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	<title>Bernhard Bartsch &#187; Kunst</title>
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	<description>TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN</description>
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		<title>Amerikanischer Traum &#8211; Made in China</title>
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		<pubDate>Sat, 15 Oct 2011 00:49:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Der chinesische Bildhauer Lei Yixin entwarf das Denkmal von Martin Luther King. Viele Amerikaner empört das.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/10/Martin-Luther-King-Memorial-Oct-16.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2802" title="Martin-Luther-King-Memorial" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/10/Martin-Luther-King-Memorial-Oct-16.jpg" alt="" width="171" height="190" /></a>Dem chinesischen Bildhauer Lei Yixin wird an diesem Sonntag eine Ehre zuteil, von der viele meinen, dass sie ihm nicht zusteht. US-Präsident Barack Obama weiht in Washingtons National Mall, direkt zwischen den Denkmälern von Abraham Lincoln und Thomas Jefferson, Leis Standbild von Martin Luther King ein. Viele Amerikaner finden es ein Unding, dass die Statue des Bürgerrechtlers „Made in China“ ist: von einem Chinesen entworfen, in der Volksrepublik aus chinesischem Granit gemeißelt und dann per Container über den Pazifik geschifft, als existiere kein Unterschied zwischen Turnschuhen und einem Nationalmonument. Doch was kann Lei dafür, dass die Amerikaner ihn beauftragt haben?... ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der chinesische Bildhauer Lei Yixin entwarf das Denkmal von Martin Luther King. Viele Amerikaner empört das.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/10/Martin-Luther-King-Memorial-Oct-161.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2805" title="Martin-Luther-King-Memorial" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/10/Martin-Luther-King-Memorial-Oct-161.jpg" alt="" width="445" height="250" /></a>Dem chinesischen Bildhauer Lei Yixin wird an diesem Sonntag eine Ehre zuteil, von der viele meinen, dass sie ihm nicht zusteht. US-Präsident Barack Obama weiht in Washingtons National Mall, direkt zwischen den Denkmälern von Abraham Lincoln und Thomas Jefferson, Leis Standbild von Martin Luther King ein. Viele Amerikaner finden es ein Unding, dass die Statue des Bürgerrechtlers „Made in China“ ist: von einem Chinesen entworfen, in der Volksrepublik aus chinesischem Granit gemeißelt und dann per Container über den Pazifik geschifft, als existiere kein Unterschied zwischen Turnschuhen und einem Nationalmonument. Für den 57-jährigen Künstler wirft die Kontroverse einen dunklen Schatten auf das wichtigste Werk seines Lebens. Denn was kann Lei dafür, dass die Amerikaner ihn beauftragt haben? Hätte er etwa nein sagen sollen?</p>
<p>Niemand kann Lei vorwerfen, er habe sich aufgedrängt. Im Mai 2006 reiste er mit einer chinesischen Künstlerdelegation zu einem Bildhauerkongress in Minnesota, seiner Frau zuliebe, die gerne einmal ins Ausland wollte. Als Ausstellungsstück hatte er eine zwei Meter hohe Granitskulptur dabei. Die Statue fiel dem Präsident der Martin Luther King Memorial Foundation auf, der auf der Suche nach einem Steinmetz für das neun Meter hohe Denkmal war. Lei verfügte handwerklich und künstlerisch über beste Referenzen: In China hatte er rund 150 große Figuren verwirklicht. Dass dazu auch ein gutes Dutzend Standbilder von Mao Zedong und andere kommunistische Propagandamotive gehörten, schreckte die Findungskommission nicht ab.</p>
<p>Die amerikanische Öffentlichkeit dafür umso mehr. Die Auftragsvergabe entfachte einen Sturm der Entrüstung. Dass kein Afroamerikaner das Denkmal gestalten durfte, war schon schlimm genug, doch dass stattdessen ausgerechnet ein Chinese damit betraut wurde, traf den amerikanischen Zeitgeist an einer wunden Stelle. In weiten Kreisen ist China ein Synonym für Zukunftsangst, der Inbegriff von Arbeitsplatz- und Wohlstandsverlust. „Das ist ein amerikanisches Monument, kein chinesisches kommunistisches“, monierte der farbige Künstler Gilbert Young und versuchte mit einer Petition unter dem Motto „King is ours“ eine Neuausschreibung zu erzwingen. Sein ebenfalls schwarzer Kollege Ed Dwight, der mehrere Bronzestatuen von King verwirklicht und als aussichtsreicher Chefkünstler gegolten hatte, streute das Gerücht, Chinas Regierung den Auftrag mit einer Spende von 25 Millionen Dollar erkauft (Eine chinesische Beteiligung an den 120 Millionen-Dollar-Projekt ist bis heute nicht bewiesen). Die US-Granit-Industrie beklagte, dass kein einziger Felsblock aus einem amerikanischen Steinbruch stamme.</p>
<p>Lei Yixin hätte allen Grund, sich als Opfer dessen zu fühlen, wogegen Martin Luther King ein Leben lang gekämpft hat: Rassismus. Dabei sei Kings Engagement für Bürgerrechte doch „ein Vorbild für Menschen in aller Welt&#8221; gewesen, versucht er den Amerikanern den Alleinanspruch auf den Friedensnobelpreisträger zu nehmen. Er selbst habe den Text der legendären Rede „Ich habe einen Traum“ als Zehnjähriger von seinem Vater, ein Ingenieur, vorgelesen bekommen und später auswendig gelernt. Das war Mitte der 1960er, kurz vor dem Ausbruch der Kulturrevolution, während der Lei wegen seines „schlechten Klassenhintergrunds“ zur Umerziehung aufs Land geschickt wurde. Er führte ein Tagebuch, in das er auch zeichnete und mit dem er sich nach Ende der Mao-Zeit auf einen Studienplatz in Bildender Kunst bewarb. Er wurde sofort genommen. Nach seinem Abschluss im Jahr 1982 begann er an der Kunsthochschule seiner Heimatstadt Changsha Bildhauerei zu unterrichten und Skulpturen für öffentliche Plätze, Parks oder Regierungsgebäude zu entwerfen. Zu seinen persönlicheren Werken gehört eine Skulpturengruppe, die sich mit der Fremdheit der Chinesen in der modernen Welt auseinandersetzt: Drei chinesische Touristen stehen an der Grenze am Passschalter an. Sie tragen westliche Anzüge, haben jedoch nach ländlicher Sitte die Ärmel und Hosenbeine hochgekrempelt und sich die Taschen mit Wasserflaschen und Zigarettenpäckchen vollgestopft. Großen Ruhm brachte ihm seine Arbeit nicht, aber immerhin ein lebenslanges Stipendium der Regierung.</p>
<p>Leis Kritiker behaupten, seine künstlerische Sozialisierung im chinesischen Staatskunstsystem habe sich auch in seinem King-Denkmal niedergeschlagen. Die „Ernsthaftigkeit des Arbeiterparadieses“ spreche aus der Statue, befindet die „Chicago Tribune“, und ärgert sich, dass der Held der Schwarzen ausgerechnet in weißem Granit verewigt worden sei. Als „seelenlosen Stein-Agitprop“ bezeichnet der britische „Economist“ die Statue und klassifiziert Lei als „politischen Bullshit-Künstler“. Dass Lei den Entwurf, in dem King aus einem großen Felsen, dem „Stein der Hoffnung“, heraustritt, zusammen mit einem Architekturbüro aus San Francisco erarbeitet und mit der mehrheitlich mit Afroamerikanern besetzten Denkmalstiftung abgestimmt hat, will kaum einer mehr wissen. Womöglich ist das die bittere Aktualität dieses Denkmals: Martin Luther King tritt aus seinem „Stein der Hoffnung“ auf eine Welt ohne Rassenunterschiede nicht nur heraus, sondern bleibt auch in ihm gefangen.</p>
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		<title>Von Aufklärung keine Spur</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Apr 2011 07:01:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Diplomatie]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Die „Kunst der Aufklärung“ im Pekinger Nationalmuseum sollte ein Zeichen deutsch-chinesischer Freundschaft werden. Nun ist sie ein diplomatischer Problemfall.</h3>
Wer aufgeklärt werden will, muss Zeit mitbringen. Anderthalb Stunden stehen die Besucher an diesem Morgen Schlange, um in Pekings Nationalmuseum zu gelangen. Beim Warten können sie über den Platz des Himmlischen Friedens schauen. Am Eingang herrschen Sicherheitsvorkehrungen wie am Flughafen. Der Eintritt ist kostenlos. Die Ausstellung, deretwegen die Massen anstehen, ist keineswegs die "Kunst der Aufklärung"...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die „Kunst der Aufklärung“ im Pekinger Nationalmuseum sollte ein Zeichen deutsch-chinesischer Freundschaft werden. Nun ist sie ein diplomatischer Problemfall.</h3>
<p>Wer aufgeklärt werden will, muss Zeit mitbringen. Anderthalb Stunden stehen die Besucher an diesem Morgen Schlange, um in Pekings Nationalmuseum zu gelangen. Beim Warten können sie über den Platz des Himmlischen Friedens schauen. Am Eingang herrschen Sicherheitsvorkehrungen wie am Flughafen. Der Eintritt ist kostenlos.</p>
<p>Die Ausstellung, deretwegen die Massen anstehen, ist keineswegs die &#8220;Kunst der Aufklärung&#8221;, jene 600 Werke umfassende Gemeinschaftsschau der Staatlichen Museen zu Berlin, Dresden und München, die am 1. April von Außenminister Guido Westerwelle eröffnet wurde und den deutschen Steuerzahler zehn Millionen Euro kostet. Die Besucher kommen für ein Aufklärungsprojekt der anderen Art: &#8220;Der Weg zur neuen Blüte&#8221; heißt die vom Propagandaministerium entworfene patriotische Erziehungsmaßnahme, durch die täglich tausende Chinesen geschleust werden.</p>
<p>Ein Best-of volksrepublikanischer Selbstüberhöhung soll die Liebe zur Kommunistischen Partei festigen und das Misstrauen gegenüber dem Ausland schüren. &#8220;Mutterland, ich bin stolz auf dich!&#8221;, schreibt ein Besucher beseelt ins Gästebuch. Ein Sechstklässler strahlt: &#8220;China ist eine so großartige Nation.&#8221;</p>
<p>In diesem Umfeld absolutistischer Herrschaftslegitimation wollen die Deutschen also die Werte der europäischen Aufklärung vermitteln. Doch das Nationalmuseum scheint derzeit alles zu tun, um die deutsche Gastschau totzuschweigen: Weder vor dem Gebäude noch im Foyer findet sich auch nur der kleinste Hinweis auf die &#8220;Kunst der Aufklärung&#8221;. Die chinesischen Ausstellungen werden dagegen aktiv beworben. Auch auf der Internetseite des Museums muss man erst nach unten scrollen, um einen kleinen Link zu entdecken.</p>
<p>&#8220;Die deutsche Veranstaltung ist eigentlich keine richtige Ausstellung, sondern ein kommerzielles Projekt, für das die Deutschen bei uns einen Raum gemietet haben&#8221;, erklärt die Frau am Informationsstand und weist den Weg in den zweiten Stock. So also wird Besuchern ein seit sieben Jahren geplantes deutsch-chinesisches Gemeinschaftsprojekt unter der Schirmherrschaft der beiden Präsidenten schmackhaft gemacht. Auch im zweiten Stock muss der Besucher mehrfach fragen, bevor er plötzlich vor einem klapprigen Aufsteller mit Gottlieb Schicks berühmtem Bild von &#8220;Heinrike Dannecker&#8221; steht, auf dem groß &#8220;Eintritt 30 Yuan&#8221; steht.</p>
<p>Es ist die einzige Ausstellung im Nationalmuseum, für die Besucher bezahlen müssen, und die umgerechnet 3,20 Euro sind für chinesische Verhältnisse keineswegs billig (eine Flasche Wasser im Museumsladen kostet nur 3 Yuan). Wer einen Audioguide benutzen möchte, muss den langen Weg zurück ins Foyer antreten und dort noch einmal 30 Yuan bezahlen. Der Besuch ist entsprechend spärlich. &#8220;Es kommen bis zu tausend Leute am Tag&#8221;, sagt die Frau an der Kasse. Im Vorfeld hatte das Museum den Deutschen täglich mehrere zehntausend Besucher angekündigt, an Spitzentagen bis zu 100 000.</p>
<p>Für das Nationalmuseum wäre es ein leichtes, die Besuchergruppen auch durch die &#8220;Aufklärung&#8221; zu führen und auf den Eintritt zu verzichten, der ohnehin nicht auf Wunsch der Deutschen erhoben wird. Doch offensichtlich ist die chinesische Seite derzeit nicht bereit, die Ausstellung zu einem Erfolg zu machen. Zusagen werden nicht eingehalten. So hatten die deutschen Organisatoren noch Ende März berichtet, dass ein Bild von &#8220;Heinrike Dannecker&#8221; groß vor dem Museum für die Schau werben werde. Davon ist jetzt keine Rede mehr.</p>
