Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Der Herr der leeren Teller

Der neue Präsident stellt sich als Anwalt des einfachen Volkes dar – ein gewagtes Image.

Xi JinpingEs war wie eine Begegnung mit einem Heiligen“, strahlt Reng Ziyi. „Er hat unser Leben verändert.“ Der 75-jährige Bauer spricht von Xi Jinping, Chinas neuem Präsidenten, der am Donnerstag vom Nationalen Volkskongress, Pekings Quasi-Parlament, gewählt wurde. Ende Dezember hat Reng den künftigen Staatschef getroffen. Damals besuchte Xi bei einer seiner ersten Reisen als frisch gekürter Generalsekretär der Kommunistischen Partei Rengs Heimatort Luotuowan, ein Dorf in den kargen Bergen der Provinz Hebei. 600 Menschen leben hier in notdürftigen Häusern. „Ich möchte eine Nahaufnahme echter Armut“, erklärte der schwergewichtige Politiker, während er mit seinem Pressetross durch den 600-Seelen-Ort marschierte…

Bernhard Bartsch | 15. März 2013 um 07:09 Uhr

 

Der große Lachangriff

Chinas Internetgemeinde torpediert Pekings Parteitagspropaganda. Für Xi Jinping wird der Kontrollverlust über die öffentliche Meinung eine zentrale Herausforderung.

Was war das nur für eine Rede, die Chinas Staatschef Hu Jintao da beim Parteitag in Pekings Großer Halle des Volkes gehalten hat! Die Delegierte Chen Yecui aus dem ostchinesischen Shandong erzählte hinterher, sie habe vor Begeisterung so viel geklatscht, dass ihre Hände taub wurden. Die Abgeordnete Li Jian aus der armen Provinz Ningxia war so ergriffen, dass sie fünfmal in Tränen ausgebrochen sein will. Der Pekinger Parteivertreter Ju Xiaolin malte spontan einen Herzchen-Comic und schrieb ein emotionales Gedicht, das er mit tränenerstickter Stimme vortrug: „In der 64-seitigen Rede des 18. Parteitags habe ich sie endlich gefunden: die neue Hoffnung in meinem Herzen.“ Liang Wengen, Gründer des Baumaschinenherstellers Sany und einer der reichsten Männer Chinas, versprach, er würde der Partei all seine Milliarden schenken, sie müsse nur danach fragen. Kann man derartige Begeisterung für Hus 90-minütigen, mit monotoner Stimme vorgelesenen Arbeitsbericht ernst nehmen? Kann man nicht…

Bernhard Bartsch | 16. November 2012 um 09:27 Uhr

 

Die große Vorsingende

Die Volkssängerin Peng Liyuan wird Chinas erste echte First Lady. Trotzdem muss sie die Bühne vor allem ihrem Mann überlassen.

Unsere Heimat liegt auf den Ebenen der Hoffnung, Generation um Generation leben wir auf diesem Feld.“ Mit diesen Zeilen sang sich die Volkssängerin Peng Liyuan 1982 bei der Neujahrsgala des Zentralfernsehens CCTV in die Herzen der Chinesen. Auch der damalige Jungfunktionär Xi Jinping liebte den patriotischen Schlager, und als er die berühmte Sopranistin vier Jahre später über Freunde kennenlernte, habe er nach vierzig Minuten gewusst, dass sie seine Frau werden würde, erzählte er später. So kam es dann auch. Pünktlich zur Silberhochzeit macht die Liebesgeschichte zwischen der Schönen und dem Apparatschik noch einmal Schlagzeilen…

Bernhard Bartsch | 13. November 2012 um 09:06 Uhr

 

Bitte lächeln!

Chinas neuer Slogan heisst «Glück». Je größer die Unzufriedenheit im Land wird, umso mehr versucht die Partei ihr Volk davon zu überzeugen, dass es glücklich sei.

