Ein Preis wie Dynamit
Der Friedensnobelpreis für den Demokratieaktivisten Liu Xiaobo wird von Chinas kritischen Intellektuellen euphorisch gefeiert.
„Chinesen, dies ist der glücklichste Tag in den letzten 60 Jahren. Von heute an können wir in die Zukunft schauen.“ Mit dieser Twitter-Nachricht feierte der kritische Künstler Ai Weiwei am Freitag die Verleihung des Friedensnobelpreises an den derzeit inhaftierten Liu Xiaobo. „Danke Norwegen, du hast dem chinesischen Volk eine Chance für eine glänzende Zukunft beschert“, schrieb der Blogger Michael Anti und lud zum „Trinken bis zum Bankrott“ ein…
Chinas Angst vor dem Nobelpreis
Der inhaftierte Demokratieaktivist gilt als aussichtsreicher Anwärter auf den Friedensnobelpreis. Peking wappnet sich für eine antiwestliche Propagandaschlacht.
Trauen sie sich oder trauen sie sich nicht? Das ist die Schlüsselfrage, bevor Norwegens Nobelpreisjuroren am Freitagvormittag um elf Uhr Mitteleuropäischer Zeit den Träger des diesjährigen Friedensnobelpreises bekanntgeben. Selten haben Beobachter und Buchmacher im Vorfeld einen klareren Favoriten ausgemacht – und selten war das mit ihm verbundene politische Risiko höher…
Flug in die Freiheit
Der regimekritische Autor Liao Yiwu durfte erstmals aus China ausreisen. Unser Korrespondent hat ihn von Chengdu nach Berlin begleitet.
Der Gang durch die Passkontrolle ist so einfach, dass es geradezu an Spott grenzt. Mit einem kurzen Blick vergleicht die junge Polizistin das Foto mit dem Mann, der an ihrem Schalter steht und versucht, die Ruhe selbst zu sein. “So viele Auslandsvisa, aber noch nie ausgereist”, bemerkt die Beamtin, während sie durch den Ausweis blättert. “Keine Zeit gehabt”, entgegnet Liao Yiwu und lacht. Die Polizistin zückt ihren Stempel und eine blinkende Leuchtanzeige fragt den Reisenden, ob er mit der Bearbeitungsgeschwindigkeit zufrieden ist. “Sehr zufrieden”, drückt Liao. Dabei hat seine Abfertigung mehr als ein Jahrzehnt gedauert. Es ist ein Uhr nachts, nur noch wenige Passagiere schleichen müde durch die Hallen des Pekinger Flughafens. Nur einer scheint sich keinen Ort vorstellen zu können, wo er jetzt lieber wäre…
Auf der Schleich-Spur
Deutsches Spielzeug ist heute größtenteils „Made in China“, doch selbst namhafte Hersteller verschließen ihre chinesischen Fabriken der Öffentlichkeit. Eine Recherche bei der schwäbischen Traditionsmarke Schleich.
Das Werkstor von Happy Crafts, einem in die Jahre gekommenen Fabrikkomplex in der südchinesischen Industriemetropole Dongguan, öffnet sich um Punkt zwölf Uhr. Trauben von Arbeitern mit blauen Hemden und Flipflops strömen in die Mittagspause. Was haben sie den Vormittag über gemacht? “Spielzeug bemalt”, erklären sie im Chor. Spielzeug? Noch Minuten vorher haben Happy-Crafts-Manager dem Journalisten am Telefon erklärt, ihre Fabrik stelle schon lange keine Spielwaren mehr her…
Die Rebellion des Zuhörens
Der regimekritische Autor Liao Yiwu darf nicht nach Deutschland reisen – aber Deutschland zu ihm. Ein Besuch in Chengdu.