<p>Die Versäumnisse sind deutlich mehr als Anfangsschwierigkeiten. Was als deutsch-chinesische Freundschaftsgeste gedacht war, ist längst ein diplomatischer Problemfall, bei dem beide Seiten einander böse sind. Die Deutschen fühlen sich von den Chinesen vorgeführt: Erst wurde Mitorganisator Tilman Spengler das Visum verweigert, dann wurde unmittelbar nach der Eröffnungsfeier der Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei verhaftet. Doch auch die Chinesen fühlen sich düpiert: Dass einige deutsche Politiker und Medien fordern, die Ausstellung müsse als Reaktion auf Ais Verhaftung abgezogen werden, sorgt im Pekinger Kulturministerium sowie beim Nationalmuseum für Trotzreaktionen. Dass nicht jeder deutsche Parlamentarier oder Feuilletonist für die Regierung spricht, ist in einem Land mit Einparteiensystem und straff geführtem Propagandaapparat schwer einsichtig.</p>
<p>Um die Probleme zu beheben, hat das Museumstriumvirat nun einen Vertreter nach China geschickt, der mit dem Nationalmuseum verhandeln soll. Für die Ausstellungsmacher steht viel auf dem Spiel. Vor allem der Dresdner Museumsdirektor Martin Roth, Hauptinitiator der Schau, hatte vor der Ausstellung für die Kooperation mit Chinas wichtigstem Museum geworben. Skeptiker, die damals rieten, mit einem weniger politisch exponierten Museum zu kooperieren, mussten sich Ahnungslosigkeit vorwerfen lassen. Doch nun fällt es den Organisatoren zunehmend schwer, den Vorwurf zu entkräften, naiv und überehrgeizig gehandelt zu haben.</p>
<p>Wie es weitergehen soll, ist offen &#8211; weder die deutschen Museen noch das Pekinger Nationalmuseum wollten sich öffentlich äußern. Die Aufklärung lässt auf sich warten.</p>
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		<title>&#8220;Fünf-Sterne-Lakai des Westens&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Apr 2011 06:36:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Mit einer Rufmordkampagne will China den inhaftierten Künstler Ai Weiwei diskreditieren.</h3>
Der Panda trägt ein Sturmgewehr und lässt keinen Zweifel daran, auf wen er gerne schießen würde: auf Ai Weiwei, den "Verräter des Mutterlandes" und "Fünf-Sterne-Lakai des Westens". Das bewaffnete chinesische Nationaltier ist das Maskottchen des Internetportals "Fortschrittliche Gesellschaft" (www.jinbushe.org), einem nationalistischen Forum, das seine Klicks derzeit vor allem Schmiertiraden gegen den berühmten Künstler und Regimekritiker verdankt: "Ai Weiwei ist ein fetter, vulgärer Mann, der sich gerne nackt auszieht und seinen Pimmel zeigt", beginnt ein im Lexikonstil geschriebener Artikel...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Mit einer Rufmordkampagne will China den inhaftierten Künstler Ai Weiwei diskreditieren.</h3>
<p>Der Panda trägt ein Sturmgewehr und lässt keinen Zweifel daran, auf wen er gerne schießen würde: auf Ai Weiwei, den &#8220;Verräter des Mutterlandes&#8221; und &#8220;Fünf-Sterne-Lakai des Westens&#8221;. Das bewaffnete chinesische Nationaltier ist das Maskottchen des Internetportals &#8220;Fortschrittliche Gesellschaft&#8221; (www.jinbushe.org), einem nationalistischen Forum, das seine Klicks derzeit vor allem Schmiertiraden gegen den berühmten Künstler und Regimekritiker verdankt: &#8220;Ai Weiwei ist ein fetter, vulgärer Mann, der sich gerne nackt auszieht und seinen Pimmel zeigt&#8221;, beginnt ein im Lexikonstil geschriebener Artikel. Zehn Jahre habe Ai als Bettler in den USA gelebt, bevor er in China zum Künstler wurde, wobei er seinen Erfolg seiner Liebedienerei gegenüber westlichen Chinafeinden verdanke. Seine Ideen seien abgekupfert, seine Skulpturen beruhten auf der Zerstörung von wertvollen Antiquitäten oder Möbeln und für die Herstellung benutze er schlecht bezahlte Arbeiter und gesundheitsschädliche Materialien. Ais Kunst zeige, &#8220;dass er unser Land tief hasst&#8221;, konstatiert der Eintrag. &#8220;Ai Weiwei ist der Abschaum der Menschheit, er muss hart bestraft werden.&#8221;</p>
<p>Der Geschmähte kann sich derzeit nicht verteidigen. Seit seiner Festnahme am Pekinger Flughafen am 3. April fehlt von Ai Weiwei jede Spur. Nach offizieller Darstellung wird gegen den 53-Jährigen wegen &#8220;wirtschaftlicher Verbrechen&#8221; ermittelt. Außerhalb Chinas hält man es für wahrscheinlicher, dass die Kommunistische Partei ihren renommiertesten Kritiker mundtot machen und unangepasste Denker einschüchtern will.</p>
<p>Der Druck auf Ais Anhänger ist gewaltig: Sein Frau Lu Qing erklärte, die Behörden hätten ihr Äußerungen gegenüber ausländischen Medien verboten. Von Liu Xiaoyuan, einem von Ais Anwälten, fehlt jede Spur, seitdem er vergangenen Donnerstag per SMS mitteilte, er werde verfolgt. Eine Mitarbeiterin aus Ais Pekinger Studio schrieb über Twitter, die Polizei habe ihr Schläge angedroht, falls sie sich öffentlich äußere. Die Regierung beharrt derweil darauf, die Ermittlungen verliefen strikt nach den Regeln des Gesetzes.</p>
<p>Nach allem, was über Chinas Staatssystem bekannt ist, wird über Ais Schicksal in den höchsten Parteigremien entschieden &#8211; und womöglich steht das Urteil bereits fest. In der Öffentlichkeit lässt die Regierung Ai bereits den Prozess machen. Der Propagandaapparat nutzt seine ganze Medienmacht, um Ais Ruf zu ruinieren. Während andere Regimekritiker wie Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo totgeschwiegen werden, lanciert man systematisch kompromittierende Nachrichten über Ai. So verbreiteten die von Peking finanzierten Hongkonger Blätter Wen Wei Po und Ta Kung Pao Gerüchte über Ais Privatleben und warfen dem unter anderem für Aktfotos bekannten Künstler vor, im Internet Pornografie verbreitet zu haben. Zudem gebe es &#8220;hinreichende Beweise für Steuerhinterziehung&#8221;, zitierten die Zeitungen einen Informanten aus dem Polizeiministerium. Ai habe dies zugegeben und kooperiere mit den Ermittlern, hieß es &#8211; womöglich ein Versuch, seine Familie und Mitarbeiter zu verunsichern, die keinen Kontakt zu dem Künstler haben.</p>
<p>Die nationalistische &#8220;Global Times&#8221; warf Ai vor, sich mit antichinesischen Kräften im Ausland verbündet zu haben, um die Volksrepublik ins Chaos zu stürzen, während die offizielle Nachrichtenagentur Ai des Plagiarismus beschuldigte. Auch ausländische Medien werden für die Propaganda ausgeschlachtet. So fanden Chinesen, die gestern bei der Suchmaschine Baidu Nachrichten über Ai Weiwei suchten, als erstes die Meldung, Bundeskanzlerin Angela Merkel habe dementiert, sich für Ais Freilassung eingesetzt zu haben. Der Hintergrund: &#8220;Der Spiegel&#8221; hatte von einem Brief Merkels an Chinas Staat- und Parteichef Hu Jintao berichtet, was eine Regierungssprecherin jedoch dementierte. In China wurde daraus ein doppeltes Berliner Bekenntnis zu Pekings Position, denn bei den Lesern wurde der Eindruck erzeugt, Merkel unterstütze Ais Verhaftung und Chinas Kritik an westlichen Medien.</p>
<p>Bei unabhängigen Hongkonger Medien sorgt die Kampagne der Staatsmedien für Empörung. Die Regierung benutze &#8220;den Medienapparat, um Ai fertigzumachen&#8221;, kritisierte die Zeitung Mingpao. Die Propagandabehörde sei bemüht, &#8220;Ai mit Dreck zu bewerfen und sein Ansehen zu zerstören&#8221;. Noch hemmungsloser als in den Medien wird in Webforen gegen Ai gehetzt. Offenbar soll der Künstler, der in China vor allem als Blogger und Internetaktivist bekannt ist, mit den eigenen Waffen geschlagen werden. Das Maoismusforum &#8220;Wuyouzhixiang&#8221; mobilisierte seine Leser ebenso wie das Patriotismusportal &#8220;m4.cn&#8221;, das eigens eine sechsteilige Filmreihe produzierte, um Ai zu diskreditieren.</p>
<p>Dabei sind die Vorwürfe nicht unbedingt frei erfunden, sondern oft boshafte Verzerrungen bestehender Kritik. Denn auch wenn Ai von westlichen Medien und dem internationalen Kunstmarkt lange als Star gefeiert wurde, ist er unter chinesischen Künstlern nicht unumstritten. &#8220;Ai Weiwei hat seine Regimekritik bewusst eingesetzt, um reich und berühmt zu werden&#8221;, sagt Ais bekannteste Kritikerin, die Kunsthistorikerin Zhu Ling. &#8220;Seine Ideen sind aus dem Westen geklaut, und es ist ein absolutes Unrecht, dass so einer der bekannteste chinesische Künstler ist.&#8221; Seit Jahren sammelt Zhu, die in Berlin an der Freien Universität promovierte und 2008 in Schöneberg die &#8220;Galerie Ling&#8221; gründete, auf ihrem chinesischsprachigen Blog Argumente gegen Ai. Neben Geldschneiderei wirft sie ihm vor, antichinesische Kräfte zu unterstützen.&#8221;Wenn Ai Weiwei China wirklich verändern wollte, sollte er nicht so häufig im Ausland sein&#8221;, schreibt sie. &#8220;Die Westler hassen und beneiden China. China ist ihr Juckreiz, und Ai Weiwei ist derjenige, der sie kratzt.&#8221;</p>
<p>Während ihre Artikel bisher ein obskures Randphänomen der Kunstszene waren, hat Zhu nun plötzlich tausende Leser. Das Hetzforum &#8220;Fortschrittliches China &#8221; deklarierte sie zur Vorzeigepatriotin und bezeichnete sie als &#8220;Heldin&#8221; und &#8220;klare Denkerin&#8221;. Zwar gehört Zhu nicht zu denen, die der chinesischen Regierung blind nach dem Mund reden. Für den in Peking verhassten Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo findet sie im Gespräch mit dieser Zeitung durchaus rühmende Worte, weil er sein Demokratiemanifest &#8220;Charta 08 &#8221; nicht aus wirtschaftlichen Motiven, sondern aus reiner Überzeugung geschrieben habe. Und obwohl sie glaubt, dass Liu, der eine elfjährige Haftstrafe erhielt, kein faires Verfahren erhalten habe, fordert sie, dass man der chinesischen Regierung &#8220;nicht immer vorwerfen dürfe, gegen das Gesetz zu verstoßen&#8221;. Ihre neue Leserschaft sei ihr jedenfalls nicht unangenehm.</p>
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		<title>Widerstand als Gesamtkunstwerk</title>
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		<pubDate>Tue, 05 Apr 2011 13:53:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Wie Ai Weiwei zum schärfsten Kritiker der Kommunistischen Partei wurde.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/05/ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1130" title="ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/05/ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2-1024x1015.jpg" alt="" width="177" height="175" /></a>Wer im Pekinger Kreativenviertel Caochangdi das Haus von Chinas bekanntestem Künstler und schärfstem Regierungskritiker sucht, erkennt es an den beiden Überwachungskameras. Die eine ist an einen Laternenmast montiert und auf die Stahltür eines grau ummauerten Gebäudekomplexes gerichtet. Diese Kamera hat die Polizei installiert. Die andere ragt von innen hinter der Mauer hervor und zielt auf die erste Kamera. Dieses Gerät hat Ai Weiwei angebracht. "Wenn die Polizei mich überwachen darf, darf ich auch die Polizei überwachen", erklärte Ai bei einem Studiobesuch im vergangenen Herbst...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Wie Ai Weiwei zum schärfsten Kritiker der Kommunistischen Partei wurde.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/05/ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1130" title="ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/05/ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2-1024x1015.jpg" alt="" width="299" height="296" /></a>Wer im Pekinger Kreativenviertel Caochangdi das Haus von Chinas bekanntestem Künstler und schärfstem Regierungskritiker sucht, erkennt es an den beiden Überwachungskameras. Die eine ist an einen Laternenmast montiert und auf die Stahltür eines grau ummauerten Gebäudekomplexes gerichtet. Diese Kamera hat die Polizei installiert. Die andere ragt von innen hinter der Mauer hervor und zielt auf die erste Kamera. Dieses Gerät hat Ai Weiwei angebracht. &#8220;Wenn die Polizei mich überwachen darf, darf ich auch die Polizei überwachen&#8221;, erklärte Ai bei einem Studiobesuch im vergangenen Herbst.</p>
