Das Hasenkomplott
Wer im chinesischen Jahr des Hasen geboren wurde, sollte zurzeit etwas Rotes am Körper tragen – das schützt vor Unheil.
Am Wochenende hat mir ein Taschendieb mein Portemonnaie geklaut, im Gedränge eines Pekinger Cafés, dem mein sechster Sinn nicht gewachsen war. Er erbeutete einen Batzen Geld, Bankkarten, Presseausweis und andere Papiere. Muss ich erwähnen, dass ich mich sehr geärgert habe? Muss ich wohl. Denn als ich einer chinesischen Freundin von meinem Erlebnis erzählte, klärte sie mich auf, dass ich erstens selbst schuld sei und zweitens Glück im Unglück gehabt habe…
Die chinesische Weltformel
Namen sind in China keine Geschmackssache, sondern eine Schicksalsfrage. Die richtige Antwort findet man mit kosmologischer Mathematik.
“Holt euch professionelle Hilfe”, rieten uns chinesische Freunde nach der Geburt unseres ersten Kindes. Ihre Sorge galt der Namenswahl. Wie unsere Tochter auf Deutsch heißen sollte, stand fest, aber ein in Peking geborenes Kind müsste auch einen chinesischen Namen haben, fanden wir. Dass wir dafür Unterstützung benötigten, war uns klar, denn in chinesischen Schriftzeichen schwingen viele Bedeutungen mit, die sich nur einem Muttersprachler erschließen. Doch als wir unsere Freunde um Rat fragten, schreckten sie zurück: “Wendet euch lieber an einen Namensgeber!”…
Doofe Dämonen
Kann man Geister ernst nehmen, die auf ihren eigenen Spuk hereinfallen?
Man soll sich nicht über den Glauben anderer Menschen lustig machen, ich weiß es ja selber. Aber kann man Geister ernst nehmen, die nicht um die Ecke gehen können? Oder Dämonen, die auf ihre eigenen Tricks hereinfallen? Der chinesische Volksglaube ist bevölkert von furchterregenden Kreaturen, die den Menschen das Leben zur Hölle machen könnten – hätten sie nicht alle einen simplen Konstruktionsfehler, mit dem sie sich einfach in Schach halten lassen…
Ein Gott dankt ab
Der Dalai Lama gibt seine politischen Funktionen auf und fordert demokratische Wahlen. Doch ausgerechnet Peking besteht auf seiner Wiedergeburt.
Der Dalai Lama geht in Rente. 61 Jahre nachdem ihm die weltliche Herrschaft über Tibet übertragen wurde, will der 14. Dalai Lama seine politischen Funktionen aufgeben und in demokratischen Wahlen einen Nachfolger bestimmen lassen. «Eines meiner Ziele, das ich seit meiner Jugend verfolgt habe, ist die Reform von Tibets politischer und gesellschaftlicher Struktur», sagte er…
Gott auf der Müllkippe
Unter Chinas Wanderarbeitern findet das Christentum viele Anhänger. Sie wissen, was es bedeutet, ein Kreuz zu tragen.
Das Kreuz ist auf eine Kiste gemalt, die auf einem abgewetzten Tischchen steht. Davor sitzen eng gedrängt zwei Dutzend Menschen in wattierten Wintermänteln. “Glauben findet nicht in prächtigen Gebäuden statt, sondern in unseren Herzen”, erklärt Missionar Jia. “Wir Christen wissen, dass Gott zu uns Menschen kommt – keine andere Religion hat einen solchen Gott.” Die Stimmung ist aufgewühlt, es wird viel geweint, und jedes Amen bricht aus den Gläubigen heraus wie ein Befreiungsschrei…
Gefährliche Missionen
Südkoreas Christen gelten als die hartnäckigsten Missionare der Welt. Doch die Methoden der Seelensammler sind umstritten und politisch problematisch.
Vergangenen September schmuggelte Peter Chung neun nordkoreanische Flüchtlinge aus China nach Vietnam. „Ich hatte im Grenzgebiet eine Stelle ausfindig gemacht, die nicht bewacht wird“, erzählt der Südkoreaner. „Trotzdem war es ein gefährliches Unterfangen und wir hatten alle große Angst.“ Nachdem er seine Schützlinge auf vietnamesischer Seite an einen Vertrauensmann übergeben hatte, wanderte er alleine zurück nach China…
Saison der Schicksalsingenieure
In China haben die Feierlichkeiten zum Jahr des Tigers begonnen. Es ist die Zeit der Glücksrituale.
Hier werden also die Rätsel des Universums gelöst: im 15. Stock eines schmucklosen Mietshochhauses in der südchinesischen Industriemetropole Guangzhou. Der Teppichboden ist fleckig, die Büromöbel sind abgestoßen, und die Fenster wurden schon lange nicht mehr geputzt. Die Zimmerpflanzen sind kurz vor dem Eingehen. Kein Wunder, dass Pei Weng sich lieber in einem Teehaus verabredet hätte…
Haft für chinesische Untergrundchristen
Chinas Regierung erhöht den Druck auf Gemeinden außerhalb der Staatskirche. Christen müssen wegen „Unruhestiftung“ ins Gefängnis.
Es ist eine unfrohe Botschaft, die Chinas Kommunistische Partei den chinesischen Christen zu Beginn der Weihnachtszeit verkündet: Wer seinen Glauben außerhalb der streng überwachten Staatskirche praktizieren will, muss künftig mit noch schärferen Strafen rechnen als bisher. Fünf führende Mitglieder einer protestantischen Untergrundkirche im nordchinesischen Linfen wurden zu bis zu sieben Jahren Haft verurteilt…
Ein Gott für alle Fälle
Der Dalai Lama ist eine Jahrhundertpersönlichkeit. Alle großen Themen unserer Zeit spiegeln sich in ihm wider. Porträt einer globalen Projektionsfläche.
