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	<title>Bernhard Bartsch &#187; Medien</title>
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	<description>TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN</description>
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		<title>Die Meinungsfreiheit der Krake Paul</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Jul 2010 02:34:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Chinas Medien geben Angela Merkel nach ihrem Staatsbesuch gute Noten.</h3>
So gute Presse hätte Angela Merkel in Deutschland zweifellos auch gerne: Nach ihrer jüngsten Chinareise überbieten sich die Medien der Volksrepublik gegenseitig in Lobeshymnen auf die deutsche Bundeskanzlerin. „China und Deutschland verbringen wieder Flitterwochen zusammen“, titelte die Finanzzeitung „Guoji Jinrong Bao“...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Chinas Medien geben Angela Merkel nach ihrem Staatsbesuch gute Noten.</h3>
<p>So gute Presse hätte Angela Merkel in Deutschland zweifellos auch gerne: Nach ihrer jüngsten Chinareise überbieten sich die Medien der Volksrepublik gegenseitig in Lobeshymnen auf die deutsche Bundeskanzlerin. „China und Deutschland verbringen wieder Flitterwochen zusammen“, titelte die Finanzzeitung „Guoji Jinrong Bao“, während das offizielle Nachrichtenportal „Chinanews“ ihr das Verdienst zuspricht, das Vertrauen zwischen beiden Ländern vertieft zu haben. „Merkel hat es als Frau mit unauffälligem Charakter, die wenig Negatives ausstrahlt, leicht, in China beliebt zu sein“, zitiert die Webseite den Politologen Jin Canrong von der Pekinger Volksuniversität, der außerdem glaubt, dass stabile Beziehungen zu China auch Merkels innenpolitische Position stärken könne. Als besonderen Freundschaftsbeweis sahen es viele Medien auch, dass Merkel am vergangenen Samstag in Xian ihren 56. Geburtstag feierte. Das Portal „International Online“ glaubt, dass es eher die Unternehmen seien, die das Vertrauen zwischen Deutschland und China fördern. „Mit wirtschaftlicher Zusammenarbeit lassen sich System- und Ideologieunterschiede überwinden“, schreibt das Blatt. „Merkels Chinabesuch zeigt, wie sich Europas Einstellung zu China ändert.“</p>
<p>Dennoch bereitet den chinesischen Medien das deutsche Chinabild Sorgen. Einem Bericht des Zentralfernsehens CCTV zufolge hat eine Umfrage unter deutschen und chinesischen Internetbenutzern ergeben, dass 90 Prozent der Chinesen eine positive Meinung von Deutschland haben, andersherum sind es nur 50 Prozent. „Dafür gibt es verschiedene Gründe, aber einer steht im Vordergrund“, erklärte Feng Zhongping, Leiter des Europazentrums im Chinesischen Institut für Internationale Beziehungen. „Wenn chinesische Journalisten in Deutschland sind, wollen sie etwas lernen und aufklären, aber deutsche Journalisten in China sind überheblich und kommen nur zu uns, um Probleme zu finden.“ Seit Jahren porträtiert China sich als Opfer einer Verschwörung gehässiger ausländischer Medien. Obwohl die Propagandabehörden Milliarden investieren, um Chinas Image im Ausland zu verbessern, müssen sie frustriert feststellen, dass sich die Berichterstattung in der internationalen Presse nicht so steuern lässt wie im eigenen staatlich kontrollierten Medienapparat. Mehrfach musste Merkel sich anhören, dass sich die Chinesen diskriminiert fühlen, unter anderem von Premier Wen Jiabao, der sich ausdrücklich wünschte, dass stärker über die „lichten Seiten der Beziehungen“ berichtet werden solle, etwa den Jugendaustausch. Allerdings hörte die Kanzlerin auch Warnungen, sich nicht von Peking einlullen zu lassen, wie aus einem Artikel der Hongkonger Zeitung „Oriental Daily“ hervorgeht, der von Merkels Treffen mit kritischen chinesischen Intellektuellen berichtet, darunter dem Blogger Michael Anti. „Michael Anti hat mit Merkel über den Oktopus Paul geredet“, schreibt das Blatt. „Der Fisch hat vorhergesagt, dass Deutschland das Spiel gegen Spanien verlieren werde, aber trotzdem ist er noch am Leben und wurde nicht gegessen.“ Damit habe Anti auf die „Wichtigkeit von Redefreiheit“ anspielen wollen: Unangenehme Wahrheiten auszusprechen ist in China nach wie vor gefährlich.</p>
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		<title>Freund Frech</title>
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		<pubDate>Mon, 03 May 2010 04:04:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Blogger]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Han Han ist Rennfahrer und Blogger, und bei Chinas Studenten ist er Kult. Er spottet über alles, was der Partei heilig ist.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Han_Han.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1744" title="Han_Han" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Han_Han-757x1024.jpg" alt="" width="143" height="195" /></a>Der Star mag Steaks. "Wer sein Fleisch nicht schafft, kann es mir geben", sagt Han Han kauend und grinst auffordernd in die Runde, worauf seine junge Assistentin prompt erklärt, eigentlich ohnehin nicht hungrig zu sein. Es ist Mittagszeit, und Chinas berühmtester Rennfahrer wartet seit Stunden im Garagentrakt der Schanghaier Formel-1-Strecke auf sein Fahrzeug. Der Autotransporter steht im Stau. Würde vor der Tür nicht ein Pulk junger Mädchen lauern, könnte er jetzt mit seinen Teamkollegen auf dem Parkplatz Fußball spielen, aber so geht er nur ab und zu nach draußen, um eine neue Ladung Kuscheltiere und Bastelarbeiten entgegenzunehmen. "Ist das nicht süß?", sagt er...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Han Han ist Rennfahrer und Blogger, und bei Chinas Studenten ist er Kult. Er spottet über alles, was der Partei heilig ist.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Han_Han.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1744" title="Han_Han" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Han_Han-757x1024.jpg" alt="" width="206" height="281" /></a>Der Star mag Steaks. &#8220;Wer sein Fleisch nicht schafft, kann es mir geben&#8221;, sagt Han Han kauend und grinst auffordernd in die Runde, worauf seine junge Assistentin prompt erklärt, eigentlich ohnehin nicht hungrig zu sein. Es ist Mittagszeit, und Chinas berühmtester Rennfahrer wartet seit Stunden im Garagentrakt der Schanghaier Formel-1-Strecke auf sein Fahrzeug. Der Autotransporter steht im Stau. Würde vor der Tür nicht ein Pulk junger Mädchen lauern, könnte er jetzt mit seinen Teamkollegen auf dem Parkplatz Fußball spielen, aber so geht er nur ab und zu nach draußen, um eine neue Ladung Kuscheltiere und Bastelarbeiten entgegenzunehmen. &#8220;Ist das nicht süß?&#8221;, sagt er und zeigt ein liebevoll beklebtes Fotoalbum. &#8220;Wenn ich bloß wüsste, was ich mit dem ganzen Zeug machen soll.&#8221;</p>
<p>Der 27-Jährige mit der Boygroup-Frisur und den androgynen Zügen gehört zu Chinas Jugendidolen, und das nicht nur, weil er in mehreren Fahrzeugklassen chinesischer Meister ist. Bekannt wurde er als Autor von jugendlicher Popliteratur. Ein Star wurde er, als er vor vier Jahren begann, sich in seinem Blog mit beißendem Spott über die Abgründe der chinesischen Politik herzumachen. Kaum ein anderer wagt sich so nah an die Problemzonen der Kommunistischen Partei, seien es Diktatur, Korruption, Propaganda, Zensur, Nationalismus. &#8220;Han Han gibt der jungen Generation eine Stimme&#8221;, sagt der Künstler Ai Weiwei, selbst ein regimekritischer Blogger. &#8220;Er ist ein sehr, sehr schlauer Junge.&#8221;</p>
<p>Han Hans Webseite zählt bereits mehr als 300 Millionen Besucher, über 300 000 Menschen verfolgen ihn auf Twitter. Vor allem bei Studenten und den jungen städtischen Eliten genießt er Kultstatus. Als das US-Magazin Time ihn kürzlich für seine Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt nominierte, bescherten ihm die Fans bei der Internetabstimmung über eine Million Stimmen und einen Spitzenplatz. Zwar lassen die Behörden immer wieder Blogeinträge löschen, doch sein Bekanntheitsgrad schütze ihn bisher vor Repressionen, sagt Han Han. &#8220;Ich bin in der glücklichen Situation, es mir leisten zu können, immer wieder an die Grenzen zu gehen. Und wenn ich mich traue, trauen sich auch andere.&#8221;</p>
<p>Im Januar malte er sich aus, wie weit Chinas Internetpolizei die Zensur noch treiben könnte. Der Text wurde prompt vom Blog gelöscht. Wenig später ließ er die Leser abstimmen, ob ein chinesischer Beamter, der innerhalb eines halben Jahres 60 000 Yuan &#8211; umgerechnet 6 600 Euro &#8211; Schmiergeld angenommen hatte, als besonders korrupt oder besonders ehrlich gelten müsse. 200 000 Leser teilten seine Meinung, dass der Beamte für chinesische Verhältnisse ausgesprochen sauber sei und wieder eingestellt werden solle.</p>
<p>Jüngstes Ziel von Han Hans Spott ist die Schanghaier Weltausstellung, die ihm wie alle staatlichen Prestigeprojekte suspekt ist. Als die Stadtväter ihn kürzlich zu einem Symposium zum Expo-Thema &#8220;Bessere Stadt, Besseres Leben&#8221; einluden, sagte er zwar zu &#8211; doch nur, um die Veranstalter vorzuführen. Man habe ihn gebeten, darüber zu sprechen, wie das Leben in der Stadt immer besser werde, eröffnete er seinen Vortrag. &#8220;Aber ich möchte lieber darüber reden, warum das Leben in der Stadt immer schlechter wird.&#8221; Dann erörterte er eine halbe Stunde lang Probleme wie Umweltverschmutzung, Verkehrschaos, Immobilien-Abzocke und die Zerstörung alter Viertel und schloss mit harscher Kritik an der Regierung. &#8220;Ich finde, Schanghai ist keine echte Metropole&#8221;, sagte er. &#8220;Die Beamten benehmen sich, als sei öffentlicher Dienst so etwas wie Schweine füttern.&#8221;</p>
<p>&#8220;Han Han kann sehr hitzköpfig sein&#8221;, sagt sein Verleger und Freund Lu Jinbo. &#8220;Manchmal muss man ihn ein bisschen vor sich selbst schützen.&#8221; Der Kampf gegen Autoritäten zieht sich wie ein Leitmotiv durch Han Hans Biografie. Der Vater, Titelseitenredakteur bei einer staatlichen Zeitung, sorgte dafür, dass sein Sohn nicht mit der üblichen Propagandaliteratur aufwuchs, sondern mit Werken großer Autoren. Die Saat ging auf: Mit 17 gewann Han Han einen landesweiten Aufsatzwettbewerb. Doch sein eigenwilliger Stil passte nicht zum Drill des chinesischen Schulsystems. &#8220;Ich war ein aufmüpfiger Schüler und konnte einem Schulverweis nur entgehen, indem ich mich vorher selbst abmeldete&#8221;, erzählt er. Statt die Uni-Aufnahmeprüfung zu machen, schrieb er seinen ersten Roman, &#8220;Die dreifache Tür&#8221;, eine Satire auf das chinesische Bildungssystem. Bei Gleichaltrigen traf er damit einen Nerv. Das Buch verkaufte sich zwei Millionen Mal. Auch die dreizehn Werke, die er seitdem verfasst hat, sind Bestseller. &#8220;Han Han ist inzwischen eine Marke geworden&#8221;, sagt Verleger Lu. &#8220;Viele junge Chinesen können sich mit ihm identifizieren.&#8221;</p>
<p>Seine finanzielle Unabhängigkeit nutzte Han Han, um sich einen Kindheitstraum zu verwirklichen: Er begann Autorennen zu fahren. 2003 ging er unter die Profis und wurde in mehreren Wagenklassen chinesischer Meister. Doch den Ehrgeiz, es bis in die Formel 1 zu schaffen, hat er nicht, zumal ihm dann kaum Zeit für andere Projekte bliebe. Er träumt von einer eigenen Zeitschrift. &#8220;Es geht mir nicht darum, Geld zu verdienen, davon habe ich schon genug&#8221;, sagt er. &#8220;Ich will einfach ein Magazin machen, wie ich es selbst gerne lesen würde.&#8221; Eine erste Ausgabe hat er produziert, doch da die Behörden ihm keine weitere Arena geben wollen, verweigern sie die Lizenz.</p>
