Massaker an der Meinungsfreiheit
Chinas Sicherheitsbehörden verbieten dem Dichter Liao Yiwu, zur Buchmesse nach Deutschland zu fahren.
Wir erleben ein Massaker in diesem Land der Utopien. Der Regierungschef braucht sich nur zu erkälten, und schon müssen die Massen mit ihm niesen.” So beginnt das Gedicht “Massaker”, in dem der chinesische Dichter Liao Yiwu im Juni 1989 seinem Entsetzen über das Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens Luft machte…
Twittern vom Krankenbett
Künstler soll durch Schläge der chinesischen Polizei Gehirnblutungen erlitten haben. Seinen Krankenhausaufenthalt in München dokumentiert er im Internet.
Der renommierte chinesische Künstler und Designer Ai Weiwei ist am Montag in München wegen Gehirnblutungen operiert worden, bei denen es sich um eine Spätfolge von Misshandlung durch die chinesische Polizei handeln soll. “Der Auslöser war der Vorfall in Sichuan”, erklärte Ai im Telefonat mit dem Autor…
Von Henkern und Chirurgen
China kündigt an, künftig weniger Organe von Hinrichtungsopfern zu verpflanzen. Die guten Vorsätze sind nicht neu.
Chinesen, die sich einer Organtransplantation unterziehen, leben danach in der Regel mit dem Körperteil eines Hingerichteten. Das hat Pekings Gesundheitsministerium offiziell eingestanden – und gleichzeitig kritisiert. 65 Prozent der in der Volksrepublik verpflanzten Organe seien Exekutierten entnommen worden…
Der Ritterschlag
Der Künstler Ai Weiwei entlarvt mit klugen Aktionen den chinesischen Unrechtsstaat. Nun wurde er erstmals selbst von einem Polizisten geschlagen.
Ai Weiwei sieht nicht aus wie jemand, mit dem man sich auf eine Prügelei einlassen will. Man traut dem 52-Jährigen beinahe zu, dass er die tonnenschweren Skulpturen, auf denen sein Ruf als einer der bedeutendsten chinesischen Gegenwartskünstler beruht, ganz alleine stemmen kann. Aber dann diese Augen!…
Eine Welt, eine Träumerei
Vor einem Jahr begannen in Peking die Olympischen Spiele. Während Chinas Regierung den Mythos am Leben zu erhalten versucht, wollen ihre Kritiker ihn zerstören.
Rekorde sind zum Brechen da. Ein Jahr nach den Olympischen Spielen von Peking, dem größten Sportfest aller Zeiten, strebt Chinas Regierung nach dem nächsten athletischen Superlativ: Auf die Riesenshow des Spitzensports soll die weltweit größte Breitensportbewegung folgen. Der 8. August, das Jubiläum der Olympiaeröffnung, soll in der Volksrepublik künftig als „Nationaler Fitnesstag“ an die Spiele erinnern – und der Kommunistischen Partei ermöglichen, den Olympiamythos weiter zu instrumentalisieren. Pekings Kritiker wollen den Tag dagegen nutzen, um der Welt in Gedächtnis zu rufen, dass viele Hoffnungen – etwa Fortschritte in Sachen Menschenrechte, Demokratie oder Pressefreiheit – enttäuscht wurden…
Mit dem Tod auf Stimmenfang
Die Hinrichtung dreier Mörder hat in Japan eine Debatte über die Todesstrafe ausgelöst. Regierung und Opposition prüfen, ob sich damit Wahlkampf machen lässt.
In japanischen Hinrichtungstrakten kommt der Tod schnell und plötzlich. Genau 60 Minuten vor ihrer Exekution werden Insassen darüber informiert, dass ihr letztes Stündchen geschlagen hat. Eine Henkersmalzeit lässt der Sterbecountdown ebensowenig zu wie einen Abschied von den Angehörigen, die erst benachrichtigt werden, wenn sich die Falltür unter dem Galgen längst geöffnet hat…
Ein Gott für alle Fälle
Der Dalai Lama ist eine Jahrhundertpersönlichkeit. Alle großen Themen unserer Zeit spiegeln sich in ihm wider. Porträt einer globalen Projektionsfläche.