<p>Mehrere Jahre lang hat der 53-Jährige mit den Behörden darum gekämpft, was ein chinesischer Staatsbürger darf und was nicht. Ai wusste, dass er das Recht, die Moral und viele Sympathien auf seiner Seite hatte &#8211; aber er wusste auch, dass dies in China im Zweifelsfall nicht viel zählt. Am Sonntag demonstrierte die Kommunistische Partei ihre Macht: Die Polizei nahm Ai am Pekinger Flughafen fest, verhörte seine Frau, Mitarbeiter und Anwälte und beschlagnahmte sämtliche Computer in seinem Studio. Obwohl das chinesische Gesetz vorschreibt, dass Angehörige von Verhafteten innerhalb von 24 Stunden über Anklage und Aufenthaltsort informiert werden, fehlt von Ai bisher jede Spur.</p>
<p>Über den Grund für die Festnahme lässt sich nur spekulieren. Womöglich hatten die Behörden herausbekommen, dass Ai über Hongkong nach Taiwan fliegen wollte, um dort seine erste Soloschau vorzubereiten, die im Oktober stattfinden sollte. Da Ai in der Volksrepublik Ausstellungsverbot hat, wäre das Kunstprojekt auf der von Peking als &#8220;abtrünnige Provinz&#8221; betrachteten Insel ein Politikum gewesen. Unter Umständen hatte die Polizei auch herausgefunden, dass Ai dabei war, eine Liste aller Menschen zu erstellen, die Opfer der Kampagne gegen die sogenannten &#8220;Jasmin-Demonstrationen&#8221; geworden waren, jenen vom Volksaufstand in Tunesien inspirierten Protestaufrufen, die im März mehrere Wochenenden lang das Zentrum chinesischer Großstädte zur Hochsicherheitszone machten.</p>
<p>Doch was immer der konkrete Anlass für die Verhaftung war, so dürfte der Hauptgrund darin liegen, dass Ai seit Jahren wie kein anderer Chinese von seiner Meinungsfreiheit Gebrauch machte und dabei bewusst so tat, als ließen sich die in der chinesischen Verfassung festgeschriebenen Rechte auch in der Wirklichkeit einfordern. Seine regelmäßigen scharfzüngigen Interviews und anklagenden Kunstaktionen im Ausland waren aus Sicht der Partei sicherlich verzeihlicher als seine beharrlichen Versuche, seine Landsleute zum zivilen Ungehorsam aufzurufen. Denn für Chinesen steht der Name Ai Weiwei weniger für einen aufsehenerregenden und hochbezahlten Künstler als für ein subversives Internetphänomen. Was Ai nicht stört, im Gegenteil. &#8220;Politische und soziale Anliegen sind Teil meiner Arbeit&#8221;, sagte er. &#8220;Wenn meine Werke relevant sein sollen, müssen sie sich mit den wichtigen Themen unserer Gesellschaft befassen.&#8221;</p>
<p>Ai ist ein schwergewichtiger Mann mit wildem Bart und sanften Augen, und wer ihn in den vergangenen Jahren in seinem Studio besuchte, fand ihn meist vor dem Computer vor. &#8220;Ich verbringe täglich mindestens acht Stunden im Internet, manchmal 24&#8243;, erzählte er. Das Netz ermögliche es den Chinesen erstmals in ihrer Geschichte, wirklich &#8220;menschlich&#8221; zu leben. &#8220;Meine Definition von &#8220;Mensch&#8221; ist, dass man frei seine Informationen erwerben, seine Wissensstruktur aufbauen und seine Meinung ausdrücken kann&#8221;, sagte Ai. &#8220;Durch das Internetzeitalter verändert sich die gesamte Machtstruktur.&#8221;</p>
<p>Er machte keinen Hehl daraus, wie er die Machtstruktur verändern wollte: In seinen Blogeinträgen enthüllte er die Willkür von Chinas Rechtssystem und der Sicherheitskräfte, wettert gegen die Olympischen Spiele und die Feierlichkeiten zum 60. Gründungstag der Volksrepublik, engagierte sich gegen Internetzensur und Korruption. Wenn seine Internetseiten geschlossen wurden, eröffnete er neue, und auf dem Mikroblogdienst Twitter, der von China aus nur mit spezieller Software zur Umgehung von Internetblockaden erreichbar ist, hat er über 70 000 Anhänger. Dass er mit seinen Aktionen die gleichen harschen Konsequenzen riskierte wie viele andere chinesische Bürgerrechtler, für die er sich einsetzte, war ihm bewusst. Er schien bisweilen selbst darunter zu leiden, dass er nicht imstande war, die Verantwortung, die er sich selbst aufgelegt hatte, abzuschütteln. Ais Leben ist gewissermaßen ein widerständlerisches Gesamtkunstwerk, eine Miniatur chinesischer Zeitgeschichte, mit all ihren Bruchstellen und Abgründen.</p>
<p>Geboren wurde er 1957 in Peking in besten volksrepublikanischen Verhältnissen. Sein Vater Ai Qing war ein berühmter Maler, Schriftsteller und kommunistischer Vordenker, dessen patriotische Gedichte bis heute jedes chinesische Schulkind lernt. Ein Jahr nach Ais Geburt fiel sein Vater bei Mao in Ungnade und wurde mit seiner Familie aus Peking verbannt, zunächst in die Mandschurei, später ins westchinesische Xinjiang. So lernte Ai Weiwei von klein auf, was es bedeutet, hungrig und ausgestoßen zu sein. &#8220;Manche Menschen haben vor unserem Haus ausgespuckt, wenn sie auf der Straße vorbeiliefen&#8221;, erinnerte er sich.</p>
<p>Allerdings bemerkten sie auch, dass es sich bei den Verstoßenen um Menschen mit einem besonderen Sinn für Ästhetik handelte. &#8220;Unser Brennholzhaufen war immer sehr kunstvoll gestapelt, ganz ohne Spalten zwischen den Scheiten&#8221;, erzählte Ai. Jahrzehnte später sollte er daraus ein Kunstwerk machen: einen perfekt geschichteten Holzstapel, bestehend aus zerschlagenen Balken abgerissener chinesischer Tempel.</p>
<p>Erst nach Maos Tod durfte die Familie nach Peking zurückkehren. Als 1978 die während der Kulturrevolution geschlossenen Universitäten wieder geöffnet wurden, schrieb sich der mittlerweile 21-Jährige an der Pekinger Filmakademie ein. In Ais Jahrgang studierten unter anderem Chen Kaige und Zhang Yimou, die in den achtziger und frühen neunziger Jahren als Regie-Kamera-Team den chinesischen Film revolutionieren sollten &#8211; allerdings eine Revolution, die den Rahmen des staatlich Zugelassenen strapazierte, aber nicht sprengte.</p>
<p>Ai war dagegen zu keinen Kompromissen bereit. 1979 gründete er mit anderen Künstlern die &#8220;Sternengruppe&#8221;, die jegliche Einbindung in den offiziellen Kulturbetrieb ablehnte und deshalb schnell unter Druck geriet. Frustriert von den Beschränkungen in seiner Heimat, beschloss Ai auszuwandern. 1981 zog er nach New York und studierte an der Parsons School of Design, beschäftigte sich mit Performance- und Konzeptkunst. Sein Studium finanzierte er sich unter anderem als Straßenkünstler und Fotograf.</p>
<p>Wäre nicht 1993 sein Vater erkrankt, wäre Ai wohl noch länger in New York geblieben. Doch so kehrte er zwölf Jahre nach seiner Ausreise und vier Jahre nach der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens nach China zurück. Er kam in ein Land, in dem viel in Bewegung geraten war, in dem aber auch viele seiner früheren Befürchtungen bewahrheitet hatten. Gewaltige Umbauprojekte prägten das Reformzeitalter. Seine Gewinner wurden gefeiert, die Verlierer ignoriert, und wer die Probleme für größer hielt als die Errungenschaften, galt als Verräter.</p>
<p>Ai machte aus seinen Sorgen Kunst, und das erfolgreich. Schon bald gehörte er zu den bestbezahlten Stars der Szene. Doch anders als viele seiner Kollegen machte der Erfolg ihn nicht käuflich. Ai wollte frei bleiben. Es war diese persönliche Unabhängigkeitserklärung, die ihn über den Kunstbetrieb hinaus bekannt machte. Nachdem Peking 2001 den Zuschlag für die Olympischen Spiele bekommen hatte, entwarf er zusammen mit dem Schweizer Architekturbüro Herzog &amp; de Meuron das &#8220;Vogelnest&#8221; genannte Hauptstadion. Doch die spektakuläre Stahlkonstruktion begann kaum, Formen anzunehmen, als Ai sich von den Spielen distanzierte. Er sprach von einer &#8220;unerträglichen Propagandaschau der Kommunistischen Partei&#8221; und kündigte an, nicht an der Eröffnungsfeier teilzunehmen.</p>
<p>Für die internationalen Medien war dies ein gefundenes Fressen &#8211; und auch für Chinas so genannte &#8220;Netzfreunde&#8221;, die kritische Internetgemeinde, die stets versucht, Pekings offizielle Selbstdarstellung auszuhebeln. Bald kursierte das Gerücht, Ai habe mit dem Design Rache für die Verbannung seines Vaters üben wollen und deswegen ein Stadion entworfen, das einer Kloschüssel gleiche. Dass sein Vogelnest daraufhin den Spitznamen &#8220;Große Toilette&#8221; bekam, war ein Witz nach Ais Geschmack. Schließlich hatte er sein Designstudio FAKE genannt, um den chinesischen Behörden symbolisch den Stinkefinger zu zeigen. Denn hinter dem Namen versteckt sich nicht nur das englische Wort für Fälschung, sondern auch die chinesische Umschrift von &#8220;Fuck&#8221;, ein Schimpfwort, das Ai im Bezug auf die Parteikader seines Landes gerne, häufig und in vielen Abwandlungen benutzt. So hat er zum 60. Gründungstag der Volksrepublik am 1. Oktober 2009 auf seinem Blog einen &#8220;Mittelfinger-Fotowettbewerb&#8221; ausgeschrieben, mit dem Ziel, seine Landsleute zur Schmähung von Herrschaftssymbolen anzustacheln.</p>
<p>Durch Olympia rückte Ais Existenz in der virtuellen Welt zunehmend ins Zentrum seines Schaffens. Denn trotz Internetzensur gibt es im chinesischen Netz Spielräume für scharfe Sozialkritik, zumindest solange sie so formuliert ist, dass sie der Cyberpolizei und ihrer Kontrollsoftware nicht sofort auffällt. Steht ein Blogeintrag eine Weile im Web, wird er oft weiterkopiert und ist dann kaum noch wieder einzufangen. Seine aufsehenerregendste Internetaktion gelang ihm, als er mit freiwilligen Helfern eine Liste der 2008 beim Erbeben von Sichuan getöteten Kinder erstellte. Damit wollte er eine Debatte um eine Frage erzwingen, welche die Zensurbehörden nach Kräften zu vermeiden versuchten: Starben tausende Kinder, weil ihre Schulen &#8220;Tofu-Konstruktionen&#8221; waren, die infolge von Korruption und Schlamperei mit minderwertigen Materialien errichtet worden waren und gegen bestehende Sicherheitsvorschriften verstießen? Die Zensoren zeigten sich ratlos, wie sie mit der Provokation umgehen sollten. Zum ersten Jahrestag des Erdbebens am 12. Mai 2009 schaffte es Ai, mehr als 5000 Namen auf seiner Internetseite zu veröffentlichen. Die Liste bedeckt bis heute die Rückwand des Großraumbüros von Ais Studio. Doch gearbeitet wird dort seit vergangenem Wochenende nicht mehr &#8211; alle Computer wurden von der Polizei beschlagnahmt.</p>
<p>Ais Mitarbeiter grübeln besorgt, welches Schicksal ihrem Chef blüht, den sie respektvoll &#8220;Ai Laoshi &#8221; nennen &#8211; &#8220;Lehrer Ai&#8221;. Im schlimmsten Fall drohe ihm eine lange Haftstrafe, so wie Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, der wegen angeblichen &#8220;Umsturzes der Staatsgewalt&#8221; für elf Jahre im Gefängnis sitzt. Angesichts gewaltigen internationalen Protests könnte die Regierung allerdings auch versuchen, Ai ins Exil zu gehen. Schon in der Vergangenheit sei er von der Staatssicherheit gedrängt worden, das Land zu verlassen, doch Ai betonte, dies nur im äußersten Notfall tun zu wollen. Dass dieser eintreten könnte, hat Ai offensichtlich geahnt. In den vergangenen Monaten bereitete er den Kauf eines Studios in Berlin vor, in dem er Teile seiner Kunstprojekte verwirklichen wollte. Dass dies ein Exilstandort sein würde, hat er stets bestritten. Nun könnte es für diesen Schritt zu spät sein.</p>
