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	<title>Bernhard Bartsch &#187; Kunst</title>
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	<description>TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN</description>
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		<title>&#8220;Wer schweigt, wird Teil des Systems&#8221;</title>
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		<pubDate>Wed, 10 Mar 2010 13:05:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Der Künstler Ai Weiwei über Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, seinen Rechtsstreit mit der chinesischen Regierung und Kunst in Zeiten des Internets.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/05/ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1130" title="ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/05/ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2-1024x1015.jpg" alt="" width="177" height="175" /></a><em>Bernhard Bartsch: Herr Ai, Sie werden beim Literaturfest lit.Cologne mit Herta Müller über "Politik und Kunst" diskutieren. Haben Sie schon einmal etwas von ihr gelesen?</em>

Ai Weiwei: Ich habe zwei Bücher und ihre Nobelpreisrede gelesen - aber nur, weil ich sie treffen werde. Ich bin kein guter Leser und habe kaum Vergleichsmöglichkeiten. Trotzdem finde ihre Werke einzigartig und habe großen Respekt davor, wie hartnäckig und leidenschaftlich sie ihre Themen behandelt...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Künstler Ai Weiwei über Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, seinen Rechtsstreit mit der chinesischen Regierung und Kunst in Zeiten des Internets.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/05/ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1130" title="ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/05/ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2-1024x1015.jpg" alt="" width="276" height="274" /></a><em>Bernhard Bartsch: Herr Ai, Sie werden beim Literaturfest lit.Cologne mit Herta Müller über &#8220;Politik und Kunst&#8221; diskutieren. Haben Sie schon einmal etwas von ihr gelesen?</em></p>
<p>Ai Weiwei: Ich habe zwei Bücher und ihre Nobelpreisrede gelesen &#8211; aber nur, weil ich sie treffen werde. Ich bin kein guter Leser und habe kaum Vergleichsmöglichkeiten. Trotzdem finde ihre Werke einzigartig und habe großen Respekt davor, wie hartnäckig und leidenschaftlich sie ihre Themen behandelt.</p>
<p><em>Hartnäckigkeit und Leidenschaft werden auch Ihnen nachgesagt, und das Hauptthema Ihrer Arbeit ist das gleiche wie bei Herta Müller: das Leben in der Diktatur. Ist Unterdrückung ein Katalysator für große Kunst?</em></p>
<p>Ich glaube, Kunst entsteht, wenn man das Chaos auf der Welt betrachtet und trotzdem nicht den Glauben daran verliert, dass es eigentlich anders sein sollte. Das möchte ich zeigen, mit Aktionen, die einfach sind, aber gerade dadurch stark und verständlich.</p>
<p><em>In ihrer jüngsten Aktion haben Sie vergangene Woche eine Klage gegen Chinas Ministerium für Zivile Angelegenheiten eingereicht, weil es nicht auf Ihre Fragen zum Sichuan-Erdbeben geantwortet hat, wo vor zwei Jahren über 5000 Kinder in maroden Schulgebäuden getötet wurden.</em></p>
<p>Ja, mit Freiwilligen und Anwälten habe ich über ein Jahr lang die Umstände untersucht, die zum Tod von so vielen Kindern geführt haben. Daraus haben sich über tausend Fragen ergeben, die wir den zuständigen Behörden schriftlich gestellt haben. Nach Chinas Gesetzen müssen Ämter Fragen aus dem Volk beantworten, aber sie kommen dieser Verpflichtung nicht nach.</p>
<p><em>Einen Rechtsstreit mit der chinesischen Regierung können Sie aber doch niemals gewinnen.</em></p>
<p>Natürlich weiß jeder, dass die Herrschaft der chinesischen Regierung auf Gesetzesverletzungen beruht, anders könnte sie gar nicht existieren. Aber wenn wir das einfach schweigend akzeptieren würden, wären wir Teil ihres Systems. Also bleibt uns keine andere Wahl, als so zu handeln, wie es unser Gewissen vorschreibt, ohne aufzugeben. Indem wir das in aller Öffentlichkeit tun und im Internet jeden Schritt transparent darstellen, schaffen wir bei den Menschen ein Bewusstsein dafür, wie China heute funktioniert.</p>
<p><em>Durch ihr politisches Engagement sind Sie in China heute in erster Linie als regimekritischer Blogger bekannt – selbst unter Künstlern. Wir haben an mehreren chinesischen Kunstakademien nachgefragt: Dort verfolgt fast jeder ihren Blog, aber nur wenige können sich daran erinnern, schon einmal ein Kunstwerk von Ihnen gesehen zu haben.</em></p>
<p>Das entspricht durchaus meiner Absicht. Denn was ist denn Kunst? Doch nicht nur Bilder oder Skulpturen, sondern auch gesellschaftliche Bewegungen &#8211; soziale Skulpturen, sozusagen. Letztlich geht es doch darum, dass man eine Situation mit frischem Blick betrachtet. Dafür müssen Künstler heute nicht mehr unbedingt Werke herstellen, die sich verkaufen und sammeln lassen.</p>
<p><em>Trotzdem ist Ihr Ausstoß an klassischen Kunstwerken, vor allem Skulpturen und Installationen, gewaltig. 2009 hatten Sie große Soloausstellungen in Tokio und München, dieses Jahr sind Sie in New York und London, und bei Auktionen gehören ihre Werke inzwischen zu den teuersten der Welt. Ohne Ihren finanziellen Erfolg könnten Sie sich Ihre anderen Freiheiten wohl auch kaum leisten.</em></p>
<p>Natürlich braucht jeder Geld, aber Geld hat leider auch dazu geführt, das unsere Gesellschaft heute durch und durch verrottet ist. Ich bemühe mich jedenfalls, mit meinem Geld etwas Gutes anzustellen. Weil ich für mich persönlich keine großen Ansprüche habe, fehlt es mir nie an Geld für Projekte, die mir am Herzen liegen. Ich denke, das ist für junge Menschen ein wichtiges Vorbild.</p>
<p><em>Das Wort &#8220;Vorbild&#8221; reicht bei Ihrer Popularität fast gar nicht mehr aus. Im chinesischen Internet haben Sie eine riesige Gefolgschaft, die täglich in ihren Blog-Einträgen und Tweets nach Orientierung im Umgang mit der Welt suchen. Manche sehen Sie regelrecht als Messias. Ist das nicht ein ungeheurer Druck?</em></p>
<p>Nein, ich spüre keinen Druck. Ich gehe mit Problemen einfach so um, wie ich es gelernt habe. Viele junge Menschen sehnen sich nach jemandem, der unabhängig denkt, eigene Ansichten hat und trotzdem überleben kann. Unsere Aktionen geben ihnen Hoffnung.</p>
<p><em>Ihre Anhänger sind größtenteils jung, und obwohl Sie 1957 geboren sind, bezeichnen sich selbst gerne als Angehörigen der Nach-Achtziger-Generation. Warum?</em></p>
<p>Weil die Nach-Achtziger in China die erste Generation sind, die aktiv das Internet benutzen und somit wirklich &#8220;menschlich&#8221; leben können. Meine Definition von &#8220;Mensch&#8221; ist, dass man frei seine Informationen erwerben, seine Wissensstruktur aufbauen und seine Meinung ausdrücken kann. Den älteren Generationen wurde das auf schlimmste Weise verwehrt. Ich verbringe meine Zeit inzwischen zum größten Teil im Internet, mindestens acht Stunden am Tag, manchmal 24. Denn durch das Internetzeitalter verändert sich die gesamte Machtstruktur &#8211; dessen muss man sich als Künstler immer bewusst sein.</p>
<p><em>ZUR PERSON<br />
</em></p>
<p><em>Ai Weiwei, Jahrgang 1957, gilt als bedeutendster chinesischer Gegenwartskünstler. Der Sohn eines liberalen Schriftstellers, der unter Mao als Rechtsabweichler gebrandmarkt wurde, verbrachte seine Jugend mit seinem Vater in einem Straflager. Nach der Kulturrevolution studierte er an der Pekinger Filmakademie, später in New York. Seit Anfang der Neunziger lebt und arbeitet Ai in Peking und ist neben seiner Kunst auch für seinen im Internet ausgetragenen Kampf mit der Kommunistischen Partei bekannt. Er ist einer der einflussreichsten Blogger der Volksrepublik.</em></p>
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		<title>Die Rebellion des Zuhörens</title>
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		<pubDate>Wed, 03 Mar 2010 12:47:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
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		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Tiananmen]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Der regimekritische Autor Liao Yiwu darf nicht nach Deutschland reisen – aber Deutschland zu ihm. Ein Besuch in Chengdu.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/03/Liao_Yiwu_1.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-1831" title="Liao_Yiwu (Copyright Bernhard Bartsch)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/03/Liao_Yiwu_1-250x300.jpg" alt="" width="122" height="146" /></a>Er steht allein am Rand der sechsspurigen Straße und erkennt das Auto schon von weitem. "Hier kommen nicht viele Taxis her", sagt Liao Yiwu, setzt sich neben den Fahrer und lotst ihn durch die Baustellenlandschaft von Wenjiang, einen Vorort von Sichuans Provinzhauptstadt Chengdu. "Gehen wir lieber in ein Teehaus, zuhause stehen noch immer Polizisten vor meiner Tür." Am Vortag haben sie den Schriftsteller am Flughafen in Chengdu festgenommen, weil er zum Kölner Literaturfest lit.Cologne reisen wollte...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der regimekritische Autor Liao Yiwu darf nicht nach Deutschland reisen – aber Deutschland zu ihm. Ein Besuch in Chengdu.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/03/Liao_Yiwu_51.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1836" title="Liao_Yiwu (Copyright Bernhard Bartsch)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/03/Liao_Yiwu_51-1024x640.jpg" alt="" width="430" height="269" /></a>Er steht allein am Rand der sechsspurigen Straße und erkennt das Auto schon von weitem. &#8220;Hier kommen nicht viele Taxis her&#8221;, sagt Liao Yiwu, setzt sich neben den Fahrer und lotst ihn durch die Baustellenlandschaft von Wenjiang, einen Vorort von Sichuans Provinzhauptstadt Chengdu. &#8220;Gehen wir lieber in ein Teehaus, zuhause stehen noch immer Polizisten vor meiner Tür.&#8221; Am Vortag haben sie den Schriftsteller am Flughafen in Chengdu festgenommen, weil er zum Kölner Literaturfest lit.Cologne reisen wollte.</p>
<p>&#8220;Die Beamten haben mich mehrere Stunden verhört und dann auf dem Weg nach Hause gefragt, ob ich ihnen nicht einmal etwas von mir zu lesen geben könne, weil sie gar nicht genau wissen, warum ihre Vorgesetzten sie auf mich angesetzt haben&#8221;, erzählt Liao lachend. Er überließ ihnen die Bücher, die er eigentlich mit nach Deutschland nehmen wollte.</p>
<p>Vielleicht drückten seine Bewacher deswegen ein Auge zu, als er an diesem regnerischen Morgen in Allwetterkleidung und unrasiert aus dem Haus trat und darum bat, einen kleinen Spaziergang machen zu dürfen. Der 51-jährige Autor gehört zum innersten Zirkel jener kritischen Intellektuellenszene, die Chinas Kommunistische Partei für ihren gefährlichsten Feind hält.</p>
<p>Schon vor Jahren hat die Zentralregierung alle chinesischen Verlage schriftlich angewiesen, von Liao keine Zeile mehr zu drucken. 13 Mal haben die Behörden ihn daran gehindert, Einladungen zu ausländischen Literaturveranstaltungen anzunehmen. Selbst bei Reisen in die Hauptstadt Peking schickt die Provinzregierung Polizisten, um Liao zurückzuholen.</p>
<p>Es heißt, Zhou Yongkang, Chef der chinesischen Sicherheitsdienste und die Nummer neun in der Parteihierarchie, habe Liao auf seiner persönlichen schwarzen Liste, weil er einiges Negative über Zhous Zeit als Parteichef von Sichuan recherchiert habe. Und für das populäre Gedicht &#8220;Massaker&#8221;, mit dem Liao sich 1989 nach dem Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens das Entsetzen von der Seele zu schreiben versuchte, ist er aus Pekings Sicht selbst mit vier Jahren Haft und Folter noch nicht hart genug bestraft worden.</p>
<p>&#8220;Immerhin liest so auch Chinas höchste Führung meine Texte&#8221;, gibt Liao sich geschmeichelt. &#8220;Aber gerade deshalb müsste sie doch eigentlich wissen, dass ich überhaupt nicht gefährlich bin.&#8221; Liao hat Tee und Nudelsuppe bestellt. Während er erzählt, rupft er die Papierhülle seiner Essstäbchen in winzige Stückchen. &#8220;Ich habe es nie darauf angelegt, das Regime herauszufordern&#8221;, sagt er. &#8220;Ich gehöre nicht zu den Schriftstellern, die bewusst die Rolle des Dissidenten suchen, weil sie es für ihre Pflicht halten, den Staat zu kritisieren.&#8221; Zwar habe auch er das Demokratiemanifest &#8220;Charta 08&#8243; unterschrieben, allerdings vor allem aus Verbundenheit mit deren Verfasser Liu Xiaobo, einem seiner engsten Freunde, der im vergangenen Dezember zu elf Jahren Gefängnis verurteilt wurde.</p>
<p>&#8220;Um ehrlich zu sein habe ich die Charta 08 nicht einmal genau gelesen&#8221;, gesteht Liao. &#8220;Ich interessiere mich nicht besonders für Politik, sondern vor für meine Geschichten.&#8221; Doch wie könnte es unpolitisch sein, in China diejenigen zu Wort kommen zu lassen, deren Stimmen das staatliche Propagandagetöse eigentlich übertönen soll?</p>
<p>Liao hat sich vor allem als Reportageschriftsteller einen Namen gemacht. Einen großen Teil des Jahres wandert er zu Fuß durch die chinesischen Provinzen und dokumentiert das Leben des einfachen Volkes und vor allem der Fortschrittsverlierer. &#8220;Meine Texte entstehen nicht am Schreibtisch, sondern in der Realität&#8221;, sagt Liao, der sich ungeniert mit dem russischen Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn vergleicht. &#8220;Wenn wir nicht festhalten, was in China heute passiert, dann ist es für immer verloren.&#8221;</p>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/03/Liao_Yiwu_2.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1838" title="Liao_Yiwu (Copyright Bernhard Bartsch)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/03/Liao_Yiwu_2-1024x859.jpg" alt="" width="368" height="309" /></a>In seinem vergangenes Jahr auf Deutsch erschienenen Buch &#8220;Fräulein Hallo und der Bauernkaiser&#8221; beschreibt er das Schicksal von Wanderarbeitern und Bauern, Kloputzern und Prostituierten, Kriminellen und politisch Verfolgten. Ein weiterer Reportageband, in dem er seine Zeit im Gefängnis beschreibt, soll Ende des Jahres auf Deutsch erscheinen &#8211; Liao lebt ausschließlich von seinen ausländischen Tantiemen.</p>
<p>Die subversive Freude am Zuhören entdeckte Liao, als er wegen seines Tiananmen-Gedichts &#8220;Massaker&#8221; zu vier Jahren Haft verurteilt wurde. &#8220;Davor war ich ein Propaganda-Autor wie alle anderen auch, die im staatlichen Schriftstellersystem arbeiten&#8221;, meint Liao mit einem Seitenhieb auf chinesische Literaturstars wie Mo Yan oder Yu Hua, die einst seine Kollegen waren und sich heute nicht mehr trauen, mit ihm Kontakt zu haben oder öffentlich über seine Werke zu sprechen.</p>
<p>Liao, Sohn einer Lehrerfamilie, verbrachte seine Kindheit während der Kulturrevolution und bekam an Bildung nur das mit, was ihm seine Eltern in den Revolutionspausen heimlich beibringen konnten. Nach Maos Tod versuchte er vier Jahre lang vergeblich, die Universitätsaufnahmeprüfung zu bestehen und begann dann bei einer Zeitschrift zu arbeiten, wo er bald als wortgewandter Dichter auffiel und vom Kulturministerium in die Riege der Staatsschriftsteller aufgenommen wurde.Obwohl er mit Lobliedern auf die Partei seinen Lebensunterhalt verdiente, engagierte er sich auch in der literarischen Untergrundszene, in der nicht Deng Xiaoping den Ton angab, sondern Bob Dylan. Doch am 4. Juni 1989 endete der kulturelle Frühling. &#8220;Wir erleben ein Massaker in diesem Land der Utopien. Der Regierungschef braucht sich nur zu erkälten, und schon müssen die Massen mit ihm niesen&#8221;, schrieb Liao damals in einem Gedicht, das er mit vor Wut bebender Stimme seinen Freunden vortrug, die es auf Kassetten weiterverbreiteten, wodurch es bei den traumatisierten Studenten bald Kultstatus gewann.</p>
<p>&#8220;Als ich in die Gefängniszelle gestoßen wurde, sah ich als erstes einen kahlköpfigen Hünen, der &#8220;Töten, töten, töten&#8221;, schrie&#8221;, erinnert sich Liao. &#8220;Dutzende Häftlinge mussten sich einen Raum teilen, und der Platz reichte nicht einmal, um beim Schlafen auf dem Rücken zu liegen. Alle hatten fürchterliche Ausschläge, und ich gewann die Zellenmeisterschaft im Läuseknacken.&#8221;</p>
<p>In Endlosschlaufen erzählten die Insassen einander ihre Geschichten: Einer hatte Mädchen gekidnappt und in die Prostitution verkauft. Ein anderer hatte seine Frau getötet und schon fast vollständig an seine nichtsahnende Familie verfüttert, als seine Mutter einen Fingernagel in ihrer Suppe fand. Liao, der nur ein paar Verse geschrieben hatte, erlitt mehrere Nervenzusammenbrüche und versuchte zweimal, sich umzubringen, was ihm den Namen &#8220;der große Irre&#8221; einbrachte.</p>
<p>Nach seiner Entlassung begann er, unter einer Brücke Kleidung zu verkaufen und in seiner freien Zeit die Geschichten seiner Zellengenossen aufzuschreiben. Aus dem seelischen Verarbeitungsprozess wurde ein literarischer Neuanfang: Aus Liao, dem Dichter, wurde Liao, der Reportageschriftsteller. &#8220;Im Nachhinein sehe ich meine Gefängniserfahrungen als ungeheuren Schatz&#8221;, sagt Liao. Außerdem haben die traumatischen Erfahrungen ihn weitgehend immun gemacht gegen die Angst vor Bestrafung oder materielle Verlockungen. Die Partei kann ihn behindern, aber nicht brechen.</p>
<p>Auf dem Rückweg durch die leeren Straßen von Wenjiang, an denen neue Hochhausburgen mit Namen wie &#8220;Perlfluss-Stadt&#8221; oder &#8220;Küstenvilla&#8221; entstehen, zeigt Liao in die Richtung des Marktes, wo er sein Gemüse kauft. Kürzlich hat er dort einen Verkäufer kennengelernt, der im Streit mit einem Standnachbar die rechte Hand abgeschnitten bekommen habe.</p>
<p>&#8220;Sobald die Polizei mich wieder in Ruhe lässt, wird das mein nächstes Interview&#8221;, sagt Liao. Auf dem Markt habe er auch eine Raubkopie des Stasi-Films &#8220;Das Leben der anderen&#8221; gekauft, die er über das deutsche Konsulat an Bundeskanzlerin Angela Merkel geschickt hat, zum Dank für ihre Unterstützung bei seinem Versuch, nach Deutschland zu reisen. &#8220;Sie hat selbst in einer Diktatur gelebt und wird verstehen, was ich damit meine&#8221;, erklärt er mit einem Zwinkern.</p>
<p>Dann geht er alleine weiter, um sich bei der Polizei von seinem Spaziergang zurückzumelden.</p>
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		<title>Großgrundbesitzerbonbons</title>
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		<pubDate>Thu, 24 Sep 2009 02:16:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Vor 44 Jahren versuchten Chinas Bildhauer, Bauern durch Kunst die Weltrevolution zu erklären. Nun reist das kommunistische Lehrwerk erstmals ins Ausland.</h3>
<img class="alignleft size-full wp-image-1538" title="Pachthof" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/09/090923_1314_03_1249653094_hof_d_pacht_4_2_mail.jpg" alt="Pachthof" width="148" height="172" />Kennste die noch?" schallt es von links. "Und schau mal den da!" kommt es lachend von rechts zurück. Es ist Sonntagnachmittag. In kleinen Gruppen ziehen Touristen und Wochenendausflügler durch das feudale Anwesen von Chinas berüchtigtstem Großgrundbesitzer, Liu Wencai. Sie fotografieren sich in den gepflegten Gärten und vor Oldtimern vom Anfang des 20. Jahrhunderts, doch der Höhepunkt ist der "Hof für die Pachteinnahmen", zu dem Wegweiser die Menschenströme führen wie im Louvre zur Mona Lisa. "Hier sehen sie das wichtigste Kunstwerk es Neuen China", knarzt es aus dem Megaphon der Reiseführerin, als ob die Besucher das nicht selber wüssten...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Vor 44 Jahren versuchten Chinas Bildhauer, Bauern durch Kunst die Weltrevolution zu erklären. Nun reist das kommunistische Lehrwerk erstmals ins Ausland.</h3>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-1538" title="Pachthof" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/09/090923_1314_03_1249653094_hof_d_pacht_4_2_mail.jpg" alt="Pachthof" width="192" height="224" />Kennste die noch?&#8221; schallt es von links. &#8220;Und schau mal den da!&#8221; kommt es lachend von rechts zurück. Es ist Sonntagnachmittag. In kleinen Gruppen ziehen Touristen und Wochenendausflügler durch das feudale Anwesen von Chinas berüchtigtstem Großgrundbesitzer, Liu Wencai. Sie fotografieren sich in den gepflegten Gärten und vor Oldtimern vom Anfang des 20. Jahrhunderts, doch der Höhepunkt ist der &#8220;Hof für die Pachteinnahmen&#8221;, zu dem Wegweiser die Menschenströme führen wie im Louvre zur Mona Lisa. &#8220;Hier sehen sie das wichtigste Kunstwerk es Neuen China&#8221;, knarzt es aus dem Megaphon der Reiseführerin, als ob die Besucher das nicht selber wüssten.</p>