<p>Han Han hat es nicht eilig. &#8220;Wer mit dem Kopf durch die Wand zu gehen versucht, kann in China nicht gewinnen&#8221;, sagt er. &#8220;Wenn ein Thema nicht geht, schreibe ich über etwas anderes, es gibt ja genügend sensible Bereiche.&#8221; Seine Kritik empfindet er als durchaus patriotisch. &#8220;Sein Land zu lieben, bedeutet, es davor zu schützen, dass es von der Regierung verletzt wird&#8221;, sagt Han Han. Man dürfe ein Volk nicht mit seiner Regierung verwechseln. &#8220;Das Volk bleibt immer gleich, aber die Regierung nicht unbedingt.&#8221; Junge Leute seiner Generation verbinde mit den alten Parteibonzen nur, dass beide Freundinnen in den Zwanzigern haben, scherzt er. Dann geht er noch einmal vor die Tür, um den Fans Autogramme zu geben.</p>
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		<title>Korrekt korrupt</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Apr 2010 15:05:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>China spielt Pressefreiheit: Mit einer Kampagne gegen bestechliche Journalisten wollen die Staatsmedien ihr Image aufpolieren.</h3>
Um die Glaubwürdigkeit der chinesischen Medien steht es nicht zum Besten. Wann immer sich Journalisten an politisch sensible Themen wagen, ist der Zensor zur Stelle und „harmonisiert“, wie es im Propagandachinesisch heißt. Die Wirklichkeitskosmetik ist kein Geheimnis, doch um von den großen Verzerrungen der Pressefreiheit abzulenken, werden kleine Verfehlungen umso härter bestraft...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>China spielt Pressefreiheit: Mit einer Kampagne gegen bestechliche Journalisten wollen die Staatsmedien ihr Image aufpolieren.</h3>
<p>Um die Glaubwürdigkeit der chinesischen Medien steht es nicht zum Besten. Wann immer sich Journalisten an politisch sensible Themen wagen, ist der Zensor zur Stelle und „harmonisiert“, wie es im Propagandachinesisch heißt. Die Wirklichkeitskosmetik ist kein Geheimnis, doch um von den großen Verzerrungen der Pressefreiheit abzulenken, werden kleine Verfehlungen umso härter bestraft. Mit lautem Trommelwirbel präsentierte Chinas Presseamt deshalb seinen neuesten Bericht zur journalistischen Flurbereinigung: 76 Beschwerden wegen Bestechlichkeit oder Erpressung seien im Jahr 2009 eingegangen, erklärte Behörden-Vizechefin Li Dongdong. In mehr als zwanzig Fällen seien die beschuldigten Journalisten zu Haftstrafen verurteilt worden. Details über Geld und Gründe nannte Li nicht, die politische Botschaft war schließlich auch ohne eindeutig: Wahrheitsmanipulation ist in China kein Kavaliersdelikt.</p>
<p>Zwar wurde in China im vergangenen Jahr tatsächlich eine Reihe von Fällen, bekannt, in denen Journalisten ihren Presseausweis wie eine Bankkarte benutzten: Sie ließen sich von Bergwerksbetreibern dafür bezahlen, dass sie nicht über Sicherheitsprobleme berichteten – ein Trick, mit dem man in China bei hunderten Minen abkassieren kann. Doch wäre es dem Presseamt mit seiner Kampagne gegen käufliche Medien tatsächlich ernst, müsste es etwa auch gegen die gängige Praxis vorgehen, dass Journalisten in China in der Regel nur an Pressekonferenzen teilnehmen, wenn die Veranstalter ein als „Fahrgeld“ deklariertes Honorar bezahlen. In vielen Verlagen macht dies einen großen Teil der Redakteursgehälter aus, und nur wenige von Chinas 2000 Zeitungen und 10.000 Magazinen untersagen ihren Angestellten effektiv, „Fahrgeld“ anzunehmen.</p>
<p>Dem Presseamt geht es jedoch weniger um Geld als um Gehorsam. Die Existenz von schwarzen Schafen dient als Vorwand, um die Kontrolle über die Medien zu erhöhen. Kürzlich erklärte Vizedirektorin Li, angehende Journalisten müssten sich künftig einer neuen Prüfung unterziehen. „Wer sich nicht mit der Geschichte des Journalismus der Kommunistischen Partei Chinas oder der Marxistischen Nachrichtentheorie und Medienethik auskennt, kann den Test nicht bestehen“, warnte Li. Außerdem soll eine zentrale Datenbank bald alle 230.000 chinesischen Redakteure erfassen, damit Beamte im ganzen Land schnell nachvollziehen können, ob Journalisten tatsächlich zum staatlichen Pressesystem gehören oder etwa für inoffizielle Internetmedien arbeiten. Denn die Recherchen kritischer Blogger sind für die Glaubwürdigkeit des chinesischen Nachrichtenapparats eine weitaus größere Bedrohung als die etwa zwanzig inhaftierten Auftragsschreiber – weshalb die Zahl derer, die in China im Gefängnis sitzen, weil sie nicht von der Wahrheit lassen konnten, auch weitaus größer ist.</p>
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		<title>Chinas Hack-Ordnung</title>
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		<pubDate>Tue, 06 Apr 2010 23:39:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Hacker]]></category>
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		<category><![CDATA[Kriminalität]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Forscher entdecken chinesisches Hackernetzwerk. Die Cyberspione sollen unter anderem den Dalai Lama und Indiens Verteidigungsministerium ausgespäht haben.</h3>
Die Kriege der Zukunft – egal ob kalt oder heiß, militärisch oder ökonomisch – werden maßgeblich im Internet ausgefochten. Dass China auf die kommenden Konflikte gut vorbereitet ist, wollen nun eine amerikanisch-kanadische Forschergruppe der Universität Toronto und internationale Sicherheitsexperten der Stiftung Schadowserver herausgefunden haben. In einer achtmonatigen Studie sei es gelungen, ein „komplexes System von Cyber-Spionage“ aufzudecken...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Forscher entdecken chinesisches Hackernetzwerk. Die Cyberspione sollen unter anderem den Dalai Lama und Indiens Verteidigungsministerium ausgespäht haben.</h3>
<p>Die Kriege der Zukunft – egal ob kalt oder heiß, militärisch oder ökonomisch – werden maßgeblich im Internet ausgefochten. Dass China auf die kommenden Konflikte gut vorbereitet ist, wollen nun eine amerikanisch-kanadische Forschergruppe der Universität Toronto und internationale Sicherheitsexperten der Stiftung Schadowserver herausgefunden haben. In einer achtmonatigen Studie sei es gelungen, ein „komplexes System von Cyber-Spionage“ aufzudecken, das seit Jahren Pekings Widersacher ausspioniere, darunter den Dalai Lama, die indische Regierung und internationale Organisationen wie Nato und Uno. In dem am Dienstag vorgestellten Bericht „Shadows in the Cloud“ (Schatten in der Wolke) heißt es, zwei Hacker seien eindeutig in der westchinesischen Stadt Chengdu lokalisiert worden.</p>
<p>Die Forscher entdeckten unter anderem 1500 E-Mails aus dem Büro des tibetischen Religionsoberhaupts, sowie als „geheim“ gekennzeichnete Dokumente aus dem indischen Verteidigungsministerium zur nationalen Sicherheitslage und zu den Auslandsbeziehungen. Von indischen Regierungsrechnern hätten die Hacker auch vertrauliche Dokumente aus zahlreichen anderen Ländern sowie von internationalen Organisationen. „Die Spur unserer Untersuchung und Analyse führt eindeutig in die Volksrepublik und zu bekannten Einheiten im kriminellen Untergrund der Volksrepublik“, schreiben die Autoren. Trotz der offensichtlichen Korrelation zwischen dem Netzwerk, den gestohlenen Dokumenten und den strategischen Interessen des chinesischen Staates, lasse sich allerdings nicht beweisen, dass die Angriffe im Auftrag der Regierung ausgeführt worden seien. Allerdings könnten die Informationen des Schattennetzwerkes „leicht in den Besitz einer Regierungsbehörde gelangen“. Das Forscherteam hatte bereits vergangenes Jahr mit einem ähnlichen Bericht Aufmerksamkeit erregt, in dem sie Cyber-Angriffe auf exiltibetische Organisationen rekonstruiert hatten.</p>
<p>Chinas Außenministerium wies den Vorwurf einer möglichen Verwicklung in Hacker-Aktivitäten am Dienstag entschieden zurück und erklärte, man lehne Cyber-Verbrechen entschieden ab. Allerdings mussten sich die chinesischen Behörden in den vergangenen Monaten vielfach gegen den Vorwurf der Internetkriminalität wehren. Anfang Januar hatte das US-Internetunternehmen Google berichtet, Opfer chinesischer Hackerattacken geworden zu sein, wobei gezielt E-Mail-Adressen chinesischer Regimekritiker angegriffen worden seien. Google begründete damit seinen Rückzug vom chinesischen Markt. Auch ausländische China-Korrespondenten zuletzt von Hackern angegriffen worden. Mehrere E-Mail-Konten internationaler Journalisten wurden geknackt und sämtlicher Briefverkehr heimlich an eine weitere Email-Adresse weitergeleitet. Mehrere Korrespondentenbüros berichteten außerdem von Softwareangriffen, mit denen ihre Computer von außen steuerbar gemacht wurden. Ende vergangener Woche legten Hacker außerdem die Internetseite des Clubs der Auslandskorrespondenten in China lahm. Nach Angaben der Journalistenvereinigung soll es sich um einen „relativ isolierten Angriff, möglicherweise von einem Einzelnen oder einer kleine Gruppe“ gehandelt haben. Im März war die Webseite der in Hongkong ansässigen chinesischen Menschenrechtsgruppe Chinese Human Rights Defenders (CHRD) außer Betrieb gesetzt worden.</p>
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		<title>Das Netz lebt</title>
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		<pubDate>Tue, 30 Mar 2010 02:24:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[China]]></category>
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		<category><![CDATA[Zensur]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Der Suchmaschinenriese Google hat China verlassen. Doch der Druck der chinesischen Internetgemeinde auf die Regierung wird dadurch kaum geringer.</h3>
Am Abend des 25. September 2007 traf sich Han Feng, ein ranghoher Beamter der staatlichen Tabak-Monopolverwaltung, mit seiner Geliebten. „Sie heiratet am 29. und wollte für eine letzte Nummer vorbeikommen“, vermerkte Han in seinem Tagebuch. „Sie ist einfach zu heiß! Wir haben es um Mitternacht gemacht und dann noch einmal am Morgen.“ Es war nicht das Ende der Affäre...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Suchmaschinenriese Google hat China verlassen. Doch der Druck der chinesischen Internetgemeinde auf die Regierung wird dadurch kaum geringer.</h3>
<p>Am Abend des 25. September 2007 traf sich Han Feng, ein ranghoher Beamter der staatlichen Tabak-Monopolverwaltung, mit seiner Geliebten. „Sie heiratet am 29. und wollte für eine letzte Nummer vorbeikommen“, vermerkte Han in seinem Tagebuch. „Sie ist einfach zu heiß! Wir haben es um Mitternacht gemacht und dann noch einmal am Morgen.“ Es war nicht das Ende der Affäre, und auch nicht Hans einzige. Sechs Gespielinnen leistete sich der Kader, der seine Eskapaden mit Schmiergeldern finanzierte, die dank seines einflussreichen Postens reichlich flossen. Seine Erlebnisse notierte er täglich in knappen Sätzen auf seinem Computer – bis das 500seitige Dokument vor wenigen Wochen plötzlich im Internet auftauchte und in Chatforen eine Welle von Spott und Entrüstung auslöste. „So leben also unsere Beamten“, mokierte sich ein Blogger. „Die denken, sie können sich einfach alles erlauben.“</p>
