Chinas Stilberaterin
Von Mao zu Missoni: Angelica Cheung erteilt als Chefredaktorin der chinesischen «Vogue» ihren Landsleuten Nachhilfeunterricht in Mode.
Die erste Modenschau des Tages sieht Angelica Cheung morgens im Lift. 25 Stockwerke fährt sie bis zur höchsten Etage von «Corporate Avenue», einem Schanghaier Büroturm, aus dem Weltkonzerne den Chinamarkt zu erobern versuchen. Es ist ein Wolkenkratzer, in dem die Gewinner des Wirtschaftswunders zur Arbeit gehen…
“Oh Papa, wie kannst du nur so dumm sein?”
Geng Hongtao möchte kein Bauer mehr sein. Sein Problem: 800 Millionen Chinesen wollen das Gleiche. Denn „Bauer“ ist in Chinas Städten inzwischen ein Schimpfwort.
Wenn Geng Hongtao in den Wintermonaten zu seinen Terminen geht, friert er ganz fürchterlich. Darauf ist er stolz, denn wenn ihm die Kälte in die Knochen zieht, hat er das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Meistens kommt er schon etwas früher, betrachtet aus sicherer Entfernung den Treffpunkt und sucht sich ein öffentliches Klo. Dort zieht er sein Jackett und den dicken Armee-Pullover aus,
Welcher Kapitalismus darf’s denn sein?
In China wetteifert die kapitalistische Plan- mit der Clanwirtschaft. Erstaunlicherweise funktionieren beide.
In Wenzhou nennen sie Sun Jiangling einen „Schlangenkopf“. Woher die Bezeichnung stammt, weiß Sun selbst nicht genau. „Vielleicht, weil Schlangen schlau sind?“, fragt er lachend. „Oder weil sie lautlos überall hinkommen?“ Sun ist Menschenschmuggler. Seit fast 20 Jahren schleust er Zahlungswillige auf abenteuerlichen Routen ins Ausland. Taiwan ist mit 40 000 Yuan (rund 4000 Euro) das billigste Ziel…
Kommt doch!
Chinesische Konzerne wollen den Weltmarkt erobern. Im Westen fürchtet man sich sehr. Das ist ein wenig übertrieben.
Wenn man Andreas Bode warnt, dass die Chinesen kommen, dass sie bald alles schneller, billiger und besser machen werden als wir Deutschen, dass sie unsere Autos bauen, unsere Arbeitsplätze vernichten und unsere Unternehmen kaufen werden, dann lächelt er nur müde. „Die Chinesen kommen? Darauf warte ich schon seit Monaten.“
Der Motor der Gesellschaft
Chinas neue Mittelschicht steht unter Druck. Sie soll ihr Leben verbessern. Und dabei den Fortschritt des gesamten Landes vorantreiben.
Eines Abends – im Fernsehen lief gerade eine Musikparade – fiel Su Huas Mutter ins Koma. Plötzlich und unvermittelt, wie es bei älteren Menschen mitunter vorkommen kann, sackte sie in sich zusammen. Panisch schleppten Su Hua und ihr Vater die 62-Jährige zum Fahrstuhl, ins nächste Taxi und rasten zum Krankenhaus, wo sie an lebenserhaltende Kabel, Schläuche und Kanülen angeschlossen wurde. Keine Ahnung, was wird, sagten die Ärzte…
Trainingslager China
Den beinharten Wettbewerb im Reich der Mitte überleben nur die fittesten Firmen. Kolonialismus, mal umgekehrt.
Es ist Sonntag, und Peter Legner ist mal wieder mächtig stolz auf seine Mannschaft. In seiner Werkhalle herrscht reger Betrieb. „Überstunden und Wochenendschichten machen meine Mitarbeiter ohne zu murren“, sagt er. „Man kann von den Chinesen viel lernen, vor allem Zähigkeit.“
Vanilla Confusion
Nach mehr als zehn Jahren scheint Japan seine Wirtschaftskrise überwunden zu haben. Doch nichts ist mehr so,wie es einmal war. Nach der Umstrukturierung folgt nun das Umdenken. Das tut weh.
Kommt ein Unternehmer zum Psychoanalytiker. Leise und knapp chauffiert er den Arzt durch seine Biografie – seinen Erfolg, seinen Wohlstand, seine Weltläufigkeit. Dann schweigt er. Der Analytiker stellt Fragen, die unbeantwortet bleiben. Doch in der folgenden Woche kommt der Geschäftsmann immer wieder und schweigt weiter, eine Stunde lang für umgerechnet gut hundert Euro. Anderthalb Jahre geht das so. Dann bedankt er sich. Es gehe ihm jetzt schon viel besser.
China – Drache oder Dino?
Aus einem Dinosaurier-Ei schlüpft ein Drache. Er ist kräftig und geschickt genug, um allein zu überleben. Doch er leidet an Durchblutungsstörungen und einem schwachen Rückgrat.
In ihren Träumen stehen viele Chinesen mit dem Rücken zum Peace Hotel. Gegenüber von Schanghais kolonialer Uferpromenade, dem Bund, erhebt sich, was wahlweise „Paris des Ostens“, „New York Chinas“, „Stadt der Zukunft“ oder einfach „Der Wahnsinn“ heißt: das Neubauviertel Pudong – Stolz, Schaufenster und Visitenkarte des Reichs der Mitte.
Beruf: Ausländer
Mit blonden Haaren, blauen Augen und langen Nasen kann man im Reich der Mitte viel Geld verdienen – als Projektionsfläche für den chinesischen Traum.
Als Jimmy Hartvigson anfing, Socken-Li mit seiner Konkubine zu betrügen, verlor er seinen Job. „Schade, eigentlich“, findet der 26-jährige Schwede und knipst sein Laufsteg-Lächeln an. „Ich habe da richtig viel Geld verdient.“ Als Sänger im fünften Stock eines Nachtklubs war er die Halbwelt-Attraktion der südchinesischen Stadt Wenzhou. Für 5500 Euro im Monat plus Spesen gab der talentierte Beau den lokalen Geschäftsleuten das Gefühl, ihre Frauen nicht in einem provinziellen Puff, sondern in einem hippen New-Yorker-Szene-Etablissement zu betrügen.