<p>&#8220;Früher waren diese Figuren alle in unseren Schulbüchern abgebildet&#8221;, erzählt ein Besucher mittleren Alters, während er mit dem Handy die Figur einer jungen Frau fotografiert, die erschöpft auf der Tragestange zwischen zwei Körben sitzt. &#8220;Wir mussten darüber Aufsätze schreiben: über die Ausbeutung der Bauern, den Sieg der Revolution und die Weisheit des Vorsitzenden Mao.&#8221; Er knipst noch einen bulligen Schlägertyp mit seinem Schäferhund und muss dann grinsen. &#8220;Verrückte Zeiten, aber so war das damals halt.&#8221;</p>
<p>Vierundvierzig Jahre nach seiner Entstehung und dreiunddreißig Jahre nach Maos Tod traut sich die Volksrepublik nun, ihr bekanntestes Klassenkampfmonument erstmals im Ausland zu zeigen. Als Teil des Begleitprogramms des chinesischen Gastlandauftritts bei der Frankfurter Buchmesse ist der „Hof für die Pachteinnahmen“ in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle zu sehen. Kein kleiner Coup: Immerhin haben in der Vergangenheit schon die Documenta in Kassel und Venedigs Biennale vergeblich versucht, den Pachthof auszuleihen. Denn welches Kunstwerk könnte eine bessere Diskussionsvorlage über das moderne China bieten? Während Chinas Kulturministerium die Skulpturen als ein Stück revolutionärer Hochkultur versteht, sehen Kritiker darin Propagandakunst von riefenstahlscher Qualität. &#8220;Was Mao unter dem Deckmantel des Klassenkampfes an Katastrophen und Leid über sein Volk gebracht hat, lässt sich mit den Verbrechen Hitlers vergleichen&#8221;, findet die Autorin Dai Qing, die kürzlich beim Auftaktsymposium der Buchmesse für Tumulte sorgte und bei ihrem Frankfurtbesuch auch die Plakate der Ausstellung sah &#8211; mit gemischten Gefühlen. &#8220;Wenn man dieses Propagandawerk in Deutschland zeigt, sollten die Besucher genau wissen, unter welchen Umständen es entstanden ist&#8221;, meint Dai. &#8220;Kunst und Politik sind beim Pachthof nicht zu trennen.&#8221;</p>
<p>Genau darauf hoffen auch die damals beteiligten Künstler. &#8220;Natürlich ist der Pachthof nicht von seiner Zeit zu trennen, aber sein künstlerischer Wert ist trotzdem zeitlos&#8221;, sagt Wang Guanyi. Der 73-Jährige pensionierte Professor der Kunstakademie von Sichuan war seinerzeit einer der Künstler des 14-köpfigen Bildhauerkollektivs. In seiner engen Dozentenwohnung ist er umgeben von den Werken eines von politischer Instrumentalisierung geprägten Künstlerlebens: Neben dem Sofa steht eine Bronzestatue von Deng Xiaoping, im Regal Büsten diverser Arbeiterhelden und auf seinem Arbeitstisch das Tonmodell eines Kriegsdenkmals &#8211; alles nicht geeignet, das Stigma der Propagandahandwerker abzuschütteln. Doch der Pachthof, davon ist man in China überzeugt, werde in die Kunstgeschichte eingehen. &#8220;Für alle Beteiligten war es das wichtigste Werk ihres Lebens&#8221;, glaubt Wang. &#8220;Nirgends auf der Welt existiert eine Skulpturengruppe ähnlicher Größe und Qualität, nicht einmal von Michelangelo oder Rodin.&#8221; Was die Größe der Anlage angeht, hat Wang sicher Recht. Michelangelos Grabmonument für Papst Julius nimmt sich bescheiden aus, neben der Mammutanlage in Dayi. Auch Rodins Bürger von Calais, an die der Hof für die Pachteinnahme auch in seiner Gegensätzlichkeit stark erinnert, wirken winzig neben diesem Monument des Klassenkampfes. Ob aber der Vergleich, was die künstlerische Qualität angeht vor der Kunstgeschichte bestehen kann, darf bezweifelt werden.</p>
<p>Doch zumindest die Entstehungsgeschichte der Gruppe könne es an Dramatik mit jedem anderen künstlerischen Weltwunder aufnehmen, meint Wu Mingwan, damals Parteisekretär der Fakultät für Bildhauerei an Sichuans Kunstakademie. &#8220;Es war eine äußerst aufregende Zeit.&#8221; Im Frühjahr 1965 ging bei Wu ein ideologischer Notruf ein: Im ehemaligen Anwesen des Großgrundbesitzers Liu Wencais in Dayi, nahe Sichuans Provinzhauptstadt Chengdu, müsse schnellstens ein pädagogisches Kunstwerk geschaffen werden, um den Bauern den Sinn des Kommunismus zu erklären.</p>
<p>Es handelte sich um eine undankbare Aufgabe, an der bereits ein Stab lokaler Propagandabeamten gescheitert war. Kurz nach Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949 hatten Maos Politpädagogen den Großgrundbesitzer Liu Wencai in ihr Pantheon revolutionärer Antihelden aufgenommen und zum Vorzeigeausbeuter erklärt. &#8220;Alles Schlechte, das man sich vorstellen konnte, wurde auf ihn projiziert&#8221;, sagt Wu.</p>
<p>&#8220;Dabei hatte das mit dem historischen Liu Wencai wenig zu tun.&#8221; Dieser war zwei Wochen nach der kommunistischen Machtergreifung 62-jährig eines natürlichen Todes gestorben und wurde von Dayis Bauern wegen seiner karitativen Projekte der &#8220;Gute Liu&#8221; genannt. So zeigte die lokale Bevölkerung wenig Verständnis dafür, warum sein Gutshof plötzlich als Klassenkampfmahnmal dienen sollte.</p>
<p>Um der offiziellen Geschichtsschreibung Glaubwürdigkeit zu verleihen, wurden im Nachhinein Folterzellen errichtet, Wände mit Schweineblut beschmiert und Gräuelszenen von Schauspielern oder Puppen nachgestellt. &#8220;Soldaten von außerhalb hat das beeindruckt, aber die Leute der Region fielen darauf nicht herein&#8221;, erzählt Zhao Shutong, ebenfalls einer der beteiligten Künstler, der in Dayi aufgewachsen war. &#8220;Eines Tages hörten die Beamten, wie ein Bauer sich Lius schönes Bett anschaute und sagte: Wenn ich eine Nacht dort schlafen könnte, hätte ich nicht umsonst gelebt. Da verzweifelten sie: Die Bauern sollten Lius Reichtum doch hassen, nicht bewundern.&#8221;</p>
<p>Deshalb rief man in Dayi die Professoren der Kunstakademie von Sichuan zu Hilfe, die ihr Handwerk größtenteils von sowjetischen Revolutionskunstexperten gelernt hatten und im ganzen Land als versierte Verherrlicher von Bauern, Arbeitern und Soldaten bekannt waren. &#8220;Das Dayi-Projekt kam uns sehr gelegen&#8221;, erklärt Long Dehui, ehemaliger pädagogischer Leiter der Hochschule, &#8220;wir suchten damals ohnehin gerade nach Wegen, die Bauern mit Kunst zu erreichen.&#8221; So habe man schnellentschlossen, die Professoren Wang Guanyi und Zhao Shutong mit fünf Studenten nach Dayi geschickt. Später kamen noch andere Dozenten hinzu. Vier Monate arbeiteten sie vor Ort an den Skulpturen&#8221; Die Bauern haben uns Modell gesessen und mit uns über unsere Arbeit diskutiert&#8221;, erinnert sich Long Taicheng, der damals als 21jähriger Student mit nach Dayi fuhr. &#8220;Alle waren ungeheuer euphorisch.&#8221; Schon bald seien von weither Menschen gekommen, um die Figurengruppe zu bewundern. &#8220;An einem Tag kamen drei Frauen in den Hof und sind mit Stöcken auf die Figuren der Ausbeuter losgegangen, weil sie so echt aussahen&#8221;, erzählt Long, inzwischen selbst ein pensionierter Bildhauereiprofessor. &#8220;Wir mussten sie zurückhalten und ihnen den Unterschied von Kunst und Wirklichkeit erklären.&#8221;</p>
<p>Inwieweit sich bei solchen Anekdoten politisches Wunschdenken die Form von Erinnerungen angenommen hat, lässt sich im Nachhinein ebenso schwer ermitteln wie die Antwort auf die Frage, wer damals welchen Beitrag geleistet hat. Vor allem zwischen den Professoren Wang und Zhao gehen die Meinungen diesbezüglich weit auseinander. &#8220;Die Studenten kamen alle aus meiner Klasse und hörten auf mein Kommando&#8221;, sagt Wang.</p>
<p>Zhao behauptet dagegen, die Akademie habe ihn geschickt, weil man die Aufgabe Wang nicht zutraute. &#8220;Jeder wusste, dass Wangs Studenten die schlechtesten der ganzen Hochschule waren&#8221;, erzählt Zhao. &#8220;Ich musste alle Figuren nacharbeiten, selbst Wangs eigene.&#8221; Parteisekretär Wu besteht dagegen darauf, dass es sich um ein echtes Kollektivwerk handelte. &#8220;Es gehört sich nicht, über persönliche Verdienste zu streiten&#8221;, sagt er. &#8220;Der Pachthof ist unter der Leitung der Partei und der Regierung entstanden. Der Urheber ist das chinesische Volk.&#8221;</p>
<p>Sicher ist indes, dass nicht nur die Künstler von ihrem Werk begeistert waren. Als kurz nach der Fertigstellung die Kulturrevolution ausbrach, erhob Maos Frau Jiang Qing den Pachthof in den Rang eines Modellkunstwerks. &#8220;Es war das einzige Werk bildender Kunst, dass sie neben ihren eigenen Revolutionsopern gelten ließ&#8221;, sagt Zhao. &#8220;Wir wurden nach Peking gerufen und haben das Werk dort noch einmal nachgebaut.&#8221; Zhao, der als Leitkünstler auftrat, wurde von Jiang zum nationalen Kunstbeauftragten ernannt. Sein kometenhafter Aufstieg brachte ihm erst den Neid seiner Kollegen ein und dann den Vorwurf der Konterrevolution, den er mit vier Jahren Arbeitslager büßen musste. Auch die roten Garden warfen den Künstlern vor, ihr Werk sei nicht revolutionär genug: Mehrfach zwangen sie die Bildhauer zu Veränderungen. &#8220;Mal haben sie gefordert, Mao Zedong müsse als Retter auftauchen&#8221;, erzählt Zhao. &#8220;Ein andermal wollten sie, dass Liu Wencai von den Bauern getötet wird.&#8221;</p>
<p>Bis zum Ende der Kulturrevolution waren die Künstler fast vollzeitig damit beschäftigt, Kopien und neue Versionen des Pachthofs zu produzieren. In Frankfurt wird eine Reiseversion aus Fiberglas ausgestellt. Die nicht transportierbaren Trockenlehmskulpturen des Originals stehen dagegen nach wie vor unverrückt in Dayi &#8211; und warten auf das Urteil der Kunstgeschichte. Das politische ist längst gefallen: Der reiche Liu Wencai ist im neuen China wieder Vorbild statt Klassenfeind &#8211; und die Nachfahren machen rund um sein Anwesen gute Geschäfte. &#8220;Essen wie bei Lius&#8221;, wirbt ein Restaurant, ein Souvenirladen verkauft &#8220;Großgrundbesitzerbonbons&#8221;. Konterrevolution ist auch nicht mehr, was sie einmal war.</p>
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		<title>Twittern vom Krankenbett</title>
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		<pubDate>Wed, 16 Sep 2009 18:51:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Künstler soll durch Schläge der chinesischen Polizei Gehirnblutungen erlitten haben. Seinen Krankenhausaufenthalt in München dokumentiert er im Internet.</h3>
Der renommierte chinesische Künstler und Designer Ai Weiwei ist am Montag in München wegen Gehirnblutungen operiert worden, bei denen es sich um eine Spätfolge von Misshandlung durch die chinesische Polizei handeln soll. "Der Auslöser war der Vorfall in Sichuan", erklärte Ai im Telefonat mit dem Autor...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Künstler soll durch Schläge der chinesischen Polizei Gehirnblutungen erlitten haben. Seinen Krankenhausaufenthalt in München dokumentiert er im Internet.</h3>
<p>Der renommierte chinesische Künstler und Designer Ai Weiwei ist am Montag in München wegen Gehirnblutungen operiert worden, bei denen es sich um eine Spätfolge von Misshandlung durch die chinesische Polizei handeln soll. &#8220;Der Auslöser war der Vorfall in Sichuan&#8221;, erklärte Ai im Telefonat mit dem Autor. Am 12. August war er in der südwestchinesischen Provinz von Polizisten geschlagen worden, weil er den Prozess gegen den Aktivisten Tan Zuoren verfolgen wollte, der sich wie Ai für Opfer des Erdbebens im vergangenen Jahr eingesetzt hatte. Damals waren tausende Kinder in schlecht gebauten Schulen umgekommen, was die Regierung bis heute zu verschweigen versucht.</p>
<p>Ai erklärte, er habe seit dem Angriff in seinem Hotelzimmer unter Kopfschmerzen gelitten und sich nach einer plötzlichen Verschlechterung am Sonntag in München ins Krankenhaus begeben. Der Künstler bereitet dort derzeit mit seine Soloausstellung im Münchner Haus der Kunst vor, die im Oktober eröffnet werden soll. &#8220;Ich hatte Blutungen im Kopf und es mussten sofort zwei Löcher in meine Schädeldecke gebohrt werden, um das Blut abzulassen&#8221;, sagte der am Telefon äußerst geschwächt klingende Ai. &#8220;Ich befinde mich jetzt nicht mehr in Gefahr, aber fühle mich noch sehr matt.&#8221;</p>
<p><a href="http://twitter.com/aiww">Wie matt, das kann die chinesische Internetgemeinde derzeit auf seiner Twitter-Seite verfolgen. </a>Der für seine spektakulären Internetaktionen bekannte Künstler veröffentlicht dort laufend Handyfotos von sich im Krankenbett. Sie zeigen ihn unter anderem mit einem Infusionsbeutel und einem Kopfverband. &#8220;Jeder soll sehen, was passiert ist&#8221;, erklärte der Künstler. &#8220;Die Menschen müssen wissen, dass wir in China in einem System leben, in dem die Polizei friedliche Bürger so brutal misshandelt, dass sie Hirnschäden erleiden können, wenn sie nicht wie ich das Glück haben, Zugang zu erstklassiger Medizin zu haben?&#8221;</p>
<p>Ai hatte unmittelbar nach dem Vorfall in Sichuan Anzeige gegen die Beamten gestellt. Die Behörden zögern die Untersuchungen derzeit allerdings hinaus und wollen sich dem Fall wenn überhaupt erst nach den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Volksrepublik am 1. Oktober widmen, erklärte der mit Ai befreundete Pekinger Anwalt Liu Xiaoyuan. Einem Eintrag auf seinem Blog zufolge habe er Ai geraten, die Dokumentation seiner Operation von der chinesischen Botschaft in Deutschland beglaubigen zu lassen und in China als Beweismittel einzureichen. Ai reagierte auf diesen Vorschlag allerdings skeptisch. &#8220;Ich weiß noch nicht, ob ich die Operationsunterlagen für mein Verfahren benutzen kann&#8221;, sagte Ai. &#8220;Bei dem Prozess zählt in China ja ohnehin nicht die Beweislage, sondern vor allem die Politik.&#8221;</p>
<p>Ai ist einer der bekanntesten chinesischen Künstler. Außerhalb der Kunstszene erlangte er als Mitdesigner des Pekinger Olympiastadions, des sogenannten &#8220;Vogelnests&#8221; Berühmtheit, insbesondere weil er sich von den Olympischen Spielen distanzierte, die er als &#8220;unerträgliche Propagandaveranstaltung der Kommunistischen Partei&#8221; bezeichnete.</p>
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		<title>Der Ritterschlag</title>
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		<pubDate>Mon, 17 Aug 2009 00:27:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Justiz]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Protest]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsstaat]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Der Künstler Ai Weiwei entlarvt mit klugen Aktionen den chinesischen Unrechtsstaat. Nun wurde er erstmals selbst von einem Polizisten geschlagen.</h3>
Ai Weiwei sieht nicht aus wie jemand, mit dem man sich auf eine Prügelei einlassen will. Man traut dem 52-Jährigen beinahe zu, dass er die tonnenschweren Skulpturen, auf denen sein Ruf als einer der bedeutendsten chinesischen Gegenwartskünstler beruht, ganz alleine stemmen kann. Aber dann diese Augen!...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Künstler Ai Weiwei entlarvt mit klugen Aktionen den chinesischen Unrechtsstaat. Nun wurde er erstmals selbst von einem Polizisten geschlagen.</h3>
<p>Ai Weiwei sieht nicht aus wie jemand, mit dem man sich auf eine Prügelei einlassen will. Man traut dem 52-Jährigen beinahe zu, dass er die tonnenschweren Skulpturen, auf denen sein Ruf als einer der bedeutendsten chinesischen Gegenwartskünstler beruht, ganz alleine stemmen kann. Aber dann diese Augen! Spätestens Ais Blick dürfte dem Polizisten, der ihn vergangene Woche in einem Hotelzimmer in Sichuans Provinzhauptstadt Chengdu verhörte, verraten haben, dass er bei aller Kraft nicht zu Gewalt fähig ist. Was der schmale Beamte als Einladung verstand, dem Künstler seinerseits einen ordentlichen Kinnhaken zu verpassen.</p>
<p>Es ist das erste Mal, dass Ai direkt die Härte zu spüren bekommt, die China Polizei gegen Kritiker einsetzt, die sich nicht mit geringeren Mitteln einschüchtern lassen. Indirekt erlebt er sie seit Jahren, weshalb er es sich zum Ziel gesetzt hat, die Methoden des Unterdrückungsstaats mit den Mitteln der Aktionskunst zu entlarven. Vergangene Woche hatte er in Chengdu auf die Absurdität des Gerichtsverfahrens gegen den Schriftsteller und Zivilrechtler Tan Zuoren aufmerksam machen wollen, dem &#8220;Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt&#8221; vorgeworfen wird, weil er Nachforschungen zum verheerenden Erdbeben von Sichuan im Mai 2008 angestellte hatte: Tan hatte recherchiert, wie viele Kinder damals in unsicher gebauten Schulgebäuden starben. Zusammen mit den Eltern der Opfer warf er den Behörden vor, Baupfusch gedeckt und durch Bestechung davon profitiert zu haben.</p>
<p>Ai, der in den vergangenen Monaten mit Hilfe von Freiwilligen selbst eine Liste der getöteten Kinder erstellt hatte, wollte vor Gericht für Tans Verteidigung aussagen. Doch dann drangen am 12. August, in der Nacht vor dem Prozess, gegen drei Uhr früh rund 30 Polizisten in Ais Hotelzimmer ein. &#8220;Ich habe sie nach ihren Ausweisen und ihren Durchsuchungsbefehlen gefragt, aber keine bekommen&#8221;, erzählt Ai. &#8220;Dann wurde ich geschlagen und beleidigt.&#8221; Der Polizist habe ihm gesagt: &#8220;Wenn wir wollen, können wir Dich totprügeln&#8221;, berichtet Ai. &#8220;Wenn Beamte sich uns gegenüber so benehmen, was machen sie dann erst mit all den Leuten vor Ort, die nicht vernetzt sind?&#8221;</p>
<p>Zusammen mit etwa zehn Begleitern wurde er zur Vernehmung abgeführt. Im Lift gelang es ihm, sich und den Polizisten, der ihn eskortierte, über den Spiegel zu fotografieren. Als Ai nach starken Protesten am Nachmittag desselben Tages freigelassen wurde, war die Gerichtsverhandlung gegen Tan bereits vorbei &#8211; der angeblich öffentliche Prozess hatte unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden. Eine seiner Begleiterinnen, Liu Yanping, die ihn bei seinen Recherchen zu den Erdbebenopfern unterstützt hatte, wird allerdings weiter festgehalten. &#8220;Ich werde gegen die Misshandlung klagen&#8221;, kündigt Ai an.</p>
<p>Zwar dürfte Ai auf juristischem Weg kaum Erfolg haben. Doch im Internet wird nun darüber spekuliert, ob der mediengewandte Künstler und Blogger die Beamten auf andere Weise bloß stellt. Zuletzt hatte er im Juni mit seinem Protest gegen eine neue Software zur Internetzensur Aufsehen erregt. &#8220;Die Regierung will ganz allein bestimmen, was in China als gut und schlecht, richtig und falsch gilt&#8221;, sagt Ai. &#8220;Aber wir lassen uns doch nicht verarschen.&#8221; So veröffentlichte er im Internet Bilder, auf denen er nackt in die Luft springt und sich dabei ein Plüschtier vor den Schritt hält. Ein doppelter Spott: Zum einen mockierte sich Ai über die Schwächen der automatischen Porno-Erkennung des &#8220;Grünen Damms&#8221;, die viele Nacktaufnahmen durchgehen ließ, dafür aber Bilder von Schwimmern oder Garfield-Comics blockierte. Zum anderen ist das Plüschtier selbst ein Symbol des chinesischen Bloggeraufstands. Denn was aussieht wie ein liebes Pony, ist in Wahrheit ein fiktives Geschöpf namens &#8220;Cao Ni Ma&#8221;, was wörtlich &#8220;Gras-Matsch-Pferd&#8221; heißt, in der Aussprache aber wie ein böses Schimpfwort klingt, das zum Sex mit der eigenen Mutter auffordert &#8211; und im Internet nach. Pekings Willen nicht vorkommen sollte. Für den 1. Oktober, den 60. Gründungstag der Volksrepublik, hat Ai außerdem zu einem Fotowettbewerb mit Bildern aufgerufen, auf denen Chinesen ihrem Land den Stinkefinger zeigen. Teile dieser und anderer Aktionen könnten im Herbst auch in Deutschland zu sehen sein: Dann hat Ai Weiwei eine Solo-Ausstellung in München.</p>
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		<title>„Chinas Wahrheit ist nicht elegant“</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Jul 2009 00:35:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Kulturrevolution]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
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		<category><![CDATA[Reform]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Der chinesische Schriftsteller Mo Yan erzählt, wie er vom Bauer zum Erfolgsautor wurde, weshalb Chinas Gegenwartsliteratur nicht ohne Gewalt auskommt und warum John Updike das nie verstehen konnte.</h3>
<em><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-1274" title="mo_yan_2" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/07/mo_yan_2-150x150.jpg" alt="mo_yan_2" width="150" height="150" />Frage: Mo Yan, ich sage es Ihnen lieber gleich zu Anfang: In diesem Gespräch wird es viel um Schubladendenken gehen.</em>

Mo Yan: (lächelt) Ach du liebe Güte!