Er steht allein am Rand der sechsspurigen Straße und erkennt das Auto schon von weitem. “Hier kommen nicht viele Taxis her”, sagt Liao Yiwu, setzt sich neben den Fahrer und lotst ihn durch die Baustellenlandschaft von Wenjiang, einen Vorort von Sichuans Provinzhauptstadt Chengdu. “Gehen wir lieber in ein Teehaus, zuhause stehen noch immer Polizisten vor meiner Tür.” Am Vortag haben sie den Schriftsteller am Flughafen in Chengdu festgenommen, weil er zum Kölner Literaturfest lit.Cologne reisen wollte…
China verbietet Autor Deutschlandreise
Polizei stellt Regimekritiker Liao Yiwu unter Hausarrest – trotz Bitten der Bundesregierung, ihn zum Kölner Literaturfest lit.Cologne reisen zu lassen.
China hat den regimekritischen Schriftsteller Liao Yiwu daran gehindert, zum Kölner Literaturfest „lit.Cologne“ zu reisen. Der 51-Jährige wurde am Montag am Flughafen der südwestchinesischen Stadt Chengdu festgenommen und anschließend unter Hausarrest gestellt. Er wollte nach Peking fliegen und von dort am Freitag nach Deutschland weiterreisen. „Ich saß bereits im Flugzeug, als die Stewardess mir sagte, dass ich die Maschine wieder verlassen müsse“, sagte Liao in einem Telefonat mit dem Autor…
Glorreiche Zeiten
Big Brother made in China: Ein satirischer Roman beschreibt die Volksrepublik als Orwellschen Alptraum. Das Buch wird trotz Publikationsverbots heiß diskutiert.
China im Jahr 2013: Die Volksrepublik ist wieder ein Reich der Mitte. Der Westen ist in einer zweiten Runde der Finanzkrise kollabiert, doch China hat sich rechtzeitig abkoppeln können und ist nun stärker als je zuvor. Das Staatsunternehmen Wang Wang hat den amerikanischen Kaffeeröster Starbucks übernommen, Pekings Eliten trinken Frankreichs Weinkeller leer, und keine ausländische Regierung wagt mehr, Chinas Regierung zu kritisieren. Das chinesische Volk liebt seine Kommunistische Partei und sieht sich am Beginn eines neuen “glorreichen Zeitalters”. So hat es die Volkszeitung angekündigt, und wer würde an ihren Vorhersagen zweifeln?…
Tiefpunkt oder freier Fall?
China ist wütend über Obamas Dalai-Lama-Empfang. Die Frage ist: Wie sehr?
Die diplomatischen Beziehungen zwischen Washington und Peking haben sich weiter deutlich abgekühlt. Nachdem US-Präsident Barack Obama am Donnerstag den Dalai Lama im Weißen Haus empfangen hatte, bestellte China am Freitag den amerikanischen Botschafter ein. Pekings Vize-Außenminister Cui Tiankai habe einen “förmlichen Protest” eingelegt…
Die Partei will immer Recht haben
Alle Bitten des Westens waren vergeblich: China schmettert den Berufungsantrag des Demokratieaktivisten Liu Xiaobo gegen seine 11-jährige Haftstrafe ab.
In China vergeht derzeit kein Tag, ohne dass die Kommunistische Partei einen ihrer Kritiker hart bestraft. Am Montag wurde der Bürgerrechtler Tan Zuoren zu fünf Jahren Haft verurteilt, weil er nach dem Sichuan-Erdbeben 2008 den Tod von tausenden Kindern in marode gebauten Schulen angeprangert hatte. Am Dienstag erhielt der 20-jährige Fabrikarbeiter Xue Mingkai anderthalb Jahre Gefängnis, nachdem er einer illegalen demokratischen Partei beigetreten war. Am Mittwoch lehnte nun Pekings Oberer Gerichtshof im Schnellverfahren den Berufungsantrag des Menschenrechtlers Liu Xiaobo ab…
“Näher an Nordkorea”
Der chinesische Aktivist Tan Zuoren muss für fünf Jahre ins Gefängnis, weil er nach dem Erdbeben von Sichuan den Tod von tausenden Schülern untersuchte.
