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	<title>Bernhard Bartsch &#187; Tibet</title>
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	<description>TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN</description>
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		<title>China bekommt Berufsbuddhisten</title>
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		<pubDate>Fri, 25 Nov 2011 13:55:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Dalai Lama]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Tibetische Mönche und Nonnen haben in China künftig Renten- und Versicherungsansprüche. Die Partei will damit ihre Protestbereitschaft schwächen.</h3>
Tibetischer Mönch zu sein, ist in China künftig ein anständiger Beruf. Die buddhistischen Geistlichen haben neuerdings Anspruch auf eine Rente und eine staatliche Gesundheitsversicherung, berichtete Pekings offizielle Nachrichtenagentur Xinhua. Dass tibetische Mönche und Nonnen unter den Schirm des staatlichen Sozialsystems kommen, ist Teil einer Kampagne der Kommunistischen Partei, die mit Zuckerbrot und Peitsche – sprich: Geld und Repressionen – versucht, die von Unruhen geprägte Region zu befrieden...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Tibetische Mönche und Nonnen haben in China künftig Renten- und Versicherungsansprüche. Die Partei will damit ihre Protestbereitschaft schwächen.</h3>
<p>Tibetischer Mönch zu sein, ist in China künftig ein anständiger Beruf. Die buddhistischen Geistlichen haben neuerdings Anspruch auf eine Rente und eine staatliche Gesundheitsversicherung, berichtete Pekings offizielle Nachrichtenagentur Xinhua. Dass tibetische Mönche und Nonnen unter den Schirm des staatlichen Sozialsystems kommen, ist Teil einer Kampagne der Kommunistischen Partei, die mit Zuckerbrot und Peitsche – sprich: Geld und Repressionen – versucht, die von Unruhen geprägte Region zu befrieden.</p>
<p>„Das ist ein maßgeblicher Schritt, um das Leben des tibetischen Volkes zu verbessern“, zitiert Xinhua Tibets stellvertretenden Parteichef Wu Yingjie. Mönche und Nonnen über 60 bekommen fortan eine monatliche Rente von 120 Yuan (14 Euro). Im Krankheitsfall übernimmt die Regierung jährlich Behandlungskosten von bis zu 50.000 Yuan (5857 Euro). Jüngere Geistliche müssen künftig Beiträge in die Sozialkassen zahlen. Die meisten tibetischen Geistlichen leben von Spenden der Öffentlichkeit und ihrer Familien sowie von dem kleinen Einkommen ihrer Klöster, die oft mit religiöser Beratung, Tourismus oder Landwirtschaft Geld verdienen.</p>
<p>Die buddhistische Sozialreform folgt auf die größte tibetische Protestwelle seit Jahren. Seit März haben sich zwölf Tibeter, darunter mehrere Mönche und eine Nonne, selbst angezündet, um gegen Pekings Einschränkungen der religiösen und kulturellen Freiheiten in den tibetischen Gebieten zu protestieren. Im März 2008 starben bei Krawallen mindestens 18 Menschen. Seitdem ist die Präsenz von Sicherheitskräften in der Region noch höher als in früheren Zeiten. Neue Richtlinien zur „Verbesserung des Managements tibetischer Tempel“ zwingen Mönche, Kurse in Staatsbürgerkunde zu absolvieren. Gleichzeitig rief Peking eine Initiative zur Verbesserung des Lebensstandards ins Leben. Bis 2015 sollen rund 40 Milliarden Euro in 226 Entwicklungsprojekte fließen. Im Jahr 2020 soll das Einkommen in den tibetischen Gebieten dem nationalen Durchschnitt angeglichen werden.</p>
<p>Die tibetische Exilregierung im indischen Dharamsala macht für die angespannte Lage vor allem Pekings repressive Politik verantwortlich. Anfang der Woche warb der Kabinettschef der Exilregierung, Lobsang Sangay, in Deutschland um Unterstützung für den Kampf der Tibeter um kulturelle Autonomie in ihrer Heimat geworben. Die Kommunistische Partei sieht im Dalai Lama und seinen Anhängern ihrerseits gefährliche Separatisten. „Es ist ein brutales und terroristisches Vorgehen, junge Tibeter, die nichts über den Hintergrund oder die wirkliche Natur der ‚Tibetischen Freiheitsbewegung’ oder ‚Tibetischen Unabhängigkeit’ wissen, zum Selbstmord anzustiften“, wies die offizielle Zeitung „China Daily“ in ihrer Freitagsausgabe dem Dalai Lama die Verantwortung für die Selbstverbrennungen zu. „Extremismus, so wie ihn der Dalai Lama und seine Clique verfolgen, beschmutzt das Image des tibetischen Buddhismus und stört die soziale Ordnung.“</p>
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		<title>Brennender Wunsch nach Freiheit</title>
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		<pubDate>Wed, 26 Oct 2011 14:21:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Zehn junge Tibeter haben sich seit März angezündet. Die Taten sind ein Protest gegen Pekings Politik.</h3>
Tibets junge Mönche proben mit Verzweiflungstaten den Aufstand gegen die chinesische Herrschaft. Zum zehnten Mal seit März hat sich am Dienstag ein Mönch selbst angezündet. Der 38-jährige Dawa Tsering habe sich während einer religiösen Zeremonie in Kandze in der an Tibet grenzenden Provinz Sichuan mit Benzin übergossen und selbst entflammt, berichten exiltibetische Organisationen. Dabei habe er die Rückkehr des Dalai-Lama sowie Freiheit für Tibet gefordert. Er wurde mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht. Die Selbstverbrennungen sind Zeichen einer erneuten Eskalation des Konflikts zwischen religiösen Tibetern und der chinesischen Regierung...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Zehn junge Tibeter haben sich seit März angezündet. Die Taten sind ein Protest gegen Pekings Politik.</h3>
<p>Tibets junge Mönche proben mit Verzweiflungstaten den Aufstand gegen die chinesische Herrschaft. Zum zehnten Mal seit März hat sich am Dienstag ein Mönch selbst angezündet. Der 38-jährige Dawa Tsering habe sich während einer religiösen Zeremonie in Kandze in der an Tibet grenzenden Provinz Sichuan mit Benzin übergossen und selbst entflammt, berichten exiltibetische Organisationen. Dabei habe er die Rückkehr des Dalai-Lama sowie Freiheit für Tibet gefordert. Er wurde mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht.</p>
<p>Die Selbstverbrennungen sind Zeichen einer erneuten Eskalation des Konflikts zwischen religiösen Tibetern und der chinesischen Regierung. Mindestens fünf der zehn Demonstranten starben. Zuletzt hatte sich am 17. Oktober eine 20-jährige Nonne in der Region Ngaba in Osttibet verbrannt. Am Wochenende war im Internet ein Handyvideo veröffentlicht worden, das den 19-jährigen Mönch Lobsang Konchok zeigen soll, der sich Ende September vor dem Kirti-Kloster in der Provinz Sichuan angezündet hatte. In den schockierenden Aufnahmen liegt er unter dem weißen Staub von Feuerlöscherflüssigkeit auf der Straße, die Kleider hängen ihm in Fetzen vom Leib, seine Beine scheinen zu rauchen. Um ihn herum stehen Polizisten in Kampfmontur. Einer stürmt auf die Kamera zu und ruft: &#8220;Nicht filmen!&#8221;</p>
<p>Nach Angaben der Organisation International Campaign for Tibet seien die Taten &#8220;Ausdruck einer tiefen Verzweiflung und Unzufriedenheit&#8221;. Sie richteten sich gegen die harschen Methoden, mit denen die chinesischen Behörden seit den Unruhen im Frühjahr 2008 für Ruhe zu sorgen versuchen. Viele Beobachter verweisen darauf, dass die Tibeter womöglich an die Selbstverbrennung des tunesischen Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi anknüpfen wollen, die der Auslöser der Volksrevolten im Nahen Osten war.</p>
<p>Pekings Regierung reagiert auf die Selbstverbrennungen mit der üblichen Mischung aus verschärfter Kontrolle und Propaganda. In exiltibetischen Internetforen wird über eine erneute Verstärkung von Militär und Sicherheitskräften berichtet. In Klöstern ist von einer neuen Kampagne &#8220;patriotischer Erziehung&#8221; die Rede. Außenministeriumssprecherin Jiang Yu warf dem Dalai-Lama vor, die Menschen zu &#8220;Gewalt und getarntem Terrorismus&#8221; anzustiften. Die tibetische Exilregierung im indischen Dharamsala erklärte dagegen, dass sie die Selbstverbrennungen ausdrücklich nicht unterstütze, sondern als eine Form von Gewalt ansehe, die der Buddhismus verbiete. Allerdings seien die Selbstmordversuche das Ergebnis &#8220;verstärkter Repressionen in allen tibetischen Klöstern&#8221;, sagte ein Sprecher der Exilregierung. &#8220;Die Tibeter in Tibet, die sich zu verbrennen versuchen, wollen die internationale Aufmerksamkeit auf die wirklich ernste Situation in Tibet lenken.&#8221;</p>
<p>Doch unabhängig von dem verbalen Schlagabtausch zwischen Peking und Dharamsala dürfte es der chinesischen Regierung größte Sorgen bereiten, dass die Verzweiflungstaten allesamt von jungen Menschen ausgehen. Neun von zehn waren unter dreißig, einige sogar Teenager. Eigentlich beruht die Tibetstrategie der Kommunistischen Partei auf der Theorie, dass der Widerstand gegen ihre Herrschaft mit jeder Generation geringer werden müsste. Schließlich sind die jungen Tibeter in einem System aufgewachsen, das ihnen eine chinesische Identität vermitteln soll.</p>
<p>Nur noch wenige bekommen die traditionelle religiöse Erziehung, das Leben in den Klöstern wird streng kontrolliert. Dalai-Lama-feindliche Propaganda und das Lob der Fortschritte unter kommunistischer Herrschaft gehören zum Schulunterricht wie das kleine Einmaleins. Doch die Rechnung scheint nicht so aufzugehen, wie Peking es sich wünscht. Statt in den Sog des chinesischen Wirtschaftsbooms gezogen zu werden, fühlen sich viele junge Tibeter vom Fortschritt ausgeschlossen. Die Wirtschaft in ihrer Heimat ist größtenteils in den Händen der Han-Chinesen. Das Misstrauen zwischen den ethnischen Gruppen ist groß.</p>
<p>Wie groß Pekings Sorge ist, dass junge Tibeter sich mehr mit dem Dalai-Lama als mit der Kommunistischen Partei identifizieren, zeigt sich auch in den jüngsten Streitigkeiten um die Wiedergeburt des tibetischen Religionsoberhaupts. Der 76-jährige Dalai-Lama hatte kürzlich erklärt, dass er sich noch 15 Jahre Zeit lassen wolle, bevor er entscheide, ob er überhaupt noch einmal wiedergeboren werden wolle. Gleichzeitig wird in Dharamsala die Möglichkeit diskutiert, dass er seine Reinkarnation noch zu Lebzeiten selbst auswählen könnte, was nach buddhistischer Tradition möglich wäre. Damit könnten die Exiltibeter vermeiden, dass Peking einen eigenen Nachfolger kürt. Chinas Regierung reagiert auf derartige theologische Gedankenspiele mit Empörung und besteht darauf, dass der Dalai-Lama seine Wiedergeburt nicht verweigern könne &#8211; und dass die Wahl seines Nachfolgers Aufgabe der Kommunistischen Partei sei.</p>
