Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Die Rebellion des Zuhörens

Der regimekritische Autor Liao Yiwu darf nicht nach Deutschland reisen – aber Deutschland zu ihm. Ein Besuch in Chengdu.

Er steht allein am Rand der sechsspurigen Straße und erkennt das Auto schon von weitem. “Hier kommen nicht viele Taxis her”, sagt Liao Yiwu, setzt sich neben den Fahrer und lotst ihn durch die Baustellenlandschaft von Wenjiang, einen Vorort von Sichuans Provinzhauptstadt Chengdu. “Gehen wir lieber in ein Teehaus, zuhause stehen noch immer Polizisten vor meiner Tür.” Am Vortag haben sie den Schriftsteller am Flughafen in Chengdu festgenommen, weil er zum Kölner Literaturfest lit.Cologne reisen wollte…

Bernhard Bartsch | 03. März 2010 um 14:47 Uhr

 

China verbietet Autor Deutschlandreise

Polizei stellt Regimekritiker Liao Yiwu unter Hausarrest – trotz Bitten der Bundesregierung, ihn zum Kölner Literaturfest lit.Cologne reisen zu lassen.

China hat den regimekritischen Schriftsteller Liao Yiwu daran gehindert, zum Kölner Literaturfest „lit.Cologne“ zu reisen. Der 51-Jährige wurde am Montag am Flughafen der südwestchinesischen Stadt Chengdu festgenommen und anschließend unter Hausarrest gestellt. Er wollte nach Peking fliegen und von dort am Freitag nach Deutschland weiterreisen. „Ich saß bereits im Flugzeug, als die Stewardess mir sagte, dass ich die Maschine wieder verlassen müsse“, sagte Liao in einem Telefonat mit dem Autor…

Bernhard Bartsch | 01. März 2010 um 13:13 Uhr

 

Glorreiche Zeiten

Big Brother made in China: Ein satirischer Roman beschreibt die Volksrepublik als Orwellschen Alptraum. Das Buch wird trotz Publikationsverbots heiß diskutiert.

China im Jahr 2013: Die Volksrepublik ist wieder ein Reich der Mitte. Der Westen ist in einer zweiten Runde der Finanzkrise kollabiert, doch China hat sich rechtzeitig abkoppeln können und ist nun stärker als je zuvor. Das Staatsunternehmen Wang Wang hat den amerikanischen Kaffeeröster Starbucks übernommen, Pekings Eliten trinken Frankreichs Weinkeller leer, und keine ausländische Regierung wagt mehr, Chinas Regierung zu kritisieren. Das chinesische Volk liebt seine Kommunistische Partei und sieht sich am Beginn eines neuen “glorreichen Zeitalters”. So hat es die Volkszeitung angekündigt, und wer würde an ihren Vorhersagen zweifeln?…

Bernhard Bartsch | 22. Februar 2010 um 11:42 Uhr

 

“Deutsche Medien sind die arrogantesten”

China feiert seinen Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse als gelungene Kulturpolitik – trotz angeblicher Sabotageversuche von Medien und Dissidenten.

“Wenn Barack Obama nach China kommt und unser Präsident empfängt am gleichen Tag Osama Bin Laden – was würden die Amerikaner dann von uns denken?” Mit diesem Vergleich formuliert ein chinesischer Blogger seinen Ärger darüber, dass die Frankfurter Buchmesse neben Chinas offizieller Delegation auch Kritikern und Dissidenten ein Forum gegeben hat…

Bernhard Bartsch | 19. Oktober 2009 um 03:08 Uhr

 

Pekings Hofnarr

Der Dichter Wang Zhaoshan darf als Mitglied der offiziellen Autorendelegation nach Frankfurt reisen. In China ist er eher berüchtigt als berühmt.

„Die Werke unseres Vizevorsitzenden Wang?“ Die Mitarbeiterin des Schriftstellerverbands der Provinz Shandong ist am Telefon offensichtlich überrumpelt. „Dazu kann ich gar nichts zu sagen, die sind alle so alt.“ Und über Wangs berühmt-berüchtigtes Gedicht „Stimme aus der Tiefe der Ruinen“ will sie nicht sprechen. Natürlich nicht…

Bernhard Bartsch | 14. Oktober 2009 um 00:28 Uhr

 

Wettstreit der Worte

Die Buchmesse ist ein Laborversuch zur chinesischen Meinungsfreiheit.

