Der nackte Sprung nach vorn
Der chinesische Künstler Ai Weiwei kämpft gegen die Internetzensur – mit einem Teilerfolg: China verschiebt die Einführung einer obligatorischen Filter-Software.
Was ist das für ein Krieg, in dem sich nackte Männer Kuscheltiere vor den Schritt halten und Luftsprünge machen? Die Selbstporträts, die der Pekinger Künstler Ai Weiwei kürzlich auf seiner Webseite veröffentlichte, waren ein Beitrag zu einem Kampf, dem sich eine ganze Armee chinesischer Blogger und Internetbenutzer verschrieben hat: dem Kampf gegen den “Grünen Damm”. So heißt die Zensursoftware, die in China ab 1. Juli bei jedem Computerkauf mitgeliefert werden sollte, angeblich, um die Benutzer beim Surfen vor Pornographie zu schützen…
Peking rekrutiert 10.000 Onlinespitzel
China macht die Zensur zum lukrativen Nebenjob: Zehntausende Internetbenutzer sollen das Netz künftig gegen Geld auf „ungesunde Inhalte“ durchforsten.
„Pornos gucken und damit Geld verdienen“ – so beschreibt ein chinesischer Blogger Pekings neueste Kampagne zur Zensur des Internets. Zehntausende Chinesen sollen künftig als freiberufliche Onlinespitzel das Netz auf „ungesunde Inhalte“ wie Pornographie oder Regierungskritik durchforsten und diese der Polizei melden…
Was Nordkoreaner in der Zeitung lesen
Die Welt verbündet sich gegen Kim Jong-il – aber was bekommen eigentlich die Nordkoreaner davon mit? Eine Pjöngjanger Presseschau.
Am Dienstagmorgen war der Endsieg wieder einmal nah. Die gute Nachricht fanden die Nordkoreaner wie gewohnt auf der Titelseite ihrer Zeitung, diesmal unter der Schlagzeile „Pjöngjanger Mammutdemonstration verurteilt ‚Resolution’ des UN-Sicherheitsrats“. Demnach hatten über 100.000 Demonstranten am Vorabend auf dem Kim-Il-sung-Platz gegen die „hintertückische Erpressungsoffensive der US-Imperialisten“ protestiert…
Chinas Mann fürs Grobe
Beim Nationalen Volkskongress Chinas spielt Vizepräsident Xi Jinping die undankbarste Rolle: Er ist Pekings neuer Sonderbeauftragter für sozialen Frieden.
Wenn dieses Jahr in Pekings Grosser Halle des Volkes die 3000 Parlamentarier des Nationalen Volkskongresses zusammenkommen, um Chinas Regime den Anschein demokratischer Legitimation zu verleihen, sind die Hauptrollen klar verteilt: Der populäre Premierminister Wen Jiabao ist der Mann des Volkes, der undurchschaubare Präsident Hu Jintao der Mann der Kommunistischen Partei. Die zahllosen Konflikte, die zwischen Volk und Partei entstehen, überlassen sie Vizepräsident Xi Jinping…
Böllern und blocken
In China hat das Jahr des Ochsen begonnen. Eine Internetsendung, die dem staatlichen Unterhaltungsprogramm die Show stehlen wollte, wurde im letzten Moment zensiert.
Mit einem gewaltigen Verbrauch an Feuerwerk hat in China in der Nacht zum Montag das Jahr des Ochsen begonnen. Das Staatsfernsehen CCTV zeigte am Sonntagabend wieder die traditionelle Neujahrsgala, bei der alle großen Stars der chinesischen Showbranche auftreten. Eine privat organisierte Alternativgala, die im Internet ausgestrahlt werden sollte, wurde dagegen von den Zensoren blockiert.
China zensiert Obamas Antrittsrede
Barack Obama hat schon mit seiner Antrittsrede die ersten Verstimmungen in Peking hervorgerufen.
“Erinnert euch daran, dass frühere Generationen den Faschismus und den Kommunismus nicht nur mit Raketen und Panzern besiegt haben, sondern mit festen Allianzen und anhaltenden Überzeugungen”, rief der frisch vereidigte Präsident in die Welt. Chinas Zensoren ließen den Satz in Übersetzungen für ihre Medien kurzerhand streichen.
“Ich bin fett, ich bin stark”
Das Hausschwein Zhu Jianqiang, das nach dem verheerenden Erdbeben in Südwestchina 36 Tage unter Trümmern überlebte, gilt den Chinesen als nationales Vorbild in Sachen Krisenbewältigung.
