoto Orakelwaffeln zu kaufen, aber ob deren Bäcker tatsächlich die Erben einer jahrhundertealten Tradition sind, die in den USA nur ihren prominentesten Spross trieb, bleibt strittig. Zumal inzwischen selbst die Chinesen in ihrer Vergangenheit Hinweise darauf ausgemacht haben, dass der Glückskeks eventuell doch von ihnen stammt. Denn die zum Herbstfest beliebten Mondkuchen, in die traditionell ein ganzes Eigelb eingebacken wird, sollen in der Geschichte zeitweise benutzt worden sein, um heimlich Botschaften zu übermitteln.</p>
<p>Vielleicht haben die Chinesen den Mondkuchen-Trick nur so lange vergessen, weil sie ganz andere Möglichkeiten haben, um dem Glück auf die Sprünge zu helfen. Denn was sind schon geschmuggelte Mitteilungen zwischen Menschen, wenn man gleich mit den Kräften des Universums in Kontakt treten und diese für seinen eigenen Vorteil nutzen kann. Die Chinesen tun dies durch die über 2000 Jahre alte Lehre vom Feng Shui, wörtlich: Wind und Wasser. Je nachdem, wie viel Einblicke in das, was die Welt im innersten zusammenhält, man den Feng-Shui-Meistern zutraut, kann man damit günstige Zeitpunkte für Hochzeiten oder Geschäftsabschlüsse festlegen oder auch ganze Karrieren darauf aufbauen. Die Olympischen Spiele in Peking begannen am Gutes verheißenden 8.8.2008, und die fünf offiziellen Maskottchen – genannt Fuwa, wörtlich: Glückspuppe – waren den fünf Elementen zugeordnet. Der aus chinesischer Sicht gewaltige Erfolg der Spiele spricht für sich.</p>
<p>Freilich: So ganz ernst nehmen auch viele Chinesen ihr Feng Shui und andere Bräuche nicht mehr. Doch Einfluss haben die Lehren noch immer. So kam 2007 eine Studie der Nationalen Universität für Verwaltungswesen, eine führende Kaderakademie, zu dem Ergebnis, dass 54 Prozent der mittleren und höheren Beamten auf die eine oder andere Weise abergläubisch seien und Wahrsagerei auch bei ihrer Amtsführung benutzen. So zog etwa der Parteisekretär des Kreises Tai’an in der Provinz Shandong bei allen wichtigen Fragen einen Feng-Shui-Experten zu Rat, der ihm unter anderem riet, für eine neue Autobahn nicht die kürzeste Strecke zu wählen, sondern sie in einem weiten Bogen über einen Stausee zu führen. Der Bau einer großen Brücke über ein breites Wasser sei nämlich das einzige, was seiner Beförderung zum Vizepremierminister im Wege stehe. Der Kader befolgte den Rat, doch statt eines Rufs in die Hauptstadt ereilte ihn die Todesstrafe wegen Korruption und Verschwendung von Steuergeldern. In chinesischen Medien machte man sich über ihn lustig – und erinnerte an das alte Sprichwort: „Das Glück verschenkt nichts, es verleiht nur.“ Wenn sich das nicht bestens in einem Glückskeks machen würde!</p>
<p>Bernhard Bartsch / Berliner Zeitung, 13.September 2008</p>
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		<title>Der letzte Mandschure</title>
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		<pubDate>Mon, 04 Aug 2008 09:40:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Kaiser]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Mit Pfeil und Bogen bezwangen die Mandschuren einst China und dann sich selbst. Eine Waffenschmiede überlebte den Abstieg.</h3>

Verantwortung ist für Yang Fuxi eine Portion Schweinekleber. Dafür nimmt er zehn Kilo Schweinehaut, wäscht sie, kocht sie, rupft einzeln alle Härchen aus und rasiert zur Sicherheit noch einmal drüber. Danach kommt sie in einen großen Dämpftopf, in dem die Haut so lange in heißem Wasserdampf aufgeweicht wird, bis Yang sie mit einem Holzstößel zerdrücken kann. Den Matsch kocht er auf, presst ihn durch ein feines Sieb und lässt ihn abkühlen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Mit Pfeil und Bogen bezwangen die Mandschuren einst China und dann sich selbst. Eine Waffenschmiede überlebte den Abstieg.</h3>
<p style="text-align: center;"><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2008/12/img_2821.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-132" title="Yang Fuxi" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2008/12/img_2821.jpg" alt="" width="659" height="227" /></a></p>