Vor 2500 Jahren forderte der Philosoph Konfuzius Chinas Herrscher auf, die Dinge beim Namen zu nennen. “Wenn die Bezeichnungen nicht stimmen, spiegelt die Sprache nicht mehr die wahren Umstände wider”, mahnte der Weise. Wo sich Begriffe von ihren Bedeutungen trennen und in leerem Gerede auflösen, drohten die Kultur zu zerfallen, die Regierung ihre Macht zu verlieren und das Volk im Chaos zu versinken. “Der Edle redet deshalb so, dass seine Sprache Sinn macht”, schloss der Nationaldenker. Chinas Mächtige erinnern sich bis heute an seinen Rat – und hüten sich meist davor, ihn zu befolgen…

Bernhard Bartsch | 13. Oktober 2009 um 04:55 Uhr

 

“China ist surreal”

Der Schriftsteller Yu Hua spricht im Interview über sein Lieblingsbuch, konkurrierende Chinabilder und Pekings Instrumentalisierung chinesischer Auslandsstudenten.

Yu_HuaHerr Yu, bei der Frankfurter Buchmesse werden viele verschiedene Chinabilder aufeinanderprallen: positive und negative, geschönte und geschwärzte, gut und schlecht informierte. Was für eines steuern Sie bei?

Vielleicht das surreale. Ich bemühe mich in meinen Büchern zwar um eine objektive Beschreibung der chinesischen Gegenwart. Aber die Entwicklung, die China in den vergangenen Jahrzehnten durchgemacht hat, ist absolut unwirklich. Normalerweise sehen wir Schriftsteller uns ja gerne als Ärzte der Gesellschaft, die soziale Phänomene diagnostizieren. Aber in der heutigen chinesischen Gesellschaft geht das nicht mehr. Da sind wir alle Patienten…

Bernhard Bartsch | 12. Oktober 2009 um 02:20 Uhr

 

Nischen der Meinungsfreiheit

In China erleben Buchläden eine Renaissance: Denn sie bieten der kritischen Internetgemeinde Gelegenheit, sich in der Wirklichkeit zu treffen.

Neulich wurde im Sanwei-Buchladen wieder viel gelacht. Es war Samstagnachmittag und der 70-jährige Autor Yang Jishen hatte gerade anderthalb Stunden lang aus seinem Buch “Grabstein” gelesen, einem schonungslosen Recherchebericht über die Hungersnöte der Mao-Zeit, der die offizielle Parteigeschichtsschreibung als hanebüchene Propaganda entlarvt. “Ihr Vortrag frustriert mich”, meldete sich ein junger Mann im Publikum zu Wort. “Ich bin Journalist bei einer Zeitung in der Provinz und darf immer nur gute Nachrichten schreiben, nie die Wahrheit.”…

Bernhard Bartsch | 10. Oktober 2009 um 03:53 Uhr

 

Der rote Rätsler

Krimiautor Qiu Xiaolong ist der weltweit bestverkaufte chinesische Autor. Doch Chinas Zensoren verhindern, dass er in der Heimat bekannt wird.

Qiu_XiaolongQiu Xiaolong besitzt keine Pistole. “Für einen Krimiautor ist das offenbar ungewöhnlich”, meint der 56-Jährige. “Mein amerikanischer Verleger hat mir jedenfalls geraten, mir eine Schusswaffe zuzulegen und sie auch in meinen Büchern häufiger einzusetzen.” Aber wozu braucht man Gewehre, wenn es auch Messer und Küchenbeile gibt? Und wenn sich Mörder statt von Einsatzkommandos auch mit sozialen Umzingelungsmanövern einkreisen lassen? “Meine Krimis spielen in China”, sagt Qiu, “und dort laufen Verbrechen und Verbrechensbekämpfung eben etwas anders ab als in Amerika.”…

Bernhard Bartsch | 09. Oktober 2009 um 12:32 Uhr

 

Massaker an der Meinungsfreiheit

Chinas Sicherheitsbehörden verbieten dem Dichter Liao Yiwu, zur Buchmesse nach Deutschland zu fahren.