<p>Eines der letzten Projekte, an deren Fertigstellung Ai vor seiner Verhaftung arbeitete, war ein Dokumentarfilm über die Rechte Krimineller in Deutschland. Dafür hatte er mit Richtern, Anwälten und Politikern gesprochen und ein deutsches Gefängnis besucht. &#8220;Er wollte den Chinesen zeigen, wie ein Rechtsstaat funktioniert&#8221;, sagt ein Mitarbeiter. &#8220;Stattdessen zeigt China nun der ganzen Welt, dass es in unserem Land keinen Rechtsstaat gibt.&#8221;</p>
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		<title>Razzia bei Ai Weiwei</title>
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		<pubDate>Sun, 03 Apr 2011 14:11:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Ai Weiwei]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Chinas Polizei nimmt kritischen Künstler und Mitarbeiter fest. Womöglich droht Ai Weiwei eine lange Haftstrafe.</h3>
Chinas Kommunistische Partei hat ihren prominenten Kritiker, den Künstler Ai Weiwei, festnehmen lassen. Der Künstler wurde am Sonntag gegen 8.30 Uhr am Pekinger Flughafen verhaftet, als er nach Hongkong fliegen wollte. „An der Passkontrolle wurde er abgeführt“, erklärte eine Begleiterin. Seitdem fehlt von ihm jede Spur. Wenig später starteten dann rund zwanzig Polizisten eine Razzia in Ais Studio...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Chinas Polizei nimmt kritischen Künstler und Mitarbeiter fest. Womöglich droht Ai Weiwei eine lange Haftstrafe.</h3>
<p>Chinas Kommunistische Partei hat ihren prominenten Kritiker, den Künstler Ai Weiwei, festnehmen lassen. Der Künstler wurde am Sonntag gegen 8.30 Uhr am Pekinger Flughafen verhaftet, als er nach Hongkong fliegen wollte. „An der Passkontrolle wurde er abgeführt“, erklärte eine Begleiterin. Seitdem fehlt von ihm jede Spur.</p>
<p>Wenig später starteten dann rund zwanzig Polizisten eine Razzia in Ais Studio, wie ein anderer Mitarbeiter berichtete. „Gegen zwölf Uhr klopften sie an die Tür. Als sie nicht sofort Einlass bekamen, drohten sie, mit der Leiter über die Mauer zu steigen.“ Unter den Beamten, die einen Durchsuchungsbefehl zeigten, befanden sich neben normalen Polizisten auch Angehörige der Militärpolizei und anderer Sicherheitsdienste. Insgesamt elf Mitarbeiter wurden festgenommen, drei von ihnen befanden sich bei Redaktionsschluss noch in Polizeigewahrsam. Der Informant zeigte Filmaufnahmen, die das verwüstete Studio zeigen. „Alle Computer des Büros sind mitgenommen worden, insgesamt mehr als 20 Stück“, sagte er. „Auf den Rechnern befanden sich alle Informationen zu Ai Weiweis Projekten.“</p>
<p>Der 53-Jährige steht wegen seiner offenen Kritik an der Regierung seit Jahren unter Druck. Vergangene Woche erst sagte Ai, er plane, ein Studio in Berlin zu eröffnen. Aufgrund der harten Repressalien sei er „einfach ratlos, wie ich hier weiterarbeiten kann“. Nun könnte ihm eine langjährige Haftstrafe drohen. Der Schlag gegen Ai und seine Mitarbeiter war offenbar minutiös geplant.</p>
<p>Am vergangenen Dienstag beobachteten Mitarbeiter des Künstlers einen Polizisten, der abends das Studio observierte. Am Folgetag tauchten rund 15 Beamte unter dem Vorwand auf, die Feuersicherheit überprüfen zu wollen. „Es waren Polizisten, aber auch Mitarbeiter der Staatssicherheit, die sich nicht ausgewiesen haben“, berichtete der Mitarbeiter. „Zwei von ihnen kannte Ai Weiwei von früheren Verhören.“  Am Donnerstag stand spätabends abermals die Polizei vor der Tür, diesmal, um Ais ausländische Mitarbeiter zu registrieren. Am Freitag seien sie wieder gekommen, um die Daten einiger ausländischer Mitarbeitern aufzunehmen. Am Sonntag folgte dann die Großrazzia.</p>
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		<title>Aufklärer am Werk</title>
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		<pubDate>Wed, 30 Mar 2011 01:47:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Intellektuelle]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Eine Ausstellung zeigt in China die „Kunst der Aufklärung“. Doch um sich ihres Verstandes zu bedienen, brauchen chinesische Intellektuelle keine Nachhilfe.</h3>
Heinrike soll höher hängen. "Zehn Zentimeter sind zu viel, probiert mal fünf", dirigiert Michael Eissenhauer die Arbeiter im Pekinger Nationalmuseum. Der Berliner Museumsdirektor hat eines seiner wertvollsten Werke in die chinesische Hauptstadt verliehen: das "Porträt der Heinrike Danneker" von Gottlieb Schick, gemalt 1802, eine Bildikone der Aufklärung, der Emanzipation und des gymnasialen Geschichtsunterrichts. Die junge Frau in den Farben der französischen Revolution soll den Chinesen die "Kunst der Aufklärung" vermitteln...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Eine Ausstellung zeigt in China die „Kunst der Aufklärung“. Doch um sich ihres Verstandes zu bedienen, brauchen chinesische Intellektuelle keine Nachhilfe.</h3>
<p>Heinrike soll höher hängen. &#8220;Zehn Zentimeter sind zu viel, probiert mal fünf&#8221;, dirigiert Michael Eissenhauer die Arbeiter im Pekinger Nationalmuseum. Der Berliner Museumsdirektor hat eines seiner wertvollsten Werke in die chinesische Hauptstadt verliehen: das &#8220;Porträt der Heinrike Danneker&#8221; von Gottlieb Schick, gemalt 1802, eine Bildikone der Aufklärung, der Emanzipation und des gymnasialen Geschichtsunterrichts.</p>
<p>Die junge Frau in den Farben der französischen Revolution soll den Chinesen die &#8220;Kunst der Aufklärung&#8221; vermitteln, zusammen mit 600 Werken, welche die Staatlichen Museen Berlin, Dresden und München ab 1. April gemeinsam ein Jahr lang in Peking zeigen. Das Chinesische Nationalmuseum wird gerade von dem deutschen Architektenbüro Gerkan, Marg und Partner zum größten Museumsgebäude der Welt umgebaut. Noch weiß in China allerdings fast niemand von der Ausstellung, es gibt weder Werbung noch Zeitungsartikel. &#8220;Aber unsere chinesischen Partner versprechen, dass wir uns um Besuchermangel keine Sorgen zu machen brauchen&#8221;, sagt Eissenhauer. &#8220;An Spitzentagen erwarten sie bis zu 100000 Menschen.&#8221;</p>
<p>Was die Besucherzahlen betrifft, steht der Erfolg der Ausstellung, die den deutschen Steuerzahler rund zehn Millionen Euro kostet, wohl tatsächlich nicht in Frage. Doch in einem Land mit Milliardenbevölkerung ist es kein Kunststück, mit der Magie der großen Zahl zu zaubern. Ob sich der Aufwand gelohnt hat, hängt allerdings von etwas anderem ab: Kann die &#8220;Kunst der Aufklärung&#8221; ihren Weg in Chinas gesellschaftspolitische Debatten finden und Intellektuellen Lust darauf machen, die chinesische Gegenwart durch das Prisma des europäischen 18. Jahrhunderts zu betrachten?</p>
<p>Die deutschen Ausstellungsmacher sind von ihrem Projekt naturgemäß überzeugt. &#8220;Das Recht des Individuums auf seine Subjektivität und seine eigene Gefühlswelt ist etwas ungeheuer Revolutionäres&#8221;, erklärt Eissenhauer. &#8220;Auch die Verantwortung des Individuums in der Gesellschaft ist natürlich noch immer ein zentrales Thema.&#8221; Aus dem Mund eines deutschen Museumsdirektors sind die Sätze kein Politikum. Trotzdem wohnt dem Programm der Aufklärung in der Volksrepublik, die von ihrer Kommunistischen Partei mit absolutistischem Herrschaftsanspruch und teils barocken Regierungsmethoden geführt wird, Sprengstoff inne.</p>
<p>&#8220;Wir stellen natürlich nicht den Nobelpreisträger aus, der im Gefängnis sitzt&#8221;, sagt der Kurator Jörg Völlnagel in Anspielung auf den Demokratieaktivisten Liu Xiaobo, der für seinen Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, elf Jahre Haft erhielt. &#8220;Dass sich Parallelen ziehen lassen, liegt aber auf der Hand.&#8221; Auch Eissenhauer betont, es handle sich nicht um eine politische Ausstellung: &#8220;Wir vertrauen auf die Macht der Bilder.&#8221;</p>
<p>Bei der Werkauswahl habe es von chinesischer Seite keinerlei Einmischung gegeben. So hängen nun in unmittelbarer Nachbarschaft des Tiananmen-Platzes, wo die KP 1989 die Studentendemonstration blutig niederschlug, Bilder der Französischen Revolution, dem brennenden Paris und von Ludwig XVI. auf dem Weg zum Schafott. Die Pekinger Führung hat keine Angst vor europäischer Geschichte &#8211; und auch Chinas Intellektuelle brauchen nicht den Umweg über die Vergangenheit, um sich der Probleme der Gegenwart bewusst zu werden. &#8220;Qimeng&#8221;, wie die Aufklärung auf Chinesisch heißt, war eines der Schlagworte, mit denen vor hundert Jahren das Ende des Kaiserreichs eingeläutet wurde. &#8220;China hat seine eigene Aufklärungsgeschichte&#8221;, sagt Qian Liqun, Literaturwissenschaftler an der Peking Universität, ein prominenter Intellektueller.</p>
<p>So spiele etwa die Bewegung des 4. Mai 1919, als Chinas Jugend neue politische Modelle zu fordern begann, eine ähnliche Rolle wie die Französische Revolution für Europa. Zu den einflussreichsten Vordenkern gehörte der Schriftsteller Lu Xun (1881 &#8211; 1936), der als Begründer der modernen chinesischen Literatur gilt und sich in satirischen Texten gegen die konfuzianische Obrigkeitshörigkeit, die Grausamkeit der Gesellschaft und den weit verbreiteten Aberglauben richtete. &#8220;Lu Xun hat sich zweifellos als Aufklärer gesehen&#8221;, erklärt Qian. &#8220;Er hat den Menschen immer bewusst gemacht, was sie wissen und was sie nicht wissen.&#8221;</p>
<p>Der &#8220;Qimeng&#8221; hat in chinesischen Ohren einen so guten Klang, dass er heute häufig als Name für Kindergärten oder Schulen benutzt wird, als Synonym für moderne Pädagogik. Doch positiv aufgeladene Begriffe lassen sich auch leicht missbrauchen. &#8220;Wer sich als Aufklärer sieht, hat leicht das Gefühl, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein&#8221;, sagt Qian. &#8220;Das kann zu einer ganz eigenen Form von Despotismus führen.&#8221; Solche Worte lassen sich durchaus als Kritik an der kommunistischen Führung verstehen, die ihre Legitimation aus Revolten wie der 4.-Mai-Bewegung ableitet und deren aktueller Generalsekretär Hu Jintao in bester Aufklärerrhetorik die Parole der &#8220;Wissenschaftlichen Entwicklung&#8221; ausgegeben hat. &#8220;Wenn man heute aus der Aufklärung etwas lernen will, dann sollte das die Erkenntnis sein, dass es nie nur eine Wahrheit gibt, dass niemand für sich allein eine Führungsrolle beanspruchen kann und dass der gesellschaftliche Lernprozess nie aufhört&#8221;, so Qian.</p>
<p>Han Shuifa, Vizedekan des Zentrums für deutsche Philosophie an der Peking Universität, hat den Verdacht, dass die Deutschen die Ausstellung als elegante Form der zivilisatorischen Nachhilfe sehen. &#8220;2008 die deutsche Bildungsministerin Annette Schavan uns Chinesen in einem Vortrag die Aufklärung erklären wollte&#8221;, erzählt er. &#8220;Sie glaubt offenbar, dass es in China noch an Verständnis zu Themen wie Demokratie oder Freiheit mangelt, in Wahrheit kennen wir Wissenschaftler zumindest die Theorie sehr gut.&#8221;</p>
<p>Das Projekt der Aufklärung ist aus seiner Sicht weder in Deutschland noch in China abgeschlossen. &#8220;Aufklärung ist nicht nur eine Sache der Theorie, sondern der praktischen Umsetzung&#8221;, sagt Han. &#8220;Deshalb glaube ich, die Bedeutung der Ausstellung wird begrenzt sein.&#8221; Dem Begleitprogramm von Diskussionen und Veranstaltungen traut er dagegen zu, auf die chinesischen Besucher Eindruck zumachen. &#8220;Die Voraussetzung ist aber, dass die Deutschen deutlich machen, dass Demokratie und Freiheit in Europa auch nicht über Nacht verwirklicht wurden&#8221;, meint er. &#8220;Vorher gab es noch Krieg und Holocaust.&#8221;</p>
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		<title>Ai Weiwei wird ein Berliner</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Mar 2011 14:54:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Chinas berühmtester Künstler baut angesichts harter Repressionen in seiner Heimat ein Studio in Deutschland.</h3>