<p>Wie Hans Tagebuch an die Öffentlichkeit kam, ist bisher unklar, aber sicher ist, dass der 53-Jährige der jüngste Antiheld eines in China weit verbreiteten Webgenres ist: Korruptionsenthüllungen. Obwohl die chinesische Regierung mit ihrer sogenannten „Great Firewall“ aus Zensursoftware und Cyberpolizei den Informationsfluss im Internet zu kontrollieren versucht, scheitert der Gleichschaltungsapparat immer wieder an der ungestümen Netzgemeinde. Dutzende Fälle von Amtsmissbrauch sind in den vergangenen Jahren in Onlineforen bloßgestellt worden und wurden schneller weiterkopiert, als die Zensoren eingreifen konnten. Oft erregen die Skandale so viel Furore, dass sich auch die Behörden damit befassen und die offiziellen Medien darüber berichten müssen, wenn sie nicht ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen wollen. So wurde Han Mitte März verhaftet und aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Hunderte Beamte der Tabakmonopolverwaltung bangen nun um ihre Jobs und Privilegien.</p>
<p>Optimisten sehen in derartigen Fällen den Beweis für die Theorie, dass das Internet in der autoritär regierten Volksrepublik eine demokratisierende Wirkung haben kann. „Chinas Internetbenutzer sind die größte Nichtregierungsorganisation der Welt“, sagt etwa der Künstler Ai Weiwei, der in der Volksrepublik weniger für seine Werke als für seine regierungskritischen Onlineaktionen bekannt ist. „Die nächste chinesische Revolution wird sicherlich aus dem Internet kommen.“ Diese Hoffnung geben Ai und seine Gleichgesinnten auch nach dem Aufsehen erregenden Abzug von Google. Der weltgrößte Suchmaschinenbetreiber leitet seit vergangener Woche alle Anfragen an seine chinesische Seite „Google.cn“ nach Hongkong weiter, wo politisch sensible Begriffe wie „Tiananmen“, „Tibet“ oder „Falungong“ nicht gefiltert werden müssen. Zwar können Chinas Zensoren unliebsame Inhalte mit ihrer eigenen Software weiterhin blockieren oder den Google-Zugang für Chinesen bei Bedarf auch ganz abstellen. Doch nichtsdestotrotz ist der Fall für Peking eine Blamage, hat er doch vielen Internetbenutzern vor Augen geführt, welche Bemühungen ihre Regierung unternimmt, um ihnen online verfügbares Wissen vorzuenthalten.</p>
<p>Trotzdem dürften kritische Diskussionen sich auch in Zukunft kaum leichter kontrollieren lassen als vorher. „Viele von Chinas 384 Millionen Internetbenutzern engagieren sich in leidenschaftlichen Debatten über die Probleme ihrer Gemeinschaften, öffentliche Anliegen und die Zukunft des Landes“, erklärt die Internetforscherin Rebecca MacKinnon. In einer Studie fand sie heraus, wie unsicher die Behörden im Umgang mit sensiblen Inhalten sind: MacKinnon erstellte Accounts bei allen großen chinesischen Internetportalen und veröffentlichte in deren Chatforen identische Texte zu heiklen Themen wie Korruption oder ethnischen Minderheiten. „Überraschenderweise war die Reaktion der Zensoren überall unterschiedlich“, beobachtete die US-Amerikanerin. „Bei einigen Seiten wurden die Beiträge sofort gelöscht, bei anderen erst nach einiger Zeit und bei einigen gar nicht.“ MacKinnon schließt daraus, dass es bei der Zensur große menschliche Ermessensspielräume gibt: Was der eine Zensor löscht, lässt der andere durchgehen. Da die Internetpolizei grundsätzlich nicht auffallen will, wägt sie stets ab, ob ein Beitrag das Potential hat, große Aufmerksamkeit zu erregen, oder ob er nur vom Verfasser und wenigen Freunden beachtet wird. Doch obwohl die Zahl der Zensoren auf mehrere zehntausend geschätzt wird, sind sie der Datenflut des Internets nicht gewachsen und bemerken viele Texte erst, wenn es zu spät ist und die Links vielfach weiterkopiert worden sind.</p>
<p>So wird durch Blogs immer wieder bekannt, was die Staatsmedien eigentlich verschweigen würden. Als kürzlich während des Nationalen Volkskongresses der Gouverneur der Provinz Hubei, Li Hongzhong, einer Reporterin ihr Diktiergerät wegnahm, weil sie ihm eine unangenehme Frage gestellt hatte, tauchte die Nachricht wenig später im Internet auf. Dort sorgte sie für so viel Wirbel, dass auch die Staatsmedien die Meldung aufgriffen, und Li in Bedrängnis brachten. Dabei bezog sich die Frage, der er auszuweichen versucht hatte, ausgerechnet auf einen weiteren Internetskandal in seiner Provinz: Vergangenes Jahr war dort eine Hotelangestellte namens Deng Yujiao wegen des Mordes an einem hohen Beamten festgenommen worden. Erst durch die Recherchen von Bloggern kam heraus, dass Deng in Notwehr gehandelt hatte, weil der Kader sie vergewaltigen wollte. Per Internet formierte sich auch der Protest gegen die mangelnde Aufklärung nach dem verheerenden Erdbeben im Mai 2008, als tausende Kinder in marode gebauten Schulgebäuden umkamen. Der Künstler Ai Weiwei organisierte über seinen Blog eine Gruppe von Freiwilligen, die auf eigene Faust erforschten, was die Behörden verschweigen wollten. Auch nach den ethnischen Unruhen in Xinjiang und Tibet verbreiteten sich im Internet Bilder und Berichte über das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte. Peking wusste sich nicht anders zu helfen, als das Internet in den Provinzen zeitweise abzustellen.</p>
<p>Wie nervös die Regierung auf den Protest aus dem Netz reagiert, zeigt ein internes Papier das im vergangenen Jahr alle Behörden anmahnte, ein besonderes Augenmerk auf Onlineberichte zu legen. „Fehlverhalten von Beamten, das im Netz offengelegt und verbreitet wird, kann gewaltige Kritik von Internetbenutzern hervorrufen“, hieß es darin. „Die öffentliche Meinung über die Partei und Regierung könnte sich damit radikal verändern.“ Diejenigen, die auf eine Demokratisierung des Internets hoffen, sehen darin ein Signal, dass sie an der richtigen Front kämpfen. So warb Internetforscherin MacKinnon kürzlich in einer Anhörung des US-Kongresses zum Google-Fall dafür, Chinas Internetbenutzer bewusst zu unterstützen. „Eine demokratische Alternative zu Chinas Internet-Autoritarismus wird es nur geben, wenn die Chinesen sie selbst entwickeln und aufbauen“, ist MacKinnon überzeugt. Was sie damit meint? Nicht etwa die Rückkehr von Google, sondern die Verbreitung von Software, mit der sie die „Great Firewall“ umgehen oder die Identität von Internetbenutzern verschleiern lässt.</p>
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		<title>Ohne Filter</title>
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		<pubDate>Wed, 24 Mar 2010 01:16:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Googles Umzug könnte auch für China eine Gesicht wahrende Lösung sein.</h3>
Wissen ist Macht. Kein Wunder, dass die Kommunistische Partei Chinas es als direkten Angriff auf ihre Herrschaft betrachtet, dass der US-Internetkonzern Google den Chinesen ungefilterten Zugang zu Informationen ermöglichen will. Die strikte Kontrolle darüber, was das Volk wissen darf und was nicht, ist eine tragende Säule der Pekinger Ein-Partei-Diktatur. Die Zensur verhindert, dass in China die Macht vom Volke ausgehen kann...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Googles Umzug könnte auch für China eine Gesicht wahrende Lösung sein.</h3>
<p>Wissen ist Macht. Kein Wunder, dass die Kommunistische Partei Chinas es als direkten Angriff auf ihre Herrschaft betrachtet, dass der US-Internetkonzern Google den Chinesen ungefilterten Zugang zu Informationen ermöglichen will. Die strikte Kontrolle darüber, was das Volk wissen darf und was nicht, etwa über das Tiananmen-Massaker oder inhaftierte Demokratieaktivisten wie Liu Xiaobo, ist eine tragende Säule der Pekinger Ein-Partei-Diktatur. Die Chinesen sollen die Welt so sehen, wie der staatliche Propagandaapparat sie ihnen präsentiert. Die Zensur verhindert, dass in China die Macht vom Volke ausgehen kann.</p>
<p>Wissen ist ein Menschenrecht, das Chinas Regierung seiner Bevölkerung vorenthält. Darauf beruft sich Google bei seiner Entscheidung, Pekings Zensurbestimmungen nicht länger zu akzeptieren und seinen chinesischen Suchdienst künftig von der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong aus zu betreiben, wo Presse- und Meinungsfreiheit durch die Regelung &#8220;Ein Land, zwei Systeme&#8221; bis heute geschützt sind.</p>
<p>Das Unternehmen mit dem Leitspruch &#8220;Don´t be evil&#8221; will nicht länger gezwungen sein, seine Suchergebnisse zu kastrieren und Verfasser kritischer Texte oder E-Mails bei den Behörden zu verpfeifen. Es ist ein mutiger Schritt, mit dem Google sein gesamtes China-Geschäft aufs Spiel setzt. Kein Konzern hat je Vergleichbares gewagt.</p>
<p>Doch Wissen ist nicht nur Macht und Menschenrecht, sondern auch eine Ware &#8211; und kein Unternehmen verdient mit ihrem Handel mehr Geld als Google. Unternehmerisch betrachtet ist der Kampf gegen Chinas Zensoren kein moralisches Heldenstück, sondern eine betriebswirtschaftliche Vernunftentscheidung. Googles vierjährige Präsenz in der Volksrepublik ist keine Erfolgsgeschichte. Mit Einnahmen von 200 Millionen US-Dollar im Jahr macht das China-Geschäft kaum ein Prozent des globalen Umsatzes von 22 Milliarden Dollar aus, und mit einem Marktanteil von rund einem Drittel ist Google in China nur die Nummer zwei hinter dem von der Regierung unterstützten Konkurrenten Baidu.</p>
<p>Chinas Regulatoren haben verhindert, dass die Amerikaner ihre Marktdominanz entfalten konnten, die darauf beruht, dass ihre Suchmaschine nicht nur Webinhalte analysiert, sondern auch ihre Benutzer, für die individuell angepasste Werbung geschaltet wird. In China darf Google diese Informationen nicht als Geschäftsgeheimnis unter Verschluss halten, sondern muss sie den Behörden zugänglich machen, die sie ungeniert an die Konkurrenz weitergeben.</p>
<p>Auch die Verzahnung von Googles verschiedenen Internetplattformen wurde behindert; unter anderem sind der Videodienst YouTube und das Diskussionsforum Blogspot blockiert. Unter diesen Bedingungen dürfte Google zu der Erkenntnis gelangt sein, dass der chinesische Markt mehr Risiken als Chancen birgt. Nicht böse zu sein, ist einfach, wenn es gleichzeitig den eigenen Interessen dient.</p>
<p>Ob sich Google tatsächlich vollständig aus China zurückziehen muss oder lukrative Geschäftszweige wie den Werbungsverkauf behalten kann, liegt in der Hand der chinesischen Regierung. Zwar könnte sie Google kurzerhand blockieren, doch damit würde sie Millionen Benutzer mit der Nase darauf stoßen, wie weit sie für die Zensur zu gehen bereit ist. Deshalb dürfte sie sich wohl entscheiden, den Status quo zumindest vorerst zu akzeptieren.</p>
<p>Obwohl Peking den Umzug nach Hongkong als Affront bezeichnet, könnte er sich für beide Seiten als Gesicht wahrende Lösung erweisen. Chinas Zensoren können behaupten, sich mit ihrer Forderung durchgesetzt zu haben, Google müsse die Gesetze der Volksrepublik respektieren. Die Möglichkeit, den Zugang zu unliebsamen Internetseiten zu blockieren, haben sie weiterhin. Die sogenannte &#8220;Great Firewall&#8221;, die Inhalte automatisch auf kritische Wörter durchsucht, wird unaufhaltsam ausgebaut. Allerdings wird chinesischen Benutzern von Google.cn stärker als vorher bewusst werden, dass ihnen bestimmte Inhalte vorenthalten werden.</p>
<p>Denn während die Selbstzensur der Suchmaschinen dazu führen soll, dass nur harmlose Ergebnisse angezeigt werden, greift die Zensur bei ausländischen Suchdiensten erst, wenn ein Link geöffnet werden soll. Jeder Benutzer wird dann merken, dass ihm ein Teil des Wissens der Welt vorenthalten wird &#8211; und sich womöglich dafür interessieren, wie es auf der anderen Seite der Großen Mauer aussieht.</p>
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		<title>Google geht aufs Ganze</title>
