Unerwünschter Frühling
Nordkorea demonstriert Kontinuität, doch der Druck zur Öffnung wächst und hat bereits begonnen, das System grundlegend zu verändern.
In Kim Taewoos Büro ist die koreanische Versöhnung bereits vollzogen. Auf der Landkarte hinter dem Schreibtisch des Präsidenten von Südkoreas staatlichem Institut für Wiedervereinigung teilt keine Grenze die Halbinselmehr in Nord und Süd. Die Darstellung ist ein politisches Statement, was sonst, doch seit vergangener Woche wirkt es so brisant wie lange nicht mehr. „Theoretisch ist jetzt alles möglich“, kommentiert der Politologe die Lage nach dem Tod von Diktator Kim Jong-il und bezweifelt, dass dessen Machterben das abgeschottete System langfristig aufrecht erhalten können…
Kim in der Kiste
Nordkorea beweint seinen verstorbenen Diktator Kim Jong-il. Der Süden bemüht sich um versöhnliche Signale.
Die Nachricht fand nicht viel Aufmerksamkeit: Am vergangenen Freitag berichtete das chinesische Staatsfernsehen CCTV, das Pekinger Wachsfigurenmuseum habe für Nordkoreas Herrscher Kim Jong Il eine Statue seiner Mutter angefertigt. Mehr als 200 Würdenträger seien aus Pjöngjang angereist, um die Skulptur abzuholen. “Aber wer war wirklich in der Kiste?”, fragt ein chinesischer Blogger. “Vielleicht ist Kim gar nicht in seinem Zug gestorben, sondern in einem chinesischen Krankenhaus.” Das Gerücht ist einer von zahllosen Spötteleien, mit denen Internetbenutzer aller Welt den Tod des exzentrischen Tyrannen kommentieren…
Zum Einstand eine Rakete
Nach dem Tod Kim Jong-ils soll sein jüngster Sohn Kim Jong-un die Macht übernehmen. Als erste Amtshandlung zündete er eine Kurzstreckenrakete.
Schluchzende Menschen beweinen auf den Straßen und Plätzen den Tod ihres „Geliebten Führers“: Nordkoreanische Fernsehbilder dokumentieren die öffentliche Trauer nach dem Tod von Diktator Kim Jong-il. Eine in Schwarz gekleidete Nachrichtensprecherin hatte am Montagmorgen mit tränenerstickter Stimme verkündet, dass der 69-Jährige am Samstag während einer Zugfahrt im Alter an Herzversagen gestorben sei. Er hatte Nordkorea seit dem Tod seines Vater Kim Il-sung im Jahr 1994 regiert und das abgeschottete und verarmte Land zur Atommacht gemacht…
Ein Ei pro Monat
Auch diesen Winter ist die Versorgungslage für viele Nordkoreaner wieder heikel. Doch die internationale Hilfsbereitschaft ist begrenzt.
Es ist Kohlernte in Nordkorea. Landauf, landab hacken Arbeitertrupps die grünen Köpfe ab und türmen sie am Feldrand zu großen Bergen auf. Armeeeinheiten verladen sie auf altmodische Lastwagen und transportieren sie in die Dörfer und Städte, wo die Menschen in Gruppen antreten, um ihre Zuteilungen in Empfang zu nehmen. Auf Handkarren verfrachten sie ihren Kohl nach Hause, stapeln ihn auf Balkonen oder vor der Tür. In den kommenden Tagen werden die Hausfrauen die Blätter in großen Krügen zu Kimchi einlegen, dem Nationalgericht, das in den langen Wintermonaten für viele Nordkoreaner die einzige Vitaminquelle ist, und eine von wenigen Möglichkeiten, dem täglichen Maisbrei ein wenig Geschmack zu verleihen…
Fremde Landsleute
Viele Südkoreaner wollen mit den Flüchtlingen aus dem Norden nichts zu tun haben. Sie fürchten um ihren Wohlstand.