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		<title>Ein Gott dankt ab</title>
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		<pubDate>Thu, 10 Mar 2011 14:32:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Der Dalai Lama gibt seine politischen Funktionen auf und fordert demokratische Wahlen. Doch ausgerechnet Peking besteht auf seiner Wiedergeburt.</h3>
Der Dalai Lama geht in Rente. 61 Jahre nachdem ihm die weltliche Herrschaft über Tibet übertragen wurde, will der 14. Dalai Lama seine politischen Funktionen aufgeben und in demokratischen Wahlen einen Nachfolger bestimmen lassen. «Eines meiner Ziele, das ich seit meiner Jugend verfolgt habe, ist die Reform von Tibets politischer und gesellschaftlicher Struktur», sagte er...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Dalai Lama gibt seine politischen Funktionen auf und fordert demokratische Wahlen. Doch ausgerechnet Peking besteht auf seiner Wiedergeburt.</h3>
<p>Der Dalai Lama geht in Rente. 61 Jahre nachdem ihm die weltliche Herrschaft über Tibet übertragen wurde, will der 14. Dalai Lama seine politischen Funktionen aufgeben und in demokratischen Wahlen einen Nachfolger bestimmen lassen. Das erklärte der 76-Jährige am Donnerstag anlässlich des 52. Jubiläums des tibetischen Volksaufstands gegen die kommunistischen Herrscher im Jahr 1959. Dieser Aufstand hatte zur Flucht des Dalai Lama nach Indien und zur Gründung der dort ansässigen Exilregierung geführt. «Eines meiner Ziele, das ich seit meiner Jugend verfolgt habe, ist die Reform von Tibets politischer und gesellschaftlicher Struktur», sagte der Dalai Lama. «Seit den frühen 1960er Jahren habe ich immer wieder betont, dass die Tibeter einen Anführer brauchen, der vom tibetischen Volk frei gewählt wurde und an den ich meine Vollmachten übergeben kann.» Ab kommender Woche soll das Exilparlament über eine entsprechende Verfassungsänderung beraten. Seine weitaus einflussreichere Rolle als Oberhaupt des tibetischen Buddhismus behält der Dalai Lama allerdings bei.</p>
<p>Die seit Monaten erwartete Ankündigung ist ein entscheidender Schritt für die Neuorganisation der tibetischen Exilgemeinde, deren Zusammenhalt massgeblich vom Charisma ihres politischen und spirituellen Oberhaupts abhängt. Viele Tibeter befürchten, dass die Bewegung nach dem Tod des Dalai Lama wegen des seit Jahren schwelenden Streits über die richtige Strategie im Umgang mit Peking auseinanderbrechen könnte. In seiner Erklärung erhob der Dalai Lama erneut schwere Vorwürfe gegenüber der Volksrepublik. «Tibeter leben in ständiger Angst und Sorge», sagte er. Viele Intellektuelle seien inhaftiert worden, weil sie gewagt hätten, «Tibets Identität und kulturellem Erbe ihre Stimme zu verleihen».</p>
<p>Chinas Regierung, die dem Dalai Lama separatistische Absichten unterstellt, kommentierte die Ankündigung mit der zu erwartenden Kritik. «Ich glaube, dass es sich um einen seiner Tricks handelt, um die internationale Gemeinschaft zu betrügen», erklärte eine Sprecherin des Aussenministeriums. «Die Exilregierung ist eine illegale politische Organisation, die von keinem Land der Welt anerkannt wird.» Doch dass ausgerechnet der Dalai Lama, den die chinesische Propaganda seit Jahrzehnten als düsteren Tyrannen darstellt, nun die Demokratie fördert, ist für Peking heikel.</p>
<p>Seitdem es im März 2008 zu Zusammenstössen zwischen unzufriedenen Tibetern und Hanchinesen gekommen ist, bei denen mindestens 19 Personen umkamen, versucht die Regierung, die Unruhezentren in den tibetischen Gebieten mit rabiaten Massnahmen unter Kontrolle zu bekommen. Dabei dürfte es Pekings Kritikern in und ausserhalb Tibets nicht entgangen sein, dass der Dalai Lama just an dem Tag abdankte, an dem Chinas Parlamentspräsident Wu Bangguo erklärte, ein Mehrparteiensystem sei in der Volksrepublik undenkbar. An der Jahrestagung des Nationalen Volkskongresses erklärte die Nummer zwei in der Parteihierarchie: «Chinas nationale Gegebenheiten zeigen deutlich, dass wir keine Rotation politischer Macht zwischen mehreren Parteien und keine Vielfalt politischer Leitideologien zulassen können.»</p>
<p>Deutlich schwerer, als die politische Nachfolge zu regeln, dürfte es dem Dalai Lama fallen, einen religiösen Nachfolger zu installieren. Chinas Kommunistische Partei kündigt seit Jahren immer wieder an, nach dem Tod des Dalai Lama über eine Reinkarnation entscheiden zu wollen. Der Vereinnahmung seines Amtes will der Dalai Lama womöglich zuvorkommen, indem er schon zu Lebzeiten erklärt, dass auf ihn keine Wiedergeburt folgen wird.</p>
<p>Padma Choling, der von Peking ernannte Gouverneur der Autonomen Region Tibet, sprach dem Dalai Lama Anfang der Woche am Rande des Nationalen Volkskongresses allerdings das Recht ab, seine Reinkarnation zu verweigern. «Ich finde das unmöglich, wir müssen die historischen Institutionen und religiösen Rituale des tibetischen Buddhismus respektieren», erklärte er. «Ich fürchte, kein Einzelner kann darüber entscheiden, ob die Institution der Wiedergeburt abgeschafft wird oder nicht.» Die Reinkarnation sei vom chinesischen Gesetz sogar vorgeschrieben.</p>
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		<title>Dalai Lama zwitschert mit Chinesen</title>
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		<pubDate>Sat, 22 May 2010 15:40:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Tibetisches Religionsoberhaupt spricht per Twitter mit Chinas Internetgemeinde über Demokratie, Reinkarnation und die Kommunistische Partei.</h3>
Das Internet macht’s möglich: Der Dalai Lama hat sich erstmals direkt mit Chinesen in der Volksrepublik unterhalten – in einem Onlinechat. Eine Stunde lang beantwortete der im Exil lebende tibetische Religionsführer am Freitagabend Fragen chinesischer Internetbenutzer über Demokratie, Reinkarnation und die Kommunistische Partei...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Tibetisches Religionsoberhaupt spricht per Twitter mit Chinas Internetgemeinde über Demokratie, Reinkarnation und die Kommunistische Partei.</h3>
<p>Das Internet macht’s möglich: Der Dalai Lama hat sich erstmals direkt mit Chinesen in der Volksrepublik unterhalten – in einem Onlinechat. Eine Stunde lang beantwortete der im Exil lebende tibetische Religionsführer am Freitagabend Fragen chinesischer Internetbenutzer über Demokratie, Reinkarnation und die Kommunistische Partei. „Das Tibetproblem könnte bald gelöst werden“, schrieb der Friedensnobelpreisträger, der offensichtlich um Optimismus und Versöhnlichkeit bemüht war, um das Bild eines fundamentalistischen Separatisten, das Chinas Staatspropaganda von ihm zeichnet, zu entkräften. Für die Konflikte seien keine grundsätzlichen Widersprüche zwischen Chinesen und Tibetern verantwortlich, sondern politische Fehlentwicklungen. Der Dalai Lama empfahl, Peking solle sich an den 1987 geschassten Ex-Parteichef und Reformer Hu Yaobang erinnern – womöglich eine Versöhnungsgeste in Richtung von Premier Wen Jiabao, der Hu kürzlich in einem Aufsehen erregenden Zeitungsbeitrag zu rehabilitieren versucht hatte. „Wens Artikel bestätigte Hus praktischen Ansatz, der offiziellen Berichten nicht traute und die Wahrheit lieber vor Ort durch persönliche Anschauung suchte“, kommentierte der Dalai Lama.</p>
<p>Initiiert hatte den Austausch der kritische chinesische Intellektuelle Wang Lixiong, unter dessen Namen der Chat im Mikroblogdienst Twitter übertragen wurde. Zwar versuchen Chinas Zensoren, die Internetgemeinde an der Benutzung von Twitter zu hindern, doch tausende Chinesen haben mit spezieller Software trotzdem Zugang zu dem System. Twitter ist eines der wichtigsten Foren der chinesischen Regimekritiker. 1249 Internetbenutzer nahmen direkt an dem Chat teil, tausende weitere verfolgten ihn durch Weiterleitungen. Die überwiegende Mehrheit der chinesischen Internetbenutzer dürften von der Aktion jedoch nichts erfahren.</p>
<p>288 Fragen an den Dalai Lama waren bereits vorab eingegangen. Auf seine Nachfolge angesprochen erklärte der Buddhist, dass Peking womöglich versuchen werde, eine eigene Reinkarnation zu finden. Er glaube aber, dass dies „keinen grossen Einfluss haben werde, da das System der Wiedergeburt des Dalai Lama in Zukunft weniger wichtig sein wird.“ Stattdessen bemühe er sich darum, eine demokratische Exilregierung aufzubauen. Auf die Frage nach Tibet Unabhängigkeitsbestrebungen antwortete er: „Wir möchten Autonomie, aber ich habe immer sehr klar gemacht, dass Aussenpolitik und Staatsverteidigung Sache der Zentralregierung sind.“ Zumindest die chinesischen Twitter-Benutzer wissen nun also, dass der Dalai Lama der Parole „Free Tibet“ längst abgeschworen hat.</p>
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		<title>Der Fluch der Tofu-Schulen</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Apr 2010 15:49:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Beim Erdbeben in Nordwestchina sind erneut hunderte Kinder in Schulgebäuden umgekommen. Doch der Propagandaapparat ist auf die Katastrophe gut vorbereitet.</h3>
Am Tag nach dem Erdbeben in der nordwestchinesischen Provinz Qinghai wird allmählich das Ausmaß der Zerstörung sichtbar. „Es gibt immer mehr Verletzte und Tote“, beschreibt der Mitarbeiter einer tibetischen Hilfsorganisation am Telefon die verzweifelte Lage. 34 Kinderleichen und 27 Verletzte seien bereits aus den Trümmern einer Internatsschule geborgen worden, die er in den vergangenen Jahren mit aufgebaut habe...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Beim Erdbeben in Nordwestchina sind erneut hunderte Kinder in Schulgebäuden umgekommen. Doch der Propagandaapparat ist auf die Katastrophe gut vorbereitet.</h3>
