Frau Zou will wählen
In China herrscht Demokratie, zumindest auf dem Papier. Aber was muss man tun, um sein Kreuz machen zu dürfen – und was hat man davon? Ein Experiment.
“Weswegen ich anrufe, Mama: Hast du schon mal gewählt?” Am anderen Ende der Leitung herrscht einen Moment lang Stille. “Gewählt?”, kommt es dann ungläubig zurück. “Ja, Volksvertreter gewählt”, sagt Frau Zou. Ihre Mutter denkt eine Weile nach. Stimmt, da war mal was. Wahlen. In den 80er Jahren, als sie noch bei einem Staatsbetrieb arbeitete, wurde die Belegschaft zum Wählen aufgefordert. “Was das sollte, wusste keiner, aber wir haben halt irgendwo ein Kreuz gemacht”, erinnert sich die Dame und fragt ihre Tochter, warum sie das wissen wolle. “Weil ich auch wählen will!”, antwortet Frau Zou…
Kein Frieden mit Konfuzius
Chinas Regierung streicht den umstrittenen Friedenspreis. Zu den Nominierten gehörte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Angela Merkel bleibt dieser Tage wenig erspart, doch zumindest die Gefahr einer diplomatischen Peinlichkeit in China ist aus der Welt. Die deutsche Bundeskanzlerin muss nicht mehr befürchten, den umstrittenen Konfuzius-Friedenspreis verliehen zu bekommen, für den sie kürzlich nominiert worden war, zusammen mit Kandidaten wie Russlands Premier Wladimir Putin…
Wettrüsten der Vorbilder
Mit einer Armada staatlich geprüfter Vorzeige-Chinesen will die Kommunistische Partei ihre Autorität untermauern. Doch das Volk sucht sich seine eigenen Helden.
Der Parteisekretär Niu Yuru starb, wie er gelebt hatte – als Beamter durch und durch. “Wir waren 25 Jahre verheiratet, aber davon höchstens fünf wirklich zusammen”, berichtete seine Frau Xie Li nach seinem Tod. “Die anderen 20 Jahre verbrachte er im Büro und auf Dienstreisen.” Auf dem Sterbebett sei Niu zuletzt nicht mehr ansprechbar gewesen – außer, seine Frau flüsterte ihm ins Ohr, es sei halb neun, Zeit für die Sitzung. “Da hat er noch einmal die Augen geöffnet und aufmerksam geschaut, bevor er sie für immer schloss.” Die Geschichte mag wahr sein oder nicht, aber sie hat den 2004 verstorbenen Parteisekretär der nordchinesischen Stadt Hohhot posthum zu einer nationalen Legende gemacht…
Totgesagte leben länger
Wie Altpräsident Jiang Zemin Chinas Flüsse zm Verschwinden brachte.
Am Donnerstag gab es in China plötzlich keine Flüsse mehr. Suchanfragen nach dem Jangtse oder Chinas Mutterstrom, dem Gelben Fluss, führten im chinesischen Internet in den vergangenen zwei Tagen zur Fehlermeldung: “Aufgrund gesetzlicher Bestimmungen können die Ergebnisse nicht angezeigt werden.” Die staatlichen Zensoren hatten sie verschwinden lassen, um Gerüchte über den Tod des ehemaligen Staats- und Parteichefs Jiang Zemin zu stoppen…
Die Partei bloggt mit
Das Internet kann Diktaturen stürzen – aber auch stärken. Interne Propagandapläne der Kommunistischen Partei Chinas zeigen, wie sie mit einer Armada von Netzagenten die öffentliche Meinung manipuliert.
Ende Februar twitterte der Künstler Ai Weiwei eine Einladung zum Verrat: „Sagt mir eure Meinung: Ich möchte Internetkommentatoren, sogenannte Wumao, interviewen. Das Gespräch dauert 10 bis 20 Minuten, und ich bezahle 2000 Yuan oder nach Vereinbarung.“ 2000 Yuan sind rund 210 Euro. Staatsgeheimnisse haben ihren Preis. Wumao heißt so viel wie „fünf Groschen“. Es ist der Spitzname der Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) des Propagandaapparats. Sie sollen gegen Bezahlung im Internet linienkonforme Beiträge verfassen, abweichende Meinungen löschen und Kritiker verpfeifen…
“Feindliche Mächte wollen China schaden”
Interne Dokumente der Kommunistischen Partei zeigen, wie sehr Chinas Führung die Ausbreitung westlicher Ideen fürchtet. Der Staatsapparat soll deshalb zu einer Festung gegen Kritik und Meinungsfreiheit werden.
