Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Aufstand gegen den Zensor

Ein Fall von Zensur bringt liberale Medien in China auf die Palme. Erstmals seit Jahrzehnten treten Journalisten im Reich der Mitte in den Streik.

Nach der Logik chinesischer Propagandakader hat Tuo Zhen alles richtig gemacht. Als der Chefzensor der Provinz Guangdong in den Vordrucken für die Neujahrsausgabe der einflussreichen Wochenzeitung «Nanfang Zhoumo» einen Leitartikel entdeckte, der offen politische Reformen forderte, liess er den Text kurzerhand aus dem Blatt schmeissen. Den weissen Platz füllte Tuo mit einem Meinungsstück aus eigener Feder – einer Lobeshymne auf die Errungenschaften der Kommunistischen Partei. Den Redaktoren wollte er damit eine Lektion erteilen: Sie sollten nicht glauben, die Regeln der politischen Korrektheit ignorieren zu können…

Bernhard Bartsch | 08. Januar 2013 um 08:04 Uhr

 

„Die Polizei darf bei mir einziehen“

Ai Weiwei hofft, Ende des Jahres als Gastprofessor in Berlin antreten zu können. Im Interview spricht er über das Leben nach seiner Festnahme, neue Formen des Protests und den Dokumentarfilm „Never Sorry“, der nächste Woche in die deutschen Kinos kommt.

Ai Weiwei lebt idyllisch. Im Garten seines Wohnstudios im Norden Pekings sprießen Bambus und Kiefern. Dichtes Efeu rankt die Hauswände empor. Ein Dutzend Katzen und mehrere Hunde tollen über den Rasen. Ai Weiwei sitzt in der Morgensonne und isst Kirschen. Die Kerne landen in einem gläsernen Aschenbecher, der die Form des Pekinger Olympiastadions hat. Ein Spucknapf mit hohem Symbolwert: Vor zehn Jahren wurde Ai durch seine Mitarbeit am Design des sogenannten „Vogelnests“ weltberühmt und zu einem der bestverkauften chinesischen Künstler. Doch noch vor den Olympischen Spielen 2008 distanzierte er sich von dem Projekt, weil er das Sportfest als geschmacklose Machtdemonstration der Kommunistischen Partei sah. Seitdem gilt er als Chinas prominentester und mutigster Regimekritiker…

Bernhard Bartsch | 04. Juni 2012 um 09:53 Uhr

 

China erhöht den Druck

Peking entzieht einer Al-Dschasira-Journalistin wegen kritischer Berichterstattung das Visum.

Peking China erhöht den Druck auf ausländische Journalisten. Zum ersten Mal seit 14 Jahren ist eine akkreditierte Korrespondentin des Landes verwiesen worden, teilte der Verein der Auslandskorrespondenten in China (FCCC) mit. Die Reporterin des arabischen Fernsehsenders Al-Dscha­sira, Melissa Chan, musste ausreisen, weil sich die Behörden über einen Enthüllungsbericht über Arbeitslager geärgert hatten…

Bernhard Bartsch | 08. Mai 2012 um 08:27 Uhr

 

Der Clown sagt sorry

Chinas Medien ringen um den richtigen Umgang mit dem Fall des Bürgerrechtlers Chen Guangcheng.

Peking Am Ende durfte er doch nicht mitfliegen, aber vielleicht reist er bald hinterher : Der Bürgerrechtler Chen Guangcheng war nicht mit an Bord, als Hillary Clinton am Samstag nach ihrer wohl dramatischsten Reise als US-Außenministerin Peking verließ. Drei Tage lang hatte sie mit Chinas Führung um das Schicksal des blinden Anwalts gerungen, der vor zwei Wochen aus dem Hausarrest geflohen war und in der US-Botschaft in Peking Zuflucht gesucht hatte. Für beide Seiten standen Grundsatzfragen auf dem Spiel…

Bernhard Bartsch | 07. Mai 2012 um 07:20 Uhr

 

Tomatenrepublik China

Die Turbulenzen in Chinas Kommunistischer Partei offenbaren ein kompliziertes Wechselspiel zwischen Staatspresse, Internetforen und Auslandsmedien.

In politisch turbulenten Zeiten können Tomaten zu Waffen werden. Seit Mitte April gehört „Xihongshi“ (Chinesisch für Tomate) zu den Begriffen, die bei Chinas Internetzensoren auf dem Index stehen. Alle Nachrichten über die rote Strauchfrucht werden seitdem entweder automatisch blockiert oder von Überwachungssoftware an die Cyberpolizei weitergeleitet. Denn Tomate ist eines der Synonyme, das Internetbenutzer für Bo Xilai verwenden, den ehemaligen Parteichef von Chongqing, der im Zentrum von Chinas wohl größtem politischem Skandal seit Jahrzehnten steht. „Xihongshi“ klingt so ähnlich wie „westliche rote Stadt“ – eine nahe liegende Anspielung auf die westchinesische Metropole, die unter Bo eine „rote Kampagne“ erlebte, die viele Beobachter an die Kulturrevolution erinnerte…

Bernhard Bartsch | 01. Mai 2012 um 05:59 Uhr

 

Kulturkampf im Kino

Chinesische Kinoplakate sind häufig Kopien von Hollywood-Postern. Dabei soll Chinas Filmindustrie den kulturellen Einfluss des Westens eigentlich bekämpfen.