<em>Frage: Wir wollen ja über chinesische Literatur reden, und davon verstehen wir im Westen leider so wenig, dass wir die Autoren meistens alle in einen Topf werfen. Das gilt auch für Sie: Ihre Romane werden bei uns in erster Linie als „chinesische Bücher“ gelesen, statt als Werke des einzigartigen Schriftstellers Mo Yan...</em>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der chinesische Schriftsteller Mo Yan erzählt, wie er vom Bauer zum Erfolgsautor wurde, weshalb Chinas Gegenwartsliteratur nicht ohne Gewalt auskommt und warum John Updike das nie verstehen konnte.</h3>
<p><em><img class="alignleft size-medium wp-image-1276" title="Mo_Yan" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/07/mo_yan_1-300x269.jpg" alt="Mo_Yan" width="300" height="269" />Frage: Mo Yan, ich sage es Ihnen lieber gleich zu Anfang: In diesem Gespräch wird es viel um Schubladendenken gehen.</em></p>
<p>Mo Yan: (lächelt) Ach du liebe Güte!</p>
<p><em>Frage: Wir wollen ja über chinesische Literatur reden, und davon verstehen wir im Westen leider so wenig, dass wir die Autoren meistens alle in einen Topf werfen. Das gilt auch für Sie: Ihre Romane werden bei uns in erster Linie als „chinesische Bücher“ gelesen, statt als Werke des einzigartigen Schriftstellers Mo Yan.</em></p>
<p>Mo Yan: Damit muss man leben. Und wir haben dieses Problem in China umgekehrt natürlich auch: Bei ausländischen Autoren steht eben immer zunächst die Nationalität im Vordergrund. Aber das macht ja auch den Reiz aus, denn so kann man durch Literatur fremde Länder und Kulturen kennen lernen.</p>
<p><em>Frage: Wobei man dann Romane eher wie Sachbücher liest, weil man ja gar nicht weiß, wo die Realität aufhört und die Fiktion beginnt.</em></p>
<p>Mo Yan: Das stimmt, aber letztlich schreiben Schriftsteller eben doch vor allem über das, was sie kennen. Und bei der chinesischen Gegenwartsliteratur muss man sich da ohnehin keine Gedanken machen: Realismus ist schließlich ihr entscheidendes Merkmal. Denn die Wirklichkeit so zu beschreiben, wie sie tatsächlich ist, darf man in China ja erst seit den Achtzigern.</p>
<p><em>Frage: Davor war die Zeit des sogenannten Sozialistischen Realismus, der zwar die Wirklichkeit im Namen, aber ansonsten nicht viel mit ihr zu tun hat.</em></p>
<p>Mo Yan: Ja, in der Zeit von Mao Zedong war die Literatur eine Waffe der Revolution und die Schriftsteller mussten die Gesellschaft so darstellen, wie sie dem sozialistischen Weltbild entsprach. Aber im Reformzeitalter ist dieses Tabu gebrochen worden, und heute schreiben wir, wie wir wollen: über die Politik und die Gesellschaft, das Leben und die Liebe, Gewalt und Sex.</p>
<p><em>Frage: Ihre Bücher zeichnen sich dadurch aus, dass sie diese neuen Freiheiten voll ausnutzen. John Updike hat einmal über Sie geschrieben, Ihre Literatur beschreibe „fröhlich frei die physischen Details die mit Sex, Geburt, Krankheit und gewaltsamem Tod einhergehen“. Updike, der davon etwas befremdet wirkte, erklärte sich das damit, dass der chinesische Roman offenbar nie „ein viktorianisches Zeitalter hatte, das ihn Anstand gelehrt hätte.“ </em></p>
<p>Mo Yan: So ist nun mal die Realität. Meine Bücher spielen alle vor dem Hintergrund der chinesischen Geschichte der letzten hundert Jahre, und die bestanden vor allem aus Krieg und Elend. Das ist auch meine persönliche Lebenserfahrung. Ich bin 1955 in einem armen Bauerndorf geboren und in der Zeit des Klassenkampfes aufgewachsen. Wegen der Kulturrevolution konnte ich nur fünf Jahre lang die Schule besuchen, danach musste ich in die Welt der Erwachsenen. Die Menschen haben sich damals pausenlos niedergemacht, mal mit Worten, mal mit körperlicher Gewalt. Wie sollte John Updike mit seinem gepflegten amerikanischen Mittelstandshintergrund das verstehen? Chinas Wahrheit ist eben nicht so elegant.</p>
<p><em>Frage: Wie wird man unter solchen Umständen zum Schriftsteller?</em></p>
<p>Mo Yan: Ich bin nicht mit großer Literatur aufgewachsen, sondern mit den Geschichten der Bauern. In unserer Gegend gab es einige großartige Erzähler, die abends die wildesten Anekdoten zum Besten geben konnten. Das war schon früh mein Traum: wie diese Bauern endlos Geschichten erzählen zu können. Und tatsächlich ist ihre Sprache, die ganz ungestüm, übertrieben und drastisch ist, zur Sprache meiner Bücher geworden &#8211; bis heute, obwohl ich inzwischen seit zwanzig Jahren in Peking lebe.</p>
<p><em>Frage: Bis heute lassen Sie ihre Bücher zum Großteil in ihrem Heimatdorf Gaomi spielen, und nicht etwa in den Städten, wo viele andere Gegenwartsautoren ihre Erzählungen ansiedeln.</em></p>
<p>Mo Yan: Gaomi ist meine Heimat, zumindest literarisch. Ich habe die ersten 21 Jahre meines Lebens dort verbracht. Danach wollte ich wie viele Chinesen dem Landleben entkommen, je weiter, umso besser. Aber beim Schreiben fühlte ich mich dann plötzlich wieder auf meine Heimat zurückgeworfen. Erst hat mich das beschränkt, bis ich gemerkt habe, was für ein Schatz das ist. Natürlich ist das Gaomi in meinen Büchern nur zum Teil echt, aber viele meiner Romanfiguren haben ihre Vorbilder in meinen dortigen Verwandten oder Nachbarn. Im Moment arbeite ich zum Beispiel an einem Buch, das auf der Geschichte einer Tante basiert, die fünfzig Jahre lang als Frauenärztin auf dem Land gearbeitet hat. Was die alles erlebt hat!</p>
<p><em>Frage: John Updike hätte damit sicher seine liebe Mühe gehabt.</em></p>
<p>Mo Yan: Ich schreibe gerne über Themen, die andere lieber vermeiden. Natürlich sind Beschreibungen von Brutalität und Leiden für die Leser nicht angenehm, aber ein Schriftsteller sollte keine Angst davor haben, die hässlichen Seiten des Lebens zu zeigen. Es ist sogar seine Verantwortung.</p>
<p><em>Frage: Warum?</em></p>
<p>Mo Yan: Schriftsteller sind die Ärzte der Gesellschaft. Unsere Aufgabe ist es, ihre Krankheiten zu finden, auch die der Regierung. Für westliche Intellektuelle mag das selbstverständlich klingen, aber in China ist es das noch längst nicht, weil bei uns die Medien ja vor allem den Auftrag haben, die Regierung zu loben. In den letzten Jahren ist die Berichterstattung zwar etwas besser geworden, aber echte Kritik und Enthüllungen kann sich nur die Literatur erlauben. Also muss man beides zusammen lesen, um ein objektives Bild zu bekommen: Die Zeitungen übertreiben Chinas Schönheit und wir Schriftsteller vergrößern seinen Schmerz.</p>
<p><em>Frage: Einige Kritiker sagen, dass sich unter solchen Umständen zwar eine interessante Aufarbeitung der chinesischen Geschichte, aber keine bedeutende Literatur entwickeln könne. Der deutsche Sinologe Wolfgang Kubin hat vor ein paar Jahren mit der Bemerkung Aufsehen erregt, China habe seit der Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949 keinen großen Autoren mehr hervorgebracht, weil das Land vom literarischen Diskurs der Welt abgeschnitten sei.</em></p>
<p>Mo Yan: Das kann ich schwer nachvollziehen und habe ehrlich gesagt meine Zweifel, ob Kubin sich in der chinesischen Gegenwartsliteratur wirklich gut auskennt. Seit den Achtzigern können wir ja alle bedeutenden Schriftsteller der Welt in Übersetzung lesen und ihre Schreibstile studieren. Ich finde, dass wir inzwischen sehr fortschrittlich sind.</p>
<p><em>Frage: Viele chinesische Gegenwartsschriftsteller sagen, die westliche Literatur habe sie stark beeinflusst. Gibt es denn überhaupt noch eine echte „chinesische“ Literatur, oder unterliegt die nicht ebenso den Einflüssen der Globalisierung wie viele andere Lebensbereiche? </em></p>
<p>Mo Yan: Die Globalisierung der Literatur ist zweifellos ein starker Trend. Aber so neu ist das auch wieder nicht. Die Weltliteratur war doch schon immer auf der Suche nach dem Menschen und den Kräften, die ihn antreiben. Der Unterschied ist nur der Ort, an dem die Suche losgeht: Bei den einen ist es New York, Paris oder Berlin, und bei mir eben Gaomi.</p>
<p><em>ZUR PERSON</em></p>
<p><em>Mo Yan, geboren 1956 in dem Bauerndorf Gaomi in der ostchinesischen Provinz Shandong, gehört zu Chinas erfolgreichsten Gegenwartsschriftstellern. Wegen der Kulturrevolution brach er nach der fünften Klasse die Schule ab und arbeitete in einer Fabrik. Mit 20 Jahren trat er in die Volksbefreiungsarmee ein, wo er zu schreiben begann und sich den Künstlernamen Mo Yan zulegte, der „Ohne Worte“ bedeutet.</em></p>
<p><em>Im Ausland wurde Mo Yan durch Zhang Yimous Verfilmung seines Romans „Das Rote Kornfeld“ berühmt, die 1988 auf der Berlinale den Goldenen Bären gewann. Zahlreiche Werke sind inzwischen auf Deutsch erschienen. Zuletzt erschien im Mai „Der Überdruss“ im Horlemann-Verlag. Im September kommt im Insel-Verlag „Die Sandelholzstrafe“ heraus.</em></p>
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		<title>Der nackte Sprung nach vorn</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Jul 2009 00:01:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Zensur]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Der chinesische Künstler Ai Weiwei kämpft gegen die Internetzensur - mit einem Teilerfolg: China verschiebt die Einführung einer obligatorischen Filter-Software.</h3>
<img class="alignleft size-full wp-image-1247" title="ai_weiwei_2" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/07/ai_weiwei_2.jpg" alt="ai_weiwei_2" width="108" height="154" />Was ist das für ein Krieg, in dem sich nackte Männer Kuscheltiere vor den Schritt halten und Luftsprünge machen? Die Selbstporträts, die der Pekinger Künstler Ai Weiwei kürzlich auf seiner Webseite veröffentlichte, waren ein Beitrag zu einem Kampf, dem sich eine ganze Armee chinesischer Blogger und Internetbenutzer verschrieben hat: dem Kampf gegen den "Grünen Damm". So heißt die Zensursoftware, die in China ab 1. Juli bei jedem Computerkauf mitgeliefert werden sollte, angeblich, um die Benutzer beim Surfen vor Pornographie zu schützen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der chinesische Künstler Ai Weiwei kämpft gegen die Internetzensur &#8211; mit einem Teilerfolg: China verschiebt die Einführung einer obligatorischen Filter-Software.</h3>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-1247" title="ai_weiwei_2" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/07/ai_weiwei_2.jpg" alt="ai_weiwei_2" width="283" height="406" />Was ist das für ein Krieg, in dem sich nackte Männer Kuscheltiere vor den Schritt halten und Luftsprünge machen? Die Selbstporträts, die der Pekinger Künstler Ai Weiwei kürzlich auf seiner Webseite veröffentlichte, waren ein Beitrag zu einem Kampf, dem sich eine ganze Armee chinesischer Blogger und Internetbenutzer verschrieben hat: dem Kampf gegen den &#8220;Grünen Damm&#8221;. So heißt die Zensursoftware, die in China ab 1. Juli bei jedem Computerkauf mitgeliefert werden sollte, angeblich, um die Benutzer beim Surfen vor Pornographie zu schützen.</p>
<p>Am Dienstagabend wurde bekannt, dass China die obligatorische Installation der Filtersoftware verschiebt. Das meldete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua ohne Angabe von Gründen. Der Guardian berichtet, die massiven Proteste von Bloggern und ausländischen Regierungen hätten zu diesem Rückzieher beigetragen.</p>
<p>Mehr als nackte Haut fürchtet die Kommunistische Partei die nackte Wahrheit, weshalb der &#8220;Grüne Damm&#8221; als neue Bauphase der &#8220;Great Firewall&#8221; gilt, mit der sie ihr Monopol über Informationen und Meinungen zu schützen versucht. &#8220;Die Regierung will ganz allein bestimmen, was in China als gut und schlecht, richtig und falsch gilt&#8221;, sagt Ai. &#8220;Aber wir lassen uns doch nicht verarschen.&#8221;</p>
<p>Der Künstler und Designer, der unter anderem das Pekinger Olympiastadion, das sogenannte &#8220;Vogelnest&#8221;, mit entwarf, hat schon mehrfach durch spektakuläre Onlineaktionen Aufsehen erregt und die Regierung in der Cyberwelt der Lächerlichkeit preisgegeben. So erstellte er im Frühjahr zusammen mit freiwilligen Helfern eine Liste aller Kinder, die letztes Jahr beim Sichuan-Erdbeben in einstürzenden Schulen getötet wurden. Die Behörden hatten eine solche Aufstellung verweigert.</p>
<p>Ais nackter Sprung bedeutet für die Zensoren gleich doppelten Spott: Zum einen mokiert sich Ai damit über die Schwächen der automatischen Porno-Erkennung des &#8220;Grünen Damms&#8221;. Blogger hatten bei Tests der Software festgestellt, dass sie viele Nacktaufnahmen durchgehen ließ, dafür aber Bilder von Schwimmern oder Garfield-Comics blockierte. Zum anderen ist das Plüschtier, das Ai als Ahornblatt dient, selbst eine Ikone des chinesischen Bloggeraufstands. Denn was aussieht wie ein liebes Pony, ist in Wahrheit ein fiktives Geschöpf namens &#8220;Cao Ni Ma&#8221;, was wörtlich &#8220;Gras-Matsch-Pferd&#8221; heißt, in der Aussprache aber wie ein böses Schimpfwort klingt, das zum Sex mit der eigenen Mutter auffordert. Durch die Verwendung der harmlosen Schriftzeichen hatten die Erfinder Anfang des Jahres monatelang die Spracherkennungsfilter der Zensoren überlisten und ihr Geschöpf zum Online-Star machen können. In Internetgeschichten kämpfte das Gras-Matsch-Pferd gegen Flusskrebse (klingt auf chinesisch wie &#8220;Zensur&#8221;) um die Hoheit über ein Grasland (klingt wie &#8220;Meinungsfreiheit&#8221;).</p>
<p>Ai will der Regierung allerdings nicht nur symbolisch &#8220;Fick dich &#8221; sagen: Für den 1. Juli hatte er Chinas Blogger aufgerufen, einen Tag lang nicht das Internet zu benutzen. Stattdessen lädt er sie zu einer Party in sein Atelier, wo er unter anderem sein neuestes Projekt vorstellen will: einen Fotowettbewerb mit Bildern, auf denen Chinesen ihrem Land den Stinkefinger zeigen. Am 1. Oktober will sein &#8220;Mittelfingerkomitee&#8221; den Sieger küren. Das ist der 60. Jahrestag der Volksrepublik.</p>
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		<title>Der Kauf als Kunstgenuss</title>
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		<pubDate>Mon, 25 May 2009 02:49:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Hongkong]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Westliche Galeristen suchen in Asien nach kaufkräftigen Kunstliebhabern. Die Hongkonger Kunstmesse will sich dabei als Art Basel in Fernost etablieren.</h3>
Dass Andy Warhol das nicht mehr erleben darf! Der Übervater der Popart, der den Kunstbetrieb mit Bildern von Dosensuppen und Marilyn Monroe zwang, sich als Teil der Konsumgüter- oder Unterhaltungsindustrie zu begreifen, hätte sich gewiss bestätigt gefühlt, als die Branche kürzlich zur Hongkonger Kunstmesse zusammenkam. Für Traditionalisten mag Kunst zwar noch immer genauso wenig auf einer Messe verloren haben wie ein Gottesdienst im Fußballstadion. Doch der Papst predigt ja längst auch in Sportarenen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Westliche Galeristen suchen in Asien nach kaufkräftigen Kunstliebhabern. Die Hongkonger Kunstmesse will sich dabei als Art Basel in Fernost etablieren.</h3>
<p>Dass Andy Warhol das nicht mehr erleben darf! Der Übervater der Popart, der den Kunstbetrieb mit Bildern von Dosensuppen und Marilyn Monroe zwang, sich als Teil der Konsumgüter- oder Unterhaltungsindustrie zu begreifen, hätte sich gewiss bestätigt gefühlt, als die Branche kürzlich zur Hongkonger Kunstmesse zusammenkam. Für Traditionalisten mag Kunst zwar noch immer genauso wenig auf einer Messe verloren haben wie ein Gottesdienst im Fußballstadion. Doch der Papst predigt ja längst auch in Sportarenen, und spätestens seit Warhol gibt es nichts mehr dagegen einzuwenden, dass Gemälde und Skulpturen im gleichen Format vertrieben werden wie Autos oder Maschinen: im Scheinwerferlicht großer Ausstellungshallen, in denen hunderte Stellwandmeter mit Werken behängt werden und Kaufen als die höchste Form des Kunstgenusses gilt.</p>
<p>In Hongkong nimmt die Kommerzialisierung des Kreativen nun seine letzte Hürde: So wie die Globalisierung Autofirmen und Maschinenfabriken auf der Suche nach neuen Produktionsstätten und Absatzmärkten nach Asien getrieben hat, orientiert sich auch der Kunstbetrieb nach Fernost. Westliche Sammler und Galeristen haben Asien schon vor einigen Jahren entdeckt; insbesondere chinesische Malerei hat sich als Verkaufsschlager entpuppt. Künftig soll das Geschäft aber auch in die andere Richtung laufen: Westliche Künstler und Kunsthändler wollen die rapide wachsende Zahl asiatischer Sammler als Kunden gewinnen. Fehlt nur noch ein Vertriebskanal, ein Jahrmarkt für Kunstprofis nach dem Vorbild der Art Basel. Mehrere Standorte konkurrierten in den vergangenen Jahren um diese Rolle, darunter Shanghai, Peking, Singapur und Dubai. Hongkongs Messe ART HK scheint nun das Rennen für sich entschieden zu haben.</p>
<p>Trotz der Krise haben sich über dreihundert Galerien um die teuren Hongkonger Stellplätze beworben. Die Organisatoren ließen allerdings nur ein Drittel davon zu &#8211; die Selektion soll die Qualität sichern. &#8220;Gegenüber vergangenem Jahr haben wir stark zugelegt&#8221;, sagt der Messedirektor Magnus Renfrew. &#8220;Besonders ermutigend ist, dass diesmal auch einige der wichtigsten Galerien der Welt dabei sind.&#8221; Zu den berühmtesten Debütanten gehört unter anderem White Cube, der Londoner Haus-und-Hof-Händler von Szenestars wie Damien Hirst. &#8220;Das ist unsere erste asiatische Messe, und sie ist für uns sehr wichtig&#8221;, erklärt der White-Cube-Direktor Neil Wenman. &#8220;Chinesische Sammler zeigen inzwischen großes Interesse an westlichen Künstlern, insbesondere an bekannten Namen, die als sichere Geldanlage gelten können.&#8221; Bekannte Namen lieferte auch die amerikanische Galerie Gagosian, die große Namen wie Picasso, Lichtenstein, Koons und Giacometti mitbrachte &#8211; und eine von Warhols legendären Campbell-Suppen.</p>
<p>Auch ein gutes Dutzend deutscher Händler präsentiert in Hongkong sein Angebot, und obwohl die meisten einen Großteil ihrer Bilder wieder mit nach Hause schiffen müssen, ist der Glaube an den asiatischen Markt ungebrochen. &#8220;Letztes Jahr war ich schon nach einem Tag ausverkauft&#8221;, sagt die Düsseldorfer Galeristin Christa Schübbe, die neben Werken von Christian Schoeler auch den in Deutschland arbeitenden Chinesen Nashun Nashunbatu im Programm hat. &#8220;Diesmal läuft es mit dem Verkauf natürlich schleppender, aber das Interesse ist ungebrochen.&#8221;</p>
<p>Auch die Berliner Kunsthändlerin Caprice Horn sieht die Messe als gute Gelegenheit, chinesische Sammler kennenzulernen. &#8220;Es ergeben sich viele neue Kontakte, aus denen sich in Zukunft etwas entwickeln kann&#8221;, sagt sie. &#8220;Im Moment spüren wir zwar die Krise, aber ich bin mir sicher, dass sich die asiatischen Märkte schneller erholen werden als viele andere.&#8221; Auch Felix Ringel von der gleichnamigen Galerie in Düsseldorf ist überzeugt. &#8220;Der Kunstmarkt braucht eine asiatische Leitmesse, und Hongkong hat dafür die besten Voraussetzungen&#8221;, sagt Ringel, der mit Werken des deutschen Künstlers Stephan Kaluza und des Chinesen Guan Yong angereist ist. &#8220;Hongkong ist eine Stadt, in die Sammler ohnehin gerne reisen, und dass bei der Ein- und Ausfuhr von Kunstwerken keine Steuern erhoben wird, macht den Standort natürlich besonders attraktiv.&#8221;</p>
<p>Christoph Noe von der Kunstvermittlungsagentur The Ministry of Art, die sich auf junge chinesische Künstler spezialisiert hat, hofft, dass die Krise helfen kann, die Spreu vom Weizen zu trennen &#8211; bei den Künstlern ebenso wie bei den Sammlern. &#8220;Viele haben in den vergangenen Jahren nicht sehr nachhaltig gedacht&#8221;, sagt Noe. &#8220;Die momentane Situation bietet Gelegenheit, das nachzuholen.&#8221; Auch der Galerist Ringel glaubt, dass die Krise voller Chancen steckt. &#8220;Wer sich auskennt, kann jetzt unglaublich gut einkaufen&#8221;, meint er. Der Satz erinnert an die Konsumplädoyers, mit denen Finanzminister in aller Welt dazu aufrufen, in der Krise bloß nicht auch noch zu sparen. So wird die Kunst gewissermaßen Teil des Konjunkturpakets.</p>
<p>Erschienen in: Stuttgarter Zeitung, 25. Mai 2009</p>
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		<title>&#8220;Wir machen die Dreckarbeit&#8221;</title>
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		<pubDate>Thu, 07 May 2009 00:05:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Ai Weiwei]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Erdbeben]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben von Sichuan erstellt der Künstler Ai Weiwei eine öffentliche Liste getöteter Kinder. Im Interview spricht er über Pekings Katastrophenpropaganda, die Kunst des Ungehorsams und die Macht des Internets.</h3>
<em> <img class="alignleft size-medium wp-image-1130" title="Ai Weiwei (Copyright Bernhard Bartsch)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/05/ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2-300x297.jpg" alt="ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2" width="210" height="208" />Frage: Herr Ai, wollen Sie ins Gefängnis?</em>

Ai Weiwei: Nein, ich will nur die Wahrheit.

