<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Bernhard Bartsch &#187; Literatur</title>
	<atom:link href="http://www.bernhardbartsch.de/archiv/tag/literatur/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.bernhardbartsch.de</link>
	<description>TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN</description>
	<lastBuildDate>Tue, 07 Feb 2012 05:05:31 +0000</lastBuildDate>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.3</generator>
		<item>
		<title>Flug in die Freiheit</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/flug-in-die-freiheit/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/flug-in-die-freiheit/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 16 Sep 2010 04:35:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Zensur]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=2123</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Der regimekritische Autor Liao Yiwu durfte erstmals aus China ausreisen. Unser Korrespondent hat ihn von Chengdu nach Berlin begleitet.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/09/Liao_Yiwu_Gefängnisausweis.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-2124" title="Liao_Yiwu_(Foto_von_Gefängnisausweis)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/09/Liao_Yiwu_Gefängnisausweis-216x300.jpg" alt="" width="136" height="189" /></a>Der Gang durch die Passkontrolle ist so einfach, dass es geradezu an Spott grenzt. Mit einem kurzen Blick vergleicht die junge Polizistin das Foto mit dem Mann, der an ihrem Schalter steht und versucht, die Ruhe selbst zu sein. "So viele Auslandsvisa, aber noch nie ausgereist", bemerkt die Beamtin, während sie durch den Ausweis blättert. "Keine Zeit gehabt", entgegnet Liao Yiwu und lacht. Die Polizistin zückt ihren Stempel und eine blinkende Leuchtanzeige fragt den Reisenden, ob er mit der Bearbeitungsgeschwindigkeit zufrieden ist. "Sehr zufrieden", drückt Liao. Dabei hat seine Abfertigung mehr als ein Jahrzehnt gedauert. Es ist ein Uhr nachts, nur noch wenige Passagiere schleichen müde durch die Hallen des Pekinger Flughafens. Nur einer scheint sich keinen Ort vorstellen zu können, wo er jetzt lieber wäre...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der regimekritische Autor Liao Yiwu durfte erstmals aus China ausreisen. Unser Korrespondent hat ihn von Chengdu nach Berlin begleitet.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/09/Liao_FLughafen_Chengdu.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-2127" title="Liao_Yiwu_am_FLughafen_Chengdu_(Copyright_Bernhard_Bartsch)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/09/Liao_FLughafen_Chengdu-1024x744.jpg" alt="" width="368" height="268" /></a>Der Gang durch die Passkontrolle ist so einfach, dass es geradezu an Spott grenzt. Mit einem kurzen Blick vergleicht die junge Polizistin das Foto mit dem Mann, der an ihrem Schalter steht und versucht, die Ruhe selbst zu sein. &#8220;So viele Auslandsvisa, aber noch nie ausgereist&#8221;, bemerkt die Beamtin, während sie durch den Ausweis blättert. &#8220;Keine Zeit gehabt&#8221;, entgegnet Liao Yiwu und lacht. Die Polizistin zückt ihren Stempel und eine blinkende Leuchtanzeige fragt den Reisenden, ob er mit der Bearbeitungsgeschwindigkeit zufrieden ist. &#8220;Sehr zufrieden&#8221;, drückt Liao. Dabei hat seine Abfertigung mehr als ein Jahrzehnt gedauert.</p>
<p>Es ist ein Uhr nachts, nur noch wenige Passagiere schleichen müde durch die Hallen des Pekinger Flughafens. Nur einer scheint sich keinen Ort vorstellen zu können, wo er jetzt lieber wäre. &#8220;Mehr als zehn Mal habe ich versucht auszureisen, aber erst haben mir die Behörden jahrelang keinen Pass ausgestellt, und später haben sie mich zu Hause festgehalten oder am Flughafen festgenommen&#8221;, erzählt Liao. &#8220;Und jetzt lassen sie mich hier durchspazieren, als sei Freiheit die größte Selbstverständlichkeit.&#8221;</p>
<p>Freiheit und Unfreiheit, das ist Liao Yiwus Thema &#8211; und der Grund, weshalb Chinas Regierung ihn am liebsten mundtot machen würde. Vergeblich. Obwohl er vier Jahre lang als politischer Häftling im Gefängnis verbrachte und in der Volksrepublik kein Medium seinen Namen erwähnen darf, ist der 52-Jährige einer der berühmtesten und bedeutendsten chinesischen Gegenwartsschriftsteller. Auf dem chinesischen Schwarzmarkt haben seine Bücher hohe Auflagen, im Internet kursieren digitale Kopien und im Ausland verkaufen sich die Übersetzungen gut genug, dass Liao von den Tantiemen leben kann.</p>
<p>Sein vergangenes Jahr erschienener Reportageband &#8220;Fräulein Hallo und der Bauernkaiser&#8221; ist eines der erfolgreichsten chinesischen Bücher in deutscher Übersetzung, wobei sein Bekanntheitsgrad nicht zuletzt den Schlagzeilen über Liaos gescheiterte Ausreiseversuche geschuldet ist. An der Frankfurter Buchmesse im vergangenen Oktober durfte er ebenso nicht teilnehmen wie am Kölner Literaturfest &#8220;lit.Cologne&#8221; im März oder an Lesungen in Taiwan oder Australien. Umso überraschender ist es, dass er nun beim Internationalen Literaturfestival in Berlin und beim Hamburger Harbourfront-Festival auftreten darf. Insgesamt will Liao anderthalb Monate in Deutschland bleiben. &#8220;Die chinesischen Behörden haben mir in mehreren Gesprächen eingebläut, was ich sagen darf, und was nicht&#8221;, erzählt er. &#8220;Politische Themen soll ich vermeiden und immer betonen, dass ich nur meine private Meinung sage.&#8221; Liao muss laut lachen. Keine Sorge, beruhigte er die Beamten, es geht ja nur um Literatur. Als könnte das unpolitisch sein.</p>
<p>Zwölf Stunden, bevor Liao Yiwu in Peking durch die Passkontrolle geht, sitzt er an seinem Küchentisch und zeigt Ausgaben der Untergrund-Zeitschrift &#8220;Intellektuelle&#8221;, die er Ende der Neunziger herausgegeben hat. &#8220;Gedanken eines Mannes ohne Geld und Einfluss&#8221;, lautet der Titel eines Aufsatzes, den Liao veröffentlicht hat, ein anderer heißt &#8220;Mafia&#8221; und handelt vom staatlichen chinesischen Literaturbetrieb. &#8220;Damals musste man solche Publikationen noch heimlich drucken&#8221;, sagt Liao. &#8220;Inzwischen verbreiten sich alles über das Internet.&#8221; Das Appartement im fünften Stock einer Neubausiedlung am Rande von Chengdu, der Hauptstadt der südwestchinesischen Provinz Sichuan, ist geräumig. Aus den Lautsprechern kommt tibetische Musik. &#8220;Braucht er in Deutschland einen Anzug?&#8221; fragt Liaos Frau. &#8220;Er trägt so etwas nicht gerne. Ab und zu klingelt das Telefon und ein Journalist erkundigt sich nach der Reise. &#8220;Es ist ein bisschen schwierig, darüber zu reden&#8221;, sagt Liao. &#8220;Die Journalisten stellen natürlich kritische Fragen, aber ich weiß dass mein Telefon abgehört wird.&#8221; Liao will seine Reise nicht durch leichtsinnige Zitate gefährden. Auch seinen Computer hat er von kritischen Inhalten bereinigt. Gegenstände, die ihm an der Grenze Scherereien bereiten könnten, gibt er dem Journalisten ins Gepäck. Ausländer genießen in China oft mehr Freiheiten als Chinesen.</p>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/09/Liao_Yiwu_Gefängnisausweis1.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-2130" title="Liao_Yiwu_Gefängnisausweis" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/09/Liao_Yiwu_Gefängnisausweis1-1024x633.jpg" alt="" width="430" height="266" /></a>Dabei könnte Liao ohnehin nichts Sensibleres im Gepäck haben als seine eigene Geschichte, die keine Tragödie des kommunistischen China auslässt. Geboren wurde er 1958 in Sichuan, gerade noch rechtzeitig für das erste große Desaster der Mao-Zeit, den &#8220;Großen Sprung nach Vorn&#8221;, der viele Millionen Chinesen das Leben kostete. &#8220;Mit zwei Jahren wäre ich fast verhungert&#8221;, erzählt Liao. &#8220;Ich war so schlecht ernährt, dass ich mit vier noch immer nicht laufen konnte.&#8221; 1966 brach die Kulturrevolution aus und Liaos Vater, ein Lehrer, musste als Rechtsabweichler ins Gefängnis. Zum Schutz der Kinder ließen sich die Eltern scheiden und Liaos Mutter hielt die Familie notdürftig über Wasser. Als sie auf dem Schwarzmarkt Zuteilungsmarken gegen Lebensmittel eintauschen wollte, wurde sie als Verbrecherin durch die Straßen gezerrt. &#8220;Ich war am Boden zerstört&#8221;, sagt Liao.</p>
<p>Als Jugendlicher entdeckte er, dass er sein Schicksal leichter ertragen konnte, wenn er sich in die Welt der Literatur flüchtete. Er begann Gedichte zu schreiben und &#8211; nachdem sich das kulturelle Klima mit Maos Tod 1976 zu lockern begann &#8211; in Zeitschriften zu veröffentlichen. Seine Verse trafen den Nerv der Zeit und Liao gehörte bald zu den vielversprechendsten Autoren der jungen Generationen, erhielt über zwanzig Preise und einen anständig bezahlten Posten im staatlichen Literatursystem. &#8220;Aber dann kam das Jahr 1989, das alles verändert hat&#8221;, erzählt Liao.</p>
<p>Obwohl er das Blutbad auf Pekings Platz des Himmlischen Friedens nur aus dem über tausend Kilometer entfernten Chongqing mitbekam, war der junge Autor schockiert. Seiner Verzweiflung machte er in einem Gedicht mit dem Titel &#8220;Massaker&#8221; Luft, das auf Kassetten verbreitet wurde und bei Chinas Jugend schnell Kultstatus erlangte. Zur Strafe wurde er zu vier Jahren Haft verurteilt, wo er von Wärtern und Mithäftlingen misshandelt wurde. Einmal bekam er 23 Tage lang die Hände auf den Rücken gefesselt. Liao erlitt Nervenzusammenbrüche und versuchte sich umzubringen.</p>
<p>Seine Zellengenossen nannten ihn den &#8220;großen Irren&#8221;. Doch das Gefängnis öffnete Liao auch die Augen: Er begann China aus der Perspektive der Schwachen zu sehen und auf die Geschichten derer zu hören, die keine Stimme haben. Aus Liao, dem Dichter, wurde Liao, der Reportageschriftsteller, der das Leben um unteren Ende der chinesischen Gesellschaft dokumentiert. &#8220;Im Nachhinein sehe ich meine Erfahrungen im Gefängnis als ungeheuren Schatz&#8221;, sagt Liao. &#8220;Damals habe ich erkannt, was meine Verantwortung ist: aufschreiben, wie das Leben in China heute wirklich ist.&#8221; Angst vor Repressalien hat er nicht mehr. Was könnte man einem wie ihm noch antun, was er nicht schon erlitten hat? Aus der Erfahrung der Unfreiheit hat er die Freiheit der Unerpressbarkeit gewonnen.</p>
<p>Zwölf Stunden, nachdem Liao Yiwu die Pekinger Passkontrolle passiert hat, sitzt er in Budapest auf dem Flughafen und wartet auf seinen Anschlussflug nach Berlin. Er blättert in seiner Reiselektüre, dem ersten Band des Shiji, des großen Geschichtswerkes des Historikers Sima Qian. &#8220;Es ist ein gutes Buch, um zur Ruhe zu kommen und sich darauf zu besinnen, was wirklich wichtig ist&#8221;, sagt Liao. Im zweiten vorchristlichen Jahrhundert war Sima Qian der Hofgeschichtsschreiber des Kaisers Han Wudi &#8211; schon damals wollten Chinas Herrscher selbst bestimmen, welches Bild die Welt von ihnen haben sollte. Weil Sima Qian sich der Wahrheit mehr verpflichtet fühlte als der imperialen Selbstdarstellung, ließ der Kaiser ihn kastrieren. &#8220;Sima Qian hat damals überlegt, ob es nicht besser sei, Selbstmord zu begehen, aber am Ende entschied er, dass es wichtiger sei, die Wahrheit für die Nachwelt aufzuschreiben&#8221;, erklärt Liao.</p>
<p>Die Einstellung sei für chinesische Intellektuelle typisch: &#8220;Im Westen würde man sagen, dass ein Leben ohne Freiheit nicht lebenswert sei, aber in China sind wir es gewohnt, uns mit Unfreiheit zu arrangieren.&#8221; Auch Chinas Philosophen Konfuzius, Laozi und Zhuangzi seien Getriebene gewesen, die von Land zu Land gezogen seien, stets auf der Suche nach einem Herrscher, der ihnen die Freiheit zum Denken und Reden geben würde. Die berühmten Dichter der Tang- und Song-Dynastie schrieben ihre Werke ebenfalls in der Verbannung. &#8220;China hat eine großartige Kultur und ein miserables System&#8221;, findet Liao. &#8220;Aber wenn wir daran denken, wie schwer die Intellektuellen es früher hatten, sollen wir uns heute nicht beschweren. Immerhin haben wir heute das Internet &#8211; wie mächtig hätten Konfuzius oder Laozi werden können, wenn es damals Twitter gegeben hätte.&#8221;</p>
<p>Hat die Regierung Liao deshalb reisen lassen, weil sie gegen das Internet nicht ankommt? Liao weiß es nicht. Vielleicht hat Deutschlands diplomatisches Engagement Früchte getragen &#8211; das Kanzleramt und das Außenministerium hatten sich für den Autor eingesetzt. Womöglich will Peking vermeiden, dass bald jedes Literaturfest der Welt Liao einlädt und damit chinakritische Schlagzeilen kreiert. Soll die Freiheit für einen Einzelnen die Unfreiheit für viele bemänteln?</p>
<p>Am Gepäckbank in Berlin steht Liao vor dem Plakat einer Autovermietung, die mit dem Wortspiel &#8220;Freiheit für alle&#8221; wirbt. Liao kann darüber lachen, ein wenig zumindest. &#8220;Ich bin gespannt darauf, was Freiheit in einem Land wie Deutschland tatsächlich bedeutet&#8221;, sagt er. Doch sein Heil im Exil suchen, wie es viele andere chinesische Schriftsteller tun, will er auf keinen Fall. &#8220;Ich kann wirklich nicht sagen, dass ich China lieben würde&#8221;, meint Liao. &#8220;Aber meine Arbeit &#8211; die liebe ich über alles.&#8221;</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/flug-in-die-freiheit/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die Rebellion des Zuhörens</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/dierebellion-des-zuhorens/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/dierebellion-des-zuhorens/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 03 Mar 2010 12:47:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Tiananmen]]></category>
		<category><![CDATA[Zensur]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1830</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Der regimekritische Autor Liao Yiwu darf nicht nach Deutschland reisen – aber Deutschland zu ihm. Ein Besuch in Chengdu.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/03/Liao_Yiwu_1.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-1831" title="Liao_Yiwu (Copyright Bernhard Bartsch)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/03/Liao_Yiwu_1-250x300.jpg" alt="" width="122" height="146" /></a>Er steht allein am Rand der sechsspurigen Straße und erkennt das Auto schon von weitem. "Hier kommen nicht viele Taxis her", sagt Liao Yiwu, setzt sich neben den Fahrer und lotst ihn durch die Baustellenlandschaft von Wenjiang, einen Vorort von Sichuans Provinzhauptstadt Chengdu. "Gehen wir lieber in ein Teehaus, zuhause stehen noch immer Polizisten vor meiner Tür." Am Vortag haben sie den Schriftsteller am Flughafen in Chengdu festgenommen, weil er zum Kölner Literaturfest lit.Cologne reisen wollte...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der regimekritische Autor Liao Yiwu darf nicht nach Deutschland reisen – aber Deutschland zu ihm. Ein Besuch in Chengdu.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/03/Liao_Yiwu_51.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1836" title="Liao_Yiwu (Copyright Bernhard Bartsch)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/03/Liao_Yiwu_51-1024x640.jpg" alt="" width="430" height="269" /></a>Er steht allein am Rand der sechsspurigen Straße und erkennt das Auto schon von weitem. &#8220;Hier kommen nicht viele Taxis her&#8221;, sagt Liao Yiwu, setzt sich neben den Fahrer und lotst ihn durch die Baustellenlandschaft von Wenjiang, einen Vorort von Sichuans Provinzhauptstadt Chengdu. &#8220;Gehen wir lieber in ein Teehaus, zuhause stehen noch immer Polizisten vor meiner Tür.&#8221; Am Vortag haben sie den Schriftsteller am Flughafen in Chengdu festgenommen, weil er zum Kölner Literaturfest lit.Cologne reisen wollte.</p>
<p>&#8220;Die Beamten haben mich mehrere Stunden verhört und dann auf dem Weg nach Hause gefragt, ob ich ihnen nicht einmal etwas von mir zu lesen geben könne, weil sie gar nicht genau wissen, warum ihre Vorgesetzten sie auf mich angesetzt haben&#8221;, erzählt Liao lachend. Er überließ ihnen die Bücher, die er eigentlich mit nach Deutschland nehmen wollte.</p>
<p>Vielleicht drückten seine Bewacher deswegen ein Auge zu, als er an diesem regnerischen Morgen in Allwetterkleidung und unrasiert aus dem Haus trat und darum bat, einen kleinen Spaziergang machen zu dürfen. Der 51-jährige Autor gehört zum innersten Zirkel jener kritischen Intellektuellenszene, die Chinas Kommunistische Partei für ihren gefährlichsten Feind hält.</p>
<p>Schon vor Jahren hat die Zentralregierung alle chinesischen Verlage schriftlich angewiesen, von Liao keine Zeile mehr zu drucken. 13 Mal haben die Behörden ihn daran gehindert, Einladungen zu ausländischen Literaturveranstaltungen anzunehmen. Selbst bei Reisen in die Hauptstadt Peking schickt die Provinzregierung Polizisten, um Liao zurückzuholen.</p>
