Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Kims Kampf

Der Diktator zündelt mit der Atombombe und das Volk hungert: Immer wieder fliehen Nordkoreaner aus ihrem Land. Der Aktivist Kim Sang-hun hilft ihnen dabei.

Kim Sang-hun (Copyright: Martin Gottske)Zum Vatertag erhielt Kim Sang-hun einen Anruf von einem Mann, an den er sich zunächst nicht erinnern konnte. „Ich weiß, ich habe mich lange nicht gemeldet“, entschuldigte sich der Anrufer mit tränenerstickter Stimme. „Aber ich denke jeden Tag an Sie und danke Ihnen für das neue Leben, das sie mir geschenkt haben.“ Sein Akzent verriet ihn schon nach den ersten Worten als Nordkoreaner, doch es dauerte einige Sätze, bis Kim ihn wieder vor sich sah: einen hageren, stillen Mann Anfang vierzig, Ingenieur von Beruf. Er hatte zu einer kleinen Gruppe von nordkoreanischen Flüchtlingen gehört, mit denen Kim vor einigen Jahren mehr als 3000 Kilometer quer durch China gereist war…

Bernhard Bartsch | 19. Februar 2013 um 08:44 Uhr

 

Menschen zweiter Klasse im eigenen Land

99 Tibeter haben sich aus Protest gegen die Kommunistische Partei in Brand gesetzt. Die Pekinger Regierung reagiert mit Härte und schürt den Konflikt damit weiter.

Vielleicht war Kunchok Kyab sehr stark. Vielleicht aber auch sehr schwacher. Er war 26 Jahre alt, der Sohn einer tibetischen Viehhirtenfamilie in der westchinesischen Provinz Gansu. Das Bild auf seinem Personalausweis zeigt einen jungen Mann mit kurzen Haaren und einem Gesichtsausdruck, der trotzig, traurig oder müde sein könnte. Kyab war verheiratet und im vergangenen Frühjahr Vater geworden. Das ist fast alles, was über sein Leben bekannt ist. Über seinen Tod gibt es detailliertere Informationen…

Bernhard Bartsch | 08. Februar 2013 um 07:46 Uhr

 

China will Arbeitslager schließen

Peking plant die Abschaffung der umstrittenen Administrativhaft. An den Repressionen gegen Regimekritiker dürfte das aber vorerst nichts ändern.

Hunderttausende chinesische Regimekritiker wurden in den vergangenen Jahrzehnten zur „Umerziehung durch Arbeit“ geschickt, nun sollen die umstrittenen Lager geschlossen werden. Der ranghöchste Justizkader der Kommunistischen Partei, Meng Jianzhu, erklärte am Montag bei einer internen Sitzung, die Arbeitslager würden noch in diesem Jahr aufgelöst. Das berichtet die gewöhnlich gut informierte Hongkonger South China Morning Post. Dem 1957 unter Mao Zedong eingeführten System, mit dem Sicherheitskräfte angebliche Unruhestifter jahrelang ohne Gerichtsverfahren inhaftieren dürfen, solle bei der jährlichen Parlamentssitzung im März die Rechtsgrundlage entzogen werden…

Bernhard Bartsch | 07. Januar 2013 um 08:07 Uhr

 

Der Herr der Halluzinationen

Der chinesische Romancier Mo Yan erhält den Literaturnobelpreis. Die Kommunistische Partei freut sich mit.