Die junge Frau muss sich sichtlich überwinden. Kerzengrade steht sie an der Wegkreuzung eines Parks im Herzen von Seoul und hält Ausschau nach Spaziergängern. Kommt einer in ihre Richtung, atmet sie tief durch, holt ein Flugblatt aus der Tasche und streckt es dem Passanten entgegen. „Wussten Sie, dass in Südkorea 23 000 Überläufer aus Nordkorea leben?“, steht darauf, gefolgt von einigen Bitten. „Bieten Sie einem Nordkoreaner ihre Freundschaft an“, lautet eine davon…
Südkoreas Tränenmacher
Das Waisenkind Choi Sung-Bong ist der neue Stern im weltumspannenden Casting-Show-Universum.
Ich möchte einfach normal sein”, murmelt der 22-jährige Choi Sung-Bong leise. Und wer ihn diesen Satz sagen hört, muss kurze Zeit später zum Taschentuch greifen. Acht Minuten und zwei Sekunden dauert das Youtube-Video, das mit Chois schüchtern vorgetragenem Wunsch beginnt und damit endet, dass Choi noch weniger normal wirkt als zuvor. Der 22-jährige Südkoreaner ist der neueste Stern am internationalem Castingshow-Himmel. Mit der richtigen Mischung aus trauriger Lebensgeschichte, unvorteilhaftem Äußeren und bombastischer Stimme hat er sich in die Herzen eines Millionenpublikums gesungen – und das nicht nur in Südkorea…
Kims Hunger nach Diplomatie
Südkorea will wieder mit dem Norden verhandeln, doch die Annäherung ist umstritten.
Süd- und Nordkorea nähern sich an – oder demonstrieren zumindest ihren guten Willen, nach einem Jahr auf Eskalationskurs wieder zur Diplomatie zurückzukehren. Am 8. Februar sollen sich Armeevertreter im Waffenstillstandsdorf Panmunjom treffen. Auch andere Kontakte würden auf Arbeitsebene wieder aufgenommen, sagte Südkoreas Präsident Lee Myung Bak…
Wikileaks entzweit Peking und Pjöngjang
Die Wikileaks-Veröffentlichungen zeigen Brüche im Bündnis zwischen China und Nordkorea. Könnte dadurch Bewegung in den festgefahrenen Konflikt kommen?
Als „alter Freund“ reiste Choe Thae-bok in Pjöngjang ab, als „verwöhntes Kind“ kam er in Peking an: Nordkoreas Parlamentspräsident und Sekretär des Zentralkomitees der Arbeiterpartei musste am Dienstag zum Auftakt seines Chinabesuchs brisante Enthüllung von Wikileaks verkraften. Unmittelbar vor seiner Landung war bekannt geworden, wie Chinas Vizeaussenminister He Yafei vergangenes Jahr vor Mitarbeitern der US-Botschaft in Peking über die Verbündeten aus Pjöngjang hergezogen haben soll…
Chinas Gesichtswahrer
Vize-Außenminister Wu Dawei soll im Koreakonflikt Chinas Interessen wahren.
Chinas Diplomaten spielen wieder einmal “good cop, bad cop”. Der böse Bulle ist Außenminister Yang Jiechi: Als Südkorea in der vergangenen Woche als Reaktion auf Nordkoreas Artillerieangriff auf die Insel Yeonpyeong ein großes Marinemanöver mit den USA ankündigte, sagte er kurzerhand einen Besuch in Seoul ab – offenbar aus Ärger darüber, dass abermals eine Militärübung in unmittelbarer Nachbarschaft der Volksrepublik stattfindet. Doch sein Stellvertreter darf nun die Rolle des guten Bullen spielen…
Verhandeln, ob verhandelt wird
China bietet sich im Korea-Konflikt als Vermittler an und holt sich gleich eine Absage.
