Das Netz lebt
Der Suchmaschinenriese Google hat China verlassen. Doch der Druck der chinesischen Internetgemeinde auf die Regierung wird dadurch kaum geringer.
Am Abend des 25. September 2007 traf sich Han Feng, ein ranghoher Beamter der staatlichen Tabak-Monopolverwaltung, mit seiner Geliebten. „Sie heiratet am 29. und wollte für eine letzte Nummer vorbeikommen“, vermerkte Han in seinem Tagebuch. „Sie ist einfach zu heiß! Wir haben es um Mitternacht gemacht und dann noch einmal am Morgen.“ Es war nicht das Ende der Affäre…
Ohne Filter
Googles Umzug könnte auch für China eine Gesicht wahrende Lösung sein.
Wissen ist Macht. Kein Wunder, dass die Kommunistische Partei Chinas es als direkten Angriff auf ihre Herrschaft betrachtet, dass der US-Internetkonzern Google den Chinesen ungefilterten Zugang zu Informationen ermöglichen will. Die strikte Kontrolle darüber, was das Volk wissen darf und was nicht, ist eine tragende Säule der Pekinger Ein-Partei-Diktatur. Die Zensur verhindert, dass in China die Macht vom Volke ausgehen kann…
Google geht aufs Ganze
Google betreibt seinen chinesischen Suchdienst künftig von Hongkong aus. Peking sieht das als Affront.
Herr Sun ist ein Zensor. Für einen großen chinesischen Internetkonzern reinigt er Blogs und Chatforen von „ungesunden Inhalten“: pornographischen Bildern und Gewaltdarstellungen, vor allem aber kritischen Texten, die den zentral kontrollierten Wahrheiten der Kommunistischen Partei zuwiderlaufen. „Wir bekommen jeden Tag neue Listen mit Begriffen, die wir überprüfen müssen“, erzählt Sun…
Nicht mehr böse
Google will sich nicht länger den chinesischen Zensurbestimmungen unterwerfen – und dem größten Computermarkt der Welt notfalls ganz den Rücken kehren.
“Um 11:45 Uhr möchte ich Google Blumen überreichen, wer macht mit?” lautete die Nachricht, die ein chinesischer Internetnutzer mit dem Codenamen “Richter Li” auf seiner Twitterseite veröffentlichte. Gut eine Stunde später stehen 30 junge Chinesen mit Sträußen vor dem Pekinger Bürohaus, in dem der US-Internetkonzern sein China-Hauptquartier hat. “Wir sind stolz auf Google”, sagt eine Frau, die als Programmiererin für den chinesischen Konkurrenten Sina arbeitet…
Demokratie für Anfänger
Barack Obama greift vor Shanghaier Studenten Pekings Zensurpolitik an und entwirft ein Amerikabild, das China als Vorbild dienen kann, ohne es zu bevormunden.
Manchmal möchte Barack Obama gerne Presse und Internet zensieren. Das hat er selbst gesagt und dann verschmitzt gelacht – wohl aus Vorfreude auf den damit zurechtgelegten rhetorischen Elfmeter, den er im nächsten Moment im Tor der chinesischen Regierung versenken würde…
Die Netzmächtigen
Asiens Bloggerszene diskutiert in Hongkong über Strategien gegen Autokraten.
Thet Htoo sieht nicht aus wie ein Mann mit Macht. Er ist Ende zwanzig, Computerfreak mit langen Haaren und verwaschenen Jeans, der lieber auf den Bildschirm seines Notebooks schaut als seinem Gegenüber in die Augen. Doch mehr als einen Rechner braucht es nicht, um mächtig zu sein. Thet Htoo ist Mitbegründer der Bloggervereinigung Burmas – und damit für Ranguns Militärherrscher ein gefährliches Element…
Mehr Grautöne, bitte!
China hat vor der Buchmesse gegen Meinungs- und Pressefreiheit verstoßen. Aber wer es jetzt beim wohlfeilen China-Bashing belässt, vergibt eine einmalige Chance.
Chinas Gastlandauftritt bei der Buchmesse ist eine Chance. Damit sie genutzt werden kann, muss die gegenwärtige Debatte nicht nur anhalten, sondern viel besser werden. Alle dreschen auf China ein – die Vorlage ist halt verlockend, und moralisch kann man gar nichts falsch machen: Einen Monat vor der Frankfurter Buchmesse hat Peking mit dem gescheiterten Versuch, kritische Autoren an der Teilnahme einer Vorbereitungskonferenz zu hindern, alle Vorbehalte gegen den Gastlandauftritt bestätigt…
Dai Qing fliegt
Kritische Autorin reist auf eigene Kosten nach Frankfurt. Nach ihrer Ausladung von der Buchemesse-Konferenz will sie vom Publikum aus mitdiskutieren.
Trotz ihrer Ausladung von der Vorbereitungskonferenz der Frankfurter Buchmesse ist die kritische chinesische Autorin Dai Qing am Freitagmorgen auf eigene Kosten nach Frankfurt geflogen, um im Publikum daran teilzunehmen. “Keiner kann mich jetzt mehr daran hindern, auf dem Symposium meine Meinung zu sagen”, erklärte die 68-Jährige in einem Telefonat mit dem Autor, nachdem sie in Peking das Flugzeug bestiegen hatte…
Buchmessekonferenz droht zu platzen
Kritische Autorin Dai Qing erhält Visum für Deutschland. Da die Frankfurter Buchmesse sie von der Rednerliste gestrichen hat, will sie nun im Publikum sitzen.