<p>Es heißt, Zhou Yongkang, Chef der chinesischen Sicherheitsdienste und die Nummer neun in der Parteihierarchie, habe Liao auf seiner persönlichen schwarzen Liste, weil er einiges Negative über Zhous Zeit als Parteichef von Sichuan recherchiert habe. Und für das populäre Gedicht &#8220;Massaker&#8221;, mit dem Liao sich 1989 nach dem Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens das Entsetzen von der Seele zu schreiben versuchte, ist er aus Pekings Sicht selbst mit vier Jahren Haft und Folter noch nicht hart genug bestraft worden.</p>
<p>&#8220;Immerhin liest so auch Chinas höchste Führung meine Texte&#8221;, gibt Liao sich geschmeichelt. &#8220;Aber gerade deshalb müsste sie doch eigentlich wissen, dass ich überhaupt nicht gefährlich bin.&#8221; Liao hat Tee und Nudelsuppe bestellt. Während er erzählt, rupft er die Papierhülle seiner Essstäbchen in winzige Stückchen. &#8220;Ich habe es nie darauf angelegt, das Regime herauszufordern&#8221;, sagt er. &#8220;Ich gehöre nicht zu den Schriftstellern, die bewusst die Rolle des Dissidenten suchen, weil sie es für ihre Pflicht halten, den Staat zu kritisieren.&#8221; Zwar habe auch er das Demokratiemanifest &#8220;Charta 08&#8243; unterschrieben, allerdings vor allem aus Verbundenheit mit deren Verfasser Liu Xiaobo, einem seiner engsten Freunde, der im vergangenen Dezember zu elf Jahren Gefängnis verurteilt wurde.</p>
<p>&#8220;Um ehrlich zu sein habe ich die Charta 08 nicht einmal genau gelesen&#8221;, gesteht Liao. &#8220;Ich interessiere mich nicht besonders für Politik, sondern vor für meine Geschichten.&#8221; Doch wie könnte es unpolitisch sein, in China diejenigen zu Wort kommen zu lassen, deren Stimmen das staatliche Propagandagetöse eigentlich übertönen soll?</p>
<p>Liao hat sich vor allem als Reportageschriftsteller einen Namen gemacht. Einen großen Teil des Jahres wandert er zu Fuß durch die chinesischen Provinzen und dokumentiert das Leben des einfachen Volkes und vor allem der Fortschrittsverlierer. &#8220;Meine Texte entstehen nicht am Schreibtisch, sondern in der Realität&#8221;, sagt Liao, der sich ungeniert mit dem russischen Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn vergleicht. &#8220;Wenn wir nicht festhalten, was in China heute passiert, dann ist es für immer verloren.&#8221;</p>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/03/Liao_Yiwu_2.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1838" title="Liao_Yiwu (Copyright Bernhard Bartsch)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/03/Liao_Yiwu_2-1024x859.jpg" alt="" width="368" height="309" /></a>In seinem vergangenes Jahr auf Deutsch erschienenen Buch &#8220;Fräulein Hallo und der Bauernkaiser&#8221; beschreibt er das Schicksal von Wanderarbeitern und Bauern, Kloputzern und Prostituierten, Kriminellen und politisch Verfolgten. Ein weiterer Reportageband, in dem er seine Zeit im Gefängnis beschreibt, soll Ende des Jahres auf Deutsch erscheinen &#8211; Liao lebt ausschließlich von seinen ausländischen Tantiemen.</p>
<p>Die subversive Freude am Zuhören entdeckte Liao, als er wegen seines Tiananmen-Gedichts &#8220;Massaker&#8221; zu vier Jahren Haft verurteilt wurde. &#8220;Davor war ich ein Propaganda-Autor wie alle anderen auch, die im staatlichen Schriftstellersystem arbeiten&#8221;, meint Liao mit einem Seitenhieb auf chinesische Literaturstars wie Mo Yan oder Yu Hua, die einst seine Kollegen waren und sich heute nicht mehr trauen, mit ihm Kontakt zu haben oder öffentlich über seine Werke zu sprechen.</p>
<p>Liao, Sohn einer Lehrerfamilie, verbrachte seine Kindheit während der Kulturrevolution und bekam an Bildung nur das mit, was ihm seine Eltern in den Revolutionspausen heimlich beibringen konnten. Nach Maos Tod versuchte er vier Jahre lang vergeblich, die Universitätsaufnahmeprüfung zu bestehen und begann dann bei einer Zeitschrift zu arbeiten, wo er bald als wortgewandter Dichter auffiel und vom Kulturministerium in die Riege der Staatsschriftsteller aufgenommen wurde.Obwohl er mit Lobliedern auf die Partei seinen Lebensunterhalt verdiente, engagierte er sich auch in der literarischen Untergrundszene, in der nicht Deng Xiaoping den Ton angab, sondern Bob Dylan. Doch am 4. Juni 1989 endete der kulturelle Frühling. &#8220;Wir erleben ein Massaker in diesem Land der Utopien. Der Regierungschef braucht sich nur zu erkälten, und schon müssen die Massen mit ihm niesen&#8221;, schrieb Liao damals in einem Gedicht, das er mit vor Wut bebender Stimme seinen Freunden vortrug, die es auf Kassetten weiterverbreiteten, wodurch es bei den traumatisierten Studenten bald Kultstatus gewann.</p>
<p>&#8220;Als ich in die Gefängniszelle gestoßen wurde, sah ich als erstes einen kahlköpfigen Hünen, der &#8220;Töten, töten, töten&#8221;, schrie&#8221;, erinnert sich Liao. &#8220;Dutzende Häftlinge mussten sich einen Raum teilen, und der Platz reichte nicht einmal, um beim Schlafen auf dem Rücken zu liegen. Alle hatten fürchterliche Ausschläge, und ich gewann die Zellenmeisterschaft im Läuseknacken.&#8221;</p>
<p>In Endlosschlaufen erzählten die Insassen einander ihre Geschichten: Einer hatte Mädchen gekidnappt und in die Prostitution verkauft. Ein anderer hatte seine Frau getötet und schon fast vollständig an seine nichtsahnende Familie verfüttert, als seine Mutter einen Fingernagel in ihrer Suppe fand. Liao, der nur ein paar Verse geschrieben hatte, erlitt mehrere Nervenzusammenbrüche und versuchte zweimal, sich umzubringen, was ihm den Namen &#8220;der große Irre&#8221; einbrachte.</p>
<p>Nach seiner Entlassung begann er, unter einer Brücke Kleidung zu verkaufen und in seiner freien Zeit die Geschichten seiner Zellengenossen aufzuschreiben. Aus dem seelischen Verarbeitungsprozess wurde ein literarischer Neuanfang: Aus Liao, dem Dichter, wurde Liao, der Reportageschriftsteller. &#8220;Im Nachhinein sehe ich meine Gefängniserfahrungen als ungeheuren Schatz&#8221;, sagt Liao. Außerdem haben die traumatischen Erfahrungen ihn weitgehend immun gemacht gegen die Angst vor Bestrafung oder materielle Verlockungen. Die Partei kann ihn behindern, aber nicht brechen.</p>
<p>Auf dem Rückweg durch die leeren Straßen von Wenjiang, an denen neue Hochhausburgen mit Namen wie &#8220;Perlfluss-Stadt&#8221; oder &#8220;Küstenvilla&#8221; entstehen, zeigt Liao in die Richtung des Marktes, wo er sein Gemüse kauft. Kürzlich hat er dort einen Verkäufer kennengelernt, der im Streit mit einem Standnachbar die rechte Hand abgeschnitten bekommen habe.</p>
<p>&#8220;Sobald die Polizei mich wieder in Ruhe lässt, wird das mein nächstes Interview&#8221;, sagt Liao. Auf dem Markt habe er auch eine Raubkopie des Stasi-Films &#8220;Das Leben der anderen&#8221; gekauft, die er über das deutsche Konsulat an Bundeskanzlerin Angela Merkel geschickt hat, zum Dank für ihre Unterstützung bei seinem Versuch, nach Deutschland zu reisen. &#8220;Sie hat selbst in einer Diktatur gelebt und wird verstehen, was ich damit meine&#8221;, erklärt er mit einem Zwinkern.</p>
<p>Dann geht er alleine weiter, um sich bei der Polizei von seinem Spaziergang zurückzumelden.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/dierebellion-des-zuhorens/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>China verbietet Autor Deutschlandreise</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/china-verbietet-autor-deutschlandreise/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/china-verbietet-autor-deutschlandreise/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 01 Mar 2010 11:13:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Tiananmen]]></category>
		<category><![CDATA[Zensur]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1826</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Polizei stellt Regimekritiker Liao Yiwu unter Hausarrest – trotz Bitten der Bundesregierung, ihn zum Kölner Literaturfest lit.Cologne reisen zu lassen.</h3>
China hat den regimekritischen Schriftsteller Liao Yiwu daran gehindert, zum Kölner Literaturfest „lit.Cologne“ zu reisen. Der 51-Jährige wurde am Montag am Flughafen der südwestchinesischen Stadt Chengdu festgenommen und anschließend unter Hausarrest gestellt. Er wollte nach Peking fliegen und von dort am Freitag nach Deutschland weiterreisen. „Ich saß bereits im Flugzeug, als die Stewardess mir sagte, dass ich die Maschine wieder verlassen müsse“, sagte Liao in einem Telefonat mit dem Autor...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Polizei stellt Regimekritiker Liao Yiwu unter Hausarrest – trotz Bitten der Bundesregierung, ihn zum Kölner Literaturfest lit.Cologne reisen zu lassen.</h3>
<p>China hat den regimekritischen Schriftsteller Liao Yiwu daran gehindert, zum Kölner Literaturfest „lit.Cologne“ zu reisen. Der 51-Jährige wurde am Montag am Flughafen der südwestchinesischen Stadt Chengdu festgenommen und anschließend unter Hausarrest gestellt. Er wollte nach Peking fliegen und von dort am Freitag nach Deutschland weiterreisen. </p>
<p>„Ich saß bereits im Flugzeug, als die Stewardess mir sagte, dass ich die Maschine wieder verlassen müsse“, sagte Liao in einem Telefonat mit dem Autor. „Ein Flughafenpolizist nahm mich mit auf die Polizeistation, wo ich von vier Beamten verhört wurde.“ Nach drei Stunden wurde Liao nach Hause geschickt, vor seinem Gebäude Polizisten stationiert. „Sie haben mir gesagt, dass ich die Wohnung nicht ohne Genehmigung verlassen darf“, erklärte Liao. Er habe kaum noch Hoffnung, am 19. März wie geplant in Köln auftreten zu können. „Dabei haben sich die deutsche Regierung und die deutsche Botschaft gegenüber den chinesischen Behörden sehr für mich eingesetzt.“ Der Autor hatte im Februar Kanzlerin Angela Merkel in einem offenen Brief um Hilfe gebeten. Die Bundesregierung hatte sich daraufhin auf ranghoher Ebene um eine Reisegenehmigung für Liao bemüht, sowohl bei der chinesischen Botschaft in Berlin als auch direkt bei den Behörden in Peking. Außenminister Guido Westerwelle kritisierte die chinesische Entscheidung. „Ich bedauere, dass dem Schriftsteller Liao Yiwu erneut die Reise nach Deutschland verwehrt wurde“, erklärte Westerwelle. „Wir werden uns im offenen Dialog mit China weiter für Meinungsfreiheit und Bürgerrechte einsetzen und setzen darauf, Liao Yiwu bald in Deutschland begrüßen zu können.“</p>
<p>Es ist bereits das neunte Mal, dass Chinas Behörden Liao die Ausreise verweigern. Im letzten Jahr war er bereits daran gehindert worden, an der Frankfurter Buchmesse teilzunehmen, wo China Ehrengast war. Liao steht in der Volksrepublik auf der sogenannten „schwarzen Dissidentenliste“, weil er 1989 nach der blutigen Niederschlagung der Studentenproteste auf Pekings Platz des Himmlischen Friedens ein Gedicht mit dem Titel „Massaker“ veröffentlicht hatte. Für die wütenden und verletzten Zeilen, die in Studentenkreisen schnell Kultstatus erlangten, wurde mit vier Jahren Haft bestraft und im Gefängnis wiederholt gefoltert. Obwohl Liao in seiner Heimat Veröffentlichungsverbot hat, sind im westlichen Ausland wiederholt Texte von ihm erschienen. Vergangenes Jahr schaffte es sein Reportageband „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten“ sogar auf die deutschen Bestsellerlisten. Das Buch basiert auf mehr als 300 Interviews mit Verlierern der Wirtschaftsreformen, darunter Toilettenputzer, Prostituierte und ehemalige politische Häftlinge.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/china-verbietet-autor-deutschlandreise/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Glorreiche Zeiten</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/glorreiche-zeiten/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/glorreiche-zeiten/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 22 Feb 2010 09:42:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Tradition]]></category>
		<category><![CDATA[Zensur]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1809</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Big Brother made in China: Ein satirischer Roman beschreibt die Volksrepublik als Orwellschen Alptraum. Das Buch wird trotz Publikationsverbots heiß diskutiert.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/02/Chan_Koon-Chung_2.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-1811" title="Chan_Koon-Chung (Copyright: Martin Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/02/Chan_Koon-Chung_2.jpg" alt="" width="138" height="165" /></a>China im Jahr 2013: Die Volksrepublik ist wieder ein Reich der Mitte. Der Westen ist in einer zweiten Runde der Finanzkrise kollabiert, doch China hat sich rechtzeitig abkoppeln können und ist nun stärker als je zuvor. Das Staatsunternehmen Wang Wang hat den amerikanischen Kaffeeröster Starbucks übernommen, Pekings Eliten trinken Frankreichs Weinkeller leer, und keine ausländische Regierung wagt mehr, Chinas Regierung zu kritisieren. Das chinesische Volk liebt seine Kommunistische Partei und sieht sich am Beginn eines neuen "glorreichen Zeitalters". So hat es die Volkszeitung angekündigt, und wer würde an ihren Vorhersagen zweifeln?...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Big Brother made in China: Ein satirischer Roman beschreibt die Volksrepublik als Orwellschen Alptraum. Das Buch wird trotz Publikationsverbots heiß diskutiert.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/02/Chan_Koon-Chung.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1813" title="Chan_Koon-Chung (Copyright: Martin Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/02/Chan_Koon-Chung-1023x688.jpg" alt="" width="442" height="297" /></a>China im Jahr 2013: Die Volksrepublik ist wieder ein Reich der Mitte. Der Westen ist in einer zweiten Runde der Finanzkrise kollabiert, doch China hat sich rechtzeitig abkoppeln können und ist nun stärker als je zuvor. Das Staatsunternehmen Wang Wang hat den amerikanischen Kaffeeröster Starbucks übernommen, Pekings Eliten trinken Frankreichs Weinkeller leer, und keine ausländische Regierung wagt mehr, Chinas Regierung zu kritisieren. Das chinesische Volk liebt seine Kommunistische Partei und sieht sich am Beginn eines neuen &#8220;glorreichen Zeitalters&#8221;. So hat es die Volkszeitung angekündigt, und wer würde an ihren Vorhersagen zweifeln?</p>
<p>China im Jahr 2013 &#8211; dieses Szenario gehört derzeit zu den populärsten Diskussionsthemen in chinesischen Internetforen und Intellektuellenzirkeln. Doch was wie die Großmachtfantasie einer parteiinternen Denkfabrik klingt, ist in Wirklichkeit der Inhalt einer schwarzen Satire, die China als real existierende Anti-Utopie beschreibt.</p>
<p>In dem Roman &#8220;Das glorreiche Zeitalter &#8211; China 2013&#8243; verlegt der in Peking lebende Hongkonger Autor Chan Koon-Chung George Orwells Stalinismusparabel &#8220;1984&#8243; in die nahe Zukunft der Volksrepublik. Pekings Big-Brother-Maschinerie hat die Chinesen erfolgreich gehirngewaschen, das Volk vibriert vor patriotischem Hochgefühl, die Stimmen von Menschenrechtsaktivisten, Demokratiekämpfern und Zensurgegnern sind verstummt. &#8220;Natürlich ist das alles Fiktion&#8221;, sagt Chan und lächelt vielsagend. &#8220;Aber Chinas Realität nähert sich meinen Beschreibungen ziemlich schnell an &#8211; man kriegt es regelrecht mit der Angst zu tun.&#8221;</p>
<p>Dabei wirkt Chan eigentlich nicht wie einer, der sich fürchtet. Der knapp 60-Jährige verbreitet das Selbstbewusstsein eines Kosmopoliten, der in vielen Kulturen und Sprachen zu Hause ist. Sein langes graumeliertes Haar ist sorgfältig frisiert, die Kleidung strahlt lässigen Luxus aus, und zum Interview schlägt er ein Nobelhotel in der Pekinger Innenstadt vor, wo er mehrere Wohnungen besitzt. Doch gerade seine Distanz und finanzielle Unabhängigkeit erlauben es ihm, sich öffentlich Sorgen über Chinas Entwicklung zu machen &#8211; und zu formulieren, was viele Chinesen denken, aber nicht auszusprechen wagen. &#8220;Die Regierung greift zu immer härteren Methoden, um Konformität durchzusetzen und jegliche Kritik zu unterdrücken&#8221;, sagt Chan. &#8220;2008, nach den Olympischen Spielen, hat diese Kampagne eine ganz neue Dimension angenommen, weshalb ich mich entschieden habe, die gegenwärtige Entwicklung in einem Buch zu Ende zu denken.&#8221;</p>