<em>Wahrheit und Gefängnis liegen in China manchmal eng beieinander.</em>

Ai: Ich weiß, aber das hält mich nicht auf.

<em>Sie erstellen eine öffentliche Liste aller Kinder, die beim Erdbeben im Mai 2008 getötet wurden. Die Regierung hat eine solche Aufstellung bisher verweigert, offenbar um Proteste gegen marode Schulgebäude zu verhindern. Eltern werden eingeschüchtert und verhaftet...</em>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben von Sichuan erstellt der Künstler Ai Weiwei eine öffentliche Liste getöteter Kinder. Im Interview spricht er über Pekings Katastrophenpropaganda, die Kunst des Ungehorsams und die Macht des Internets.</h3>
<p><em> <img class="alignleft size-large wp-image-1132" title="Ai Weiwei im Garten seines Pekinger Ateliers (Copyright Bernhard Bartsch)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/05/ai_weiwei_in_seinem_garten_copyright-bernhard-bartsch-1024x565.jpg" alt="Ai Weiwei im Garten seines Pekinger Ateliers (Copyright Bernhard Bartsch)" width="614" height="339" /></em></p>
<p><em>Frage: Herr Ai, wollen Sie ins Gefängnis?</em></p>
<p>Ai Weiwei: Nein, ich will nur die Wahrheit.</p>
<p><em>Wahrheit und Gefängnis liegen in China manchmal eng beieinander.</em></p>
<p>Ai: Ich weiß, aber das hält mich nicht auf.</p>
<p><em>Sie erstellen eine öffentliche Liste aller Kinder, die beim Erdbeben im Mai 2008 getötet wurden. Die Regierung hat eine solche Aufstellung bisher verweigert, offenbar um Proteste gegen marode Schulgebäude zu verhindern. Eltern werden eingeschüchtert und sogar verhaftet.</em></p>
<p>Ai: Das sind leider die Methoden, mit denen die Kommunistische Partei ihre Macht zu sichern versucht. Deshalb ist ihre Herrschaft heute selbst ein einziges Tofu-Gebäude&#8230;</p>
<p><em>&#8230;ein Spottname für die eingestürzten Gebäude im Erdbebengebiet, bei deren Bau infolge von Korruption und Schlamperei minderwertige Materialien verwendet wurden.</em></p>
<p>Ai: Weil das System unseres Land jederzeit kollabieren kann, müssen wir es zwingen, sich zu ändern: Die Regierung muss anfangen, zu ihren Fehlern zu stehen und daraus zu lernen. Die eingestürzten Schulen in Sichuan sind da ein Paradebeispiel: Das Erdbeben hat gezeigt, dass viele Gebäude nicht den Sicherheitsstandards entsprechen, und weil wahrscheinlich ein Großteil der Schüler in Tofu-Häuser geht, sollte man auf die Gefahr aufmerksam machen. Aber die Regierung sträubt sich gegen eine öffentliche Untersuchung, und wenn man die Behörden fragt, wie viele Kinder in Schulen getötet wurden, antworten sie nur: Wir arbeiten noch an den Zahlen. Verdammt noch mal, das kann doch nicht so schwer sein! Deshalb erstellen wir jetzt unsere eigene Liste.</p>
<p><em></em><em>Wie viele Namen stehen inzwischen darauf?</em></p>
<p>Ai: Nach dem aktuellen Stand haben wir 5203 Namen mit persönlichen Angaben, Adresse und Kontakten der Angehörigen. Aber wir sind noch lange nicht fertig. Im Moment sind über 60 freiwillige Helfer in Sichuan unterwegs, um Informationen zu sammeln. Es ist eine undankbare Aufgabe, aber irgendjemand muss ja die Dreckarbeit machen.</p>
<p><em>Was für Leute sind dazu bereit?</em></p>
<p>Ai: Wir haben Studenten, Anwälte, Künstler, Schriftsteller und Musiker, aber auch Mütter, die beim Erdbeben ihr Kind verloren haben. Ich kenne die Teilnehmer nicht persönlich, sie haben sich auf einen Aufruf auf meinem Blog beworben. Wir haben auch nicht alle genommen, denn sie mussten erst einen Fragebogen ausfüllen, der sie darauf vorbereitet hat, auf was sie sich da einlassen.</p>
<p><em>Sie setzen ihre Leute einem erheblichen Risiko aus.</em></p>
<p>Ai: Ja, der Druck ist gewaltig. Einige unserer Helfer sind festgehalten, abgeführt oder bedroht worden. Aber wir haben allen Teilnehmern klare Anweisungen gegeben, wie sie sich verhalten müssen: Wir demonstrieren nicht, wir suchen keine Konfrontation, wir wiegeln niemanden auf. Wir sammeln Fakten. Aber natürlich geht es um mehr. Das Projekt funktioniert wie eine klassische Bürgerrechtsbewegung, denn die Teilnehmer lernen dabei sehr viel über Land, Regierung, Kultur.</p>
<p><em>Was denn?</em></p>
<p>Ai: Sie lernen das Leben hinter der Propaganda kennen. Ein Beispiel: Ein Teilnehmer hat den Vater eines getöteten Kindes getroffen, der von den Behörden schon mehrfach verlangt hat, die Bauqualität der lokalen Schule zu untersuchen. Die Familie gehört zu einer kleinen ethnischen Minderheit, den Qiang, und eines Tages haben die Polizisten ihm angedroht: „Wenn du nicht Ruhe gibst, ändern wir die ethnische Zugehörigkeit auf deinem Personalausweis in »Tibeter« &#8211; dann können wir dich als Freiheitskämpfer verfolgen, und was meinst du, was dir dann blüht?!“ Dabei muss es einem doch wie Schuppen von den Augen fallen, in was für einem scheußlichen System wir leben.</p>
<p><em>Wenn Ihr Blog eine solche Desillusionierungs-Bewegung ins Leben rufen kann, warum stellen ihn die Zensurbehörden dann nicht ab?</em></p>
<p>Ai: Das frage ich mich auch. Viele Menschen sitzen in China wegen weitaus harmloserer Aktionen im Knast. Manchmal sind meine Vorwürfe so harsch formuliert, dass ich denke: Das war jetzt der letzte Eintrag. Aber bisher ging es immer weiter, und obwohl mein Blog hier im Internet nicht so einfach zu finden ist, hat er eine solide Leserschaft.</p>
<p><em>Es geht das Gerücht, auch Präsident Hu Jintao lese ihren Blog und benutze ihn als eine Art Thermometer für die soziale Empfindlichkeit.</em></p>
<p>Ai: Mag sein, ich weiß es nicht. Natürlich ist es unser Ziel, das System von innen zu verändern. In dieser Hinsicht ist das Erdbeben-Projekt ganz ausgezeichnet. Nehmen wir nur das Interview, das wir gerade führen: Die chinesische Botschaft in Deutschland wird es übersetzen und ans Pekinger Außenministerium schicken, von wo es dann nach Sichuan weitergeleitet wird. Und je mehr Aufmerksamkeit unser Projekt bekommt, umso mehr chinesische Beamte müssen sich mit unseren Ideen auseinandersetzen.<br />
<em><br />
Das klingt nach gewaltfreiem Widerstand à la Gandhi mit den Mitteln der Internetgesellschaft. Sehen sie sich dabei eher als Künstler oder als politischen Aktivisten?</em></p>
<p>AI: Als Künstler sind politische und soziale Anliegen Teil meiner Arbeit. Wenn meine Werke relevant sein sollen, müssen sie sich mit den wichtigen Themen unserer Gesellschaft befassen. Denn letztlich lassen sich die Kunst und das Leben nicht von einander trennen.</p>
<p>ZUR PERSON</p>
<p><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-1130" title="ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/05/ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2-150x150.jpg" alt="ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2" width="150" height="150" />Ai Weiwei, Jahrgang 1957, gilt als einer der bedeutendsten chinesischen Gegenwartskünstler. 2007 gehörten Ais Arbeiten zu den Hauptattraktionen der „documenta 12“ in Kassel. Der Sohn eines liberalen Schriftstellers, der unter Mao als Rechtsabweichler gebrandmarkt wurde, verbrachte einen Teil seiner Jugend mit dem Vater in einem Straflager. Nach der Kulturrevolution studierte er an der Pekinger Filmakademie und später in den USA. Seit Anfang der 90er Jahre lebt Ai in Peking. Er ist neben seiner Kunst auch für seine politischen Provokationen bekannt. Er wirkte am Entwurf des Pekinger Olympiastadions mit, nahm dann aber aus Protest gegen die Spiele nicht an der Eröffnungsfeier teil.</p>
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		<title>Hasenjagd</title>
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		<pubDate>Tue, 03 Mar 2009 00:41:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Tradition]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Wie ein chinesischer Kunstliebhaber den Versteigerern eines umstrittenen Bronzehasen einen Haken schlug.</h3>
<img class="alignleft size-full wp-image-945" title="YSLs_umstrittener_Hase" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/03/chinese-bronze-heads-auctioned-by-french-yves-saint-laurent-preview.jpg" alt="YSLs_umstrittener_Hase" width="170" height="182" />Der chinesische Antiquitätensammler Cai Mingchao hat bei der Pariser Auktion von Kunstschätzen des verstorbenen Modeschöpfers Yves Saint Laurent den Verkauf von zwei Skulpturen verhindert, die China als Beutekunst zurückverlangt, indem er selbst das Höchstgebot abgab – und sich nun zu zahlen weigert. Er habe per Telefon mitgesteigert und bei 31 Millionen Euro den Zuschlag erhalten, erklärte Cai, als er am Montag das fünftägige Rätselraten über den siegreichen Bieter beendete. "Ich muss betonen, dass dieses Geld nicht bezahlt werden kann", sagte der 45-Jährige...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Wie ein chinesischer Kunstliebhaber den Versteigerern eines umstrittenen Bronzehasen einen Haken schlug.</h3>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-945" title="YSLs_umstrittener_Hase" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/03/chinese-bronze-heads-auctioned-by-french-yves-saint-laurent-preview.jpg" alt="YSLs_umstrittener_Hase" width="170" height="182" />Der chinesische Antiquitätensammler Cai Mingchao hat bei der Pariser Auktion von Kunstschätzen des verstorbenen Modeschöpfers Yves Saint Laurent den Verkauf von zwei Skulpturen verhindert, die China als Beutekunst zurückverlangt, indem er selbst das Höchstgebot abgab – und sich nun zu zahlen weigert. Er habe per Telefon mitgesteigert und bei 31 Millionen Euro den Zuschlag erhalten, erklärte Cai, als er am Montag das fünftägige Rätselraten über den siegreichen Bieter beendete. &#8220;Ich muss betonen, dass dieses Geld nicht bezahlt werden kann&#8221;, sagte der 45-Jährige. Die beiden Bronzeköpfe eines Hasen und einer Ratte stammen aus Pekings kaiserlichem Sommerpalast, der 1860 im Zweiten Opiumkrieg von britischen und französischen Truppen geschleift wurde. Die Zerstörung gilt in China bis heute als Symbol nationaler Schande und ausländischer Feindseligkeit. Chinesische Anwälte und Diplomaten hatten die Versteigerung durch das Auktionshaus Christie’s bis zuletzt zu verhindern versucht, weil sie &#8220;die Gefühle des gesamten chinesischen Volkes verletzt&#8221; hätten.</p>
<p>Cai will seine Sabotage als patriotische Pflichterfüllung verstanden wissen. &#8220;Ich fühle mich geehrt, diese Chance gehabt zu haben&#8221;, sagte er. Cai weiß bestens, wie bei Versteigerungen der Hase läuft, schließlich betreibt er im südchinesischen Xiamen selbst ein Auktionshaus namens Harmoniekunst International. Gleichzeitig ist er Berater des Fonds für Nationalschätze, einer privaten Stiftung vaterlandsliebender Kunstsammler, die sich um die Rückkehr von Raubkunst bemühen. Im Oktober 2006 machte Cai Schlagzeilen, als er in Hongkong zum Rekordpreis von elf Millionen Euro einen 500 Jahre alten Bronzebuddha ersteigerte. &#8220;Er wird nie wieder chinesische Erde verlassen&#8221;, erklärte Cai damals. &#8220;Ich habe ihn nicht für mich gekauft, sondern für das chinesische Volk.&#8221;</p>
<p>Nach staatlichen Angaben sind seit dem 19. Jahrhundert 1,64 Millionen chinesische Antiquitäten ins Ausland verkauft oder geschmuggelt worden. Seit einigen Jahren bemüht sich China, die Kunstschätze zurückzubekommen. Durch Spenden und diplomatische Bemühungen sind inzwischen 4000 Stücke wieder in ihre Heimat gelangt. Aushängeschild der Kampagne ist die Suche nach den zwölf Jahrestieren, die einst im Sommerpalast einen Springbrunnen zierten. Im Jahr 2000 ersteigerte das staatliche Militärkonglomerat Poly den Tiger, den Affen und den Ochsen, später erstanden chinesische Geschäftsleute das Schwein und das Pferd. Fünf Tiere sind noch verschollen.</p>
<p>Nach Cais Coup will Chinas staatliche Behörde für Kulturschätze erneut mit Christie’s über die Rückgabe des Hasen und der Ratte verhandeln. Der Erbe des Designers Laurent, Pierre Berge, hat allerdings angekündigt, die Stücke nur hergeben zu wollen, wenn die Kommunistische Partei Tibet die Unabhängigkeit erlaube. Nicht zuletzt der Streit um die chinesischen Antiquitäten hatte der Versteigerung weltweite Aufmerksamkeit beschert und den Preis der umstrittenen Skulpturen auf fast das Doppelte des Schätzwertes steigen lassen. Allerdings ist auch nicht auszuschließen, dass mehrere chinesische Patrioten den Preis bei der Versteigerung untereinander in die Höhe getrieben haben.</p>
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		<title>Die Pekingoper und ihre verlorene Seele</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 2008 01:52:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Pekingoper]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Der Pekingoperndarsteller Mei Lanfang war Chinas erster Weltstar. Fünf Jahrzehnte nach seinem Tod löst die Verfilmung seines Lebens, die auch auf der Berlinale laufen wird, eine kulturelle Selbstsuche aus.</h3>
Am 16. Februar 1930 erlebten die Zuschauer im New Yorker Thirty-ninth-Street-Theater einen Auftritt, der selbst in der weltläufigen Kulturmetropole die Grenzen des Vorstellbaren sprengte: Der Pekingoperndarsteller Mei Lanfang führte ein chinesisches Volksmärchen auf: vor leerer Bühne, mit bunt geschminktem Gesicht und prachtvollen Gewändern, mit durchdringendem Falsettgesang und atemberaubender Akrobatik.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Pekingoperndarsteller Mei Lanfang war Chinas erster Weltstar. Fünf Jahrzehnte nach seinem Tod löst die Verfilmung seines Lebens, die auch auf der Berlinale laufen wird, eine kulturelle Selbstsuche aus.</h3>
<p>Am 16. Februar 1930 erlebten die Zuschauer im New Yorker Thirty-ninth-Street-Theater einen Auftritt, der selbst in der weltläufigen Kulturmetropole die Grenzen des Vorstellbaren sprengte: Der Pekingoperndarsteller Mei Lanfang führte ein chinesisches Volksmärchen auf: vor leerer Bühne, mit bunt geschminktem Gesicht und prachtvollen Gewändern, mit durchdringendem Falsettgesang und atemberaubender Akrobatik.</p>
<p>Das Publikum tobte, die Kritik schlug Saltos und das große Nationaltheater räumte für Mei kurzerhand den Spielplan der nächsten drei Wochen frei. Zu seinen Bewunderern zählten dabei Hollywoodikonen wie Charly Chaplin und Douglas Fairbanks, aber auch der Dramatiker Bertolt Brecht, dem Meis Schauspielkunst als Inspiration für sein Verfremdungstheater diente.</p>
<p>Sieben Jahrzehnte nach Meis Erfolgen und 47 Jahre nach seinem Tod hat der Regisseur Chen Kaige das Leben von Chinas erstem Weltstar verfilmt &#8211; und damit in der Volksrepublik eine Diskussion darüber ausgelöst, was aus der Pekingoper geworden ist. Denn die Kunst, die einst international Begeisterungsstürme auslöste, ist heute nur ein Schatten ihrer selbst. Aufgeführt wird sie zwar noch, doch Chen Kaiges Film, der auf Deutsch &#8220;Für immer verzaubert&#8221; heißen wird, führt den Chinesen vor Augen, wie lebhaft die Pekingopernkultur einmal war und wie sehr sie durch kommunistischen Bildersturm, Verwestlichung und Kommerzialisierung zur Nationalfolklore erstarrt ist.</p>
<p>So monieren chinesische Zeitungen, dass die Zahl der Pekingoperndarsteller mittlerweile so klein sei, dass der Regisseur Chen Kaige keinen geeigneten Hauptdarsteller finden konnte, weshalb er sich des Hongkonger Leinwand-Sunnyboys Leon Lai bediente, der keinerlei Pekingopernausbildung hat. Dabei begann das Training früher schon im Kindesalter. Mei Lanfang, 1894 in eine Schauspielerfamilie geboren, die vor den Kaisern auftrat, stand schon mit elf Jahren auf der Bühne &#8211; als Spezialist für Frauenrollen.</p>
<p>Schauspielerinnen waren am Hof nicht erlaubt. Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs 1911 begann Mei in Schanghai aufzutreten und wurde als &#8220;Mann, der weiblicher ist als jede Frau&#8221; zum Star. Er gründete seine eigene Truppe und ging als erster Darsteller international auf Tournee. Als im Zweiten Weltkrieg die Japaner große Teile Chinas besetzten, schlug er sich auf die Seite der Kommunisten und stand mit auf dem Tor des Himmlischen Friedens, als Mao Tse-tung dort die Volksrepublik ausrief. Doch der Kommunismus sollte seiner Kunst zum Verhängnis werden. Kurz nach seinem Tod im Jahr 1961 brach die Kulturrevolution aus, und die roten Garden brandmarkten seine Familie als Rechtsabweichler. Meis Witwe wurde der Kopf geschoren. Alle Pekingopern wurden verboten und durch ein kleines Repertoire an Modellopern ersetzt.</p>
<p>&#8220;Die Pekingoper hat ihre Seele verloren&#8221;, sagt heute Meis Urenkel Mei Wei, &#8220;sonst könnte sie es mit jeder Fernsehunterhaltungssendung aufnehmen.&#8221; Auch der Regisseur Chen Kaige, der mit Meis Kindern aufwuchs, fürchtet, dass es für eine Erneuerung zu spät sei: &#8220;Diese hohe Kunstform gerät in Vergessenheit.&#8221; Doch Chen ist für seinen Pessimismus bekannt &#8211; und seine eigene Karriere zeigt, dass die Pekingoper auch heute noch begeistern kann. 1993 gewann er mit seinem im Opernmilieu spielenden Drama &#8220;Lebewohl, meine Konkubine&#8221; die Goldene Palme in Cannes, und sein Film über Mei Lanfang läuft 2009 im Wettbewerb der Berlinale. In China ist &#8220;Für immer verzaubert&#8221; schon jetzt ein Kassenschlager. Einige Kinos haben den Film bereits in größere Säle verlegt.</p>
<p>Bernhard Bartsch / Stuttgarter Zeitung, 31. Dezember 2008</p>
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		<title>Die milden Wilden</title>
