Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

“Den ganzen Sommer über geschmolzenes Eis”

Siemens steht in China vor einem Imagedesaster: Ein bekannter Blogger will einen Kühlschrank der Marke öffentlich zerstören, weil er angeblich nichts taugt.

“This is how”, lautet ein Werbespruch von Siemens: So geht’s! Aber so, wie das Unternehmen sich derzeit der chinesischen Öffentlichkeit darstellt, geht es ganz bestimmt nicht. Die Deutschen stehen vor einem Imagedesaster, weil sie eine Qualitätsbeschwerde des populären Bloggers Luo Yonghao ignorierten – oder zumindest nicht so beantworteten, wie dieser und seine Anhänger es sich gewünscht hätten. Aus Rache will Luo nun seinen Siemens-Kühlschrank vor dem Pekinger Firmensitz zertrümmern, unterstützt von anderen Prominenten, die ebenfalls ihre Siemens-Eistruhen mitbringen wollen…

Bernhard Bartsch | 18. November 2011 um 16:26 Uhr

 

Dem Teufel das Gesicht waschen

Die einen singen patriotische Lieder, die anderen werden gefoltert. Viele chinesische Medien beschäftigen derzeit die Frage: Wie leben Chinas Häftlinge?

Es muss ein lustiger Abend gewesen sein, als die Insassen des Lufeng-Gefängnisses ihre ehemaligen Kollegen kürzlich zur Gala einluden. Der Knast im zentralchinesischen Changsha, der Hauptstadt der Provinz Hunan, beherbergt 133 korrupte Beamte, die mit einem Auftritt vor Provinzoffiziellen demonstrieren sollten, dass sie hinter Gittern bessere Menschen geworden sind. Sie sangen patriotische Lieder, zeigten Zaubertricks und versteigerten eigene Kunstwerke…

Bernhard Bartsch | 19. Oktober 2011 um 01:49 Uhr

 

China wünscht Reformen in der Euro-Zone

Die Probleme in Europa und den USA kommen Chinas Regierung gelegen, um von den eigenen Problemen abzulenken.

Dass westliche Regierungen von China Reformen verlangen, hat Tradition. Doch neuerdings gehen die Forderungen auch in die andere Richtung: Je tiefer die USA und Europa in wirtschaftlichen Problemen versinken, desto lauter und selbstbewusster mahnt Peking, es sei Zeit für grundlegende Veränderungen. Nachdem die US-Schuldenkrise die chinesischen Kommentatoren wochenlang beschäftigte, wenden sie sich nun dem Euro zu. “Die Euro-Zone muss konkrete Maßnahmen ergreifen, um das Vertrauen der Märkte in die Euro-Zone und in den Euro wiederherzustellen”, verlangt die Volkszeitung…

Bernhard Bartsch | 22. August 2011 um 07:05 Uhr

 

Murdochs Tarantel

Wendi Deng wurde von ihren Landsleuten verachtet – bis sie ihren Gatten verteidigte.

Kann es wahre Liebe zwischen alten Männern und jungen Frauen geben? Eher nicht, glaubt man in China, wo die Wertvorstellungen noch immer traditionell sind und generationenübergreifende Beziehungen als anrüchig gelten. Auch die Ehe zwischen dem 80-jährigen Medientycoon Rupert Murdoch und seiner 38 Jahre jüngeren chinesischen Frau Wendi Deng galt als Liaison zwischen lüsternen Altmännerfantasien und konsumgeilen Mädchenträumen – bis ein beherzter Schlag eine andere Lesart anbot…

Bernhard Bartsch | 05. August 2011 um 13:21 Uhr

 

“Opa Wen” gegen den “Großen Bruder Bahn”

Chinas Bevölkerung reagiert wütend auf das Zugunglück von Zhejiang. Der Zorn zeigt das geringe Vertrauen in die Institutionen des Staates.

Das Zugunglück in der südchinesischen Provinz Zhejiang, bei dem am vergangenen Samstag 39 Personen ihr Leben verloren und fast 200 verletzt wurden, ist in der Volksrepublik zu einem Politikum erster Klasse geworden. Familien von Opfern, Internetbenutzer und sogar offizielle Medien zürnen öffentlich über die Arroganz von «Tie lao da», dem «Grossen Bruder Bahn», wie das skandalträchtige Eisenbahnministerium im Volksmund genannt wird. Ministerpräsident Wen Jiabao versuchte am Donnerstag mit einem sorgfältig inszenierten Besuch am Unglücksort und bei Betroffenen, das Vertrauen in die Institutionen des Staates aufrechtzuerhalten…

Bernhard Bartsch | 28. Juli 2011 um 04:13 Uhr

 

Südkoreas Tränenmacher

Das Waisenkind Choi Sung-Bong ist der neue Stern im weltumspannenden Casting-Show-Universum.