<p>Als er ein Jahr später fertig war, wusste er, dass &#8220;Das glorreiche Zeitalter&#8221; in China keine Chance auf Veröffentlichung haben würde. Stattdessen erschien das Buch nur in Hongkong und Taiwan in einer bescheidenen Auflage von 12 000 Stück. Doch obwohl Pekings Zensurbehörden verhindern konnten, dass der Titel offen in Buchläden verkauft wird, hat er im Internet schnell Kultstatus erreicht. Über Chatforen oder Twitternetzwerke werden geschmuggelte oder raubkopierte Exemplare ausgetauscht, auf Dutzenden Webseiten lässt sich das Buch kostenlos herunterladen. Die Textdatei hat Chan selbst zur Verfügung gestellt. &#8220;Mein Buch ist ein offener Text&#8221;, sagt er lachend.</p>
<p>Über die Anzahl seiner Leser kann Chan nur spekulieren, doch nach der Resonanz unter Chinas Bloggern zu urteilen, könnte er Bestsellerstatus genießen. Ein Twitterbenutzer mit dem Codenamen &#8220;Haohaolee&#8221; schrieb: &#8220;Mein Vater hat die elektronische Version gelesen, ohne zu wissen, das die Handlung im Jahr 2013 spielt und gedacht, alles sei die heutige Wahrheit.&#8221; Ein anderer bezeichnete das Buch als &#8220;Lehrwerk für alle, die noch nicht gemerkt haben, in was für einem Zensursystem wir leben&#8221;.</p>
<p>Dass die Internetpolizei es bisher nicht geschafft hat, das Buch zu stoppen, liegt nicht zuletzt am klug gewählten Namen. &#8220;Shengshi Zhongguo&#8221;, so der Originaltitel, ist ein fester Begriff, der seit über zweitausend Jahren die ruhmreichsten Phasen der chinesischen Geschichte beschreibt. &#8220;Die Han-Dynastie, die Tan-Dynastie, die Qing-Dynastie &#8211; das waren Chinas glorreichste Epochen&#8221;, sagt Chan, &#8220;und die Kommunistische Partei will jetzt auch so gesehen werden.&#8221; Wollten die Zensoren Chans Buch im Internet unauffindbar machen, müssten sie im Suchmaschinengedächtnis auch viele jener Legenden löschen, aus denen Chinas Patriotismus seine Kraft bezieht.</p>
<p>So berührt Chan ein sensibles Thema, wenn er die Frage, wie stolz die Chinesen tatsächlich auf ihr Land sein sollten, zur Triebkraft seines Buches macht. Im Zentrum seiner Geschichte steht ein taiwanesischer Schriftsteller namens Chen, der im Peking des Jahres 2013 ein sorgloses Dasein führt. &#8220;Das China, das wir heute sehen, ist großartig&#8221;, findet Chen. Als einziges Land habe die Volksrepublik die Finanzkrise unbeschadet überstanden, während andere Länder im Chaos versinken. &#8220;Wir leben harmonisch&#8221;, meint er.</p>
<p>Doch dann begegnet Chen zwei alten Bekannten, Fang Caodi und Xiao Xi, die früher zu jener kleinen Gruppe politischer Dissidenten, intellektueller Querdenker und kritischer Ausländer gehörten, die Chinas Regierung als &#8220;Störenfriede&#8221; bezeichnete &#8211; und von denen man seit Beginn des &#8220;glorreichen Zeitalters&#8221; nichts mehr gehört hat. Selbst die Regimegegner sind verwirrt: &#8220;Niemand kritisiert mehr die Regierung, alle sind so zufrieden&#8221;, wundert sich Xiao. Das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens sei ebenso in Vergessenheit geraten wie Maos Kulturrevolution. &#8220;Es ist, als ob bestimmte Erinnerungen kollektiv in ein schwarzes Loch gefallen sind.&#8221; Die Erklärung dafür ist, wie sich bald herausstellt, ebenso einfach wie grauenhaft: Die Geschichte von Chinas scheinbar unaufhaltbarem Aufstieg ist reine Fiktion.<br />
Kurz vor dem Beginn des vermeintlichen &#8220;glorreichen Zeitalters&#8221;, so erfahren die Helden, waren Chinas wirtschaftliche und soziale Probleme wegen der neuen Finanzkrise außer Kontrolle geraten, im Land herrschte Anarchie. Doch die Partei war bestens vorbereitet: Nachdem die Menschen eine Zeit lang unter Aufständen, Plünderungen und Lebensmittelknappheit litten, ließ sie die Volksbefreiungsarmee aufmarschieren. Diese ließ alle Widerständler verschwinden und versetzt seither das Trinkwasser mit einer Chemikalie, die die Menschen euphorisiert und unangenehme Erinnerungen tilgt. &#8220;High-lailai&#8221; nennt die Partei den nationalen Drogenrausch, von dem nur der innerste Führungszirkel im Pekinger Regierungsviertel Zhongnanhai ausgenommen ist. Damit es niemand merkt, hat man alle Informationen über die Chaostage aus den Medien und dem Internet gelöscht &#8211; es existiert nur noch die Wahrheit, die der Partei passt.</p>
<p>Wenn Chans Geschichte auch über weite Strecken einem Hollywood-B-Movie näher ist als Orwells eleganter Prosa in &#8220;1984&#8243;, so greift sie doch mitten in die bedeutendste Debatte ein, die derzeit in der Volksrepublik geführt wird: Wer darf entscheiden, was chinesisch ist? Denn hinter der fiktiven High-lailai-Droge verbirgt sich nichts Anderes als der staatlich geschürte Nationalismus, mit dem sich die Partei einen ideologischen Schutzschirm vor Angriffen aufbaut. Kommunismus spielt in China schon lange keine Rolle mehr &#8211; die neue Leitidee heißt nationale Wiedergeburt. &#8220;Dazu wird die chinesische Geschichte nach einem einfachen Muster uminterpretiert&#8221;, erklärt Chan. &#8220;China war immer großartig, bis es vom Westen schlecht behandelt wurde, doch dann kam die Kommunistische Partei, und jetzt geht es wieder weiter wie früher.&#8221;</p>
<p>&#8220;Chinesisch&#8221; ist demnach, was dem Regime nützt. Alles andere wird als &#8220;westlich&#8221; diskreditiert. &#8220;Die Partei beschäftigt einen riesigen Apparat von Akademikern, der dieses Konzept mit Inhalten füllt&#8221;, sagt Chan. &#8220;Damit kann niemand mehr die Regierung kritisieren, denn das wird dann automatisch zu einer Kritik am Chinesischsein an sich.&#8221; Die Masche komme gut an. Vor allem bei jungen Chinesen gewönnen Patriotismus und antiwestliche Ressentiments oft geradezu fanatische Züge.</p>
<p>Chan und seinen Gleichgesinnten erscheint der neue Nationalismus als Verhöhnung einer Kultur, die reicher ist, als es die Partei erlaubt, und als Unterschätzung eines Volkes, das es nicht nötig hat, dunkle Kapitel seiner Geschichte in Erinnerungslöchern zu versenken. &#8220;Ich habe mein Leben in Hongkong, Taiwan und der Volksrepublik verbracht,&#8221; erzählt der Autor. &#8220;Ich kenne alle drei Chinas &#8211; und sie sind alle sehr verschieden.&#8221; In Shanghai geboren, wuchs Chan in Hongkong auf und gehörte in den Siebzigern zum linken Lager, das Demokratie und soziale Gerechtigkeit forderte &#8211; damals noch nicht von den Kommunisten, sondern von den britischen Kolonialherren. Gleichzeitig verstand er es, sein Gespür für soziale Stimmungen zu Geld zu machen. Er gründete eine Zeitschrift und einen Fernsehsender, produzierte Spielfilme und Fernsehstücke, arbeitete als PR-Berater und Event-Organisator. Trotz seines Erfolgs verlor er seine Ideale nicht aus den Augen: Er schrieb Romane und kulturkritische Essays.<br />
Vor zehn Jahren zog Chan nach Peking und stellte schnell fest, wie sehr unabhängige Intellektuelle in der Volksrepublik im Abseits stehen. Je länger die Partei herrsche, desto öfter müsse sie Löschaktionen am kollektiven Bewusstsein durchführen, um ihre Macht legitimieren zu können. Neubewertungen der Kulturrevolution oder des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens seien ebenso tabu wie öffentliche Diskussionen über die Minderheitenpolitik in Tibet oder die Verfolgung von Demokratieaktivisten.</p>
<p>Weil die Partei alle Diskussionsforen kontrolliert, beschloss Chan, den Umweg über die Fiktion zu beschreiten &#8211; ebenso wie Orwell 1948 seine Befürchtungen über die Zukunft in einen Fantasiestaat namens Ozeanien verlegte. &#8220;Ich habe ,1984&#8242; seit dreißig Jahren nicht gelesen&#8221;, sagt Chan. &#8220;Als ich mich entschieden habe, den gleichen literarischen Trick zu benutzen, habe ich bewusst darauf verzichtet, es mir noch einmal anzuschauen.&#8221; Doch während Orwell seine Wahrheitssucher am Ende gebrochen zurücklässt, findet Chan für seine Protagonisten einen Schluss, der etwas hoffnungsfroher wirkt. Das Dissidententrio zieht in eine ferne Region in Südchina, in der das Wasser noch so sauber ist wie im Machtzentrum und wo alle, die das wahre China kennen, frei von nationalistischer Zwangsmedikation leben können &#8211; in der Hoffnung, dass die Anti-Utopie irgendwann eine neue Utopie gebiert. Doch wann das sein könnte, traut sich Chan nicht zu sagen.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/glorreiche-zeiten/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>3</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>&#8220;Deutsche Medien sind die arrogantesten&#8221;</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/deutsche-medien-sind-die-arrogantesten/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/deutsche-medien-sind-die-arrogantesten/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 19 Oct 2009 01:08:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Buchmesse]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Propaganda]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1592</guid>
		<description><![CDATA[<h3>China feiert seinen Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse als gelungene Kulturpolitik – trotz angeblicher Sabotageversuche von Medien und Dissidenten.</h3>
"Wenn Barack Obama nach China kommt und unser Präsident empfängt am gleichen Tag Osama Bin Laden - was würden die Amerikaner dann von uns denken?" Mit diesem Vergleich formuliert ein chinesischer Blogger seinen Ärger darüber, dass die Frankfurter Buchmesse neben Chinas offizieller Delegation auch Kritikern und Dissidenten ein Forum gegeben hat...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>China feiert seinen Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse als gelungene Kulturpolitik – trotz angeblicher Sabotageversuche von Medien und Dissidenten.</h3>
<p>&#8220;Wenn Barack Obama nach China kommt und unser Präsident empfängt am gleichen Tag Osama Bin Laden &#8211; was würden die Amerikaner dann von uns denken?&#8221; Mit diesem Vergleich formuliert ein chinesischer Blogger seinen Ärger darüber, dass die Frankfurter Buchmesse neben Chinas offizieller Delegation auch Kritikern und Dissidenten ein Forum gegeben hat. &#8220;Auch wenn China in Sachen Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Demokratie noch viel verbessern muss, sollte es sich nicht die Methoden des Westens abschauen.&#8221;</p>
<p>Solche Kommentare lesen Pekings Politiker zweifellos gerne. Sie zeigen, dass die Berichterstattung der Staatsmedien über Chinas Ehrengastauftritt bei der weltgrößten Buchmesse Erfolg hatte. Einerseits feiert die Volksrepublik ihre Präsentation als gelungene &#8220;Kulturolympiade&#8221;, andererseits sieht sie sich wieder einmal als Opfer feindlicher ausländischer Kräfte.</p>
<p>So wirft ein Artikel auf der Website der parteinahen Volkszeitung deutschen Medien vor, &#8220;China boshaft kritisiert&#8221; zu haben. Diese seien &#8220;von allen europäischen die arrogantesten und sarkastischsten&#8221;, sagt der Politologe Zhao Guojun von der Akademie für Sozialwissenschaften in Shanghai. &#8220;Einige Medien haben China vor der Eröffnung Ärger bereitet und damit unharmonische Signale für die chinesisch-deutschen Beziehungen gesendet.&#8221; Die für ihre nationalistischen Positionen bekannte Zeitung &#8220;Huanqiu Shibao&#8221; moniert, deutsche Politiker und Organisationen würden &#8220;mit den Wörtern Demokratie und Freiheit ihre Spiele betreiben&#8221; und &#8220;Dissidenten als Requisiten einladen&#8221;. Mit der Auswahl der Gäste habe der Westen seine &#8220;Engstirnigkeit&#8221; unter Beweis gestellt.</p>
<p>Peking bewertet seinen Auftritt als Erfolg. Bis zum Abschluss der Fachbesuchertage seien 882 Lizenzverträge für den Export chinesischer Titel unterzeichnet worden, mehr als je zuvor, erklärte Zhang Fuhai, Mitglied der chinesischen Delegation. Im Gegenzug erwarben die 223 in Frankfurt anwesenden chinesischen Verlage Rechte an 1 310 internationalen Werken. Das sieht man in Peking als Zeichen dafür, dass China weltoffen, die Welt aber weniger chinaoffen sei. Nach offiziellen Angaben sind in der Volksrepublik in den 60 Jahren ihres Bestehens über 100 000 ausländische Bücher übersetzt worden, weitaus mehr als umgekehrt. &#8220;Die Deutschen müssen noch sehr fleißig sein&#8221;, schreibt die Volkszeitung.</p>
<p>Mit besonderer Genugtuung berichten Chinas Medien darüber, dass der niederländische Wissenschaftsverlag Elsevier in Frankfurt die englische Übersetzung zweier Bücher des ehemaligen chinesischen Staats- und Parteichefs Jiang Zemin präsentiert hat. Elseviers Geschäftsführer habe in einem Interview bekannt gegeben, &#8220;dass die beiden Bücher großen Einfluss auf Führungspersönlichkeiten in aller Welt haben werden&#8221;, meldete die offizielle Nachrichtenagentur. Chinas stellvertretender Staatspräsident Xi Jinping brachte Jiangs Werke &#8220;Zur Entwicklung der chinesischen IT-Industrie&#8221; und &#8220;Forschung zu Energiefragen in China&#8221; als Gastgeschenk für Bundeskanzlerin Angela Merkel mit. Bei der Übersetzung drängt sich allerdings der Verdacht auf, das der Wissenschaftsverlag Jiangs Bücher nicht zuletzt aus strategischen Gründen ins Programm genommen hat, um seine Expansion auf dem chinesischen Markt zu unterstützen.</p>
<p>Kontrovers wird Chinas Gastlandauftritt dagegen in einigen chinesischen Internetforen diskutiert. Der Blogger Yan Changhai erklärte: &#8220;Auf der Buchmesse kann man zwei Chinas sehen: die offizielle Delegation und die Dissidentenschriftsteller. Beide treten gleichermaßen selbstbewusst auf, aber zwischen ihnen gibt es keinerlei Kommunikation.&#8221; Für Kritik sorgte besonders die Auswahl der offiziellen Schriftstellerdelegation, die zum Großteil aus relativ unbekannten Propagandaliteraten besteht. Insbesondere die Auswahl des Dichters Wang Zhaoshan, der in China nach einem geschmacklosen Gedicht über das Sichuan-Erdbeben im vergangenen Jahr zur Spottfigur geworden war, sorgte für Hohn. &#8220;Das ist eine Ohrfeige für die chinesische Literatur&#8221;, kommentierte ein Internetbenutzer. &#8220;Meiner Meinung nach sollten nicht nur die offiziellen Beamtenschriftsteller zu Wort kommen&#8221;, meint der Blogger Shan Shibing im Internetforum QQ. &#8220;In Wahrheit ist die chinesische Literatur viel lebendiger &#8211; das sollte die Welt sehen.&#8221; Ein anderer Internet-User vermerkte lakonisch: &#8220;Der Ehrengast ist nicht China, sondern Chinas Kommunistische Partei.&#8221;</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/deutsche-medien-sind-die-arrogantesten/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Pekings Hofnarr</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/pekings-hofnarr/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/pekings-hofnarr/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 13 Oct 2009 22:28:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Propaganda]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1584</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Der Dichter Wang Zhaoshan darf als Mitglied der offiziellen Autorendelegation nach Frankfurt reisen. In China ist er eher berüchtigt als berühmt.</h3>
„Die Werke unseres Vizevorsitzenden Wang?“ Die Mitarbeiterin des Schriftstellerverbands der Provinz Shandong ist am Telefon offensichtlich überrumpelt. „Dazu kann ich gar nichts zu sagen, die sind alle so alt.“ Und über Wangs berühmt-berüchtigtes Gedicht „Stimme aus der Tiefe der Ruinen“ will sie nicht sprechen. Natürlich nicht...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Dichter Wang Zhaoshan darf als Mitglied der offiziellen Autorendelegation nach Frankfurt reisen. In China ist er eher berüchtigt als berühmt.</h3>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-1585" title="Wang_Zhaoshan_-_Kollage_chinesischer_Blogger" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/10/Wang_Zhaoshan_Internetkollage.jpg" alt="Wang_Zhaoshan_-_Kollage_chinesischer_Blogger" width="400" height="300" />„Die Werke unseres Vizevorsitzenden Wang?“ Die Mitarbeiterin des Schriftstellerverbands der Provinz Shandong ist am Telefon offensichtlich überrumpelt. „Dazu kann ich gar nichts zu sagen, die sind alle so alt.“ Und über Wangs berühmt-berüchtigtes Gedicht „Stimme aus der Tiefe der Ruinen“ will sie nicht sprechen. Natürlich nicht.</p>
<p>Wang Zhaoshan ist einer der rund hundert handverlesenen Autoren, die China auf der Frankfurter Buchmesse offiziell vertreten. Selten hat ein Gastland eine umstrittenere Delegation geschickt. Zwar gehören dem Dichteraufgebot auch große Namen wie Mo Yan und Yu Hua an. Doch die Mehrzahl sind linientreue Kaderliteraten, deren Werke noch nie übersetzt wurden und die sich ihre Reise dadurch verdient haben, dass sie unermüdlich Lobeshymnen auf die Kommunistische Partei texten. So wie Wang Zhaoshan. Seit drei Jahrzehnten verfasst der 56-Jährige Essays, Gedichte und Theaterstücke mit Titeln wie „Wir stehen auf roter Erde“. Es ist propagandistische Einwegware, deren literarische Halbwertszeit so kurz ist, dass der chinesische Buchhandel kein einziges von Wangs Werken im Angebot führt und selbst das Internet kaum Kostproben seiner Dichtkunst enthält. Mit einer Ausnahme.</p>
