Unerwünschter Frühling
Nordkorea demonstriert Kontinuität, doch der Druck zur Öffnung wächst und hat bereits begonnen, das System grundlegend zu verändern.
In Kim Taewoos Büro ist die koreanische Versöhnung bereits vollzogen. Auf der Landkarte hinter dem Schreibtisch des Präsidenten von Südkoreas staatlichem Institut für Wiedervereinigung teilt keine Grenze die Halbinselmehr in Nord und Süd. Die Darstellung ist ein politisches Statement, was sonst, doch seit vergangener Woche wirkt es so brisant wie lange nicht mehr. „Theoretisch ist jetzt alles möglich“, kommentiert der Politologe die Lage nach dem Tod von Diktator Kim Jong-il und bezweifelt, dass dessen Machterben das abgeschottete System langfristig aufrecht erhalten können…
Kim in der Kiste
Nordkorea beweint seinen verstorbenen Diktator Kim Jong-il. Der Süden bemüht sich um versöhnliche Signale.
Die Nachricht fand nicht viel Aufmerksamkeit: Am vergangenen Freitag berichtete das chinesische Staatsfernsehen CCTV, das Pekinger Wachsfigurenmuseum habe für Nordkoreas Herrscher Kim Jong Il eine Statue seiner Mutter angefertigt. Mehr als 200 Würdenträger seien aus Pjöngjang angereist, um die Skulptur abzuholen. “Aber wer war wirklich in der Kiste?”, fragt ein chinesischer Blogger. “Vielleicht ist Kim gar nicht in seinem Zug gestorben, sondern in einem chinesischen Krankenhaus.” Das Gerücht ist einer von zahllosen Spötteleien, mit denen Internetbenutzer aller Welt den Tod des exzentrischen Tyrannen kommentieren…
Auftritt Kim III.
Die Herrschaft von Nordkoreas Kim-Clans geht in die dritte Generation. Doch dem Veränderungsdruck kann das Regime nur noch schwer standhalten.
Nordkoreas neuer Machthaber tritt auf, wie sein Vater abgetreten ist: mit einer militärischen Machtdemonstration. Wenige Stunden nach der Bekanntgabe von Kim Jong Ils Tod hat sein jüngster Sohn Kim Jong Un eine Mittelstreckenrakete ins Meer schießen lassen. Die Botschaft scheint eindeutig: Keiner soll glauben, der junge Kim sei weniger gewaltbereit als sein Vater, der Nordkorea zur Atommacht aufrüstete und die Welt mit seiner Bombe erpresste. Die Vorstellung, dass ein knapp dreißigjähriger Tyrannensprössling nun über Nuklearwaffen sowie ein großes Arsenal an chemischen und biologischen Kampfstoffen verfügen könnte, ist in der Tat beängstigend…
Tyrann alter Schule
Kim Jong-Il war ein Exzentriker zynischer Realpolitik. Nun ist er im Alter von 69 Jahren gestorben und hinterlässt seinem Son Kim Jong-un ein schwieriges Amt.
Über Kim Jong-il macht man keine Witze, findet Lee Yong-guk. Wenn es um den „Geliebten Führer“ geht, hat der 50-Jährige nie Spaß verstanden. Nicht damals, als er Kims Bodyguard war und für den vergötterten Landesvater bereitwillig sein Leben gegeben hätte. Und auch nicht später, als er von Kims Grausamkeiten desillusioniert nach Südkorea desertierte, wo der nordkoreanische Tyrann allgemein als Witzfigur galt. Dabei hat Lee in Kims Dienst viele Momente erlebt, die man mit genügend Abstand komisch finden könnte. „In seiner Jugend war Kim ein großer Trinker und ist nachts besoffen in seinem Mercedes über das Palastgelände gerast“, erzählte Lee kürzlich dieser Zeitung. „Wir Leibwächter hatten immer Panik, dass ihm etwas passiert und wir ihm helfen müssen.“ Wenn Kim betrunken oder schlecht gelaunt war, wollte man ihm nicht unter die Augen kommen…
Zum Einstand eine Rakete
Nach dem Tod Kim Jong-ils soll sein jüngster Sohn Kim Jong-un die Macht übernehmen. Als erste Amtshandlung zündete er eine Kurzstreckenrakete.