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		<pubDate>Tue, 23 Mar 2010 15:13:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Google betreibt seinen chinesischen Suchdienst künftig von Hongkong aus. Peking sieht das als Affront.</h3>
Herr Sun ist ein Zensor. Für einen großen chinesischen Internetkonzern reinigt er Blogs und Chatforen von „ungesunden Inhalten“: pornographischen Bildern und Gewaltdarstellungen, vor allem aber kritischen Texten, die den zentral kontrollierten Wahrheiten der Kommunistischen Partei zuwiderlaufen. „Wir bekommen jeden Tag neue Listen mit Begriffen, die wir überprüfen müssen“, erzählt Sun...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Google betreibt seinen chinesischen Suchdienst künftig von Hongkong aus. Peking sieht das als Affront.</h3>
<p>Herr Sun ist ein Zensor. Für einen großen chinesischen Internetkonzern reinigt er Blogs und Chatforen von „ungesunden Inhalten“: pornographischen Bildern und Gewaltdarstellungen, vor allem aber kritischen Texten, die den zentral kontrollierten Wahrheiten der Kommunistischen Partei zuwiderlaufen. „Wir bekommen jeden Tag neue Listen mit Begriffen, die wir überprüfen müssen“, erzählt Sun.</p>
<p>Dazu gehören „Demokratie“, „Tiananmen“ und „Dalai Lama“, aber etwa auch „Namibia“, wo der Sohn von Staatspräsident Hu Jintao unter Korruptionsverdacht geraten ist. „Wenn ein Wort in einem unerlaubten Zusammenhang auftreten, sperren wir die Seite und verfolgen natürlich auch nach, wer das geschrieben hat“, erklärt der Endzwanziger. Besonders stolz ist er auf seinen Job nicht, aber es ist der beste, den er finden konnte.</p>
<p>In Zukunft wird Sun noch etwas genauer hinschauen müssen. Denn nachdem Google in der Nacht zum Dienstag überraschend begonnen hat, seinen chinesischen Suchdienst von Hongkong aus zu betreiben, um die Zensurbestimmungen in der Volksrepublik zu umgehen, könnten unliebsame Informationen sich leichter verbreiten als bisher. Zwar haben Chinas Zensurbehörden angekündigt, die Kontrolle von Internetinhalten nicht lockern zu wollen. Doch ob sie dabei so weit gehen würden, die Seite „Google.cn“ vollständig zu blockieren, ließen sie vorerst offen.</p>
<p>Die ehemalige britische Kronkolonie Hongkong ist zwar seit 1997 Teil der Volksrepublik, genießt aber nach der Regelung „Ein Land, zwei Systeme“ volle Presse- und Meinungsfreiheit. So konnten chinesische Internetbenutzer mit dem umgeleiteten Google-Dienst am Dienstag unzensiert nach kritischen Themen suchen. Viele der gefundenen Links ließen sich allerdings nicht öffnen, weil Chinas sogenannte „Great Firewall“ ausländische Seiten automatisch auf sensible Begriffe scannt und gegebenenfalls blockiert.</p>
<p>Auf einer neu eingerichteten Seite zeigt Google künftig an, welche Dienste in China erreichbar sind. Am Dienstag funktioniert die Suche nach Webseiten, Bildern und Nachrichten, während die Videoseite YouTube und die Publishing-Tools Sites und Blogger blockiert wurden.</p>
<p>Mit dem Umzug nach Hongkong geht der wochenlange Machtkampf zwischen Google und Chinas Regierung in die entscheidende Runde. Google hatte am 12. Januar erklärt, sich nicht länger an diese Vorschriften zur Selbstzensur halten zu wollen, nachdem Server des Unternehmens angeblich von chinesischen Hackern angegriffen worden waren, die unter anderem Emailkonten chinesischer Dissidenten ausspionieren wollten. Chinas Regierung bestreitet, in Hackeraktivitäten verwickelt zu sein, und wirft Google politische Motive vor. Der Streit belastet auch die Beziehungen zwischen Peking und Washington. Mehrere Verhandlungsrunden zwischen Google und der Regierung scheiterten.</p>
<p>Diese fuhr am Dienstag scharfe Rhetorik auf. „Google hat ein schriftliches Versprechen gebrochen, das es beim Eintritt in den chinesischen Markt abgegeben hat“, wiederholte ein Regierungssprecher die offizielle Position, dass jedes ausländische Unternehmen sich an chinesische Gesetze halten müsse, wozu für Suchmaschinenbetreiber auch die Selbstzensur vor Ergebnissen gehört. „Die Filterung der Suchfunktion aufzuheben ist vollkommen falsch.“ Peking kündigte Google ein „Nachspiel“ an, ohne die Drohung allerdings zu konkretisieren.</p>
<p>Bei Google glaubt man allerdings, mit der Verlagerung nach Hongkong einen rechtlich einwandfreien Ausweg gefunden zu haben. Google-Manager David Drummond bezeichnete das Arrangement auf dem Firmenblog als „sinnvolle Lösung zu unseren Herausforderungen &#8211; sie ist vollständig legal und wird den Informationszugang für Menschen in China bedeutend erhöhen“. Drummond erklärte, das Unternehmen wolle andere chinesische Geschäftsaktivitäten, darunter sein Entwicklungslabor und den Anzeigenverkauf, weiterhin aufrecht erhalten.</p>
<p>Da Google fürchtet, seinen chinesischen Angestellten könnten nun Repressalien drohen, stellte Drummond klar, die Entscheidungen seien alle in den USA gefallen. Aktuell beschäftigt das Unternehmen in China an drei Standorten rund 600 Mitarbeiter. Doch selbst wenn das Unternehmen sein Chinageschäft auf Pekings Druck vollständig schließen müsste, wäre die Auswirkung auf die Bilanz des Unternehmens gering. Laut Branchenanalysten beläuft sich Googles Umsatz in China auf gerade einmal 200 Millionen Dollar – das ist nicht einmal ein Prozent des Gesamtumsatzes von jährlich 22 Milliarden Dollar.</p>
<p>Anders als in den meisten Ländern ist Google im chinesischen Suchmaschinenmarkt mit einem Anteil von 35 Prozent nur die Nummer zwei, hinter dem von der Regierung unterstützten chinesischen Konkurrenten Baidu mit über 60 Prozent. Baidu könnte nun zum Nutznießer von Googles Rückzug werden. Allerdings versucht auch der Rivale Microsoft mit seiner Suchmaschine Bing in China Fuß zu fassen.</p>
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		<title>Nicht mehr böse</title>
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		<pubDate>Wed, 13 Jan 2010 21:46:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Meinungsfreiheit]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Google will sich nicht länger den chinesischen Zensurbestimmungen unterwerfen – und dem größten Computermarkt der Welt notfalls ganz den Rücken kehren.</h3>
"Um 11:45 Uhr möchte ich Google Blumen überreichen, wer macht mit?" lautete die Nachricht, die ein chinesischer Internetnutzer mit dem Codenamen "Richter Li" auf seiner Twitterseite veröffentlichte. Gut eine Stunde später stehen 30 junge Chinesen mit Sträußen vor dem Pekinger Bürohaus, in dem der US-Internetkonzern sein China-Hauptquartier hat. "Wir sind stolz auf Google", sagt eine Frau, die als Programmiererin für den chinesischen Konkurrenten Sina arbeitet...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Google will sich nicht länger den chinesischen Zensurbestimmungen unterwerfen – und dem größten Computermarkt der Welt notfalls ganz den Rücken kehren.</h3>
<p>&#8220;Um 11:45 Uhr möchte ich Google Blumen überreichen, wer macht mit?&#8221; lautete die Nachricht, die ein chinesischer Internetnutzer mit dem Codenamen &#8220;Richter Li&#8221; auf seiner Twitterseite veröffentlichte. Gut eine Stunde später stehen 30 junge Chinesen mit Sträußen vor dem Pekinger Bürohaus, in dem der US-Internetkonzern sein China-Hauptquartier hat. &#8220;Wir sind stolz auf Google&#8221;, sagt eine Frau, die als Programmiererin für den chinesischen Konkurrenten Sina arbeitet und in ihrer Mittagspause hierhergekommen ist. &#8220;Google will Meinungsfreiheit, und das wollen wir auch.&#8221;</p>
<p>Der Wachdienst gerät ins Schwitzen. &#8220;Das ist eine illegale Blumenübergabe&#8221;, versucht einer der Sicherheitsmänner die Gratulanten abzuwimmeln, doch als diese beharrlich bleiben, dürfen sie ihre Bouquets schließlich doch abgeben. Im Lauf des Tages kommen noch Dutzende weitere Sträuße dazu &#8211; und werden von den schnell angerückten Polizeitrupps einkassiert.</p>
<p>Mit den Blumen reagiert Chinas Internetgemeinde auf die Bombe, die das weltgrößte IT-Unternehmen wenige Stunden zuvor hatte platzen lassen: Nach massiven Hacker-Angriffen auf die Google-E-Mail-Konten chinesischer Dissidenten erwägt der Konzern den Rückzug aus dem chinesischen Markt.</p>
<p>&#8220;Mitte Dezember haben wir einen sehr raffinierten und gezielten Angriff auf die Infrastruktur unseres Unternehmens entdeckt, der zum Diebstahl von Googles geistigem Eigentum führte&#8221;, heißt es in einer Mitteilung von Googles Chefjurist David Drummond. &#8220;Uns liegen Hinweise vor, wonach es ein Hauptziel der Angreifer war, Zugang zu den Adressen von chinesischen Bürgerrechtlern zu erhalten.&#8221; Daraufhin habe Google beschlossen, sein Engagement in der Volksrepublik auf den Prüfstand zustellen.</p>
<p>&#8220;Wir haben entschieden, dass wir nicht mehr bereit sind, unsere Ergebnisse auf Google.cn zu zensieren&#8221;, erklärte Drummond &#8211; wie es dem Firmenmotto gemäß ist: Don&#8217;t be evil. &#8220;Wir sind uns darüber bewusst, dass dies zum Abschalten von google.cn und zur Schließung unserer Büros in China führen kann.&#8221;</p>
<p>Nach chinesischem Gesetz ist Google verpflichtet, Suchanfragen sowie E-Mails auf sensible Begriffe wie &#8220;Demokratie&#8221; oder &#8220;Tibet&#8221; zu filtern und Informationen darüber an die Sicherheitsbehörden weiterzuleiten. In den vergangenen Jahren wurden viele Regimekritiker aufgrund von solchen Informationen zu harten Haftstrafen verurteilt. Zwar kündigte Google an, in Gesprächen mit der Regierung ausloten zu wollen, inwiefern ein ungefilterter Betrieb der Suchmaschine möglich ist. Doch ein Nachgeben der Regierung gilt als äußerst unwahrscheinlich.</p>
<p>Die Kommunistische Partei betrachtet ihr Informationsmonopol als eine der wichtigsten Voraussetzungen für ihren Machterhalt. Dennoch dürfte der Fall zu einem Politikum werden. US-Außenministerin Hillary Clinton verlangte eine Erklärung für die Angriffe. Die Hacker-Vorwürfe lösten &#8220;ernsthafte Beunruhigung und Fragen aus&#8221;, heißt es in einer Erklärung. ,&#8221;Wir werden einen ausführlichen Kommentar zu dieser Frage geben, sollten sich die Fakten als wahr erweisen.&#8221;</p>
<p>Chinas Regierung scheint derweil noch mit einer Reaktion zu ringen. Eine offizielle Stellungnahme gibt es bisher nicht. Sie griff auch nicht sofort ein, als Google alle bisherigen Restriktionen für Suchergebnisse aufhob. So konnten Internetbenutzer ungehindert Bilder über das Tiananmen-Massaker herunterladen. Chinesische Medien wurden allerdings angewiesen, sich in ihrer Berichterstattung strikt an die staatliche Nachrichten-Agentur Xinhua zu halten, die zwar meldete, dass Google seinen Abzug aus China erwägt, ohne allerdings auf die Gründe einzugehen.</p>
<p>Stattdessen wirft Xinhua dem Unternehmen Verantwortungslosigkeit gegenüber seinen 700 chinesischen Mitarbeitern vor und zitiert einen Politologen mit den Worten: &#8220;Für die Regierung macht es keinen Unterschied, wenn Google China aufgibt, aber für Google wäre es ein gewaltiger wirtschaftlicher Verlust.&#8221;</p>
<p>Wie groß der Verlust tatsächlich wäre, ist allerdings fraglich. Bisher waren Googles Erfahrungen in China nicht gerade eine Erfolgsstory. Marktführer bei Suchmaschinen ist der chinesische Konzern Baidu mit einem Anteil von 64 Prozent. Googles Marktanteil beläuft sich auf 31 Prozent. Google hatte 2006 seine chinesische Suchmaschine in Betrieb genommen, doch schon davor hatte das Unternehmen einen Marktanteil von rund 20 Prozent, weil viele Chinesen die amerikanische Google-Seite benutzten.</p>