Er ist der größte Star des chinesischen Kunstbetriebs und einer der schärfsten Kritiker der Kommunistischen Partei. Doch angesichts wachsender Repressionen in seiner Heimat plant Ai Weiwei nun einen Teil-Umzug nach Deutschland. Im Berliner Stadtteil Oberschöneweide will der 53-Jährige ein Studio kaufen und trifft derzeit Vorbereitungen, um mit seinem Team künftig dort arbeiten zu können...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Chinas berühmtester Künstler baut angesichts harter Repressionen in seiner Heimat ein Studio in Deutschland.</h3>
<p>Er ist der größte Star des chinesischen Kunstbetriebs und einer der schärfsten Kritiker der Kommunistischen Partei. Doch angesichts wachsender Repressionen in seiner Heimat plant Ai Weiwei nun einen Teil-Umzug nach Deutschland. Im Berliner Stadtteil Oberschöneweide will der 53-Jährige ein Studio kaufen und trifft derzeit Vorbereitungen, um mit seinem Team künftig dort arbeiten zu können. &#8220;Ich möchte in der Lage sein, meine tägliche Arbeit an meiner Kunst und meinen Ausstellungen auch von Berlin aus zu machen&#8221;, erklärte Ai in Peking. &#8220;Die Vorbereitungen laufen bereits seit drei Monaten, aber da der Aufbau der notwendigen Infrastruktur in Deutschland nicht ganz einfach ist, brauchen wir noch etwas Zeit, bevor wir richtig loslegen können.&#8221; Als Flucht will Ai seinen Schritt nicht verstanden wissen und sein derzeitiges Studio in Peking weiter betreiben.</p>
<p>Ai, dessen Werke auf internationalen Auktionen Rekordpreise erzielen, nutzt die mit seinem Ruhm und Geld verbundene Unabhängigkeit seit langem, um der Partei nach Kräften Paroli zu bieten. Unter jungen Chinesen ist er vor allem als Internet-Aktivist bekannt, der mit originellen Projekten die Korruption und Grausamkeit des Regimes entlarvt. Nachdem die Behörden den Künstler und seine Mitarbeiter zunehmend unter Druck gesetzt und zeitweise sogar unter Hausarrest gestellt haben, sieht er sich nun dennoch zur Suche nach Alternativen gezwungen.</p>
<p>Obwohl Ai, der in den Achtzigern in New York lebte, sich Berlin seit langem verbunden fühle, sei der Aufbau eines Studios &#8220;kein freiwilliger Schritt&#8221;, erklärte er. &#8220;Ich bin einfach ratlos, wie ich hier weiterarbeiten kann.&#8221; Erst im Januar hatte die Regierung sein neu gebautes Studio in Shanghai abreißen lassen. Im Februar verhinderte sie die erste große Ausstellung seiner Werke in der Volksrepublik. Seine Erfolge als Künstler feierte Ai bisher fast ausschließlich im Ausland. 2009 sorgte eine große Soloschau im Haus der Kunst in München für Aufsehen. Vergangenes Jahr füllte er die Turbinenhalle der Londoner Tate Modern mit hundert Millionen Sonnenblumenkernen aus Porzellan. In Berlin ist im Ostasiatischem Museum derzeit Ais &#8220;Teehaus&#8221; zu sehen, eine Installation aus drei Tonnen gepresstem Pu-Er-Tee. &#8220;Für meine Kunst pendele ich schon lange zwischen China und Europa&#8221;, sagt Ai. &#8220;Angesichts der gegenwärtigen Situation sollte ich meine Präsenz in Europa verstärken.&#8221;</p>
<p>Indes erzählt Ais Berliner Galerist Alexander Ochs, der das &#8220;Teehaus&#8221; an den Sammler Dieter Rosenkranz vermittelte, von der Suche des neuen Ateliers, bei der er dem Künstler hielf. Sehr gefallen habe dem Ai die Druckhalle im ehemaligen Tagesspiegel-Gebäude in der Potsdamer Straße. &#8220;Doch das war nur zu vermieten, Ai Weiwei will etwas kaufen.&#8221; Schließlich stießen sie auf die historischen AEG-Fabrikhallen in Oberschöneweide, die zu DDR-Zeiten vom Kabelwerk Oberspree genutzt wurden. Im Januar 2005 horchte die Kunstszene auf, als der Galerist Hellmut Schuster und der Berliner Rechtsanwalt das Areal erwarben. Zehn Millionen Euro wollten sie investieren, ihre Vision war ein Kunstzentrum mit Galerien, Sammler-Schauräumen und Museums-Dependancen. Daraus wurde nichts, irgendwann geriet das Projekt in Vergessenheit. Noch ist Sven Herrmann der Besitzer, der Vertrag mit Ai soll aber unterschriftsreif sein. Er will vier Hallen mit insgesamt 4800 Quadratmetern beziehen. Neben den Arbeitsräumen soll es auch die Möglichkeit zum Ausstellen geben.</p>
<p>Neben Ochs, dem langjährigen China-Pionier, arbeitet Ai neuerdings auch mit der Galerie Neugerriemschneider in Berlin zusammen. &#8220;Er ist ein Freigeist, ein Punk&#8221;, schwärmt Galerist Tim Neuger. Zum Gallery Weekend wird Ai bei ihm am 29. April eine Installation über die Bedeutung der chinesischen Landschaft eröffnen &#8211; und am gleichen Tag in der Ochs-Galerie zu einem Künstlergespräch auftreten. Exklusive Zusammenarbeit ist unter chinesischen Künstlern nicht üblich.</p>
<p>Seit Jahren pflegt Ai bereits rege Kontakte nach Berlin. Er ist mit dem (nicht minder erfolgreichen) Künstler Olafur Eliasson befreundet, und bei einem seiner letzten Besuche traf er sich mit Renate Künast und dem Berliner Polizeipräsidenten: um zu besprechen, wie der deutsche Rechtsstaat mit Regierungskritikern umgeht.</p>
<p>Pekings Repressionen gegen kritische Intellektuelle haben in den vergangenen Monaten stark zugenommen &#8211; offenbar eine Reaktion auf die Vergabe des Friedensnobelpreises an den inhaftierten Demokratie-Aktivisten Liu Xiaobo, aber auch auf die Volksrevolten in Nordafrika, die im chinesischen Internet zu Rebellionsaufrufen führten. Erst vergangene Woche wurde der Bürgerrechtler Liu Xianbin zu zehn Jahren Haft verurteilt, weil er kritische Artikel verfasst hatte.</p>
<p>Chinas unerbittlicher Kurs gegen seine Kritiker dürfte auch zum Schlüsselthema des Peking-Besuchs von Außenminister Guido Westerwelle in dieser Woche werden. Aus diesem Anlass appellierten deutsche China-Korrespondenten an den FDP-Politiker, gegenüber der chinesischen Regierung klare Worte zu finden. Nach den jüngsten Festnahmen und Beschränkungen für ihre Berichterstattung forderten 26 Journalisten, darunter auch dieser Autor, den Minister in einem Brief auf, sich für die Einhaltung international gültiger Pressefreiheitsregeln einzusetzen. &#8220;Eine normale Recherche vor Ort wird den Auslandskorrespondenten in China immer häufiger unmöglich gemacht&#8221;, heißt es in dem Schreiben.</p>
<p>Hauptanlass von Westerwelles Besuch ist die Eröffnung der Ausstellung &#8220;Kunst der Aufklärung&#8221;, einer Kooperation der Staatlichen Museen in Berlin, Dresden und München. Rund 600 Exponate sollen ein Jahr lang im Pekinger Nationalmuseum gezeigt werden, darunter Werke von Caspar David Friedrich, Goya und Gainsborough. Die Ausstellung, die größtenteils vom deutschen Steuerzahler finanziert wird, kostet rund zehn Millionen Euro und ist damit die teuerste Kulturveranstaltung, die Deutschland je im Ausland veranstaltet hat. Begleitet wird die Veranstaltung auch von Podiumsdiskussionen; doch wer dort auftreten darf, entscheiden die chinesischen Partner. Ai Weiwei, den die Deutschen gerne in das Programm eingebunden hätten, kommt dabei als Teilnehmer nicht in Frage.</p>
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		<title>&#8220;Wer schweigt, wird Teil des Systems&#8221;</title>
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		<pubDate>Wed, 10 Mar 2010 13:05:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Zensur]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Der Künstler Ai Weiwei über Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, seinen Rechtsstreit mit der chinesischen Regierung und Kunst in Zeiten des Internets.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/05/ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1130" title="ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/05/ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2-1024x1015.jpg" alt="" width="177" height="175" /></a><em>Bernhard Bartsch: Herr Ai, Sie werden beim Literaturfest lit.Cologne mit Herta Müller über "Politik und Kunst" diskutieren. Haben Sie schon einmal etwas von ihr gelesen?</em>

Ai Weiwei: Ich habe zwei Bücher und ihre Nobelpreisrede gelesen - aber nur, weil ich sie treffen werde. Ich bin kein guter Leser und habe kaum Vergleichsmöglichkeiten. Trotzdem finde ihre Werke einzigartig und habe großen Respekt davor, wie hartnäckig und leidenschaftlich sie ihre Themen behandelt...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Künstler Ai Weiwei über Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, seinen Rechtsstreit mit der chinesischen Regierung und Kunst in Zeiten des Internets.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/05/ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1130" title="ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/05/ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2-1024x1015.jpg" alt="" width="276" height="274" /></a><em>Bernhard Bartsch: Herr Ai, Sie werden beim Literaturfest lit.Cologne mit Herta Müller über &#8220;Politik und Kunst&#8221; diskutieren. Haben Sie schon einmal etwas von ihr gelesen?</em></p>
<p>Ai Weiwei: Ich habe zwei Bücher und ihre Nobelpreisrede gelesen &#8211; aber nur, weil ich sie treffen werde. Ich bin kein guter Leser und habe kaum Vergleichsmöglichkeiten. Trotzdem finde ihre Werke einzigartig und habe großen Respekt davor, wie hartnäckig und leidenschaftlich sie ihre Themen behandelt.</p>
<p><em>Hartnäckigkeit und Leidenschaft werden auch Ihnen nachgesagt, und das Hauptthema Ihrer Arbeit ist das gleiche wie bei Herta Müller: das Leben in der Diktatur. Ist Unterdrückung ein Katalysator für große Kunst?</em></p>
<p>Ich glaube, Kunst entsteht, wenn man das Chaos auf der Welt betrachtet und trotzdem nicht den Glauben daran verliert, dass es eigentlich anders sein sollte. Das möchte ich zeigen, mit Aktionen, die einfach sind, aber gerade dadurch stark und verständlich.</p>
<p><em>In ihrer jüngsten Aktion haben Sie vergangene Woche eine Klage gegen Chinas Ministerium für Zivile Angelegenheiten eingereicht, weil es nicht auf Ihre Fragen zum Sichuan-Erdbeben geantwortet hat, wo vor zwei Jahren über 5000 Kinder in maroden Schulgebäuden getötet wurden.</em></p>
<p>Ja, mit Freiwilligen und Anwälten habe ich über ein Jahr lang die Umstände untersucht, die zum Tod von so vielen Kindern geführt haben. Daraus haben sich über tausend Fragen ergeben, die wir den zuständigen Behörden schriftlich gestellt haben. Nach Chinas Gesetzen müssen Ämter Fragen aus dem Volk beantworten, aber sie kommen dieser Verpflichtung nicht nach.</p>
<p><em>Einen Rechtsstreit mit der chinesischen Regierung können Sie aber doch niemals gewinnen.</em></p>
<p>Natürlich weiß jeder, dass die Herrschaft der chinesischen Regierung auf Gesetzesverletzungen beruht, anders könnte sie gar nicht existieren. Aber wenn wir das einfach schweigend akzeptieren würden, wären wir Teil ihres Systems. Also bleibt uns keine andere Wahl, als so zu handeln, wie es unser Gewissen vorschreibt, ohne aufzugeben. Indem wir das in aller Öffentlichkeit tun und im Internet jeden Schritt transparent darstellen, schaffen wir bei den Menschen ein Bewusstsein dafür, wie China heute funktioniert.</p>
<p><em>Durch ihr politisches Engagement sind Sie in China heute in erster Linie als regimekritischer Blogger bekannt – selbst unter Künstlern. Wir haben an mehreren chinesischen Kunstakademien nachgefragt: Dort verfolgt fast jeder ihren Blog, aber nur wenige können sich daran erinnern, schon einmal ein Kunstwerk von Ihnen gesehen zu haben.</em></p>
<p>Das entspricht durchaus meiner Absicht. Denn was ist denn Kunst? Doch nicht nur Bilder oder Skulpturen, sondern auch gesellschaftliche Bewegungen &#8211; soziale Skulpturen, sozusagen. Letztlich geht es doch darum, dass man eine Situation mit frischem Blick betrachtet. Dafür müssen Künstler heute nicht mehr unbedingt Werke herstellen, die sich verkaufen und sammeln lassen.</p>