<p>Verantwortung ist für Yang Fuxi eine Portion Schweinekleber. Dafür nimmt er zehn Kilo Schweinehaut, wäscht sie, kocht sie, rupft einzeln alle Härchen aus und rasiert zur Sicherheit noch einmal drüber. Danach kommt sie in einen großen Dämpftopf, in dem die Haut so lange in heißem Wasserdampf aufgeweicht wird, bis Yang sie mit einem Holzstößel zerdrücken kann. Den Matsch kocht er auf, presst ihn durch ein feines Sieb und lässt ihn abkühlen. Die zähe Masse schneidet er schließlich in dünne Streifen und hängt sie zum Trocknen auf die Wäscheleine. „Das ist wie Fertigkleber“, erklärt der Fünfzigjährige. „Man muss die Stückchen nur noch einmal aufkochen, und schon kann man sie benutzen.“ Knapp eine Woche verbringt Yang mit dem Prozedere, und das drei bis viermal im Jahr, aber Schweinekleber muss eben sein, genauso wie Büffelhörner und Haifischhaut. „Wenn ich das nicht mehr auf die alte Art machen würde, täte es niemand mehr“, sagt Yang. Es ist nicht leicht, der Letzte seiner Art zu sein. In Yangs Fall: der letzte Pfeil- und Bogenhersteller der Mandschu.</p>
<p>Die altmodischen Waffen, die Yang in seiner kleinen Werkstatt am Stadtrand von Peking herstellt, sind in der chinesischen Geschichte ein nicht ganz unbedeutendes Requisit. Immerhin haben sie zwei Weltreiche zu Fall gebracht. 1644 überwand das nordostasiatische Nomadenvolk die chinesische Mauer und stürzte die mächtige Ming-Dynastie. Deren bis dahin als unbezwingbar geltende Armee war der Mandschu-Artillerie hilflos ausgeliefert. Mit ihren für die Bären- und Tigerjagd entwickelten Bögen konnten sie bis auf achtzig Meter töten, deutlich weiter als die Chinesen. Gestützt auf die Macht ihrer Waffen gründeten die Mandschu ihre eigene Dynastie, die sie „Qing“ oder „Große Klarheit“ nannten und die dem Kaiserreich seine letzte Blüte bescherte – bis an den Küsten westliche Kanonenbote auftauchten. Die konnten noch weiter schießen.</p>
<p>Für die Rüstungsindustrie waren Mandschuwaffen damit passe, doch in Yangs Familie, die einst die <span style="color: #000000;"><a title="Juyuanhao" href="http://www.juyuanhao.org" target="_blank">kaiserliche Waffenmanufaktur Juyuanhao</a> </span>betrieb, hat das traditionsreiche Kriegshandwerk überlebt. Die Vorbestellungszeit ist  ähnlich lang wie für Panzer oder Atom-U-Boote. „Ich bin für über ein Jahr im voraus ausgebucht“, sagt Yang. „Mehr als vier oder fünf Bögen schaffe ich im Monat nicht. Qualität braucht schließlich Zeit.“</p>
<p>Was die Güte der bis zu 1,90 Meter großen Bögen ausmacht, sieht man ihnen von außen nicht an. Dort sind sie wahlweise mit Schlangenhaut oder Birkenrinde umwickelt, bunt bemalt und am Griff mit einem Polster aus Haifischhaut bespannt, dem „abriebfestesten Material der Welt“, wie Yang erklärt. Der eigentliche Clou ist jedoch unter der Oberfläche verborgen. Die Spannkraft des Bogens entsteht nicht durch Holz, sondern durch Büffelhorn. „Das war die geniale Erfindung unserer Vorfahren“, sagt Yang. „Horn hat nämlich dreimal so viel Wucht wie Holz.“ Knapp einen Meter wird die Kopfwaffe der Wasserbüffel lang, und wenn sie entsprechend gebogen sind kann Yang daraus schmale Streifen sägen, die genau den Schwung einer Bogenhälfte haben. In mühsamer Handarbeit feilt er sie auf die richtige Dicke und klebt dann zwei Teile mit seinem Schweinekleber in einen Holzschaft. „Das hält hundert Jahre“, versichert Yang. Umgerechnet 800 Euro verlangt er dafür, und obwohl Sportschützen heute Kunststoffbögen benutzen, die leichter und präziser sind, hält er seine Produkte noch immer für wettbewerbsfähig. „Moderne Bögen sind dafür gemacht, um aus dem Stand auf unbewegliche Ziele zu schießen“, sagt Yang. „Mit meinen Bögen kann man dagegen richtig auf die Jagd gehen, und einige meiner Kunden tun das auch.“</p>
<p>Denn der Bewahrer der nomadischen Waffentradition versteht es, sich zu vermarkten. Von Chinas Regierung hat er Juyuanhao als Kulturerbe registrieren lassen, und Liebhabern aus aller Welt verkauft er seine Bögen auch über das Internet. Für seine Kunden putzt er sich heraus, als sei er einem Historienfilm entsprungen: in traditionellen Gewändern und Reitstiefeln, mit wehender Mähne und langem Bart. Als wäre das Reich der Qing nie untergegangen.</p>