<p>Es war der das verheerende Erdbeben von Sichuan im Mai 2008 mit seinen rund 70.000 Toten, das Wang zu seinem bekanntesten Opus inspirierte. In dem Gedicht, das zuerst in den Qilu-Abendnachrichten erschien, lässt er ein Opfer zu den Überlebenden sprechen: „Naturkatastrophen sind unvermeidlich, wie könnte ich da über meinen Tod klagen“, hebt es an. „Der Parteivorsitzende ruft, der Ministerpräsident auch, die Partei bemuttert, das Vaterland liebt mich.“ Es folgt ein gerührter Dank an „Onkel Soldat“ und „Tante Polizistin“. Die große Liebe der Nation erfahren zu haben, erfülle die Toten mit Zufriedenheit, schließt Wangs lyrische Leiche, nur ein Kummer bleibe: „Hätte ich bloß einen Fernsehbildschirm vor meinem Grab, um Olympia zu schauen und in den Jubel mit einzustimmen.“</p>
<p>So viel patriotischer Schwulst sprengte sogar für chinesische Verhältnisse das Maß des Erträglichen. In Internetforen wurde Wang mit Spott überzogen. Der berühmte Dichter Ye Kuangzheng bezeichnete Wang als „Vertreter einer falschen Literatur“ und „Verräter an der Lyrik“. Der Autor Li Zhongqin, Mitglied des von Wang mitgeführten Schriftstellerverbands Shandong, trat aus der Organisation aus, weil er sich „schäme, mit Wang Zhaoshan in Verbindung gebracht zu werden“. Der populäre Jungautor Han Han ätzte in seinem Blog, er sei froh, nie dem staatlichen Schriftstellerverband beigetreten zu sein und bezeichnete Staatsschriftsteller wie Wang unverhohlen als „Nutten der Politik“.</p>
<p>Selbst die Zentralregierung distanzierte sich zeitweise von Wang. Die englischsprachige China Daily nannte sein Gedicht „schmalzig und fürchterlich” und warnte davor, „nationalen Schmerz in eine Farce zu verwandeln“. Doch inzwischen hat Peking seinem getreuen Propagandahandwerker nicht nur verziehen, sondern hält ihn wieder für vorbildlich genug, um in Frankfurt als Musterrepräsentant der chinesischen Gegenwartsliteratur aufzutreten. „Damit verrät die Regierung mehr über sich, als sie möchte“, kommentiert die regimekritische Autorin Dai Qing. „Es ist zum totlachen.“</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/pekings-hofnarr/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Wettstreit der Worte</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/wettstreit-der-worte/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/wettstreit-der-worte/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 13 Oct 2009 02:55:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Buchmesse]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Meinungsfreiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Pressefreiheit]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1581</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Die Buchmesse ist ein Laborversuch zur chinesischen Meinungsfreiheit.</h3>
Vor 2500 Jahren forderte der Philosoph Konfuzius Chinas Herrscher auf, die Dinge beim Namen zu nennen. "Wenn die Bezeichnungen nicht stimmen, spiegelt die Sprache nicht mehr die wahren Umstände wider", mahnte der Weise. Wo sich Begriffe von ihren Bedeutungen trennen und in leerem Gerede auflösen, drohten die Kultur zu zerfallen, die Regierung ihre Macht zu verlieren und das Volk im Chaos zu versinken. "Der Edle redet deshalb so, dass seine Sprache Sinn macht", schloss der Nationaldenker. Chinas Mächtige erinnern sich bis heute an seinen Rat - und hüten sich meist davor, ihn zu befolgen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die Buchmesse ist ein Laborversuch zur chinesischen Meinungsfreiheit.</h3>
<p>Vor 2500 Jahren forderte der Philosoph Konfuzius Chinas Herrscher auf, die Dinge beim Namen zu nennen. &#8220;Wenn die Bezeichnungen nicht stimmen, spiegelt die Sprache nicht mehr die wahren Umstände wider&#8221;, mahnte der Weise. Wo sich Begriffe von ihren Bedeutungen trennen und in leerem Gerede auflösen, drohten die Kultur zu zerfallen, die Regierung ihre Macht zu verlieren und das Volk im Chaos zu versinken. &#8220;Der Edle redet deshalb so, dass seine Sprache Sinn macht&#8221;, schloss der Nationaldenker. Chinas Mächtige erinnern sich bis heute an seinen Rat &#8211; und hüten sich meist davor, ihn zu befolgen.</p>
<p>Die Frage, was in China wahr und falsch ist, steht im Zentrum des chinesischen Gastlandauftritts bei der Frankfurter Buchmesse. Schon seit Jahren wird darüber debattiert und gestritten, und das zu Recht. Kaum einer bezweifelt noch, dass die Volksrepublik dabei ist, sich selbst und mit sich die ganze Welt zu verändern &#8211; wirtschaftlich, politisch und kulturell. Aber wohin dieser Prozess führen wird, darüber herrschen die unterschiedlichsten Erwartungen, Hoffnungen und Ängste.</p>
<p>Noch nie gab es eine bessere Diskussionsplattform als in Frankfurt. Denn der Gastlandauftritt und das Begleitprogramm lassen unterschiedlichste Meinungen aufeinanderprallen. Vor allem aber zwingen sie China zur Debatte mit sich selbst. Erstmals werden sich Vertreter der chinesischen Regierung und einige ihrer schärfsten Kritiker fünf Tage lang einen offenen Wettstreit der Worte liefern &#8211; und die Weltöffentlichkeit kann zuhören und sich ihr eigenes Urteil bilden. Die Buchmesse ist ein Laborversuch zur chinesischen Meinungsfreiheit.</p>
<p>Dabei wäre ein solcher aus Sicht der Kommunistischen Partei gar nicht nötig. Ihre offiziellen Vertreter, allen voran Vizepräsident Xi Jinping, werden darauf hinweisen, dass Chinas Gesetz das Recht auf freie Meinungsäußerung ebenso garantiert wie die Pressefreiheit. Zwar gesteht Peking ein, dass die Umsetzung nicht immer reibungslos gelinge und China noch einen weiten Weg vor sich habe, aber trotzdem fordert die Regierung, vor allem die gewaltigen Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte zu würdigen. Die Verbesserungen lassen sich mit eindrucksvollen Statistiken belegen, etwa dass in China heute jährlich 300000 neue Bücher erscheinen und über tausend Fernsehkanäle auf Sendung sind. Chinas Magie der großen Zahlen verfehlt ihre Wirkung selten. Trotzdem steht und fällt ihre Überzeugungskraft mit dem angelegten Maßstab.</p>
<p>Gemessen an Maos Zeiten erscheint die Volksrepublik heute als ein Reich der Freiheit und Weltoffenheit. Früher waren die Einschränkungen der Meinungsfreiheit unübersehbar und prägten den Alltag. Heute sind die Grenzen für die meisten Chinesen nicht mehr zu erkennen und werden erst sichtbar, wenn man sie übertritt. Die Ära der allumfassenden Gleichschaltung ist vorbei, viele Eingriffe in die Privatsphäre wurden zurückgenommen. China ist kein Spitzelstaat mehr, in dem Gesinnungsspione persönlichen Einstellungen zu Partei und Revolution hinterherschnüffeln. Wer zu Hause auf den Kommunismus schimpfen oder Witze über die Führung erzählen will, kann dies in der Regel ungestraft tun. Das Private ist wieder weitgehend privat.</p>
<p>Doch das Private kann schnell öffentlich werden &#8211; und dann ist die Mao-Zeit ein schlechter Maßstab für die Bedeutung der Meinungsfreiheit. Wenn Kinder an vergifteter Babymilch erkranken oder Fabriken das Trinkwasser mit krebserregenden Abfällen verseuchen, wenn korrupte Beamte Menschen um ihr Hab und Gut betrügen oder ethnische Minderheiten Opfer von Diskriminierung werden, dann lernen die Chinesen nicht nur den Wert freier Rede kennen, sondern oft auch gleich die Macht der staatlichen Zensur. Chinas Medien und das Internet unterliegen strengster Überwachung. Die Kontrolleure kontrolliert allein die Partei.</p>
<p>Weil China sein Image in der Welt nicht egal ist, tritt nun ausgerechnet die chinesische Zensurbehörde, das Amt für Presse und Publikation (GAPP), in Frankfurt als Organisator des Gastlandauftritts auf. Die Art und Weise, wie sich die Vertreter der offiziellen Delegation auf der Buchmesse der Debatte stellen, wird der beste Maßstab dafür sein, wie reformbereit die chinesische Regierung in Sachen Meinungsfreiheit tatsächlich ist. Nach den Querelen im Vorfeld der Buchmesse zu urteilen, führen Chinas Herrscher wieder einmal die Weisheiten ihres Nationalphilosophen Konfuzius im Munde, ohne sie zu beherzigen. Freiheit sagen und Unfreiheit meinen – diese Strategie mag dem kurzfristigen Machterhalt dienlich sein, bedroht langfristig aber die Stabilität der Regierung ebenso wie die des Landes. In China kann die Partei Debatten darüber verhindern, in Frankfurt muss sie sich ihnen stellen – und damit leben, als Gesprächspartner womöglich nicht ernst genommen zu werden. Einer der prominentesten chinesischen Intellektuellen, der Künstler Ai Weiwei, hat seine Teilnahme an der Buchmesse abgesagt und begründete dies in bester konfuzianischer Manier damit, dass ein konstruktiver Dialog mit Peking nicht möglich sei – zumindest keiner, der den Namen verdienen würde.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/wettstreit-der-worte/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>&#8220;China ist surreal&#8221;</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/china-ist-surreal/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/china-ist-surreal/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 12 Oct 2009 00:20:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Propaganda]]></category>
		<category><![CDATA[Reformen]]></category>
		<category><![CDATA[Zensur]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1573</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Der Schriftsteller Yu Hua spricht im Interview über sein Lieblingsbuch, konkurrierende Chinabilder und Pekings Instrumentalisierung chinesischer Auslandsstudenten.<em>
</em></h3>
<em><img class="alignleft size-medium wp-image-1574" title="Yu_Hua" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/10/Yu_Hua_1-241x300.jpg" alt="Yu_Hua" width="145" height="180" />Herr Yu, bei der Frankfurter Buchmesse werden viele verschiedene Chinabilder aufeinanderprallen: positive und negative, geschönte und geschwärzte, gut und schlecht informierte. Was für eines steuern Sie bei?</em>

Vielleicht das surreale. Ich bemühe mich in meinen Büchern zwar um eine objektive Beschreibung der chinesischen Gegenwart. Aber die Entwicklung, die China in den vergangenen Jahrzehnten durchgemacht hat, ist absolut unwirklich. Normalerweise sehen wir Schriftsteller uns ja gerne als Ärzte der Gesellschaft, die soziale Phänomene diagnostizieren. Aber in der heutigen chinesischen Gesellschaft geht das nicht mehr. Da sind wir alle Patienten...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Schriftsteller Yu Hua spricht im Interview über sein Lieblingsbuch, konkurrierende Chinabilder und Pekings Instrumentalisierung chinesischer Auslandsstudenten.<em><br />
</em></h3>
<p><em><img class="alignleft size-large wp-image-1578" title="Yu_Hua_2" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/10/Yu_Hua_21-1024x792.jpg" alt="Yu_Hua_2" width="430" height="333" />Herr Yu, bei der Frankfurter Buchmesse werden viele verschiedene Chinabilder aufeinanderprallen: positive und negative, geschönte und geschwärzte, gut und schlecht informierte. Was für eines steuern Sie bei?</em></p>
<p>Vielleicht das surreale. Ich bemühe mich in meinen Büchern zwar um eine objektive Beschreibung der chinesischen Gegenwart. Aber die Entwicklung, die China in den vergangenen Jahrzehnten durchgemacht hat, ist absolut unwirklich. Normalerweise sehen wir Schriftsteller uns ja gerne als Ärzte der Gesellschaft, die soziale Phänomene diagnostizieren. Aber in der heutigen chinesischen Gesellschaft geht das nicht mehr. Da sind wir alle Patienten.</p>
<p><em>Damit werden Sie sich bei ihren Landsleuten nicht beliebt machen. Immerhin hat das Pekinger Kulturministerium offiziell die Devise ausgegeben, Chinas Gastlandauftritt solle der Welt die Erfolge der chinesischen Reformära demonstrieren.</em></p>
<p>Solche Slogans haben mit Chinas Wirklichkeit wenig zu tun, aber leider setzen sie sich in den Köpfen fest. Ich erinnere mich, wie ich einmal einen Vortrag an der University of British Columbia in Vancouver gehalten habe und mir ein chinesischer Student in der anschließenden Diskussion erzählen wollte, China sei eine &#8220;aufsteigende Großmacht&#8221; und &#8220;harmonische Gesellschaft&#8221;. Ich habe ihm entgegnet, dass man nicht auf Peking und seine Hochhäuser hereinfallen dürfe. China &#8211; das sind Wanderarbeiter, die in ständiger Unsicherheit leben, das sind 30 Millionen Menschen, die im Jahr von 600 Yuan (ca. 60 Euro) leben, das sind Kinder, die sterben, weil ihre Eltern nicht 10 Yuan (1 Euro) für einen Arztbesuch aufbringen können. Und wissen Sie, was der chinesische Student mir darauf geantwortet hat? Geld sei nicht der einzige Maßstab des Glücks. Das meine ich mit Surrealität. Hinterher habe ich übrigens gehört, dass der Junge der Sohn eines Vizegouverneurs der Provinz Shanxi war.</p>
<p><em>Im Westen denkt man häufig, dass Chinesen, wenn sie ins Ausland gehen, einen neuen Blick auf ihr Land entwickeln und sehr kritisch werden.</em></p>
<p>Das habe ich früher auch gedacht. Aber es ist nicht immer so. Ich habe zum Beispiel in den USA viele chinesische Studenten gefragt, was sie über die Ereignisse vom 4. Juni wissen&#8230;</p>
<p><em>&#8230; das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens, 1989.</em></p>
<p>Viele haben davon gar nichts gewusst, und es interessiert sie auch nicht. Selbst von der Kulturrevolution haben sie nur ganz wenig gehört. Und es ist nicht so, dass sie einem Autor wie mir dankbar wären, dass er darüber schreibt. Als ich kürzlich eine Vorlesung in Harvard gehalten habe, hat sich der dortige Verband der chinesischen Studenten geweigert, meinen Besuch bekannt zu machen. In deren Augen bin ich ein Störenfried. Die Vorsitzenden des Studentenverbandes kamen dann aber doch zu meinem Vortrag und ich habe sie gefragt, wer eigentlich seinen Verband finanziert. Da haben sie mir ganz offen erzählt, dass sie Geld vom chinesischen Konsulat erhalten und dafür jede Woche einen Bericht über ihre Arbeit abliefern müssen. Seitdem fühle ich mich unter Auslandsstudenten manchmal unsicherer als unter chinesischen Studenten in China. Ich muss aber sagen, dass dies in Europa nicht der Fall ist.</p>
<p><em>Ihr jüngster Roman, &#8220;Brüder&#8221;, wurde in China ein Millionenerfolg, obwohl Sie darin sehr offen über die Kulturrevolution und diverse Probleme schreiben.</em></p>
<p>&#8220;Brüder&#8221; ist von allen meinen Büchern mein Lieblingsbuch, weil es ein großes Panorama der chinesischen Gegenwart ist. Darin passieren ungeheuer viele verrückte Sachen, aber die sind alle real. Inzwischen wird das Buch sogar von chinesischen Soziologen benutzt, um ihren Studenten etwas über die jüngste Geschichte beizubringen.</p>
<p><em>Und das ist trotzdem nicht zensiert worden? </em></p>
<p>In der Literatur hat man in China gewisse Freiheiten. Aber jetzt arbeite ich gerade an einem kleinen Band mit zehn Aufsätzen zu zentralen Themen der chinesischen Gegenwart. Drei habe ich schon fertig, über das chinesische Volk, über unsere Führung und über den großen Dichter Lu Xun. Ich schreibe sehr offen, so dass der Band in China bestimmt nicht erscheinen kann.Deswegen überlege ich, ihn nur in Englisch, Deutsch, Französisch und anderen Sprachen herauszubringen, nicht auf Chinesisch. Das fände ich eine gute Botschaft: Manche Wahrheiten über China kann man eben nur erfahren, wenn man Fremdsprachen beherrscht.</p>
<p><em><br />
</em></p>
<p><em>ZUR PERSON<br />
Yu Hua, 49, gehört zu den führenden chinesischen Gegenwartsschriftstellern. In der südchinesischen Provinz Zhejiang geboren, arbeitete Yu zunächst als Zahnarzt, bevor er sich 1983 der Schriftstellerei zuwendete. Anfang der Neunziger wurde der von Zhang Yimou verfilmter Revolutionsroman „Leben“ sein erster Welterfolg. Yus jüngstes Werk, „Brüder“, verkaufte sich in der Volksrepublik über eine Million mal und erzielte bei ausländischen Verlagen die höchsten Lizenzgebühren, die je für die Rechte eines chinesischen Buches bezahlt wurde. Auf Deutsch ist „Brüder“ soeben bei S. Fischer erschienen. Trotz seiner kritischen Haltung gegenüber der chinesischen Regierung besucht Yu die Frankfurter Buchmesse als Mitglied der offiziellen Autorendelegation.</em></p>
<p><em><br />
</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/china-ist-surreal/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Nischen der Meinungsfreiheit</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/nischen-der-meinungsfreiheit/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/nischen-der-meinungsfreiheit/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 10 Oct 2009 01:53:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Pressefreiheit]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1568</guid>
