Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Kein Mauerfall in China

Das Jubiläum des Mauerfalls wird China weitgehend verschwiegen – von einer friedlicher Revolution will die Parteiführung bis heute nichts wissen.

Mauerfall oder kein Mauerfall? Was für eine Frage! Die Deutschlektorin an einer chinesischen Universität, in der DDR geboren und derzeit als Dozentin tätig, ringt seit Wochen mit dieser Frage. “Es würde mich natürlich sehr reizen, den Mauerfall zum Anlass zu nehmen, um mit meinen Studenten eine richtig heiße Diskussion über das Ende des Kommunismus zu führen”, sagt sie. “Aber ich werde es mir verkneifen müssen.”…

Bernhard Bartsch | 06. November 2009 um 05:13 Uhr

 

Kein Geld für China

Deutschlands Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel will die Volksrepublik aus seinem Portfolio streichen. Das ist populär, aber nicht unbedingt klug.

Es passiert nicht häufig, dass Minister ihr eigenes Portfolio beschneiden. Dennoch hat Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel seinen Amtsantritt prompt genutzt, um seine Zuständigkeit für das bevölkerungsreichste Land der Welt aufzugeben: China solle künftig keine deutsche Entwicklungshilfe mehr erhalten, weil es inzwischen selbst genug Geld habe, erklärte der FDP-Politiker…

Bernhard Bartsch | 30. Oktober 2009 um 19:02 Uhr

 

“Meine Mutter kann weder schreiben noch lesen”

Ein Gespräch mit Li Pengyi, Parteichef eines der größten Verlage der Volksrepublik, der ein Staatsunternehmen fit für den Markt machen soll.

Li_PengyiHerr Li, Sie haben den Auftrag, eine sozialistische Industrie in eine kapitalistische zu verwandeln.

Das ist ihr Verständnis der Sache. Aber wir sind immer noch ein sozialistisches System. Glauben Sie nicht? Das Fundament ist immer noch sozialistisch, aber es hat chinesische Eigenschaften. So hat Deng Xiaoping das vor etwa zwanzig Jahren genannt. Und wir glauben das. Wir sind noch immer auf einem sozialistischen Weg, aber eben mit einigen chinesischen Eigenschaften. Was heißt das? Marxismus oder Leninismus sagen, sozialistische Gesellschaften können nicht den Weg Richtung Marktwirtschaft einschlagen. Aber genau das machen wir. Das ist ein neuer Ansatz. Wir machen hier Geschichte…

Bernhard Bartsch | 02. September 2009 um 11:11 Uhr

 

„Chinas Wahrheit ist nicht elegant“

Der chinesische Schriftsteller Mo Yan erzählt, wie er vom Bauer zum Erfolgsautor wurde, weshalb Chinas Gegenwartsliteratur nicht ohne Gewalt auskommt und warum John Updike das nie verstehen konnte.

mo_yan_2Frage: Mo Yan, ich sage es Ihnen lieber gleich zu Anfang: In diesem Gespräch wird es viel um Schubladendenken gehen.

Mo Yan: (lächelt) Ach du liebe Güte!

Frage: Wir wollen ja über chinesische Literatur reden, und davon verstehen wir im Westen leider so wenig, dass wir die Autoren meistens alle in einen Topf werfen. Das gilt auch für Sie: Ihre Romane werden bei uns in erster Linie als „chinesische Bücher“ gelesen, statt als Werke des einzigartigen Schriftstellers Mo Yan…

Bernhard Bartsch | 15. Juli 2009 um 02:35 Uhr

 

Pragmatische Diktatur

Andere palavern, wir handeln, sagt Peking. Chinas Zentralstaat sei effektiver als westliche Demokratien. So versucht die KP, aus der Krise Kapital zu schlagen.

Die Jahrestagung des Nationalen Volkskongresses ist traditionell großes Theater, eine multimediale Inszenierung, die den Anschein erwecken soll, das chinesische Volk kontrolliere die Regierung, nicht umgekehrt. Dramaturgisch erinnert der Auftritt des Kulissenparlaments unverändert an die Zeiten, als der Sozialismus noch die Zukunft war. Doch das Hauptprogramm findet schon lange nicht mehr im rot beflaggten Plenarsaal der Großen Halle des Volkes statt…

Bernhard Bartsch | 06. März 2009 um 01:44 Uhr

 

Rascheln gegen die Krise

Chinas Premier schürt beim Nationalen Volkskongress Optimismus: Auch im Krisenjahr 2009 erwartet die Regierung ein Wirtschaftswachstum von acht Prozent.

Sitzen bleiben, still sein, mitlesen und Notizen machen – so lautete die Anweisung, die Chinas Führung ihren 3000 Parlamentariern am Donnerstag mit auf den Weg in Pekings Große Halle des Volkes gegeben hatte. Im Krisenjahr soll der Nationale Volkskongress, Chinas Kulissenlegislative, einen besonders fleißigen Eindruck machen…

Bernhard Bartsch | 06. März 2009 um 01:40 Uhr

 

Auf Augenhöhe

Chinas Regierung glaubt, dass das Land in der Krise seine Position in der Welt stärken kann. Entsprechend selbstbewusst tritt sie auf.

Wenn Chinas Premier Wen Jiabao in dieser Woche mit einer hochrangigen Minister- und Unternehmerdelegation Europa besucht, und unter anderem auch nach Berlin kommt, dann ist das so, als würde die deutsche Kanzlerin über Weihnachten mit einem Tross von Kabinettsmitgliedern und Dax-Vorständen nach Asien reisen…

Bernhard Bartsch | 27. Januar 2009 um 03:39 Uhr

 

Hart, aber nicht fair

Mit Todesurteilen im Milchprozess will Peking Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen. Doch dafür braucht es mehr als Showjustiz.