Schluchzende Menschen beweinen auf den Straßen und Plätzen den Tod ihres „Geliebten Führers“: Nordkoreanische Fernsehbilder dokumentieren die öffentliche Trauer nach dem Tod von Diktator Kim Jong-il. Eine in Schwarz gekleidete Nachrichtensprecherin hatte am Montagmorgen mit tränenerstickter Stimme verkündet, dass der 69-Jährige am Samstag während einer Zugfahrt im Alter an Herzversagen gestorben sei. Er hatte Nordkorea seit dem Tod seines Vater Kim Il-sung im Jahr 1994 regiert und das abgeschottete und verarmte Land zur Atommacht gemacht…
Ein Ei pro Monat
Auch diesen Winter ist die Versorgungslage für viele Nordkoreaner wieder heikel. Doch die internationale Hilfsbereitschaft ist begrenzt.
Es ist Kohlernte in Nordkorea. Landauf, landab hacken Arbeitertrupps die grünen Köpfe ab und türmen sie am Feldrand zu großen Bergen auf. Armeeeinheiten verladen sie auf altmodische Lastwagen und transportieren sie in die Dörfer und Städte, wo die Menschen in Gruppen antreten, um ihre Zuteilungen in Empfang zu nehmen. Auf Handkarren verfrachten sie ihren Kohl nach Hause, stapeln ihn auf Balkonen oder vor der Tür. In den kommenden Tagen werden die Hausfrauen die Blätter in großen Krügen zu Kimchi einlegen, dem Nationalgericht, das in den langen Wintermonaten für viele Nordkoreaner die einzige Vitaminquelle ist, und eine von wenigen Möglichkeiten, dem täglichen Maisbrei ein wenig Geschmack zu verleihen…
Schlagobers in Pjöngjang
Im Herzen der nordkoreanischen Hauptstadt gibt es jetzt ein Wiener Café – ein Zeichen, dass die Abschottung des Landes Risse bekommt.
Ein Cappuccino ist kein Politikum, jedenfalls an den meisten Orten der Welt. Doch der Milchschaumkaffee, der neuerdings an Pjöngjangs Kim-Il-Sung-Platz serviert wird, hat einen unverkennbar politischen Beigeschmack – und manche Gäste sagen, dass er gerade deshalb so gut schmeckt. Direkt am Aufmarschfeld im Herzen der nordkoreanischen Hauptstadt hat Ende Oktober ein Wiener Café eröffnet. Ein symbolträchtigeres Gebäude hätte der österreichische Betreiber kaum finden können: das Museum für koreanische Geschichte, ein stalinistischer Repräsentierbau, auf dessen Dach ein zehn Meter hoher Soldat zum Angriff bläst…
Fremde Landsleute
Viele Südkoreaner wollen mit den Flüchtlingen aus dem Norden nichts zu tun haben. Sie fürchten um ihren Wohlstand.
Die junge Frau muss sich sichtlich überwinden. Kerzengrade steht sie an der Wegkreuzung eines Parks im Herzen von Seoul und hält Ausschau nach Spaziergängern. Kommt einer in ihre Richtung, atmet sie tief durch, holt ein Flugblatt aus der Tasche und streckt es dem Passanten entgegen. „Wussten Sie, dass in Südkorea 23 000 Überläufer aus Nordkorea leben?“, steht darauf, gefolgt von einigen Bitten. „Bieten Sie einem Nordkoreaner ihre Freundschaft an“, lautet eine davon…
Erdbeeren für Pjöngjang
Wem nutzt es, wenn man die Not der Menschen in Nordkorea lindert? Für den deutschen Gartenbauer Karl Fall ist das keine Frage.
Wenn Karl Fall der Wahnsinn mal wieder zu viel wird, setzt er seine Kopfhörer auf und hört Heavy Metal. “Aber das ist gar nicht so häufig nötig”, sagt der 61-Jährige, “jedenfalls längst nicht so häufig, wie man vielleicht denken würde.” Alle paar Wochen mal, das reicht. Dabei könnte es nicht verwundern, wenn Fall sich öfter in die lärmenden Welten von Motörhead oder Megadeth flüchten und dort wohler fühlen würde als in seiner Alltagsrealität. Seit acht Jahren bemüht sich der Ingolstädter darum, Nahrung für ein Volk zu organisieren, das wohlhabend sein könnte und trotzdem hungert, weil sein Herrscher die Ressourcen des Landes für Atomwaffen und den persönlichen Luxus seines Gefolges verschwendet…
Kim in China – aber welcher?
Nordkoreas Diktator besucht seinen engsten Verbündeten. Womöglich ist die Reise auch der Antrittsbesuch seines jüngsten Sohnes und designierten Nachfolgers.