Wenn chinesische Filmplakate ein Maßstab sind, wie gut sich Chinas eigene Kultur gegenüber westlichen Einflüssen behauptet, kann Pekings Führung nicht glücklich sein. Denn die Poster, die Besucher in die Kinos locken sollen, sind überwiegend von den Werbungen für Hollywoodblockbustern inspiriert und häufig sogar direkte Kopien. So etwa das Plakat für „Jingtian dongdi“ („Als Himmel und Erde bebten“), ein Epos über den heldenhaften Einsatz der Armee nach dem verheerenden Erdbeben in Sichuan im Jahr 2008. Das Bild zeigt eine Gruppe von Soldaten, die Chinas rote Flagge in den Boden rammen, eine imposante Szene, die patriotische Gefühle wecken soll…

Bernhard Bartsch | 26. April 2012 um 02:51 Uhr

 

Giftige Kapseln

Ein neuer Produktskandal erschüttert China: Pharmafirmen haben krebserregende Gelatine verwendet, um Materialkosten zu sparen.

Die Vorstellung im Internet klingt vertrauenserweckend. „Unsere Firma ist auf die Produktion von Gelatine spezialisiert (…) und wurde als Exportbasis für Medikamente und Lebensmittel vorgeschlagen“, präsentiert sich die Xueyang Glair Gelatin Factory aus der nordchinesischen Provinz Hebei auf einer englischsprachigen Webseite. Neben chinesischen Kunden hatte Manager Song Xunjie offensichtlich auch den internationalen Markt im Visier. Doch als Anfang der Woche die Polizei bei der Fabrik vorfuhr, fand sie die Anlage in Flammen stehend. Manager Song Kunjie hatte mit den Polizeibeamten gerechnet und bei dem Versuch, belastende Beweise zu vernichten, lieber gleich sein ganzes Werk angezündet…

Bernhard Bartsch | 19. April 2012 um 05:57 Uhr

 

Blog aus, Protest an

Chinas nervöse Zensurbehörde sperrt Kurznachrichten-Dienste – und erntet eine Kritik-Flut.

Charles Chao, Chef von Chinas größtem Internetportal Sina, musste am Dienstagmorgen ertragen, was im Webvokabular „Shitstorm“ heißt: eine Flut von Beschimpfungen. Dabei hatte der Manager nur über einen Kurznachrichtendienst im Netz eine harmlose Bemerkung über das schöne Wetter veröffentlicht. Innerhalb weniger Stunden antworteten mehrere Hundert Surfer. „Schanghais Wetter ist überhaupt nicht gut, wir haben starken Nordwind und schlechte Luft“, schrieb ein Nutzer. Mit dem Nordwind spielte er auf die Pekinger Parteiführung an, mit der Luftverschmutzung auf Chinas ungesundes Meinungsklima…

Bernhard Bartsch | 04. April 2012 um 06:26 Uhr

 

Putschgerüchte? Unsinn!

Internetgerüchte über einen Putsch in China zeigen, wie wenig die Kommunistische Partei die öffentliche Meinung im Griff hat.

Hat es in China einen Putsch gegeben? Natürlich nicht. Zwar kursieren in chinesischen Internetforen seit Tagen wilde Gerüchte: Mehrere Pekinger wollen hinter den Mauern des Regierungsviertels Zhongnanhai Schüsse gehört haben, andere berichten von einer verstärkten Militärpräsenz. Angebliche Insider verbreiten, der Chef des Sicherheitsapparats, Zhou Yongkang, habe die Macht an sich gerissen und besetze nun Schlüsselpositionen mit Verbündeten, um sich im Herbst selbst als Parteichef zu inthronisieren. China werde dann einen Linksruck erleben, wird kolportiert, und wieder auf den Weg kommunistischer Wirtschaftspolitik und maoistische Massenmobilisierung zurückkehren…

Bernhard Bartsch | 26. März 2012 um 04:56 Uhr

 

Dead Men Talking

China stoppt die umstrittene TV-Show „Interviews vor der Hinrichtung“. Dass die BBC Ausschnitte der seit fünf Jahren laufenden Sendung zeigt, ist Peking peinlich.

Ding Yu ist an diesem Montag nicht zu erreichen. Sie sei auf einer langen Drehreise, entschuldigen sie ihre Kollegen beim Justizkanal des chinesischen Provinzsenders Henan TV. Die Fernsehjournalistin möchte im schwierigsten Moment ihrer Karriere offenbar keine Interviews geben. Dabei beruht Dings zweifelhafter Ruhm gerade darauf, dass sie sich nie darum kümmerte, ob ihre Gesprächspartner von ihr befragt werden wollten. In ihrer Sendung „Interviews vor der Hinrichtung“ hat Ding fünf Jahre lang zum Tode verurteilte Verbrecher unmittelbar vor ihrer Exekution einem letzten, oft demütigenden Verhör unterzogen…

Bernhard Bartsch | 12. März 2012 um 14:30 Uhr

 

Toter Affe, verschreckter Tiger

Chinas Führung will das Fernsehen wieder parteitreuer haben – dabei sind die Zuschauer längst an Shows und Seifenopern gewöhnt.