In seinem Roman „Die Schnapsstadt“ beschreibt Mo Yan eine drastische Szene, in der ein Polizist mit einer Gruppe Kleinstadtkader beim Bankett sitzt, als die Kellnerin eine Silberplatte hereinträgt, auf der „ein goldbrauner, unglaublich appetitlich duftender kleiner Junge saß.“ Kann das wirklich ein gebratenes Baby sein, versucht der angetrunkene Ermittler Herr seiner Gedanken zu werden. Er löst im Kopf Rechenaufgaben und kommt zu dem Ergebnis, dass er tatsächlich noch bei Sinnen ist. „Man hat mir ein gebratenes Kind serviert“, stellt er fassungslos fest. „Sie nennen es ‚Der Storch bringt einen Sohn‘.“ Der Polizist zückt seine Pistole und muss sich gleichzeitig eingestehen, dass ihm beim Duft des gesottenen Säuglings das Wasser im Munde zusammenläuft…

Bernhard Bartsch | 12. Oktober 2012 um 01:38 Uhr

 

Nordkorea vermietet sein Volk

Immer mehr Nordkoreaner werden als Gastarbeiter nach China geschickt. Ihre Einkünfte kassiert das Kim-Regime in der Heimat.

Nordkoreas Elite pflegt einen aufwändigen Lebensstil, mit importierten Lebensmitteln, teuren Autos und Shopping-Reisen in asiatische Metropolen. Finanziert wird der Luxus durch Exporte von Rohstoffen, Waffen – und zunehmend von Menschen. Tausende Nordkoreaner werden neuerdings in Gastarbeitertrupps nach China geschickt. In chinesischen Fabriken sind sie hochwillkommen, denn die Nordkoreaner sind billiger, gehorsamer und leidensfähiger als die immer anspruchsvolleren chinesischen Arbeiter. Ihre Gehälter fließen direkt in die nordkoreanische Staatskasse…

Bernhard Bartsch | 13. September 2012 um 13:36 Uhr

 

Keine Zeit für Herrn Mo

Kanzlerin Merkel reist zu deutsch-chinesischen Konsultationen nach China – kurz bevor dort die Führungselite abtritt. Im Vordergrund stehen Wirtschaftsthemen.

Mo Shaoping ist diesmal von Kanzlerin Angela Merkel gar nicht erst eingeladen worden. Ihren letzten Versuch, den Anwalt des inhaftierten Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo zu treffen, dürfte sie in schlechter Erinnerung haben. Die Harmonie der deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen, zu denen Merkel mit einer große Delegation am Mittwoch aufbricht, soll nicht gestört werden. Anfang Februar war die Kanzlerin noch anders gestimmt. Da hatte sie den 54-jährigen Bürgerrechtler Mo am Rande ihres Pekingbesuchs zu einem vertraulichen Gespräch in die deutsche Botschaft bitten lassen…

Bernhard Bartsch | 29. August 2012 um 13:32 Uhr

 

Sinnsuche im Wirtschaftswunderland

Viele Mittelstands-Chinesen nehmen beim tibetischen Buddhismus spirituelle Zuflucht – ein schroffer Gegensatz zur politischen Lage.

Im Zug der Gläubigen, die den Pilgerweg mit seinen bunten Gebetsfahnen abschreiten, fällt Sun Wei auf. Vor und hinter ihr laufen Tibeter in traditionellen Gewändern, die Männer in Pelzmänteln, Filzhüten und hohen Lederstiefeln, die Frauen mit geflochtenen Haaren, wattierten Jacken und Seidenschürzen. Ihre Gesichter sind dunkel und wettergegerbt. Sun Wei hat dagegen die gepflegte Blässe einer Großstädterin und trägt modische Outdoor-Kleidung: Fleecepullover, Funktionshose, teure Wanderschuhe. Man sieht sofort, dass sie eine Han-Chinesin ist…

Bernhard Bartsch | 20. Juli 2012 um 10:03 Uhr

 

Grausame Praxis

China Beamte zwingen eine Frau, im siebten Monat abzutreiben, und beschimpfen ihren Mann als Verräter. Ein öffentlicher Aufschrei kostet die Kader nun den Job.

