Der Vorträumer
China feiert einen behindrten jungen Mann, der mit den Füßen Klavier spielt – weil er sich von der Realität nicht seine Träume verderben ließ.
In China geht es derzeit zu wie während der Fußball-WM. „Wo schaust du die nächste Runde“, fragen sich sie Leute, „zu Hause oder in einer Bar?“ Gemeint ist der kommende Sonntagabend, die neue Folge von „China’s Got Talent“ und der zweite Auftritt von Chinas neuestem Volkshelden: Liu Wei. Der Held ist 23, schmal und trägt eine breitrandige Brille. Er hat die Strubbelfrisur chinesischer Popstars und auch das dazugehörige Lachen…
Der unendliche Stau
Auf einer chinesischen Autobahn steckten tausende Fahrer seit zehn Tagen fest – und das Land diskutierte wieder einmal den drohenden Verkehrskollaps.
Es war eine der spektakulärsten Staumeldungen in der Geschichte des Automobils: “Chinesische Behörden bemühen sich, einen 96 Kilometer langen Stau zu beenden, der von Peking bis in die nördliche Region der Inneren Mongolei reicht”, berichtete gestern die Tageszeitung China Daily. Aufgrund von Bauarbeiten steckten auf einem Teilstück der Autobahn Peking-Tibet Tausende Fahrer rund zehn Tage lang in einem Dauerstau…
Die Meinungsfreiheit der Krake Paul
Chinas Medien geben Angela Merkel nach ihrem Staatsbesuch gute Noten.
So gute Presse hätte Angela Merkel in Deutschland zweifellos auch gerne: Nach ihrer jüngsten Chinareise überbieten sich die Medien der Volksrepublik gegenseitig in Lobeshymnen auf die deutsche Bundeskanzlerin. „China und Deutschland verbringen wieder Flitterwochen zusammen“, titelte die Finanzzeitung „Guoji Jinrong Bao“…
Freund Frech
Han Han ist Rennfahrer und Blogger, und bei Chinas Studenten ist er Kult. Er spottet über alles, was der Partei heilig ist.
Der Star mag Steaks. “Wer sein Fleisch nicht schafft, kann es mir geben”, sagt Han Han kauend und grinst auffordernd in die Runde, worauf seine junge Assistentin prompt erklärt, eigentlich ohnehin nicht hungrig zu sein. Es ist Mittagszeit, und Chinas berühmtester Rennfahrer wartet seit Stunden im Garagentrakt der Schanghaier Formel-1-Strecke auf sein Fahrzeug. Der Autotransporter steht im Stau. Würde vor der Tür nicht ein Pulk junger Mädchen lauern, könnte er jetzt mit seinen Teamkollegen auf dem Parkplatz Fußball spielen, aber so geht er nur ab und zu nach draußen, um eine neue Ladung Kuscheltiere und Bastelarbeiten entgegenzunehmen. “Ist das nicht süß?”, sagt er…
Korrekt korrupt
China spielt Pressefreiheit: Mit einer Kampagne gegen bestechliche Journalisten wollen die Staatsmedien ihr Image aufpolieren.
Um die Glaubwürdigkeit der chinesischen Medien steht es nicht zum Besten. Wann immer sich Journalisten an politisch sensible Themen wagen, ist der Zensor zur Stelle und „harmonisiert“, wie es im Propagandachinesisch heißt. Die Wirklichkeitskosmetik ist kein Geheimnis, doch um von den großen Verzerrungen der Pressefreiheit abzulenken, werden kleine Verfehlungen umso härter bestraft…
Chinas Hack-Ordnung
Forscher entdecken chinesisches Hackernetzwerk. Die Cyberspione sollen unter anderem den Dalai Lama und Indiens Verteidigungsministerium ausgespäht haben.
Die Kriege der Zukunft – egal ob kalt oder heiß, militärisch oder ökonomisch – werden maßgeblich im Internet ausgefochten. Dass China auf die kommenden Konflikte gut vorbereitet ist, wollen nun eine amerikanisch-kanadische Forschergruppe der Universität Toronto und internationale Sicherheitsexperten der Stiftung Schadowserver herausgefunden haben. In einer achtmonatigen Studie sei es gelungen, ein „komplexes System von Cyber-Spionage“ aufzudecken…
Das Netz lebt
Der Suchmaschinenriese Google hat China verlassen. Doch der Druck der chinesischen Internetgemeinde auf die Regierung wird dadurch kaum geringer.
Am Abend des 25. September 2007 traf sich Han Feng, ein ranghoher Beamter der staatlichen Tabak-Monopolverwaltung, mit seiner Geliebten. „Sie heiratet am 29. und wollte für eine letzte Nummer vorbeikommen“, vermerkte Han in seinem Tagebuch. „Sie ist einfach zu heiß! Wir haben es um Mitternacht gemacht und dann noch einmal am Morgen.“ Es war nicht das Ende der Affäre…
Ohne Filter
Googles Umzug könnte auch für China eine Gesicht wahrende Lösung sein.