Über die größten Probleme spricht man am besten im kleinsten Kreis: In der eleganten Liebermann-Villa am Wannsee speisten Bundeskanzlerin Angela Merkel und der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao am Montagabend, begleitet nur von einer Handvoll enger Vertrauter. Themen, bei denen offene Worte nottun, gibt es reichlich, von den Menschenrechten über Wirtschaftsstreitigkeiten bis hin zur Reform des globalen Finanzsystems. Doch wie offen Wen mit Merkel über Chinas Positionen und Pläne reden kann, ist fraglich. Denn auch in Peking werden die wichtigsten Fragen nur im innersten Führungszirkel diskutiert, und viele der dort vertretenen Ansichten sind keineswegs für die Öffentlichkeit bestimmt. So etwa der Inhalt des Kommuniqués, welches das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei am 5. März verschickte…
Der Blick ins Klo
Chinas Ex-Premier Zhu Rongji kritisiert Pekings Propaganda: In den Fernsehnachrichten komme nur noch „Quatsch“. Schauen wir mal rein!
„Die 7-Uhr-Nachrichten schaue ich nur noch, um zu sehen, was da wieder für ein Quatsch kommt.“ Dieser Satz amüsiert derzeit Chinas Internetgemeinde. Denn die Kritik an der chinesischen Tagesschau im Staatssender CCTV stammt nicht aus den Reihen einschlägig bekannter Regimekritiker wie dem inhaftierten Künstler Ai Weiwei, sondern von einem der prominentesten Politiker des Landes: Zhu Rongji, von 1998 bis 2003 chinesischer Regierungschef…
“Fünf-Sterne-Lakai des Westens”
Mit einer Rufmordkampagne will China den inhaftierten Künstler Ai Weiwei diskreditieren.
Der Panda trägt ein Sturmgewehr und lässt keinen Zweifel daran, auf wen er gerne schießen würde: auf Ai Weiwei, den “Verräter des Mutterlandes” und “Fünf-Sterne-Lakai des Westens”. Das bewaffnete chinesische Nationaltier ist das Maskottchen des Internetportals “Fortschrittliche Gesellschaft” (www.jinbushe.org), einem nationalistischen Forum, das seine Klicks derzeit vor allem Schmiertiraden gegen den berühmten Künstler und Regimekritiker verdankt: “Ai Weiwei ist ein fetter, vulgärer Mann, der sich gerne nackt auszieht und seinen Pimmel zeigt”, beginnt ein im Lexikonstil geschriebener Artikel…
So schön ist Nordkorea
Herr Klimke von der CDU will sich ein Bild von Land und Leuten machen. Die Gastgeber wollen ihm zeigen, wie glücklich das Volk ist. Ein Reisebericht.
Der junge Mann ist seltsam. Er steigt als letzter ins Flugzeug, hat eine riesige Sonnenbrille auf, trägt Jeans, Turnschuhe, ein blaues Hemd mit Krawatte und eine Gelfrisur wie asiatische Popstars sie haben. Man kann sich ihn in einer japanischen Disco oder Hongkonger Shopping Mall vorstellen. Aber er ist auf dem Weg nach Nordkorea. In Peking hat er als letzter die Maschine der nordkoreanischen Fluglinie Koryo Air bestiegen und in der ersten Klasse auf Sitz 1A Platz genommen. Die Stewardessen behandeln ihn wie einen Ehrengast. Wer ist er? Drei Plätze weiter, auf Sitz 1D, sitzt Jürgen Klimke von der CDU. Klimke nestelt an einer kleinen Digitalkamera. „Machen wir mal ein Foto“, sagt er, dreht sich zur Seite und drückt schnell ab…
Der Fluch der Tofu-Schulen
Beim Erdbeben in Nordwestchina sind erneut hunderte Kinder in Schulgebäuden umgekommen. Doch der Propagandaapparat ist auf die Katastrophe gut vorbereitet.