Wir erleben ein Massaker in diesem Land der Utopien. Der Regierungschef braucht sich nur zu erkälten, und schon müssen die Massen mit ihm niesen.” So beginnt das Gedicht “Massaker”, in dem der chinesische Dichter Liao Yiwu im Juni 1989 seinem Entsetzen über das Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens Luft machte…

Bernhard Bartsch | 24. September 2009 um 17:31 Uhr

 

Auf einmal war die Einladung weg

Die Frankfurter Buchmesse hat ihren ersten Skandal. Ehrengast China versucht mit allen Mitteln den Auftritt der kritischen Autorin Dai Qing zu verhindern.

Chinas Ehrengastauftritt bei der Frankfurter Buchmesse hat seinen ersten Zensurskandal. Mit allen Mitteln versucht Peking den Auftritt der kritischen Schriftstellerin Dai Qing bei einem Symposium am Wochenende zu verhindern. Das von der Buchmesse ausgestellte Einladungsschreiben, mit dem Dai ein Visum beantragen sollte, ließ die Pekinger Behörde für Presse und Publikation (Gapp) kurzerhand verschwinden und droht mit der Absage der Konferenz…

Bernhard Bartsch | 08. September 2009 um 17:53 Uhr

 

„Chinas Wahrheit ist nicht elegant“

Der chinesische Schriftsteller Mo Yan erzählt, wie er vom Bauer zum Erfolgsautor wurde, weshalb Chinas Gegenwartsliteratur nicht ohne Gewalt auskommt und warum John Updike das nie verstehen konnte.

mo_yan_2Frage: Mo Yan, ich sage es Ihnen lieber gleich zu Anfang: In diesem Gespräch wird es viel um Schubladendenken gehen.

Mo Yan: (lächelt) Ach du liebe Güte!

Frage: Wir wollen ja über chinesische Literatur reden, und davon verstehen wir im Westen leider so wenig, dass wir die Autoren meistens alle in einen Topf werfen. Das gilt auch für Sie: Ihre Romane werden bei uns in erster Linie als „chinesische Bücher“ gelesen, statt als Werke des einzigartigen Schriftstellers Mo Yan…

Bernhard Bartsch | 15. Juli 2009 um 02:35 Uhr

 

Muse komm raus, du bist umzingelt

Der japanische Bergort Arima hilft blockierten Künstlerseelen auf die Sprünge.

In vielen Menschen steckt ein großer Autor. Oder genauer: Er steckt in ihnen fest. Widrige Umstände hindern ihn an seiner Entfaltung. Denn wer kann sich schon den Küssen der Muse hingeben, wenn er nebenher zur Arbeit gehen, eine Familie bekochen oder das Getrampel der Obermieter ertragen muss?

Bernhard Bartsch | 10. April 2008 um 10:59 Uhr

 

“Wen interessiert schon die Wirklichkeit?”

Der chinesische Schriftsteller Li Er über die Spielregeln der staatlichen Zensur und Chinas Angst vor der Realität.

Li Er, geboren 1966 in der Provinz Henan, gehört zu den prominentesten Vertretern der chinesischen Gegenwartsliteratur. In seinen tragikomischen Romanen und Erzählungen beschreibt er, wie im modernen China alte Wahrheiten auf neue Realitäten prallen. 2004 erhielt Li den „Großen Medienpreis“ für chinesischsprachige Literatur. Kurz darauf erklärte ihn Göran Malmqvist, Mitglied der Schwedischen Akademie, zu „einem der vielversprechendsten Kandidaten für den Literaturnobelpreis“.

Bernhard Bartsch | 01. April 2007 um 05:11 Uhr

 

Granatäpfel statt Kirschen

Wo Vertrautes vergeht, hat Sinnsuche Hochkonjunktur. Ein Pekinger Jungphilosoph versucht, seine orientierungslosen Landsleute mit den Lehren des Endzeitdenkers Konfuzius aufzufangen.

„Unsere Welt ist wie ein Granatapfelbaum, an dem Kirschen wachsen“, sagt Pang Fei und vergewissert sich mit einem raschen Blick, ob alle ihm folgen können. „Aber am Ende“, er macht eine Pause, „am Ende werden wir zu unseren Anfängen zurückkehren.“ Seine Zuhörer nicken, einige lächeln. Pang genießt die Stille, die seinem kleinen Vortrag folgt, und gießt seinen Gästen neues Wasser auf die Teeblätter in ihren Pappbechern…

Bernhard Bartsch | 01. Mai 2006 um 05:28 Uhr