Wissen ist Macht. Kein Wunder, dass die Kommunistische Partei Chinas es als direkten Angriff auf ihre Herrschaft betrachtet, dass der US-Internetkonzern Google den Chinesen ungefilterten Zugang zu Informationen ermöglichen will. Die strikte Kontrolle darüber, was das Volk wissen darf und was nicht, ist eine tragende Säule der Pekinger Ein-Partei-Diktatur. Die Zensur verhindert, dass in China die Macht vom Volke ausgehen kann…
Google geht aufs Ganze
Google betreibt seinen chinesischen Suchdienst künftig von Hongkong aus. Peking sieht das als Affront.
Herr Sun ist ein Zensor. Für einen großen chinesischen Internetkonzern reinigt er Blogs und Chatforen von „ungesunden Inhalten“: pornographischen Bildern und Gewaltdarstellungen, vor allem aber kritischen Texten, die den zentral kontrollierten Wahrheiten der Kommunistischen Partei zuwiderlaufen. „Wir bekommen jeden Tag neue Listen mit Begriffen, die wir überprüfen müssen“, erzählt Sun…
Nicht mehr böse
Google will sich nicht länger den chinesischen Zensurbestimmungen unterwerfen – und dem größten Computermarkt der Welt notfalls ganz den Rücken kehren.
“Um 11:45 Uhr möchte ich Google Blumen überreichen, wer macht mit?” lautete die Nachricht, die ein chinesischer Internetnutzer mit dem Codenamen “Richter Li” auf seiner Twitterseite veröffentlichte. Gut eine Stunde später stehen 30 junge Chinesen mit Sträußen vor dem Pekinger Bürohaus, in dem der US-Internetkonzern sein China-Hauptquartier hat. “Wir sind stolz auf Google”, sagt eine Frau, die als Programmiererin für den chinesischen Konkurrenten Sina arbeitet…
Demokratie für Anfänger
Barack Obama greift vor Shanghaier Studenten Pekings Zensurpolitik an und entwirft ein Amerikabild, das China als Vorbild dienen kann, ohne es zu bevormunden.
Manchmal möchte Barack Obama gerne Presse und Internet zensieren. Das hat er selbst gesagt und dann verschmitzt gelacht – wohl aus Vorfreude auf den damit zurechtgelegten rhetorischen Elfmeter, den er im nächsten Moment im Tor der chinesischen Regierung versenken würde…
Die Netzmächtigen
Asiens Bloggerszene diskutiert in Hongkong über Strategien gegen Autokraten.
Thet Htoo sieht nicht aus wie ein Mann mit Macht. Er ist Ende zwanzig, Computerfreak mit langen Haaren und verwaschenen Jeans, der lieber auf den Bildschirm seines Notebooks schaut als seinem Gegenüber in die Augen. Doch mehr als einen Rechner braucht es nicht, um mächtig zu sein. Thet Htoo ist Mitbegründer der Bloggervereinigung Burmas – und damit für Ranguns Militärherrscher ein gefährliches Element…
Mehr Grautöne, bitte!
China hat vor der Buchmesse gegen Meinungs- und Pressefreiheit verstoßen. Aber wer es jetzt beim wohlfeilen China-Bashing belässt, vergibt eine einmalige Chance.
Chinas Gastlandauftritt bei der Buchmesse ist eine Chance. Damit sie genutzt werden kann, muss die gegenwärtige Debatte nicht nur anhalten, sondern viel besser werden. Alle dreschen auf China ein – die Vorlage ist halt verlockend, und moralisch kann man gar nichts falsch machen: Einen Monat vor der Frankfurter Buchmesse hat Peking mit dem gescheiterten Versuch, kritische Autoren an der Teilnahme einer Vorbereitungskonferenz zu hindern, alle Vorbehalte gegen den Gastlandauftritt bestätigt…
Dai Qing fliegt
Kritische Autorin reist auf eigene Kosten nach Frankfurt. Nach ihrer Ausladung von der Buchemesse-Konferenz will sie vom Publikum aus mitdiskutieren.
Trotz ihrer Ausladung von der Vorbereitungskonferenz der Frankfurter Buchmesse ist die kritische chinesische Autorin Dai Qing am Freitagmorgen auf eigene Kosten nach Frankfurt geflogen, um im Publikum daran teilzunehmen. “Keiner kann mich jetzt mehr daran hindern, auf dem Symposium meine Meinung zu sagen”, erklärte die 68-Jährige in einem Telefonat mit dem Autor, nachdem sie in Peking das Flugzeug bestiegen hatte…
Buchmessekonferenz droht zu platzen
Kritische Autorin Dai Qing erhält Visum für Deutschland. Da die Frankfurter Buchmesse sie von der Rednerliste gestrichen hat, will sie nun im Publikum sitzen.
Die Vorbereitungskonferenz zu Chinas Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse droht zu platzen. Die kritische Schriftstellerin Dai Qing, deren Teilnahme Peking um jeden Preis verhindern will, hat am Donnerstag von der deutschen Botschaft in Peking doch noch ein Visum erhalten. Das bestätigte Dai. Dabei hatte sich die Buchmesse Anfang der Woche auf Druck des chinesischen Gastlandkomitees entschieden, die Einladung der Investigativ- und Umweltjournalistin, die in der Volksrepublik Veröffentlichungsverbot hat, nicht weiter zu verfolgen…