Es war ein seltsames Stück Diplomatietheater, das sich gestern in Pekings Außenministerium abspielte. Per SMS hatten die Beamten kurzfristig die Weltpresse einbestellt, um eine wichtige Ankündigung zu machen. Peking will im Nordkoreakonflikt vermitteln, erklärte Vizeaußenminister Wu Dawei…
Der Stellvertreterkonflikt
Der Streit um Nordkorea offenbart die Bruchstellen der neuen Weltordnung.
Nein, diesen Gefallen werden wir Kim Jong-il nicht tun! Mit seinen jüngsten Provokationen – dem Beschuss der südkoreanischen Insel Yeonpyeong und der Präsentation seiner Urananreicherungsanlage – will Nordkoreas Diktator der Welt Angst vor einem neuen Korea-Krieg machen. Er möchte, dass man ihm jeden Wahnsinn zutraut, selbst den Einsatz seiner Atombomben. Denn nur wenn das Ausland Kim fürchtet, macht es ihm die politischen und finanziellen Zugeständnisse, die er braucht, um sein tyrannisches Regime am Leben zu erhalten…
George Washington soll Kim Jong-un einschüchtern
Nach dem Angriff aus dem Norden unterstützen die USA ihren Verbündeten im Süden und verlegen einen Flugzeugträger ins Gelbe Meer.
Ein südkoreanisches Manöver war der Anlass für das tödliche Feuergefecht an der innerkoreanischen Grenze – und ein Manöver soll auch Seouls Antwort sein. Einen Tag, nachdem Nordkoreas Armee beim Beschuss der südkoreanischen Insel Yeonpyeong zwei Soldaten und zwei Zivilisten tötete, zwanzig Menschen verletzte und dutzende Häuser zerstörte, haben die Regierungen in Seoul und Washington demonstrativ eine gemeinsame Marineübung beschlossen. Dafür wird unter anderem der US-Flugzeugträger “George Washington” ins Gelbe Meer verlegt…
Koreanisches Poker
Kim Jong-il reizt – und weiß, dass seine Aggression bisher immer belohnt worden ist.
Nordkoreas Diktator Kim Jong-il hat eine eigenwillige Art, der Welt Verhandlungen anzubieten. Erst führte er US-Wissenschaftlern eine neue Nuklearfabrik vor, die zur Herstellung von atomwaffenfähigem Uran verwendet werden könnte – eine offene Aufrüstungsdrohung. Nun ließ er auch noch unvermittelt Granaten auf eine südkoreanische Insel schießen – eine unverhohlene Warnung, dass er zu Gewalt bereit ist, wenn er nicht bekommt, was er will…
Gefährlicher Grenzkonflikt
Nordkorea provoziert die Welt wieder einmal mit einem Angriff auf senen Nachbarn.
Nordkorea hat am Dienstag überraschend ein Gefecht an der innerkoreanischen Grenze provoziert. Am Nachmittag, um 14.34 Uhr Ortszeit, schlugen mehr als 50 Granaten auf der südkoreanischen Insel Yeonpyeong ein, berichtete das Verteidigungsministerium in Seoul. Bei dem Angriff wurden zwei Soldaten getötet, 17weitere sowie drei Zivilisten verletzt…
Frische Impulse aus Korea
G20 einigen sich in Seoul auf Prozess für Finanzmarktreformen. Die französische Präsidentschaft spricht bereits von einem neuen Bretton Woods.
Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte bereits die Heimreise nach Berlin angetreten, als Südkoreas Präsident Lee Myung-bak in Seoul vor die Mikrophone trat, um zu erläutern, wie die G20-Staaten das internationale Finanzsystem weiter reformieren wollen. „Beachtliche Fortschritte“ seien bei dem zweitägigen Gipfel der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer sowie der EU erreicht worden, erklärte Lee. Der „Seoul Action Plan“, wie das Abschlusskommuniqué die Beschlüsse enthusiastisch übertitelt, weise den Weg zu einer grundlegenden Neuordnung des globalen Finanzsystems…