«Lhasa ist die Stadt des Glücks», erklärt Qi Zhala, und die um den Tisch versammelten Parteifunktionäre nicken um die Wette. Im Tibet-Saal der Grossen Halle des Volkes in Peking sitzt die Parteitags-Delegation aus Chinas umstrittenster Provinz zusammen, um den Arbeitsbericht des scheidenden Staats- und Parteichefs Hu Jintao zu diskutieren. «Diskutieren» heisst in diesem Fall loben, und so schwärmt Lhasas Parteisekretär von Tibets blauem Himmel, von der sauberen Umwelt und von dem beliebten Quellwasser, das in ganz China teuer verkauft werde. Und dann ist da noch eine Studie des Zentralfernsehens CCTV, die im August herausgefunden haben will, dass Lhasas Bewohner die glücklichsten Menschen Chinas seien…

Bernhard Bartsch | 11. November 2012 um 15:47 Uhr

 

Kim der Fröhliche

Nordkoreas junger Diktator Kim Jong-un etabliert seinen eigenen Personenkult. Er wirkt moderner als sein Vater, doch politisch zeigt er noch immer kein Profil.

Kürzlich hatte Nordkoreas Diktator Kim Jong-un mal wieder seinen Spaß. Zusammen mit seiner Frau besuchte er Pjöngjangs Volkspark. Fotos der offiziellen Nachrichtenagentur KCNA zeigen das junge Paar lachend in einem Elektrowagen über die Anlage fahren, er mit zurückgegelten Haaren im dunklen Anzug, sie im schicken schwarzen Hosenensemble und Handtasche. Dass sie von zugeknöpften älteren Herren in grünen Armeeuniformen umgeben sind, scheint sie nicht zu stören, und auf einigen Aufnahmen scheinen sie die Militärs mit ihrer guten Laune sogar anzustecken…

Bernhard Bartsch | 16. September 2012 um 03:37 Uhr

 

Kulturkampf im Kino

Chinesische Kinoplakate sind häufig Kopien von Hollywood-Postern. Dabei soll Chinas Filmindustrie den kulturellen Einfluss des Westens eigentlich bekämpfen.

Wenn chinesische Filmplakate ein Maßstab sind, wie gut sich Chinas eigene Kultur gegenüber westlichen Einflüssen behauptet, kann Pekings Führung nicht glücklich sein. Denn die Poster, die Besucher in die Kinos locken sollen, sind überwiegend von den Werbungen für Hollywoodblockbustern inspiriert und häufig sogar direkte Kopien. So etwa das Plakat für „Jingtian dongdi“ („Als Himmel und Erde bebten“), ein Epos über den heldenhaften Einsatz der Armee nach dem verheerenden Erdbeben in Sichuan im Jahr 2008. Das Bild zeigt eine Gruppe von Soldaten, die Chinas rote Flagge in den Boden rammen, eine imposante Szene, die patriotische Gefühle wecken soll…

Bernhard Bartsch | 26. April 2012 um 02:51 Uhr

 

Frau Zou will wählen

In China herrscht Demokratie, zumindest auf dem Papier. Aber was muss man tun, um sein Kreuz machen zu dürfen – und was hat man davon? Ein Experiment.

„Weswegen ich anrufe, Mama: Hast du schon mal gewählt?“ Am anderen Ende der Leitung herrscht einen Moment lang Stille. „Gewählt?“, kommt es dann ungläubig zurück. „Ja, Volksvertreter gewählt“, sagt Frau Zou. Ihre Mutter denkt eine Weile nach. Stimmt, da war mal was. Wahlen. In den 80er Jahren, als sie noch bei einem Staatsbetrieb arbeitete, wurde die Belegschaft zum Wählen aufgefordert. „Was das sollte, wusste keiner, aber wir haben halt irgendwo ein Kreuz gemacht“, erinnert sich die Dame und fragt ihre Tochter, warum sie das wissen wolle. „Weil ich auch wählen will!“, antwortet Frau Zou…

Bernhard Bartsch | 08. November 2011 um 05:53 Uhr

 