Vor einigen Wochen servierte der Dalai Lama in einem US-amerikanischen Obdachlosenheim das Mittagessen. Es gab Pasta mit Pesto und dazu eine Kostprobe, warum der 74-jährige Mönch einer der beliebtesten Menschen des Planeten ist. “Wissen Sie, ich bin auch heimatlos”, scherzte er in die Runde der Penner und lachte dabei so herzlich und mitreißend, dass selbst diejenigen einstimmten, die weder sein holpriges Englisch noch die Anspielung auf sein Exil verstanden hatten. In der Regel sind derartige Suppenküchentermine das Spielfeld von Politikern im Wahlkampf oder Promis bei der Imagesanierung. Doch das tibetische Religionsoberhaupt absolviert sie mit der gleichen Ernsthaftigkeit. Seit fünf Jahrzehnten ist sein Leben eine einzige Öffentlichkeitskampagne für sich und seine Sache: die politische oder zumindest kulturelle Freiheit der Tibeter…
Die große Fiktion
Bei ihrer Gründung hatte Chinas Kommunistische Partei 57 Mitglieder. Heute sind es 73 Millionen, die das bevölkerungsreichste Land der Erde beherrschen. Was hält eine solche Riesenorganisation zusammen? Und was an der Macht?
Vor einigen Wochen machte eine Delegation von Führungskräften der China Construction Bank einen Ausflug zum Geburtsort von Mao Zedong. Die Manager des zweitgrößten chinesischen Geldhauses flogen von Peking zweieinhalb Stunden nach Changsha und fuhren dann weitere zwei Stunden nach Shaoshan. Dort hatte ein Vorauskommando bereits alles vorbereitet. Eine Reiseleiterin führte die Banker durch das kleine Bauernhaus, in dem der “Große Steuermann” am 26. Dezember 1893 geboren wurde. “Seitdem blühen in Shaoshan am 26. Dezember mitten im Winter die Blumen”, erklärte sie…
China schwelgt in Eigenlob
Trotz der Uiguren-Aufstände findet Chinas Regierung ihre Minderheitenpolitik vorbildlich. Dabei zeigt sich ihr Versagen sogar in Pekings eigenen Statistiken.
In Urumqi darf wieder gefeilscht werden. Zweieinhalb Wochen, nachdem bei Zusammenstößen zwischen Uiguren und Han-Chinesen 197 Menschen getötet und fast 2000 verletzt wurden, erlaubten die Behörden am Mittwoch die Wiedereröffnung des Internationalen Bazars. Der Großmarkt ist das wirtschaftliche Herz von Xinjiangs Provinzhauptstadt. Zwar ist die Polizeipräsenz unvermindert hoch, doch zumindest oberflächlich das Leben in Urumqi bald wieder seinen gewohnten Gang gehen. Glaubt man der Pekinger Regierung, herrscht auch in den tieferen Schichten der Volkspsyche reine Harmonie…
Kollektive Notwehr
Chinas Internetgemeinde macht eine Fußpflegerin zur Volksheldin – weil sie einen zudringlichen Regierungsbeamten erstochen hat.
Das Volk bloggt, die Partei blockt – nach diesem Muster tobt im chinesischen Internet der Kampf um Presse- und Meinungsfreiheit. Obwohl Peking sein Informationsmonopol mit einer „Great Firewall“ aus Zensursoftware und Cyberpolizei verteidigt, gelingt es der Online-Gemeinde immer wieder, die Regierung vor aller Welt bloß zu stellen. So wie in ihrer jüngsten Schlacht, die sie im Namen einer Fußpflegerin schlägt, der wegen Mordes die Todesstrafe drohte – bis in der Internetöffentlichkeit die Frage nach Tätern und Opfern aufkam…
Chinas schmutziges Geheimnis
Zwanzig Jahre nach dem Tiananmen-Massaker schweigt die Partei die Tragödie noch immer tot. Chinas junge Intellektuelle interessieren sich gerade deshalb dafür.