		<description><![CDATA[<h3>In China erleben Buchläden eine Renaissance: Denn sie bieten der kritischen Internetgemeinde Gelegenheit, sich in der Wirklichkeit zu treffen.</h3>
Neulich wurde im Sanwei-Buchladen wieder viel gelacht. Es war Samstagnachmittag und der 70-jährige Autor Yang Jishen hatte gerade anderthalb Stunden lang aus seinem Buch "Grabstein" gelesen, einem schonungslosen Recherchebericht über die Hungersnöte der Mao-Zeit, der die offizielle Parteigeschichtsschreibung als hanebüchene Propaganda entlarvt. "Ihr Vortrag frustriert mich", meldete sich ein junger Mann im Publikum zu Wort. "Ich bin Journalist bei einer Zeitung in der Provinz und darf immer nur gute Nachrichten schreiben, nie die Wahrheit."...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>In China erleben Buchläden eine Renaissance: Denn sie bieten der kritischen Internetgemeinde Gelegenheit, sich in der Wirklichkeit zu treffen.</h3>
<p><img class="alignleft size-large wp-image-1570" title="Sanwei_Buchladen_Besitzerehepaar" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/10/Sanwei_Buchladen_Besitzerehepaar-1024x682.jpg" alt="Sanwei_Buchladen_Besitzerehepaar" width="491" height="327" />Neulich wurde im Sanwei-Buchladen wieder viel gelacht. Es war Samstagnachmittag und der 70-jährige Autor Yang Jishen hatte gerade anderthalb Stunden lang aus seinem Buch &#8220;Grabstein&#8221; gelesen, einem schonungslosen Recherchebericht über die Hungersnöte der Mao-Zeit, der die offizielle Parteigeschichtsschreibung als hanebüchene Propaganda entlarvt. &#8220;Ihr Vortrag frustriert mich&#8221;, meldete sich ein junger Mann im Publikum zu Wort. &#8220;Ich bin Journalist bei einer Zeitung in der Provinz und darf immer nur gute Nachrichten schreiben, nie die Wahrheit.&#8221; Was er denn machen müsse,um ab und zu auch einmal Texte verfassen zu können, für die er sich nicht zu schämen brauche, wollte er wissen. &#8220;Geduld, junger Mann, ihre Zeit wird kommen&#8221;, entgegnete Yang. &#8220;Ich habe mein Leben lang bei der Nachrichtenagentur Xinhua gearbeitet und in dieser Zeit höchstens drei anständige Texte schreiben können. Aber seitdem ich im Ruhestand, kann ich machen, was ich will. Freuen Sie sich also aufs Alter.&#8221;</p>
<p>Solch schwarzer Humor ist typisch für die Samstagnachmittage im Sanwei-Buchladen, einem traditionellen grauen Backsteinhaus unweit des Pekinger Regierungsviertels Zhongnanhai. Mehrere hundert Leute drängen sich dann in den kleinen Vortragssaal über dem Geschäft, und weil manchmal sogar der ganze Treppenaufgang rappelvoll ist, kann man die Lesungen hinterher auch im Internet als Video herunterladen. Im Netz kursieren auch die meisten Bücher, über die hier gesprochen wird und die es im Laden nicht zu kaufen gibt, weil Titel wie Yangs &#8220;Grabstein&#8221; in der Volksrepublik auf dem Zensurindex stehen. Gesprochen wird über sie jedoch trotzdem, bei Sanwei oder in einem der anderen kleinen, privaten Buchläden, in denen Chinas Intellektuellenszene ihre Jour fixe abhält. Denn in China erlebt derzeit die alte Buchladenkultur eine Renaissance.</p>
<p>Schon vor hundert Jahren, als das Kaiserreich zerfiel und China seinen Weg in die Moderne suchte, waren Buchhandlungen ein wichtiger Umschlagplatz für Ideen über Reformen und Revolutionen. Nicht zuletzt Chinas Kommunisten der ersten Generation bezogen von den Regalen und in den angeschlossenen Salons das geistige Rüstzeug für ihren Umbruchsehrgeiz, inklusive Mao Zedong, der als Gehilfe in einer Pekinger Universitätsbibliothek seine ersten marxistischen Denk- übungen machte. Da die Partei die Macht von Worten und Wissen kennt, versucht sie die Debatten heute nach Kräften zu steuern und zurechtzustutzen, doch die Meinungsfreiheit findet trotzdem ihre Nischen.</p>
<p>Das wichtigste Forum für offene Debatten und Kritik ist das Internet, aber die Online-Intellektuellen kommen zunehmend auch in der realen Welt zusammen, wobei Buchläden der bevorzugte Ort sind, weil sich in den meist angeschlossenen Cafés oder Teehäusern ohne großes Aufsehen Veranstaltungen organisieren lassen.</p>
<p>Mehrere Dutzend private Buchhandlungen haben in den vergangenen Jahren in Peking eröffnet. Zwar können sie mit den Absatzzahlen der großen staatlichen Ketten nicht mithalten. So verfügt etwa die &#8220;Xidan Buchstadt&#8221;, das Flagschiff der offiziellen Xinhua-Kette im Herzen Pekings, über 60.000 Quadratmeter Ladenfläche und 200.000 vorrätige Titel. Auch der Internetbuchhandel gewinnt in China immer mehr Marktanteile.</p>
<p>Für die Kleinen ist der Verkauf von Büchern jedoch nur ein Teil ihres Geschäfts. Einige Buchläden wie das &#8220;Café Einbahnstraße&#8221; oder das &#8220;Denker-Café&#8221; rücken ihren Restaurantcharakter in den Vordergrund, um zu betonen, dass sie sich mehr als Treffpunkte denn als Buchvertriebe sehen. Andere existieren nur, weil sie reiche Liebhaber im Hintergrund haben. So wie Sanwei, der 1988 mit der Unterstützung einflussreicher unabhängiger Köpfe als erster privater Buchladen seine Tore öffnete.</p>
<p>&#8220;Wir waren damals die erste Pekinger Buchhandlung, in der die Kunden eingeladen waren, nach Lust und Laune zu lesen, ohne zum Kauf verpflichtet zu sein&#8221;, sagt Gründerin Liu Yuansheng. Die 72-Jährige galt unter Mao zwei Jahrzehnte lang als Revisionistin, ihr Mann verbrachte sieben Jahre im Gefängnis. &#8220;Als die Reformzeit anfing, hatten wir die erste Hälfte unseres Lebens schon verschwendet, weswegen wir umso mehr versuchen wollten, in der zweiten Hälfte noch etwas Sinnvolles zu tun.&#8221; Bald wurde bei ihnen nicht nur gelesen, sondern auch musiziert und diskutiert. Da es sich bei den Vortragenden stets um namhafte Professoren und Intellektuelle handelte, die wussten, wie man auf der Grenze des Erlaubten tanzt, entging Sanwei der Zensur. &#8220;Viele Leute sagen uns, dass wir sehr mutig seien, weil bei uns immer über sensible Themen diskutiert wird&#8221;, sagt Liu. &#8220;Aber uns interessiert nicht die Sensibilität von Themen, sondern nur die Wahrheit,und es sollte eigentlich kein Mut nötig sein, diese offen auszusprechen.&#8221;</p>
<p>Allerdings sind die Buchläden nicht nur Orte für intellektuellen Altersmut. Den Großteil des Publikums machen Studenten, junge Akademiker oder Journalisten aus. Auch die Pekinger Dissidentenprominenz lässt sich hier regelmäßig blicken, etwa die Bloggerin Zeng Jinyan, deren Mann Hu Jiaderzeit wegen seiner offenen Demokratieappelle eine dreieinhalbjährige Haftstrafe verbüßt und vergangenes Jahr mit dem Menschenrechtspreis des europäischen Parlaments ausgezeichnet wurde. Der unangefochtene Superstar der jungen Vordenkerszene ist allerdings der 27-jährige Han Han, der gleichzeitig als Autorennfahrer, Herzensbrecher und Autor Karriere gemacht hat und einen der meistgelesenen Blogs des Landes schreibt, in dem er Geschichten aus chinesischen Medien aufgreift und bissig zu Ende denkt.</p>
<p>&#8220;Ich versuche, immer an die Grenze zu gehen und sie jedes Mal ein bisschen weiter hinauszuschieben&#8221;, sagte Han. &#8220;Ich habe das Glück, schon seit einigen Jahren berühmt zu sein, weshalb ich mir mehr erlauben kann als viele andere.&#8221; Zwar will auch er sich nicht auf Frontalkämpfe mit dem Regime einzulassen, aber mit &#8220;Batman-Journalismus&#8221; könne man auch in China für das Gute kämpfen. &#8220;Meiner Meinung nach ist Pressefreiheit im Moment das wichtigste Thema in China, denn ich glaube an die Macht von Informationen&#8221;, meint Han. &#8220;Heute sind viele Chinesen stolz darauf, dass es bei uns schon viel besser ist als in Nordkorea, aber wenn es Nordkorea nicht gäbe, sähen wir ganz schön alt aus.&#8221;</p>
<p>Solche Slogans kommen bei Chinas jungen Intellektuellen gut an, allerdings nur bei denen, die sich nicht von der Partei ins Dickicht nationalistischer Parolen locken lassen. Letztere sind in China zweifellos in der Mehrheit &#8211; und das Buchladenkonzept hat auch die Regimetreuen überzeugt, so dass sie inzwischen ihre eigenen Treffpunkte betreiben. Etwa das Buch-Café Utopia im Pekinger Universitätsviertel Haidian. Hier versammelt sich die so genannte &#8220;Neue Linke&#8221;, die der alten Linken näher steht, als der Name einzugestehen bereit ist. Buchauswahl und Veranstaltungsprogramm sind vor allem auf Revolutionsromantiker und Mao-Zeit-Nostalgiker zugeschnitten.</p>
<p>&#8220;Maos militärische Gedanken sind für immer die unbesiegbare Flagge unserer Armee&#8221;,lautete etwa das Thema des Vortrags, mit dem kürzlich Mei Qiyi, ein pensionierter General der Volksbefreiungsarmee, 250 Zuhörer in seinen Bann zog. &#8220;Der Vorsitzende Mao hat die systematischste, umfassendste und wissenschaftlichste Militärtheorie der Welt formuliert&#8221;, erklärte Mei. &#8220;Das wird in aller Welt anerkannt.&#8221; Dann erging er sich zwei Stunden lang in der Beschreibung von Schlachten, die seit Jahrzehnten zu den Evergreens der Armeepropaganda gehören und immer dem gleichen Schema laufen: Die kommunistischen Truppen werden von bösen Kräften in eine aussichtslose Lage manövriert, doch dann erscheint Mao mit Bonmots wie &#8220;Siege werden nicht mit Waffen, sondern mit dem Herz entschieden&#8221; und der Sieg ist sicher. Die Zuhörer &#8211; im Schnitt deutlich älter und weniger gut situiert als die Sanwei-Besucher &#8211; gaben Szenenapplaus.</p>
<p>In den Buchregalen stehen neben marxistischen Klassikern und Mao-Bildbändenauch die Manifeste des neuen, trotzigen chinesischen Selbstbewusstseins. Etwa &#8220;China kann Nein sagen&#8221;, dessen Autoren 1996 mit antiwestlichen Tiraden auf der nationalistischen Klaviatur spielten. Oder &#8220;Währungskrieg&#8221;, in dem eine angebliche antichinesische Verschwörung des internationalen Großkapitals entdeckt wird. Oder der Anfang 2009 erschienene Bestseller &#8220;China ist nicht glücklich&#8221;, der die Chinesen lehrte, die Ursachen vieler Probleme geradewegs im Ausland zu suchen. Gleichzeitig verkauft sich hier auch die so genannte &#8220;Großlandliteratur&#8221; bestens, die China an seine alte Stärke erinnern soll.</p>
<p>&#8220;In der Menschheitsgeschichte hat es nur ein einziges Reich gegeben, das weltweit eine noch größere Bedeutung gehabt hat als das heutige Amerika, und das war das China der Tang-Dynastie&#8221;, sagt Zhu Daping, Vorsitzender des &#8220;Pekinger Informationszentrum für gesellschaftliche Erziehung und Kultur&#8221;, einer der größten Vertreiber von Propagandaliteratur. Doch in den über tausend Jahren nach dem Ende der Tang-Zeit habe China sein Selbstbewusstsein verloren. &#8220;Damals hat China die klügsten Köpfe des Planeten angezogen und die fortschrittlichsten Ideen in die Welt zurückgetragen&#8221;, erklärt Zhu, &#8220;und aus aller Welt kamen Frauen, um mit chinesischen Männern zu schlafen, weil das ihr größter Traum war.&#8221; Zwar verrät Zhu damit womöglich mehr über seine eigenen Wünsche als über die chinesische Geschichte. Doch bei den Massen kommt das allemal gut an.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/nischen-der-meinungsfreiheit/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Der rote Rätsler</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/der-rote-ratsler/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/der-rote-ratsler/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 09 Oct 2009 10:32:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunistische Partei]]></category>
		<category><![CDATA[Korruption]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1560</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Krimiautor Qiu Xiaolong ist der weltweit bestverkaufte chinesische Autor. Doch Chinas Zensoren verhindern, dass er in der Heimat bekannt wird.</h3>
<img class="alignleft size-medium wp-image-1562" title="Qiu_Xiaolong" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/10/Qiu_Xiaolong_3-219x300.jpg" alt="Qiu_Xiaolong" width="118" height="162" />Qiu Xiaolong besitzt keine Pistole. "Für einen Krimiautor ist das offenbar ungewöhnlich", meint der 56-Jährige. "Mein amerikanischer Verleger hat mir jedenfalls geraten, mir eine Schusswaffe zuzulegen und sie auch in meinen Büchern häufiger einzusetzen." Aber wozu braucht man Gewehre, wenn es auch Messer und Küchenbeile gibt? Und wenn sich Mörder statt von Einsatzkommandos auch mit sozialen Umzingelungsmanövern einkreisen lassen? "Meine Krimis spielen in China", sagt Qiu, "und dort laufen Verbrechen und Verbrechensbekämpfung eben etwas anders ab als in Amerika."...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Krimiautor Qiu Xiaolong ist der weltweit bestverkaufte chinesische Autor. Doch Chinas Zensoren verhindern, dass er in der Heimat bekannt wird.</h3>
<p><img class="alignleft size-large wp-image-1565" title="Qiu_Xiaolong_1" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/10/Qiu_Xiaolong_1-1024x682.jpg" alt="Qiu_Xiaolong_1" width="491" height="327" />Qiu Xiaolong besitzt keine Pistole. &#8220;Für einen Krimiautor ist das offenbar ungewöhnlich&#8221;, meint der 56-Jährige. &#8220;Mein amerikanischer Verleger hat mir jedenfalls geraten, mir eine Schusswaffe zuzulegen und sie auch in meinen Büchern häufiger einzusetzen.&#8221; Aber wozu braucht man Gewehre, wenn es auch Messer und Küchenbeile gibt? Und wenn sich Mörder statt von Einsatzkommandos auch mit sozialen Umzingelungsmanövern einkreisen lassen? &#8220;Meine Krimis spielen in China&#8221;, sagt Qiu, &#8220;und dort laufen Verbrechen und Verbrechensbekämpfung eben etwas anders ab als in Amerika.&#8221;</p>
<p>Genau darauf beruht Qiu Xiaolongs Erfolg. Der unscheinbare Mann mit der biederen Goldrandbrille ist der mit weitem Abstand bekannteste chinesische Vertreter des Räuber-und-Gendarme-Gen- res. Die mittlerweile sechs Fälle seines Oberinspektors Chen Cao sind in 21 Sprachen erschienen und haben sich weltweit mehr als eine Million Mal verkauft. Wohl kein anderer chinesischer Autor kann außerhalb der Volksrepublik vergleichbare Zahlen vorweisen.</p>
<p>Nur in der Volksrepublik haben die staatlichen Zensoren seinen Durchbruch bisher verhindert. Denn für Qiu, der seiner Heimat 1989 nach dem Tiananmen-Massaker den Rücken kehrte und heute in den USA lebt, porträtiert Chinas Wirtschaftswundermetropole Shanghai als eine Stadt der Verbrechen, Versuchungen und Verwirrungen. Seine Plots kreisen um Korruption, Geldwäsche und Menschenschmuggel, sein Personal sind bestechliche Parteibonzen, skrupellose Unternehmer und hilflose Normalbürger, seine Schauplätze Amtsstuben, Restauranthinterzimmer und Massagesalons.</p>
<p>&#8220;Viele Fälle gehen auf wahre Begebenheiten zurück&#8221;, erzählt Qiu. In &#8220;Blut und rote Seide&#8221;, dem im Frühjahr auf Deutsch erschienen fünften Chen-Band, werden alte Rechnungen aus der Kulturrevolution beglichen. Davor löste Chen in &#8220;Rote Ratten&#8221; einen Fall, der den Skandal um den Schmuggelkönig Lai Changxing nachzeichnete, der sich in den Neunzigern mit Bestechung und Erpressung eine ganze Provinzregierung gefügig machte und dann nach Kanada absetzte. Doch während in Pekings Staatspropaganda am Ende stets Recht und Gerechtigkeit siegen, entlässt Qiu seine Leser immer mit dem mulmigen Gefühl, dass ein gelöster Fall in China noch lange kein gesühntes Unrecht bedeutet. &#8220;Oberinspektor Chen fällt es schwer, daran nicht zu verzweifeln&#8221;, sagt Qiu. &#8220;Das hat er mit mir und vielen anderen Chinesen gemeinsam.&#8221;</p>
<p>Es ist nicht die einzige Gemeinsamkeit zwischen Qiu und seinem Inspektor: Beide lieben sie Chinas klassische Kultur, gutes Essen und die Gedichte amerikanischen Nobelpreisgewinners T.S. Eliot. Vor allem aber sind sie beide Vertreter der chinesischen Umbruchsgeneration, die von Maos Klassenkampf sozialisiert und dann unverhofft dem ungezügelten Kapitalismus ausgeliefert wurde. So war Qius erstes literarisches Werk ausgerechnet eine Selbstkritik, die er für seinen Vater schreiben musste. &#8220;Mein Vater war kurz vor der Revolution durch Zufall Geschäftsmann geworden&#8221;, erzählt er. In den Dreißigern und Vierzigern hatte er in Shanghai als Buchhalter für eine deutsche Chemiefirma gearbeitet. Als diese sich nach dem Zweiten Weltkrieg aus China zurückzog, bekamen die entlassenen Angestellten statt ihrer noch ausstehenden Löhne die Lagerrestbestände überlassen. So ernährte Qius Vater seine Familie mit dem Verkauf von Parfümrohstoffen, nur um unter Maos Kommunisten wenige Jahre später zum Klassenfeind erklärt zu werden. Ihren Höhepunkt erreichten die Schikanen, als 1966 die Kulturrevolution ausbrach.</p>