Kein Frieden mit Konfuzius

Chinas Regierung streicht den umstrittenen Friedenspreis. Zu den Nominierten gehörte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Angela Merkel bleibt dieser Tage wenig erspart, doch zumindest die Gefahr einer diplomatischen Peinlichkeit in China ist aus der Welt. Die deutsche Bundeskanzlerin muss nicht mehr befürchten, den umstrittenen Konfuzius-Friedenspreis verliehen zu bekommen, für den sie kürzlich nominiert worden war, zusammen mit Kandidaten wie Russlands Premier Wladimir Putin…

Bernhard Bartsch | 29. September 2011 um 04:19 Uhr

 

Wettrüsten der Vorbilder

Mit einer Armada staatlich geprüfter Vorzeige-Chinesen will die Kommunistische Partei ihre Autorität untermauern. Doch das Volk sucht sich seine eigenen Helden.

Der Parteisekretär Niu Yuru starb, wie er gelebt hatte – als Beamter durch und durch. „Wir waren 25 Jahre verheiratet, aber davon höchstens fünf wirklich zusammen“, berichtete seine Frau Xie Li nach seinem Tod. „Die anderen 20 Jahre verbrachte er im Büro und auf Dienstreisen.“ Auf dem Sterbebett sei Niu zuletzt nicht mehr ansprechbar gewesen – außer, seine Frau flüsterte ihm ins Ohr, es sei halb neun, Zeit für die Sitzung. „Da hat er noch einmal die Augen geöffnet und aufmerksam geschaut, bevor er sie für immer schloss.“ Die Geschichte mag wahr sein oder nicht, aber sie hat den 2004 verstorbenen Parteisekretär der nordchinesischen Stadt Hohhot posthum zu einer nationalen Legende gemacht…

Bernhard Bartsch | 29. August 2011 um 03:38 Uhr

 

Totgesagte leben länger

Wie Altpräsident Jiang Zemin Chinas Flüsse zm Verschwinden brachte.

Am Donnerstag gab es in China plötzlich keine Flüsse mehr. Suchanfragen nach dem Jangtse oder Chinas Mutterstrom, dem Gelben Fluss, führten im chinesischen Internet in den vergangenen zwei Tagen zur Fehlermeldung: „Aufgrund gesetzlicher Bestimmungen können die Ergebnisse nicht angezeigt werden.“ Die staatlichen Zensoren hatten sie verschwinden lassen, um Gerüchte über den Tod des ehemaligen Staats- und Parteichefs Jiang Zemin zu stoppen…

Bernhard Bartsch | 07. Juli 2011 um 12:59 Uhr

 

Die Partei bloggt mit

Das Internet kann Diktaturen stürzen – aber auch stärken. Interne Propagandapläne der Kommunistischen Partei Chinas zeigen, wie sie mit einer Armada von Netzagenten die öffentliche Meinung manipuliert.

Ende Februar twitterte der Künstler Ai Weiwei eine Einladung zum Verrat: „Sagt mir eure Meinung: Ich möchte Internetkommentatoren, sogenannte Wumao, interviewen. Das Gespräch dauert 10 bis 20 Minuten, und ich bezahle 2000 Yuan oder nach Vereinbarung.“ 2000 Yuan sind rund 210 Euro. Staatsgeheimnisse haben ihren Preis. Wumao heißt so viel wie „fünf Groschen“. Es ist der Spitzname der Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) des Propagandaapparats. Sie sollen gegen Bezahlung im Internet linienkonforme Beiträge verfassen, abweichende Meinungen löschen und Kritiker verpfeifen…

Bernhard Bartsch | 04. Juli 2011 um 01:58 Uhr

 

„Feindliche Mächte wollen China schaden“

Interne Dokumente der Kommunistischen Partei zeigen, wie sehr Chinas Führung die Ausbreitung westlicher Ideen fürchtet. Der Staatsapparat soll deshalb zu einer Festung gegen Kritik und Meinungsfreiheit werden.