Die Touristen kommen kurz vor Sonnenaufgang. Mit einheitlichen Schirmmützen steigen sie aus ihren Bussen und folgen den Fähnchen der Reiseleiter, die per Megafon lustlos Erklärungen aufsagen: 40 Hektar, größter gepflasterter Platz der Welt, hier das Denkmal der Revolutionshelden, dort das Mausoleum des Vorsitzenden Mao. Im Westen die Große Halle des Volkes, im Norden das Tor des Himmlischen Friedens. Dann erschallt Musik, tausende Besucher drängen sich um den Flaggenmast, an dem Soldaten in Paradeuniformen eine rote Fahne befestigen und zum Klang der Nationalhymne in die Höhe ziehen. „Steht auf, seid kein Volk von Sklaven mehr“, singen einige mit…
Die Schwerkraft der Demokratie
Zwanzig Jahre nach der blutigen Niederschlagung der Pekinger Studentenproteste ist die Macht der Kommunistischen Partei stabiler denn je. Doch der Fortschritt hat die Chinesen anspruchsvoller gemacht – auch gegenüber ihrer Regierung.
Am 30. Mai 2007 betrat ein Mann mittleren Alters die Anzeigenabteilung der westchinesischen Provinzzeitung „Chengdu Abendnachrichten“, um eine Annonce aufzugeben. Der Text bestand aus dreizehn Schriftzeichen und sollte fünf Tage später im Großdruck erscheinen: „Gegrüßt seien die unnachgiebigen Mütter der Opfer des 4. Juni“. Der Anzeigenkunde bezahlte in bar und hinterließ für Nachfragen eine Handynummer. Die 23-jährige Angestellte, die den Text entgegennahm, machte sich darüber keine weiteren Gedanken…
“Ich war wie James Bond”
Gwon Hyeok gehörte zu Nordkoreas Elite. Er beaufsichtigte Straflager, arbeitete im Ausland, eliminierte Deserteure. Dann floh er. Wegen einer Frauengeschichte.
Sein Blick klebt an einem Paar langer Beine, das auf hohen Absätzen die Bar verlässt. “Mit Frauen hat man nichts als Ärger”, murmelt Gwon Hyeok. Er hat einiges getrunken, aber auch ohne Alkohol landet er über kurz oder lang bei seinem Lieblingsthema: Frauen. Während seine Augen den Raum nach weiblichen Rundungen absuchen, erzählt Gwon, dass er früher jede haben konnte, ob sie wollte oder nicht. Doch irgendwann landete er bei der Falschen. Und deswegen sitzt er jetzt hier, in einem Restaurant in Seoul, der Hauptstadt Südkoreas. Viel lieber wäre er in seiner Heimat: in Nordkorea…
Der letzte Trumpf des Genossen Zhao
Chinas ehemaliger Parteichef Zhao Ziyang, der 1989 den Militäreinsatz auf dem Tiananmen-Platz verhindern wollte, meldet sich aus dem Grab zurück: Kurz vor dem 20. Jahrestag des Massakers erscheinen seine heimlich verfassten Memoiren.
Chinas Kommunistische Partei ist undurchsichtig und stolz darauf. Schließlich hängt ihr Machterhalt maßgeblich davon ab, Schein und Sein fein säuberlich zu trennen. Umso verheerender ist es deshalb für die Partei, dass nun ausgerechnet ein ehemaliger Vorsitzender Licht in eines ihrer dunkelsten Kapitel bringt…
Sichuans politisches Nachbeben
Ein Jahr nach dem Erdbeben in Südwestchina betreibt Peking den Wiederaufbau als Prestigeprojekt – und tut so, als ob es außer der Natur keine Probleme gebe.
“Das Glück ist zurück!” lautete die Botschaft, mit der Chinas Zeitungen über eine Gruppenhochzeit in der südwestchinesischen Provinz Sichuan berichteten. Großformatige Fotos zeigten 20 Paare auf einer mit roten Bannern geschmückten Bühne, vor der sich hunderte Journalisten drängelten. Die öffentlichen Ja-Worte sind Teil eines propagandistischen Rührstücks: mindestens einer der Partner der neuen Paare war seit dem Erdbeben vom 12. Mai 2008 verwitwet…