<p>Laut Branchenanalysten beläuft sich Googles Chinageschäft auf gerade einmal 200 Millionen Dollar &#8211; das ist nicht einmal ein Prozent des Gesamtumsatzes von jährlich 22 Milliarden Dollar. Solange Googles Webseiten in China nicht völlig blockiert werden, könnte das Unternehmen zumindest einen Teil seiner Aktivitäten auch von den USA aus weiter betreiben. Außerdem dürften hinter Googles Abkehr von China neben Empörung über die Einschränkungen der Meinungsfreiheit auch Sorgen über den Schutz von Betriebsgeheimnissen stehen. Schließlich beruht Googles Suchmaschinenstrategie darauf, dass große Mengen an Daten über die Benutzer gesammelt werden, mit deren Auswertung sich individuell zugeschnittene Werbeschaltungen ermöglichen lassen. Dass Chinas Behörden Google nicht erlauben, die gesammelten Informationen unter Verschluss zu halten, könnte eine Bedrohung des Geschäftsmodells darstellen.</p>
<p>Die Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch würdigte die China-Entscheidung als &#8220;großen Schritt zum Schutz der Menschenrechte&#8221;. Auch prominente Blogger begrüßten die Ankündigung. &#8220;Google möchte der chinesischen Regierung etwas über Verantwortung, Gewissen und Anstand beibringen&#8221;, schrieb etwa der Künstler Ai Weiwei auf seiner Twitterseite. Allerdings zeigten sich nicht alle Kritiker begeistert. &#8220;Googles Abgang ist ein Sieg für die Diktatoren&#8221;, schreibt etwa der Blogger Ran Yunfei. &#8220;Wenn alle Aufrichtigen China verlassen, bleiben nur noch die Gehorsamen über &#8211; das ist genau das, was die Diktatoren wollen.&#8221;</p>
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		<title>Demokratie für Anfänger</title>
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		<pubDate>Tue, 17 Nov 2009 02:14:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Barack Obama greift vor Shanghaier Studenten Pekings Zensurpolitik an und entwirft ein Amerikabild, das China als Vorbild dienen kann, ohne es zu bevormunden.</h3>
Manchmal möchte Barack Obama gerne Presse und Internet zensieren. Das hat er selbst gesagt und dann verschmitzt gelacht – wohl aus Vorfreude auf den damit zurechtgelegten rhetorischen Elfmeter, den er im nächsten Moment im Tor der chinesischen Regierung versenken würde...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Barack Obama greift vor Shanghaier Studenten Pekings Zensurpolitik an und entwirft ein Amerikabild, das China als Vorbild dienen kann, ohne es zu bevormunden.</h3>
<p>Manchmal möchte Barack Obama gerne Presse und Internet zensieren. Das hat er selbst gesagt und dann verschmitzt gelacht – wohl aus Vorfreude auf den damit zurechtgelegten rhetorischen Elfmeter, den er im nächsten Moment im Tor der chinesischen Regierung versenken würde. „Ich sollte ehrlich sein: Als Präsident der Vereinigten Staaten habe ich Momente, in denen ich mir wünsche, dass Informationen nicht so frei fließen würden, damit ich mir nicht ständig so viel Kritik anhören muss“, sagte Obama am Montag in Shanghai vor chinesischen Studenten, um dann ein leidenschaftliches Bekenntnis zur Informationsfreiheit abzulegen. In Wahrheit mache Kritik ihn nämlich „zu einem besseren Führer, weil ich gezwungen bin, Meinungen zu hören, die ich nicht hören will“, erklärte der US-Präsident. „So muss ich jeden Tag aufs Neue darüber nachdenken, ob ich wirklich das Bestmögliche für die Bürger der Vereinigten Staaten tue.“</p>
<p>Obamas elegant verpackte Kritik an Pekings Einschränkungen der Meinungs- und Pressefreiheit war der Höhepunkt der Auftaktveranstaltung seines dreitägigen Antrittsbesuchs in der Volksrepublik. Die nach dem Vorbild amerikanischer „Town-Hall-Meetings“ arrangierte Diskussionsrunde mit Shanghaier Jugendlichen war Obamas einzige Gelegenheit, das chinesische Volk direkt anzusprechen, und er nutzte sie, um ein Amerikabild zu entwerfen, das der Volksrepublik als Vorbild dienen kann, ohne sie zu bevormunden. Die scheinbar spontane Frage-Antwort-Runde war von beiden Seiten minutiös vorbereitet worden.<br />
Die handverlesenen Studenten sollen Internetberichten zufolge seit vergangener Woche in Klausur instruiert worden sein. Die Amerikaner hatten allerdings darauf bestanden, auch im Internet Fragen und in die Diskussion einbringen zu dürfen. Aus Angst vor Obamas Überzeugungskünsten hatte Chinas Regierung seinen Wunsch nach einer landesweiten Live-Übertragung abgelehnt. Nur ein kleiner Shanghaier Lokalsender sendete die Veranstaltung zeitgleich, im Internetauftritt der Staatsagentur Xinhua lief ein Text-Transkript – all das zur Mittagzeit, wo nur wenige Menschen vor Fernsehern oder Computern sitzen.</p>
<p>Trotz der eindeutigen Anspielungen vermied es Obama, der am Dienstag in Peking mit der chinesischen Führung zusammenkommen wird, auf Konfrontationskurs zu gehen. „Wir wollen Chinas Aufstieg nicht eindämmen“, erklärte der Präsident. „Im Gegenteil begrüßen wir China als starkes, wohlhabendes und erfolgreiches Mitglied der Weltgemeinschaft.“ Der stark gewachsene bilaterale Handel von derzeit jährlich 400 Milliarden Dollar auf beiden Seiten des Pazifiks Wohlstand und Arbeitsplätze geschaffen. Die Zusammenarbeit müsse noch verstärkt werden, denn viele globale Probleme ließen sich nur lösen, wenn bei Länder am gleichen Strang ziehen. Zu den Themen, die Obama und Außenministerin Hillary Clinton in den kommenden Tagen in Peking diskutieren werden, gehören die Stabilisierung der Weltwirtschaft, Handelsfragen, Klimaschutz und die Nuklearpläne Irans und Nordkoreas.</p>
<p>Doch auch vor traditionellen Konfliktfragen wie den Menschenrechten will – und kann &#8211; Obama sich nicht drücken. Zwar wollten die USA ihr System und ihre Werte niemandem aufzwingen, aber die Meinungsfreiheit, das Recht auf religiöse und politische Betätigung, die Gleichheit aller Menschen sowie die Rechte von religiösen und ethnischen Minderheiten seien allgemeingültig. „Die Prinzipien, für die wir stehen, sind nicht einzigartig für unsere Nation“, erklärte Obama. Vielmehr sei es auch in den USA ein langer und harter Kampf gewesen, die in der Verfassung festgelegten Grundrechte zu verwirklichen, was eher für als gegen ihre weltweite Geltung spreche.</p>
<p>Zar wird die Mehrheit der Chinesen von der Diskussionsrunde nur die Ausschnitte zu sehen bekommen, die Pekings Staatsmedien für sie zusammenschneiden. Doch Sympathiepunkte gewinnt Obama in China noch auf ganz andere Weise. Weil es bei seiner Ankunft in Shanghai regnete, verließ er die Airforce One mit einem Schirm in der Hand. Im chinesischen Internet wurden die Bilder bereits tausendfach kommentiert. „Der amerikanische Präsident ist wirklich ein bescheidener Mann“, schrieb ein Benutzer. „Unsere Politiker lassen sich den Regenschirm immer von anderen tragen.“</p>
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		<title>Die Netzmächtigen</title>
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		<pubDate>Sun, 08 Nov 2009 08:09:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Diktatur]]></category>
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		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Zensur]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Asiens Bloggerszene diskutiert in Hongkong über Strategien gegen Autokraten.</h3>
Thet Htoo sieht nicht aus wie ein Mann mit Macht. Er ist Ende zwanzig, Computerfreak mit langen Haaren und verwaschenen Jeans, der lieber auf den Bildschirm seines Notebooks schaut als seinem Gegenüber in die Augen. Doch mehr als einen Rechner braucht es nicht, um mächtig zu sein. Thet Htoo ist Mitbegründer der Bloggervereinigung Burmas - und damit für Ranguns Militärherrscher ein gefährliches Element...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Asiens Bloggerszene diskutiert in Hongkong über Strategien gegen Autokraten.</h3>
<p>Thet Htoo sieht nicht aus wie ein Mann mit Macht. Er ist Ende zwanzig, Computerfreak mit langen Haaren und verwaschenen Jeans, der lieber auf den Bildschirm seines Notebooks schaut als seinem Gegenüber in die Augen. Doch mehr als einen Rechner braucht es nicht, um mächtig zu sein. Thet Htoo ist Mitbegründer der Bloggervereinigung Burmas &#8211; und damit für Ranguns Militärherrscher ein gefährliches Element. &#8220;Unsere Aktivitäten werden sehr streng überwacht,und einige von uns wurden als Aktivisten verhaftet&#8221;, erzählt Thet Htoo. &#8220;Aber die Entwicklung des Internets lässt sich nicht aufhalten und auch nicht die Verbreitung von Informationen.&#8221;</p>
<p>Wie in Burma gilt das Internet auch in anderen Diktaturen und Autokratien als Medium, mit dem das Volk eines Tages die Herrschaft erobern könnte. Auch in Demokratien revolutioniert es das Verhältnis zwischen Wählern und Gewählten. Weil die damit verbundenen Hoffnungen und Herausforderungen viele Länder Asiens vereinen, hat sich die Bloggerszene der Region nun erstmals auch offline getroffen. Am Wochenende diskutierten die Netzmächtigen aus über 20 Ländern beim &#8220;Blogfest.Asia&#8221; in Hongkong, wie sich die virtuelle Welt nutzen lässt, um die wirkliche zu verbessern. &#8220;Ich blogge, also bin ich&#8221;, lautet ihr Motto.</p>
<p>Die Descartes-Abwandlung ist treffend: Das Internet verhilft in Asien vielen Interessengruppen erst zu ihrer Existenz. &#8220;Das Internet sollte nicht nur ein Ort sein, an dem man seine Gedanken verbreiten kann, sondern auch ein Forum, um sich zu organisieren&#8221;, sagt Isaac Mao, einer der Anführer der wirkmächtigen chinesischen Blogger-Guerilla. Erst in den letzten Tagen brachte das Internet ans Tageslicht, dass im Krankenhaus der Peking-Universität, einem der führenden des Landes, reihenweise Studenten als vollbefugte Ärzte arbeiten &#8211; mit teils fatalen Folgen für die Patienten. &#8220;Blogger sind wie soziale Neuronen: Jeder einzelne kann nur wenig ausrichten, aber gemeinsam sind wir mächtig&#8221;, meint Mao. &#8220;Wenn im Internet eine Lawine entsteht, weil sich viele Menschen für etwas interessieren, lässt sich das nicht stoppen.&#8221;</p>
<p>Der Austausch zwischen den Bloggern ist rege: Ein Vietnamese erkundigt sich, wie man Zensur im Internet am besten umgehen kann. Ein Malaie berichtet, wie seine Regierung kritische Online-Autoren mit Klagen zu ruinieren versucht. &#8220;Es ist wichtig, dass die Blogger dann Unterstützung organisieren&#8221;, sagt er. Tonyo Cruz aus den Philippinen erklärt, wie Manilas Internetgemeinde im September nach dem Taifun &#8220;Ondoy&#8221; Rettungsaktionen organisierte, mit denen die Behörden überfordert waren. &#8220;Da wurde vielen Menschen klar, inwas für einem desolaten Zustand unsere Regierung ist&#8221;, erklärt Cruz.</p>
<p>Doch nicht alle sind gekommen, um zum Angriff auf ihre Regierungen zu blasen. Viele treibt der Aufbau der nächsten Stufe der globalen Wissensgesellschaft an. &#8220;Es gibt im Netz interessante Debatten, die in den traditionellen Medien nicht stattfinden&#8221;, sagt Rebecca MacKinnon. Die Ex- Journalistin des Senders CNN forscht über das asiatische Internet und ist eine der Initiatorinnen des Forums Global Voices Online, das Internetdebatten aus aller Welt zu bündeln versucht. 400 Freiwillige übersetzen Einträge in über 20 Sprachen &#8211; die Vision ist eine globale Zeitung im Internet, die von Lesern produziert wird wie das Onlinelexikon Wikipedia. &#8220;Wir wollen vor allem Sprachen, in denen nur wenig veröffentlicht wird&#8221;, sagt Übersetzungs-Koordinator Leonard Chan aus Taiwan. Denn das Informationsangebot in Burmesisch, Bengalisch, Farsi oder Mongolisch sei viel kleiner als in Englisch oder Chinesisch. &#8220;Einige glauben, dass Englisch mit dem Internet endgültig Weltsprache wird &#8211; vielleicht passiert auch das Gegenteil&#8221;, sagt Chan.</p>
