Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Die chinesische Weltformel

Namen sind in China keine Geschmackssache, sondern eine Schicksalsfrage. Die richtige Antwort findet man mit kosmologischer Mathematik.

„Holt euch professionelle Hilfe“, rieten uns chinesische Freunde nach der Geburt unseres ersten Kindes. Ihre Sorge galt der Namenswahl. Wie unsere Tochter auf Deutsch heißen sollte, stand fest, aber ein in Peking geborenes Kind müsste auch einen chinesischen Namen haben, fanden wir. Dass wir dafür Unterstützung benötigten, war uns klar, denn in chinesischen Schriftzeichen schwingen viele Bedeutungen mit, die sich nur einem Muttersprachler erschließen. Doch als wir unsere Freunde um Rat fragten, schreckten sie zurück: „Wendet euch lieber an einen Namensgeber!“…

Bernhard Bartsch | 29. Oktober 2011 um 01:44 Uhr

 

Murdochs Tarantel

Wendi Deng wurde von ihren Landsleuten verachtet – bis sie ihren Gatten verteidigte.

Kann es wahre Liebe zwischen alten Männern und jungen Frauen geben? Eher nicht, glaubt man in China, wo die Wertvorstellungen noch immer traditionell sind und generationenübergreifende Beziehungen als anrüchig gelten. Auch die Ehe zwischen dem 80-jährigen Medientycoon Rupert Murdoch und seiner 38 Jahre jüngeren chinesischen Frau Wendi Deng galt als Liaison zwischen lüsternen Altmännerfantasien und konsumgeilen Mädchenträumen – bis ein beherzter Schlag eine andere Lesart anbot…

Bernhard Bartsch | 05. August 2011 um 13:21 Uhr

 

Glorreiche Zeiten

Big Brother made in China: Ein satirischer Roman beschreibt die Volksrepublik als Orwellschen Alptraum. Das Buch wird trotz Publikationsverbots heiß diskutiert.

China im Jahr 2013: Die Volksrepublik ist wieder ein Reich der Mitte. Der Westen ist in einer zweiten Runde der Finanzkrise kollabiert, doch China hat sich rechtzeitig abkoppeln können und ist nun stärker als je zuvor. Das Staatsunternehmen Wang Wang hat den amerikanischen Kaffeeröster Starbucks übernommen, Pekings Eliten trinken Frankreichs Weinkeller leer, und keine ausländische Regierung wagt mehr, Chinas Regierung zu kritisieren. Das chinesische Volk liebt seine Kommunistische Partei und sieht sich am Beginn eines neuen „glorreichen Zeitalters“. So hat es die Volkszeitung angekündigt, und wer würde an ihren Vorhersagen zweifeln?…

Bernhard Bartsch | 22. Februar 2010 um 11:42 Uhr

 

Saison der Schicksalsingenieure

In China haben die Feierlichkeiten zum Jahr des Tigers begonnen. Es ist die Zeit der Glücksrituale.

Hier werden also die Rätsel des Universums gelöst: im 15. Stock eines schmucklosen Mietshochhauses in der südchinesischen Industriemetropole Guangzhou. Der Teppichboden ist fleckig, die Büromöbel sind abgestoßen, und die Fenster wurden schon lange nicht mehr geputzt. Die Zimmerpflanzen sind kurz vor dem Eingehen. Kein Wunder, dass Pei Weng sich lieber in einem Teehaus verabredet hätte…

Bernhard Bartsch | 14. Februar 2010 um 16:31 Uhr

 

Morgen kommt der Weihnachtsgreis

Auch die Chinesen haben Weihnachten mittlerweile in ihren Jahreskalender aufgenommen – als exotisches Konsumfest.

Was es mit den Adventskränzen auf sich hat, ist Frau Zhou bis heute ein Rätsel. Aber was soll’s, solange man damit Geld verdienen kann. Vor drei Jahren entdeckte die Blumenhändlerin im Pekinger Stadtteil Chaoyang, wo viele Europäer und Amerikaner leben, dass einige Konkurrenten Nadelzweigkränze mit Schleifen und Kerzen ins Angebot genommen hatten. „Also habe ich auch begonnen, solche Kränze zu binden“, erzählt die Floristin. Doch seltsamerweise blieb sie auf ihren Gewinden sitzen. Erst nach einigen Wochen wurde Zhou auf ihren Fehler aufmerksam gemacht…

Bernhard Bartsch | 23. Dezember 2009 um 18:39 Uhr

 

Ein Gott für alle Fälle

Der Dalai Lama ist eine Jahrhundertpersönlichkeit. Alle großen Themen unserer Zeit spiegeln sich in ihm wider. Porträt einer globalen Projektionsfläche.