<p>Am Tag nach dem Erdbeben in der nordwestchinesischen Provinz Qinghai wird allmählich das Ausmaß der Zerstörung sichtbar. „Es gibt immer mehr Verletzte und Tote“, beschreibt der Mitarbeiter einer tibetischen Hilfsorganisation am Telefon die verzweifelte Lage. 34 Kinderleichen und 27 Verletzte seien bereits aus den Trümmern einer Internatsschule geborgen worden, die er in den vergangenen Jahren mit aufgebaut habe. „Mindestens 200 sind noch verschüttet, aber es mangelt an ausgebildeten Rettungskräften, und für die Verletzten gibt es keine medizinische Versorgung.“ Die erste Nacht hätten die Menschen bei Minusgraden in Decken gehüllt im Freien verbracht.</p>
<p>Nach offiziellen Angaben sind nach dem Beben der Stärke 7,1 auf der Richterskala bisher 617 Leichen geborgen und 9110 Verletzte registriert worden. Da noch hunderte Menschen vermisst werden, dürften die Zahlen in den kommenden Tagen weiter steigen. Angesichts der widrigen klimatischen Bedingungen sind die Überlebenschancen für Verschüttete gering. In der nahe dem Epizentrum gelegenen 100.000-Einwohner-Stadt Jiegu seien 85 Prozent der Häuser zerstört worden, melden chinesische Medien. Mehrere wahrscheinlich ebenfalls betroffene Ortschaften sind bislang noch von der Außenwelt abgeschnitten. 97 Prozent der Bevölkerung in der Region sind Tibeter. „Die Informationslage ist chaotisch“, berichtet ein Tibeter aus Jiegu am Telefon. „Am ersten Tag haben alle Menschen mit Handys ihre Verwandten und Freunde anzurufen versucht, aber inzwischen sind die Batterien leer und es gibt fast nirgends Strom zum Aufladen.“ Die Hotlines des Katastrophenschutzes, der Polizei und der Krankenhäuser waren am Donnerstag unerreichbar.</p>
<p>Erst rund 24 Stunden nach dem Beben vom Mittwochmorgen trafen größere Rettungstrupps mit Hilfslieferungen in der abgelegenen Region ein. Allerdings seien viele Helfer wegen der Höhenlage von rund 4000 Meter über dem Meeresspiegel nur begrenzt einsatzfähig, berichtete ein aus Shanghai angereister Sanitäter. „Viele sind geschwächt und müssen sich erbrechen“, sagte er. Am Donnerstagabend flog auch Premierminister Wen Jiabao nach Jiegu. Schon nach dem verheerenden Sichuan-Erdbeben im März 2008 hatte der Regierungschef persönlich die Bergungseinsätze koordiniert und damit in der chinesischen Öffentlichkeit große Sympathie erworben.</p>
<p>Offenbar versucht die Regierung, aus den Erfahrungen von Sichuan zu lernen – und unangenehme Fragen von vornherein zu vermeiden, insbesondere eine erneute Diskussion um sogenannte „Tofu-Schulen“. In Sichuan waren rund 9000 Kinder in maroden Schulgebäuden umgekommen, die aufgrund von Korruption nicht den Bauvorschriften entsprachen. Zwar bemühten sich die Propagandabehörden diesmal, die Berichterstattung streng unter Kontrolle zu behalten und nur Journalisten der unmittelbar von Peking kontrollierten Zentralmedien ins Katastrophengebiet zu lassen. Doch in den Foren des Mikroblog-Dienstes Twitter häuften sich am Donnerstag bereits Berichte, die darauf schließen lassen, dass erneut tausende Kinder in Schulen gestorben sein dürften, während die besser gebauten Regierungsgebäude stehen blieben. Der Künstler und Aktivist Ai Weiwei, der nach dem Sichuan-Erdbeben eine Bürgeruntersuchung zu den Tofu-Schulen initiiert hatte, kommentierte auf seinem Blog: „Vom Sichuan-Erdbeben haben wir noch keine klaren Informationen, und jetzt sterben schon wieder Kinder.“</p>
<p>Berichten chinesischer Journalisten zufolge erhielten alle chinesischen Medien Anweisungen, „nicht über einzelne eingestützte Gebäude und nicht über Schüler“ zu berichten. Der Chef eines staatlichen Fernsehsenders soll seinen Mitarbeitern erklärt haben: „Die richtige Berichterstattung ist noch wichtiger als die Rettungsaktion.“ Nachrichtensendungen rückten vor allem die Bemühungen der Volksbefreiungsarmee in den Vordergrund. Dass sich laut Augenzeugenberichten gegenüber dieser Zeitung unter den fleißigsten Rettungsarbeitern hunderte Mönche der lokalen tibetischen Klöster befinden, blieb in der offiziellen Berichterstattung allerdings so gut wie unerwähnt.</p>
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		<title>Hunderte Tote bei chinesischem Erdbeben</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Apr 2010 16:00:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Erdbeben]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>400 Tote und 10.000 Verletzte bei Beben der Stärke 7,1 in der Provinz Qinghai. Die Opfer sind größtenteils Tibeter.</h3>
„Wir graben mit den Händen nach Überlebenden. Die Toten liegen auf der Straße und die Verletzten sitzen daneben. Niemand kommt uns zu Hilfe, es ist eiskalt und wir wissen nicht, wo wir heute Nacht schlafen können.“ Mit diesen Worten beschrieb am Mittwochabend ein Augenzeuge am Telefon die Lage nach dem schweren Erdbeben in der nordwestchinesischen Provinz Qinghai...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>400 Tote und 10.000 Verletzte bei Beben der Stärke 7,1 in der Provinz Qinghai. Die Opfer sind größtenteils Tibeter.</h3>
<p>„Wir graben mit den Händen nach Überlebenden. Die Toten liegen auf der Straße und die Verletzten sitzen daneben. Niemand kommt uns zu Hilfe, es ist eiskalt und wir wissen nicht, wo wir heute Nacht schlafen können.“ Mit diesen Worten beschrieb am Mittwochabend ein Augenzeuge am Telefon die Lage nach dem schweren Erdbeben in der nordwestchinesischen Provinz Qinghai. Am frühen Morgen hatte ein Beben der Stärke 7,1 die Menschen überrascht und die 100.000-Einwohner-Stadt Jiegu größtenteils zerstört. Die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua sprach zunächst von 400 Toten und 10.000 Verletzten. Viele Menschen werden allerdings noch unter den Trümmern vermisst. „Es ist mit hohen Opferzahlen zu rechnen, weil das Erdbeben am frühen Morgen passierte und viele der Bewohner noch nicht aufgestanden waren“, zitierte Xinhua einen Experten des nationalen Erdbebenamtes in Peking, Sun Shihong. „Viele sind in eingestürzten Häusern begraben.“ Da es allerdings schon zwei Stunden zuvor leichte Erdstöße gegen hatte, könnte zumindest ein Teil der Menschen vorgewarnt gewesen sein. Bis zum Abend wurden 25 Nachbeben registriert.</p>
<p>Das Epizentrum lag 50 Kilometer westlich von Jiegu, der größten Stadt in der zu 97 Prozent von Tibetern bewohnten Präfektur Yushu. Da sich das Katastrophengebiet in einer abgelegenen und dünn besiedelten Bergregion in einer Höhe von 4000 Meter über dem Meeresspiegel befindet, gestaltet sich die Notversorgung schwierig. Erst knapp sieben Stunden nach dem Beben traf das erste Flugzeug mit Bergungskräften und Hilfslieferungen der Volksbefreiungsarmee ein. Der größte Teil der Rettungsmannschaften wird nicht vor Donnerstag oder Freitag erwartet, weil er auf dem streckenweise schlecht ausgebauten und verschneiten Landweg aus der 800 Kilometer entfernten Provinzhauptstadt Xining unterwegs ist. In Yushu herrscht zu dieser Jahreszeit Dauerfrost, nachts gibt es zweistellige Minusgrade.<br />
Die Pekinger Zentralregierung versicherte, dass alle Kräfte zur Rettung der Opfer mobilisiert würden und schickte Vize-Premier Hui Liangyu, um den Einsatz zu koordinieren.</p>
<p>Doch in den für die Bergung von Überlebenden entscheidenden Stunden nach dem Beben sind die Bewohner von Jiegu weitgehend auf sich allein gestellt. „Unsere Stadtregierung und die Polizei waren auf eine solche Katastrophe offenbar überhaupt nicht vorbereitet“, sagte ein Tibeter. „Die Soldaten und Polizisten kümmern sich nur um die offiziellen Regierungsgebäude im Stadtzentrum, aber nicht um die Wohnbezirke der normalen Bevölkerung.“ Nach Angaben des Krisenstabs sind 85 Prozent der Gebäude der Stadt zerstört, insbesondere die meist aus Holz und Lehm gebauten Wohngebäude.</p>
<p>Das Beben weckt in China Erinnerungen an die verheerende Katastrophe in der Provinz Sichuan im Mai 2008 (siehe Kasten). Damals hatte vor allem der Tod tausender Kinder in marode gebauten Schulen, sogenannten „Tofu-Gebäuden“, die Chinesen schockiert. Inwiefern sich die Tragödie in Jiegu wiederholt, ist noch unklar. Eine Angestellte des lokalen Regierungskindergartens erklärte telefonisch, ihre Gebäude seien zwar beschädigt, es habe aber keine Toten gegeben. Jiegus Pädagogische Hochschule sei dagegen jedoch vollständig in sich zusammengebrochen. „Da sich das Beben über eine Stunde vor Unterrichtsbeginn ereignet hat, dürfte niemand in den Klassenzimmern gewesen sein“, erklärte die Kindergärtnerin. „Allerdings gibt es in Jiegu einige Internate für die Kinder aus der Umgebung.“ Telefonanrufe bei mehreren Schulen wurden am Mittwoch direkt zur Einsatzzentrale des Katastrophenschutzes weitergeleitet, aber nicht beantwortet.</p>
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		<title>Tiefpunkt oder freier Fall?</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Feb 2010 09:48:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>China ist wütend über Obamas Dalai-Lama-Empfang. Die Frage ist: Wie sehr?</h3>
Die diplomatischen Beziehungen zwischen Washington und Peking haben sich weiter deutlich abgekühlt. Nachdem US-Präsident Barack Obama am Donnerstag den Dalai Lama im Weißen Haus empfangen hatte, bestellte China am Freitag den amerikanischen Botschafter ein. Pekings Vize-Außenminister Cui Tiankai habe einen "förmlichen Protest" eingelegt...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>China ist wütend über Obamas Dalai-Lama-Empfang. Die Frage ist: Wie sehr?</h3>
<p>Die diplomatischen Beziehungen zwischen Washington und Peking haben sich weiter deutlich abgekühlt. Nachdem US-Präsident Barack Obama am Donnerstag den Dalai Lama im Weißen Haus empfangen hatte, bestellte China am Freitag den amerikanischen Botschafter ein. Pekings Vize-Außenminister Cui Tiankai habe einen &#8220;förmlichen Protest&#8221; eingelegt, berichtete die Nachrichtenagentur Xinhua. &#8220;Die Handlung der USA hat in ernsthafter Weise in Chinas interne Angelegenheiten eingegriffen, die Gefühle des chinesischen Volkes verletzt und den Beziehungen zwischen China und den USA schweren Schaden zugefügt&#8221;, hieß es in einer offiziellen</p>