<p>Dabei hat Yang sein kulturelles Erbe erst vor zehn Jahren angetreten. Zuvor war er Taxifahrer und hätte nie daran gedacht, dass er einmal von der Geschichte in die Pflicht genommen werden würde. Zumal die Bogenherstellung für seine Familie nicht immer ein Ruhmesblatt gewesen ist. Seit zehn Generationen arbeiten die Yangs für Juyuanhao, doch die längste Zeit davon waren sie nur Angestellte, die zwar Büffelhörner schaben und Klebstoff ansetzen durften, aber zur kaiserlichen Garde selbst keinen Kontakt hatten. Der Traum, selbst Herr statt Knecht zu sein, muss stark gewesen sein, denn als die Besitzer wie viele am Hof dem Opium verfielen und ihre Rechnungen nicht mehr begleichen konnten, lieh Yangs Großvater sich 40 Silberdollar und kaufte ihnen das Geschäft ab. Das war im Jahr 1905 &#8211; kein günstiger Zeitpunkt, um in eine Bogenmanufaktur zu investieren, die sich als Waffenschmiede verstand. „Mein Großvater bekam noch eine letzte Bestellung an Zeremonialbögen, dann war es vorbei“, erzählt Yang. Der Bürgerkrieg, in dem China nach Zerfall des Kaiserreichs 1911 versank, wurde mit modernen Feuerwaffen ausgefochten, nicht mehr mit Pfeil und Bogen. Zwar hielt sich Juyuanhao als kulturelle Kuriosität über Wasser und wurde nach Gründung der Volksrepublik (1949) in den volkseigenen Betrieb der Sportgerätehersteller aufgenommen. Doch Yangs Vater, der das Handwerk als Kind noch gelernt hatte, gab es 1958 schließlich auf und wurde als Ausbesserungsschreiner beim Pekinger Wasseramt angestellt.</p>
<p>„Erst nach seiner Pension hat er sich wieder an die alten Bögen in seinem Schrank erinnert“, erzählt Yang. Das war Neunziger und China war schon mehrere Revolutionen weiter. Yang, der als Arbeiter in einer Chemiefabrik angefangen hatte, fuhr mittlerweile Taxi, doch das erhoffte Geld blieb aus. Als 1998 ein Gesetz in Kraft trat, wonach Fahrer noch Schichten von maximal zwölf Stunden fahren durften, gab Yang auf; es lohnte sich nicht mehr. Doch dann kam ihm die Idee, dass sich vielleicht aus den Bögen etwas machen ließe. „Mein Vater war damals 69 Jahre alt und der letzte, der dieses Handwerk noch beherrschte“, sagt Yang, „und weil den ganzen Tag vor dem Fernseher zu sitzen nichts für mich war, bin ich bei ihm in die Lehre gegangen.“</p>
<p>Fünf Jahre habe er gebraucht, um alle Handgriffe zu lernen, sagt er. Das war gerade die Zeit, die sein Vater noch hatte. Dass Juyuanhao im Jahr 2006 zum ersten Mal seit Ende des Kaiserreichs wieder einen eigenen Laden eröffnete, erlebte er nicht mehr. Nun arbeitet Yang dort mit zwei Lehrlingen daran, die Tradition in die nächste Generation zu retten. Besonders optimistisch ist er allerdings nicht. Zwar würde sein Sohn gerne das Geschäft übernehmen, doch für die mühselige Handarbeit zeigt er kein Interesse. Und auch die Gesellen bleiben nicht so lange, wie Yang es sich wünscht. „Die meisten schauen es sich ein paar Monate an und machen dann einen eigenen Laden auf“, meint er. Dort sehen die Bögen dann zwar ganz ähnlich aus, aber unter der Schlangenhaut steckt schlichtes Holz, verklebt mit handelsüblichem Leim. „Wie kann man vor der Geschichte nur so wenig Respekt haben“, sagt Yang und schüttelt seine lange Mähne. Sie ist frisch gewaschen und geföhnt. Denn obwohl Yang gerne Schweinekleber benutzt – riechen will auch er nicht mehr danach.</p>
<p><strong>INFO: BARBAREN AUF DEM KAISERTHRON</strong></p>
<p>Die Mandschu sind ein ursprünglich halbnomadisches Volk aus Nordostasien, der sogenannten Mandschurei. Für die Chinesen galten sie als Barbaren, die außerhalb der Großen Mauer lebten.</p>
<p>1644 überwanden die Mandschu die Chinesische Mauer, stürzten die Ming-Dynastie und bestiegen selbst den Thron. Ihre „Qing“-Dynastie war die letzte des chinesischen Kaiserreichs, das 1911 zerbrach.</p>
<p>Heute leben rund zehn Millionen Mandschu in der Volksrepublik und stellen damit die drittgrößte ethnische Gruppe des Landes. Sie sind weitgehend mit den Han-Chinesen vermischt, pflegen aber zum Teil noch ihre eigene Sprache und Schrift, die eng mit dem Mongolischen verwandt ist.</p>
<p>Der Name „Mandschu“ stammt wahrscheinlich von dem buddhistischen Bodhisattva „Manjusri“, dem „Gott der Weisheit“, für dessen Wiedergeburt der erste Mandschu-Kaiser sich hielt, weshalb er den Namen seines Volkes änderte.</p>
<p><strong>Bernhard Bartsch / Berliner Zeitung, 4. August 2008</strong></p>
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		<title>Der Stolz der Pekinger</title>