<p>Noch andere Ziele haben die Vertreter der philippinischen Insel Mindanao, die wegen der langjährigen Kämpfe zwischen Armee und Muslim-Rebellen regelmäßig Schlagzeilen macht. &#8220;Wer aus Mindanao kommt, steht schnell unter Terrorismusverdacht&#8221;, sagt Oliver Robillo, genannt Blogie. Dass auch das Internet dieses Problem nicht löst, merkte er, als er eine Googlesuche zu Mindanao startete und seitenweise Schreckensmeldungen erhielt. &#8220;Erst bei den hinteren Suchergebnissen konnte man erfahren, dass es bei uns auch anderes gibt, etwa atemberaubende Landschaften, seltene Orchideen und den größten Adler der Welt.&#8221; Deshalb gründete er die Bloggervereinigung Mindanaos,die das Image ihrer Heimat verbessern will. &#8220;Wer heute Mindanao googelt, bekommt ein bunteres Bild&#8221;, sagt er zufrieden.</p>
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		<title>Mehr Grautöne, bitte!</title>
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		<pubDate>Sat, 12 Sep 2009 00:43:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>China hat vor der Buchmesse gegen  Meinungs- und Pressefreiheit verstoßen. Aber wer es jetzt beim wohlfeilen China-Bashing belässt, vergibt eine einmalige Chance.</h3>
Chinas Gastlandauftritt bei der Buchmesse ist eine Chance. Damit sie genutzt werden kann, muss die gegenwärtige Debatte nicht nur anhalten, sondern viel besser werden. Alle dreschen auf China ein - die Vorlage ist halt verlockend, und moralisch kann man gar nichts falsch machen: Einen Monat vor der Frankfurter Buchmesse hat Peking mit dem gescheiterten Versuch, kritische Autoren an der Teilnahme einer Vorbereitungskonferenz zu hindern, alle Vorbehalte gegen den Gastlandauftritt bestätigt...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>China hat vor der Buchmesse gegen  Meinungs- und Pressefreiheit verstoßen. Aber wer es jetzt beim wohlfeilen China-Bashing belässt, vergibt eine einmalige Chance.</h3>
<p>Chinas Gastlandauftritt bei der Buchmesse ist eine Chance. Damit sie genutzt werden kann, muss die gegenwärtige Debatte nicht nur anhalten, sondern viel besser werden. Alle dreschen auf China ein &#8211; die Vorlage ist halt verlockend, und moralisch kann man gar nichts falsch machen: Einen Monat vor der Frankfurter Buchmesse hat Peking mit dem gescheiterten Versuch, kritische Autoren an der Teilnahme einer Vorbereitungskonferenz zu hindern, alle Vorbehalte gegen den Gastlandauftritt bestätigt. Die Debatte darüber, ob die Volksrepublik Gelegenheit bekommen sollte, sich bei der wichtigsten Veranstaltung des internationalen Verlagswesens darzustellen, wird nun mit ähnlicher Schärfe geführt werden wie der Disput um Pekings Olympische Spiele im Sommer 2008.</p>
<p>Selber schuld! Denn Chinas Regierung hat &#8211; insbesondere im Umgang mit der Pekinger Schriftstellerin Dai Qing &#8211; nicht nur gegen Gesetze zur Meinungs-, Presse- und Reisefreiheit verstoßen, die laut Verfassung auch in der Volksrepublik gelten. Die zuständige Behörde für Presse und Publikation hat außerdem alle Standards guter Öffentlichkeitsarbeit missachtet und viel zu spät erkannt, dass ihre Opposition gegen Dais Auftritt alle bisherigen Bemühungen um ein positives Chinabild auf einen Schlag zunichte macht. Damit haben sich die chinesischen Gastlandorganisatoren als das entlarvt, was sie sind: als eine Zensurbehörde, die abweichende Meinungen vernichtet.</p>
<p>Ganz gleich, ob China seine Delegation zurückzieht oder nicht &#8211; die Konferenz, an der sich der Konflikt entzündet hat, ist nicht mehr zu retten. Es ist nicht schade drum, denn die öffentliche Debatte, die sich um die Buchmesse entwickelt hat, ist allemal mehr wert als das politisch korrekte Programm der Organisatoren. Schließlich soll es um Völkerverständigung gehen &#8211; und im Streit lernt man mehr übereinander als in höflichen Podiumsdiskussionen.</p>
<p>Dennoch wäre es schade und schädlich, wenn sich der Diskurs über Chinas Gastlandauftritt nach diesem Wochenende weiterhin auf die Frage zugespitzt bliebe, ob und in welcher Funktion kritische Autoren rund um die Buchmesse in Erscheinung treten. Zwar wird und muss die Frage der chinesischen Meinungs- und Pressefreiheit zentral bleiben. Aber sie lässt sich nur mit einem für alle Seiten unbefriedigenden Jein beantworten.</p>
<p>Der Fall Dai Qing ist dafür das beste Beispiel: Dass in der Volksrepublik Autoren wie sie leben und arbeiten, beweist, dass zwischen dem Kontrollwahn der Kommunisten und dem westlichen Wunschbild eines freien China eine Menge Platz ist. Seit drei Jahrzehnten geht die Journalistin in ihren Büchern über Themen, die von der Umwelt bis zur Geschichte reichen, den Weg kompromissloser Wahrheitsliebe. Es ist ein schwieriger Weg voller persönlicher Entbehrungen und Gefahren. Aber gerade deshalb hat Dai es verdient, mehr zu sein als eine Reizfigur für die einen und eine Galionsfigur für die anderen. Wer von denen, die sich nun auf ihre Seite schlagen, hat je einen ihrer Texte gelesen &#8211; oder es jetzt ernsthaft vor?</p>
<p>Die Buchmesse bietet dazu Gelegenheit. Es ist eine einmalige Chance, Dai und dutzende andere chinesische Autoren, von denen im Westen noch kaum jemand gehört hat, erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Es lohnt sich hinzuschauen &#8211; und zwar nicht nur bei denen, die das Gütesiegel der Regimekritik tragen. Man muss kein Freiheitskämpfer sein, um wertvolle Literatur zu verfassen. So enthält auch die offizielle Schriftstellerdelegation, deren 130 Autoren dieser Tage häufig als „linientreu“ gebrandmarkt werden, ausgezeichnete Literaten wie Mo Yan, Yu Hua oder Li Er. Zwar mögen prominente Namen wie Dai Qing oder der des Nobelpreisanwärters Yan Lianke fehlen &#8211; aber auch ihre Werke werden in Frankfurt an den Ständen der ausländischen Verlage präsent sein.</p>
<p>Denn das ist das Wesen der Buchmesse: Sie ist nicht nur ein Buchfest, sondern in erster Linie ein Marktplatz für Verlage. Und da China im Publikationsgeschäft ein großer Markt und Marktakteur ist, sind die Verlage aus der Volksrepublik seit Jahren Teil der Buchmesse. Dass sie jetzt im Fokus der Öffentlichkeit stehen, ist eine Chance, die so schnell nicht wieder kommt. Wenn man sie nutzt, kann etwas Gutes daraus entstehen. Deswegen der Appell: Schluss mit schwarz und weiß &#8211; mehr Grautöne bitte!</p>
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		<title>Dai Qing fliegt</title>
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		<pubDate>Fri, 11 Sep 2009 08:41:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Kritische Autorin reist auf eigene Kosten nach Frankfurt. Nach ihrer Ausladung von der Buchemesse-Konferenz will sie vom Publikum aus mitdiskutieren.</h3>
Trotz ihrer Ausladung von der Vorbereitungskonferenz der Frankfurter Buchmesse ist die kritische chinesische Autorin Dai Qing am Freitagmorgen auf eigene Kosten nach Frankfurt geflogen, um im Publikum daran teilzunehmen. "Keiner kann mich jetzt mehr daran hindern, auf dem Symposium meine Meinung zu sagen", erklärte die 68-Jährige in einem Telefonat mit dem Autor, nachdem sie in Peking das Flugzeug bestiegen hatte...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Kritische Autorin reist auf eigene Kosten nach Frankfurt. Nach ihrer Ausladung von der Buchemesse-Konferenz will sie vom Publikum aus mitdiskutieren.</h3>
<p>Trotz ihrer Ausladung von der Vorbereitungskonferenz der Frankfurter Buchmesse ist die kritische chinesische Autorin Dai Qing am Freitagmorgen auf eigene Kosten nach Frankfurt geflogen, um im Publikum daran teilzunehmen. &#8220;Keiner kann mich jetzt mehr daran hindern, auf dem Symposium meine Meinung zu sagen&#8221;, erklärte die 68-Jährige in einem Telefonat mit dem Autor, nachdem sie in Peking das Flugzeug bestiegen hatte.</p>
<p>Bei ihrer Ausreise habe es von Seiten der Behörden keinerlei Behinderung gegeben. Dabei hatte das Amt für Presse und Publikation (GAPP), das Chinas Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse verantwortet und bei dem Symposium am kommenden Wochenende als Mitveranstalter auftritt, Dais Deutschlandreise verhindern wollen und damit gedroht, ihre 12-köpfige Delegation zurückzuziehen. Einige Mitglieder waren für die gleiche Maschine gebucht. Das Gastlandkomitee hat bisher nicht öffentlich zu dem Fall Stellung genommen, so dass noch unklar ist, ob Peking die Veranstaltung wie angekündigt platzen lassen wird.</p>
<p>Bis kurz vor dem Abflug war unklar, ob die in China mit Publikationsverbot belegte Autorin, die sich seit den Achtzigern vor allem als Investigativjournalistin zu Umweltthemen einen Namen gemacht hat, tatsächlich würde ausreisen können. &#8220;Am Freitagmorgen hat man mir am Flughafen mitgeteilt, dass mein von der Frankfurter Buchmesse gebuchtes Ticket storniert worden ist&#8221;, erklärte Dai.</p>
<p>Dabei habe die Lufthansa ihr noch am Nachmittag zuvor versichert, dass ihr Platz weiter reserviert sei. &#8220;Ich habe der Lufthansa Anweisungen gegeben, keine Stornierung zuzulassen&#8221;, so Dai. Trotzdem sei das Ticket um 17:58 Uhr chinesischer Zeit (11:58 deutscher Zeit) gesperrt worden. Sie könne nicht sagen, ob die Frankfurter Buchmesse ihren Trip im letzten Moment habe verhindern wollen, oder ob ein technischer Fehler vorliege. Eigentlich hatte die Buchmesse schon am Mittwoch, als eine Visumserteilung für Dai sehr unwahrscheinlich aussah, die des Tickets in Auftrag gegeben.</p>
<p>Erst am Donnerstagnachmittag hatte Dai von der deutschen Botschaft in Peking ein Expressvisum erhalten – obwohl die Buchmesse keine neue Einladung hatte schicken wollen, nachdem GAPP die erste Ausführung am Montag kurzerhand einkassiert hatte. &#8220;Nun musste ich aus eigener Tasche 14.000 Yuan (1400 Euro) für ein neues Ticket ausgegeben&#8221;, erklärte Dai. &#8220;Aber das Geld gebe ich gerne aus, um gegen willkürlichen Machtmissbrauch zu demonstrieren.&#8221; Sie wies darauf hin, dass sich mit Büchern in China nur ein Bruchteil dieser Summe verdienen ließe.</p>
<p>Chinesische Autoren könnten deswegen in der Regel nur an der Frankfurter Buchmesse nur auf Einladung teilnehmen. Die 130-köpfige Autorendelegation, die im Rahmen des Gastlandauftritts vom 14. bis 18. Oktober nach Frankfurt kommt, bestehe deshalb fast ausschließlich aus linientreuen Schriftstellern. Prominente, aber kritische Literaten wie etwa der für den Nobelpreis gehandelte Yan Lianke müssen dagegen daheim bleiben.</p>
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		<title>Buchmessekonferenz droht zu platzen</title>
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		<pubDate>Thu, 10 Sep 2009 10:51:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Kritische Autorin Dai Qing erhält Visum für Deutschland. Da die Frankfurter Buchmesse sie von der Rednerliste gestrichen hat, will sie nun im Publikum sitzen.</h3>