<p>&#8220;Mein Vater lag damals wegen einer Augenoperation mit verbundenen Augen im Krankenhaus, aber die Roten Garden bestanden trotzdem darauf, dass er regelmäßig Selbstbezichtigungsschriften verfasst&#8221;, erzählt Qiu. Also musste sein 14-jähriger Sohn kommen. &#8220;Mein Vater war sehr schwach, und so habe ich einfach selbst geschrieben, was mein Vater für ein Ausbeuter und monströser Verbrecher war.&#8221; Qiu machte seine Sache gut &#8211; die Revolutionäre hatten an seinen Schuldbekenntnissen nichts auszusetzen.</p>
<p>Da Qiu aufgrund schlechter Gesundheit nicht zur sogenannten &#8220;Umerziehung der Stadtjugend durch die Bauern&#8221; aufs Land geschickt wurde, verlebte er seine Teenagerjahre allein zuhause und brachte sich aus Langeweile Englisch bei, unter anderem mit Hilfe einer Übersetzung von Maos kleinem roten Buch. Eine glückliche Fügung: Als 1977, ein Jahr nach Maos Tod, die Universitäten wieder eröffnet wurden, schaffte Qiu die Aufnahmeprüfung zum Englischstudium. Sein Lehrer war der berühmte Dichter und Übersetzer Bian Zhilin. &#8220;Der Unterricht war sehr informell&#8221;, erinnert sich Qiu. &#8220;Ich ging zu ihm nach Hause, musste ihm seine Kohlen in den fünften Stock tragen und dann haben wir über Lyrik geredet.&#8221; Nach seinem Abschluss wurde er an die Shanghaier Akademie für Sozialwissenschaften beordert und machte sich als Übersetzer von US-Schriftstellern wie T.S. Eliot oder Raymond Chandler einen Namen. Nebenher veröffentlichte er auch eigene Gedichte und wurde damit in den Schriftstellerverband aufgenommen.</p>
<p>Diese Mitgliedschaft sollte Qiu den nächsten großen Wendepunkt in seinem Leben bescheren. scheren. 1988 ging er mit einem Forschungsstipendium nach Washington. Kurz vor seiner geplanten Rückkehr erschütterte das Massaker auf Pekings Platz des Himmlischen Friedens die Welt. &#8220;Die chinesischen Auslandsstudenten waren schockiert und wollten für ihre Kommilitonen Geld sammeln&#8221;, sagt Qiu. Als Staatsschriftsteller hatte Qiu Angst, sich öffentlich zu engagieren, doch weil er nicht kneifen wollte, ließ er sich überreden, bei einem Wohltätigkeitsbazar Frühlingsrollen zu frittieren. Am nächsten Tag erschien sein Name in einer amerikanischen Zeitung. Kurz darauf erhielt Qius Familie in Shanghai Besuch von der Polizei. &#8220;Meine Verwandten sollten mich auf Linie bringen&#8221;, sagt Qiu, der es mit der Angst zu tun bekam und sich entschied, als Promotionsstudent in den USA zu bleiben. Seine Frau konnte noch im gleichen Jahr nachziehen.</p>
<p>Erst sechs Jahre später, als Qiu bereits US-Staastbürger war, traute er sich zurück nach Shanghai &#8211; und erkannte seine Heimatstadt kaum wieder. &#8220;Das Lebensgefühl hatte sich völlig verändert&#8221;, meint Qiu. Um sich über die Veränderungen klar zu werden, begann er einen Roman zu schreiben &#8211; und scheiterte. &#8220;Ich fand keine geeignete Form&#8221;, gesteht er. &#8220;Aber dann bin ich auf die Idee gekommen, das Schema einer Detektivgeschichte zu übernehmen und meine Beobachtungen darin zu verpacken.&#8221; Da seine Bücher zunächst ohnehin für amerikanische Leser gedacht waren, begann Qiu auf Englisch zu schreiben, ein sprachlicher Umweg, den er bis heute noch immer geht. Zwar meldete sich nach seinen ersten Erfolgen auch ein Shanghaier Verlag bei ihm, um die Chen-Krimis auf Chinesisch herauszubringen. Doch Qiu bemerkte schnell, dass bei chinesischen Lesern nur eine politisch zurechtgestutzte Form seines Buches ankommen würde. &#8220;Die Zensoren forderten, dass die Handlung nicht in Shanghai oder einem anderen realen Ort spielen dürfe, sondern nur in einer fiktiven &#8220;Stadt H&#8221;, erzählt er. Auch Hinrichtungen, die in Qius Büchern wie in China üblich unmittelbar nach dem Urteil ausgeführt werden, mussten in der chinesischen Version aufgeschoben werden &#8211; in der Literatur soll der Rechtsweg eingehalten werden.</p>
<p>Drei beschnittene Chen-Romane sind inzwischen trotzdem in China erschienen. Allerdings kamen sie nur in kleinen Auflagen auf den Markt und wurden nicht nachgedruckt. So kommt es, dass im chinesischen Internet eine Suchanfrage nach Qiu Xiaolong nicht zuerst auf den Schriftsteller verweist, sondern auf einen 18-Jährigen gleichen Namens, der im März dieses Jahres in einem Gefängnis in Hunan totgeschlagen wurde. Wenn das nicht ein Plot für Oberinspektor Chen Cao ist!</p>
<p><em>ZUR PERSON</em></p>
<p><em>Qiu Xiaolong wurde 1953 in Schanghai geboren. Früh schon lernte er die englische Sprache, er brachte sie sich mit Hilfe der Übersetzung der Mao-Bibel selbst bei. Qiu Xiaolong übertrug die Gedichte T.S. Eliots sowie die Kriminalromane von Raymond Chandler und Ruth Rendell in das Chinesische. Als Krimiautor schuf er die Figur des Oberinspektors Chen, der bislang sechs Fälle zu lösen hatte.</em></p>
<p><em>Auf Deutsch sind von Qiu Xiaolong bisher Oberinspektors Chens erste fünf Fälle erschienen: &#8220;Tod einer roten Heldin&#8221;, &#8220;Die Frau mit dem roten Herzen&#8221; und &#8220;Schwarz auf rot&#8221;, &#8220;Rote Ratten &#8221; und &#8220;Blut und rote Seide&#8221;; alle Bücher sind im Zsolnay Verlag erschienen.</em></p>
<p><em>1988 reiste der Autor mit einem Stipendium der Ford Foundation in die USA und kehrte nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989 nicht mehr nach China zurück. Heute lehrt Qiu Xiaolong an der Washington University in St. Louis chinesische Literatur. Qiu begann, seine Bücher auf Englisch zu schreiben &#8211; und das tut er heute noch</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/der-rote-ratsler/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Massaker an der Meinungsfreiheit</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/massaker-an-der-meinungsfreiheit/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/massaker-an-der-meinungsfreiheit/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 24 Sep 2009 15:31:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Buchmesse]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Meinungsfreiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Pressefreiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Propaganda]]></category>
		<category><![CDATA[Zensur]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1543</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Chinas Sicherheitsbehörden verbieten dem Dichter Liao Yiwu, zur Buchmesse nach Deutschland zu fahren.</h3>
Wir erleben ein Massaker in diesem Land der Utopien. Der Regierungschef braucht sich nur zu erkälten, und schon müssen die Massen mit ihm niesen." So beginnt das Gedicht "Massaker", in dem der chinesische Dichter Liao Yiwu im Juni 1989 seinem Entsetzen über das Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens Luft machte...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Chinas Sicherheitsbehörden verbieten dem Dichter Liao Yiwu, zur Buchmesse nach Deutschland zu fahren.</h3>
<p>Wir erleben ein Massaker in diesem Land der Utopien. Der Regierungschef braucht sich nur zu erkälten, und schon müssen die Massen mit ihm niesen.&#8221; So beginnt das Gedicht &#8220;Massaker&#8221;, in dem der chinesische Dichter Liao Yiwu im Juni 1989 seinem Entsetzen über das Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens Luft machte. Mit bebender Stimme trug er es seinen Freunden vor, die es auf Kassetten und Videos weiterverbreiteten. Bei Chinas traumatisierten Studenten genoss &#8220;Massaker&#8221; bald Kultstatus, wofür Liao mit vier Jahren Haft und Folter bezahlen musste.</p>
<p>20 Jahre später hat die Kommunistische Partei dem Schriftsteller noch immer nicht verziehen und verbietet ihm deshalb, in Deutschland am Rahmenprogramm der Frankfurter Buchmesse teilzunehmen. Das Haus der Kulturen der Welt (HKW)hat den 50-Jährigen für den 10. Oktober zu einer Podiumsdiskussion zum Thema &#8220;China Schreiben&#8221; eingeladen, doch am Mittwoch teilten die Sicherheitsbehörden Liao nach eigenen Angaben mit, dass er nicht ausreisen dürfe.</p>
<p>Zwar verfügt der Schriftsteller über einen Reisepass sowie offizielle Einladungsschreiben und sollte laut Verfassung Meinungs- und Reisefreiheit genießen. Aber selbst bei einem nationalen Prestigeprojekt wie Chinas Gastlandauftritt bei der Buchmesse gilt das Gesetz wenig, wenn die Partei um ihr Ansehen fürchtet &#8211; beziehungsweise um die &#8220;Stabilität des Landes&#8221;, wie staatlich sanktionierte Verfassungsverstöße gerne gerechtfertigt werden.</p>
<p>Erst Anfang September hatte das offizielle &#8220;Ehrengastkomitee&#8221; des Amts für Presse und Publikation (GAPP) der kritischen Autorin Dai Qing die Teilnahme an einem Vorbereitungssymposium zu verbieten versucht, sie im letzten Moment nach massivem öffentlichem Druck aber doch reisen lassen.</p>
<p>Die Buchmesse und das HKW wollen nach eigenen Angaben alles versuchen, um Liaos Besuch in Deutschland doch noch zu ermöglichen. Auf jeden Fall hat Chinas Regierung nun unfreiwillig Werbung gemacht für Liaos soeben auch in Deutschland erschienene neue Buch. In &#8220;Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten&#8221; (auf deutsch im S. Fischer Verlag) hat Liao mehr als 300 Interviews mit Verlierern der Wirtschaftsreformen zusammengestellt, darunter Toilettenputzer, Prostituierte und ehemalige politische Häftlinge.</p>
<p>In Berlin und Frankfurt wollte er daraus vorlesen, doch durch seine Abwesenheit wird die Aufmerksamkeit umso größer sein. Wozu auch ein anderer Vers aus Liaos &#8220;Massaker&#8221;-Gedicht passt: &#8220;Ihre Gehirne sind nur für einen einzigen Prozess programmiert &#8211; doch die Befehlssignale sind fehlerhaft.&#8221;</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/massaker-an-der-meinungsfreiheit/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Auf einmal war die Einladung weg</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/auf-einmal-war-die-einladung-weg/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/auf-einmal-war-die-einladung-weg/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 08 Sep 2009 15:53:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Buchmesse]]></category>
		<category><![CDATA[Dissidenten]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunistische Partei]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Umweltschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Zensur]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1479</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Die Frankfurter Buchmesse hat ihren ersten Skandal. Ehrengast China versucht mit allen Mitteln den Auftritt der kritischen Autorin Dai Qing zu verhindern.</h3>
Chinas Ehrengastauftritt bei der Frankfurter Buchmesse hat seinen ersten Zensurskandal. Mit allen Mitteln versucht Peking den Auftritt der kritischen Schriftstellerin Dai Qing bei einem Symposium am Wochenende zu verhindern. Das von der Buchmesse ausgestellte Einladungsschreiben, mit dem Dai ein Visum beantragen sollte, ließ die Pekinger Behörde für Presse und Publikation (Gapp) kurzerhand verschwinden und droht mit der Absage der Konferenz...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die Frankfurter Buchmesse hat ihren ersten Skandal. Ehrengast China versucht mit allen Mitteln den Auftritt der kritischen Autorin Dai Qing zu verhindern.</h3>
<p>Chinas Ehrengastauftritt bei der Frankfurter Buchmesse hat seinen ersten Zensurskandal. Mit allen Mitteln versucht Peking den Auftritt der kritischen Schriftstellerin Dai Qing bei einem Symposium am Wochenende zu verhindern. Das von der Buchmesse ausgestellte Einladungsschreiben, mit dem Dai ein Visum beantragen sollte, ließ die Pekinger Behörde für Presse und Publikation (Gapp) kurzerhand verschwinden und droht mit der Absage der Konferenz, sollte die unliebsame Autorin doch noch einreisen können. Die Veranstaltung „China und die Welt &#8211; Wahrnehmung und Wirklichkeit“, die von der Buchmesse, dem chinesischen Ehrengastkomitee und dem deutschen PEN-Zentrum organisiert wird, soll einen Monat vor Eröffnung der Buchmesse „den Ton für die Hunderte nachfolgenden Veranstaltungen“ setzen, so die Ankündigung.</p>
<p>Doch aufgrund der Querelen im Fall Dai wird es wohl nicht der Ton sein, den Peking sich wünscht. „Unsere Regierung hat erklärt, die Buchmesse solle ein kulturelles Olympia werden“, sagte Dai gestern dieser Zeitung. Wie im Fall von Olympia wolle Peking dabei ein perfekt inszeniertes Selbstbild in die Welt tragen. „Im Oktober gibt China 50 Millionen Yuan (5 Millionen Euro) aus, um 100 ausgewählte Autoren nach Deutschland zu fliegen, aber wer wie ich unangenehme Wahrheiten sagen könnte, wird mit aller Macht an der Ausreise gehindert“, erklärte die 68-Jährige, die über zehn Bücher verfasst hat und seit den 80ern als eine der führenden chinesischen Investigativjournalistinnen und Umweltaktivistinnen gilt.</p>
<p>Da man in Peking um Chinas schlechtes Image in Sachen Meinungs- und Pressefreiheit weiß, hatten die chinesischen Gastlandorganisatoren mit der Konferenz eigentlich ihre Offenheit demonstrieren wollen. „Dieses Symposium gehört zu den Traditionen der Frankfurter Buchmesse, und nach sehr langer Bedenkzeit haben sich die Chinesen bereit erklärt, als Mitveranstalter aufzutreten“, sagt Peter Ripken, der die Veranstaltung koordiniert. Unter der Bedingung, auch eigene Redner benennen zu dürfen, habe Peking nicht nur kritische Referenten wie den Kulturwissenschaftler Wang Hui zugelassen, sondern auch das deutsche Pen-Zentrum als Mitorganisator akzeptiert. Dabei erkennen die Kommunisten den Pen im eigenen Land nicht an und ließen den Präsidenten des inoffiziellen chinesischen Pen, Liu Xiaobo, Ende 2008 verhaften, weil er mit anderen das Demokratiemanifest „Charta &#8217;08“ verfasst hatte.</p>
<p>Mit der Teilnahme von Dai Qing scheint Pekings Toleranz jedoch überstrapaziert. Bei der Buchmesse heißt es, das chinesische Gastland-Komitee habe mehrfach mündlich gedroht, die Veranstaltung platzen zu lassen, falls Dai dort sprechen werde. Das Komitee ignorierte gestern eine diesbezügliche Anfrage dieser Zeitung. Trotzdem schickte die Buchmesse Dai die für den Visumsantrag benötigte Einladung. Aufgrund einer „internen Kommunikationspanne“, wie es in Frankfurt betreten heißt, landete die Einladung allerdings bei Gapp, wo man sich weigerte, sie an Dai weiterzuleiten.</p>
<p>„Am Montagvormittag hat mir ein Gapp-Beamter namens Jiang Chuan am Telefon bestätigt, dass die Einladung eingegangen sei“, erzählt Dai. Da Jiang offenbar nicht wusste, dass die Autorin auf Pekings schwarzer Liste steht, versprach er, die Dokumente zu schicken. Als Dai das Schreiben wenige Stunden später persönlich abholen wollte, erklärte Jiang per SMS: „Ich habe den Auftrag, das Material zurückzusenden, es wird übermorgen in Deutschland ankommen.“ Als diese Zeitung Jiang gestern telefonisch erreichte, legte er mit dem Kommentar „Falsche Nummer“ auf.</p>
<p>„Wenn meine Reise jetzt daran scheitert, dass die Zeit für den Visumsantrag nicht mehr ausreicht, hat die Regierung ihr Ziel erreicht“, sagt Dai, deren Flug für Freitag gebucht ist. Allerdings wäre es nicht das erste Mal, dass die deutsche Botschaft in Peking ein Expressvisum ermöglicht. Voraussetzung wäre allerdings, dass die Buchmesse dem Protest der Chinesen zum Trotz alle Hebel in Bewegung setzt, Dais Anwesenheit zu ermöglichen.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/auf-einmal-war-die-einladung-weg/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>„Chinas Wahrheit ist nicht elegant“</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/%e2%80%9echinas-wahrheit-ist-nicht-elegant%e2%80%9c/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/%e2%80%9echinas-wahrheit-ist-nicht-elegant%e2%80%9c/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 15 Jul 2009 00:35:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Kulturrevolution]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Reform]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1273</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Der chinesische Schriftsteller Mo Yan erzählt, wie er vom Bauer zum Erfolgsautor wurde, weshalb Chinas Gegenwartsliteratur nicht ohne Gewalt auskommt und warum John Updike das nie verstehen konnte.</h3>
<em><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-1274" title="mo_yan_2" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/07/mo_yan_2-150x150.jpg" alt="mo_yan_2" width="150" height="150" />Frage: Mo Yan, ich sage es Ihnen lieber gleich zu Anfang: In diesem Gespräch wird es viel um Schubladendenken gehen.</em>

Mo Yan: (lächelt) Ach du liebe Güte!