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		<pubDate>Sat, 02 Aug 2008 15:40:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Architektur]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Im Zentrum des Reichs der Mitte prallen Welten aufeinander. Das war vor 700 Jahren nicht anders als heute. Vom Leben in einer unberechenbaren Stadt.</h3>
Der Abend des 19. Dezember 1999 war klar und frostig, ein Abend wie gemacht für Bier und Popcorn in der No. 50 Bar. Es war eine der ersten Pekinger Kneipen nach westlichem Vorbild. Die Kundschaft bestand zur einen Hälfte aus ausländischen Studenten und zur anderen aus neuerdings wohlhabenden Chinesen, die bereitwillig zehn Yuan für ein Bier bezahlten, das im Restaurant um die Ecke zwei Yuan kostete. Ich gehörte zu ersteren... ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Im Zentrum des Reichs der Mitte prallen Welten aufeinander. Das war vor 700 Jahren nicht anders als heute. Vom Leben in einer unberechenbaren Stadt.</h3>
<p>Der Abend des 19. Dezember 1999 war klar und frostig, ein Abend wie gemacht für Bier und Popcorn in der No. 50 Bar. Es war eine der ersten Pekinger Kneipen nach westlichem Vorbild, eröffnet von einem chinesischen Fagottisten, der sich bei einem Autounfall die Finger gebrochen hatte und seine Kreativität seitdem als Geschäftsmann auslebte. Seine Kundschaft bestand zur einen Hälfte aus ausländischen Studenten und zur anderen aus neuerdings wohlhabenden Chinesen, damals noch zwei Gruppen mit vergleichbarer Kaufkraft, die bereitwillig zehn Yuan für ein Bier bezahlten, das im Restaurant um die Ecke zwei Yuan kostete. Ich gehörte zu ersteren. Wir waren zu fünft, Austauschstudenten an der Pekinger Filmakademie, einer Zentralschmiede für Chinas Kreativschaffende, in deren Dunstkreis wir uns für mächtig nah am Puls des neuen China fühlten.</p>
<p>Es war kein gewöhnlicher Abend. Um Mitternacht würde die portugiesische Kolonie Macao nach 112 Jahren an die Volksrepublik zurückgegeben werden, der letzte Flecken Imperialschande aus der Zeit, als die Chinesen nicht Herren über ihr eigenes Reich waren. Seit Wochen hatte das Staatsfernsehen die Nation auf den Moment vorbereitet, da über der Kasinometropole, die oft das &#8220;asiatische Las Vegas&#8221; genannt wird, wieder die rote Flagge mit den fünf gelben Sternen wehen würde: mit Liedern, die vor patriotischem Schwulst nur so trieften, und Dokumentarsendungen, in denen China sich erst in der historischen Opferrolle suhlte, bevor als Deus ex machina die Kommunistische Partei erschien. Nun war der Moment der Wiederauferstehung also gekommen, und wie im Rest des Landes beherrschte auch in der No. 50 Bar die Übertragung das Geschehen.</p>
<p>Die inszenierte Feierlichkeit war eine ideale Spottvorlage. &#8220;Warum friert man sich für so einen Zirkus den Arsch ab?&#8221;, fragte einer aus unserer Runde, als auf dem Bildschirm die bibbernden Volksmassen erschienen, die auf dem Platz des Himmlischen Friedens das offizielle Feuerwerk erwarteten. &#8220;Weil China gleich noch ein paar Nutten, Zocker und Gangster mehr hat&#8221;, antwortete ein anderer. Wir hatten genügend Bier gehabt, um uns damit bestens zu amüsieren. So ließ sich die Propaganda ertragen.</p>
<p>Die Sprüche wären wohl wie die meisten Bar-Unterhaltungen in die Vergessenheit abgerauscht, wenn sie an diesem Abend nicht einen kleinen Eklat verursacht hätten. Wenige Minuten vor Mitternacht platzte einer jungen Chinesin am Nachbartisch der Kragen. &#8220;Ihr glaubt wohl, ihr seid die Einzigen, die hier Englisch sprechen&#8221;, schnaubte sie uns an. &#8220;Was versteht ihr schon von China?&#8221; Damit stürmte sie in die Nacht hinaus. Es gab weit und breit keine andere Kneipe, in der sie die Übertragung hätte weitersehen können. So muss sie den historischen Moment in der Kälte verbracht haben, fluchend auf die ausländischen Klugschwätzer, die ihn ihr verdorben hatten.</p>