Die Vorbereitungskonferenz zu Chinas Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse droht zu platzen. Die kritische Schriftstellerin Dai Qing, deren Teilnahme Peking um jeden Preis verhindern will, hat am Donnerstag von der deutschen Botschaft in Peking doch noch ein Visum erhalten. Das bestätigte Dai. Dabei hatte sich die Buchmesse Anfang der Woche auf Druck des chinesischen Gastlandkomitees entschieden, die Einladung der Investigativ- und Umweltjournalistin, die in der Volksrepublik Veröffentlichungsverbot hat, nicht weiter zu verfolgen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Kritische Autorin Dai Qing erhält Visum für Deutschland. Da die Frankfurter Buchmesse sie von der Rednerliste gestrichen hat, will sie nun im Publikum sitzen.</h3>
<p>Die Vorbereitungskonferenz zu Chinas Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse droht zu platzen. Die kritische Schriftstellerin Dai Qing, deren Teilnahme Peking um jeden Preis verhindern will, hat am Donnerstag von der deutschen Botschaft in Peking doch noch ein Visum erhalten. Das bestätigte Dai. Dabei hatte sich die Buchmesse Anfang der Woche auf Druck des chinesischen Gastlandkomitees entschieden, die Einladung der Investigativ- und Umweltjournalistin, die in der Volksrepublik Veröffentlichungsverbot hat, nicht weiter zu verfolgen. Von der Rednerliste für das Symposium am kommenden Wochenende ist sie bereits gestrichen. Sollte Dai dennoch dort auftauchen, droht das Gastlandkomitee, das neben der Buchmesse und dem deutschen PEN-Zentrum als Veranstalter auftritt, seine zwölfköpfige Delegation zurückzuziehen, darunter den ehemaligen chinesischen Botschafter Mei Zhaorong und Journalisten des Staatssenders CCTV.</p>
<p>„Da ich dort als Rednerin offensichtlich nicht mehr erwünscht bin, würde ich mit gegebenenfalls ins Publikum setzen und Fragen stellen“, sagte Dai, die am Freitag für die gleiche Maschine gebucht ist wie die offizielle Delegation. „Schließlich ist das eine öffentliche Veranstaltung.“ Nachdem sich die Pekinger Behörde für Presse und Publikation (GAPP) am Montag geweigert hatte, Dai das offizielle Einladungsschreiben der Buchmesse auszuhändigen, machte die 68-Jährige nun den vorangegangenen Email-Verkehr als Einladung geltend, was von der Botschaft anerkannt wurde. Sie werde nun als Gast den PEN auftreten, nicht als Gast der Buchmesse, sagte sie. Dais Reise könnte nun nur noch daran scheitern, dass ihr von der Buchmesse gebuchtes Flugticket storniert wird, was bis Donnerstagnachmittag noch nicht der Fall war  – oder dass die Volksrepublik sie anderwärtig aufhält.</p>
<p>Bei der Buchmesse zeigte man sich konsterniert über Dais Versuch, doch noch in Frankfurt zu erscheinen. „Dann stürzt die ganze Veranstaltung garantiert in sich zusammen“, sagt Organisator Peter Ripken. „Wir wollten eine echte Debatte, aber ohne die chinesischen Teilnehmer würde die Konferenz zu einem Tribunal werden.“ Noch am Mittwoch sei er davon ausgegangen, dass Dai damit einverstanden sei, erst im Oktober nach Frankfurt zu kommen und dort bei einer Veranstaltung zu sprechen, die nicht unter dem Schirm des Gastlandauftritts stattfindet. Das chinesische Vorbereitungskomitee der Buchmesse stand am Donnerstag erneut nicht zu einer Stellungnahme zur Verfügung.</p>
<p>„Ich will in Frankfurt im Publikum sitzen und die offiziellen Vertreter fragen, warum es in der Volksrepublik nach 60 Jahren noch kein Presse- und Veröffentlichungsgesetz gibt“, sagte Dai. Aus den Redestichpunkten für ihren ursprünglich geplanten Auftritt, die dieser Zeitung vorliegen, geht hervor, dass Dai in Frankfurt den Mangel an Meinungsfreiheit anprangern wollte. Unter anderem wirft sie der Regierung vor, dass trotz scheinbar funktionierender Marktmechanismen und formal garantierter Presse- und Meinungsfreiheit noch immer der Propagandaapparat die Medien beherrsche. „In Frankfurt werden die offiziellen Vertreter sagen, dass China ein freies Land ist“, so Dai. „Aber solange ich und viele andere Schriftsteller daran gehindert werden, ihre Meinung zu sagen, kann von Freiheit keine Rede sein.“ Chinas Gastlandauftritt bei der Buchmesse, mit dem die Volksrepublik sich als offenes und freies Land präsentieren will, stehe sie kritisch gegenüber. „Was kann diese angebliche Kultur-Olympiade für die chinesischen Leser oder die Reform des Presse- und Verlagsgesetzes bringen?“ so Dai. „Für die gewöhnlichen Chinesen bringt das genauso wenig Verbesserungen wie Olympia 2008.“ Unter anderem wollte sie auf die Fälle der inhaftierten Regimekritiker Tan Zuoren, Liu Xiaobo und Hu Jia hinweisen. Dai hatte Anfang der Neunziger selbst zehn Monate im Gefängnis verbracht, weil sie 1989 als Ideengeberin für die Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen galt.</p>
<p>Neben der offiziell ausgeladenen, aber nun wohl doch anwesenden Dai hat die Konferenz am Donnertag einen weiteren prominenten Sprecher verloren. Der Pekinger Kulturwissenschaftler Wang Hui, der am Samstag den Hauptvortrag unter dem Titel „Die Krise der Modernität in Osten und Westen“ halten sollte, erklärte am Donnerstag, er werde nicht nach Frankfurt reisen. Sein Visumsantrag sei von der deutschen Botschaft aus formalen Gründen abgelehnt worden. Da die Frankfurter Buchmesse ihm die Einladungsunterlagen erst Ende August zugesandt habe, bestehe keine Zeit für einen neuen Antrag. „Ich wäre gerne in Frankfurt dabei gewesen, aber aus organisatorischen Gründen wird das nicht klappen“, sagte Wang dieser Zeitung. Bei GAPP wird man über seinen Rückzug nicht traurig sein: Wang gilt als Vordenker der „Neuen Linken“ gilt und scharf mit der Herrschaft der heutigen Regierung ins Gericht geht.</p>
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		<title>Auf einmal war die Einladung weg</title>
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		<pubDate>Tue, 08 Sep 2009 15:53:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Die Frankfurter Buchmesse hat ihren ersten Skandal. Ehrengast China versucht mit allen Mitteln den Auftritt der kritischen Autorin Dai Qing zu verhindern.</h3>
Chinas Ehrengastauftritt bei der Frankfurter Buchmesse hat seinen ersten Zensurskandal. Mit allen Mitteln versucht Peking den Auftritt der kritischen Schriftstellerin Dai Qing bei einem Symposium am Wochenende zu verhindern. Das von der Buchmesse ausgestellte Einladungsschreiben, mit dem Dai ein Visum beantragen sollte, ließ die Pekinger Behörde für Presse und Publikation (Gapp) kurzerhand verschwinden und droht mit der Absage der Konferenz...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die Frankfurter Buchmesse hat ihren ersten Skandal. Ehrengast China versucht mit allen Mitteln den Auftritt der kritischen Autorin Dai Qing zu verhindern.</h3>
<p>Chinas Ehrengastauftritt bei der Frankfurter Buchmesse hat seinen ersten Zensurskandal. Mit allen Mitteln versucht Peking den Auftritt der kritischen Schriftstellerin Dai Qing bei einem Symposium am Wochenende zu verhindern. Das von der Buchmesse ausgestellte Einladungsschreiben, mit dem Dai ein Visum beantragen sollte, ließ die Pekinger Behörde für Presse und Publikation (Gapp) kurzerhand verschwinden und droht mit der Absage der Konferenz, sollte die unliebsame Autorin doch noch einreisen können. Die Veranstaltung „China und die Welt &#8211; Wahrnehmung und Wirklichkeit“, die von der Buchmesse, dem chinesischen Ehrengastkomitee und dem deutschen PEN-Zentrum organisiert wird, soll einen Monat vor Eröffnung der Buchmesse „den Ton für die Hunderte nachfolgenden Veranstaltungen“ setzen, so die Ankündigung.</p>
<p>Doch aufgrund der Querelen im Fall Dai wird es wohl nicht der Ton sein, den Peking sich wünscht. „Unsere Regierung hat erklärt, die Buchmesse solle ein kulturelles Olympia werden“, sagte Dai gestern dieser Zeitung. Wie im Fall von Olympia wolle Peking dabei ein perfekt inszeniertes Selbstbild in die Welt tragen. „Im Oktober gibt China 50 Millionen Yuan (5 Millionen Euro) aus, um 100 ausgewählte Autoren nach Deutschland zu fliegen, aber wer wie ich unangenehme Wahrheiten sagen könnte, wird mit aller Macht an der Ausreise gehindert“, erklärte die 68-Jährige, die über zehn Bücher verfasst hat und seit den 80ern als eine der führenden chinesischen Investigativjournalistinnen und Umweltaktivistinnen gilt.</p>
<p>Da man in Peking um Chinas schlechtes Image in Sachen Meinungs- und Pressefreiheit weiß, hatten die chinesischen Gastlandorganisatoren mit der Konferenz eigentlich ihre Offenheit demonstrieren wollen. „Dieses Symposium gehört zu den Traditionen der Frankfurter Buchmesse, und nach sehr langer Bedenkzeit haben sich die Chinesen bereit erklärt, als Mitveranstalter aufzutreten“, sagt Peter Ripken, der die Veranstaltung koordiniert. Unter der Bedingung, auch eigene Redner benennen zu dürfen, habe Peking nicht nur kritische Referenten wie den Kulturwissenschaftler Wang Hui zugelassen, sondern auch das deutsche Pen-Zentrum als Mitorganisator akzeptiert. Dabei erkennen die Kommunisten den Pen im eigenen Land nicht an und ließen den Präsidenten des inoffiziellen chinesischen Pen, Liu Xiaobo, Ende 2008 verhaften, weil er mit anderen das Demokratiemanifest „Charta &#8217;08“ verfasst hatte.</p>
<p>Mit der Teilnahme von Dai Qing scheint Pekings Toleranz jedoch überstrapaziert. Bei der Buchmesse heißt es, das chinesische Gastland-Komitee habe mehrfach mündlich gedroht, die Veranstaltung platzen zu lassen, falls Dai dort sprechen werde. Das Komitee ignorierte gestern eine diesbezügliche Anfrage dieser Zeitung. Trotzdem schickte die Buchmesse Dai die für den Visumsantrag benötigte Einladung. Aufgrund einer „internen Kommunikationspanne“, wie es in Frankfurt betreten heißt, landete die Einladung allerdings bei Gapp, wo man sich weigerte, sie an Dai weiterzuleiten.</p>
<p>„Am Montagvormittag hat mir ein Gapp-Beamter namens Jiang Chuan am Telefon bestätigt, dass die Einladung eingegangen sei“, erzählt Dai. Da Jiang offenbar nicht wusste, dass die Autorin auf Pekings schwarzer Liste steht, versprach er, die Dokumente zu schicken. Als Dai das Schreiben wenige Stunden später persönlich abholen wollte, erklärte Jiang per SMS: „Ich habe den Auftrag, das Material zurückzusenden, es wird übermorgen in Deutschland ankommen.“ Als diese Zeitung Jiang gestern telefonisch erreichte, legte er mit dem Kommentar „Falsche Nummer“ auf.</p>
<p>„Wenn meine Reise jetzt daran scheitert, dass die Zeit für den Visumsantrag nicht mehr ausreicht, hat die Regierung ihr Ziel erreicht“, sagt Dai, deren Flug für Freitag gebucht ist. Allerdings wäre es nicht das erste Mal, dass die deutsche Botschaft in Peking ein Expressvisum ermöglicht. Voraussetzung wäre allerdings, dass die Buchmesse dem Protest der Chinesen zum Trotz alle Hebel in Bewegung setzt, Dais Anwesenheit zu ermöglichen.</p>
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		<title>„Chinas Wahrheit ist nicht elegant“</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Jul 2009 00:35:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
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		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
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		<category><![CDATA[Reform]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Der chinesische Schriftsteller Mo Yan erzählt, wie er vom Bauer zum Erfolgsautor wurde, weshalb Chinas Gegenwartsliteratur nicht ohne Gewalt auskommt und warum John Updike das nie verstehen konnte.</h3>
<em><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-1274" title="mo_yan_2" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/07/mo_yan_2-150x150.jpg" alt="mo_yan_2" width="150" height="150" />Frage: Mo Yan, ich sage es Ihnen lieber gleich zu Anfang: In diesem Gespräch wird es viel um Schubladendenken gehen.</em>

Mo Yan: (lächelt) Ach du liebe Güte!