Am Tag nach dem Erdbeben in der nordwestchinesischen Provinz Qinghai wird allmählich das Ausmaß der Zerstörung sichtbar. „Es gibt immer mehr Verletzte und Tote“, beschreibt der Mitarbeiter einer tibetischen Hilfsorganisation am Telefon die verzweifelte Lage. 34 Kinderleichen und 27 Verletzte seien bereits aus den Trümmern einer Internatsschule geborgen worden, die er in den vergangenen Jahren mit aufgebaut habe…
Kein Mauerfall in China
Das Jubiläum des Mauerfalls wird China weitgehend verschwiegen – von einer friedlicher Revolution will die Parteiführung bis heute nichts wissen.
Mauerfall oder kein Mauerfall? Was für eine Frage! Die Deutschlektorin an einer chinesischen Universität, in der DDR geboren und derzeit als Dozentin tätig, ringt seit Wochen mit dieser Frage. “Es würde mich natürlich sehr reizen, den Mauerfall zum Anlass zu nehmen, um mit meinen Studenten eine richtig heiße Diskussion über das Ende des Kommunismus zu führen”, sagt sie. “Aber ich werde es mir verkneifen müssen.”…
“Deutsche Medien sind die arrogantesten”
China feiert seinen Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse als gelungene Kulturpolitik – trotz angeblicher Sabotageversuche von Medien und Dissidenten.
“Wenn Barack Obama nach China kommt und unser Präsident empfängt am gleichen Tag Osama Bin Laden – was würden die Amerikaner dann von uns denken?” Mit diesem Vergleich formuliert ein chinesischer Blogger seinen Ärger darüber, dass die Frankfurter Buchmesse neben Chinas offizieller Delegation auch Kritikern und Dissidenten ein Forum gegeben hat…
Pekings Hofnarr
Der Dichter Wang Zhaoshan darf als Mitglied der offiziellen Autorendelegation nach Frankfurt reisen. In China ist er eher berüchtigt als berühmt.
„Die Werke unseres Vizevorsitzenden Wang?“ Die Mitarbeiterin des Schriftstellerverbands der Provinz Shandong ist am Telefon offensichtlich überrumpelt. „Dazu kann ich gar nichts zu sagen, die sind alle so alt.“ Und über Wangs berühmt-berüchtigtes Gedicht „Stimme aus der Tiefe der Ruinen“ will sie nicht sprechen. Natürlich nicht…
“China ist surreal”
Der Schriftsteller Yu Hua spricht im Interview über sein Lieblingsbuch, konkurrierende Chinabilder und Pekings Instrumentalisierung chinesischer Auslandsstudenten.
Herr Yu, bei der Frankfurter Buchmesse werden viele verschiedene Chinabilder aufeinanderprallen: positive und negative, geschönte und geschwärzte, gut und schlecht informierte. Was für eines steuern Sie bei?
Vielleicht das surreale. Ich bemühe mich in meinen Büchern zwar um eine objektive Beschreibung der chinesischen Gegenwart. Aber die Entwicklung, die China in den vergangenen Jahrzehnten durchgemacht hat, ist absolut unwirklich. Normalerweise sehen wir Schriftsteller uns ja gerne als Ärzte der Gesellschaft, die soziale Phänomene diagnostizieren. Aber in der heutigen chinesischen Gesellschaft geht das nicht mehr. Da sind wir alle Patienten…
Wo Äpfel noch Birnen sind
Die Volksrepublik China feiert ihren 60. Jahrestag ihrer Gründung. Das heißt, eigentlich feiert die Kommunistische Partei 60 Jahre Herrschaft. Doch das ist einerlei.
Ein Herrschaftsjubiläum ist kein Legitimationsbeweis. Dieser Satz ist eigentlich banal, folgt er doch der Binsenweisheit: Äpfel sind keine Birnen. Dennoch dürfte derzeit wohl keine chinesische Zeitung diesen Satz drucken. Denn Chinas Kommunistische Partei serviert ihrem Volk derzeit ein politisches Apfel-Birnen-Kompott…