<p>Erklärung. Das Treffen stelle eine &#8220;vollkommene Verletzung grundlegender Standards internationaler Beziehungen&#8221; dar und stehe im Widerspruch zu Washingtons Beteuerungen, Chinas Souveränität zu respektieren. Peking bezeichnet den Dalai Lama als Separatisten, der die Abtrennung Tibets von der Volksrepublik anstrebe.</p>
<p>Auch die Staatsmedien stimmten im üblichen Zwangs-Unisono in die Kritik ein. In der Volkszeitung bezeichnete der chinesische Tibetologe Du Yongbin das Treffen als &#8220;Missachtung der staatlichen Souveränität Chinas&#8221;. Die Nachrichtenagentur Xinhua schrieb unter der Überschrift &#8220;Was steckt hinter dem Obama-Dalai-Lama-Treffen&#8221;, der US-Präsident nutze den Affront gegen China, um von innenpolitischen Problemen wie der Wirtschaftskrise und dem Afghanistankrieg</p>
<p>abzulenken. Er offenbare damit eine &#8220;Kaltkriegsmentalität&#8221; und lasse sich vom Dalai Lama instrumentalisieren, der &#8220;eine religiöse Tarnung anlegt, um sich die Zustimmung und Unterstützung des Westens zu sichern&#8221;. Noch schärfer formulierte die China Daily ihre Vorwürfe: &#8220;Mit seinem neuesten Schritt zum Austesten von Chinas Toleranzschwelle hat Obama in seinem monatelangen Spiel namens &#8220;China verärgern&#8221; einen Home-run geschafft.&#8221; Statt seiner Ankündigung gerecht zu werden, Chinas Aufschwung nicht eindämmen zu wollen, habe er keine Gelegenheit ausgelassen, antichinesische Töne anzuschlagen. Zuletzt hatten auch US-Waffenlieferungen an Taiwan, Handels- und Währungsstreitigkeiten sowie das Thema Meinungs- und Internetfreiheit für Spannungen gesorgt.</p>
<p>&#8220;Niemand kann mit Sicherheit sagen, dass die chinesisch-amerikanischen Beziehungen belastbar genug sind, um all den Schaden zu überleben&#8221;, warnte die China Daily. Ob der Tiefpunkt der chinesisch-amerikanischen Beziehungskrise damit erreicht ist, oder ob sich das Verhältnis weiter im freien Fall befindet, ist noch unklar. Bisher gehen Pekings Reaktionen trotz der scharfen Rhetorik nicht über das hinaus, was China auch in der Vergangenheit aufgefahren hatte. Schließlich war das Treffen das zwölfte eines US-Präsidenten mit dem Dalai Lama &#8211; und bisher war Peking nach einigen Monaten diplomatischer Eiszeit wieder zur Tagesordnung übergegangen. Von einer direkten Retourkutsche, etwa einer Verschiebung des für April geplanten USA-Besuchs von Präsident Hu Jintao, war am Freitag in Peking nichts zu hören.</p>
<p>Um Peking nicht unnötig zu provozieren, hatte ich Obama an das Protokoll gehalten, mit dem bereits seine drei Vorgänger Begegnungen mit dem Dalai Lama einen unpolitischen Charakter zu verleihen versucht hatten. Statt im Oval Office fand das Gespräch im Kartenraum statt, die Presse war ausgeschlossen. In seinem ersten Amtsjahr hatte Obama aus Rücksicht auf Peking mehrere Gelegenheiten für ein Treffen mit dem tibetischen Religionsführer verstreichen lassen.</p>
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		<title>Vereiste Fronten</title>
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		<pubDate>Tue, 02 Feb 2010 08:32:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Dalai Lama]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunistische Partei]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Gespräche zwischen China und Exilvertretern sind wieder einmal gescheitert.</h3>
Die Erwartungen waren gering, und sie wurden nicht übertroffen: Die jüngste Gesprächsrunde zwischen der chinesischen Regierung und Vertretern des Dalai Lama hat keinerlei Fortschritte gebracht. Stattdessen machte Peking die Exiltibeter gestern erneut in gewohnt scharfer Rhetorik für die ethnischen Probleme in der Himalaja-Region verantwortlich...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Gespräche zwischen China und Exilvertretern sind wieder einmal gescheitert.</h3>
<p>Die Erwartungen waren gering, und sie wurden nicht übertroffen: Die jüngste Gesprächsrunde zwischen der chinesischen Regierung und Vertretern des Dalai Lama hat keinerlei Fortschritte gebracht. Stattdessen machte Peking die Exiltibeter gestern erneut in gewohnt scharfer Rhetorik für die ethnischen Probleme in der Himalaja-Region verantwortlich. Der Dalai Lama sei der &#8220;Kopf einer separatistischen politischen Gruppierung&#8221; und die tibetische Exilregierung im indischen Dharamsala ein &#8220;klarer Verstoß gegen chinesisches Recht&#8221;, sagte der chinesische Verhandlungsführer, Vizeminister Zhu Weiqun. Erst wenn das buddhistische Religionsoberhaupt &#8220;sich der Realität stellt und auf den Weg des Patriotismus zurückfindet&#8221;, könnten Fortschritte erzielt werden.</p>
<p>Gleichzeitig warnte Zhu US-Präsident Barack Obama vor einem Treffen mit dem Dalai Lama. Eine Begegnung sei &#8220;unangemessen und nutzlos&#8221; und würde &#8220;das politische Fundament der chinesisch-amerikanischen Beziehungen ernsthaft untergraben&#8221;. US-Außenministerin Hillary Clinton hatte am Freitag erklärt, ein Treffen der beiden Friedensnobelpreisträger solle bald stattfinden. Ein zunächst schon für den vergangenen Sommer geplantes Treffen war von Washington abgesagt worden, um Obamas Antrittsbesuch in Peking im November nicht zu belasten.</p>
<p>Die exiltibetischen Abgesandten Lodi Gyari und Kelsang Gyaltsen hatten den Chinesen Vorschläge präsentiert, in denen sich der Dalai Lama dazu bekennt, keine formelle Unabhängigkeit Tibets anzustreben, dafür aber eine &#8220;echte Autonomie für alle</p>
<p>Tibeter&#8221;. Diese müsse die Hoheit über Religionsangelegenheiten, Bildungsfragen und Einwanderung umfassen. Die Sonderrechte sollten in allen Gebieten gelten, die weitgehend von Tibetern besiedelt sind, also neben der Autonomen Region Tibet Teile der Provinzen Qinghai, Sichuan, Gansu und Yunnan. Ein ähnliches Memorandum hatten die Tibeter Herbst 2008 übergeben, worauf Peking mit einer 15-monatigen Aussetzung der Gespräche reagiert hatte.</p>
<p>Chinas Verhandlungsführer Zhu bezeichnete die Forderungen als verfassungswidrig und sprach dem Dalai Lama den Anspruch ab, die Interessen der Tibeter zu repräsentieren. Die Exil-Abgesandten mussten bei dieser neunten Verhandlungsrunde seit 2002 auch unverhohlene Beleidigungen hinnehmen. So schickten die Chinesen ihre Gäste kurzerhand auf eine Besichtigungsfahrt in Mao Zedongs Geburtsort Shaoshan. Eine offene Demütigung: Schließlich war es Mao, der 1951 die Volksbefreiungsarmee in Tibet einmarschieren ließ.</p>
<p>Die kommunistische Führung in Peking bemüht stets wirtschaftliche Daten, um ihren positiven Einfluss auf die Himalaja-Region unter Beweis zu stellen. Nach ihren Angaben ist die Zahl der Tibeter, die unter der Armutsgrenze leben, von 1,48 Millionen im Jahr 2000 auf 230 000 im vergangenen Jahr gefallen. Damit leben nur noch 10,5 Prozent der Tibeter unterhalb der Armutsgrenze, die Peking bei einem Jahreseinkommen von 1 700 Yuan &#8211; umgerechnet 170 Euro &#8211; zieht. Im vergangenen Jahr investierte die Zentralregierung über eine Milliarde Euro in Tibet, unter anderem für den Ausbau von Landwirtschaft, sozialen Sicherungsnetzen und Bildung. Tibets Wirtschaftsleistung lag 2009 um rund zwölf Prozent über der von 2008. Ein im Januar beschlossener neuer Fünfjahresplan für Tibet sieht große Infrastrukturmaßnahmen vor, die helfen sollen, das bisher niedrige Pro-Kopf-Einkommen der Tibeter bis 2020 dem nationalen Durchschnitt anzugleichen.</p>
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		<title>Ewige Wiederkehr</title>
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		<pubDate>Wed, 27 Jan 2010 03:55:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Der Dalai Lama schickt Abgesandte in die Volksrepublik. Doch auch diesmal sind die Erwartungen an die Gespräche gering.</h3>
Das Rad der ewigen Wiederkehr gehört zu den zentralen Glaubenssätzen des Buddhismus: Alles passiert in unendlichen Repetitionen, zwar in stets neuen Variationen, aber letztlich trotzdem immer gleich. Auch die Gespräche zwischen den Exiltibetern und der chinesischen Regierung gleichen diesem Muster. Seit Jahren treffen sich Abgesandte des Dalai Lama und der Kommunistischen Partei, um eine Einigung in der Tibetfrage zu erörtern – bisher jedes Mal vergeblich...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Dalai Lama schickt Abgesandte in die Volksrepublik. Doch auch diesmal sind die Erwartungen an die Gespräche gering.</h3>
<p>Das Rad der ewigen Wiederkehr gehört zu den zentralen Glaubenssätzen des Buddhismus: Alles passiert in unendlichen Repetitionen, zwar in stets neuen Variationen, aber letztlich trotzdem immer gleich. Auch die Gespräche zwischen den Exiltibetern und der chinesischen Regierung gleichen diesem Muster. Seit Jahren treffen sich Abgesandte des Dalai Lama und der Kommunistischen Partei, um eine Einigung in der Tibetfrage zu erörtern – bisher jedes Mal vergeblich.</p>
<p>Entsprechend gering sind die Erwartungen an die jüngste Verhandlungsrunde, die neunte seit Beginn des diplomatischen Rituals im Jahr 2002. Am Dienstag reisten die beiden langjährigen Emissäre Lodi Gyari und Kelsang Gyaltsen der Exilregierung in die Volksrepublik, wo sie bis Anfang Februar Möglichkeiten für eine Annäherung ausloten sollen. Pekings offizielle Reaktion auf ihre Ankunft glich fast aufs Wort dem Willkommensgruß bei ihrem letzten Chinabesuch im November 2008. Die chinesische Regierung hoffe, dass der Dalai Lama die Gelegenheit ergreife und auf die Forderungen aus Peking eingehe, erklärte Außenamtssprecher Ma Zhaoxu. Gemeint ist damit eine vollständige Abkehr vom Anspruch auf eine kulturelle Selbstbestimmung der Tibeter außerhalb der engen Grenzen der Kommunistischen Partei. Obwohl eine derartige Unterwerfungsgeste für den Dalai Lama unmöglich ist, bezeichnete ein Sprecher des Friedensnobelpreisträgers das Treffen als einen „wichtigen Schritt“ auf der Suche nach einer „beiderseitig akzeptierten Lösung“.</p>
<p>An moralischer Rückendeckung ist kein Mangel. Die US-Regierung sicherte den Unterhändlern ihre Unterstützung zu. Der Dialog sei eine Chance, um „langjährige Streitigkeiten“ anzugehen, erklärte das Außenministerium in Washington. Vor knapp zwei Wochen hatte auch Deutschlands Außenminister Guido Westerwelle in Peking für eine Annäherung an den Dalai Lama geworben, hatte sich dafür allerdings von seinem chinesischen Amtskollegen Yang Jiechi eine unmissverständliche Abfuhr eingefangen.</p>