<em>Frage: Wir wollen ja über chinesische Literatur reden, und davon verstehen wir im Westen leider so wenig, dass wir die Autoren meistens alle in einen Topf werfen. Das gilt auch für Sie: Ihre Romane werden bei uns in erster Linie als „chinesische Bücher“ gelesen, statt als Werke des einzigartigen Schriftstellers Mo Yan...</em>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der chinesische Schriftsteller Mo Yan erzählt, wie er vom Bauer zum Erfolgsautor wurde, weshalb Chinas Gegenwartsliteratur nicht ohne Gewalt auskommt und warum John Updike das nie verstehen konnte.</h3>
<p><em><img class="alignleft size-medium wp-image-1276" title="Mo_Yan" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/07/mo_yan_1-300x269.jpg" alt="Mo_Yan" width="300" height="269" />Frage: Mo Yan, ich sage es Ihnen lieber gleich zu Anfang: In diesem Gespräch wird es viel um Schubladendenken gehen.</em></p>
<p>Mo Yan: (lächelt) Ach du liebe Güte!</p>
<p><em>Frage: Wir wollen ja über chinesische Literatur reden, und davon verstehen wir im Westen leider so wenig, dass wir die Autoren meistens alle in einen Topf werfen. Das gilt auch für Sie: Ihre Romane werden bei uns in erster Linie als „chinesische Bücher“ gelesen, statt als Werke des einzigartigen Schriftstellers Mo Yan.</em></p>
<p>Mo Yan: Damit muss man leben. Und wir haben dieses Problem in China umgekehrt natürlich auch: Bei ausländischen Autoren steht eben immer zunächst die Nationalität im Vordergrund. Aber das macht ja auch den Reiz aus, denn so kann man durch Literatur fremde Länder und Kulturen kennen lernen.</p>
<p><em>Frage: Wobei man dann Romane eher wie Sachbücher liest, weil man ja gar nicht weiß, wo die Realität aufhört und die Fiktion beginnt.</em></p>
<p>Mo Yan: Das stimmt, aber letztlich schreiben Schriftsteller eben doch vor allem über das, was sie kennen. Und bei der chinesischen Gegenwartsliteratur muss man sich da ohnehin keine Gedanken machen: Realismus ist schließlich ihr entscheidendes Merkmal. Denn die Wirklichkeit so zu beschreiben, wie sie tatsächlich ist, darf man in China ja erst seit den Achtzigern.</p>
<p><em>Frage: Davor war die Zeit des sogenannten Sozialistischen Realismus, der zwar die Wirklichkeit im Namen, aber ansonsten nicht viel mit ihr zu tun hat.</em></p>
<p>Mo Yan: Ja, in der Zeit von Mao Zedong war die Literatur eine Waffe der Revolution und die Schriftsteller mussten die Gesellschaft so darstellen, wie sie dem sozialistischen Weltbild entsprach. Aber im Reformzeitalter ist dieses Tabu gebrochen worden, und heute schreiben wir, wie wir wollen: über die Politik und die Gesellschaft, das Leben und die Liebe, Gewalt und Sex.</p>
<p><em>Frage: Ihre Bücher zeichnen sich dadurch aus, dass sie diese neuen Freiheiten voll ausnutzen. John Updike hat einmal über Sie geschrieben, Ihre Literatur beschreibe „fröhlich frei die physischen Details die mit Sex, Geburt, Krankheit und gewaltsamem Tod einhergehen“. Updike, der davon etwas befremdet wirkte, erklärte sich das damit, dass der chinesische Roman offenbar nie „ein viktorianisches Zeitalter hatte, das ihn Anstand gelehrt hätte.“ </em></p>
<p>Mo Yan: So ist nun mal die Realität. Meine Bücher spielen alle vor dem Hintergrund der chinesischen Geschichte der letzten hundert Jahre, und die bestanden vor allem aus Krieg und Elend. Das ist auch meine persönliche Lebenserfahrung. Ich bin 1955 in einem armen Bauerndorf geboren und in der Zeit des Klassenkampfes aufgewachsen. Wegen der Kulturrevolution konnte ich nur fünf Jahre lang die Schule besuchen, danach musste ich in die Welt der Erwachsenen. Die Menschen haben sich damals pausenlos niedergemacht, mal mit Worten, mal mit körperlicher Gewalt. Wie sollte John Updike mit seinem gepflegten amerikanischen Mittelstandshintergrund das verstehen? Chinas Wahrheit ist eben nicht so elegant.</p>
<p><em>Frage: Wie wird man unter solchen Umständen zum Schriftsteller?</em></p>
<p>Mo Yan: Ich bin nicht mit großer Literatur aufgewachsen, sondern mit den Geschichten der Bauern. In unserer Gegend gab es einige großartige Erzähler, die abends die wildesten Anekdoten zum Besten geben konnten. Das war schon früh mein Traum: wie diese Bauern endlos Geschichten erzählen zu können. Und tatsächlich ist ihre Sprache, die ganz ungestüm, übertrieben und drastisch ist, zur Sprache meiner Bücher geworden &#8211; bis heute, obwohl ich inzwischen seit zwanzig Jahren in Peking lebe.</p>
<p><em>Frage: Bis heute lassen Sie ihre Bücher zum Großteil in ihrem Heimatdorf Gaomi spielen, und nicht etwa in den Städten, wo viele andere Gegenwartsautoren ihre Erzählungen ansiedeln.</em></p>
<p>Mo Yan: Gaomi ist meine Heimat, zumindest literarisch. Ich habe die ersten 21 Jahre meines Lebens dort verbracht. Danach wollte ich wie viele Chinesen dem Landleben entkommen, je weiter, umso besser. Aber beim Schreiben fühlte ich mich dann plötzlich wieder auf meine Heimat zurückgeworfen. Erst hat mich das beschränkt, bis ich gemerkt habe, was für ein Schatz das ist. Natürlich ist das Gaomi in meinen Büchern nur zum Teil echt, aber viele meiner Romanfiguren haben ihre Vorbilder in meinen dortigen Verwandten oder Nachbarn. Im Moment arbeite ich zum Beispiel an einem Buch, das auf der Geschichte einer Tante basiert, die fünfzig Jahre lang als Frauenärztin auf dem Land gearbeitet hat. Was die alles erlebt hat!</p>
<p><em>Frage: John Updike hätte damit sicher seine liebe Mühe gehabt.</em></p>
<p>Mo Yan: Ich schreibe gerne über Themen, die andere lieber vermeiden. Natürlich sind Beschreibungen von Brutalität und Leiden für die Leser nicht angenehm, aber ein Schriftsteller sollte keine Angst davor haben, die hässlichen Seiten des Lebens zu zeigen. Es ist sogar seine Verantwortung.</p>
<p><em>Frage: Warum?</em></p>
<p>Mo Yan: Schriftsteller sind die Ärzte der Gesellschaft. Unsere Aufgabe ist es, ihre Krankheiten zu finden, auch die der Regierung. Für westliche Intellektuelle mag das selbstverständlich klingen, aber in China ist es das noch längst nicht, weil bei uns die Medien ja vor allem den Auftrag haben, die Regierung zu loben. In den letzten Jahren ist die Berichterstattung zwar etwas besser geworden, aber echte Kritik und Enthüllungen kann sich nur die Literatur erlauben. Also muss man beides zusammen lesen, um ein objektives Bild zu bekommen: Die Zeitungen übertreiben Chinas Schönheit und wir Schriftsteller vergrößern seinen Schmerz.</p>
<p><em>Frage: Einige Kritiker sagen, dass sich unter solchen Umständen zwar eine interessante Aufarbeitung der chinesischen Geschichte, aber keine bedeutende Literatur entwickeln könne. Der deutsche Sinologe Wolfgang Kubin hat vor ein paar Jahren mit der Bemerkung Aufsehen erregt, China habe seit der Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949 keinen großen Autoren mehr hervorgebracht, weil das Land vom literarischen Diskurs der Welt abgeschnitten sei.</em></p>
<p>Mo Yan: Das kann ich schwer nachvollziehen und habe ehrlich gesagt meine Zweifel, ob Kubin sich in der chinesischen Gegenwartsliteratur wirklich gut auskennt. Seit den Achtzigern können wir ja alle bedeutenden Schriftsteller der Welt in Übersetzung lesen und ihre Schreibstile studieren. Ich finde, dass wir inzwischen sehr fortschrittlich sind.</p>
<p><em>Frage: Viele chinesische Gegenwartsschriftsteller sagen, die westliche Literatur habe sie stark beeinflusst. Gibt es denn überhaupt noch eine echte „chinesische“ Literatur, oder unterliegt die nicht ebenso den Einflüssen der Globalisierung wie viele andere Lebensbereiche? </em></p>
<p>Mo Yan: Die Globalisierung der Literatur ist zweifellos ein starker Trend. Aber so neu ist das auch wieder nicht. Die Weltliteratur war doch schon immer auf der Suche nach dem Menschen und den Kräften, die ihn antreiben. Der Unterschied ist nur der Ort, an dem die Suche losgeht: Bei den einen ist es New York, Paris oder Berlin, und bei mir eben Gaomi.</p>
<p><em>ZUR PERSON</em></p>
<p><em>Mo Yan, geboren 1956 in dem Bauerndorf Gaomi in der ostchinesischen Provinz Shandong, gehört zu Chinas erfolgreichsten Gegenwartsschriftstellern. Wegen der Kulturrevolution brach er nach der fünften Klasse die Schule ab und arbeitete in einer Fabrik. Mit 20 Jahren trat er in die Volksbefreiungsarmee ein, wo er zu schreiben begann und sich den Künstlernamen Mo Yan zulegte, der „Ohne Worte“ bedeutet.</em></p>
<p><em>Im Ausland wurde Mo Yan durch Zhang Yimous Verfilmung seines Romans „Das Rote Kornfeld“ berühmt, die 1988 auf der Berlinale den Goldenen Bären gewann. Zahlreiche Werke sind inzwischen auf Deutsch erschienen. Zuletzt erschien im Mai „Der Überdruss“ im Horlemann-Verlag. Im September kommt im Insel-Verlag „Die Sandelholzstrafe“ heraus.</em></p>
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