Über die größten Probleme spricht man am besten im kleinsten Kreis: In der eleganten Liebermann-Villa am Wannsee speisten Bundeskanzlerin Angela Merkel und der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao am Montagabend, begleitet nur von einer Handvoll enger Vertrauter. Themen, bei denen offene Worte nottun, gibt es reichlich, von den Menschenrechten über Wirtschaftsstreitigkeiten bis hin zur Reform des globalen Finanzsystems. Doch wie offen Wen mit Merkel über Chinas Positionen und Pläne reden kann, ist fraglich. Denn auch in Peking werden die wichtigsten Fragen nur im innersten Führungszirkel diskutiert, und viele der dort vertretenen Ansichten sind keineswegs für die Öffentlichkeit bestimmt. 

So etwa der Inhalt des Kommuniqués, welches das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei am 5. März verschickte…

Bernhard Bartsch | 28. Juni 2011 um 02:42 Uhr

 

Der Blick ins Klo

Chinas Ex-Premier Zhu Rongji kritisiert Pekings Propaganda: In den Fernsehnachrichten komme nur noch „Quatsch“. Schauen wir mal rein!

„Die 7-Uhr-Nachrichten schaue ich nur noch, um zu sehen, was da wieder für ein Quatsch kommt.“ Dieser Satz amüsiert derzeit Chinas Internetgemeinde. Denn die Kritik an der chinesischen Tagesschau im Staatssender CCTV stammt nicht aus den Reihen einschlägig bekannter Regimekritiker wie dem inhaftierten Künstler Ai Weiwei, sondern von einem der prominentesten Politiker des Landes: Zhu Rongji, von 1998 bis 2003 chinesischer Regierungschef…

Bernhard Bartsch | 12. Mai 2011 um 01:23 Uhr

 

„Fünf-Sterne-Lakai des Westens“

Mit einer Rufmordkampagne will China den inhaftierten Künstler Ai Weiwei diskreditieren.

Der Panda trägt ein Sturmgewehr und lässt keinen Zweifel daran, auf wen er gerne schießen würde: auf Ai Weiwei, den „Verräter des Mutterlandes“ und „Fünf-Sterne-Lakai des Westens“. Das bewaffnete chinesische Nationaltier ist das Maskottchen des Internetportals „Fortschrittliche Gesellschaft“ (www.jinbushe.org), einem nationalistischen Forum, das seine Klicks derzeit vor allem Schmiertiraden gegen den berühmten Künstler und Regimekritiker verdankt: „Ai Weiwei ist ein fetter, vulgärer Mann, der sich gerne nackt auszieht und seinen Pimmel zeigt“, beginnt ein im Lexikonstil geschriebener Artikel…

Bernhard Bartsch | 19. April 2011 um 08:36 Uhr

 

So schön ist Nordkorea

Herr Klimke von der CDU will sich ein Bild von Land und Leuten machen. Die Gastgeber wollen ihm zeigen, wie glücklich das Volk ist. Ein Reisebericht.

Der junge Mann ist seltsam. Er steigt als letzter ins Flugzeug, hat eine riesige Sonnenbrille auf, trägt Jeans, Turnschuhe, ein blaues Hemd mit Krawatte und eine Gelfrisur wie asiatische Popstars sie haben. Man kann sich ihn in einer japanischen Disco oder Hongkonger Shopping Mall vorstellen. Aber er ist auf dem Weg nach Nordkorea. In Peking hat er als letzter die Maschine der nordkoreanischen Fluglinie Koryo Air bestiegen und in der ersten Klasse auf Sitz 1A Platz genommen. Die Stewardessen behandeln ihn wie einen Ehrengast. Wer ist er? Drei Plätze weiter, auf Sitz 1D, sitzt Jürgen Klimke von der CDU. Klimke nestelt an einer kleinen Digitalkamera. „Machen wir mal ein Foto“, sagt er, dreht sich zur Seite und drückt schnell ab…

Bernhard Bartsch | 08. April 2011 um 16:25 Uhr