„Mein Rechtsverständnis unterscheidet sich von dem des Gerichts und der Richter. Ich bin unschuldig, aber für die Interessen meines Volk gehe ich bereitwillig ins Gefängnis.“ Mit diesen Worten soll der chinesische Bürgerrechtsaktivist Tan Zuoren am Dienstag die fünfjährige Haftstrafe kommentiert haben, zu der er in zweiter Instanz verurteilt worden ist. Der 55-jährige hatte nach dem verheerenden Erdbeben in Sichuan im Mai 2008 den Tod von tausenden Schulkindern untersucht…
Entsetzt und verletzt
Chinas Intellektuelle diskutieren im Internet über das harsche Urteil gegen den Demokratieaktivisten Liu Xiaobo.
Als Chinas Kommunistische Partei Ende Dezember den Dissidenten Liu Xiaobo zu elf Jahren Haft verurteilte, war sie auf harsche Kritik ausländischer Medien und Politiker vorbereitet. Sollte die Pekinger Führung jedoch gehofft haben, zumindest im eigenen Land die Debatte über Lius Demokratiemanifest „Charta 08“ beenden zu können, so hat sie sich getäuscht…
Ewige Wiederkehr
Der Dalai Lama schickt Abgesandte in die Volksrepublik. Doch auch diesmal sind die Erwartungen an die Gespräche gering.
Das Rad der ewigen Wiederkehr gehört zu den zentralen Glaubenssätzen des Buddhismus: Alles passiert in unendlichen Repetitionen, zwar in stets neuen Variationen, aber letztlich trotzdem immer gleich. Auch die Gespräche zwischen den Exiltibetern und der chinesischen Regierung gleichen diesem Muster. Seit Jahren treffen sich Abgesandte des Dalai Lama und der Kommunistischen Partei, um eine Einigung in der Tibetfrage zu erörtern – bisher jedes Mal vergeblich…
Westerwelle und Mr. Gay
Chinas Polizei stoppt schwule Schönheitsparade – just am gleichen Tag, als Premier Außenminister Westerwelle mit Partner empfängt.
Es war spät am Freitagabend, Guido Westerwelle und sein Partner Michael Mronz dinierten im Kreis von Diplomaten, Geschäftsleuten und Journalisten im edlen Pekinger China Club, als Außenministeriumssprecher Andreas Peschke seinem Chef eine pikante Handynachricht zu lesen gab: In einer nahegelegenen Bar haben Polizisten gerade Chinas ersten Schönheitswettbewerb für homosexuelle Männer verhindert…
Gipfel der Selbstbewussten
Guido Westerwelle spricht in Peking über Menschenrechte und Internetfreiheit. Doch China reagiert auf klare Worte auch diesmal mit verbalen Ausweichmanövern.
So unterschiedlich kann Selbstbewusstsein aussehen: Guido Westerwelle, Deutschlands Außenminister auf Antrittsreise, gibt sich im Pekinger Staatsgästehaus Diaoyutai besonders aufmerksam. Fast übereifrig sucht er Blickkontakt zu seinem Amtskollegen Yang Jiechi. Chinas Chefdiplomat zeigt wenig Interesse an den Annäherungsversuchen. Lustlos rezitiert er seine vorbereiteten Statements. Doch gerade Yangs Desinteresse strotzt vor Selbstvertrauen: Wer so mächtig ist wie China, braucht seine Bedeutung nicht zu zeigen…
Zeichen der Schwäche
Mit der Hinrichtung des Briten Akmal Shaikh will China Härte beweisen. Doch hinter der nationalistischen Kraftmeierei steckt ein schwaches System. Ein Kommentar.
Im Milliardenreich China, so heißt es, ist ein einzelnes Menschenleben nicht viel wert. Dass hinter dem Spruch mehr als ein Klischee steckt, hat die Pekinger Regierung wieder einmal bewiesen. Die Hinrichtung des mutmaßlichen britischen Drogenhändlers Akmal Shaikh ist ein Menschenopfer aus politischem Kalkül…