<p>&#8220;Was versteht ihr schon von China?&#8221; Der Satz hallte nach. Es war das erste Mal, dass ich auf den chinesischen Nationalstolz getreten war, versehentlich, wenngleich wohl ziemlich trampelig. Ich hatte zwar eine Idee davon, wie viel den Chinesen ihr Land bedeutet: ihre glorreiche Geschichte, ihre kulturellen Errungenschaften und ihr mühsamer Wiederaufstieg in den vergangenen Jahrzehnten. Ich hatte von chinesischen Bekannten gehört, wie verletzend es für sie war, vom Ausland als &#8220;Kranker Mann Asiens&#8221;, &#8220;Gelbe Gefahr&#8221; oder &#8220;Ameisenstaat&#8221; betitelt zu werden. Ich hatte gesehen, dass in Pekings Buchhandlungen patriotische Titel wie &#8220;China kann nein sagen&#8221; Bestseller waren. Aber noch nie war mir bewusst geworden, wie empfindsam die Chinesen gegenüber Dingen sind, die meine westlichen Kommilitonen und ich an diesem Abend nur als Kitsch, Pathos und Propaganda gesehen hatten. Zwar versicherten mir später viele Chinesen, wie peinlich auch sie derartige Inszenierungen fanden. Es machte jedoch einen gewaltigen Unterschied, ob ein Chinese oder ein Ausländer sich darüber mokierte. Denn was verstehen wir schon von China?</p>
<p>Ich will jetzt nicht selbst pathetisch werden und so tun, als hätte die kleine Szene vor bald neun Jahren mein Leben verändert &#8211; oder mich davor bewahrt, wieder in die Fettnäpfe der chinesischen Empfindsamkeiten zu treten. Aber wenn sie mich eine kleine Lektion gelehrt hat, dann die, dass mit Chinas Patriotismus nicht zu spaßen ist.</p>
<p>Der Stolz aufs &#8220;Mutterland&#8221; ist das soziale Bindemittel und hat den Kommunismus schon längst als kulturelle Leitkultur abgelöst. Er speist sich ebenso aus der Besinnung auf Chinas ruhmreiche Geschichte wie aus der Erinnerung an die Demütigungen, die das Land seit dem Opiumkrieg durch die Kolonialmächte erdulden musste. Deswegen solidarisieren sich selbst Chinesen, die der Partei und vielen Entwicklungen ihres Landes kritisch gegenüberstehen, schnell mit ihrer Regierung, wenn sie China vom Westen angegriffen sehen. Was an jenem Abend vor neun Jahren galt, gilt umso mehr heute, da in der Volksrepublik das nächste nationale Großereignis ansteht, ungleich riesiger in der Anlage als seinerzeit die Rückkehr Macaos &#8211; und deswegen umso mehr mit Gefühlen, Hoffnungen und Enttäuschungspotenzial aufgeladen.</p>
<p>Es geht um nicht weniger als eine chinesische Relaunchkampagne: Die Olympischen Spiele sollen das ramponierte Ansehen und Selbstwertgefühl der Chinesen wiederherstellen und das Land von der Dritten Welt in die erste katapultieren. Ähnliche Versuche, die Volksrepublik zurück an die Spitze der Entwicklung zu bringen, sind grandios gescheitert, Maos &#8220;Großer Sprung nach vorn&#8221; (1958-1961) etwa, oder die &#8220;Große Proletarische Kulturrevolution&#8221; (1966-1976). Nun setzt China also auf ein neues Vehikel, eine weltweit erprobte Marketingplattform, die Kommunismus durch Konsum, und Massenmobilisierung durch Massenmedien ersetzt. Kann das gut gehen?</p>
<p>Das Für und Wider der Pekinger Spiele wird seit bald zwanzig Jahren debattiert (Anfang der Neunziger bewarb sich Chinas Hauptstadt vergeblich um Olympia 2000), und die Argumente dürften auch noch nach dem 24. August aufeinandertreffen, wenn das Olympische Feuer wieder gelöscht ist. Vielen im Westen ist die Veranstaltung nicht geheuer: wegen der Menschenrechte, wegen der Einparteidiktatur, wegen der wirtschaftlichen Konkurrenz, aber vor allem auch wegen des neuen chinesischen Selbstbewusstseins. Denn in der Erinnerung aller, die heute leben, ist ein international stark und selbstüberzeugt auftretendes China ein Novum, während es für die Chinesen nur die Rückkehr zu alter Größe ist. Konflikte sind da vorprogrammiert, beabsichtigte ebenso wie unbeabsichtigte. Auf einer historisch angemesseneren Bühne als Peking könnte sich all dies nicht abspielen.</p>
<p>Denn wenn es einen Ort gibt, der in der Lage ist, derartige Konfrontationen auszuhalten und daraus sogar Kraft zu schöpfen, dann ist es die Hauptstadt, die sich im Umbruch befindet, seitdem sie besteht, in der Welten verwachsen, die nie zusammen gehörten und dennoch Teil eines Ganzen sind: Hofkultur und Nomadenleben, ländliche Armut und urbanes Dolce Vita, klassischer Kapitalismus und kommunistische Avantgarde; östliche Tradition und westliche Moderne. Manche Gegensätze lassen sich weich verschmelzen, andere müssen gewaltsam verschweißt werden. Hitze und Funken entstehen in beiden Fällen. Zweifellos sind die Pekinger die mit Abstand stolzesten Chinesen, und die Olympischen Spiele geben ihnen Gelegenheit, endlich wieder die Rolle zu spielen, die ihnen die allerliebste ist: die der Titelhelden der chinesischen Geschichte.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Peking 2008 &#8211; Ein Weltreich kehrt zurück.</strong></span></p>