Ich möchte einfach normal sein”, murmelt der 22-jährige Choi Sung-Bong leise. Und wer ihn diesen Satz sagen hört, muss kurze Zeit später zum Taschentuch greifen. Acht Minuten und zwei Sekunden dauert das Youtube-Video, das mit Chois schüchtern vorgetragenem Wunsch beginnt und damit endet, dass Choi noch weniger normal wirkt als zuvor. Der 22-jährige Südkoreaner ist der neueste Stern am internationalem Castingshow-Himmel. Mit der richtigen Mischung aus trauriger Lebensgeschichte, unvorteilhaftem Äußeren und bombastischer Stimme hat er sich in die Herzen eines Millionenpublikums gesungen – und das nicht nur in Südkorea…

Bernhard Bartsch | 27. Juli 2011 um 11:17 Uhr

 

Der Blick ins Klo

Chinas Ex-Premier Zhu Rongji kritisiert Pekings Propaganda: In den Fernsehnachrichten komme nur noch „Quatsch“. Schauen wir mal rein!

„Die 7-Uhr-Nachrichten schaue ich nur noch, um zu sehen, was da wieder für ein Quatsch kommt.“ Dieser Satz amüsiert derzeit Chinas Internetgemeinde. Denn die Kritik an der chinesischen Tagesschau im Staatssender CCTV stammt nicht aus den Reihen einschlägig bekannter Regimekritiker wie dem inhaftierten Künstler Ai Weiwei, sondern von einem der prominentesten Politiker des Landes: Zhu Rongji, von 1998 bis 2003 chinesischer Regierungschef…

Bernhard Bartsch | 12. Mai 2011 um 01:23 Uhr

 

Mit Härte gegen Flaneure

Als Spaziergänger getarnt versetzen Regimegegner die Behörden in Nervosität. Auch Journalisten werden bedrängt.

Internetaufrufe zu einer chinesischen “Jasmin-Revolution” nach tunesischem Vorbild haben gestern in zahlreichen Städten Polizeigroßeinsätze ausgelöst und zur Festnahme mehrerer ausländischer Journalisten geführt. Wie viele Demonstranten an den Protesten teilnahmen, bleibt unklar, da die Organisatoren erneut empfahlen, sich wie Spaziergänger zu benehmen. So sollen die Sicherheitskräfte verunsichert werden…

Bernhard Bartsch | 06. März 2011 um 10:35 Uhr

 

Chinas Volkskongress spielt Demokratie

Während das Parlament die Reformen der nächsten fünf Jahre diskutiert, erlebeben Regimegegner und Journalisten die schwersten Repressionen seit Jahren.

Einmal im Jahr spielt China Demokratie. Dann tritt in Pekings Grosser Halle des Volkes der Nationale Volkskongress zusammen, ein 3000-köpfiges Scheinparlament, das die Politik der Kommunistischen Partei gutheissen soll. Bei der diesjährigen Tagung, die am Samstag begonnen hat und rund zehn Tage dauern wird, ist der staatliche Propagandaapparat mehr als je zuvor angehalten, den Anschein einer echten Volksherrschaft zu erwecken…

Bernhard Bartsch | 05. März 2011 um 10:31 Uhr

 

Demo der Schaulustigen

Mit Polizeigroßeinsätzen und Pressezensur will Peking neue „Jasmin-Demonstrationen“ verhindern – und führt die Proteste just damit zum Erfolg.

Kann man eine Demonstration ohne Demonstranten veranstalten? Chinesische Regimekritiker haben am Sonntag gezeigt, wie das geht: Hunderte hochnervöse Polizisten und dutzende ausländische Journalisten versammelten sich am Sonntagnachmittag vor einem McDonald’s-Restaurant in Pekings zentraler Fußgängerzone Wangfujing und wurden damit selbst zu Protagonisten von Chinas zweiter „Jasmin-Kundgebung“…

Bernhard Bartsch | 27. Februar 2011 um 17:21 Uhr

 

Hosni wer?

Chinas Propagandabehörden haben Berichte über Ägyptens Volksaufstand weitgehend zensiert – aus Angst vor Nachahmung im eigenen Land.