„Ich bin fett, ich bin stark“, stand auf den T-Shirts, mit denen kürzlich eine Gruppe chinesischer Manager vor dem Jianchuan Museum in Chengdu aus ihren Limousinen stieg. Sie waren in die Hauptstadt der Provinz Sichuan gereist, um Chinas populärsten Motivationscoach zu besuchen: ein graues Hausschwein, das den Namen Zhu Jianqiang trägt. „Zhu“ heisst Schwein und „Jianqiang“ kräftig, zusammen also in etwa: Sau Stark. Einer nach dem anderen liessen die Konzernlenker sich neben dem trägen Borstenvieh fotografieren…
Wetterfrosch der Reformen
Chinas Starjournalistin Jiang Yiping war wieder einmal fortschrittlicher, als die Partei erlaubt. Ihre Demontage ist der Beginn einer neuen Zensurkampagne.
Die Karriere der chinesischen Starjournalistin Jiang Yiping verläuft im Zickzack. Alle paar Jahre steigt sie zur Chefredakteurin einer der beiden fortschrittlichsten Zeitungen des Landes auf, nur um einige Zeit später in die Redaktion einer Provinzpostille verbannt zu werden. Dann hat sie ihre Arbeit wieder einmal besser gemacht, als die Kommunistische Partei erlaubt – und Chinas Journalisten wissen, dass es mit offener Berichterstattung bis auf weiteres vorbei ist.
Ware Schönheit
Viele Chinesen glauben an eine schönere Welt, von Menschenhand erschaffen nach dem Rezept: Viel hilft viel.
Wenn Hao Lulu Langeweile hat – oder sind es Depressionen? –, dann schaltet sie ihren Computer ein und klickt sich durch ihr Fotoalbum. Tausende Bilder hat sie gespeichert, fast alle mit dem gleichen Motiv: sie selbst. Am Meer, im Wald, beim Shopping. Als Girlie, Luder oder Lady. Abwechselnd schwarzhaarig, blond und brünett, lachend, flirtend oder schmollend. „Manchmal sitze ich stundenlang vor dem Bildschirm”, erzählt Hao. Sie kann sich an sich selbst nicht sattsehen…
Der Aufklärer
Der Fernsehhistoriker Yi Zhongtian erklärt seinen Landsleuten, was es bedeutet, Chinese zu sein.
„Immanuel Kant für alle, Aufklärung in 20 oder 30 Sendungen, das wär’s!“ Der Professor presst die Lippen zusammen, eine Angewohnheit, mit der er sich das Lachen unterdrückt. Er genießt es zuzuschauen, wie es in den Köpfen seiner Zuhörer rattert, wie sie sich fragen, wo er diesen Einfall nun wieder hergenommen hat und wohin er ihn führen will. Wenn er in Fahrt ist, macht er dieses Gesicht nach jedem zweiten Satz. „Und dann Hegel“, fügt er hinzu. „Da könnten wir Chinesen wirklich etwas fürs Leben lernen.“
Er trinkt Drachenbrunnentee, vorgebeugt, um sich nicht zu bekleckern. Das also ist er: Yi Zhongtian ist Chinas berühmtester Historiker, der Hauslehrer der Nation, der seinen Landsleuten Woche für Woche im Fernsehen erklärt, was es bedeutet, Chinese zu sein…
Für die Menschen und das Land
Chinas Wirtschaft wächst und wächst und wächst. Doch für eine bessere Zukunft muss sich auch die Zivilgesellschaft weiterentwickeln. Fünf Porträts von Chinesen, die ihre Heimat gegen alle Widerstände voranbringen wollen.
Hu Jia und Zeng Jinyan kommen gerade aus dem Krankenhaus. Zeng ist im fünften Monat schwanger, und weil die Polizisten einen guten Tag haben, durfte ihr Mann sie zum Arzt begleiten. Nun sitzen sie bei SPR Coffee, einer chinesischen Starbucks-Kopie, und trinken Apfelsaft. Draußen stehen in Sichtweite zwei Limousinen mit verdunkelten Scheiben…
Beruf: Ausländer
Mit blonden Haaren, blauen Augen und langen Nasen kann man im Reich der Mitte viel Geld verdienen – als Projektionsfläche für den chinesischen Traum.
Als Jimmy Hartvigson anfing, Socken-Li mit seiner Konkubine zu betrügen, verlor er seinen Job. „Schade, eigentlich“, findet der 26-jährige Schwede und knipst sein Laufsteg-Lächeln an. „Ich habe da richtig viel Geld verdient.“ Als Sänger im fünften Stock eines Nachtklubs war er die Halbwelt-Attraktion der südchinesischen Stadt Wenzhou. Für 5500 Euro im Monat plus Spesen gab der talentierte Beau den lokalen Geschäftsleuten das Gefühl, ihre Frauen nicht in einem provinziellen Puff, sondern in einem hippen New-Yorker-Szene-Etablissement zu betrügen.