<p>Seit Jahrhunderten sind sie die Protagonisten der chinesischen Historie, die Besetzung von Chinas glorreichsten Erfolgen und dramatischsten Momenten. &#8220;Die Pekinger leben zu Füßen der Kaiser&#8221; besagt ein altes Sprichwort, das die Hauptstädter bis heute gerne verwenden, auch wenn es mit dem Kaiser einst unter nicht ganz rühmlichen Umständen zu Ende ging und es nach herrschender kommunistischer Ideologie alles andere als politisch korrekt ist, nostalgisch von den Zeiten des Feudalismus zu schwärmen. Doch wer könnte den Mitbewohnern der Kaiser vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben? Höchstens der Kaiser selbst. Das hat er oft genug getan.</p>
<p>Der Stolz der Pekinger ist ihre Entschädigung dafür, dass die Geschichte stets ruppig mit ihnen umgegangen ist, eine Geschichte, die das Schicksal des ganzen Landes widerspiegelt, auch wenn die Stadt erst in dem Moment die Führung übernahm, als das im dritten vorchristlichen Jahrhundert gegründete Reich der Mitte seinen 1 500. Geburtstag feierte. 1278 überwand der Mongolenfürst Kublai Khan, Enkel von Dschingis Khan, mit seinen Reitertruppen die chinesische Mauer und machte die bis dahin unbedeutende Niederlassung zu seiner Hauptstadt. 130 Jahre später wurden die Mongolen von der chinesischen Ming-Dynastie wieder aus dem Land geworfen, und Kaiser Yongle formte aus der nomadischen Zeltburg eine Metropole, die sich sehen lassen konnte. Er baute Stadtmauern, Tempel, Parks und im Herzen seinen eigenen Palast mit 9 999 Zimmern. Bis heute sieht die &#8220;nördliche Hauptstadt&#8221; &#8211; so die wörtliche Übersetzung von Peking &#8211; auf dem Stadtplan aus wie das Produkt linealbewaffneter Stadtplaner, die nichts dem Zufall überlassen haben. Von sechs Ringautobahnen sauber eingeschnürt und durch rechteckige Straßenzüge in penible Quadrate unterteilt, liegt sie wie ein Karo-Teppich in der nordchinesischen Steppe, ein idealtypischer Bürokratentraum zur Verwaltung von mittlerweile 16 Millionen Menschen plus eines Riesenreichs.</p>
<p>Die Zugehörigkeit dazu war stets beschränkt. Um sich tumbe Barbaren wie die Mongolen künftig vom Leib zu halten, erhöhten die Ming-Kaiser die große Mauer. Vergeblich. 1644 kam das nächste Reitervolk eingeritten, die Mandschuren. Denen gefiel der kultivierte chinesische Lebensstil, den sie hinter der Mauer vorfanden. So wurden sie erst sesshaft, dann verfeinert und schließlich feist und faul. Nach zweieinhalb Jahrhunderten hatten sie das Reich an den Rand eines Abgrunds gewirtschaftet, in den sie als erste stürzten. 1911 dankte der Kindkaiser Pu Yi ab &#8211; das Kaiserreich war zu Ende. Doch Peking blieb das Epizentrum der chinesischen Entwicklung.</p>
<p>Anfang der Zwanziger entdeckte ein geistreicher Bauernsohn namens Mao Zedong in der Bibliothek der Peking-Universität die Ideen von Marx und Engels sowie seinen eigenen Hang zum Pathos. Ein chaotisches viertel Jahrhundert später rief er vom Tor des Himmlischen Friedens mit bebender Stimme die Volksrepublik aus. So gründlich er das Volk umpflügte, so beharrlich beackerte er auch Peking. Aus der malerischen Kaiserstadt mit ihren flachen grauen Häusern, über deren Dächern weit sichtbar die Paläste und Tempel strahlten, sollte ein sozialistisches Proletarierparadies werden. &#8220;Zehntausend Schornsteine&#8221; wollte Mao als Zeichen des Sieges der Arbeiterklasse über der Stadt rauchen sehen. Die Beamtenstadt südlich des Kaiserpalasts wurde zu einem gewaltigen Aufmarschplatz eingeebnet.</p>
<p>Das Neue China hatte seine Bühne: Auf dem Platz des Himmlischen Friedens begann 1966 die Große Proletarische Kulturrevolution, 1976 beweinte das Volk hier den Tod von Mao und dessen engstem Gefolgsmann Zhou Enlai; 1989 setzte Deng Xiaoping gegenüber demonstrierenden Studenten Panzer ein, um den Machtanspruch der Kommunistischen Partei zu bekräftigen. Zwölf Jahre später, im Juli 2001, feierten Zehntausende am gleichen Ort ausgelassen den Zuschlag für Olympia. Sie ahnten nicht, was ihrer Stadt bevorstand.</p>