Die Jagd zog sich über Tage hin. Ende Mai hatten die Beamten des Bezirks Zhenping in der zentralchinesischen Provinz Shaanxi erfahren, dass Feng Jianmei im siebten Monat schwanger war. Es war ihr zweites Kind, und nach den Regeln der chinesischen Geburtenpolitik war das verboten. Aus Angst, ein zusätzliches Baby in ihrer Neugeborenenstatistik könnte ihnen Ärger einbringen, griffen die Kader zu drastischen Maßnahmen. Tagelang fahndeten sie nach der 23-Jährigen, die sich vorsichtshalber nur noch selten zu Hause aufhielt…

Bernhard Bartsch | 29. Juni 2012 um 10:12 Uhr

 

Unbeirrbarer Chronist

Der regimekritische Schriftsteller Liao Yiwu, der seit seiner Flucht aus China in Berlin lebt, erhält den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.

In den vergangenen Wochen hat Liao Yiwu viel geschrieben. Nicht nur Literatur, sondern vor allem Briefe und Emails an Freunde, Kollegen und Journalisten. Darin berichtete der Autor vom Schicksal seines Freundes Li Bifeng, einem erfolgreichen Geschäftsmann und Untergrunddichter aus seiner Heimatstadt Chengdu, der Liao finanziell unterstützt hatte, bevor dieser im Juli vergangenen Jahres nach Deutschland floh. „Vor kurzem habe ich aus mehreren Kanälen erfahren, dass die Polizisten Li Bifeng meinetwegen verhaftet haben“, schrieb Liao. Die Behörden hätten seinen Freund im Verdacht, Liaos Flucht ermöglicht zu haben und wollten sich deshalb an ihm rächen…

Bernhard Bartsch | 21. Juni 2012 um 16:15 Uhr

 

„Die Polizei darf bei mir einziehen“

Ai Weiwei hofft, Ende des Jahres als Gastprofessor in Berlin antreten zu können. Im Interview spricht er über das Leben nach seiner Festnahme, neue Formen des Protests und den Dokumentarfilm „Never Sorry“, der nächste Woche in die deutschen Kinos kommt.

Ai Weiwei lebt idyllisch. Im Garten seines Wohnstudios im Norden Pekings sprießen Bambus und Kiefern. Dichtes Efeu rankt die Hauswände empor. Ein Dutzend Katzen und mehrere Hunde tollen über den Rasen. Ai Weiwei sitzt in der Morgensonne und isst Kirschen. Die Kerne landen in einem gläsernen Aschenbecher, der die Form des Pekinger Olympiastadions hat. Ein Spucknapf mit hohem Symbolwert: Vor zehn Jahren wurde Ai durch seine Mitarbeit am Design des sogenannten „Vogelnests“ weltberühmt und zu einem der bestverkauften chinesischen Künstler. Doch noch vor den Olympischen Spielen 2008 distanzierte er sich von dem Projekt, weil er das Sportfest als geschmacklose Machtdemonstration der Kommunistischen Partei sah. Seitdem gilt er als Chinas prominentester und mutigster Regimekritiker…

Bernhard Bartsch | 04. Juni 2012 um 09:53 Uhr

 

Bad Vilbels langer Marsch

Bad Vilbel verhandelt über die größte chinesische Investition in Deutschland: 700 Millionen Euro. Haben die Stadtoberen tatsächlich einen dicken Fisch an der Angel oder fallen sie auf windige Machenschaften herein?

Das hessische Bad Vilbel verhandelt seit Wochen ohne transparente Informationen für die Öffentlichkeit über das mit Abstand größte chinesische Investitionsprojekt in Deutschland. Der potenzielle Hauptinvestor erklärte der Frankfurter Rundschau, er plane, in Bad Vilbel für 700 Millionen Euro ein chinesisches Handelszentrum zu bauen. „Eine Absichtserklärung haben wir Ende April unterschrieben“, sagte Lu Changqing, Vorstandschef des Pekinger Mischkonzerns Zhongqi Investment Group. „Einen formellen Vertrag werden wir Ende Juni unterzeichnen.“ Im Gewerbegebiet Quellenpark, das sich in städtischem Besitz befindet, solle auf einer Fläche von 200 000 Quadratmeter ein Großhandel für chinesische Waren entstehen…

Bernhard Bartsch | 24. Mai 2012 um 08:16 Uhr

 

Chen fliegt in die Freiheit

China Peking hat den blinden Bürgerrechtler Chen Guangcheng in die USA reisen lassen.