<p>Die Organisation International Campaign for Tibet (ICT) äußerte die Hoffnung, dass der Termin für das Treffen ein Anzeichen für Bewegung in der chinesischen Position sein könne, da in Peking kürzlich das fünfte Arbeitsforum zur Tibetpolitik abgeschlossen worden sei. Die Menschenrechtslage in Tibet bezeichnete die Organisation allerdings als „nach wie vor prekär“, insbesondere gegen die freie Meinungsäußerung werde massiv vorgegangen. Seit den blutig niedergeschlagenen Tibeterunruhen im März 2008, die der Regierung kurz vor den Olympischen Spielen in Peking scharfe Kritik einbrachte, unterliegt das Leben in den tibetischen Gebieten rigiden Kontrollen, etwa bei Reisen oder der Religionsausübung.</p>
<p>Chinas Volksbefreiungsarmee war 1951 in Tibet einmarschiert und hatte den Himalayastaat annektiert. Nach Pekinger Auffassung ist die Region historisch seit Jahrhunderten ein Teil Chinas. Nachdem die Chinesen 1959 Tibeteraufstände blutig niederschlugen, floh der Dalai Lama ins indische Exil, wo er bis heute mit seiner Exilregierung in dem Bergstädtchen Dharamsala residiert.</p>
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		<title>Pekings antiautoritäre Erziehung</title>
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		<pubDate>Mon, 31 Aug 2009 15:23:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Dalai Lama]]></category>
		<category><![CDATA[Taiwan]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Mit der Einladung des Dalai Lama wollten die Taiwanesen ihre Unabhängigkeit beweisen. In Wirklichkeit ist der Besuch ein strategisches Geschenk an Peking.</h3>
Der Dalai Lama hat am Montag Taiwan besucht, und wie jedes Mal, wenn der Friedensnobelpreisträger seinen Exilwohnsitz im indischen Dharamsala verlässt, erhielten seine Gastgeber umgehend einen Drohbrief aus Peking. Der Besuch werde den Beziehungen Schaden zufügen, warnte Chinas Regierung. „Wir sind entschieden dagegen.“ In der Regel ist das so gemeint, wie es gesagt ist...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Mit der Einladung des Dalai Lama wollten die Taiwanesen ihre Unabhängigkeit beweisen. In Wirklichkeit ist der Besuch ein strategisches Geschenk an Peking.</h3>
<p>Der Dalai Lama hat am Montag Taiwan besucht, und wie jedes Mal, wenn der Friedensnobelpreisträger seinen Exilwohnsitz im indischen Dharamsala verlässt, erhielten seine Gastgeber umgehend einen Drohbrief aus Peking. Der Besuch werde den Beziehungen Schaden zufügen, warnte Chinas Regierung. „Wir sind entschieden dagegen.“ In der Regel ist das so gemeint, wie es gesagt ist, und je nach politischer Großwetterlage holt Peking tatsächlich zu diplomatischen Vergeltungsschlägen aus. Im Fall von Taiwan dürfte die Sache allerdings anders liegen. Trotz des rituell vorgetragenen Unmuts ist die Dalai-Lama-Visite für die Kommunistische Partei ein heimlicher Triumph: Obwohl die Taiwanesen glauben mögen, dass sie am Montag ihre Unabhängigkeit von der Volksrepublik unter Beweis stellen konnten, haben sie in Wirklichkeit wieder einmal ein kleines Stück davon verloren.</p>
<p>Denn wie jedes Mal, wenn der Dalai Lama aus Dharamsala aufbricht, wird er zum Teil politischer Machtspiele, in denen er und das tibetische Volk oft nur eine Nebenrolle spielen. Das gilt für Einladungen bei Angela Merkel oder Roland Koch ebenso wie für den Besuch im südtaiwanesischen Taifungebiet. Eine Gruppe örtlicher Bürgermeister hatte den buddhistischen Religionsführer gebeteten, für die knapp 600 Opfer zu beten.</p>
<p>Dabei interessierte die Politikern nicht nur das Seelenheil der Toten, sondern vor allem die Seelenpein, die sie Präsident Ma Ying-jeou damit zufügen konnten. Bei den Gastgebern handelte es sich nämlich um Politiker der oppositionellen Demokratischen Fortschrittspartei (DPP), die vergangenes Jahr die Macht an Mas Kuomintang (KMT) verlor und seitdem nicht wieder auf die Beine gefunden hat, nicht zuletzt wegen des Korruptionsverfahrens gegen Ex-Präsident Chen Shui-bian.</p>
<p>Zwar hat Ma, der sich die Verbesserung der Beziehungen zu Peking auf die Fahnen geschrieben hat, dem Dalai Lama in der Vergangenheit schon mehrfach die Einreise verweigert, doch diesmal konnte er nicht Nein sagen. Schließlich geben die Taiwanesen seiner Regierung eine Mitschuld an den hohen Opferzahlen, weil die Behörden und Militär viel zu spät reagierten. Das Macher-Image des Präsidenten ist seitdem stark beschädigt. Totengebete zu verbieten, konnte er sich da nicht leisten.</p>
<p>Peking zeigte Verständnis für Mas Dilemma. Zweifellos hätte die Partei den Besuch zu verhindern können. Schließlich ist rund ein Drittel des taiwanesischen Bruttoinlandsprodukts von den Geschäften mit der Volksrepublik abhängig. Doch sie verzichtete auf wirtschaftliche Erpressung – Peking wird schon anderweitig auf seine Kosten kommen. Der geschwächte Ma wird Peking den Gefallen bei den nächsten Verhandlungen zurückzahlen müssen.</p>
<p>Und wichtiger als das: Bei den Taiwanesen dürfte die Episode den Eindruck hinterlassen, dass Peking ihnen tatsächlich weitgehende politische Unabhängigkeit zuzugestehen bereit ist. Eine fatale Fehleinschätzung, zu der die Partei die Taiwanesen seit Jahren zu verführen versucht. Geht es ironischer? Ausgerechnet der von Peking als Separatist gebrandmarkte Dalai Lama hilft der Volksrepulik, die abtrünnige Provinz Taiwan wieder fester in den Griff zu bekommen.</p>
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		<title>Ein Gott für alle Fälle</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Jul 2009 22:43:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Der Dalai Lama ist eine Jahrhundertpersönlichkeit. Alle großen Themen unserer Zeit spiegeln sich in ihm wider. Porträt einer globalen Projektionsfläche.</h3>
<img class="alignleft size-full wp-image-1354" title="Dalai Lama" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/07/a_DalaiLama4.jpg" alt="Dalai Lama" width="126" height="172" />Vor einigen Wochen servierte der Dalai Lama in einem US-amerikanischen Obdachlosenheim das Mittagessen. Es gab Pasta mit Pesto und dazu eine Kostprobe, warum der 74-jährige Mönch einer der beliebtesten Menschen des Planeten ist. "Wissen Sie, ich bin auch heimatlos", scherzte er in die Runde der Penner und lachte dabei so herzlich und mitreißend, dass selbst diejenigen einstimmten, die weder sein holpriges Englisch noch die Anspielung auf sein Exil verstanden hatten. In der Regel sind derartige Suppenküchentermine das Spielfeld von Politikern im Wahlkampf oder Promis bei der Imagesanierung. Doch das tibetische Religionsoberhaupt absolviert sie mit der gleichen Ernsthaftigkeit. Seit fünf Jahrzehnten ist sein Leben eine einzige Öffentlichkeitskampagne für sich und seine Sache: die politische oder zumindest kulturelle Freiheit der Tibeter...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Dalai Lama ist eine Jahrhundertpersönlichkeit. Alle großen Themen unserer Zeit spiegeln sich in ihm wider. Porträt einer globalen Projektionsfläche.</h3>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-1354" title="Dalai Lama" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/07/a_DalaiLama4.jpg" alt="Dalai Lama" width="126" height="172" />Vor einigen Wochen servierte der Dalai Lama in einem US-amerikanischen Obdachlosenheim das Mittagessen. Es gab Pasta mit Pesto und dazu eine Kostprobe, warum der 74-jährige Mönch einer der beliebtesten Menschen des Planeten ist. &#8220;Wissen Sie, ich bin auch heimatlos&#8221;, scherzte er in die Runde der Penner und lachte dabei so herzlich und mitreißend, dass selbst diejenigen einstimmten, die weder sein holpriges Englisch noch die Anspielung auf sein Exil verstanden hatten.</p>
<p>In der Regel sind derartige Suppenküchentermine das Spielfeld von Politikern im Wahlkampf oder Promis bei der Imagesanierung. Doch das tibetische Religionsoberhaupt absolviert sie mit der gleichen Ernsthaftigkeit. Seit fünf Jahrzehnten ist sein Leben eine einzige Öffentlichkeitskampagne für sich und seine Sache: die politische oder zumindest kulturelle Freiheit der Tibeter.</p>
<p>Diese Woche macht er wieder einmal in Deutschland Station, und wie immer, wenn der Dalai Lama in Erscheinung tritt, wird auch hier viel gelacht werden. Humor gehört zu seiner Lehre wie Buddhas und Mandalas. &#8220;Die Kunst des Lebens&#8221;, lautet das Motto seiner viertägigen Unterweisung in der Frankfurter Commerzbank-Arena. Wo sonst Fußballspiele oder Popkonzerte stattfinden, versprechen die Veranstalter nun &#8220;einen Impuls, der Ihnen neue Kraft im Alltag gibt&#8221;. Neben Buddhismus spricht der Dalai Lama auch über Hirnforschung, die Wirtschaftskrise, Klimawandel und Armutsbekämpfung. Diese Mischung aus Spiritualität, Politik und Wissenschaft ist ein bewährtes Programm, mit dem der Friedensnobelpreisträger schon in dutzenden Stadien vor Millionen Menschen aufgetreten ist. Der bescheidene Mann in der roten Kutte und der zeitlos unmodischen Brille hat alles, was einen Superstar ausmacht und gilt trotzdem als Gegenentwurf zum globalen Entertainment- und Erleuchtungszirkus.</p>
<p>Denn der Dalai Lama ist eine Jahrhundertpersönlichkeit. Alle großen Themen unserer Zeit spiegeln sich in ihm wider. Dass er 1959 vor den Kommunisten aus seiner Heimat ins indische Exil floh, machte ihn zu einer Symbolgestalt des Kalten Kriegs und gleichzeitig zu einer Ikone des Pazifismus. Dank seines persönlichen Charismas und Engagements wurde die Tibetfrage nicht nur zu einem Konflikt von weltpolitischer Bedeutung, sondern auch zu einem Exempel, an dem sich die Meinungen darüber bilden, wie sich westliche Wertevorstellungen über Menschenrechten und Demokratie mit den wirtschaftlichen und politischen Zwängen der Globalisierung vereinbaren lassen. Er symbolisiert den Kampf der Armen und Schwachen gegen die Reichen und Mächtigen. Er verkörpert die moderne Sinnsuche zwischen Religion und Wissenschaft. Er steht für die Probleme, Tradition und Fortschritt miteinander zu vereinbaren. Der Dalai Lama ist ein Mikrokosmos der großen Fragen der Moderne.</p>