<em>Frage: Wir wollen ja über chinesische Literatur reden, und davon verstehen wir im Westen leider so wenig, dass wir die Autoren meistens alle in einen Topf werfen. Das gilt auch für Sie: Ihre Romane werden bei uns in erster Linie als „chinesische Bücher“ gelesen, statt als Werke des einzigartigen Schriftstellers Mo Yan...</em>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der chinesische Schriftsteller Mo Yan erzählt, wie er vom Bauer zum Erfolgsautor wurde, weshalb Chinas Gegenwartsliteratur nicht ohne Gewalt auskommt und warum John Updike das nie verstehen konnte.</h3>
<p><em><img class="alignleft size-medium wp-image-1276" title="Mo_Yan" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/07/mo_yan_1-300x269.jpg" alt="Mo_Yan" width="300" height="269" />Frage: Mo Yan, ich sage es Ihnen lieber gleich zu Anfang: In diesem Gespräch wird es viel um Schubladendenken gehen.</em></p>
<p>Mo Yan: (lächelt) Ach du liebe Güte!</p>
<p><em>Frage: Wir wollen ja über chinesische Literatur reden, und davon verstehen wir im Westen leider so wenig, dass wir die Autoren meistens alle in einen Topf werfen. Das gilt auch für Sie: Ihre Romane werden bei uns in erster Linie als „chinesische Bücher“ gelesen, statt als Werke des einzigartigen Schriftstellers Mo Yan.</em></p>
<p>Mo Yan: Damit muss man leben. Und wir haben dieses Problem in China umgekehrt natürlich auch: Bei ausländischen Autoren steht eben immer zunächst die Nationalität im Vordergrund. Aber das macht ja auch den Reiz aus, denn so kann man durch Literatur fremde Länder und Kulturen kennen lernen.</p>
<p><em>Frage: Wobei man dann Romane eher wie Sachbücher liest, weil man ja gar nicht weiß, wo die Realität aufhört und die Fiktion beginnt.</em></p>
<p>Mo Yan: Das stimmt, aber letztlich schreiben Schriftsteller eben doch vor allem über das, was sie kennen. Und bei der chinesischen Gegenwartsliteratur muss man sich da ohnehin keine Gedanken machen: Realismus ist schließlich ihr entscheidendes Merkmal. Denn die Wirklichkeit so zu beschreiben, wie sie tatsächlich ist, darf man in China ja erst seit den Achtzigern.</p>
<p><em>Frage: Davor war die Zeit des sogenannten Sozialistischen Realismus, der zwar die Wirklichkeit im Namen, aber ansonsten nicht viel mit ihr zu tun hat.</em></p>
<p>Mo Yan: Ja, in der Zeit von Mao Zedong war die Literatur eine Waffe der Revolution und die Schriftsteller mussten die Gesellschaft so darstellen, wie sie dem sozialistischen Weltbild entsprach. Aber im Reformzeitalter ist dieses Tabu gebrochen worden, und heute schreiben wir, wie wir wollen: über die Politik und die Gesellschaft, das Leben und die Liebe, Gewalt und Sex.</p>
<p><em>Frage: Ihre Bücher zeichnen sich dadurch aus, dass sie diese neuen Freiheiten voll ausnutzen. John Updike hat einmal über Sie geschrieben, Ihre Literatur beschreibe „fröhlich frei die physischen Details die mit Sex, Geburt, Krankheit und gewaltsamem Tod einhergehen“. Updike, der davon etwas befremdet wirkte, erklärte sich das damit, dass der chinesische Roman offenbar nie „ein viktorianisches Zeitalter hatte, das ihn Anstand gelehrt hätte.“ </em></p>
<p>Mo Yan: So ist nun mal die Realität. Meine Bücher spielen alle vor dem Hintergrund der chinesischen Geschichte der letzten hundert Jahre, und die bestanden vor allem aus Krieg und Elend. Das ist auch meine persönliche Lebenserfahrung. Ich bin 1955 in einem armen Bauerndorf geboren und in der Zeit des Klassenkampfes aufgewachsen. Wegen der Kulturrevolution konnte ich nur fünf Jahre lang die Schule besuchen, danach musste ich in die Welt der Erwachsenen. Die Menschen haben sich damals pausenlos niedergemacht, mal mit Worten, mal mit körperlicher Gewalt. Wie sollte John Updike mit seinem gepflegten amerikanischen Mittelstandshintergrund das verstehen? Chinas Wahrheit ist eben nicht so elegant.</p>
<p><em>Frage: Wie wird man unter solchen Umständen zum Schriftsteller?</em></p>
<p>Mo Yan: Ich bin nicht mit großer Literatur aufgewachsen, sondern mit den Geschichten der Bauern. In unserer Gegend gab es einige großartige Erzähler, die abends die wildesten Anekdoten zum Besten geben konnten. Das war schon früh mein Traum: wie diese Bauern endlos Geschichten erzählen zu können. Und tatsächlich ist ihre Sprache, die ganz ungestüm, übertrieben und drastisch ist, zur Sprache meiner Bücher geworden &#8211; bis heute, obwohl ich inzwischen seit zwanzig Jahren in Peking lebe.</p>
<p><em>Frage: Bis heute lassen Sie ihre Bücher zum Großteil in ihrem Heimatdorf Gaomi spielen, und nicht etwa in den Städten, wo viele andere Gegenwartsautoren ihre Erzählungen ansiedeln.</em></p>
<p>Mo Yan: Gaomi ist meine Heimat, zumindest literarisch. Ich habe die ersten 21 Jahre meines Lebens dort verbracht. Danach wollte ich wie viele Chinesen dem Landleben entkommen, je weiter, umso besser. Aber beim Schreiben fühlte ich mich dann plötzlich wieder auf meine Heimat zurückgeworfen. Erst hat mich das beschränkt, bis ich gemerkt habe, was für ein Schatz das ist. Natürlich ist das Gaomi in meinen Büchern nur zum Teil echt, aber viele meiner Romanfiguren haben ihre Vorbilder in meinen dortigen Verwandten oder Nachbarn. Im Moment arbeite ich zum Beispiel an einem Buch, das auf der Geschichte einer Tante basiert, die fünfzig Jahre lang als Frauenärztin auf dem Land gearbeitet hat. Was die alles erlebt hat!</p>
<p><em>Frage: John Updike hätte damit sicher seine liebe Mühe gehabt.</em></p>
<p>Mo Yan: Ich schreibe gerne über Themen, die andere lieber vermeiden. Natürlich sind Beschreibungen von Brutalität und Leiden für die Leser nicht angenehm, aber ein Schriftsteller sollte keine Angst davor haben, die hässlichen Seiten des Lebens zu zeigen. Es ist sogar seine Verantwortung.</p>
<p><em>Frage: Warum?</em></p>
<p>Mo Yan: Schriftsteller sind die Ärzte der Gesellschaft. Unsere Aufgabe ist es, ihre Krankheiten zu finden, auch die der Regierung. Für westliche Intellektuelle mag das selbstverständlich klingen, aber in China ist es das noch längst nicht, weil bei uns die Medien ja vor allem den Auftrag haben, die Regierung zu loben. In den letzten Jahren ist die Berichterstattung zwar etwas besser geworden, aber echte Kritik und Enthüllungen kann sich nur die Literatur erlauben. Also muss man beides zusammen lesen, um ein objektives Bild zu bekommen: Die Zeitungen übertreiben Chinas Schönheit und wir Schriftsteller vergrößern seinen Schmerz.</p>
<p><em>Frage: Einige Kritiker sagen, dass sich unter solchen Umständen zwar eine interessante Aufarbeitung der chinesischen Geschichte, aber keine bedeutende Literatur entwickeln könne. Der deutsche Sinologe Wolfgang Kubin hat vor ein paar Jahren mit der Bemerkung Aufsehen erregt, China habe seit der Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949 keinen großen Autoren mehr hervorgebracht, weil das Land vom literarischen Diskurs der Welt abgeschnitten sei.</em></p>
<p>Mo Yan: Das kann ich schwer nachvollziehen und habe ehrlich gesagt meine Zweifel, ob Kubin sich in der chinesischen Gegenwartsliteratur wirklich gut auskennt. Seit den Achtzigern können wir ja alle bedeutenden Schriftsteller der Welt in Übersetzung lesen und ihre Schreibstile studieren. Ich finde, dass wir inzwischen sehr fortschrittlich sind.</p>
<p><em>Frage: Viele chinesische Gegenwartsschriftsteller sagen, die westliche Literatur habe sie stark beeinflusst. Gibt es denn überhaupt noch eine echte „chinesische“ Literatur, oder unterliegt die nicht ebenso den Einflüssen der Globalisierung wie viele andere Lebensbereiche? </em></p>
<p>Mo Yan: Die Globalisierung der Literatur ist zweifellos ein starker Trend. Aber so neu ist das auch wieder nicht. Die Weltliteratur war doch schon immer auf der Suche nach dem Menschen und den Kräften, die ihn antreiben. Der Unterschied ist nur der Ort, an dem die Suche losgeht: Bei den einen ist es New York, Paris oder Berlin, und bei mir eben Gaomi.</p>
<p><em>ZUR PERSON</em></p>
<p><em>Mo Yan, geboren 1956 in dem Bauerndorf Gaomi in der ostchinesischen Provinz Shandong, gehört zu Chinas erfolgreichsten Gegenwartsschriftstellern. Wegen der Kulturrevolution brach er nach der fünften Klasse die Schule ab und arbeitete in einer Fabrik. Mit 20 Jahren trat er in die Volksbefreiungsarmee ein, wo er zu schreiben begann und sich den Künstlernamen Mo Yan zulegte, der „Ohne Worte“ bedeutet.</em></p>
<p><em>Im Ausland wurde Mo Yan durch Zhang Yimous Verfilmung seines Romans „Das Rote Kornfeld“ berühmt, die 1988 auf der Berlinale den Goldenen Bären gewann. Zahlreiche Werke sind inzwischen auf Deutsch erschienen. Zuletzt erschien im Mai „Der Überdruss“ im Horlemann-Verlag. Im September kommt im Insel-Verlag „Die Sandelholzstrafe“ heraus.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/%e2%80%9echinas-wahrheit-ist-nicht-elegant%e2%80%9c/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Muse komm raus, du bist umzingelt</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/muse-komm-raus-du-bist-umzingelt/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/muse-komm-raus-du-bist-umzingelt/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 10 Apr 2008 09:59:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Japan]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=138</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Der japanische Bergort Arima hilft blockierten Künstlerseelen auf die Sprünge.</h3>

In vielen Menschen steckt ein großer Autor. Oder genauer: Er steckt in ihnen fest. Widrige Umstände hindern ihn an seiner Entfaltung. Denn wer kann sich schon den Küssen der Muse hingeben, wenn er nebenher zur Arbeit gehen, eine Familie bekochen oder das Getrampel der Obermieter ertragen muss?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der japanische Bergort Arima hilft blockierten Künstlerseelen auf die Sprünge.</h3>
<p>In vielen Menschen steckt ein großer Autor. Oder genauer: Er steckt in ihnen fest. Widrige Umstände hindern ihn an seiner Entfaltung. Denn wer kann sich schon den Küssen der Muse hingeben, wenn er nebenher zur Arbeit gehen, eine Familie bekochen oder das Getrampel der Obermieter ertragen muss? Und wie sollte eine sensible Seele ihre Selbstzweifel überwinden, wenn niemand mit ihr an die literarischen Schätze glaubt, die in ihrer Tiefe schlummern?</p>
<p>Klingt bekannt? Dann auf nach Japan, in den Bäderkurort Arima. In dem malerischen Städtchen am Fuß des Berges Rokko wurden mehrere Meisterwerke der japanischen Literatur geschrieben, und weil das kaum ein Zufall sein kann, will Arima seine poetischen Standortvorteile nun jedem zugänglich machen, dem für sein kreatives Feuerwerk nur noch ein Funken Inspiration fehlt.</p>
<p>26 Hotels bieten Schreibaufenthalte an, eine Art betreutes Wohnen für empfindsame Nostalgiker. Die Zimmer sind traditionell eingerichtet, mit Tatamimatten auf dem Boden, papierbespannten Fenstern und antik aussehenden Möbeln. Auf dem Schreibtisch liegen Notizbücher aus handgeschöpftem Papier, in die man wahlweise mit Pinseln oder schweren Füllfederhaltern schreibt. Im Schrank hängt ein Tanzen-Kimono bereit, ein gefütterter Seidenmantel, der in Japan zur Literatenausstattung gehört wie in Deutschland das Stehpult und der den Schriftsteller nachts am offenen Fenster vor der Kälte schützt.</p>
<p>In regelmäßigen Abständen kommt ein hübsches, in alter Tracht gekleidetes Dienstmädchen, um Tee oder Snacks zu servieren und sich nach dem Fortgang der Arbeit zu erkundigen. Ehrfürchtig spricht den Gast mit „Sensei“ an, wörtlich „Lehrer“ oder „Meister“, und wenn er ihr aus seinem Manuskript vorliest, reagiert sie mit Bewunderung. Küssen darf man diese Musen jedoch nicht.</p>
<p>Da kultivierter Selbstbetrug allerdings kein Ersatz für professionelle Betreuung ist, hat der Hoteliersverband auch zwei Lektoren angestellt, um die Gäste zu beraten und ihren verborgenen Talenten mit Schreibkursen den Weg ins Freie zu bahnen. Außerdem stehen in Arima mehrere Verlage bereit, um die Werke zu veröffentlichen, in der Regel allerdings nur gegen Bezahlung. Ohnehin kommt die literarische Selbstverwirklichung nicht gerade billig. Die günstigste Übernachtung kostet umgerechnet hundert Euro, doch wer nicht den armen Poeten mimen will, muss mindestens das Doppelte hinlegen. In den Hoteliers von Arima stecken eben gute Geschäftsleute.</p>
<p>Bernhard Bartsch / Berliner Zeitung, 10. April 2008</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/muse-komm-raus-du-bist-umzingelt/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>&#8220;Wen interessiert schon die Wirklichkeit?&#8221;</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/wen-interessiert-schon-die-wirklichkeit/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/wen-interessiert-schon-die-wirklichkeit/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 01 Apr 2007 04:11:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Reform]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=517</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Der chinesische Schriftsteller Li Er über die Spielregeln der staatlichen Zensur und Chinas Angst vor der Realität.</h3>Li Er, geboren 1966 in der Provinz Henan, gehört zu den prominentesten Vertretern der chinesischen Gegenwartsliteratur. In seinen tragikomischen Romanen und Erzählungen beschreibt er, wie im modernen China alte Wahrheiten auf neue Realitäten prallen. 2004 erhielt Li den „Großen Medienpreis“ für chinesischsprachige Literatur. Kurz darauf erklärte ihn Göran Malmqvist, Mitglied der Schwedischen Akademie, zu „einem der vielversprechendsten Kandidaten für den Literaturnobelpreis“.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der chinesische Schriftsteller Li Er über die Spielregeln der staatlichen Zensur und Chinas Angst vor der Realität.</h3>
<p>Li Er, geboren 1966 in der Provinz Henan, gehört zu den prominentesten Vertretern der chinesischen Gegenwartsliteratur. In seinen tragikomischen Romanen und Erzählungen beschreibt er, wie im modernen China alte Wahrheiten auf neue Realitäten prallen. 2004 erhielt Li den „Großen Medienpreis“ für chinesischsprachige Literatur. Kurz darauf erklärte ihn Göran Malmqvist, Mitglied der Schwedischen Akademie, zu „einem der vielversprechendsten Kandidaten für den Literaturnobelpreis“.</p>
<p><em>Herr Li, China gilt als Land mit rigider Medienzensur. Viele chinesische Autoren können ihre Bücher nur im Ausland veröffentlichen. Sie auch?</em></p>
<p>Li: Nein. Meine Bücher werden zwar ins Englische, Deutsche und Japanische übersetzt, sind aber auch in China frei erhältlich.<br />
<em><br />
Für Ihre internationale Karriere könnte das eher hinderlich sein. Fast alle chinesischen Schriftsteller, deren Werke sich im Westen gut verkaufen, sind in ihrer Heimat verboten. Denn wer will schon Propaganda-Literatur lesen?</em></p>
<p>Ginge es bei der Zensur nur um den Inhalt, würde auch ich verboten. Ich könnte sogar der Verbotenste überhaupt sein, denn schließlich handeln meine Romane von der chinesischen Wirklichkeit. Die ist keineswegs rosig, und die Regierung steht beileibe nicht immer gut da.</p>
<p><em>Wollen Sie damit sagen, Sie schreiben systemkritische Bücher, die in China trotzdem gedruckt werden?</em></p>
<p>Es ist ein Unterschied, ob man kritisiert oder wie ich einfach beschreibt, wie sich das Leben heute abspielt. Tatsächlich werden in China heute viele kritische Stimmen toleriert, allerdings nur, solange sie nicht zu laut werden. Die Regierung ist nicht gegen Gedankenvielfalt, aber sie will soziale und politische Unruhe um jeden Preis verhindern.</p>
<p><em>Und wo ist die Trennlinie, an der die Zensur einsetzt?</em></p>
<p>Wie überall in China hängt auch im Verlagswesen viel von Beziehungen und Verhandlungsgeschick ab. Das schafft Spielräume, die zwar klein sind, aber trotzdem groß genug, dass eine ganze Reihe guter Bücher erscheinen kann. In der Regel ist es so, dass die Behörden ein Werk nicht vor dem Druck inspizieren &#8211; bei der Menge von Büchern, die heute in China erscheint, wäre das praktisch kaum machbar -, sondern erst danach und auch nur dann, wenn ein Buch Aufsehen erregt. Die Verlage müssen das Risiko selbst abwägen: Wenn sie ein Buch drucken, das später verboten wird, bleiben sie auf den Kosten sitzen und haben möglicherweise noch eine Menge Ärger, aber wenn es durchkommt, verdienen sie Geld und Ansehen.</p>
