Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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“Wir machen die Dreckarbeit”

Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben von Sichuan erstellt der Künstler Ai Weiwei eine öffentliche Liste getöteter Kinder. Im Interview spricht er über Pekings Katastrophenpropaganda, die Kunst des Ungehorsams und die Macht des Internets.

ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2Frage: Herr Ai, wollen Sie ins Gefängnis?

Ai Weiwei: Nein, ich will nur die Wahrheit.

Wahrheit und Gefängnis liegen in China manchmal eng beieinander.

Ai: Ich weiß, aber das hält mich nicht auf.

Sie erstellen eine öffentliche Liste aller Kinder, die beim Erdbeben im Mai 2008 getötet wurden. Die Regierung hat eine solche Aufstellung bisher verweigert, offenbar um Proteste gegen marode Schulgebäude zu verhindern. Eltern werden eingeschüchtert und verhaftet…

Bernhard Bartsch | 07. Mai 2009 um 02:05 Uhr

 

Hasenjagd

Wie ein chinesischer Kunstliebhaber den Versteigerern eines umstrittenen Bronzehasen einen Haken schlug.

YSLs_umstrittener_HaseDer chinesische Antiquitätensammler Cai Mingchao hat bei der Pariser Auktion von Kunstschätzen des verstorbenen Modeschöpfers Yves Saint Laurent den Verkauf von zwei Skulpturen verhindert, die China als Beutekunst zurückverlangt, indem er selbst das Höchstgebot abgab – und sich nun zu zahlen weigert. Er habe per Telefon mitgesteigert und bei 31 Millionen Euro den Zuschlag erhalten, erklärte Cai, als er am Montag das fünftägige Rätselraten über den siegreichen Bieter beendete. “Ich muss betonen, dass dieses Geld nicht bezahlt werden kann”, sagte der 45-Jährige…

Bernhard Bartsch | 03. März 2009 um 01:41 Uhr

 

Die Pekingoper und ihre verlorene Seele

Der Pekingoperndarsteller Mei Lanfang war Chinas erster Weltstar. Fünf Jahrzehnte nach seinem Tod löst die Verfilmung seines Lebens, die auch auf der Berlinale laufen wird, eine kulturelle Selbstsuche aus.

Am 16. Februar 1930 erlebten die Zuschauer im New Yorker Thirty-ninth-Street-Theater einen Auftritt, der selbst in der weltläufigen Kulturmetropole die Grenzen des Vorstellbaren sprengte: Der Pekingoperndarsteller Mei Lanfang führte ein chinesisches Volksmärchen auf: vor leerer Bühne, mit bunt geschminktem Gesicht und prachtvollen Gewändern, mit durchdringendem Falsettgesang und atemberaubender Akrobatik.

Bernhard Bartsch | 31. Dezember 2008 um 02:52 Uhr

 

Die milden Wilden

Chinas Künstler zetteln eine neue Kulturrevolution an. Mit kopulierenden Tigern, Orgien in Öl und Kriegsschiffen aus Plexiglas rebellieren sie gegen das Spießertum der Älteren – zur Freude der Auktionshäuser: Die Werke der Wohlstandskinder sind dort heiß gehandelte Ware.

Zum Frühlingsfest holte Zhou Jin Hua seine Eltern mit dem Auto ab. Die Tour dauerte neun Tage: Von Peking ging es quer durch China bis nach Deyang in der Provinz Sichuan und wieder zurück. Es war das erste Mal, dass der 30-Jährige die Strecke mit seinem eigenen Wagen fuhr. Als das Fahrzeug der Mittelklassemarke Chery vor dem Haus der Eltern parkte, gratulierten die Nachbarn: “Nicht schlecht, euer Sohn.”

Bernhard Bartsch | 01. September 2008 um 10:07 Uhr

 

Der Stolz der Pekinger

Im Zentrum des Reichs der Mitte prallen Welten aufeinander. Das war vor 700 Jahren nicht anders als heute. Vom Leben in einer unberechenbaren Stadt.

Der Abend des 19. Dezember 1999 war klar und frostig, ein Abend wie gemacht für Bier und Popcorn in der No. 50 Bar. Es war eine der ersten Pekinger Kneipen nach westlichem Vorbild. Die Kundschaft bestand zur einen Hälfte aus ausländischen Studenten und zur anderen aus neuerdings wohlhabenden Chinesen, die bereitwillig zehn Yuan für ein Bier bezahlten, das im Restaurant um die Ecke zwei Yuan kostete. Ich gehörte zu ersteren…

Bernhard Bartsch | 02. August 2008 um 16:40 Uhr

 

Picassos für den Grabbeltisch

Das südchinesische Dafen ist die größte Künstlerkolonie der Welt. 10.000 Maler bedienen von hier aus den globalen Massengeschmack.

Huang Jianzhong malt eine Katze. Er hasst Katzen. „Wer sich so was bloss hinhängt?“, fragt er sich, während er mit schnellen Pinselstrichen das flauschige Fell schraffiert. Das Motiv, das in Postkartengrösse an der Staffelei hängt – rechts die Katze, links eine Schmuckdose –hat Huang schon dutzende Mal kopiert. Bald werden es hunderte Male sein, denn Katzenbilder sind beliebt, weitaus populärer als Picassos, Miros oder Rembrandts, ganz zu schweigen von Huangs eigenen Werken…

Bernhard Bartsch | 30. Oktober 2007 um 09:06 Uhr

 

Bonbons und Beethoven

Er hat einen Meter Klavierliteratur und jede Menge Flausen im Kopf – ein Besuch bei dem neunjährigen chinesischen Wunderkind Niu Niu.

So stellt man sich Mozart als Kind vor: Ein kleiner Tausendsassa, dessen Fantasie die wildesten Pirouetten dreht, ein Frechdachs, dessen Übermut keine elterliche Strenge gewachsen ist, ein Kugelblitz, der nur stillsitzt, wenn man ihm einen Klavierschemel hinschiebt. Dann strömt all seine Energie in die Fingerspitzen, die wie von alleine über die Tasten tanzen, und durch das offene Fenster perlt Notenchampagner auf die Straße…

Bernhard Bartsch | 15. Februar 2007 um 08:59 Uhr

 

Etwas sehr Vornehmes

Der Designer David Tang gibt Chinas wirtschaftlichem Aufschwung eine modische Stilnote.

Am Anfang, erzählt David Tang, waren da ein paar alte Schneider aus Schanghai. Vor Maos Truppen nach Hongkong geflohen, hatten sie jahrzehntelang Hemden und Anzüge genäht, bevor Tang erkannte, dass sie zu Höherem befähigt waren. Denn sie beherrschten ein fast vergessenes Handwerk: die Herstellung der kostbaren Gewänder des chinesischen Kaiserhofs…

Bernhard Bartsch | 05. September 2005 um 17:05 Uhr

 

“Luxus ist totale Schwerelosigkeit”

David Tang, Lifestyle-Papst des neuen China, spricht im Interview über Konsum, Konten und Konfuzius.

Frage: Herr Tang, in Ihren Boutiquen und China-Klubs feiern sie das alte Reich der Mitte. Was macht die klassische chinesische Kultur so faszinierend?

David Tang: China hat etwas ungeheuer Geheimnisvolles. Denken Sie nur an die Terracotta-Armee, die Chinas erster Kaiser sich mit ins Grab geben liess. Oder Konfuzius, die Steingärten, die Gedichte der Tang-Dynastie, die Vasen der Ming, die Architektur und die Rituale des Kaiserhofs…

Bernhard Bartsch | 19. Juli 2005 um 16:56 Uhr