<p>Er hat sich diese Rolle nicht selbst gewählt. Aber er füllt sie perfekt aus. 1935 unter dem Namen Lhamo Dhondrub als Sohn armer Bauern geboren, wurde er im Alter von zwei Jahren als 14. Reinkarnation des Dalai Lama ausgewählt, des religiösen und politischen Oberhaupts der Tibeter. In Lhasa wurde er einer strengen religiösen Erziehung unterworfen. Als er gerade fünfzehn war, gliederte Mao Zedong Tibet in die Volksrepublik China ein. Der große Vorsitzende umschmeichelte den jungen Geistlichen und versuchte ihn zum Kommunismus zu bekehren, zunächst sogar mit Erfolg. Doch als der Dalai Lama erkannte, wie der real existierende Sozialismus die Kultur seiner Heimat umzukrempeln versuchte, wurde er zum Anwalt der tibetischen Selbständigkeit. Für Peking wurde er damit zur Feindfigur, und als die Volksbefreiungsarmee im März 1959 einen Tibeteraufstand brutal niederschlug, überredete ihn seine Gefolgschaft zur Flucht nach Indien, wo er im Bergdorf Dharamsala eine Exilregierung gründete.</p>
<p>Unter normalen Umständen hätte die tibetische Unabhängigkeitsbewegung dort wohl ein schnelles und ruhmloses Ende gefunden. Denn Tibets jahrhunderte altes Feudalsystem passte eigentlich so wenig in die moderne Welt, dass es bisweilen sogar mit der Mullah-Herrschaft im Iran verglichen wird &#8211; eine Parallele, mit der sich vergangenes Jahr eine deutsche Politikerin der Linken bei einer Debatte in der Hamburger Bürgerschaft unrühmliche Minutenprominenz verschaffte. Schließlich ist es dem Dalai Lama gelungen, das de facto entmachtete Herrschaftssystem so zu reformieren, dass es heute wie eine Demokratie mit tibetischen Traditionen erscheint. Im Westen erwies sich die Mischung aus antikommunistischem Widerstandskampf, buddhistischer Kultur und Himalaja-Romantik als interessante Nebenhandlung der großen Weltpolitik und der Dalai Lama als eine Persönlichkeit, mit der sich Prominente und Politiker gerne umgaben und den sie bereitwillig &#8220;Eure Heiligkeit&#8221; nannten.</p>
<p>Der in weitgehender Isolation aufgewachsene Mönch entpuppte sich schnell als medienpolitisches Ausnahmetalent und als das einzige Original in einer Welt voller Selbstdarsteller und Möchtegerns. Nie erlag er der Versuchung, sich als Missionar zu betätigen. Bei seinen Veranstaltungen weist er bis heute stets darauf hin, dass die Menschen ihren spirituellen Halt lieber in ihren eigenen Religionen und Traditionen suchen sollten, statt ihre Hoffnungen in eine neue Glaubensrichtung zu setzen.So ist der Dalai Lama zu einem Gott für alle Fälle geworden, zu einer Projektionsfläche, die jeder nach Belieben benutzen darf und die stets Wärme und Freundlichkeit zurückstrahlt selbst nach China, wo ihn die Regierung als &#8220;Separatisten&#8221;, &#8220;Wolf in der Mönchskutte&#8221; oder schlicht &#8220;Bestie &#8221; betitelt.</p>
<p>Nicht nur für die Tibeter ist er eine Identifikationsfigur. Globalisierungsgegner sehen in ihm ebenso ein Vorbild wie Manager. Auch Politiker sonnen sich gerne in seinem Schein und nehmen gerne Pekings Zorn in Kauf, wenn sie dafür bei der eigenen Bevölkerung punkten können. Denn egal ob links oder rechts mit dem Dalai Lama kann man nichts falsch machen. Er erscheint als zeitgemäße Alternative zum Papst: weltumarmend statt dogmatisch, tolerant statt drohend, liebend, ohne Forderungen zu stellen. Zwar kritisiert er gerne die westlichen Konsumgesellschaften, aber stets nur so, dass es nicht weh tut, sondern höchstens wohlig kribbelt. Jeder darf seine Lehre als Open-Source-Religion betrachten und sich ihrer bedienen, wie es ihm gefällt. Das ist seine Art, eine Veränderung der bestehenden Verhältnisse zu versprechen: nicht durch gesellschaftliche Umbrüche, sondern durch die Verbesserung der persönlichen Befindlichkeit. Die Revolution findet im Kopf statt.</p>
<p>Denn wirkliche Antworten oder Lösungen für die großen Fragen, die er verkörpert, hat er nicht. Was er bei seinen Auftritten sagt und in seinen Büchern schreibt, geht kaum über die Allerweltsweisheiten hinaus, mit denen einem auch Küchenkalender, Esoterik-Ratgeber oder Frauenzeitschriften den Weg durchs Leben weisen. Trotzdem klingen sie aus seinem Mund nicht platt. Er rezitiert sie mit einer Leichtigkeit, die jedes Pathos abschüttelt und keinen Zweifel an seiner Authentizität zulässt. Denn der Dalai Lama ist eine Figur, wie sie die Welt wohl noch nie gesehen hat: Ein tragischer Held, der sein Schicksal nicht schwer nimmt.</p>
<p>Sicherlich weiß er, dass das internationale Interesse für die Sache der Tibeter ihn wohl nicht lange überleben wird. Die Tibet-Bewegung war immer auch eine Dalai-Lama-Fan-Bewegung. Doch obwohl seine Mission, Tibet aus der chinesischen Herrschaft zu befreien oder den Kommunisten zumindest eine weitgehende kulturelle Autonomie abzuringen, gescheitert ist und er seine Heimat wohl nie wieder sehen wird, ist ihm das Lachen nie vergangen.</p>
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		<title>Ausweitung der Kampfzone</title>
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		<pubDate>Fri, 24 Apr 2009 00:19:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Demonstrationen]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Der Pekinger Menschenrechtsanwalt Li Fangping wagt sich an ein Tabuthema: Er verteidigt einen tibetischen Lama und wirft Chinas Polizisten Folter vor.</h3>
Am Anfang hat er gezögert, das gibt Li Fangping freimütig zu. „Der Fall ist politisch äußerst sensibel“, sagt der 34jährige Jurist. „Zwei Anwaltsteams haben ihn bereits abgelehnt.“ Aber gerade deshalb übernahm Li die heikle Aufgabe schließlich doch: Seit Anfang der Woche verteidigt der Pekinger Menschenrechtsanwalt den tibetischen Lama Phurbu Tsering Rinpoche, den die Behörden für einen Strippenzieher der blutigen Tibeterdemonstrationen im vergangenen Frühjahr halten... ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Pekinger Menschenrechtsanwalt Li Fangping wagt sich an ein Tabuthema: Er verteidigt einen tibetischen Lama und wirft Chinas Polizisten Folter vor.</h3>
<p><img class="alignleft size-medium wp-image-1079" title="Li Fangping" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/04/li_fangping-215x300.jpg" alt="Li Fangping" width="155" height="216" />Am Anfang hat er gezögert, das gibt Li Fangping freimütig zu. „Der Fall ist politisch äußerst sensibel“, sagt der 34jährige Jurist. „Zwei Anwaltsteams haben ihn bereits abgelehnt.“ Aber gerade deshalb übernahm Li die heikle Aufgabe schließlich doch: Seit Anfang der Woche verteidigt der Pekinger Menschenrechtsanwalt den tibetischen Lama Phurbu Tsering Rinpoche, den die Behörden für einen Strippenzieher der blutigen Tibeterdemonstrationen im vergangenen Frühjahr halten. Der Vorsteher eines Nonnenklosters in der Provinz Sichuan ist der ranghöchste Geistliche, der bisher im Zusammenhang mit den Aufständen vor Gericht kommt.</p>
<p>Das Verfahren ist für die Regierung wichtig, denn es soll beweisen, dass die Gewaltausbrüche, die nach offiziellen Angaben 22 Menschenleben forderten, von den Tibetern ausgegangen und von langer Hand geplant gewesen seien. Phurbu Rinpoche war im Mai 2008, gut zwei Monate nach den ersten Protesten, festgenommen worden, nachdem sein Kloster gegen die offizielle Kampagne zur „patriotischen Umerziehung“ demonstriert hatte, die von den Gläubigen unter anderem die öffentliche Lossagung vom Dalai Lama verlangte. Laut Darstellung der Staatsanwaltschaft hätten die Polizisten unter dem Bett des Geistlichen eine Pistole und über hundert Schuss Munition entdeckt. Außerdem soll sich der 52-Jährige, der nach Angaben der Organisation International Campaign for Tibet wegen seiner karitativen Bemühungen hoch angesehen ist, am Bau von Altenheimen und Krankenhäusern bereichert haben. Bei einer Verurteilung drohen Phurbu Rinpoche bis zu 15 Jahre Haft.</p>
<p>Anwalt Li, der schon den prominenten Dissidenten Hu Jia verteidigte und sich vergangenen Herbst für Opfer des Giftmilchskandals engagierte, macht sich keine Illusionen darüber, dass die Richter seinen Mandanten schon vor der ersten Anhörung für schuldig befunden haben. „Politisch gibt es in diesem Fall keine Hoffnung“, erklärte er nach der ersten Verhandlungstag in einem Gespräch mit dem Autor. „Trotzdem lohnt es sich, dafür zu kämpfen, dass dieses Verfahren so gerecht wie möglich abläuft.“ Dass der ranghohe Lama als erster der über 950 verhafteten Tibeter, von denen bereits dutzende zu langen Haftstrafen verurteilt wurden, einen unabhängigen Anwalt zugestanden bekomme, biete eine Gelegenheit, das chinesische Rechtssystem mit den Gesetzen zu konfrontieren, die es eigentlich schützen solle.</p>
<p>So nutzt Li seine Rolle als Verteidiger zum öffentlichen Tabubruch und wirft der Polizei vor, Phurbu die Pistole untergeschoben und ihn dann durch Folter zu einem Geständnis gezwungen zu haben. „Die Vorwürfe gegen meinen Mandanten sind unhaltbar“, erklärt Li. „Die Polizisten haben ihn weder nach der Herkunft der Waffen gefragt, noch die Fingerabdrücke überprüft.“ Obwohl Li die Richter mit solchen Argumenten kaum beeindrucken kann, könnte er dem Verfahren mehr Öffentlichkeit bescheren, als der Regierung lieb ist. Zwar können die Behörden dem ihm kaum sein Mandat entziehen, wenn sie den Anschein der Rechtsstaatlichkeit aufrechterhalten wollen. Doch hinter den Kulissen wurde Li bereits gewarnt, seine Rolle nicht zu ernst zu nehmen. „Man hat mir gesagt, ich solle nicht allzu enge Beziehungen zu den Verwandten des Angeklagten aufbauen“, erzählt Li. „Außerdem soll ich stets darauf achten, das Ansehen des Staates zu schützen.“ Das werde er beherzigen, erklärt Li. Auf seine Weise.</p>
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		<title>Tibetische Mönche stürmen Polizeistation</title>
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		<pubDate>Mon, 23 Mar 2009 00:55:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Dalai Lama]]></category>
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		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Protest]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Chinas Sicherheitskräfte verhaften 95 Tibeter und rüsten sich vor dem neuen Gedenktag zur „Befreiung von der Leibeigenschaft“ für weitere Proteste.</h3>