Am Ende seiner spektakulären Flucht in die Freiheit ist Chen Guangcheng vor allem dankbar. Auf Krücken steht er am Samstagabend vor seinem neuen Zuhause, einem Wohnheim der New York University, und wirkt überwältigt von all der Unterstützung, die seine Ausreise aus der Volksrepublik ermöglicht hat. Er danke den amerikanischen Diplomaten und allen Anhängern, die sich für ihn eingesetzt hätten, sagt der blinde Bürgerrechtler und fügt schnell hinzu, er sei auch „dankbar, dass die chinesische Regierung zurückhaltend und ruhig“ mit seiner Situation umgegangen sei. Einigen seiner Fans ist das zu viel der Höflichkeit. Dank an ein Regime, das sieben Jahre lang zugelassen hat, dass Chen und seine Familie von skrupellosen Beamten eingesperrt und misshandelt wurden?…

Bernhard Bartsch | 20. Mai 2012 um 05:29 Uhr

 

„Menschenrechte sind etwas Intuitives“

Der chinesische Dissident Chen Guangcheng spricht über seine aktuelle Situation, seine Ausreisepläne in die USA und die Bedeutung von Menschenrechten in China.

Bernhard Bartsch: Herr Chen, ist Ihre Familie bei Ihnen?

Chen Guangcheng: Ja. Aber leider weiß ich nicht, wie es meinen Verwandten in meiner Heimatprovinz Shandong geht. Ich mache mir große Sorgen um sie. Ich habe gehört, dass mein Neffe festgenommen wurde, aber genauere Informationen habe ich nicht. Die chinesische Regierung hat gesagt, dass sie die Verfolgung unserer Familie beenden wird und dass das Unrecht, das uns in Shandong angetan wurde, untersuchen will…

Bernhard Bartsch | 09. Mai 2012 um 08:38 Uhr

 

Der Clown sagt sorry

Chinas Medien ringen um den richtigen Umgang mit dem Fall des Bürgerrechtlers Chen Guangcheng.

Peking Am Ende durfte er doch nicht mitfliegen, aber vielleicht reist er bald hinterher : Der Bürgerrechtler Chen Guangcheng war nicht mit an Bord, als Hillary Clinton am Samstag nach ihrer wohl dramatischsten Reise als US-Außenministerin Peking verließ. Drei Tage lang hatte sie mit Chinas Führung um das Schicksal des blinden Anwalts gerungen, der vor zwei Wochen aus dem Hausarrest geflohen war und in der US-Botschaft in Peking Zuflucht gesucht hatte. Für beide Seiten standen Grundsatzfragen auf dem Spiel…

Bernhard Bartsch | 07. Mai 2012 um 07:20 Uhr

 

Chen verlässt die US-Botschaft

Chinesischer Dissident fühlt sich von Chinas Regierung erpresst.

Wenn Shi Yinhong keine Interviews geben will, muss in China politischer Ausnahmezustand herrschen. Der Professor für Internationale Beziehungen an der Pekinger Renmin-Universität ist einer der prominentesten Kommentatoren aktueller Ereignisse. Kein Thema ist ihm zu sensibel, um vor Journalisten seine – meist linientreue – Meinung zu äußern, selbst wenn die Staatsmedien schweigen. Doch zum Fall Chen Guangcheng könne er nicht sprechen, teilte Shi am Mittwoch mit…

Bernhard Bartsch | 02. Mai 2012 um 17:26 Uhr