Vor einigen Wochen servierte der Dalai Lama in einem US-amerikanischen Obdachlosenheim das Mittagessen. Es gab Pasta mit Pesto und dazu eine Kostprobe, warum der 74-jährige Mönch einer der beliebtesten Menschen des Planeten ist. “Wissen Sie, ich bin auch heimatlos”, scherzte er in die Runde der Penner und lachte dabei so herzlich und mitreißend, dass selbst diejenigen einstimmten, die weder sein holpriges Englisch noch die Anspielung auf sein Exil verstanden hatten. In der Regel sind derartige Suppenküchentermine das Spielfeld von Politikern im Wahlkampf oder Promis bei der Imagesanierung. Doch das tibetische Religionsoberhaupt absolviert sie mit der gleichen Ernsthaftigkeit. Seit fünf Jahrzehnten ist sein Leben eine einzige Öffentlichkeitskampagne für sich und seine Sache: die politische oder zumindest kulturelle Freiheit der Tibeter…
Die Buddha-Bar
Buddhistische Mönche betreiben in Tokio eine Kneipe. Sie wollen zeigen, dass Spiritualität und Spaß gut zusammenpassen.
Donnerstagabend, kurz nach zehn. Aus den Lautsprechern sprudelt Jazz, und der blinde Mönch an der Theke lauscht, wie sich John Coltranes Saxofon in die Stimmen seiner Gäste webt. Knapp zwei Dutzend sind gekommen, und wenn einer aufsteht, muss sich die Hälfte des Raumes mit ihm erheben, so eng ist es. Ursprünglich war die Vowz-Bar ein Einzimmerapartment im zweiten Stock eines Hauses in Tokios Stadtteil Shinjuku. Doch nun steht an der Stelle des Bettes eine Theke, auf der neben den Sakeflaschen auch ein paar Bände buddhistischer Schriften ausliegen. An den Wänden hängen Gebetswimpel und Kalligrafien, und in der hinteren Ecke sitzt ein Bronzebuddha, vor dem Räucherstäbchen ihren Sandelholzduft in den Zigarettenqualm mischen…
Das letzte Geschäft
Vom Tod lässt sich gut leben: Eine Bestattungsmesse in Hongkong zeigt die neuesten Trends der Beerdigungsindustrie.
Der Tod gehört zum Leben wie die Geburt, nur sorgt er meist für weniger Freude. Es sei denn, man hat den Sensenmann als Arbeitgeber. Dann kann man mit der Vergänglichkeit leicht seinen Frieden machen, und unter Umständen sogar ein Vermögen verdienen. Wie das geht, darüber tauschte sich die Branche kürzlich in Hongkong aus, bei der Asiatischen Bestattungsmesse…
Dalai Lama: Tibeter leben in der Hölle
Zum 50. Jubiläum des Lhasaaufstands wirft der Dalai Lama China vor, den Tibetern das Leben zur „Hölle auf Erden“ gemacht zu haben. Peking bezeichnet das als „Lüge“.
50 Jahre nach dem Aufstand zehntausender Tibeter gegen die chinesische Obrigkeit haben der Dalai Lama und Chinas Regierung einander schwere Vorwürfe gemacht. Das buddhistische Religionsoberhaupt hielt Peking in einer ungewöhnlich scharfen Worten vor, das Leben der Tibeter zur „Hölle auf Erden“ gemacht zu haben…
Endspiel in Tibet
Am 10. März 1959 erhob sich Tibet gegen die chinesischen Besatzer. 50 Jahre später ist die kulturelle Eigenständigkeit der Einheimischen mehr denn je bedroht.
Das kleine Wäldchen auf der Bergkuppe sieht nicht nach einem Schlachtfeld aus. “Aber manchmal haben wir hier richtige Gefechte”, erzählt ein Bauer aus dem Dorf im Tal, in dem seine Familie dem widerspenstigen Hochland mit Yak- und Schafzucht seit Generationen ein karges Auskommen abringt. “Wenn einer von uns Tibetern zum Holzschlagen geht, greifen die Muslime ihn an”, erklärt er, “und wenn einer von denen Bäume fällt, lassen wir uns das natürlich nicht gefallen.”
Man lebt nur zweimal
Wie ist das Leben nach dem Tod? Ganz ähnlich wie das davor, glaubt man in China.
Der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Auch nicht vom Tod. Zumindest glauben das offenbar viele Chinesen. Denn warum sollten sie sonst ihre Ahnen mit neuen Errungenschaften versorgen, die zu ihren Lebzeiten gar nicht existierten: mit Computern und Handys, mit Digitalkameras und Kreditkarten, mit Vitaminpräparaten und Potenzpillen?…
Keine Götter neben Kim
Kein Land verfolgt Christen schärfer als Nordkorea. Wer nicht an das Regime glaubt, riskiert sein Leben.
Anfang des 20. Jahrhunderts galt Pjöngjang wegen seiner großen christlichen Gemeinde als „Jerusalem des Ostens“, doch heute leben Christen nirgendwo gefährlicher als in der nordkoreanischen Hauptstadt. Auf dem Weltverfolgungsindex der christlichen Organisation Open Doors steht das Land seit sechs Jahren an erster Stelle.