<p>Denn in den kommenden Jahren wurde Peking von Grund auf überholt. Stadtviertelweise werden die traditionellen Hofhäuser &#8211; die sogenannten &#8220;Hutongs&#8221; &#8211; plattplaniert und von Arbeiterheeren mit Straßen, Brücken und Hochhäusern bebaut. Zehntausende Familien mussten den Mammutprojekten weichen und wurden umgesiedelt, in der Regel mit wenig Mitspracherecht bei der Wahl ihres neuen Wohnorts. Wo es um die Sanierung der ganzen Volksseele geht, muss jeder Einzelne mit seinen Wünschen kürzer treten. Über 20 Milliarden Euro pumpte der Staat in Infrastruktur, Sport- und Wohnanlagen; durch privatwirtschaftliche Investitionen, etwa in den Aufbau des neuen Central Business Districts im Stadtteil Chaoyang, kam noch ein Vielfaches hinzu. Für die internationale Architektenelite war es ein Jubelfest &#8211; sie durfte die Wahrzeichen des neuen Peking entwerfen. Sir Norman Foster entwarf einen neuen Flughafen und die Schweizer Herzog und DeMeuron ein Olympiastadion in Form eines Vogelnests. Der Holländer Rem Kohlhaas designte dem chinesischen Zentralfernsehen CCTV einen spektakulären Doppelturm, der statisch zu den anspruchsvollsten Projekten aller Zeiten gehört. Dass Architektur, Macht und nationale Strahlkraft symbiotisch zusammengehören, hat in Peking Tradition: Der Kaiserpalast, die sogenannte &#8220;Verbotene Stadt&#8221;, war darauf angelegt, denjenigen, die ihn doch betreten durften, mit seinen Höfen und Hallen eine Mischung aus Angst und Ehrfurcht einzuflößen.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Europäische Missionare und Händler schrieben in ihre Heimat, dass Chinas Hauptstadt die vollkommenste der Welt sei.</strong></span></p>
<p>Nichts anderes wollen die Pekinger in den kommenden Wochen in den internationalen Zeitungen lesen. Die Pekinger waren sich noch nie selbst genug, stets brauchten sie Auswärtige, um ihnen ihre Erfolge zu bescheinigen. Früher waren dies die Beamten, die aus dem ganzen Land in die Hauptstadt berufen wurden, heute sind es die Gäste aus aller Welt, die Peking und damit stellvertretend ganz China bescheinigen sollen, wo es im weltweiten Vergleich steht. Doch aus der Jubelshow wird nichts, denn die Hauptstadt ist ihrem Land ähnlicher, als sie es wohl eigentlich sein möchte: Sie hat ihre Glanzlichter, doch beneiden tut man ihre Bewohner nicht.</p>
<p>Denn die Metropole kann nicht verbergen, dass es in ihr drunter und drüber geht. Sie ist ein wild verwobenes Dickicht aus Träumen, Hoffnungen und Lebensentwürfen, die abwechselnd scheitern und in Erfüllung gehen. Peking ist die Stadt, von der die Chinesen sich ihren ganz persönlichen großen Sprung nach vorn erträumen: früher ein &#8220;Bestanden&#8221; in der kaiserlichen Beamtenprüfung, später eine Parteikarriere, heute das große Geld. Für die meisten bleibt freilich nur das kleine. Die Kluft zwischen Pekings Träumen und Wirklichkeiten ist auch vielen Chinesen ungeheuer &#8211; und nicht alle können sich mit Hauptstädterstolz über die Widersprüche der Metropole hinwegtäuschen.</p>
<p>Künstler, Intellektuelle und Aktivisten haben Peking in den vergangenen Jahrzehnten eine neue Facette verschafft, die der Kaisersitz früher nicht kannte: Die Stadt ist zum Zentrum der Subkulturen geworden. Denn das Leben jenseits des Kommunismus hat mehr zu bieten als Komfort und Konsum. Da die meisten heute nicht mehr um ihre Existenz fürchten müssen, gewinnen sie die Freiheit, abseits des Überlebenskampfes auf Sinnsuche zu gehen: in Kunst oder Literatur, in Philosophie oder Wissenschaft, in Natur oder fremden Ländern. In Peking steht dieser Spielraum erstmals in der Geschichte einem großen Teil der Bevölkerung offen, und es sind vor allem die Kinder der Reform-Ära, die ihn zu nutzen wissen. Während ihre Eltern noch die Armut im Nacken spüren und sich Richtung Reichtum flüchten wie in einen sicheren Hafen, kennen ihre Kinder die nackte Not nur noch vom Hörensagen. Damit sind sie unbelastet genug, auf die Idee zu kommen, dass Geld nicht der einzige Weg zum Glück sein muss und Selbstverwirklichung womöglich die bessere Form des sozialen Aufstiegs ist. Deshalb spielen heute in Pekings Bars Rockbands, in Cafés trifft sich die Intelligenzia und in Galerien zeigen sich Chinas neue Maler.</p>