Dalai LamaVor einigen Wochen servierte der Dalai Lama in einem US-amerikanischen Obdachlosenheim das Mittagessen. Es gab Pasta mit Pesto und dazu eine Kostprobe, warum der 74-jährige Mönch einer der beliebtesten Menschen des Planeten ist. „Wissen Sie, ich bin auch heimatlos“, scherzte er in die Runde der Penner und lachte dabei so herzlich und mitreißend, dass selbst diejenigen einstimmten, die weder sein holpriges Englisch noch die Anspielung auf sein Exil verstanden hatten. In der Regel sind derartige Suppenküchentermine das Spielfeld von Politikern im Wahlkampf oder Promis bei der Imagesanierung. Doch das tibetische Religionsoberhaupt absolviert sie mit der gleichen Ernsthaftigkeit. Seit fünf Jahrzehnten ist sein Leben eine einzige Öffentlichkeitskampagne für sich und seine Sache: die politische oder zumindest kulturelle Freiheit der Tibeter…

Bernhard Bartsch | 31. Juli 2009 um 00:43 Uhr

 

Die besten Bomben

In China gelten Männer, die Süßigkeiten essen, als degeneriert. Dabei könnten französische Törtchen womöglich den nordkoreanischen Atomkonflikt lösen.

WindbeutelIn meiner Pekinger Nachbarschaft hat kürzlich eine französische Bäckerei eröffnet. Ich bin zweifellos einer ihrer besten Kunden, aber noch häufiger als ich kommen die Diplomaten der nahen nordkoreanischen Botschaft. Wann immer ich meine Mandel- oder Schokocroissants kaufe, sitzen dort mehrere Männer mit den unverkennbaren roten Kim-Jong-il-Ansteckern bei Törtchen und Cappuccino…

Bernhard Bartsch | 04. Juli 2009 um 15:35 Uhr

 

Die Buddha-Bar

Buddhistische Mönche betreiben in Tokio eine Kneipe. Sie wollen zeigen, dass Spiritualität und Spaß gut zusammenpassen.

Gugan Gaguchi (Copyright: Martin Gottske)Donnerstagabend, kurz nach zehn. Aus den Lautsprechern sprudelt Jazz, und der blinde Mönch an der Theke lauscht, wie sich John Coltranes Saxofon in die Stimmen seiner Gäste webt. Knapp zwei Dutzend sind gekommen, und wenn einer aufsteht, muss sich die Hälfte des Raumes mit ihm erheben, so eng ist es. Ursprünglich war die Vowz-Bar ein Einzimmerapartment im zweiten Stock eines Hauses in Tokios Stadtteil Shinjuku. Doch nun steht an der Stelle des Bettes eine Theke, auf der neben den Sakeflaschen auch ein paar Bände buddhistischer Schriften ausliegen. An den Wänden hängen Gebetswimpel und Kalligrafien, und in der hinteren Ecke sitzt ein Bronzebuddha, vor dem Räucherstäbchen ihren Sandelholzduft in den Zigarettenqualm mischen…

Bernhard Bartsch | 22. Juni 2009 um 04:50 Uhr

 

Das letzte Geschäft

Vom Tod lässt sich gut leben: Eine Bestattungsmesse in Hongkong zeigt die neuesten Trends der Beerdigungsindustrie.

Der Tod gehört zum Leben wie die Geburt, nur sorgt er meist für weniger Freude. Es sei denn, man hat den Sensenmann als Arbeitgeber. Dann kann man mit der Vergänglichkeit leicht seinen Frieden machen, und unter Umständen sogar ein Vermögen verdienen. Wie das geht, darüber tauschte sich die Branche kürzlich in Hongkong aus, bei der Asiatischen Bestattungsmesse…

Bernhard Bartsch | 19. Mai 2009 um 01:32 Uhr

 

Endspiel in Tibet

Am 10. März 1959 erhob sich Tibet gegen die chinesischen Besatzer. 50 Jahre später ist die kulturelle Eigenständigkeit der Einheimischen mehr denn je bedroht.