Der Sturz von Hosni Mubarak ist derzeit das wichtigste weltpolitische Gesprächsthema, doch in den chinesischen Nachrichten spielt der Name des geschassten Diktators kaum eine Rolle. Schon vor Wochen wurden Chinas Staatsmedien angewiesen, die Berichterstattung über die ägyptische Revolte auf ein Minimum zu reduzieren und sich strikt an die Vorgaben der zentralen Nachrichtenkanäle zu halten…

Bernhard Bartsch | 13. Februar 2011 um 05:21 Uhr

 

Makelloser Triumphzug

Chinas Staatspresse feiert Hu Jintaos USA-Besuch – und beginnt die Arbeit am Nachruhm des Parteichefs.

Wenn Chinas Politiker auf Reisen gehen, müssen sie sich um das Medienecho in ihrer Heimat nicht sorgen. Mit der verordneten Euphorie feiert die Staatspresse die USA-Reise ihres Präsidenten Hu Jintao als makellosen Triumphzug. Hu habe eine „neue politische Zivilisation geschaffen“, attestiert ihm die Zeitung „Global Times“. „Der Besuch von Präsident Hu Jintao verdient den Applaus der Welt“, kommentiert das für seine nationalistischen Töne bekannte Blatt…

Bernhard Bartsch | 21. Januar 2011 um 08:07 Uhr

 

Leckt die Kommunistische Partei?

Chinesische Dissidenten planen eine Enthüllungswebseite nach Vorbild von Wikileaks. Für die Partei wäre die Veröffentlichung geheimer Dokumente gefährlich.

Mit der Veröffentlichung von zehntausenden Irakkriegsdokumenten hat Wikileaks erneut das US-Verteidigungsministerium bloß gestellt. Doch die amerikanische Regierung muss nicht als einzige die Enthüllung von Geheimpapieren befürchten. Vor allem Chinas Kommunistische Partei, deren Herrschaft maßgeblich auf Informationskontrolle und Medienzensur beruht, sieht Transparenzaktivisten als ernsthafte Bedrohung – und muss nun mit der Gründung eines „chinesischen Wikileaks“ rechnen…

Bernhard Bartsch | 24. Oktober 2010 um 01:16 Uhr

 

Chinas Partei hat das Nobel-Virus

Nach dem Nobelpreiskomitee fordern auch prominente Altkader Demokratie und Pressefreiheit – und offenbart einen tiefen Riss in der chinesischen Führung.

Ist die Vergabe des Friedensnobelpreises an den inhaftierten Demokratieaktivisten Liu Xiaobo Teil einer antichinesischen Kampagne des Westens? Diesen Eindruck versucht Chinas Kommunistische Partei seit vergangenem Freitag zu erwecken. Als „Angriff“, „Eindämmungsversuch“, „Einmischung“ und „Beleidigung“ bezeichneten Offizielle die Auszeichnung – und behaupteten, mit ihrer Einschätzung das chinesische Volk geschlossen hinter sich zu haben. Doch nun erhebt auch eine Gruppe prominenter Altkader Vorwürfe, die sich mit der Systemkritik des Friedensnobelpreisträgers und der norwegischen Juroren decken…

Bernhard Bartsch | 14. Oktober 2010 um 01:36 Uhr

 

Flug in die Freiheit

Der regimekritische Autor Liao Yiwu durfte erstmals aus China ausreisen. Unser Korrespondent hat ihn von Chengdu nach Berlin begleitet.

Der Gang durch die Passkontrolle ist so einfach, dass es geradezu an Spott grenzt. Mit einem kurzen Blick vergleicht die junge Polizistin das Foto mit dem Mann, der an ihrem Schalter steht und versucht, die Ruhe selbst zu sein. “So viele Auslandsvisa, aber noch nie ausgereist”, bemerkt die Beamtin, während sie durch den Ausweis blättert. “Keine Zeit gehabt”, entgegnet Liao Yiwu und lacht. Die Polizistin zückt ihren Stempel und eine blinkende Leuchtanzeige fragt den Reisenden, ob er mit der Bearbeitungsgeschwindigkeit zufrieden ist. “Sehr zufrieden”, drückt Liao. Dabei hat seine Abfertigung mehr als ein Jahrzehnt gedauert. Es ist ein Uhr nachts, nur noch wenige Passagiere schleichen müde durch die Hallen des Pekinger Flughafens. Nur einer scheint sich keinen Ort vorstellen zu können, wo er jetzt lieber wäre…

Bernhard Bartsch | 16. September 2010 um 06:35 Uhr