<p><em>Trotzdem ist Ihr Ausstoß an klassischen Kunstwerken, vor allem Skulpturen und Installationen, gewaltig. 2009 hatten Sie große Soloausstellungen in Tokio und München, dieses Jahr sind Sie in New York und London, und bei Auktionen gehören ihre Werke inzwischen zu den teuersten der Welt. Ohne Ihren finanziellen Erfolg könnten Sie sich Ihre anderen Freiheiten wohl auch kaum leisten.</em></p>
<p>Natürlich braucht jeder Geld, aber Geld hat leider auch dazu geführt, das unsere Gesellschaft heute durch und durch verrottet ist. Ich bemühe mich jedenfalls, mit meinem Geld etwas Gutes anzustellen. Weil ich für mich persönlich keine großen Ansprüche habe, fehlt es mir nie an Geld für Projekte, die mir am Herzen liegen. Ich denke, das ist für junge Menschen ein wichtiges Vorbild.</p>
<p><em>Das Wort &#8220;Vorbild&#8221; reicht bei Ihrer Popularität fast gar nicht mehr aus. Im chinesischen Internet haben Sie eine riesige Gefolgschaft, die täglich in ihren Blog-Einträgen und Tweets nach Orientierung im Umgang mit der Welt suchen. Manche sehen Sie regelrecht als Messias. Ist das nicht ein ungeheurer Druck?</em></p>
<p>Nein, ich spüre keinen Druck. Ich gehe mit Problemen einfach so um, wie ich es gelernt habe. Viele junge Menschen sehnen sich nach jemandem, der unabhängig denkt, eigene Ansichten hat und trotzdem überleben kann. Unsere Aktionen geben ihnen Hoffnung.</p>
<p><em>Ihre Anhänger sind größtenteils jung, und obwohl Sie 1957 geboren sind, bezeichnen sich selbst gerne als Angehörigen der Nach-Achtziger-Generation. Warum?</em></p>
<p>Weil die Nach-Achtziger in China die erste Generation sind, die aktiv das Internet benutzen und somit wirklich &#8220;menschlich&#8221; leben können. Meine Definition von &#8220;Mensch&#8221; ist, dass man frei seine Informationen erwerben, seine Wissensstruktur aufbauen und seine Meinung ausdrücken kann. Den älteren Generationen wurde das auf schlimmste Weise verwehrt. Ich verbringe meine Zeit inzwischen zum größten Teil im Internet, mindestens acht Stunden am Tag, manchmal 24. Denn durch das Internetzeitalter verändert sich die gesamte Machtstruktur &#8211; dessen muss man sich als Künstler immer bewusst sein.</p>
<p><em>ZUR PERSON<br />
</em></p>
<p><em>Ai Weiwei, Jahrgang 1957, gilt als bedeutendster chinesischer Gegenwartskünstler. Der Sohn eines liberalen Schriftstellers, der unter Mao als Rechtsabweichler gebrandmarkt wurde, verbrachte seine Jugend mit seinem Vater in einem Straflager. Nach der Kulturrevolution studierte er an der Pekinger Filmakademie, später in New York. Seit Anfang der Neunziger lebt und arbeitet Ai in Peking und ist neben seiner Kunst auch für seinen im Internet ausgetragenen Kampf mit der Kommunistischen Partei bekannt. Er ist einer der einflussreichsten Blogger der Volksrepublik.</em></p>
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		<title>Die Rebellion des Zuhörens</title>
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		<pubDate>Wed, 03 Mar 2010 12:47:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
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		<category><![CDATA[Zensur]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Der regimekritische Autor Liao Yiwu darf nicht nach Deutschland reisen – aber Deutschland zu ihm. Ein Besuch in Chengdu.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/03/Liao_Yiwu_1.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-1831" title="Liao_Yiwu (Copyright Bernhard Bartsch)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/03/Liao_Yiwu_1-250x300.jpg" alt="" width="122" height="146" /></a>Er steht allein am Rand der sechsspurigen Straße und erkennt das Auto schon von weitem. "Hier kommen nicht viele Taxis her", sagt Liao Yiwu, setzt sich neben den Fahrer und lotst ihn durch die Baustellenlandschaft von Wenjiang, einen Vorort von Sichuans Provinzhauptstadt Chengdu. "Gehen wir lieber in ein Teehaus, zuhause stehen noch immer Polizisten vor meiner Tür." Am Vortag haben sie den Schriftsteller am Flughafen in Chengdu festgenommen, weil er zum Kölner Literaturfest lit.Cologne reisen wollte...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der regimekritische Autor Liao Yiwu darf nicht nach Deutschland reisen – aber Deutschland zu ihm. Ein Besuch in Chengdu.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/03/Liao_Yiwu_51.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1836" title="Liao_Yiwu (Copyright Bernhard Bartsch)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/03/Liao_Yiwu_51-1024x640.jpg" alt="" width="430" height="269" /></a>Er steht allein am Rand der sechsspurigen Straße und erkennt das Auto schon von weitem. &#8220;Hier kommen nicht viele Taxis her&#8221;, sagt Liao Yiwu, setzt sich neben den Fahrer und lotst ihn durch die Baustellenlandschaft von Wenjiang, einen Vorort von Sichuans Provinzhauptstadt Chengdu. &#8220;Gehen wir lieber in ein Teehaus, zuhause stehen noch immer Polizisten vor meiner Tür.&#8221; Am Vortag haben sie den Schriftsteller am Flughafen in Chengdu festgenommen, weil er zum Kölner Literaturfest lit.Cologne reisen wollte.</p>
<p>&#8220;Die Beamten haben mich mehrere Stunden verhört und dann auf dem Weg nach Hause gefragt, ob ich ihnen nicht einmal etwas von mir zu lesen geben könne, weil sie gar nicht genau wissen, warum ihre Vorgesetzten sie auf mich angesetzt haben&#8221;, erzählt Liao lachend. Er überließ ihnen die Bücher, die er eigentlich mit nach Deutschland nehmen wollte.</p>
<p>Vielleicht drückten seine Bewacher deswegen ein Auge zu, als er an diesem regnerischen Morgen in Allwetterkleidung und unrasiert aus dem Haus trat und darum bat, einen kleinen Spaziergang machen zu dürfen. Der 51-jährige Autor gehört zum innersten Zirkel jener kritischen Intellektuellenszene, die Chinas Kommunistische Partei für ihren gefährlichsten Feind hält.</p>
<p>Schon vor Jahren hat die Zentralregierung alle chinesischen Verlage schriftlich angewiesen, von Liao keine Zeile mehr zu drucken. 13 Mal haben die Behörden ihn daran gehindert, Einladungen zu ausländischen Literaturveranstaltungen anzunehmen. Selbst bei Reisen in die Hauptstadt Peking schickt die Provinzregierung Polizisten, um Liao zurückzuholen.</p>
<p>Es heißt, Zhou Yongkang, Chef der chinesischen Sicherheitsdienste und die Nummer neun in der Parteihierarchie, habe Liao auf seiner persönlichen schwarzen Liste, weil er einiges Negative über Zhous Zeit als Parteichef von Sichuan recherchiert habe. Und für das populäre Gedicht &#8220;Massaker&#8221;, mit dem Liao sich 1989 nach dem Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens das Entsetzen von der Seele zu schreiben versuchte, ist er aus Pekings Sicht selbst mit vier Jahren Haft und Folter noch nicht hart genug bestraft worden.</p>
<p>&#8220;Immerhin liest so auch Chinas höchste Führung meine Texte&#8221;, gibt Liao sich geschmeichelt. &#8220;Aber gerade deshalb müsste sie doch eigentlich wissen, dass ich überhaupt nicht gefährlich bin.&#8221; Liao hat Tee und Nudelsuppe bestellt. Während er erzählt, rupft er die Papierhülle seiner Essstäbchen in winzige Stückchen. &#8220;Ich habe es nie darauf angelegt, das Regime herauszufordern&#8221;, sagt er. &#8220;Ich gehöre nicht zu den Schriftstellern, die bewusst die Rolle des Dissidenten suchen, weil sie es für ihre Pflicht halten, den Staat zu kritisieren.&#8221; Zwar habe auch er das Demokratiemanifest &#8220;Charta 08&#8243; unterschrieben, allerdings vor allem aus Verbundenheit mit deren Verfasser Liu Xiaobo, einem seiner engsten Freunde, der im vergangenen Dezember zu elf Jahren Gefängnis verurteilt wurde.</p>
<p>&#8220;Um ehrlich zu sein habe ich die Charta 08 nicht einmal genau gelesen&#8221;, gesteht Liao. &#8220;Ich interessiere mich nicht besonders für Politik, sondern vor für meine Geschichten.&#8221; Doch wie könnte es unpolitisch sein, in China diejenigen zu Wort kommen zu lassen, deren Stimmen das staatliche Propagandagetöse eigentlich übertönen soll?</p>
<p>Liao hat sich vor allem als Reportageschriftsteller einen Namen gemacht. Einen großen Teil des Jahres wandert er zu Fuß durch die chinesischen Provinzen und dokumentiert das Leben des einfachen Volkes und vor allem der Fortschrittsverlierer. &#8220;Meine Texte entstehen nicht am Schreibtisch, sondern in der Realität&#8221;, sagt Liao, der sich ungeniert mit dem russischen Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn vergleicht. &#8220;Wenn wir nicht festhalten, was in China heute passiert, dann ist es für immer verloren.&#8221;</p>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/03/Liao_Yiwu_2.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1838" title="Liao_Yiwu (Copyright Bernhard Bartsch)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/03/Liao_Yiwu_2-1024x859.jpg" alt="" width="368" height="309" /></a>In seinem vergangenes Jahr auf Deutsch erschienenen Buch &#8220;Fräulein Hallo und der Bauernkaiser&#8221; beschreibt er das Schicksal von Wanderarbeitern und Bauern, Kloputzern und Prostituierten, Kriminellen und politisch Verfolgten. Ein weiterer Reportageband, in dem er seine Zeit im Gefängnis beschreibt, soll Ende des Jahres auf Deutsch erscheinen &#8211; Liao lebt ausschließlich von seinen ausländischen Tantiemen.</p>
<p>Die subversive Freude am Zuhören entdeckte Liao, als er wegen seines Tiananmen-Gedichts &#8220;Massaker&#8221; zu vier Jahren Haft verurteilt wurde. &#8220;Davor war ich ein Propaganda-Autor wie alle anderen auch, die im staatlichen Schriftstellersystem arbeiten&#8221;, meint Liao mit einem Seitenhieb auf chinesische Literaturstars wie Mo Yan oder Yu Hua, die einst seine Kollegen waren und sich heute nicht mehr trauen, mit ihm Kontakt zu haben oder öffentlich über seine Werke zu sprechen.</p>
<p>Liao, Sohn einer Lehrerfamilie, verbrachte seine Kindheit während der Kulturrevolution und bekam an Bildung nur das mit, was ihm seine Eltern in den Revolutionspausen heimlich beibringen konnten. Nach Maos Tod versuchte er vier Jahre lang vergeblich, die Universitätsaufnahmeprüfung zu bestehen und begann dann bei einer Zeitschrift zu arbeiten, wo er bald als wortgewandter Dichter auffiel und vom Kulturministerium in die Riege der Staatsschriftsteller aufgenommen wurde.Obwohl er mit Lobliedern auf die Partei seinen Lebensunterhalt verdiente, engagierte er sich auch in der literarischen Untergrundszene, in der nicht Deng Xiaoping den Ton angab, sondern Bob Dylan. Doch am 4. Juni 1989 endete der kulturelle Frühling. &#8220;Wir erleben ein Massaker in diesem Land der Utopien. Der Regierungschef braucht sich nur zu erkälten, und schon müssen die Massen mit ihm niesen&#8221;, schrieb Liao damals in einem Gedicht, das er mit vor Wut bebender Stimme seinen Freunden vortrug, die es auf Kassetten weiterverbreiteten, wodurch es bei den traumatisierten Studenten bald Kultstatus gewann.</p>
<p>&#8220;Als ich in die Gefängniszelle gestoßen wurde, sah ich als erstes einen kahlköpfigen Hünen, der &#8220;Töten, töten, töten&#8221;, schrie&#8221;, erinnert sich Liao. &#8220;Dutzende Häftlinge mussten sich einen Raum teilen, und der Platz reichte nicht einmal, um beim Schlafen auf dem Rücken zu liegen. Alle hatten fürchterliche Ausschläge, und ich gewann die Zellenmeisterschaft im Läuseknacken.&#8221;</p>
<p>In Endlosschlaufen erzählten die Insassen einander ihre Geschichten: Einer hatte Mädchen gekidnappt und in die Prostitution verkauft. Ein anderer hatte seine Frau getötet und schon fast vollständig an seine nichtsahnende Familie verfüttert, als seine Mutter einen Fingernagel in ihrer Suppe fand. Liao, der nur ein paar Verse geschrieben hatte, erlitt mehrere Nervenzusammenbrüche und versuchte zweimal, sich umzubringen, was ihm den Namen &#8220;der große Irre&#8221; einbrachte.</p>