TibetDas kleine Wäldchen auf der Bergkuppe sieht nicht nach einem Schlachtfeld aus. „Aber manchmal haben wir hier richtige Gefechte“, erzählt ein Bauer aus dem Dorf im Tal, in dem seine Familie dem widerspenstigen Hochland mit Yak- und Schafzucht seit Generationen ein karges Auskommen abringt. „Wenn einer von uns Tibetern zum Holzschlagen geht, greifen die Muslime ihn an“, erklärt er, „und wenn einer von denen Bäume fällt, lassen wir uns das natürlich nicht gefallen.“

Bernhard Bartsch | 09. März 2009 um 06:13 Uhr

 

Hasenjagd

Wie ein chinesischer Kunstliebhaber den Versteigerern eines umstrittenen Bronzehasen einen Haken schlug.

YSLs_umstrittener_HaseDer chinesische Antiquitätensammler Cai Mingchao hat bei der Pariser Auktion von Kunstschätzen des verstorbenen Modeschöpfers Yves Saint Laurent den Verkauf von zwei Skulpturen verhindert, die China als Beutekunst zurückverlangt, indem er selbst das Höchstgebot abgab – und sich nun zu zahlen weigert. Er habe per Telefon mitgesteigert und bei 31 Millionen Euro den Zuschlag erhalten, erklärte Cai, als er am Montag das fünftägige Rätselraten über den siegreichen Bieter beendete. „Ich muss betonen, dass dieses Geld nicht bezahlt werden kann“, sagte der 45-Jährige…

Bernhard Bartsch | 03. März 2009 um 01:41 Uhr

 

Man lebt nur zweimal

Wie ist das Leben nach dem Tod? Ganz ähnlich wie das davor, glaubt man in China.

Der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Auch nicht vom Tod. Zumindest glauben das offenbar viele Chinesen. Denn warum sollten sie sonst ihre Ahnen mit neuen Errungenschaften versorgen, die zu ihren Lebzeiten gar nicht existierten: mit Computern und Handys, mit Digitalkameras und Kreditkarten, mit Vitaminpräparaten und Potenzpillen?…

Bernhard Bartsch | 05. Februar 2009 um 03:02 Uhr

 

Jeder ist seines Glückes Bäcker

Die chinesischen Glückskekse wurden in Kalifornien erfunden. Das muss ein kulturelles Versehen sein: Kaum ein Volk zelebriert abergläubische Späße mehr als die Chinesen.

Jetzt kann ich es ja sagen: Glückskekse waren mir schon immer zuwider. Wenn ich als Kind meine Großmutter besuchte und das traditionelle Sonntagsessen im Chinalokal „Mandarin“ anstand, freute ich mich zwar auf Knusperente und natürlich „Flühlingslolle“, aber das sinnige Plätzchen zum Abschied bot stets eine verlässliche Enttäuschung…

Bernhard Bartsch | 13. September 2008 um 15:13 Uhr

 

Der letzte Mandschure

Mit Pfeil und Bogen bezwangen die Mandschuren einst China und dann sich selbst. Eine Waffenschmiede überlebte den Abstieg.

Verantwortung ist für Yang Fuxi eine Portion Schweinekleber. Dafür nimmt er zehn Kilo Schweinehaut, wäscht sie, kocht sie, rupft einzeln alle Härchen aus und rasiert zur Sicherheit noch einmal drüber. Danach kommt sie in einen großen Dämpftopf, in dem die Haut so lange in heißem Wasserdampf aufgeweicht wird, bis Yang sie mit einem Holzstößel zerdrücken kann. Den Matsch kocht er auf, presst ihn durch ein feines Sieb und lässt ihn abkühlen…

Bernhard Bartsch | 04. August 2008 um 10:40 Uhr

 

Der Stolz der Pekinger

Im Zentrum des Reichs der Mitte prallen Welten aufeinander. Das war vor 700 Jahren nicht anders als heute. Vom Leben in einer unberechenbaren Stadt.

Der Abend des 19. Dezember 1999 war klar und frostig, ein Abend wie gemacht für Bier und Popcorn in der No. 50 Bar. Es war eine der ersten Pekinger Kneipen nach westlichem Vorbild. Die Kundschaft bestand zur einen Hälfte aus ausländischen Studenten und zur anderen aus neuerdings wohlhabenden Chinesen, die bereitwillig zehn Yuan für ein Bier bezahlten, das im Restaurant um die Ecke zwei Yuan kostete. Ich gehörte zu ersteren…

Bernhard Bartsch | 02. August 2008 um 16:40 Uhr