In China haben sich Mönche und Sicherheitskräfte erneut gewalttätige Auseinandersetzungen geliefert. In Golog, einem Landkreis in der großteils von Tibetern bewohnten Provinz Qinghai im Nordwesten des Landes, stürmten am Samstag hunderte Menschen eine Polizeistation, wie die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtet...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Chinas Sicherheitskräfte verhaften 95 Tibeter und rüsten sich vor dem neuen Gedenktag zur „Befreiung von der Leibeigenschaft“ für weitere Proteste.</h3>
<p>In China haben sich Mönche und Sicherheitskräfte erneut gewalttätige Auseinandersetzungen geliefert. In Golog, einem Landkreis in der großteils von Tibetern bewohnten Provinz Qinghai im Nordwesten des Landes, stürmten am Samstag hunderte Menschen eine Polizeistation, wie die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtet.</p>
<p>&#8220;Sie griffen Polizisten und Regierungsangehörige an&#8221;, hieß es in der Meldung. &#8220;Mehrere Regierungsbeamte wurden verletzt.&#8221; Rund 30 Menschen sollen den Polizeiposten bis zum Sonntagmorgen besetzt gehalten haben, bevor die Sicherheitskräfte die Station zurückerobern konnten.</p>
<p>95 Beteiligte seien festgenommen worden, wobei es sich &#8220;mit zwei Ausnahmen um Mönche des La&#8217;gyab-Klosters handelt&#8221;, so die offizielle Nachricht. Auslöser der Proteste soll die Festnahme eines Tibeters gewesen sein, den die Polizei wegen öffentlicher Aufrufe zur tibetischen Unabhängigkeit verhaftet habe.</p>
<p>Der Mann sei am Freitag unter dem Vorwand, die Toilette aufsuchen zu wollen, aus dem Polizeigewahrsam geflohen und habe andere Menschen durch &#8220;Gerüchte getäuscht&#8221;, zitierte Xinhua einen Polizisten. Nach Berichten von Exiltibetern soll sich der Mann, ein Mönch, nach der Flucht aus der Polizeistation in einen Fluss gestürzt haben, wo er ertrank.</p>
<p>Unterdessen wurde in der Provinz Sichuan eine 21-jährige Nonne bei einem protibetischen Protest festgenommen und geschlagen. Sie befinde sich in Lebensgefahr, teilte die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) unter Berufung auf das Tibetische Zentrum für Menschenrechte und Demokratie (TCHRD) am Wochenende in München mit. Demnach befand sich die Nonne Anfang März auf dem Weg vom Kloster Gema Drawok zum Sitz der Provinzregierung in Kardze. Sie habe Flugblätter und politische Literatur über Tibet mitgeführt und Parolen gerufen wie &#8220;In Tibet gibt es keine Freiheit&#8221;. Chinesische Sicherheitskräfte hätten sie geschlagen und in ein Gefängnis nach Kardze gebracht. Angehörige hätten die Auskunft erhalten, die Nonne habe ein schweres Verbrechen begangen und den Tod verdient.</p>
<p>Der Protest in Golog ist der erste größere Tibeteraufstand in diesem Jahr. In den tibetischen Gebieten, zu denen neben der sogenannten Autonomen Region Tibet auch weite Teile der Provinzen Qinghai, Gansu, Sichuan und Yunnan gehören, ist die Lage seit Wochen angespannt. Nachdem im März 2008 in vielen Klöstern demonstriert worden war und bei Zusammenstößen mit der Polizei zahlreiche Menschen starben, soll eine hohe Militärpräsenz neue Proteste im Keim ersticken.</p>
<p>Anlässe für Kundgebungen haben unzufriedene Tibeter reichlich. Der 10. März war der 50. Jahrestag des brutal niedergeschlagenen Aufstands von 1959, bei dem zehntausende Tibeter gegen die chinesische Obrigkeit aufbegehrt hatten. Am 28. März, dem 50. Jahrestag der Flucht des Dalai Lama nach Indien, will Peking einen neuen Feiertag einführen, an dem der &#8220;Befreiung von der Leibeigenschaft&#8221; gedacht werden soll. Die Kommunistische Partei versucht damit ihr Geschichtsbild zu zementieren, wonach sie die Tibeter aus der Sklaverei befreit habe.</p>
<p>Als Teil der Propagandakampagne veröffentlicht die hochoffizielle Volkszeitung einen Aufruf des Panchen Lama, der von Peking ernannten zweithöchsten tibetischen Religionsinstanz. &#8220;Das hart verdiente glückliche Leben der heutigen Tibeter sollte sehr gewürdigt werden&#8221;, so der Panchen Lama. Tibet habe seinen &#8220;heutigen Reichtum, seine Entwicklung und seine schöne Zukunft nur unter der Führung der Kommunistischen Partei erreichen können.&#8221; Der Dalai Lama hatte Peking am 10. März vorgeworfen, das Leben der Tibeter zur &#8220;Hölle auf Erden&#8221; gemacht zu haben.</p>
<p>Der Streit über eine Einladung an den Dalai Lama überschattet eine geplante Friedenskonferenz des Gastgeberlandes der nächsten Fußball-WM, Südafrika. Dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter wurde laut Medien unter dem Druck Chinas ein Visum für Südafrika verweigert. Erzbischof Desmond Tutu und Ex- Präsident Frederick Willem De Klerk drohten mit einer Absage, falls der Dalai Lama kein Visum bekommen sollte.</p>
<p>Erschienen in: Frankfurter Rundschau, 23. März 2009</p>
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		<title>Dalai Lama: Tibeter leben in der Hölle</title>
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		<pubDate>Tue, 10 Mar 2009 23:59:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Dalai Lama]]></category>
		<category><![CDATA[Propaganda]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Zum 50. Jubiläum des Lhasaaufstands wirft der Dalai Lama China vor, den Tibetern das Leben zur „Hölle auf Erden“ gemacht zu haben. Peking bezeichnet das als „Lüge“.</h3>
50 Jahre nach dem Aufstand zehntausender Tibeter gegen die chinesische Obrigkeit haben der Dalai Lama und Chinas Regierung einander schwere Vorwürfe gemacht. Das buddhistische Religionsoberhaupt hielt Peking in einer ungewöhnlich scharfen Worten vor, das Leben der Tibeter zur „Hölle auf Erden“ gemacht zu haben...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Zum 50. Jubiläum des Lhasaaufstands wirft der Dalai Lama China vor, den Tibetern das Leben zur „Hölle auf Erden“ gemacht zu haben. Peking bezeichnet das als „Lüge“.</h3>
<p>50 Jahre nach dem Aufstand zehntausender Tibeter gegen die chinesische Obrigkeit haben der Dalai Lama und Chinas Regierung einander schwere Vorwürfe gemacht. Das buddhistische Religionsoberhaupt hielt Peking in einer ungewöhnlich scharfen Worten vor, das Leben der Tibeter zur „Hölle auf Erden“ gemacht zu haben. Chinas Herrschaft habe in der Himalaya-Region den Tod hunderttausender Menschen verursacht und unaussprechliches Leid verbreitet, erklärte der Friedensnobelpreisträger in einer per Internet verbreiteten Ansprache aus dem indischen Dharamsala, dem Sitz der tibetischen Exilregierung. Um die tibetische Kultur zu bewahren, strebe sein Volk eine weitgehende Autonomie an, allerdings keine formelle Unabhängigkeit. Er habe „keinen Zweifel, dass sich die gerechte Sache Tibets letztlich durchsetzen wird“, sagte der 73-Jährige.</p>
<p>Peking warf dem Dalai Lama dagegen Lügenpropaganda vor. „Die Dalai-Lama-Clique unterscheidet nicht das Richtige vom Falschen“, sagte Außenministeriumssprecher Ma Zhaoxu, „sie verbreitet Gerüchte.“ Als Teil der Volksrepublik habe Tibet die „umfangreichsten und tiefgreifendsten demokratischen Reformen in seiner Geschichte“ erlebt, behauptete Ma. Ehemalige Leibeigene seien heute „die neuen Besitzer von Tibet“. In China soll ab diesem Jahr der 28. März &#8211; der Tag an dem der Dalai Lama 1959 ins benachbarte Indien floh – als Gedenktag für die „Befreiung von den Sklavenhaltern“ begangen werden.</p>
<p>In den tibetischen Gebieten war die Situation am Jahrestag angespannt aber weitgehend ruhig. Chinas Sicherheitskräfte hatten die tibetischen Gebiete in den vergangenen Wochen fast vollständig für Ausländer gesperrt und die Militärpräsenz stark erhöht. Damit sollen neue Unruhen wie im vergangenen Jahr verhindert werden. Am 14. März 2008 war es in Lhasa und anschließend auch in anderen tibetischen Gebieten zu Protesten und gewaltsamen Zusammenstößen mit den Sicherheitskräften gekommen. Nach Pekinger Angaben kamen dabei 21 Menschen ums Leben, Exiltibeter setzen die Zahl jedoch mit über 200 an. Staatschef Hu Jintao, ehemals selbst Parteisekretär in Tibet, forderte am Montag: „Wir müssen in unserem Kampf gegen Separatismus eine große Mauer bauen, die Einheit des Mutterlandes schützen und Tibets grundlegende Stabilität zu langfristiger Sicherheit ausbauen.“</p>
<p>Weltweit erhielten die Tibeter am Dienstag zahlreiche Solidaritätsbekundungen. Der US-Kongress wollte am Dienstag eine Resolution gegen die chinesische Unterdrückung in Tibet verabschieden. Die Präsidentin des Repräsentantenhauses und langjährige Dalai-Lama-Unterstützerin Nancy Pelosi erwartete dafür eine „überwältigende“ Mehrheit. In Deutschland rief der CDU-Vizevorsitzende Roland Koch zu fortdauernder Aufmerksamkeit für Tibet auf. Der Vorsitzende des Bundestags-Menschenrechtsausschusses, Holger Haibach (CDU), forderte von Peking die Bereitschaft für „ernsthafte und zielgerichtete Verhandlungen“ mit Vertretern des Dalai Lama. Peking hatte die jüngste Gesprächsrunde im November abgebrochen und angedeutet, dass es wohl keine weiteren Verhandlungen geben werde.</p>
<p>Erschienen in: Der Tagesspiegel, 11. März 2009</p>
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		<title>Endspiel in Tibet</title>
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		<pubDate>Mon, 09 Mar 2009 05:13:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Am 10. März 1959 erhob sich Tibet gegen die chinesischen Besatzer. 50 Jahre später ist die kulturelle Eigenständigkeit der Einheimischen mehr denn je bedroht.</h3>
<img src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/03/tibet-300x198.jpg" alt="Tibet" title="Tibet" width="300" height="198" class="alignleft size-medium wp-image-972" />Das kleine Wäldchen auf der Bergkuppe sieht nicht nach einem Schlachtfeld aus. "Aber manchmal haben wir hier richtige Gefechte", erzählt ein Bauer aus dem Dorf im Tal, in dem seine Familie dem widerspenstigen Hochland mit Yak- und Schafzucht seit Generationen ein karges Auskommen abringt. "Wenn einer von uns Tibetern zum Holzschlagen geht, greifen die Muslime ihn an", erklärt er, "und wenn einer von denen Bäume fällt, lassen wir uns das natürlich nicht gefallen." 