Wie immer ist alles höchst geheimnisvoll: Kim Jong-il, Nordkoreas undurchschaubarer Diktator, soll erneut nach China gereist sein. Es wäre das dritte Mal seit Mai vergangenen Jahres, dass der „Geliebte Führer“ seinen engsten Verbündeten besucht. Über die Visite, die bisher weder von nordkoreanischer noch von chinesischer Seite bestätigt worden ist, kursieren unterschiedliche Angaben…
Kim der Zahme
Nordkoreas Diktator signalisiert dem ehemaligen US-Präsidenten Carter Gesprächsbereitschaft.
Im Streit um Nordkoreas umstrittenes Atomwaffenprogramm hat Pjöngjang die Bereitschaft zu Verhandlungen signalisiert – ohne damit jedoch auch den Willen zu politischen Zugeständnissen zu verbinden. Wie der frühere US-Präsident Jimmy Carter nach einer Reise in das isolierte Land erklärte, habe Diktator Kim Jong Il ihm eine Botschaft an die Regierung Südkoreas mitgeben lassen…
So schön ist Nordkorea
Herr Klimke von der CDU will sich ein Bild von Land und Leuten machen. Die Gastgeber wollen ihm zeigen, wie glücklich das Volk ist. Ein Reisebericht.
Der junge Mann ist seltsam. Er steigt als letzter ins Flugzeug, hat eine riesige Sonnenbrille auf, trägt Jeans, Turnschuhe, ein blaues Hemd mit Krawatte und eine Gelfrisur wie asiatische Popstars sie haben. Man kann sich ihn in einer japanischen Disco oder Hongkonger Shopping Mall vorstellen. Aber er ist auf dem Weg nach Nordkorea. In Peking hat er als letzter die Maschine der nordkoreanischen Fluglinie Koryo Air bestiegen und in der ersten Klasse auf Sitz 1A Platz genommen. Die Stewardessen behandeln ihn wie einen Ehrengast. Wer ist er? Drei Plätze weiter, auf Sitz 1D, sitzt Jürgen Klimke von der CDU. Klimke nestelt an einer kleinen Digitalkamera. „Machen wir mal ein Foto“, sagt er, dreht sich zur Seite und drückt schnell ab…
Kims Hunger nach Diplomatie
Südkorea will wieder mit dem Norden verhandeln, doch die Annäherung ist umstritten.
Süd- und Nordkorea nähern sich an – oder demonstrieren zumindest ihren guten Willen, nach einem Jahr auf Eskalationskurs wieder zur Diplomatie zurückzukehren. Am 8. Februar sollen sich Armeevertreter im Waffenstillstandsdorf Panmunjom treffen. Auch andere Kontakte würden auf Arbeitsebene wieder aufgenommen, sagte Südkoreas Präsident Lee Myung Bak…
Wikileaks entzweit Peking und Pjöngjang
Die Wikileaks-Veröffentlichungen zeigen Brüche im Bündnis zwischen China und Nordkorea. Könnte dadurch Bewegung in den festgefahrenen Konflikt kommen?
Als „alter Freund“ reiste Choe Thae-bok in Pjöngjang ab, als „verwöhntes Kind“ kam er in Peking an: Nordkoreas Parlamentspräsident und Sekretär des Zentralkomitees der Arbeiterpartei musste am Dienstag zum Auftakt seines Chinabesuchs brisante Enthüllung von Wikileaks verkraften. Unmittelbar vor seiner Landung war bekannt geworden, wie Chinas Vizeaussenminister He Yafei vergangenes Jahr vor Mitarbeitern der US-Botschaft in Peking über die Verbündeten aus Pjöngjang hergezogen haben soll…
Chinas Gesichtswahrer
Vize-Außenminister Wu Dawei soll im Koreakonflikt Chinas Interessen wahren.
Chinas Diplomaten spielen wieder einmal “good cop, bad cop”. Der böse Bulle ist Außenminister Yang Jiechi: Als Südkorea in der vergangenen Woche als Reaktion auf Nordkoreas Artillerieangriff auf die Insel Yeonpyeong ein großes Marinemanöver mit den USA ankündigte, sagte er kurzerhand einen Besuch in Seoul ab – offenbar aus Ärger darüber, dass abermals eine Militärübung in unmittelbarer Nachbarschaft der Volksrepublik stattfindet. Doch sein Stellvertreter darf nun die Rolle des guten Bullen spielen…