Der Fernseher begleitet Frau An von morgens bis abends. „Wir machen ihn zum Frühstück an und dann läuft er, bis wir schlafen gehen“, erzählt die Pekinger Hausfrau. „Natürlich habe ich keine Zeit, immer hinzuschauen, aber wenn etwas Interessantes läuft, bekomme ich es mit.“ Ihre Hochhauswohnung ist klein genug, dass sie das Programm auch verfolgen kann, wenn sie in der Küche Gemüse schneidet oder im Schlafzimmer die Wäsche macht. Nur wenn die elfjährige Tochter nachmittags am Esstisch Hausaufgaben erledigt, wird der Ton leise gestellt. Zum Ausklang des Tages sitzt die Familie gemeinsam auf der Couch, knackt Sonnenblumenkerne und sieht sich eine Serie oder Unterhaltungssendung an. „Am liebsten schauen wir Casting-shows“, sagt Frau An. „Da geht es schließlich um echte Menschen.“…

Bernhard Bartsch | 24. Februar 2012 um 08:05 Uhr

 

„Den ganzen Sommer über geschmolzenes Eis“

Siemens steht in China vor einem Imagedesaster: Ein bekannter Blogger will einen Kühlschrank der Marke öffentlich zerstören, weil er angeblich nichts taugt.

„This is how“, lautet ein Werbespruch von Siemens: So geht’s! Aber so, wie das Unternehmen sich derzeit der chinesischen Öffentlichkeit darstellt, geht es ganz bestimmt nicht. Die Deutschen stehen vor einem Imagedesaster, weil sie eine Qualitätsbeschwerde des populären Bloggers Luo Yonghao ignorierten – oder zumindest nicht so beantworteten, wie dieser und seine Anhänger es sich gewünscht hätten. Aus Rache will Luo nun seinen Siemens-Kühlschrank vor dem Pekinger Firmensitz zertrümmern, unterstützt von anderen Prominenten, die ebenfalls ihre Siemens-Eistruhen mitbringen wollen…

Bernhard Bartsch | 18. November 2011 um 16:26 Uhr

 

Dem Teufel das Gesicht waschen

Die einen singen patriotische Lieder, die anderen werden gefoltert. Viele chinesische Medien beschäftigen derzeit die Frage: Wie leben Chinas Häftlinge?

Es muss ein lustiger Abend gewesen sein, als die Insassen des Lufeng-Gefängnisses ihre ehemaligen Kollegen kürzlich zur Gala einluden. Der Knast im zentralchinesischen Changsha, der Hauptstadt der Provinz Hunan, beherbergt 133 korrupte Beamte, die mit einem Auftritt vor Provinzoffiziellen demonstrieren sollten, dass sie hinter Gittern bessere Menschen geworden sind. Sie sangen patriotische Lieder, zeigten Zaubertricks und versteigerten eigene Kunstwerke…

Bernhard Bartsch | 19. Oktober 2011 um 01:49 Uhr

 

China wünscht Reformen in der Euro-Zone

Die Probleme in Europa und den USA kommen Chinas Regierung gelegen, um von den eigenen Problemen abzulenken.

Dass westliche Regierungen von China Reformen verlangen, hat Tradition. Doch neuerdings gehen die Forderungen auch in die andere Richtung: Je tiefer die USA und Europa in wirtschaftlichen Problemen versinken, desto lauter und selbstbewusster mahnt Peking, es sei Zeit für grundlegende Veränderungen. Nachdem die US-Schuldenkrise die chinesischen Kommentatoren wochenlang beschäftigte, wenden sie sich nun dem Euro zu. „Die Euro-Zone muss konkrete Maßnahmen ergreifen, um das Vertrauen der Märkte in die Euro-Zone und in den Euro wiederherzustellen“, verlangt die Volkszeitung…

Bernhard Bartsch | 22. August 2011 um 07:05 Uhr

 

Murdochs Tarantel

Wendi Deng wurde von ihren Landsleuten verachtet – bis sie ihren Gatten verteidigte.

Kann es wahre Liebe zwischen alten Männern und jungen Frauen geben? Eher nicht, glaubt man in China, wo die Wertvorstellungen noch immer traditionell sind und generationenübergreifende Beziehungen als anrüchig gelten. Auch die Ehe zwischen dem 80-jährigen Medientycoon Rupert Murdoch und seiner 38 Jahre jüngeren chinesischen Frau Wendi Deng galt als Liaison zwischen lüsternen Altmännerfantasien und konsumgeilen Mädchenträumen – bis ein beherzter Schlag eine andere Lesart anbot…

Bernhard Bartsch | 05. August 2011 um 13:21 Uhr