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		<pubDate>Mon, 01 Sep 2008 09:07:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Chinas Künstler zetteln eine neue Kulturrevolution an. Mit kopulierenden Tigern, Orgien in Öl und Kriegsschiffen aus Plexiglas rebellieren sie gegen das Spießertum der Älteren - zur Freude der Auktionshäuser: Die Werke der Wohlstandskinder sind dort heiß gehandelte Ware.</h3>

Zum Frühlingsfest holte Zhou Jin Hua seine Eltern mit dem Auto ab. Die Tour dauerte neun Tage: Von Peking ging es quer durch China bis nach Deyang in der Provinz Sichuan und wieder zurück. Es war das erste Mal, dass der 30-Jährige die Strecke mit seinem eigenen Wagen fuhr. Als das Fahrzeug der Mittelklassemarke Chery vor dem Haus der Eltern parkte, gratulierten die Nachbarn: "Nicht schlecht, euer Sohn."]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Chinas Künstler zetteln eine neue Kulturrevolution an. Mit kopulierenden Tigern, Orgien in Öl und Kriegsschiffen aus Plexiglas rebellieren sie gegen das Spießertum der Älteren &#8211; zur Freude der Auktionshäuser: Die Werke der Wohlstandskinder sind dort heiß gehandelte Ware.</h3>
<div id="attachment_118" class="wp-caption aligncenter" style="width: 642px"><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2008/12/li-hui_amber_copright-the-ministry-of-art.jpg"><img class="size-full wp-image-118" title="li-hui_amber_copright-the-ministry-of-art" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2008/12/li-hui_amber_copright-the-ministry-of-art.jpg" alt="Li Hui - Amber" width="632" height="221" /></a><p class="wp-caption-text">Li Hui - Amber</p></div>
<p><span style="font-family: Arial;">Zum Frühlingsfest holte Zhou Jin Hua seine Eltern mit dem Auto ab. Die Tour dauerte neun Tage: Von Peking ging es quer durch China bis nach Deyang in der Provinz Sichuan und wieder zurück. Es war das erste Mal, dass der 30-Jährige die Strecke mit seinem eigenen Wagen fuhr. Als das Fahrzeug der Mittelklassemarke Chery vor dem Haus der Eltern parkte, gratulierten die Nachbarn: &#8220;Nicht schlecht, euer Sohn.&#8221; Etwas verwundert fragten sie, wie man mit Malen so reich werden könne. Zhous Vater wusste es auch nicht, war aber unglaublich stolz. Auf der Rückfahrt saß er die meiste Zeit selbst am Steuer. Das letzte Mal, dass er ein Fahrzeug lenkte, liegt mehr als 40 Jahre zurück. Damals war er noch bei der Armee und fuhr einen schweren Lastwagen. Deshalb brauchte er auch einige Zeit, bis er mit dem neumodischen Gefährt und dem dichten Verkehr zurechtkam. Aber letztlich erreichte die Familie unfallfrei die Hauptstadt. Das war für alle Beteiligten der einfache Teil des Besuchs.</span><span style="font-family: Arial;"><br />
</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Nun sitzen Zhous Eltern nebeneinander auf dem Sofa, halten Gläser mit grünem Tee in den Händen und versuchen, ihren Sohn nicht bei der Arbeit zu stören. Der steht in Trainingshose und Anorak auf einem Gerüst vor einer drei Meter hohen Leinwand und malt winzige Figuren in eine Canyon-Landschaft. An den Wänden der ehemaligen Fabrikhalle, die er sich erst kürzlich zu Wohnung und Atelier umgebaut hat, hängt ein Dutzend ähnlicher Gemälde: groß und bunt, belebt von kleinen Menschen in Alltags- und Unglückssituationen. Zhou kann viel über seine Arbeiten erzählen, über die Einflüsse chinesischer Tuschemalerei, niederländischer Renaissance und amerikanischer Fotokunst. Doch gegenüber seinen Eltern hält er sich damit zurück.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Der Vater sagt mit einem verlegenen Lächeln: &#8220;Ich bin nur ein einfacher Mann, und diese Bilder sagen mir nichts, aber wenn unser Sohn so malt, werden sie sicherlich gut sein.&#8221; Und der junge Zhou schaut noch trauriger, als er es ohnehin tut. Nie ist es ihm schwerer gefallen zu malen als in den Wochen, in denen ihn seine Eltern von morgens bis abends beobachten. Anderthalb Monate weichen sie nicht von seiner Seite. Sie besuchen keine der Pekinger Sehenswürdigkeiten, weder die Große Mauer noch den Kaiserpalast und auch nicht die einbalsamierte Leiche Mao Zedongs. Was sollten sie dort? Faszinierender als das Leben ihres Sohnes könnte für die alten Zhous keiner dieser Orte sein.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Wie in vielen chinesischen Familien hat sich das Leben der Zhous von der einen Generation zur nächsten stärker verändert, als es ein Einzelner verarbeiten kann. In Chinas Reformzeitalter sind 30 vergangene Jahre 100 gefühlte Jahre, so rasant wandelt sich das Land. Zhous Eltern, geboren kurz vor der Gründung der Volksrepublik (1949), aufgewachsen in bitterer Armut, waren in ihrer Jugend das Fußvolk von Maos Revolutionsexperimenten und lebten später als Bauern und Gelegenheitsarbeiter. Auch nach Beginn der Öffnungspolitik (1978) verdienten sie nur spärliche Gehälter, doch das wenige, das übrig blieb, investierten sie in die Ausbildung ihres Sohnes. &#8220;Wir wollten, dass er machen kann, wonach ihm das Herz steht, denn diese Chance hatten wir selbst nie&#8221;, sagt sein Vater. Damals konnte er noch nicht ahnen, dass sein Sohn dank dieser Ausbildungsförderung eines Tages zu den erfolgreichsten jungen Künstlern Chinas zählen würde. Für seine Bilder bezahlen Sammler inzwischen vier- bis fünfstellige Eurobeträge. Allein durch sein hohes Einkommen hat sein Leben mit der Welt seiner Eltern in etwa so viel gemein wie die alten Armeelastwagen seines Vaters mit dem neuen Chery.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Doch Geld ist nicht das Einzige, was die beiden Generationen voneinander trennt. Das Leben jenseits der Armut hat mehr zu bieten als Komfort und Konsum. Wer nicht mehr um seine Existenz fürchten muss, gewinnt die Freiheit, auf Sinnsuche zu gehen: in Kunst oder Literatur, in Philosophie oder Wissenschaft. Erstmals in der Geschichte Chinas gibt es diese Möglichkeit für einen großen Teil der Bevölkerung. Es sind vor allem die Kinder der Reform-Ära, die diese Möglichkeit nutzen. Sie kennen die Not ihrer Eltern nur aus deren Erzählungen. Aus dem gesicherten Wohlstand der neuen Mittelklasse heraus merken sie, dass Geld allein nicht glücklich macht und Selbstverwirklichung auch eine Möglichkeit für den sozialen Aufstieg bietet.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Chinas junge Künstler sind die Avantgarde eines neuen Lebens stils. Tausende lassen sich jährlich auf das Wagnis ein, nicht Wirtschaft, Jura oder Medizin zu studieren, sondern Malerei oder Bildhauerei. Sie verzichten damit auf eine Ausbildung, die ihnen gut bezahlte Jobs sichern würde. Denn Ruhm und Reichtum winken nur wenigen Künstlern in China &#8211; und selbst Zhou Jin Hua geht es bei seiner Arbeit zunächst um immateriellen Profit. &#8220;Natürlich bin ich froh, dass die Leute meine Bilder kaufen&#8221;, sagt er. &#8220;Aber wenn es nicht so wäre, würde ich trotzdem malen, denn das ist einfach meine Art, mit der Welt umzugehen.&#8221;</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Auf dem Kunstmarkt werden Zhou und seine Altersgenossen bereits als eigene Gruppe gehandelt: als Erben der ersten Generation chinesischer Gegenwartskünstler, die sich Ende der achtziger Jahre auflehnte. Sie malten sich damals die Traumata von Mao-Zeit, Kulturrevolution und Umbruchschock von der Seele. Dazu gehörten der Polit-Popper Wang Guangyi ( Jahrgang 1956), der im Stil utopistischer Propagandaplakate Arbeiterhelden auf Coca-Cola-Dosen einstechen ließ; der Zyniker Yue Minjun ( Jahrgang 1962), der seinen Figuren die staatlich befohlene gute Miene zum bösen Spiel als schmerzhaften Lachkrampf gefrieren ließ; der Zerstörer Zhang Dali ( Jahrgang 1963), der große, leere Köpfe in die Wände von Pekinger Abrissvierteln schlug und Chinas Gesellschaft mit Graffiti aufbrachte.</span></p>
<p><strong><span style="font-family: Arial;">Die Generation Süß-sauer kämpft gegen Spießer &#8211; was sie sonst will, weiß sie noch nicht</span></strong></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Ihre Nachfolger haben andere Themen: die Freuden und Sorgen einer Generation, die das Spießertum ablehnt, aber noch keine rechte Vorstellung davon hat, was sie eigentlich will. &#8220;Wer in den späten siebziger oder frühen achtziger Jahren geboren wurde, steckt mit den Füßen noch im Kommunismus, ohne ihn selbst so richtig erlebt zu haben&#8221;, sagt Cordelia Steiner, Mitbegründerin der Pekinger <a href="http://www.theministryofart.com" target="_blank">Kunstvermittlungsagentur The Ministry of Art</a>, die viele der jungen Künstler vertritt. &#8220;Sie sind geprägt von der Zerrissenheit zwischen der alten Welt, deren Regeln nicht mehr gelten, und der neuen, die erst im Entstehen ist.&#8221;</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Steiner und ihr Partner Christoph Noe sprechen daher von der &#8220;Generation Süß-sauer&#8221;: Die Welt der neuen Künstler ist paradox und das Leben im Wohlstand längst nicht so einfach, wie ihre Eltern es sich vorgestellt haben. Nie war der Wettbewerb erbarmungsloser, der Erwartungsdruck höher und das Enttäuschungspotenzial größer als heute, da scheinbar alles möglich, die Zahl der Gewinner dennoch beschränkt ist. &#8220;Es gibt wohl keine Generation in der chinesischen Geschichte, die sich glücklicher schätzen kann&#8221;, sagt Noe. &#8220;Aber wenn man sie fragt, was für sie die wichtigsten Themen sind, dann geht es neben Freiheit vor allem um Begriffe wie Egoismus, Einsamkeit, Brutalität, Ängste oder Orientierungslosigkeit.&#8221;</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Entsprechend weit entfernt von der Aufschwungsästhetik, mit der Chinas staatliche Kulturinstitute das Bild der neuen Volksrepublik zu formen suchen, sind die Werke, die Steiner und Noe auf ihren Ausstellungen zeigen. Etwa Zhou Jin Huas Unglücke, gemalt aus der Vogelperspektive. Oder Li Huis Kriegsschiffe aus Plexiglas, die in ihren Bäuchen Buddhas, Atompilze und Laserinstallationen transportieren. &#8220;Bei rotem Laser denke ich an Blut&#8221;, sagt der 31-Jährige, &#8220;bei grünem Laser an die Lichtschwerter aus , Krieg der Sterne&#8217;.&#8221; Vor seinem Atelier in Peking parkt ein Fahrzeug, das er aus zwei Autofrontteilen zusammengeschweißt hat und das wirklich fährt &#8211; wenn man sich denn entscheiden kann, in welche Richtung. Seinem Kollegen Yang Jing, 32, haben es die frivolen Ikonen der japanischen Manga-Kultur angetan, die er in barocke Rahmen gesetzt hat. Und Wang Jie, 31, der von sich sagt, er wäre zur Luftwaffe gegangen, wenn er nicht Künstler geworden wäre, sucht den Horror im Alltag der polizeilichen Willkür oder im kollektiven Strammstehen der jungen Pioniere.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Obwohl diese Werke schlecht in das staatliche Konzept der sozialistischen Erbauungskunst passen, werden sie toleriert. Maler haben in der Volksrepublik deutlich mehr Freiheiten als Schriftsteller, Filmemacher oder Blogger. Chinas Zensoren sind keine guten Hermeneutiker, sie interessieren sich kaum für verschlüsselte Botschaften. Solange die Parteigranden und Nationalinsignien unverletzt bleiben, bleiben auch die Galerien geöffnet und die Ateliers unbehelligt.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Was dort entsteht, wirkt so, als hätte nach der Moderne unmittelbar die Postmoderne China erreicht. Doch es ist in Wahrheit ein Diskurs unbefangener Autodidakten. Denn lange war China von der internationalen Kunstszene abgekoppelt. Auch heute gibt es nur wenige staatliche Museen, die Sammlungen moderner westlicher Werke besitzen. Während der Revolutionsjahre wurde kaum chinesische Kunstgeschichte vermittelt. Wer sich dafür interessiert, muss sich auch heute noch selbst auf die Suche machen: in Büchern, Katalogen und neuerdings im Internet. Deshalb kennt auch die junge Generation von den Traditionen oft nur, was sie sich selbst angeeignet hat.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Denn auch an den Hochschulen wird Kunst eher als Handwerk denn als inspirierte Sinnsuche unterrichtet. &#8220;In meinem ersten Studienjahr war ich ziemlich entsetzt, wie traditionell und konservativ die Kurse waren&#8221;, berichtet Chen Lei, der im Juni 2008 seinen Abschluss an der Pekinger Kunstakademie gemacht hat, die als eine der besten gilt. &#8220;Die meisten Lehrer bringen einem nur bei, wie man ein fleißiger Student wird, aber nicht, was ein guter Künstler ist.&#8221; Li Hui, der die gleiche Akademie besuchte, hat ähnliche Erinnerungen. &#8220;Kreativität wird in Chinas Bildungssystem nicht sehr gefördert&#8221;, sagt er. &#8220;Ich habe in meinem Studium gute Techniken vermittelt bekommen. Aber ein echter Künstler bin ich erst danach geworden.&#8221;</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Schon während des Studiums wurde aus Zhou Yilun ein Kulturrevolutionär. Die Bilder des 25-Jährigen sind verrucht und ungestüm. Er arbeitet mit Schrift und Malerei. &#8220;Ich werde sie zerstören&#8221;, steht auf einem großen Ölbild, auf dem eine Raubkatze eine Ferkelherde jagt. Zwei Tigern beim Kopulieren hat er den Satz &#8220;Do they enjoy?&#8221; hinzugefügt. Auf einem anderen Bild steht die Warnung: &#8220;Überall Gefahr.&#8221;</span></p>
<p><strong><span style="font-family: Arial;">Wohlerzogene Provokateure: Wenn die Mutter kommt, werden obszöne Bilder versteckt</span></strong></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Zhou ist ein Meister der provokanten Andeutungen. Doch trifft er auf Fremde, ist er geradezu brav. &#8220;Nicht erschrecken, bei mir ist es ein bisschen unordentlich&#8221;, warnt er auf dem Weg zu seiner Wohnung. &#8220;Ich bin gerade am Umräumen.&#8221; Die Fabrikhalle, die er am Stadtrand der ostchinesischen Stadt Hangzhou bewohnt, ist keines der schicken Lofts, die in seiner Zunft groß in Mode sind. Der Weg führt durch Matsch, über einen Hof, auf dem Eisenteile geschweißt werden, zu einem maroden Industriebau. Die 150 Quadratmeter im ersten Stock hat Zhou billig gemietet. Man könnte den Raum für einen Ablageplatz von Gerümpel aller Art halten, würden aus den Bergen von offenen Kisten, alten Möbeln, defekten Geräten und ungewaschener Kleidung nicht Dutzende großformatige Ölgemälde ragen: viele Tigerbilder, eine Reihe namens &#8220;Jeder mag Bikinimädchen&#8221;, ein paar pornografische Werke und zwei Fußballspieler, die einander an die Gurgel gehen. An die Wand hat er Graffitimonster gesprüht und sein Sparbuch daraufgeklebt. Aus der Decke darüber ragt ein Haken, an dem sich kürzlich bei einer Party ein Freund an seinem Brustwarzen-Piercing aufgehängt haben soll. Mit verschmitztem Stolz schildert Zhou die Begebenheit, wohl wissend, dass er sie besser nicht jedem erzählen sollte. Wenn seine Mutter zu Besuch kommt, werden die nächtlichen Exzesse in seiner Fabrik verschwiegen, die Orgien in Öl verschwinden hinter weniger anrüchigen Bildern.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Denn Zhou ist ein zahmer Rebell. Bei seiner privaten Kulturrevolution nahm er stets auf die Gefühle seiner Eltern Rücksicht. Dank seiner wilden Bilder kann er ihnen Geld zustecken und ermöglicht es ihnen, sich genau in jenem Spießermilieu der Mittelklasse einzurichten, das er ablehnt. Aber das sieht er gelassen: &#8220;Unsere Generation wäre nichts ohne unsere Eltern. Ohne die Freiräume, die sie uns geschaffen haben, hätten wir heute kein besseres Leben als sie.&#8221;</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Zhou Yiluns Geschichte ist die vieler junger Künstler in China: Seine Eltern gehörten Anfang der achtziger Jahre zur unteren Mittelschicht der kleinen Staatsbediensteten, deren tägliche Mahlzeiten gesichert, deren Glück und Selbstverwirklichung dem System jedoch weitgehend egal waren. Zhous Mutter arbeitete als Buchhalterin, sein Vater als Chauffeur für Touristen. So bescheiden es um ihre eigenen Verhältnisse bestellt war, so ehrgeizig waren die Hoffnungen für ihr einziges Kind: Yilun sollte ein fleißiger Schüler werden, ein guter Student und dann einmal ordentlich verdienen. Doch größer als ihr Ehrgeiz war ihr Wunsch, den Sohn glücklich zu sehen. Sie selbst waren schließlich viel zu häufig auf Wege gezwungen worden, die sie nicht gewählt hatten. Als sie merkten, dass Yilun gut malte, meldeten sie ihn an einer Schule mit Kunstschwerpunkt an. Vorher musste er eine Prüfung in traditioneller chinesischer Malerei ablegen, wofür er wenig übrig hatte, trotzdem bestand er den Text.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">&#8220;Ich habe damals einen ziemlichen Freiheitsdrang entwickelt&#8221;, erinnert sich Zhou. Schon als Schüler ließ er sich die ersten Tätowierungen stechen, erst an verborgenen Stellen, dann auch dort, wo jeder sie sehen konnte. Heute trägt er an der Stelle der Augenbrauen dicke Punkte und am Zeigefinger einen tätowierten Schnurrbart, den er sich beim Rauchen unter die Nase hält. &#8220;Für meine Eltern war das nicht leicht, aber sie haben mir immer vertraut&#8221;, sagt Zhou. &#8220;Sie wussten, dass ich in dem, was ich mag, sehr gut sein kann.&#8221; Seine Lehrer hatten mit dem ungestümen Schüler ihre liebe Mühe, doch seine Kreativität beeindruckte auch die nach altmodischer Maltechnik unterrichtenden Pädagogen.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Nach der Schule schaffte Zhou die Aufnahmeprüfung an Hangzhous renommierter Kunsthochschule, an der sich tausendmal mehr Bewerber anmelden, als Plätze zu vergeben sind. Auch hier blieb er der bunte Vogel. Während andere Studenten die meiste Zeit im Atelier verbrachten, warf Zhou seine Bilder im Eiltempo auf die Leinwand. &#8220;Ich wollte Zeit für andere Sachen haben&#8221;, sagt er. &#8220;Immer nur mit Künstlern zusammen zu sein, fand ich langweilig.&#8221; Ohnehin inspirierte ihn die an der Hochschule gepflegte Malereikultur wenig. Zu traditionell war sie ihm, zu technisch, zu brav. Doch womöglich brauchte er die Enge der Akademie, um von dort auszubrechen.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Wo die anderen penibel Porträts malten, wurden für ihn die Tiger zum Thema: Tiger auf der Jagd und bei der Fortpflanzung, Tiger, die gefressen werden, und Tiger, denen jemand das Rückgrat gebrochen hat. Auf diese Idee brachte ihn ein Kinderlied, das zur Melodie von &#8220;Bruder Jakob&#8221; die Geschichte zweier Raubkatzen erzählt, denen ein Ohr und der Schwanz fehlen. &#8220;Was sind wir Chinesen für ein seltsames Volk, dass wir unsere Kinder mit Liedern von verkrüppelten Tieren in den Schlaf singen?&#8221;, fragte er sich. &#8220;Für mich zeigt das, wie unmenschlich unsere Gesellschaft häufig ist, und als Künstler will ich das in meinen Bildern ausdrücken.&#8221; Er mag das nicht weiter ausformulieren. Zhou spricht nicht gern über Kunst. Er malt lieber.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Bei seinen Eltern kommen die Tiger-Botschaften nicht gut an. &#8220;Sie akzeptieren das, aber sie würden sich so etwas nie aufhängen&#8221;, sagt er. &#8220;Zu Hause haben sie nur Bilder, die ich als Kind gemalt habe.&#8221; Damit entspricht ihr Geschmack dem populären chinesischen Kunstempfinden. Wer in Zeiten des Umbruchs lebt, erfährt genug Verunsicherung, als dass er diese auch noch auf einer Leinwand sehen wollte. Zumal es reichlich staatlich geförderte Künstler gibt, die freundlichere Welten entwerfen. Die in der westlichen Moderne übliche Freude daran, das Hässliche, Verstörende und Abstoßende zum Gegenstand der Ästhetik zu machen, hat es bisher kaum durch die Abwehrreihen der offiziellen chinesischen Kunstpolitik geschafft.</span></p>