Die Vorbereitungskonferenz zu Chinas Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse droht zu platzen. Die kritische Schriftstellerin Dai Qing, deren Teilnahme Peking um jeden Preis verhindern will, hat am Donnerstag von der deutschen Botschaft in Peking doch noch ein Visum erhalten. Das bestätigte Dai. Dabei hatte sich die Buchmesse Anfang der Woche auf Druck des chinesischen Gastlandkomitees entschieden, die Einladung der Investigativ- und Umweltjournalistin, die in der Volksrepublik Veröffentlichungsverbot hat, nicht weiter zu verfolgen…
Auf einmal war die Einladung weg
Die Frankfurter Buchmesse hat ihren ersten Skandal. Ehrengast China versucht mit allen Mitteln den Auftritt der kritischen Autorin Dai Qing zu verhindern.
Chinas Ehrengastauftritt bei der Frankfurter Buchmesse hat seinen ersten Zensurskandal. Mit allen Mitteln versucht Peking den Auftritt der kritischen Schriftstellerin Dai Qing bei einem Symposium am Wochenende zu verhindern. Das von der Buchmesse ausgestellte Einladungsschreiben, mit dem Dai ein Visum beantragen sollte, ließ die Pekinger Behörde für Presse und Publikation (Gapp) kurzerhand verschwinden und droht mit der Absage der Konferenz…
„Chinas Wahrheit ist nicht elegant“
Der chinesische Schriftsteller Mo Yan erzählt, wie er vom Bauer zum Erfolgsautor wurde, weshalb Chinas Gegenwartsliteratur nicht ohne Gewalt auskommt und warum John Updike das nie verstehen konnte.
Frage: Mo Yan, ich sage es Ihnen lieber gleich zu Anfang: In diesem Gespräch wird es viel um Schubladendenken gehen.
Mo Yan: (lächelt) Ach du liebe Güte!
Frage: Wir wollen ja über chinesische Literatur reden, und davon verstehen wir im Westen leider so wenig, dass wir die Autoren meistens alle in einen Topf werfen. Das gilt auch für Sie: Ihre Romane werden bei uns in erster Linie als „chinesische Bücher“ gelesen, statt als Werke des einzigartigen Schriftstellers Mo Yan…
Der nackte Sprung nach vorn
Der chinesische Künstler Ai Weiwei kämpft gegen die Internetzensur – mit einem Teilerfolg: China verschiebt die Einführung einer obligatorischen Filter-Software.
Was ist das für ein Krieg, in dem sich nackte Männer Kuscheltiere vor den Schritt halten und Luftsprünge machen? Die Selbstporträts, die der Pekinger Künstler Ai Weiwei kürzlich auf seiner Webseite veröffentlichte, waren ein Beitrag zu einem Kampf, dem sich eine ganze Armee chinesischer Blogger und Internetbenutzer verschrieben hat: dem Kampf gegen den “Grünen Damm”. So heißt die Zensursoftware, die in China ab 1. Juli bei jedem Computerkauf mitgeliefert werden sollte, angeblich, um die Benutzer beim Surfen vor Pornographie zu schützen…
Peking rekrutiert 10.000 Onlinespitzel
China macht die Zensur zum lukrativen Nebenjob: Zehntausende Internetbenutzer sollen das Netz künftig gegen Geld auf „ungesunde Inhalte“ durchforsten.
„Pornos gucken und damit Geld verdienen“ – so beschreibt ein chinesischer Blogger Pekings neueste Kampagne zur Zensur des Internets. Zehntausende Chinesen sollen künftig als freiberufliche Onlinespitzel das Netz auf „ungesunde Inhalte“ wie Pornographie oder Regierungskritik durchforsten und diese der Polizei melden…
Was Nordkoreaner in der Zeitung lesen
Die Welt verbündet sich gegen Kim Jong-il – aber was bekommen eigentlich die Nordkoreaner davon mit? Eine Pjöngjanger Presseschau.
Am Dienstagmorgen war der Endsieg wieder einmal nah. Die gute Nachricht fanden die Nordkoreaner wie gewohnt auf der Titelseite ihrer Zeitung, diesmal unter der Schlagzeile „Pjöngjanger Mammutdemonstration verurteilt ‚Resolution’ des UN-Sicherheitsrats“. Demnach hatten über 100.000 Demonstranten am Vorabend auf dem Kim-Il-sung-Platz gegen die „hintertückische Erpressungsoffensive der US-Imperialisten“ protestiert…
Chinas Mann fürs Grobe
Beim Nationalen Volkskongress Chinas spielt Vizepräsident Xi Jinping die undankbarste Rolle: Er ist Pekings neuer Sonderbeauftragter für sozialen Frieden.
Wenn dieses Jahr in Pekings Grosser Halle des Volkes die 3000 Parlamentarier des Nationalen Volkskongresses zusammenkommen, um Chinas Regime den Anschein demokratischer Legitimation zu verleihen, sind die Hauptrollen klar verteilt: Der populäre Premierminister Wen Jiabao ist der Mann des Volkes, der undurchschaubare Präsident Hu Jintao der Mann der Kommunistischen Partei. Die zahllosen Konflikte, die zwischen Volk und Partei entstehen, überlassen sie Vizepräsident Xi Jinping…