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Am 10. März 1959 erhob sich Tibet gegen die chinesischen Besatzer. 50 Jahre später ist die kulturelle Eigenständigkeit der Einheimischen mehr denn je bedroht.</h3>
<p><img src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/03/tibet-300x198.jpg" alt="Tibet" title="Tibet" width="300" height="198" class="alignleft size-medium wp-image-972" />Das kleine Wäldchen auf der Bergkuppe sieht nicht nach einem Schlachtfeld aus. &#8220;Aber manchmal haben wir hier richtige Gefechte&#8221;, erzählt ein Bauer aus dem Dorf im Tal, in dem seine Familie dem widerspenstigen Hochland mit Yak- und Schafzucht seit Generationen ein karges Auskommen abringt. &#8220;Wenn einer von uns Tibetern zum Holzschlagen geht, greifen die Muslime ihn an&#8221;, erklärt er, &#8220;und wenn einer von denen Bäume fällt, lassen wir uns das natürlich nicht gefallen.&#8221; Holz zum Heizen und Bauen ist schließlich rar, und beide Seiten kämpfen mit allem, was sie haben: Fäusten, Steinen, Pfeil und Bogen, sogar Gewehren.</p>
<p>Erst vor einigen Monaten prügelten sich zwischen den Bäumen einige hundert Männer. Mehrere wurden verletzt, doch eine friedliche Lösung des Konflikts kann sich keiner vorstellen. &#8220;Der Zwist mit den Muslimen ist Jahrhunderte alt&#8221;, sagt der Tibeter. Auch in den Nachbardörfern käme es regelmäßig zu Schlägereien, mitunter sogar mit tödlichem Ausgang. Es geht um Weidegründe und Wasserquellen, die Höhe von Moscheen und Tempeln oder alte Familienfehden, deren Ursprung kaum noch jemand kennt.</p>
<p>Streit mit anderen Volksgruppen gehört für die Tibeter seit jeher zu den Konstanten ihres Lebens, besonders hier in Qinghai, einer der fünf chinesischen Provinzen mit großem tibetischem Bevölkerungsanteil (neben Tibet, Sichuan, Gansu und Yunnan). Amdo nennen die Tibeter die Region, die einmal den nördlichsten Teil ihres Königreichs darstellte. Sie war einst ihre Verbindung zur Seidenstraße, die seit über 3000 Jahren die Völker und Religionen Asiens miteinander vernetzt.</p>
<p>In Amdo kamen die Tibeter im 8. Jahrhundert erstmals mit dem aus Indien stammenden Buddhismus in Berührung. Hier wurde auch im 14. Jahrhundert Tsongkhapa geboren, der Begründer der Gelbmützen, der einflussreichsten unter den tibetischen Glaubensschulen. Und hier kam 1935 in dem Bauerndorf Taktser, wenige Kilometer von dem umstrittenen Wäldchen entfernt, der Junge Lhamo Dhondrub zur Welt. Das Kind, in dem die Gelbmützen die 14. Wiedergeburt ihres Dalai Lama erkannten. Dort, wo einst dessen Elternhaus stand, erinnert heute ein kleiner Tempel an den berühmten Sohn des Ortes – verborgen hinter hohen Mauern und einem Tor, das für Auswärtige verschlossen bleibt.</p>
<p>Kein Bewohner wagt offen über &#8220;ihn&#8221; zu sprechen, steht er doch im Zentrum eines Kulturkampfes, der die traditionelle Lebensart der Tibeter mehr gefährdet als alle Konflikte zuvor. Doch die Tatsache, dass viele Tibeter sich noch immer heimlich das Bild ihres Dalai Lamas auf den Hausaltar stellen, zeigt, auf welcher Seite sie stehen.</p>
<p>&#8220;Die Tibeter können einfach nicht von ihm lassen&#8221;, sagt ein chinesischer Händler in der Provinzhauptstadt Xining, der unter dem Ladentisch auch Fotos und Plaketten des buddhistischen Religionsoberhauptes verkauft. &#8220;Dabei bereitet er ihnen doch nur Probleme.&#8221;</p>
<p>Doch die Probleme kommen nach Meinung vieler Tibeter nicht aus dem Süden, wo der geflohene Herrscher am Fuße des Himalaya seit 50 Jahren im indischen Exil sitzt. Sie kommen aus der entgegengesetzten Richtung, aus dem Norden. 1950, ein Jahr nach der Gründung der Volksrepublik, ließ Mao Zedong von dort seine Armee ins tibetische Kernland einmarschieren. Auf den Hochebenen des Himalaya sollten die gleichen revolutionären Kräfte walten wie im Rest des Landes. Großgrundbesitzer wurden vertrieben und das Land an die Bauern verteilt. Hunderte Klöster geschleift und die frommen Tibeter, die seit Menschengedenken jeweils einen Sohn zum Mönch auserkoren hatten, in die spirituelle Leere des Atheismus gestoßen.</p>
<p>Womöglich unterlag Mao eine Zeitlang tatsächlich der Illusion, die Tibeter empfänden die chinesische Herrschaft als Befreiung. Doch dann kam der 10. März 1959. Zehntausende Tibeter erhoben sich und der ernüchterte Mao ließ seine Volksbefreiungsarmee die Proteste brutal niederschlagen. Der Dalai Lama floh über die Grenze und gründete dort mit seiner Gefolgschaft in dem Bergdorf Dharamsala eine Exilregierung.</p>
<p>Was ein Regionaldisput hätte bleiben können, wurde damit zum Weltkonflikt. Die Fronten sind scharf und die Sympathien klar verteilt. Der Dalai Lama wirft Peking einen &#8220;kulturellen Genozid&#8221; vor: die systematische Auslöschung der tibetischen Lebensweise durch brutale Repressionen, wirtschaftliche Benachteiligung und die Ansiedlung Hunderttausender Chinesen in den tibetischen Gebieten.</p>
<p>Für seine Forderung nach einem freien oder zumindest weitgehend autonomen Tibet konnte er große Teile der westlichen Öffentlichkeit hinter sich bringen. Pekings Kommunisten halten dagegen mit dem Argument, dass Tibet seit Jahrhunderten Teil des Vielvölkerstaats China gewesen sei. Außerdem habe es durch den Aufschwung der vergangenen Jahrzehnte sehr profitiert. So würden die Tibeter inzwischen mehr verdienen, hätten eine bessere Bildung, medizinische Versorgung und Infrastruktur.</p>
<p>Gut 30 Jahren nach dem Ende der Kulturrevolution sei auch die Religionsfreiheit wiederhergestellt; behauptet Peking. Viele zerstörte Klöster wurden wieder aufgebaut. Dass es trotzdem immer wieder zu Unruhen kommt wie zuletzt im vergangenen März, lastet Peking der &#8220;Dalai-Clique&#8221; an, die Tibet vom Mutterland abtrennen wolle.</p>
<p>Wer jeweils recht hat, lässt sich schwer überblicken. Denn so präsent das Thema Tibet seit 50 Jahren in der Weltöffentlichkeit ist, so isoliert sind die Landstriche, um die sich der Streit dreht. Seit Jahrzehnten sind große Teile der tibetischen Gebiete für Reisende, insbesondere für Ausländer gesperrt. Nach den Unruhen des vergangenen Jahres wurden weitere Regionen abgeriegelt, so dass Tibet derzeit fast unzugänglich ist. Zwar gelang es dem Autor Ende Februar trotzdem, in Qinghai in gesperrte Gebiete zu gelangen und dort mit Mönchen, tibetischen und chinesischen Beamten, Bauern, Nomaden und Geschäftsleuten zu sprechen (zu ihrem Schutz bleiben Namen und Ortschaften ungenannt). Doch mehr als ein bruchstückhaftes Bild vom Alltag der Tibeter kann unter diesen Bedingungen nicht entstehen.</p>
<p>Sicher scheint allerdings: Die traditionelle Lebensart der Tibeter ist im Verfall begriffen – und daran sind nicht nur die Chinesen schuld. Die Einheimischen haben noch ganz andere Probleme: Ihre Nomaden- und Bauernkultur passt schlecht ins Globalisierungszeitalter; das Leben in den Städten lockt die Jugend. &#8220;Zum ersten Mal haben junge Menschen die Möglichkeit, ein anderes Leben zu wählen als ihre Eltern&#8221;, sagt ein Tibeter.</p>
<p>&#8220;Der Reiz des Neuen ist groß, aber auch gefährlich&#8221;, fährt er fort. Denn wer erst einmal das Leben jenseits von Feld und Weide kennengelernt hat, findet selten den Weg zurück. Da die Alten die schwere Landarbeit nicht alleine machen können, sind auch sie über kurz oder lang zum Umzug gezwungen.</p>
<p>Allerdings hält sich die Zahl der Tibeter, die in die Städte drängen, noch in Grenzen. Da in den vergangenen Jahrzehnten viele von ihnen nie eine Schule besucht haben – weil es entweder keine gab oder die Eltern ihre Kinder lieber als Arbeitskräfte zu Hause behielten – können sie in den urbanen Zentren noch schwer Fuß fassen. &#8220;Wie soll ich in die Stadt kommen, wenn ich nicht Chinesisch spreche und nicht einmal einen Busfahrplan lesen kann?&#8221;, fragt eine junge Frau. Deswegen sei es ihr sehr wichtig, dass wenigstens die Tochter zur Schule gehe.</p>
<p>Doch Bildung bedeutet auch, sich dem Einfluss der Chinesen auszusetzen. Weil sie fern jeder Ortschaft wohnten, zog die Familie kürzlich in ein Ansiedlungsprojekt für Nomaden. Mit derartigen Baumaßnahmen möchte die Regierung die Sesshaftigkeit der Einheimischen fördern und die Überweidung von Weideland verhindern. Dort ist in der Schule Chinesisch die Hauptunterrichtssprache, Tibetisch wird dagegen nur als Nebenfach gelehrt.</p>
<p>&#8220;Viele Tibeter sehen inzwischen ein, dass sie in der heutigen Welt um das Chinesische nicht mehr herumkommen&#8221;, erklärt ein Mönch. &#8220;Aber sie haben Angst, dass ihre Kinder dadurch ihre Kultur verlieren.&#8221; Der circa Dreißigjährige, der an einer staatlichen Hochschule studiert hat, unterrichtet selbst Chinesisch – in seinem Kloster. Rund ein Dutzend Kinder werden dort zu Mönchen ausgebildet, erhalten aber neben der religiösen Erziehung auch Chinesischunterricht.</p>
<p>Die Existenz der Klosterschule wird durch eine stille Vereinbarung mit der Lokalregierung gesichert. Laut Gesetz darf ein Jugendlicher erst mit 18 Jahren ins Kloster. Doch weil viele Familien nach traditionellem Brauch schon jüngere Kinder in die Mönchsausbildung schicken wollen, drücken die chinesischen Beamten manchmal ein Auge zu. &#8220;Sie wissen, dass sie von uns keine Proteste zu befürchten haben&#8221;, sagt der Mönch, &#8220;deshalb sind sie zu Zugeständnissen bereit.&#8221;</p>
<p>Zwar bekennt er im Vertrauen, dass auch er in seiner Jugend die gefährliche Wanderung über die wilde Grenze nach Indien unternommen hat, um den Dalai Lama zu sehen – wie jedes Jahr Hunderte anderer Tibeter auch. Doch nach einem Jahr kehrte er zurück. Seitdem bemüht er sich, die tibetische Kultur zu fördern, ohne mit den Chinesen in Konflikt zu geraten. &#8220;Wir müssen ihnen zeigen, dass sie vor uns keine Angst haben brauchen&#8221;, sagt er. &#8220;Das ist unsere einzige Chance.&#8221;</p>
<p>Vor den Auswirkungen der Spannungen des vergangenen Jahres bleibt allerdings auch er nicht verschont. Wie alle Mönche darf er seinen Landkreis nicht verlassen; Busfahrer sind angewiesen, Geistliche nicht mitzunehmen. Außerdem verbietet den Mönche eine neue &#8220;Sicherheitsklausel&#8221; im Gesetz zur Religionsausübung &#8220;separatistische Aktivitäten gegen das Mutterland oder die Teilnahme an illegalen Protesten, die öffentliche Störungen verursachen könnten&#8221;. Tibeter erhalten derzeit keine Reisepässe mehr, weil Peking alle Auslandskontakte unterbinden will. In den Zentren des letztjährigen Konflikts fährt die Regierung angesichts des anstehenden fünfzigsten Jahrestages des Volksaufstandes ihr ganzes Einschüchterungspotenzial auf. So marschieren in der Klosterstadt Rebkong Truppen der Volksbefreiungsarmee in Camouflage-Uniform die Hauptstraße entlang und absolvieren auf öffentlichen Parkplätzen Drillübungen.</p>
<p>Viele Tibeter hoffen, dass der 10. März ohne neue Unruhen vorbeigeht und dass die Chinesen ihre derzeitigen Restriktionen lockern. Doch wie schwer sie es selbst in einem friedlichen Tibet hätten, zeigt sich zum Beispiel im Kloster Kumbum. Das religiöse Zentrum ist der Geburtsort des Gelbmützenbegründers Tsongkhapa und einer der fünf wichtigsten tibetischen Pilgerstätten. Unter Mönchen gilt das Heiligtum mittlerweile als Strafversetzungsposten, denn kaum ein anderes Kloster ist stärker zum Rummelplatz chinesischer Tibettouristen geworden als Kumbum.</p>
<p>Es kommen zwar immer noch viele Pilger. Ein tibetischer Schüler aus dem Hochland erzählt, er wolle hier ein paar Tage lang mit Niederwerfungen für ein besseres Abschlusszeugnis beten, und eine alte Frau umkreist täglich dreimal die Pilgerstätte, um so ihr Knieleiden zu heilen. Doch in erster Linie gehört das Kloster den Reisenden. Chinesen, die lärmend Fotos machen und im Spaß tibetische Gebetsrituale nachspielen. &#8220;Sie merken nicht, dass wir unsere Kultur nicht zur Folklore reduzieren wollen&#8221;, sagt ein Tibeter. Womöglich ist derartige Ignoranz die schlimmste Form der Diskriminierung – und für Tibets Kultur weitaus gefährlicher als die gelegentlichen Keilereien um Bäume auf den Bergen von Amdo.</p>
<p>Erschienen in: Badische Zeitung, 9. März 2009</p>
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