<p><strong><span style="font-family: Arial;">Made in China steht hoch im Kurs auf dem internationalen Kunstmarkt</span></strong></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Auf dem internationalen Kunstmarkt kommen die jungen Avantgardisten dafür umso besser an. Chinesische Kunst ist derzeit eine heiß gehandelte Ware. Nach einer Studie der European Fine Art Foundation in Maastricht hat sich der Umsatz mit chinesischen Gemälden zwischen 2003 und 2006 verhundertfacht, womit ihr Weltmarktanteil gegenwärtig rund fünf Prozent beträgt. In der internationalen Rangfolge liegt die chinesische Kunst damit auf Platz vier. Etwa 700 Galerien gibt es in China, wobei den größten Teil des Geschäftes die Auktionshäuser abwickeln. Versteigerten die Branchengiganten Sotheby&#8217;s und Christie&#8217;s 2005 chinesische Kunst im Wert von 14 Millionen Euro, so waren es 2006 bereits 122 Millionen und 2007 mehr als 300 Millionen.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Im November 2007 erzielten chinesische Werke bei einer Versteigerung bei Christie&#8217;s 70 Millionen Euro. Darunter war auch eine Reihe des Malers Cai Guo-Qiang, die für sechs Millionen Euro verkauft wurde. Das war Rekord. Noch nie wurde für ein zeitgenössisches Kunstwerk aus China mehr Geld bezahlt. Und längst gibt es in der Volksrepublik Versteigerungshäuser wie Guardian Auctions, bei deren Verkäufen regelmäßig zweistellige Millionenbeträge zusammenkommen. Meistens sind es wohlhabende Chinesen, die dabei mitbieten. Auch sie sehen in Bildern inzwischen Investitionsobjekte.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">&#8220;Vor ein paar Jahren kam das meiste Geld noch aus den USA und Europa, aber inzwischen ist auch viel chinesisches Kapital im Spiel&#8221;, sagt der Bildhauer Li Hui, dessen Plexiglaskriegsschiffe an die 100 000 Euro einspielen. &#8220;Vielen Künstlern geht es deshalb finanziell sehr gut, obwohl es schon traurig ist, dass sich die Käufer meist gar nicht für die Werke interessieren, sondern nur für deren Wert.&#8221;</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Die neue Künstlergeneration kommt dem Markt gerade recht. So hängen an Zhou Yiluns Tigerbildern in Galerien bereits Preisschilder. Zwischen 2000 und 10 000 Euro kosten seine Werke, und mit den Auktions-Tricks der Galeristen könnte sich ihr Wert schnell verzehnfachen. Nicht selten ersteigern sie über Mittelsmänner ihre eigenen Bilder und treiben so den Marktwert ihrer Künstler in die Höhe.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Für die jungen Künstler ist das gleichermaßen lukrativ wie gefährlich. Denn wen der Markt emporhebt, den lässt er mitunter auch schnell wieder fallen. Das eigentliche Werk bleibt dabei auf der Strecke. &#8220;Viele Bilder sind heute einfach deswegen teuer, weil sie aus China stammen&#8221;, sagt Christoph Noe vom Ministry of Art. &#8220;Eine intensive Auseinandersetzung findet dabei häufig gar nicht statt.&#8221; Steiner und er bemühen sich deshalb, die Künstler vom Auktionsmarkt fernzuhalten. Sie versuchen, die jungen Talente stattdessen mit Sammlern zusammenzubringen, die ihr Geld langfristig in den Werken anlegen wollen. Damit sei den Künstlern wesentlich besser gedient, weil sie so die Chance hätten, sich weiterzuentwickeln. &#8220;Noch sind die Chinesen auf dem Kunstmarkt vor allem deswegen begehrt, weil sie neu sind&#8221;, sagt Noe. &#8220;In Zukunft wird es einfach nur noch darum gehen, ob jemand ein guter Künstler ist, egal, ob Chinese oder nicht.&#8221;</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Dass einige Chinesen das Potenzial haben, schon bald international ganz oben mitzuspielen, steht für Noe außer Frage. Für sein Ministry of Art gab er sogar einen sicheren Job als Betriebswirt bei Siemens auf. 2005 kam er für den Konzern nach China, begleitet von seiner Freundin Cordelia Steiner, einer Soziologin, die in mehreren Galerien und bei einer Kunstzeitschrift gearbeitet hatte. Schon bald lockte es sie zu den Ausstellungen im Pekinger Szene-Viertel &#8220;798&#8243;, auf dem riesigen Areal einer ehemaligen Waffen- und Maschinenfabrik. &#8220;Am Anfang dachten wir, es würde nur Mao-Pop geben&#8221;, erinnert sich Steiner. &#8220;Aber dann haben wir gemerkt, dass ganz andere Themen die junge Generation bewegen &#8211; und dass sie auf dem Kunstmarkt völlig unterrepräsentiert ist.&#8221;</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Aus dieser Erkenntnis entstand die Geschäftsidee: Da vielen jungen Künstlern selbst nicht geheuer ist, was der Markt mit ihnen macht, bieten Steiner und Noe ihnen Kooperationen an, die einzig und allein auf Vertrauen beruhen. &#8220;Viele Galerien und Agenten versuchen, Künstler mit Verträgen an sich zu binden&#8221;, sagt Noe. &#8220;Wir machen zwar in vieler Hinsicht die gleiche Arbeit, aber wir verstehen uns eher als Vermittler denn als Verkäufer.&#8221; Seit 2006 organisiert er mit Steiner Ausstellungen, gibt Kataloge heraus und berät internationale Sammlungen, wie sie Chinas neue Avantgarde in ihr Portfolio aufnehmen können.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Paradoxerweise ist der Umweg über den Weltmarkt wohl notwendig, um der jungen Avantgarde auch in ihrer Heimat zu Ruhm zu verhelfen. Denn wenn Chinesen im Ausland bekannt werden, wird man sich womöglich auch zu Hause für sie interessieren. &#8220;Es ist schon ein seltsames Gefühl, dass meine Bilder fast ausschließlich außerhalb Chinas verkauft werden&#8221;, sagt Zhou Jin Hua. &#8220;Kunst ist eben noch etwas, für das sich bei uns nur sehr wenige Menschen interessieren.&#8221;</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Das ist nicht verwunderlich. Denn Kunst herzustellen ist in China ebenso Luxus, wie sich mit ihr zu beschäftigen. &#8220;Man braucht dafür Zeit und Muße, doch die haben viele Menschen nicht&#8221;, sagt Zhou. Und erst recht nicht die Generation seiner Eltern, die viele Dinge in der veränderten Gesellschaft nicht mehr versteht. Wahrscheinlich sind seine Bilder, in denen er sich mit Ängsten beschäftigt, die es zur Zeit seiner Eltern noch nicht gab, so oder so nicht das richtige Medium, ihnen die neue Zeit nahezubringen. Zhou hat es daher längst aufgegeben, sie für seine Kunst zu begeistern. Für ihr Häuschen in Sichuan hat er ihnen Bilder gemalt, die ihrem Geschmack entsprechen: Stillleben mit Obst und Gemüse.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;">Bernhard Bartsch / brand eins Wirtschaftsmagazin 9/2008<br />
</span></p>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2008/12/young-chinese-artists_copyright-the-ministry-of-art.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-119" title="young-chinese-artists_copyright-the-ministry-of-art" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2008/12/young-chinese-artists_copyright-the-ministry-of-art-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a></p>
<p><span style="font-family: Arial;"><em>Young Chinese Artists &#8211; The Next Generation. Herausgegeben von Christoph Noe, Xenia Piëch, Cordelia Steiner, Prestel Verlag, September 2008; 296 Seiten; 39,95 Euro</em></span></p>
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		<title>Der Stolz der Pekinger</title>
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		<pubDate>Sat, 02 Aug 2008 15:40:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Im Zentrum des Reichs der Mitte prallen Welten aufeinander. Das war vor 700 Jahren nicht anders als heute. Vom Leben in einer unberechenbaren Stadt.</h3>
Der Abend des 19. Dezember 1999 war klar und frostig, ein Abend wie gemacht für Bier und Popcorn in der No. 50 Bar. Es war eine der ersten Pekinger Kneipen nach westlichem Vorbild. Die Kundschaft bestand zur einen Hälfte aus ausländischen Studenten und zur anderen aus neuerdings wohlhabenden Chinesen, die bereitwillig zehn Yuan für ein Bier bezahlten, das im Restaurant um die Ecke zwei Yuan kostete. Ich gehörte zu ersteren... ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Im Zentrum des Reichs der Mitte prallen Welten aufeinander. Das war vor 700 Jahren nicht anders als heute. Vom Leben in einer unberechenbaren Stadt.</h3>
<p>Der Abend des 19. Dezember 1999 war klar und frostig, ein Abend wie gemacht für Bier und Popcorn in der No. 50 Bar. Es war eine der ersten Pekinger Kneipen nach westlichem Vorbild, eröffnet von einem chinesischen Fagottisten, der sich bei einem Autounfall die Finger gebrochen hatte und seine Kreativität seitdem als Geschäftsmann auslebte. Seine Kundschaft bestand zur einen Hälfte aus ausländischen Studenten und zur anderen aus neuerdings wohlhabenden Chinesen, damals noch zwei Gruppen mit vergleichbarer Kaufkraft, die bereitwillig zehn Yuan für ein Bier bezahlten, das im Restaurant um die Ecke zwei Yuan kostete. Ich gehörte zu ersteren. Wir waren zu fünft, Austauschstudenten an der Pekinger Filmakademie, einer Zentralschmiede für Chinas Kreativschaffende, in deren Dunstkreis wir uns für mächtig nah am Puls des neuen China fühlten.</p>
<p>Es war kein gewöhnlicher Abend. Um Mitternacht würde die portugiesische Kolonie Macao nach 112 Jahren an die Volksrepublik zurückgegeben werden, der letzte Flecken Imperialschande aus der Zeit, als die Chinesen nicht Herren über ihr eigenes Reich waren. Seit Wochen hatte das Staatsfernsehen die Nation auf den Moment vorbereitet, da über der Kasinometropole, die oft das &#8220;asiatische Las Vegas&#8221; genannt wird, wieder die rote Flagge mit den fünf gelben Sternen wehen würde: mit Liedern, die vor patriotischem Schwulst nur so trieften, und Dokumentarsendungen, in denen China sich erst in der historischen Opferrolle suhlte, bevor als Deus ex machina die Kommunistische Partei erschien. Nun war der Moment der Wiederauferstehung also gekommen, und wie im Rest des Landes beherrschte auch in der No. 50 Bar die Übertragung das Geschehen.</p>
<p>Die inszenierte Feierlichkeit war eine ideale Spottvorlage. &#8220;Warum friert man sich für so einen Zirkus den Arsch ab?&#8221;, fragte einer aus unserer Runde, als auf dem Bildschirm die bibbernden Volksmassen erschienen, die auf dem Platz des Himmlischen Friedens das offizielle Feuerwerk erwarteten. &#8220;Weil China gleich noch ein paar Nutten, Zocker und Gangster mehr hat&#8221;, antwortete ein anderer. Wir hatten genügend Bier gehabt, um uns damit bestens zu amüsieren. So ließ sich die Propaganda ertragen.</p>
<p>Die Sprüche wären wohl wie die meisten Bar-Unterhaltungen in die Vergessenheit abgerauscht, wenn sie an diesem Abend nicht einen kleinen Eklat verursacht hätten. Wenige Minuten vor Mitternacht platzte einer jungen Chinesin am Nachbartisch der Kragen. &#8220;Ihr glaubt wohl, ihr seid die Einzigen, die hier Englisch sprechen&#8221;, schnaubte sie uns an. &#8220;Was versteht ihr schon von China?&#8221; Damit stürmte sie in die Nacht hinaus. Es gab weit und breit keine andere Kneipe, in der sie die Übertragung hätte weitersehen können. So muss sie den historischen Moment in der Kälte verbracht haben, fluchend auf die ausländischen Klugschwätzer, die ihn ihr verdorben hatten.</p>
<p>&#8220;Was versteht ihr schon von China?&#8221; Der Satz hallte nach. Es war das erste Mal, dass ich auf den chinesischen Nationalstolz getreten war, versehentlich, wenngleich wohl ziemlich trampelig. Ich hatte zwar eine Idee davon, wie viel den Chinesen ihr Land bedeutet: ihre glorreiche Geschichte, ihre kulturellen Errungenschaften und ihr mühsamer Wiederaufstieg in den vergangenen Jahrzehnten. Ich hatte von chinesischen Bekannten gehört, wie verletzend es für sie war, vom Ausland als &#8220;Kranker Mann Asiens&#8221;, &#8220;Gelbe Gefahr&#8221; oder &#8220;Ameisenstaat&#8221; betitelt zu werden. Ich hatte gesehen, dass in Pekings Buchhandlungen patriotische Titel wie &#8220;China kann nein sagen&#8221; Bestseller waren. Aber noch nie war mir bewusst geworden, wie empfindsam die Chinesen gegenüber Dingen sind, die meine westlichen Kommilitonen und ich an diesem Abend nur als Kitsch, Pathos und Propaganda gesehen hatten. Zwar versicherten mir später viele Chinesen, wie peinlich auch sie derartige Inszenierungen fanden. Es machte jedoch einen gewaltigen Unterschied, ob ein Chinese oder ein Ausländer sich darüber mokierte. Denn was verstehen wir schon von China?</p>
<p>Ich will jetzt nicht selbst pathetisch werden und so tun, als hätte die kleine Szene vor bald neun Jahren mein Leben verändert &#8211; oder mich davor bewahrt, wieder in die Fettnäpfe der chinesischen Empfindsamkeiten zu treten. Aber wenn sie mich eine kleine Lektion gelehrt hat, dann die, dass mit Chinas Patriotismus nicht zu spaßen ist.</p>
<p>Der Stolz aufs &#8220;Mutterland&#8221; ist das soziale Bindemittel und hat den Kommunismus schon längst als kulturelle Leitkultur abgelöst. Er speist sich ebenso aus der Besinnung auf Chinas ruhmreiche Geschichte wie aus der Erinnerung an die Demütigungen, die das Land seit dem Opiumkrieg durch die Kolonialmächte erdulden musste. Deswegen solidarisieren sich selbst Chinesen, die der Partei und vielen Entwicklungen ihres Landes kritisch gegenüberstehen, schnell mit ihrer Regierung, wenn sie China vom Westen angegriffen sehen. Was an jenem Abend vor neun Jahren galt, gilt umso mehr heute, da in der Volksrepublik das nächste nationale Großereignis ansteht, ungleich riesiger in der Anlage als seinerzeit die Rückkehr Macaos &#8211; und deswegen umso mehr mit Gefühlen, Hoffnungen und Enttäuschungspotenzial aufgeladen.</p>
<p>Es geht um nicht weniger als eine chinesische Relaunchkampagne: Die Olympischen Spiele sollen das ramponierte Ansehen und Selbstwertgefühl der Chinesen wiederherstellen und das Land von der Dritten Welt in die erste katapultieren. Ähnliche Versuche, die Volksrepublik zurück an die Spitze der Entwicklung zu bringen, sind grandios gescheitert, Maos &#8220;Großer Sprung nach vorn&#8221; (1958-1961) etwa, oder die &#8220;Große Proletarische Kulturrevolution&#8221; (1966-1976). Nun setzt China also auf ein neues Vehikel, eine weltweit erprobte Marketingplattform, die Kommunismus durch Konsum, und Massenmobilisierung durch Massenmedien ersetzt. Kann das gut gehen?</p>
<p>Das Für und Wider der Pekinger Spiele wird seit bald zwanzig Jahren debattiert (Anfang der Neunziger bewarb sich Chinas Hauptstadt vergeblich um Olympia 2000), und die Argumente dürften auch noch nach dem 24. August aufeinandertreffen, wenn das Olympische Feuer wieder gelöscht ist. Vielen im Westen ist die Veranstaltung nicht geheuer: wegen der Menschenrechte, wegen der Einparteidiktatur, wegen der wirtschaftlichen Konkurrenz, aber vor allem auch wegen des neuen chinesischen Selbstbewusstseins. Denn in der Erinnerung aller, die heute leben, ist ein international stark und selbstüberzeugt auftretendes China ein Novum, während es für die Chinesen nur die Rückkehr zu alter Größe ist. Konflikte sind da vorprogrammiert, beabsichtigte ebenso wie unbeabsichtigte. Auf einer historisch angemesseneren Bühne als Peking könnte sich all dies nicht abspielen.</p>