Chinas Justiz hat im Milchskandal harte Urteile gefällt. Zwei Männer sollen hingerichtet werden, weil sie fast ein Jahr lang verdünnte Milch mit der giftigen Industriechemiker vermischten, um die Eiweißtests der Qualitätsprüfer auszutricksen. Der Betrug fiel zwar bald auf, doch die Molkereiangestellten und Beamten stoppten ihn nicht. Ihr Schweigen ließen sie sich gut bezahlen und rechtfertigten es damit, dass sie kurz vor Olympia Chinas Image in der Welt hatten schützen wollen.

Bernhard Bartsch | 22. Januar 2009 um 17:27 Uhr

 

“Chinas Entwicklungsmodell hat fundamentale Probleme”

Wirtschaftshistoriker Wu Xiaobo über 30 Jahre chinesische Reformpolitik, fernöstlichen Unternehmergeist und die Lehren aus der Finanzkrise.

Frage: Herr Wu, vor genau dreißig Jahren hat China sich der Marktwirtschaft geöffnet. Pünktlich zum Jubiläum steckt der Kapitalismus in einer tiefen Krise, und die Volksrepublik mitten drin. Schlägt jetzt die Stunde der Planwirtschaftsnostalgiker?

Bernhard Bartsch | 23. Dezember 2008 um 18:07 Uhr

 

Lizenz 001

Vor 30 Jahren wurde China kapitalistisch – und Guo Peiji zum Pionier: Der Koch gründete Pekings erstes privatwirtschaftliches Restaurant.

Guo Peiji ist an diesem Morgen spät dran. „Ich hab mal richtig ausgeschlafen“, sagt der 76-Jährige, als er um kurz nach neun in dem kleinen Restaurant in der Cuihua-Gasse ankommt, wo sein Sohn und einige Angestellte schon Gemüse putzen. „Bis sechs Uhr hab ich faul im Bett gelegen.“

Bernhard Bartsch | 23. Dezember 2008 um 15:27 Uhr

 

Von der Werkbank zur Weltbank

Das Entwicklungsland China wird zum internationalen Großinvestor. In Zeiten der Krise ist China ein Land mit gewaltigen Geldreserven und soll den Industrieländern zu Hilfe eilen.

Für einen Fondsmanager, der 200 Milliarden Dollar verwaltet, erscheint das Gehalt von Lou Jiweis sehr bescheiden. 10 000 Yuan verdient er im Monat, rund 1000 Euro, so schreibt es die Einkommenstabelle für den Rang eines chinesischen Vizeministers vor. Eine Reihe von Vergünstigungen werden ihm immerhin zugestanden…

Bernhard Bartsch | 01. Dezember 2008 um 03:31 Uhr

 

Reich der armen Mitte

Wucher statt Wachstum: Auch Chinas Wirtschaftsmodell gerät in die Krise.

In jeder Krise steckt eine Chance, sagt das Sprichwort. In China lässt sich die Redensart sogar etymologisch herleiten: Krise heißt auf Chinesisch “Weiji”, wobei die erste Silbe “Gefahr” und die zweite “Möglichkeit” bedeutet. In jeder Analyse der chinesischen Krise schwingt die Chance also schon mit. Nur wie?

Bernhard Bartsch | 26. November 2008 um 15:59 Uhr

 

Der Stolz der Pekinger

Im Zentrum des Reichs der Mitte prallen Welten aufeinander. Das war vor 700 Jahren nicht anders als heute. Vom Leben in einer unberechenbaren Stadt.

Der Abend des 19. Dezember 1999 war klar und frostig, ein Abend wie gemacht für Bier und Popcorn in der No. 50 Bar. Es war eine der ersten Pekinger Kneipen nach westlichem Vorbild. Die Kundschaft bestand zur einen Hälfte aus ausländischen Studenten und zur anderen aus neuerdings wohlhabenden Chinesen, die bereitwillig zehn Yuan für ein Bier bezahlten, das im Restaurant um die Ecke zwei Yuan kostete. Ich gehörte zu ersteren…

Bernhard Bartsch | 02. August 2008 um 16:40 Uhr

 

Für die Menschen und das Land

Chinas Wirtschaft wächst und wächst und wächst. Doch für eine bessere Zukunft muss sich auch die Zivilgesellschaft weiterentwickeln. Fünf Porträts von Chinesen, die ihre Heimat gegen alle Widerstände voranbringen wollen.

Hu Jia und Zeng Jinyan kommen gerade aus dem Krankenhaus. Zeng ist im fünften Monat schwanger, und weil die Polizisten einen guten Tag haben, durfte ihr Mann sie zum Arzt begleiten. Nun sitzen sie bei SPR Coffee, einer chinesischen Starbucks-Kopie, und trinken Apfelsaft. Draußen stehen in Sichtweite zwei Limousinen mit verdunkelten Scheiben…

Bernhard Bartsch | 01. September 2007 um 05:01 Uhr

 

“Wen interessiert schon die Wirklichkeit?”

Der chinesische Schriftsteller Li Er über die Spielregeln der staatlichen Zensur und Chinas Angst vor der Realität.

Li Er, geboren 1966 in der Provinz Henan, gehört zu den prominentesten Vertretern der chinesischen Gegenwartsliteratur. In seinen tragikomischen Romanen und Erzählungen beschreibt er, wie im modernen China alte Wahrheiten auf neue Realitäten prallen. 2004 erhielt Li den „Großen Medienpreis“ für chinesischsprachige Literatur. Kurz darauf erklärte ihn Göran Malmqvist, Mitglied der Schwedischen Akademie, zu „einem der vielversprechendsten Kandidaten für den Literaturnobelpreis“.

Bernhard Bartsch | 01. April 2007 um 05:11 Uhr