<p><em>Das müssen Sie uns genauer erklären. Nehmen wir einmal Ihren ersten Roman, &#8220;Koloratur&#8221;, der in der Zeit vor der Gründung der Volksrepublik spielt, als die Kommunisten gegen die nationalistische Regierung und die japanischen Besatzer kämpften. Weil die Partei für ihre Propaganda einen Märtyrer braucht, schickt sie den jungen Revolutionär Ge Ren in eine aussichtslose Schlacht, um ihn hinterher zum Helden mystifizieren zu können. Als Ge Ren überraschend überlebt, wird er von allen Kriegsparteien gesucht, denn jeder will ihn für seine eigenen Zwecke nutzen. Die Geschehnisse erzählen Sie nacheinander aus der Sicht eines Kommunisten, eines Japaners und eines Nationalisten, von denen jeder seine eigene, gleichberechtigte Wahrheit hat. Nach chinesischen Standards grenzt das an Blasphemie. Warum wurde das gedruckt?</em></p>
<p>Zunächst hat man mehr Freiheiten, je weiter eine Handlung in der Vergangenheit liegt. Trotzdem war natürlich von Anfang an klar, dass es politische Probleme geben könnte. Ich habe das Manuskript damals an viele Verlage geschickt, und mehrere wollten eine Veröffentlichung wagen. Einer bot mir sogar sehr lukrative Bedingungen: Eine Auflage von 50 000 Exemplaren, was in China sehr viel ist, und einen Ladenpreis von 25 Yuan (2,50 Euro, die Red.). Aber dann kam der Chef des Volksverlags &#8230;</p>
<p><em>&#8230; des linientreusten staatlichen Verlagshauses &#8230;</em></p>
<p>&#8230; und hat zu mir gesagt: Unter diesen Umständen wird dein Buch mit Sicherheit sofort verboten. Aber wenn du zu uns kommst, drucken wir zunächst nur 30 000 Exemplare und verkaufen sie für 16 Yuan, damit das Buch unwichtiger erscheint und nicht so viel Aufmerksamkeit bekommt. Dafür haben wir aber genug politischen Einfluss, um dir zu garantieren, dass es mindestens ein Jahr lang nicht auf den Index kommt.</p>
<p><em>Warum hat er das gemacht?</em></p>
<p>Gerade das ist sein Problem. Der Volksverlag hat das Image, nur Propaganda herauszubringen. Deswegen braucht er ab und zu auch mal ein gutes Buch. Und &#8220;Koloratur&#8221; hat dem Verlagsleiter einfach gefallen.</p>
<p><em>Das war 2002. Inzwischen wurden 70 000 Exemplare verkauft, und jeden Monat gehen weitere 1000 Exemplare über den Ladentisch. In den Universitäten ist &#8220;Koloratur&#8221; inzwischen Lektürestoff. Warum wird das Buch immer noch toleriert?</em></p>
<p>In Kreisen, die sich für Literatur interessieren, ist &#8220;Koloratur&#8221; sehr bekannt, und viele haben es gelesen, aber die breite Öffentlichkeit hat kaum Notiz davon genommen. Das wurde auch bewusst gesteuert. Für den Mao-Dun-Preis beispielsweise, die wichtigste chinesische Literaturauszeichnung, kam &#8220;Koloratur&#8221; nicht infrage. In der Vorauswahl der Kritiker stand ich zwar auf dem ersten Platz, aber als es dann darum ging, die Titel für die Endausscheidung zu veröffentlichen, hat im Hintergrund jemand ein paar Fäden gezogen und signalisiert, dass ich da besser nicht auftauchen sollte.</p>
<p><em>Und das nehmen Sie einfach so hin?</em></p>
<p>Was soll ich sonst machen? Ich bin ein chinesischer Autor, und meine Leser sind zunächst einmal Chinesen.</p>
<p><em>Aber wie soll sich denn die chinesische Gegenwartsliteratur entwickeln, wenn anspruchsvolle Bücher nur ein Nischendasein haben? Selbst die Werke von Gao Xingjian, der 2000 als erster Chinese den Nobelpreis für Literatur bekam und seit 1987 im Pariser Exil lebt, sind in China verboten.</em></p>
<p>Ehrlich gesagt, ich glaube, dass der Markt für realistische Romane wie meine in China nicht besonders groß ist. Wen interessiert schon die graue Wirklichkeit in einer Welt, in der alle schönen Träumen hinterherjagen? Es ist ja nicht so, dass die Menschen keine Auswahl hätten. Sogar die Werke von Gao Xingjian stehen seit einigen Jahren wieder in den Regalen der Buchläden, obwohl sie offiziell noch verboten sind. Übrigens waren seine Bücher auch in den neunziger Jahren weit verbreitet und wurden sogar in den Literaturkursen an den Universitäten gelesen. Nur nachdem er den Nobelpreis bekam, waren seine Bücher für einige Zeit tatsächlich verschwunden.</p>
<p><em>Warum kann er dann nicht auch formell rehabilitiert werden? Schließlich ist Gao Xingjian ein alter, kranker, von der Kulturrevolution traumatisierter Mann, dessen einziges Verbrechen es ist, in den Achtzigern einmal absurde Theaterstücke im Stil von Samuel Beckett geschrieben zu haben.</em></p>
<p>An seinen Dramen reibt sich heute niemand mehr. Das Problem ist ein politisches. Die Regierung wäre, glaube ich, sogar durchaus bereit, Gao nach China zurückkommen zu lassen. Andere Exilautoren können ja auch wieder ein- und ausreisen. Der Dichter Bei Dao zum Beispiel, der immer sehr kritisch ist und in Amerika lebt, besucht China inzwischen regelmäßig. Aber Gao Xingjian hält von sich aus Distanz. Das hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass sein Protest gegen die Partei nun mal seine Marktlücke ist.</p>
<p><em>Eine harte Unterstellung.</em></p>
<p>Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich finde es weder klug noch richtig, wie die Regierung Gao behandelt. Aber ich glaube, Gao könnte sich gar nicht vorstellen, dass wir beide &#8211; ein chinesischer Schriftsteller und ein ausländischer Journalist &#8211; jetzt hier zusammensitzen und uns ganz offen und entspannt unterhalten. Den Wandel hat er einfach nicht mitgemacht.</p>
<p><em>Gibt es denn unter chinesischen Schriftstellern keine Bemühungen, Gao wieder zurückzuholen? Schließlich ist er eines der großen Vorbilder der jungen Schriftstellergeneration.</em></p>
<p>Eigentlich spielt Gao keine große Rolle. Die heutigen Schriftsteller haben eher ausländische Vorbilder, ich zum Beispiel Albert Camus und Vaclav Havel. Gaos Erzählungen mag ich, aber sein großer Roman &#8220;Der Berg der Seele&#8221; hat mir so wenig gefallen, dass ich ihn nicht zu Ende gelesen habe. &#8220;Die Bibel eines einsamen Menschen&#8221; habe ich danach nicht einmal angefangen. Trotzdem habe ich mich gefreut, als er den Nobelpreis bekam, weil das die internationale Aufmerksamkeit auf ernsthafte moderne chinesische Literatur lenkt. Übrigens war ich damals fast der einzige Autor, der das öffentlich gesagt hat. Die meisten teilten die Empörung der Regierung, dass ausgerechnet ein Exilchinese mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wird.</p>
<p><em>Trotz des Preises hat Gao Xingjian im Ausland nicht besonders viele Leser gefunden. Stattdessen interessieren sich die Menschen für die junge Schriftstellergeneration. Die größten Verkaufserfolge hat Wei Hui, die vom neuen Großstadtleben mit Sex, Partys, Ausländern und Drogen erzählt. Natürlich wurde ihr Erstlingswerk &#8220;Shanghai Baby&#8221; in China verboten und gleich auch der ganze Verlag dichtgemacht.</em></p>
<p>Das war ein sehr interessanter Fall, allerdings ein eher untypischer. Nach seinem Erscheinen war &#8220;Shanghai Baby&#8221; zwar schnell bekannt, allerdings kein echter Bestseller. Trotzdem bekam die Regierung Angst, junge Menschen könnten sich die Beschreibungen von Drogenkonsum zum Vorbild nehmen und ließ das Buch verbieten. Das hat der Verleger dann sofort als Marketinginstrument eingesetzt. Plötzlich hatte &#8220;Shanghai Baby&#8221; den Reiz des Verbotenen. Jeder wollte es lesen, der Schwarzmarkt florierte, die ausländischen Medien und Verlage standen Schlange, und heute wohnt Wei Hui in ihrer eigenen Luxuswohnung in Manhattan. Es hätte sie schlimmer treffen können.</p>
<p><em>Wei Huis Erfolg beruht weniger auf ihrem eher dürftigen Talent als Schriftstellerin, sondern auf ihrer Selbstdarstellung. Es gibt beispielsweise die Anekdote, dass ein ausländischer Journalist mit ihr zum Interview in ihrer Wohnung verabredet war, aber als er kam, reagierte niemand auf die Klingel. Allerdings war die Tür angelehnt, und als er hineinging, fand er Wei Hui splitterfasernackt auf ihrem Bett sitzend und scheinbar wie in Trance in ihr Notebook hackend.</em></p>
<p>Das sieht ihr ähnlich. Und &#8220;Shanghai Baby&#8221; ist genauso eine Inszenierung. Kennen Sie das Buch &#8220;Wendekreis des Krebses&#8221; von Henry Miller?</p>
<p><em>Das war ein Skandalroman, der wegen seiner pornografischen Passagen in den USA jahrzehntelang verboten war.</em></p>
<p>Genau. Henry Miller beschreibt darin einen Amerikaner, der im Paris der dreißiger Jahre die Rotlichtviertel und das Laster kennenlernt, und ehe er es sich versieht, steckt er selbst mittendrin. Das hat Wei Hui in &#8220;Shanghai Baby&#8221; nachgemacht, und zwar nicht nur die Idee, sondern auch die Struktur, den Stil, die Sprache und sogar jede Menge Sätze und Formulierungen.</p>
<p><em>Wei Hui übersetzt also den alten Mythos Paris in den neuen Mythos Schanghai?</em></p>
<p>Ja. Literarisch ist das ein legitimes Mittel. Aber mit Realismus hat das nichts zu tun. Ausländische Leser glauben vielleicht, dass sie darin etwas über das neue China erfahren. Aber hierzulande weiß jeder, dass &#8220;Shanghai Baby&#8221; nur ein modernes Großstadtmärchen ist.</p>
<p><em>Ihre Bücher bieten keine schönen Träume, sondern harten Alltag auf dem Land oder in Kleinstädten. Lesen das überhaupt genügend Menschen, sodass Sie von Ihren Einkünften als Schriftsteller leben können?</em></p>
<p>Erst seit einigen Jahren. Früher habe ich als Lehrer gearbeitet, so wie meine Eltern.</p>
<p><em>Wie sind Sie dann zum Schreiben gekommen?</em></p>
<p>An der Uni. 1983, mit 17 Jahren, ging ich an die Pädagogische Universität in Schanghai, um Literatur zu studieren. Meine ersten literarischen Texte verfasste ich 1986. Es waren drei: eine Erzählung, ein Gedicht und ein Essay. Ich weiß noch, wie ich mit den Manuskripten zur Post vor dem Uni-Tor lief, um sie an Literaturzeitschriften zu schicken. Sie wurden tatsächlich gedruckt, und ich bekam ein Honorar von 75 Yuan &#8211; wahnsinnig viel Geld für einen Studenten, der von 30 Yuan im Monat lebte.</p>
<p><em>Ein guter Start für eine Schriftstellerkarriere.</em></p>
<p>Das dachte ich auch, aber es blieb für lange Zeit die einzige Veröffentlichung. Ich unterrichtete nach meinem Abschluss an der Fachhochschule für ein Monatsgehalt von 58 Yuan, das ich natürlich gern mit Texthonoraren aufgebessert hätte. Aber so viel ich auch schrieb &#8211; nichts wurde gedruckt. Irgendwann lernte ich einen Redakteur der bekanntesten chinesischen Literaturzeitschrift &#8220;Shouhuo&#8221; (&#8220;Ernte&#8221;) kennen, und der sagte mir ins Gesicht, dass meine Sachen einfach zu schlecht waren.</p>
<p><em>Das hat natürlich gesessen. </em></p>
<p>Aber mir war auch klar, dass ich mit meinen Texten völlig neben dem Trend lag. Nach der Kulturrevolution hat man in China entweder Erbauungsliteratur geschrieben oder Schicksalsgeschichten. Realismus oder literarische Texte über die Gegenwart haben niemanden interessiert. Aber irgendwann war die Zeit reif. 1994 schrieb ich einen Text über einen Professor, der leidet &#8211; und zwar nicht etwa an der Gesellschaft oder der Geschichte, sondern einfach an sich selbst. Ich schickte den Text wieder an &#8220;Shouhuo&#8221;, und als einige Wochen später ein Brief von denen im Briefkasten lag, habe ich ihn gar nicht aufzumachen gewagt, sondern nur mit den Fingern gefühlt, ob es wohl ein Heft war oder nur mein dünnes Manuskript. Es war ein Heft.</p>
<p><em>Und Ihr Durchbruch.</em></p>
<p>Ja, von da an wurden mir die Texte aus der Hand gerissen. Wenn ich Manuskripte verschickte, gab es bei den Zeitschriften einen richtigen Wettlauf um das erste Antworttelegramm. 1997 wurde ich dann in den staatlichen Literaturverband der Provinz Henan aufgenommen und konnte das Lehrerdasein an den Nagel hängen. Denn der Verband zahlt Schriftstellern ein Grundgehalt von monatlich 1800 Yuan (177 Euro, die Red.). Das ist bei den heutigen Preisen zwar immer noch sehr wenig, aber immerhin genug, um sich ganz dem Schreiben zu widmen.</p>
<p><em>Und das, obwohl Sie durchaus kein Blatt vor den Mund nehmen.</em></p>
<p>Da können Sie mal sehen.</p>
<p><em>Ihr zweiter Roman, &#8220;Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt&#8221;, beschreibt die Absurdität von politischen Reformen. Die Bürgermeisterin eines kleinen Dorfes, das lokale Demokratie eingeführt hat, muss sich zur Wiederwahl stellen. Sie ist fähig, beliebt und sich ihres Sieges schon sicher, als sie herausfindet, dass eine Dorfbewohnerin gegen das Geburtenkontrollgesetz verstoßen und zum dritten Mal schwanger geworden ist. Als die Bürgermeisterin sie zur Abtreibung schleppen will, ist die Frau verschwunden, und es beginnt eine große Suchaktion, die das Dorf auf den Kopf stellt und die lokale Demokratie ad absurdum führt. Finden Sie es als Schriftsteller angemessen, den Demokratiebemühungen in Ihrem Land in dieser Weise in den Rücken zu fallen?</em></p>
<p>Was ist denn das für eine Frage? Verlangen Sie von mir, dass ich politische Erziehungsliteratur schreibe? Meine Großmutter, die über 80 Jahre alt ist, lebt in einem Dorf, in dem der Bürgermeister gewählt wird. Das ist gut gemeint, hat aber in China keine Tradition. Vor der Gründung der Volksrepublik waren die Dörfer immer in der Hand von reichen Clans, dann kamen die Parteikomitees, und jetzt gibt es in den Dörfern Wahlen nach amerikanischem Vorbild. Damit können die Dorfbewohner überhaupt nichts anfangen.</p>
<p><em>Was würden Sie denn vorschlagen?</em></p>
<p>Ich bin kein Politiker, ich bin Schriftsteller. Ich beobachte, wie sich Chinas Gesellschaft verändert. Und es ist nun einmal so, dass viele der guten, modernen Ideen, die heute aus dem Ausland nach China kommen, zu einem völlig bizarren Ergebnis führen, sobald sie in der chinesischen Realität bestehen müssen. Das ist gleichermaßen komisch und tragisch. Deswegen heißt das Buch ja auch: &#8220;Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt&#8221;. Jeder weiß, dass an einem Granatapfelbaum keine Krischen wachsen können. Aber unsere alltägliche Erfahrung ist, dass sie es trotzdem tun. Man kann das heutige Leben einfach nicht mehr verstehen, sich auf nichts mehr verlassen. Es gibt zu viele Veränderungen.</p>
<p><em>Ist das auch ein Grund dafür, dass sich &#8220;Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt&#8221; trotz der Begeisterungsstürme bei der Kritik bisher nur 25 000-mal verkauft hat?</em></p>
<p>Bestimmt. Die Menschen haben sich auf das neue Leben eingestellt, aber träumen natürlich von etwas anderem. Gehen Sie einmal in einen chinesischen Buchladen. Da finden Sie Berge von Historienschinken über das chinesische Kaiserreich, europäischen Romanen aus dem 19. Jahrhundert, Krimis und Harry-Potter-Bänden. Die Chinesen lesen heute alles &#8211; Hauptsache, es hat nichts mit ihrem eigenen Alltag zu tun. Der normale Alltag macht ihnen Angst.</p>
<p><em>Da Ihre Bücher nun bald auch in ausländischen Buchhandlungen liegen werden &#8211; waren Sie denn selbst schon einmal im Westen?</em></p>
<p>Vergangenes Jahr war ich mit einer Gruppe von Schriftstellern, Geschäftsleuten und Provinzkadern aus Henan in Europa. In 15 Tagen haben wir sechs Länder bereist: Frankreich, Belgien, die Niederlande, Deutschland, Österreich und Italien.</p>
<p><em>Ist das für einen Schriftsteller, der die Wirklichkeit kennenlernen will, die richtige Art des Reisens?</em></p>
<p>Von Europa habe ich natürlich nur einen flüchtigen Eindruck bekommen. Aber zu beobachten, wie Chinesen sich benehmen, wenn sie einmal im Ausland sind, war schon sehr interessant. Das konnte ich mir vorher nicht vorstellen. Bei vielen meiner Reisekameraden schienen alle chinesischen Anstands- und Bescheidenheitsregeln plötzlich nicht mehr zu gelten. Und was die für Geld hatten! Einige haben in den zwei Wochen um die 50 000 Euro ausgegeben. Die hätten Sie mal bei De Beers in Belgien sehen sollen. Da haben sie sich ihre Einkaufskörbe mit Diamanten gefüllt, als würden sie Äpfel pflücken. Mir war das alles wahnsinnig peinlich. Aber auch das ist China. -</p>
<p><em>Erschienen in: brand eins 4/2007</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/wen-interessiert-schon-die-wirklichkeit/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>2</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