<p>Denn wenn es einen Ort gibt, der in der Lage ist, derartige Konfrontationen auszuhalten und daraus sogar Kraft zu schöpfen, dann ist es die Hauptstadt, die sich im Umbruch befindet, seitdem sie besteht, in der Welten verwachsen, die nie zusammen gehörten und dennoch Teil eines Ganzen sind: Hofkultur und Nomadenleben, ländliche Armut und urbanes Dolce Vita, klassischer Kapitalismus und kommunistische Avantgarde; östliche Tradition und westliche Moderne. Manche Gegensätze lassen sich weich verschmelzen, andere müssen gewaltsam verschweißt werden. Hitze und Funken entstehen in beiden Fällen. Zweifellos sind die Pekinger die mit Abstand stolzesten Chinesen, und die Olympischen Spiele geben ihnen Gelegenheit, endlich wieder die Rolle zu spielen, die ihnen die allerliebste ist: die der Titelhelden der chinesischen Geschichte.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Peking 2008 &#8211; Ein Weltreich kehrt zurück.</strong></span></p>
<p>Seit Jahrhunderten sind sie die Protagonisten der chinesischen Historie, die Besetzung von Chinas glorreichsten Erfolgen und dramatischsten Momenten. &#8220;Die Pekinger leben zu Füßen der Kaiser&#8221; besagt ein altes Sprichwort, das die Hauptstädter bis heute gerne verwenden, auch wenn es mit dem Kaiser einst unter nicht ganz rühmlichen Umständen zu Ende ging und es nach herrschender kommunistischer Ideologie alles andere als politisch korrekt ist, nostalgisch von den Zeiten des Feudalismus zu schwärmen. Doch wer könnte den Mitbewohnern der Kaiser vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben? Höchstens der Kaiser selbst. Das hat er oft genug getan.</p>
<p>Der Stolz der Pekinger ist ihre Entschädigung dafür, dass die Geschichte stets ruppig mit ihnen umgegangen ist, eine Geschichte, die das Schicksal des ganzen Landes widerspiegelt, auch wenn die Stadt erst in dem Moment die Führung übernahm, als das im dritten vorchristlichen Jahrhundert gegründete Reich der Mitte seinen 1 500. Geburtstag feierte. 1278 überwand der Mongolenfürst Kublai Khan, Enkel von Dschingis Khan, mit seinen Reitertruppen die chinesische Mauer und machte die bis dahin unbedeutende Niederlassung zu seiner Hauptstadt. 130 Jahre später wurden die Mongolen von der chinesischen Ming-Dynastie wieder aus dem Land geworfen, und Kaiser Yongle formte aus der nomadischen Zeltburg eine Metropole, die sich sehen lassen konnte. Er baute Stadtmauern, Tempel, Parks und im Herzen seinen eigenen Palast mit 9 999 Zimmern. Bis heute sieht die &#8220;nördliche Hauptstadt&#8221; &#8211; so die wörtliche Übersetzung von Peking &#8211; auf dem Stadtplan aus wie das Produkt linealbewaffneter Stadtplaner, die nichts dem Zufall überlassen haben. Von sechs Ringautobahnen sauber eingeschnürt und durch rechteckige Straßenzüge in penible Quadrate unterteilt, liegt sie wie ein Karo-Teppich in der nordchinesischen Steppe, ein idealtypischer Bürokratentraum zur Verwaltung von mittlerweile 16 Millionen Menschen plus eines Riesenreichs.</p>
<p>Die Zugehörigkeit dazu war stets beschränkt. Um sich tumbe Barbaren wie die Mongolen künftig vom Leib zu halten, erhöhten die Ming-Kaiser die große Mauer. Vergeblich. 1644 kam das nächste Reitervolk eingeritten, die Mandschuren. Denen gefiel der kultivierte chinesische Lebensstil, den sie hinter der Mauer vorfanden. So wurden sie erst sesshaft, dann verfeinert und schließlich feist und faul. Nach zweieinhalb Jahrhunderten hatten sie das Reich an den Rand eines Abgrunds gewirtschaftet, in den sie als erste stürzten. 1911 dankte der Kindkaiser Pu Yi ab &#8211; das Kaiserreich war zu Ende. Doch Peking blieb das Epizentrum der chinesischen Entwicklung.</p>
<p>Anfang der Zwanziger entdeckte ein geistreicher Bauernsohn namens Mao Zedong in der Bibliothek der Peking-Universität die Ideen von Marx und Engels sowie seinen eigenen Hang zum Pathos. Ein chaotisches viertel Jahrhundert später rief er vom Tor des Himmlischen Friedens mit bebender Stimme die Volksrepublik aus. So gründlich er das Volk umpflügte, so beharrlich beackerte er auch Peking. Aus der malerischen Kaiserstadt mit ihren flachen grauen Häusern, über deren Dächern weit sichtbar die Paläste und Tempel strahlten, sollte ein sozialistisches Proletarierparadies werden. &#8220;Zehntausend Schornsteine&#8221; wollte Mao als Zeichen des Sieges der Arbeiterklasse über der Stadt rauchen sehen. Die Beamtenstadt südlich des Kaiserpalasts wurde zu einem gewaltigen Aufmarschplatz eingeebnet.</p>
<p>Das Neue China hatte seine Bühne: Auf dem Platz des Himmlischen Friedens begann 1966 die Große Proletarische Kulturrevolution, 1976 beweinte das Volk hier den Tod von Mao und dessen engstem Gefolgsmann Zhou Enlai; 1989 setzte Deng Xiaoping gegenüber demonstrierenden Studenten Panzer ein, um den Machtanspruch der Kommunistischen Partei zu bekräftigen. Zwölf Jahre später, im Juli 2001, feierten Zehntausende am gleichen Ort ausgelassen den Zuschlag für Olympia. Sie ahnten nicht, was ihrer Stadt bevorstand.</p>
<p>Denn in den kommenden Jahren wurde Peking von Grund auf überholt. Stadtviertelweise werden die traditionellen Hofhäuser &#8211; die sogenannten &#8220;Hutongs&#8221; &#8211; plattplaniert und von Arbeiterheeren mit Straßen, Brücken und Hochhäusern bebaut. Zehntausende Familien mussten den Mammutprojekten weichen und wurden umgesiedelt, in der Regel mit wenig Mitspracherecht bei der Wahl ihres neuen Wohnorts. Wo es um die Sanierung der ganzen Volksseele geht, muss jeder Einzelne mit seinen Wünschen kürzer treten. Über 20 Milliarden Euro pumpte der Staat in Infrastruktur, Sport- und Wohnanlagen; durch privatwirtschaftliche Investitionen, etwa in den Aufbau des neuen Central Business Districts im Stadtteil Chaoyang, kam noch ein Vielfaches hinzu. Für die internationale Architektenelite war es ein Jubelfest &#8211; sie durfte die Wahrzeichen des neuen Peking entwerfen. Sir Norman Foster entwarf einen neuen Flughafen und die Schweizer Herzog und DeMeuron ein Olympiastadion in Form eines Vogelnests. Der Holländer Rem Kohlhaas designte dem chinesischen Zentralfernsehen CCTV einen spektakulären Doppelturm, der statisch zu den anspruchsvollsten Projekten aller Zeiten gehört. Dass Architektur, Macht und nationale Strahlkraft symbiotisch zusammengehören, hat in Peking Tradition: Der Kaiserpalast, die sogenannte &#8220;Verbotene Stadt&#8221;, war darauf angelegt, denjenigen, die ihn doch betreten durften, mit seinen Höfen und Hallen eine Mischung aus Angst und Ehrfurcht einzuflößen.</p>
<p><span style="color: #ff0000;"><strong>Europäische Missionare und Händler schrieben in ihre Heimat, dass Chinas Hauptstadt die vollkommenste der Welt sei.</strong></span></p>
<p>Nichts anderes wollen die Pekinger in den kommenden Wochen in den internationalen Zeitungen lesen. Die Pekinger waren sich noch nie selbst genug, stets brauchten sie Auswärtige, um ihnen ihre Erfolge zu bescheinigen. Früher waren dies die Beamten, die aus dem ganzen Land in die Hauptstadt berufen wurden, heute sind es die Gäste aus aller Welt, die Peking und damit stellvertretend ganz China bescheinigen sollen, wo es im weltweiten Vergleich steht. Doch aus der Jubelshow wird nichts, denn die Hauptstadt ist ihrem Land ähnlicher, als sie es wohl eigentlich sein möchte: Sie hat ihre Glanzlichter, doch beneiden tut man ihre Bewohner nicht.</p>
<p>Denn die Metropole kann nicht verbergen, dass es in ihr drunter und drüber geht. Sie ist ein wild verwobenes Dickicht aus Träumen, Hoffnungen und Lebensentwürfen, die abwechselnd scheitern und in Erfüllung gehen. Peking ist die Stadt, von der die Chinesen sich ihren ganz persönlichen großen Sprung nach vorn erträumen: früher ein &#8220;Bestanden&#8221; in der kaiserlichen Beamtenprüfung, später eine Parteikarriere, heute das große Geld. Für die meisten bleibt freilich nur das kleine. Die Kluft zwischen Pekings Träumen und Wirklichkeiten ist auch vielen Chinesen ungeheuer &#8211; und nicht alle können sich mit Hauptstädterstolz über die Widersprüche der Metropole hinwegtäuschen.</p>
<p>Künstler, Intellektuelle und Aktivisten haben Peking in den vergangenen Jahrzehnten eine neue Facette verschafft, die der Kaisersitz früher nicht kannte: Die Stadt ist zum Zentrum der Subkulturen geworden. Denn das Leben jenseits des Kommunismus hat mehr zu bieten als Komfort und Konsum. Da die meisten heute nicht mehr um ihre Existenz fürchten müssen, gewinnen sie die Freiheit, abseits des Überlebenskampfes auf Sinnsuche zu gehen: in Kunst oder Literatur, in Philosophie oder Wissenschaft, in Natur oder fremden Ländern. In Peking steht dieser Spielraum erstmals in der Geschichte einem großen Teil der Bevölkerung offen, und es sind vor allem die Kinder der Reform-Ära, die ihn zu nutzen wissen. Während ihre Eltern noch die Armut im Nacken spüren und sich Richtung Reichtum flüchten wie in einen sicheren Hafen, kennen ihre Kinder die nackte Not nur noch vom Hörensagen. Damit sind sie unbelastet genug, auf die Idee zu kommen, dass Geld nicht der einzige Weg zum Glück sein muss und Selbstverwirklichung womöglich die bessere Form des sozialen Aufstiegs ist. Deshalb spielen heute in Pekings Bars Rockbands, in Cafés trifft sich die Intelligenzia und in Galerien zeigen sich Chinas neue Maler.</p>
<p>Was etwa in den Ausstellungshallen des Pekinger Szene-Viertels &#8220;798&#8243; zu sehen ist, ist weit entfernt von der offiziellen Aufschwungästhetik, mit der die Regierung das Bild der Olympiastadt zu formen versucht: Da sind Unglücks-Szenarien des jungen Malers Zhou Jinhua, gemalt aus der Vogelperspektive, die ihm in allen Lebenssituationen die angenehmste zu sein scheint. Daneben entwirft Chen Ke kindliche Traum- und Alptraumwelten. Wang Jie, der von sich sagt, er wäre wohl zur Luftwaffe gegangen, wenn er nicht Künstler geworden wäre, sucht den Horror im Alltag, in polizeilicher Willkür oder dem kollektiven Strammstehen der jungen Pioniere. Seinem Kollegen Yang Jiang haben es dagegen die frivolen Ikonen der japanischen Manga-Kultur angetan, die er in barocken Rahmen auftreten lässt. Der Pekinger Bildhauer Li Hui produziert in seiner Werkstatt am Rande der Stadt Laserinstallationen und plexi-gläserne Kriegsschiffe, die in ihrem Bauch Buddhas, Skelette oder Atompilze transportieren. Vor seiner Halle steht ein Fahrzeug, das er aus zwei Autofrontteilen zusammengeschweißt hat und das wirklich fährt &#8211; wenn man sich denn entscheiden kann, in welche Richtung es gehen soll.</p>
<p>Der 24-jährige Chen Lei gießt seine Heile-Welt-Sehnsucht in die Statue eines Kindes, das aus der Luft ein großer, weiß-wolkiger Eisbär küsst. Im Gegensatz dazu liebt Zhou Yilun wilde Tiger und alles Verruchte. &#8220;Ich werde sie zerstören&#8221; steht etwa auf einem Bild, auf dem eine Raubkatze eine Ferkelherde jagt. Zwei Tigern beim Liebesakt hat Zhou den Satz: &#8220;Do they enjoy?&#8221; (Macht es ihnen Spaß?) mit auf den Weg gegeben, einem anderen die Warnung: &#8220;Überall Gefahr&#8221;. Solche Botschaften kommen dem Empfinden der Pekinger gewiss näher als die glatte Propaganda, mit der die Staatsmedien die Stadt derzeit auf Olympia einstimmen.</p>
<p>Doch es gehört zum Stolz der Pekinger, dass sie sich ihre Mühen gegenüber Außenstehenden nicht gerne anmerken lassen. Auch wenn der Wettbewerb wohl noch nie erbarmungsloser, der Erwartungsdruck höher und das Enttäuschungspotenzial größer war als heute, so will sich Peking doch als Stadt des mühelosen Aufschwungs geben. Man sollte es ihr nicht abnehmen, aber für die Zeit der Spiele womöglich trotzdem einmal durchgehen lassen. Denn wie groß die Vorfreude der Pekinger auf &#8220;ihre&#8221; Spiele ist, lässt sich nicht übersehen. Sie sind wirklich nicht zu beneiden. Kein Ort der Welt wurde in den vergangenen Jahren von der Welt kritischer unter die Lupe genommen, nirgends wurde jede Straße und jedes Haus penibler inspiziert als bei ihnen.</p>
<p>So auch das kleine Restaurant in meiner Straße. &#8220;Sieh mal, wir haben uns auf Olympia vorbereitet&#8221;, begrüßte mich dort kürzlich Frau Li, die freundlichste Kellnerin Chinas, die glücklicherweise ausgerechnet bei mir um die Ecke arbeitet. Stolz schob sie mir die Speisekarte hin. Es war das erste Mal seit vielen Jahren, dass sie das tat. Eigentlich weiß Frau Li nämlich, was ich gerne esse und fragt einfach ab, was ich diesmal möchte: Tofu nach Art des Hauses, Tomaten mit Rührei, Lamm mit Kreuzkümmel. Nur wenn Frau Li frei hat, bestelle ich von der Karte, aber das ist nicht häufig der Fall. Jetzt musste ich sie mir aber natürlich trotzdem anschauen. Die Speisekarte war neu: Aus der fleckigen, doppelseitig kopierten Menüliste war eine achtseitige Hochglanzbroschüre geworden, in der die Gerichte abgebildet und auf Englisch beschriftet waren. &#8220;Donnerwetter&#8221;, sagte ich und suchte nach meinen Tomaten mit Rührei. Das Bild war schnell gefunden, aber was stand darunter? &#8220;Tomato speculation egg.&#8221; Tomatenspekulationsei? &#8220;Tolle Speisekarte&#8221;, sagte ich, &#8220;aber wer hat das denn übersetzt?&#8221; &#8220;Eine Nichte des Chefs spricht sehr gut Englisch&#8221;, erklärte mir Frau Li und strahlte noch immer so stolz, dass ich die Sache nicht weiter vertiefte, ihr ihre Freude ließ und mir also ein Tomatenspekulationsei bestellte. Vielleicht habe ich ja doch etwas verstanden. Und wenn nicht, dann war ich hoffentlich wenigstens nett. Das kann man zu Olympia schon mal sein.</p>
<p>Erschienen in: Berliner Zeitung, 2. August 2008</p>
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		<title>Picassos für den Grabbeltisch</title>
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		<pubDate>Tue, 30 Oct 2007 08:06:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Das südchinesische Dafen ist die größte Künstlerkolonie der Welt. 10.000 Maler bedienen von hier aus den globalen Massengeschmack.</h3>
Huang Jianzhong malt eine Katze. Er hasst Katzen. „Wer sich so was bloss hinhängt?“, fragt er sich, während er mit schnellen Pinselstrichen das flauschige Fell schraffiert. Das Motiv, das in Postkartengrösse an der Staffelei hängt - rechts die Katze, links eine Schmuckdose –hat Huang schon dutzende Mal kopiert. Bald werden es hunderte Male sein, denn Katzenbilder sind beliebt, weitaus populärer als Picassos, Miros oder Rembrandts, ganz zu schweigen von Huangs eigenen Werken...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Das südchinesische Dafen ist die größte Künstlerkolonie der Welt. 10.000 Maler bedienen von hier aus den globalen Massengeschmack.</h3>
<p>Huang Jianzhong malt eine Katze. Er hasst Katzen. „Wer sich so was bloss hinhängt?“, fragt er sich, während er mit schnellen Pinselstrichen das flauschige Fell schraffiert. Das Motiv, das in Postkartengrösse an der Staffelei hängt &#8211; rechts die Katze, links eine Schmuckdose –hat Huang schon dutzende Mal kopiert. Bald werden es hunderte Male sein, denn Katzenbilder sind beliebt, weitaus populärer als Picassos, Miros oder Rembrandts, ganz zu schweigen von Huangs eigenen Werken. Im Grossformat beschäftigt die Katze ihn einen vollen Tag, von  kleineren Massen schafft er sogar mehrere. Wobei die Grösse für Huang keinen grossen Unterschied macht. Bezahlt wird er ohnehin wie ein Anstreicher: nach Fläche, pro Quadratmeter hundert Yuan,  rund zehn Euro.</p>
<p>Die Katzen sind das Ende einer künstlerischen Laufbahn, die nie begonnen hat. Ein paar Bilder an der Wand zeigen, was hätte sein können: verdorrte Sträusse und grell-bunte Naturidyllen, die von Grossstädten überwalzt werden. Als Student an der Kunsthochschule der Provinz Fujian hoffte Huang eine Zeitlang, damit in die chinesische Avantgarde-Szene vorzudringen, die auf dem internationalen Kunstmarkt Spitzenpreise erzielt. Doch schon vor seinem Abschluss vor acht Jahren verlor er seine Illusionen. „Wenn man nicht die richtigen Leute kennt, hat man keine Chance“, sagt er. So landete er statt auf Soireen in Hongkong, New York oder Berlin im südchinesischen Dafen, der grössten Künstlerkommune der Welt.</p>
<p>Dafen – vor zwanzig Jahren noch ein Dorf, heute Stadtteil der Sweatshop-Metropole Shenzhen &#8211; ist das künstlerische Äquivalent zu chinesischen Akkordschneidereien oder Massenschustereien: Rund 10.000 Maler produzieren hier Gemälde für den Massenmarkt. In Hunderten Ateliers malen sie Blumenstillleben für Hotelflure und Landschaften für Arztpraxen, Mao-Porträts für chinesische Amtsstuben und Segelschiffe für Hamburger Fischrestaurants. Sie versorgen Kinderstuben mit Tierbabyaquarellen, Teenager mit ölgemalten Britneys und Elternschlafzimmer mit nackter Haut in frechen Posen. Aus Familienfotos machen sie Ölgemälde und aus Meisterwerken Wandschmuck für jedermann: Ob da Vincis Mona Lisa oder Davids Napoleon, ob Monets Seerosen oder van Goghs Sonnenblumen, ob Klimts Kuss oder Warhols Marilyn – jede Ikone der Kunstgeschichte ist in Dafen vorrätig, für fünf Euro aufwärts, je nach Grösse und Qualität. Walter Benjamin, den es in den Dreissigern vor dem „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ grauste, hätte Dafen den Rest gegeben. Die Vervielfältigung des Einmaligen erfolgt heute durch Billiglohnkünstler in Fernost.</p>
<p>Dort sieht man Kunst als ein Produkt wie jedes andere. „Bei handgemalten Bildern hat Dafen heute einen Weltmarktanteil von 60 Prozent“, erklärt Herr Wang von der Ortsverwaltung. „Im vergangenen Jahr exportierte Dafen rund fünf Millionen Gemälde für insgesamt 30 Millionen Euro“, rechnet er vor. „Unsere Unternehmen kooperieren mit einigen der grössten Vertriebskonzerne der Welt.“ Wenn bei Aldi, Wal-Mart oder im Baumarkt Handgemaltes im Angebot ist, stammt es wahrscheinlich ebenso aus Dafen wie die altägyptischen Papyrusbilder, die am Fuss der Pyramiden feilgeboten werden.</p>