<p>Was etwa in den Ausstellungshallen des Pekinger Szene-Viertels &#8220;798&#8243; zu sehen ist, ist weit entfernt von der offiziellen Aufschwungästhetik, mit der die Regierung das Bild der Olympiastadt zu formen versucht: Da sind Unglücks-Szenarien des jungen Malers Zhou Jinhua, gemalt aus der Vogelperspektive, die ihm in allen Lebenssituationen die angenehmste zu sein scheint. Daneben entwirft Chen Ke kindliche Traum- und Alptraumwelten. Wang Jie, der von sich sagt, er wäre wohl zur Luftwaffe gegangen, wenn er nicht Künstler geworden wäre, sucht den Horror im Alltag, in polizeilicher Willkür oder dem kollektiven Strammstehen der jungen Pioniere. Seinem Kollegen Yang Jiang haben es dagegen die frivolen Ikonen der japanischen Manga-Kultur angetan, die er in barocken Rahmen auftreten lässt. Der Pekinger Bildhauer Li Hui produziert in seiner Werkstatt am Rande der Stadt Laserinstallationen und plexi-gläserne Kriegsschiffe, die in ihrem Bauch Buddhas, Skelette oder Atompilze transportieren. Vor seiner Halle steht ein Fahrzeug, das er aus zwei Autofrontteilen zusammengeschweißt hat und das wirklich fährt &#8211; wenn man sich denn entscheiden kann, in welche Richtung es gehen soll.</p>
<p>Der 24-jährige Chen Lei gießt seine Heile-Welt-Sehnsucht in die Statue eines Kindes, das aus der Luft ein großer, weiß-wolkiger Eisbär küsst. Im Gegensatz dazu liebt Zhou Yilun wilde Tiger und alles Verruchte. &#8220;Ich werde sie zerstören&#8221; steht etwa auf einem Bild, auf dem eine Raubkatze eine Ferkelherde jagt. Zwei Tigern beim Liebesakt hat Zhou den Satz: &#8220;Do they enjoy?&#8221; (Macht es ihnen Spaß?) mit auf den Weg gegeben, einem anderen die Warnung: &#8220;Überall Gefahr&#8221;. Solche Botschaften kommen dem Empfinden der Pekinger gewiss näher als die glatte Propaganda, mit der die Staatsmedien die Stadt derzeit auf Olympia einstimmen.</p>
<p>Doch es gehört zum Stolz der Pekinger, dass sie sich ihre Mühen gegenüber Außenstehenden nicht gerne anmerken lassen. Auch wenn der Wettbewerb wohl noch nie erbarmungsloser, der Erwartungsdruck höher und das Enttäuschungspotenzial größer war als heute, so will sich Peking doch als Stadt des mühelosen Aufschwungs geben. Man sollte es ihr nicht abnehmen, aber für die Zeit der Spiele womöglich trotzdem einmal durchgehen lassen. Denn wie groß die Vorfreude der Pekinger auf &#8220;ihre&#8221; Spiele ist, lässt sich nicht übersehen. Sie sind wirklich nicht zu beneiden. Kein Ort der Welt wurde in den vergangenen Jahren von der Welt kritischer unter die Lupe genommen, nirgends wurde jede Straße und jedes Haus penibler inspiziert als bei ihnen.</p>
<p>So auch das kleine Restaurant in meiner Straße. &#8220;Sieh mal, wir haben uns auf Olympia vorbereitet&#8221;, begrüßte mich dort kürzlich Frau Li, die freundlichste Kellnerin Chinas, die glücklicherweise ausgerechnet bei mir um die Ecke arbeitet. Stolz schob sie mir die Speisekarte hin. Es war das erste Mal seit vielen Jahren, dass sie das tat. Eigentlich weiß Frau Li nämlich, was ich gerne esse und fragt einfach ab, was ich diesmal möchte: Tofu nach Art des Hauses, Tomaten mit Rührei, Lamm mit Kreuzkümmel. Nur wenn Frau Li frei hat, bestelle ich von der Karte, aber das ist nicht häufig der Fall. Jetzt musste ich sie mir aber natürlich trotzdem anschauen. Die Speisekarte war neu: Aus der fleckigen, doppelseitig kopierten Menüliste war eine achtseitige Hochglanzbroschüre geworden, in der die Gerichte abgebildet und auf Englisch beschriftet waren. &#8220;Donnerwetter&#8221;, sagte ich und suchte nach meinen Tomaten mit Rührei. Das Bild war schnell gefunden, aber was stand darunter? &#8220;Tomato speculation egg.&#8221; Tomatenspekulationsei? &#8220;Tolle Speisekarte&#8221;, sagte ich, &#8220;aber wer hat das denn übersetzt?&#8221; &#8220;Eine Nichte des Chefs spricht sehr gut Englisch&#8221;, erklärte mir Frau Li und strahlte noch immer so stolz, dass ich die Sache nicht weiter vertiefte, ihr ihre Freude ließ und mir also ein Tomatenspekulationsei bestellte. Vielleicht habe ich ja doch etwas verstanden. Und wenn nicht, dann war ich hoffentlich wenigstens nett. Das kann man zu Olympia schon mal sein.</p>
<p>Erschienen in: Berliner Zeitung, 2. August 2008</p>
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