<p>Nach seiner Entlassung begann er, unter einer Brücke Kleidung zu verkaufen und in seiner freien Zeit die Geschichten seiner Zellengenossen aufzuschreiben. Aus dem seelischen Verarbeitungsprozess wurde ein literarischer Neuanfang: Aus Liao, dem Dichter, wurde Liao, der Reportageschriftsteller. &#8220;Im Nachhinein sehe ich meine Gefängniserfahrungen als ungeheuren Schatz&#8221;, sagt Liao. Außerdem haben die traumatischen Erfahrungen ihn weitgehend immun gemacht gegen die Angst vor Bestrafung oder materielle Verlockungen. Die Partei kann ihn behindern, aber nicht brechen.</p>
<p>Auf dem Rückweg durch die leeren Straßen von Wenjiang, an denen neue Hochhausburgen mit Namen wie &#8220;Perlfluss-Stadt&#8221; oder &#8220;Küstenvilla&#8221; entstehen, zeigt Liao in die Richtung des Marktes, wo er sein Gemüse kauft. Kürzlich hat er dort einen Verkäufer kennengelernt, der im Streit mit einem Standnachbar die rechte Hand abgeschnitten bekommen habe.</p>
<p>&#8220;Sobald die Polizei mich wieder in Ruhe lässt, wird das mein nächstes Interview&#8221;, sagt Liao. Auf dem Markt habe er auch eine Raubkopie des Stasi-Films &#8220;Das Leben der anderen&#8221; gekauft, die er über das deutsche Konsulat an Bundeskanzlerin Angela Merkel geschickt hat, zum Dank für ihre Unterstützung bei seinem Versuch, nach Deutschland zu reisen. &#8220;Sie hat selbst in einer Diktatur gelebt und wird verstehen, was ich damit meine&#8221;, erklärt er mit einem Zwinkern.</p>
<p>Dann geht er alleine weiter, um sich bei der Polizei von seinem Spaziergang zurückzumelden.</p>
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		<title>Großgrundbesitzerbonbons</title>
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		<pubDate>Thu, 24 Sep 2009 02:16:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Vor 44 Jahren versuchten Chinas Bildhauer, Bauern durch Kunst die Weltrevolution zu erklären. Nun reist das kommunistische Lehrwerk erstmals ins Ausland.</h3>
<img class="alignleft size-full wp-image-1538" title="Pachthof" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/09/090923_1314_03_1249653094_hof_d_pacht_4_2_mail.jpg" alt="Pachthof" width="148" height="172" />Kennste die noch?" schallt es von links. "Und schau mal den da!" kommt es lachend von rechts zurück. Es ist Sonntagnachmittag. In kleinen Gruppen ziehen Touristen und Wochenendausflügler durch das feudale Anwesen von Chinas berüchtigtstem Großgrundbesitzer, Liu Wencai. Sie fotografieren sich in den gepflegten Gärten und vor Oldtimern vom Anfang des 20. Jahrhunderts, doch der Höhepunkt ist der "Hof für die Pachteinnahmen", zu dem Wegweiser die Menschenströme führen wie im Louvre zur Mona Lisa. "Hier sehen sie das wichtigste Kunstwerk es Neuen China", knarzt es aus dem Megaphon der Reiseführerin, als ob die Besucher das nicht selber wüssten...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Vor 44 Jahren versuchten Chinas Bildhauer, Bauern durch Kunst die Weltrevolution zu erklären. Nun reist das kommunistische Lehrwerk erstmals ins Ausland.</h3>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-1538" title="Pachthof" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/09/090923_1314_03_1249653094_hof_d_pacht_4_2_mail.jpg" alt="Pachthof" width="192" height="224" />Kennste die noch?&#8221; schallt es von links. &#8220;Und schau mal den da!&#8221; kommt es lachend von rechts zurück. Es ist Sonntagnachmittag. In kleinen Gruppen ziehen Touristen und Wochenendausflügler durch das feudale Anwesen von Chinas berüchtigtstem Großgrundbesitzer, Liu Wencai. Sie fotografieren sich in den gepflegten Gärten und vor Oldtimern vom Anfang des 20. Jahrhunderts, doch der Höhepunkt ist der &#8220;Hof für die Pachteinnahmen&#8221;, zu dem Wegweiser die Menschenströme führen wie im Louvre zur Mona Lisa. &#8220;Hier sehen sie das wichtigste Kunstwerk es Neuen China&#8221;, knarzt es aus dem Megaphon der Reiseführerin, als ob die Besucher das nicht selber wüssten.</p>
<p>&#8220;Früher waren diese Figuren alle in unseren Schulbüchern abgebildet&#8221;, erzählt ein Besucher mittleren Alters, während er mit dem Handy die Figur einer jungen Frau fotografiert, die erschöpft auf der Tragestange zwischen zwei Körben sitzt. &#8220;Wir mussten darüber Aufsätze schreiben: über die Ausbeutung der Bauern, den Sieg der Revolution und die Weisheit des Vorsitzenden Mao.&#8221; Er knipst noch einen bulligen Schlägertyp mit seinem Schäferhund und muss dann grinsen. &#8220;Verrückte Zeiten, aber so war das damals halt.&#8221;</p>
<p>Vierundvierzig Jahre nach seiner Entstehung und dreiunddreißig Jahre nach Maos Tod traut sich die Volksrepublik nun, ihr bekanntestes Klassenkampfmonument erstmals im Ausland zu zeigen. Als Teil des Begleitprogramms des chinesischen Gastlandauftritts bei der Frankfurter Buchmesse ist der „Hof für die Pachteinnahmen“ in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle zu sehen. Kein kleiner Coup: Immerhin haben in der Vergangenheit schon die Documenta in Kassel und Venedigs Biennale vergeblich versucht, den Pachthof auszuleihen. Denn welches Kunstwerk könnte eine bessere Diskussionsvorlage über das moderne China bieten? Während Chinas Kulturministerium die Skulpturen als ein Stück revolutionärer Hochkultur versteht, sehen Kritiker darin Propagandakunst von riefenstahlscher Qualität. &#8220;Was Mao unter dem Deckmantel des Klassenkampfes an Katastrophen und Leid über sein Volk gebracht hat, lässt sich mit den Verbrechen Hitlers vergleichen&#8221;, findet die Autorin Dai Qing, die kürzlich beim Auftaktsymposium der Buchmesse für Tumulte sorgte und bei ihrem Frankfurtbesuch auch die Plakate der Ausstellung sah &#8211; mit gemischten Gefühlen. &#8220;Wenn man dieses Propagandawerk in Deutschland zeigt, sollten die Besucher genau wissen, unter welchen Umständen es entstanden ist&#8221;, meint Dai. &#8220;Kunst und Politik sind beim Pachthof nicht zu trennen.&#8221;</p>
<p>Genau darauf hoffen auch die damals beteiligten Künstler. &#8220;Natürlich ist der Pachthof nicht von seiner Zeit zu trennen, aber sein künstlerischer Wert ist trotzdem zeitlos&#8221;, sagt Wang Guanyi. Der 73-Jährige pensionierte Professor der Kunstakademie von Sichuan war seinerzeit einer der Künstler des 14-köpfigen Bildhauerkollektivs. In seiner engen Dozentenwohnung ist er umgeben von den Werken eines von politischer Instrumentalisierung geprägten Künstlerlebens: Neben dem Sofa steht eine Bronzestatue von Deng Xiaoping, im Regal Büsten diverser Arbeiterhelden und auf seinem Arbeitstisch das Tonmodell eines Kriegsdenkmals &#8211; alles nicht geeignet, das Stigma der Propagandahandwerker abzuschütteln. Doch der Pachthof, davon ist man in China überzeugt, werde in die Kunstgeschichte eingehen. &#8220;Für alle Beteiligten war es das wichtigste Werk ihres Lebens&#8221;, glaubt Wang. &#8220;Nirgends auf der Welt existiert eine Skulpturengruppe ähnlicher Größe und Qualität, nicht einmal von Michelangelo oder Rodin.&#8221; Was die Größe der Anlage angeht, hat Wang sicher Recht. Michelangelos Grabmonument für Papst Julius nimmt sich bescheiden aus, neben der Mammutanlage in Dayi. Auch Rodins Bürger von Calais, an die der Hof für die Pachteinnahme auch in seiner Gegensätzlichkeit stark erinnert, wirken winzig neben diesem Monument des Klassenkampfes. Ob aber der Vergleich, was die künstlerische Qualität angeht vor der Kunstgeschichte bestehen kann, darf bezweifelt werden.</p>
<p>Doch zumindest die Entstehungsgeschichte der Gruppe könne es an Dramatik mit jedem anderen künstlerischen Weltwunder aufnehmen, meint Wu Mingwan, damals Parteisekretär der Fakultät für Bildhauerei an Sichuans Kunstakademie. &#8220;Es war eine äußerst aufregende Zeit.&#8221; Im Frühjahr 1965 ging bei Wu ein ideologischer Notruf ein: Im ehemaligen Anwesen des Großgrundbesitzers Liu Wencais in Dayi, nahe Sichuans Provinzhauptstadt Chengdu, müsse schnellstens ein pädagogisches Kunstwerk geschaffen werden, um den Bauern den Sinn des Kommunismus zu erklären.</p>
<p>Es handelte sich um eine undankbare Aufgabe, an der bereits ein Stab lokaler Propagandabeamten gescheitert war. Kurz nach Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949 hatten Maos Politpädagogen den Großgrundbesitzer Liu Wencai in ihr Pantheon revolutionärer Antihelden aufgenommen und zum Vorzeigeausbeuter erklärt. &#8220;Alles Schlechte, das man sich vorstellen konnte, wurde auf ihn projiziert&#8221;, sagt Wu.</p>
<p>&#8220;Dabei hatte das mit dem historischen Liu Wencai wenig zu tun.&#8221; Dieser war zwei Wochen nach der kommunistischen Machtergreifung 62-jährig eines natürlichen Todes gestorben und wurde von Dayis Bauern wegen seiner karitativen Projekte der &#8220;Gute Liu&#8221; genannt. So zeigte die lokale Bevölkerung wenig Verständnis dafür, warum sein Gutshof plötzlich als Klassenkampfmahnmal dienen sollte.</p>
<p>Um der offiziellen Geschichtsschreibung Glaubwürdigkeit zu verleihen, wurden im Nachhinein Folterzellen errichtet, Wände mit Schweineblut beschmiert und Gräuelszenen von Schauspielern oder Puppen nachgestellt. &#8220;Soldaten von außerhalb hat das beeindruckt, aber die Leute der Region fielen darauf nicht herein&#8221;, erzählt Zhao Shutong, ebenfalls einer der beteiligten Künstler, der in Dayi aufgewachsen war. &#8220;Eines Tages hörten die Beamten, wie ein Bauer sich Lius schönes Bett anschaute und sagte: Wenn ich eine Nacht dort schlafen könnte, hätte ich nicht umsonst gelebt. Da verzweifelten sie: Die Bauern sollten Lius Reichtum doch hassen, nicht bewundern.&#8221;</p>
<p>Deshalb rief man in Dayi die Professoren der Kunstakademie von Sichuan zu Hilfe, die ihr Handwerk größtenteils von sowjetischen Revolutionskunstexperten gelernt hatten und im ganzen Land als versierte Verherrlicher von Bauern, Arbeitern und Soldaten bekannt waren. &#8220;Das Dayi-Projekt kam uns sehr gelegen&#8221;, erklärt Long Dehui, ehemaliger pädagogischer Leiter der Hochschule, &#8220;wir suchten damals ohnehin gerade nach Wegen, die Bauern mit Kunst zu erreichen.&#8221; So habe man schnellentschlossen, die Professoren Wang Guanyi und Zhao Shutong mit fünf Studenten nach Dayi geschickt. Später kamen noch andere Dozenten hinzu. Vier Monate arbeiteten sie vor Ort an den Skulpturen&#8221; Die Bauern haben uns Modell gesessen und mit uns über unsere Arbeit diskutiert&#8221;, erinnert sich Long Taicheng, der damals als 21jähriger Student mit nach Dayi fuhr. &#8220;Alle waren ungeheuer euphorisch.&#8221; Schon bald seien von weither Menschen gekommen, um die Figurengruppe zu bewundern. &#8220;An einem Tag kamen drei Frauen in den Hof und sind mit Stöcken auf die Figuren der Ausbeuter losgegangen, weil sie so echt aussahen&#8221;, erzählt Long, inzwischen selbst ein pensionierter Bildhauereiprofessor. &#8220;Wir mussten sie zurückhalten und ihnen den Unterschied von Kunst und Wirklichkeit erklären.&#8221;</p>
<p>Inwieweit sich bei solchen Anekdoten politisches Wunschdenken die Form von Erinnerungen angenommen hat, lässt sich im Nachhinein ebenso schwer ermitteln wie die Antwort auf die Frage, wer damals welchen Beitrag geleistet hat. Vor allem zwischen den Professoren Wang und Zhao gehen die Meinungen diesbezüglich weit auseinander. &#8220;Die Studenten kamen alle aus meiner Klasse und hörten auf mein Kommando&#8221;, sagt Wang.</p>
<p>Zhao behauptet dagegen, die Akademie habe ihn geschickt, weil man die Aufgabe Wang nicht zutraute. &#8220;Jeder wusste, dass Wangs Studenten die schlechtesten der ganzen Hochschule waren&#8221;, erzählt Zhao. &#8220;Ich musste alle Figuren nacharbeiten, selbst Wangs eigene.&#8221; Parteisekretär Wu besteht dagegen darauf, dass es sich um ein echtes Kollektivwerk handelte. &#8220;Es gehört sich nicht, über persönliche Verdienste zu streiten&#8221;, sagt er. &#8220;Der Pachthof ist unter der Leitung der Partei und der Regierung entstanden. Der Urheber ist das chinesische Volk.&#8221;</p>