<p>30 Millionen Euro für fünf Millionen Bilder: Das macht sechs Euro pro Bild und bei 10.000 Malern ein jährliches Pro-Kopf-Einkommen von 3000 Euro. Zieht man davon Ateliermiete, Materialkosten und Margen für Grosshändler ab, bleibt gerade noch die Hälfte übrig. „Die meisten von uns verdienen kaum mehr als ein Fabrikarbeiter“, sagt Yang Mingjie. „Dabei haben die meisten von uns studiert.“ Wie Huang besuchte auch Yang die Kunsthochschule in Fujian und betreibt heute zusammen mit seiner Frau eine der vielen hundert kleinen Galerien, eine Art Garage, von der sechs Quadratmeter als Schlafzimmer und Küche abgetrennt sind . Einen Grossteil seiner Aufträge bekommt er von den Betreibern einer Internetseite, die handgemalte Porträts anbietet. „Die Kunden schicken ein Foto und wählen den Stil, in dem sie gemalt werden wollen“, erklärt Yang, „oder sie lassen ihr Gesicht in ein berühmtes Gemälde einsetzen.“ Geld bekommt Yang nur, wenn die Kunden mit dem Resultat zufrieden sind, denn die Zufriedenheitsgarantie des Internetateliers gibt ihnen das Recht, sich das fertige Bild erst einmal anzuschauen, bevor sie es geschickt bekommen, ab 25 Euro plus Porto. Mancher hat es sich schon anders überlegt, und so hat Yang auf seinem grossen Stapel unverkaufter Gemälde auch diverse Mona Lisas, Herkulesse und Putten mit den Gesichtern unschlüssiger Web-2.0-Benutzer. Für eigene Gemälde bleibt ihm kaum Zeit. „Kunst braucht Inspiration“, sagt er, „aber wo soll die in Dafen herkommen?“</p>
<p>Dabei war Dafen anfangs eine Kommune durchaus ambitionierter junger Künstler. Ende der Achtziger zogen dutzende Absolventen der nach der Kulturrevolution (1966-1976) gerade wiedereröffneten Akademien in die grossen Städte, nach Peking, nach Shanghai und auch ins südchinesische Perlflussdelta im Hinterland der britischen Kronkolonie Hongkong. Auf grosse Kunstmärkte konnten sie in dem noch immer sehr armen Land nicht hoffen, aber wenigstens auf ein paar Ausstellungen oder kleine Aufträge. Tatsächlich gab es eine gewisse Nachfrage, allerdings nicht nach mit Herzblut gemalten Originalen, sondern nach Dekorationen für bessere Hotel-, Büro- oder Wohnungswände. So begannen die Künstler zu malen, was sonst auf Poster oder Kalender gedruckt wurde.</p>
<p>Wo Maler als bessere Druckmaschinen eingesetzt wurden, war es bis zur Fliessbandproduktion nicht mehr weit. Einer der ersten, der in Dafen eine Kunstfabrik eröffnete, war Huang Jiang. 1989 kam er von Hongkong, wo er als Kurier angefangen hatte, nach Shenzhen, mietete eine Halle und liess die Künstler dort im Akkord malen, während er selbst sich um den Verkauf kümmerte. Bald merkte er, dass viele seiner Maler weit über das Ziel hinausschossen: Ihre Fälschungen waren viel besser, als die Kunden wollten. Die Kopien sollten schliesslich keine Kunstkritiker beeindrucken, sondern nur kahle Wände verzieren. „Dafür braucht man kein Kunststudium, sondern nur ein wenig Talent und Übung“, dachte er sich und begann Lehrlinge einzustellen. „Jeder bekam ein Bild zugewiesen, das er so lange abmalen musste, bis es gut genug war.“ Die studierten Künstler nannten ihre billigen Konkurrenten „Bauern mit Pinseln“, konnten jedoch nichts daran ändern, dass sie in Huangs Fabrik künftig nur noch für die Feinarbeit oder besonders komplizierte Gemälde eingesetzt wurden, für Rubens etwa, Rembrandt oder Michelangelo. Bald standen in seiner Werkstadt dutzende Staffeleien, auf denen im Jahr an die 100.000 Bilder gemalt wurden, die er über Grossverträge mit Wal-mart und anderen internationalen Warenhausketten in Tausenderpacks verkaufte. Zu seiner besten Zeit, Ende der Neunziger, setzte Huang 200.000 Euro im Jahr um. Nicht schlecht für einen ehemaligen Laufburschen.</p>
<p>Dass er damit bei Chinas Künstlern einen gewissen Ruhm erlangte, liess sich nicht vermeiden und führte dazu, dass sein Geschäftsmodell das gleiche Schicksal erlangte wie die Bilder, mit denen er handelte: Es wurde kopiert. „Der Wettbewerb ist riesig geworden“, sagt er. Allein die Firma seines ehemaligen Lehrlings Wu Ruiqiu verschifft heute über 300.000 Gemälde im Jahr, während seine Umsätze eingebrochen sind. Die Ortsverwaltung begann, Dafen zur Touristenattraktion auszubauen, mit einem grossen Bronze-Pinsel am Eingang des Karrees und einem Leonardo da Vinci Platz in der Mitte. Viele Ateliers zogen in neue Kunstmalls wie das „Dafen Louvre“, einen Bau mit falschen Säulen, in dem es nicht nur Gemälde, sondern auch Gipsnachbildungen griechischer Marmortorsos, falsche Terrakotta-Krieger und dekorative Blumentöpfe mit Mustern gibt, die man alle schon einmal gesehen hat.</p>
<p>Um das Profil von Dafen weiter zu schärfen und neue Absatzmärkte zu schaffen, baut die Regierung derzeit ein eigenes Kunstmuseum. Das Gebäude aus schwarzem Marmor mit grossen Glasfronten macht dem Ort alle Ehre. Es sieht aus wie die Quintessens einer architektonischen Mode, der prototypische postmoderne Museumsbau. „Hier sollen die Originale unserer Künstler ausgestellt werden“, erklärt Wang, „und natürlich auch verkauft.“ Rund zehn Prozent der Bilder in Dafen seien nicht kopiert; das wären immerhin eine halbe Million.</p>
<p>Xie Xuenong, der in Guangzhou Malerei studierte und seit fünf Jahren in Dafen arbeitet, hat nie daran gedacht, Originale zu verkaufen. „Es gibt so viele grosse Meister, da kann ich gar nicht besser sein“, sagt er. Einmal gelang es ihm  trotzdem, einen echten Xie an den Mann zu bringen – und das ohne es zu merken. Weil sein Atelier für eine echte Staffelei zu klein ist, pinnt er seine Leinwände wie viele seiner Kollegen seit jeher an eine Sperrholzplatte an der Wand. „Eines Tages kam ein europäischer Tourist und fragte, ob er meine Malplatte kaufen könne“, erzählt Xie. Er hatte keine Ahnung, was der Ausländer damit wollte, überschlug aber im Kopf, dass er für 20 Yuan (2 Euro) eine neue bekommen würde und hielt sich für sehr geschäftstüchtig, von dem seltsamen Kunden 200 Yuan (20 Euro) zu verlangen. Der willigte anstandslos ein. „Erst als ich die Platte abmontierte, sah ich, was er gesehen hatte“, sagt Xie.<br />
Durch jahrelange Benutzung war die Unterlage selbst zum Gemälde geworden, bemalt mit tausenden Strichen und Punkten, zufällig platziert, wenn Xie Leinwände grundiert, Pinsel abgewischt oder Farbmischungen überprüft hatte. „ „Sie sah aus wie ein abstraktes Kunstwerk“, ärgert Xie sich heute. „Da hätte ich ein Vielfaches verlangen können.“ Sein ungewöhnlicher Verkauf sprach sich schnell herum, und inzwischen sehen die Maler von Dafen ihre Grundierungsplatten mit neuen Augen. Denn das ist der Geist  der chinesischen Künstlerkolonie: Was einmal Erfolg hat, funktioniert auch noch hundert weitere Male.</p>
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		<title>Bonbons und Beethoven</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Feb 2007 07:59:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Er hat einen Meter Klavierliteratur und jede Menge Flausen im Kopf – ein Besuch bei dem neunjährigen chinesischen Wunderkind Niu Niu.</h3>
So stellt man sich Mozart als Kind vor: Ein kleiner Tausendsassa, dessen Fantasie die wildesten Pirouetten dreht, ein Frechdachs, dessen Übermut keine elterliche Strenge gewachsen ist, ein Kugelblitz, der nur stillsitzt, wenn man ihm einen Klavierschemel hinschiebt. Dann strömt all seine Energie in die Fingerspitzen, die wie von alleine über die Tasten tanzen, und durch das offene Fenster perlt Notenchampagner auf die Straße...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Er hat einen Meter Klavierliteratur und jede Menge Flausen im Kopf – ein Besuch bei dem neunjährigen chinesischen Wunderkind Niu Niu.</h3>
<p>So stellt man sich Mozart als Kind vor: Ein kleiner Tausendsassa, dessen Fantasie die wildesten Pirouetten dreht, ein Frechdachs, dessen Übermut keine elterliche Strenge gewachsen ist, ein Kugelblitz, der nur stillsitzt, wenn man ihm einen Klavierschemel hinschiebt. Dann strömt all seine Energie in die Fingerspitzen, die wie von alleine über die Tasten tanzen, und durch das offene Fenster perlt Notenchampagner auf die Straße.</p>
<p>Nur dass dort unten nicht die Salzburger Getreidegasse der 1760er ist, sondern die Yongjia Lu, die „Straße des ewig Guten“, in Shanghais französischem Viertel. Hier, im fünften Stock eines blauweiß gekachelten Mietshauses, vor dessen Fenstern an langen Bambusstangen Wäsche trocknet, wohnt Niu Niu, Chinas kleiner Tastengott, der mit seinen neun Jahren bereits auf eine vierjährige Konzertkarriere zurückblicken kann und zu den größten Talenten der internationalen Musikszene zählt.</p>
<p>In grüner Trainingshose und Mickeymaus-T-Shirt steht er an dem kleinen Klapptisch im Esszimmer und flippt durch sein Fotoalbum. „Das war mein erstes Benefizkonzert,“ sagt er und zeigt ein Bild, das ihn im weißen Frack auf einer großen Bühne zeigt, umgeben von Jungen und Mädchen, die aussehen, als würden sie gerade vom Spielplatz kommen. „Die sind sechs Jahre alt, genau wie ich damals,“ erklärt Niu Niu. „Weil ich für sie gespielt habe, können sie jetzt zur Schule gehen.“ Und schon ist er wieder weg, pest in viel zu großen Hausschuhen zu seinem Nachttisch und kommt mit einer Gebetskette aus Duftholz wieder, die ihm ein buddhistischer Mönch in Taiwan geschenkt hat.</p>
<p>Dann überprüft er, ob sein Besuch Haare auf den Armen hat und wie groß seine Nase ist. „Größer als Leslies,“ befindet er und blättert zu einem Foto mit dem australischen Starpianisten Leslie Howard, der zu Niu Nius internationalen Förderern gehört und Ende August mit ihm zusammen in der Londoner Wigmore Hall auftrat. Auch in Hamburg hat er schon gespielt; in den nächsten beiden Jahren stehen Carnegie Hall und die Royal Albert Hall auf dem Programm, „und hoffentlich Olympia 2008 in Peking“ meint Niu Niu, „das wäre das größte.“ Höchstens ein Auftritt mit den Berliner oder Wiener Philharmonikern könnte das noch toppen. Nicht, dass er ernsthafte Zweifel hätte, dass es eines Tages dazu kommen wird. „Aber ich bin halt ungeduldig,“ sagt er. Am kommenden Sonntag wird er im Hauptsender des chinesischen Staatsfernsehen bei der großen Gala zum chinesischen Neujahrsfest Beethovens „Ode an die Freude“ spielen; rund eine halb Milliarde Menschen werden ihn sehen. Dass Niu Niu noch keinen Vertrag mit einer großen Plattenfirma hat, liegt nur daran, dass seine Eltern sich unter den verschiedenen Angeboten noch nicht entscheiden konnten. Also gute Buddhisten wollen sie von Anfang an einen Teil der Einnahmen für wohltätige Zwecke spenden. „Niu Nius Begabung ist ein Geschenk,“ meint seine Mutter. „Davon soll er anderen Menschen etwas abgeben.“</p>
<p>Niu Niu – eigentlich heißt er Zhang Shengliang, aber alle benutzen seinen Kinderkosenamen „kleiner Stier“, der auf seine Geburt im Jahr des Ochsen verweist &#8211; war drei Jahre alt, als seine Eltern bemerkten, dass er das heimische Klavier nicht mehr wie ein Krachspielzeug behandelte, sondern wie ein Instrument. Sein Vater, Leiter einer Musikschule in der südchinesischen Hafenstadt Xiamen, gab ihm den ersten Unterricht, doch schon nach kurzer Zeit hüpften Niu Nius kleine Hände virtuoser über die Tasten als seine eigenen. Mit sechs Jahren gab er vor 1000 Zuschauern seinen ersten Klavierabend. Weil es in Xiamen keinen geeigneten Klavierlehrer mehr gab, zog die Mutter kurz darauf mit ihm nach Shanghai. Das dortige Konservatorium senkte für ihn extra das Zulassungsalter. Zu seinem nächsten Konzert kamen bereits 4000 Zuhörer.</p>
<p>Zweimal pro Woche hat Niu Niu im Konservatorium Klavierunterricht, den Rest der Zeit spielt er alleine, fünf bis sechs Stunden jeden Tag, nachdem er aus der Schule kommt und seinen Mittagsschlaf gemacht hat. „Meistens übe ich gerne,“ sagt er und verrät mit einem Seitenblick zu seiner Mutter, dass zwischen meistens und immer doch noch etwas Abstand ist. Zwischendurch zieht er den Klavierhocker einen Meter nach links, dreht sich um und sitzt an seinem kleinen blauen Kinderschreibtisch, um Hausaufgaben zu machen. Auch in der Schule ist er ein Überflieger, hat gerade erst eine Klasse übersprungen, liebt Mathe, Englisch und Sport. Weil er im Unterricht manchmal über die Stränge schlägt, hängen an seiner Wand Zettel mit kleinen Besinnungsaufsätzen und Ratschlägen wie: „Wenn du nächstes Mal etwas nicht weißt, frag den Lehrer.“ Auf einem anderen steht eine Selbstkritik, zu der ihn sein Vater verdonnert hatte. „Ich soll nicht mit Mamas Nagellack in die Notenhefte malen,“ liest er vor und lächelt schelmisch. „Sonst kleben die Seiten fest.“</p>
<p>Weil der Vater nur alle paar Monate aus Xiamen zu Besuch kommen kann, schenkte er seinem Sohn einen Plüschbernhardiner, der zwischen den Pfoten einen Zettel trägt: „Lieber Niu Niu. Zu sehen wie du übst und immer besser wirst, macht mich sehr glücklich. Dein kleiner Hund.“ Nun steht er auf dem japanischen Kurzflügel, der in Einzelteilen die schmale Treppe hinauftransportiert wurde und einen der beiden Räume der kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung einnimmt; in dem anderen stehen zwei Betten für Niu Niu und seine Mutter. Um die Nachbarn nicht zu sehr zu stören, ist der Flügel mit dicken Wolldecken belegt. Wenn Niu Niu sich auf seinen Hocker setzt, ist es so eng wie im Cockpit eines Formeleins-Wagens.</p>
<p>Und wie ein Rennauto ist auch sein Tempo. So gierig er einen Berg Bonbons verputzen kann, so neugierig verschlingt er die Musikgeschichte. Vier bis fünf Tage braucht er, bis er ein Stück beherrscht; von den anderthalb Metern Klavierliteratur in seinem Zimmer hat er das meiste schon gelernt, vieles sogar auswendig, darunter die Hauptwerke von Mozart, Beethoven und Schostakowitsch, das Wichtigste von Haydn, Tschaikowsky, Debussy und Grieg, alle Chopin-Etuden, viel Liszt und auch einige chinesische Kompositionen.</p>
<p>Dabei entspricht Niu Niu keineswegs dem Klischee asiatischer Wunderkinder, die an Instrumenten gedrillt werden wie an Sportgeräten, ohne viel von der Musik hinter den Noten zu verstehen. Dabei werden von chinesischen Musikschulen gerade diese gefördert. Statt musikalischer Früherziehung mit Gesang, Tanz und Orffschen Instrumenten bekommen chinesische Kinder häufig schon im Vorschulalter leistungsorienterten Instrumentalunterricht mit regelmäßigen Prüfungen. Denn wer gut Geige, Klavier oder Akkordeon spielt, bekommt im chinesischen Bildungssystem Bonuspunkte und kann einen besseren Kindergarten oder eine Schwerpunktschule besuchen. Viele Begabungen bleiben so unentdeckt. Zumal es in China nur wenig gute Musiklehrer gibt, vor allem für westliche Instrumente, denn diese waren während der Mao-Zeit verboten. Erst in den Achtzigern konnte das Land wieder an die Traditionen anschließen, die um die Jahrhundertwende vom kolonialen Shanghai aus in die gehobene Gesellschaft eingedrungen waren. Heute ist das Klavier wieder das beliebteste Instrument im Land, rund 50 Millionen Chinesen spielen am Piano. 370.000 Klaviere werden jedes Jahr in China produziert, mehr als in jedem anderen Land. „Wenn die Menschen genug zu essen, zum Anziehen und ein Dach über dem Kopf haben, kümmern sie sich auch wieder um Geist und Seele,“ sagt Zhao Zengmao, Direktor des Shanghaier Konservatoriums. „Deswegen erlebt die Musik in China derzeit eine Renaissance.“</p>
<p>Zwei chinesische Klavierstars haben sich schon im internationalen Konzertbetrieb etabliert. Lang Lang ist derzeit der Star der internationalen Jungpianistenszene. Der exzentrische 24jährige hat Werbeverträge mit Rolex und Audi und allein zwischen Mitte Februar und Mai dieses Jahres 37 Konzerte in aller Welt. Mit 21 Auftritten fast genauso begehrt ist Li Yundi, 25, der im Jahr 2000 als Jüngster den berühmten Warschauer Chopin-Klavierwettbewerb gewann.</p>
<p>Vor einem derartigen Konzerttrubel wollen Niu Nius Eltern ihren Sohn vorerst noch bewahren. „Zwei, drei große Konzerte im Jahr sind genug,“ sagt sein Vater. „Niu Niu ist ja noch ein Kind und soll so normal wie möglich aufwachsen. Da hat er doch genug Zeit, um sich zu entwickeln.“ Dabei sind seine Bewunderer schon heute begeistert von Niu Nius Ausdrucksstärke und musikalischer Vorstellungskraft. „Natürlich fehlt es ihm noch an Lebenserfahrung,“ erklärt seine Mutter, „aber seine Lehrer geben sich viel Mühe, ihm die Gefühlswelt von Beethoven oder Schumann nahe zu bringen.“ So baut Niu Niu sich emotionale Eselsbrücken, versetzt sich in Figuren aus Geschichten, denkt an seine Mutter, wenn es lieblich klingen soll, oder an die Wut und Verzweiflung, die er empfand, als sie ihn vor die Tür setze, weil er es mal wieder zu weit getrieben hatte.</p>
<p>Als er dann wieder hinein durfte, hatte er jedoch gleich wieder seinen großen Seelenverwandten vor Augen: Mozart. Bilder des Salzburger Musikgenies sind der wichtigste Wandschmuck in der Wohnung. Nicht nur andere vergleichen Niu Niu gerne mit ihm, sondern auch er selbst. „Mozart ist mein großes Vorbild,“ sagt er. „Seine Musik zu spielen ist einfach das vollkommen schönste Gefühl der Welt.“ Manchmal komponiert Niu Niu auch selbst ein paar kleine Stücke; künftig will er sich dafür jeden Samstag ein paar Stunden Zeit nehmen. „Aber ich komponiere noch nicht ernsthaft, nur zum Spaß.“ Umso besser. So hat das Wolferl schließlich auch angefangen.</p>
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