<p>Sicher ist indes, dass nicht nur die Künstler von ihrem Werk begeistert waren. Als kurz nach der Fertigstellung die Kulturrevolution ausbrach, erhob Maos Frau Jiang Qing den Pachthof in den Rang eines Modellkunstwerks. &#8220;Es war das einzige Werk bildender Kunst, dass sie neben ihren eigenen Revolutionsopern gelten ließ&#8221;, sagt Zhao. &#8220;Wir wurden nach Peking gerufen und haben das Werk dort noch einmal nachgebaut.&#8221; Zhao, der als Leitkünstler auftrat, wurde von Jiang zum nationalen Kunstbeauftragten ernannt. Sein kometenhafter Aufstieg brachte ihm erst den Neid seiner Kollegen ein und dann den Vorwurf der Konterrevolution, den er mit vier Jahren Arbeitslager büßen musste. Auch die roten Garden warfen den Künstlern vor, ihr Werk sei nicht revolutionär genug: Mehrfach zwangen sie die Bildhauer zu Veränderungen. &#8220;Mal haben sie gefordert, Mao Zedong müsse als Retter auftauchen&#8221;, erzählt Zhao. &#8220;Ein andermal wollten sie, dass Liu Wencai von den Bauern getötet wird.&#8221;</p>
<p>Bis zum Ende der Kulturrevolution waren die Künstler fast vollzeitig damit beschäftigt, Kopien und neue Versionen des Pachthofs zu produzieren. In Frankfurt wird eine Reiseversion aus Fiberglas ausgestellt. Die nicht transportierbaren Trockenlehmskulpturen des Originals stehen dagegen nach wie vor unverrückt in Dayi &#8211; und warten auf das Urteil der Kunstgeschichte. Das politische ist längst gefallen: Der reiche Liu Wencai ist im neuen China wieder Vorbild statt Klassenfeind &#8211; und die Nachfahren machen rund um sein Anwesen gute Geschäfte. &#8220;Essen wie bei Lius&#8221;, wirbt ein Restaurant, ein Souvenirladen verkauft &#8220;Großgrundbesitzerbonbons&#8221;. Konterrevolution ist auch nicht mehr, was sie einmal war.</p>
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		<title>Twittern vom Krankenbett</title>
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		<pubDate>Wed, 16 Sep 2009 18:51:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Künstler soll durch Schläge der chinesischen Polizei Gehirnblutungen erlitten haben. Seinen Krankenhausaufenthalt in München dokumentiert er im Internet.</h3>
Der renommierte chinesische Künstler und Designer Ai Weiwei ist am Montag in München wegen Gehirnblutungen operiert worden, bei denen es sich um eine Spätfolge von Misshandlung durch die chinesische Polizei handeln soll. "Der Auslöser war der Vorfall in Sichuan", erklärte Ai im Telefonat mit dem Autor...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Künstler soll durch Schläge der chinesischen Polizei Gehirnblutungen erlitten haben. Seinen Krankenhausaufenthalt in München dokumentiert er im Internet.</h3>
<p>Der renommierte chinesische Künstler und Designer Ai Weiwei ist am Montag in München wegen Gehirnblutungen operiert worden, bei denen es sich um eine Spätfolge von Misshandlung durch die chinesische Polizei handeln soll. &#8220;Der Auslöser war der Vorfall in Sichuan&#8221;, erklärte Ai im Telefonat mit dem Autor. Am 12. August war er in der südwestchinesischen Provinz von Polizisten geschlagen worden, weil er den Prozess gegen den Aktivisten Tan Zuoren verfolgen wollte, der sich wie Ai für Opfer des Erdbebens im vergangenen Jahr eingesetzt hatte. Damals waren tausende Kinder in schlecht gebauten Schulen umgekommen, was die Regierung bis heute zu verschweigen versucht.</p>
<p>Ai erklärte, er habe seit dem Angriff in seinem Hotelzimmer unter Kopfschmerzen gelitten und sich nach einer plötzlichen Verschlechterung am Sonntag in München ins Krankenhaus begeben. Der Künstler bereitet dort derzeit mit seine Soloausstellung im Münchner Haus der Kunst vor, die im Oktober eröffnet werden soll. &#8220;Ich hatte Blutungen im Kopf und es mussten sofort zwei Löcher in meine Schädeldecke gebohrt werden, um das Blut abzulassen&#8221;, sagte der am Telefon äußerst geschwächt klingende Ai. &#8220;Ich befinde mich jetzt nicht mehr in Gefahr, aber fühle mich noch sehr matt.&#8221;</p>
<p><a href="http://twitter.com/aiww">Wie matt, das kann die chinesische Internetgemeinde derzeit auf seiner Twitter-Seite verfolgen. </a>Der für seine spektakulären Internetaktionen bekannte Künstler veröffentlicht dort laufend Handyfotos von sich im Krankenbett. Sie zeigen ihn unter anderem mit einem Infusionsbeutel und einem Kopfverband. &#8220;Jeder soll sehen, was passiert ist&#8221;, erklärte der Künstler. &#8220;Die Menschen müssen wissen, dass wir in China in einem System leben, in dem die Polizei friedliche Bürger so brutal misshandelt, dass sie Hirnschäden erleiden können, wenn sie nicht wie ich das Glück haben, Zugang zu erstklassiger Medizin zu haben?&#8221;</p>
<p>Ai hatte unmittelbar nach dem Vorfall in Sichuan Anzeige gegen die Beamten gestellt. Die Behörden zögern die Untersuchungen derzeit allerdings hinaus und wollen sich dem Fall wenn überhaupt erst nach den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Volksrepublik am 1. Oktober widmen, erklärte der mit Ai befreundete Pekinger Anwalt Liu Xiaoyuan. Einem Eintrag auf seinem Blog zufolge habe er Ai geraten, die Dokumentation seiner Operation von der chinesischen Botschaft in Deutschland beglaubigen zu lassen und in China als Beweismittel einzureichen. Ai reagierte auf diesen Vorschlag allerdings skeptisch. &#8220;Ich weiß noch nicht, ob ich die Operationsunterlagen für mein Verfahren benutzen kann&#8221;, sagte Ai. &#8220;Bei dem Prozess zählt in China ja ohnehin nicht die Beweislage, sondern vor allem die Politik.&#8221;</p>
<p>Ai ist einer der bekanntesten chinesischen Künstler. Außerhalb der Kunstszene erlangte er als Mitdesigner des Pekinger Olympiastadions, des sogenannten &#8220;Vogelnests&#8221; Berühmtheit, insbesondere weil er sich von den Olympischen Spielen distanzierte, die er als &#8220;unerträgliche Propagandaveranstaltung der Kommunistischen Partei&#8221; bezeichnete.</p>
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		<title>Der Ritterschlag</title>
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		<pubDate>Mon, 17 Aug 2009 00:27:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Justiz]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Protest]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsstaat]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Der Künstler Ai Weiwei entlarvt mit klugen Aktionen den chinesischen Unrechtsstaat. Nun wurde er erstmals selbst von einem Polizisten geschlagen.</h3>
Ai Weiwei sieht nicht aus wie jemand, mit dem man sich auf eine Prügelei einlassen will. Man traut dem 52-Jährigen beinahe zu, dass er die tonnenschweren Skulpturen, auf denen sein Ruf als einer der bedeutendsten chinesischen Gegenwartskünstler beruht, ganz alleine stemmen kann. Aber dann diese Augen!...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Künstler Ai Weiwei entlarvt mit klugen Aktionen den chinesischen Unrechtsstaat. Nun wurde er erstmals selbst von einem Polizisten geschlagen.</h3>
<p>Ai Weiwei sieht nicht aus wie jemand, mit dem man sich auf eine Prügelei einlassen will. Man traut dem 52-Jährigen beinahe zu, dass er die tonnenschweren Skulpturen, auf denen sein Ruf als einer der bedeutendsten chinesischen Gegenwartskünstler beruht, ganz alleine stemmen kann. Aber dann diese Augen! Spätestens Ais Blick dürfte dem Polizisten, der ihn vergangene Woche in einem Hotelzimmer in Sichuans Provinzhauptstadt Chengdu verhörte, verraten haben, dass er bei aller Kraft nicht zu Gewalt fähig ist. Was der schmale Beamte als Einladung verstand, dem Künstler seinerseits einen ordentlichen Kinnhaken zu verpassen.</p>
<p>Es ist das erste Mal, dass Ai direkt die Härte zu spüren bekommt, die China Polizei gegen Kritiker einsetzt, die sich nicht mit geringeren Mitteln einschüchtern lassen. Indirekt erlebt er sie seit Jahren, weshalb er es sich zum Ziel gesetzt hat, die Methoden des Unterdrückungsstaats mit den Mitteln der Aktionskunst zu entlarven. Vergangene Woche hatte er in Chengdu auf die Absurdität des Gerichtsverfahrens gegen den Schriftsteller und Zivilrechtler Tan Zuoren aufmerksam machen wollen, dem &#8220;Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt&#8221; vorgeworfen wird, weil er Nachforschungen zum verheerenden Erdbeben von Sichuan im Mai 2008 angestellte hatte: Tan hatte recherchiert, wie viele Kinder damals in unsicher gebauten Schulgebäuden starben. Zusammen mit den Eltern der Opfer warf er den Behörden vor, Baupfusch gedeckt und durch Bestechung davon profitiert zu haben.</p>
<p>Ai, der in den vergangenen Monaten mit Hilfe von Freiwilligen selbst eine Liste der getöteten Kinder erstellt hatte, wollte vor Gericht für Tans Verteidigung aussagen. Doch dann drangen am 12. August, in der Nacht vor dem Prozess, gegen drei Uhr früh rund 30 Polizisten in Ais Hotelzimmer ein. &#8220;Ich habe sie nach ihren Ausweisen und ihren Durchsuchungsbefehlen gefragt, aber keine bekommen&#8221;, erzählt Ai. &#8220;Dann wurde ich geschlagen und beleidigt.&#8221; Der Polizist habe ihm gesagt: &#8220;Wenn wir wollen, können wir Dich totprügeln&#8221;, berichtet Ai. &#8220;Wenn Beamte sich uns gegenüber so benehmen, was machen sie dann erst mit all den Leuten vor Ort, die nicht vernetzt sind?&#8221;</p>
<p>Zusammen mit etwa zehn Begleitern wurde er zur Vernehmung abgeführt. Im Lift gelang es ihm, sich und den Polizisten, der ihn eskortierte, über den Spiegel zu fotografieren. Als Ai nach starken Protesten am Nachmittag desselben Tages freigelassen wurde, war die Gerichtsverhandlung gegen Tan bereits vorbei &#8211; der angeblich öffentliche Prozess hatte unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden. Eine seiner Begleiterinnen, Liu Yanping, die ihn bei seinen Recherchen zu den Erdbebenopfern unterstützt hatte, wird allerdings weiter festgehalten. &#8220;Ich werde gegen die Misshandlung klagen&#8221;, kündigt Ai an.</p>
<p>Zwar dürfte Ai auf juristischem Weg kaum Erfolg haben. Doch im Internet wird nun darüber spekuliert, ob der mediengewandte Künstler und Blogger die Beamten auf andere Weise bloß stellt. Zuletzt hatte er im Juni mit seinem Protest gegen eine neue Software zur Internetzensur Aufsehen erregt. &#8220;Die Regierung will ganz allein bestimmen, was in China als gut und schlecht, richtig und falsch gilt&#8221;, sagt Ai. &#8220;Aber wir lassen uns doch nicht verarschen.&#8221; So veröffentlichte er im Internet Bilder, auf denen er nackt in die Luft springt und sich dabei ein Plüschtier vor den Schritt hält. Ein doppelter Spott: Zum einen mockierte sich Ai über die Schwächen der automatischen Porno-Erkennung des &#8220;Grünen Damms&#8221;, die viele Nacktaufnahmen durchgehen ließ, dafür aber Bilder von Schwimmern oder Garfield-Comics blockierte. Zum anderen ist das Plüschtier selbst ein Symbol des chinesischen Bloggeraufstands. Denn was aussieht wie ein liebes Pony, ist in Wahrheit ein fiktives Geschöpf namens &#8220;Cao Ni Ma&#8221;, was wörtlich &#8220;Gras-Matsch-Pferd&#8221; heißt, in der Aussprache aber wie ein böses Schimpfwort klingt, das zum Sex mit der eigenen Mutter auffordert &#8211; und im Internet nach. Pekings Willen nicht vorkommen sollte. Für den 1. Oktober, den 60. Gründungstag der Volksrepublik, hat Ai außerdem zu einem Fotowettbewerb mit Bildern aufgerufen, auf denen Chinesen ihrem Land den Stinkefinger zeigen. Teile dieser und anderer Aktionen könnten im Herbst auch in Deutschland zu sehen sein: Dann hat Ai Weiwei eine Solo-Ausstellung in München.</p>
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		<title>„Chinas Wahrheit ist nicht elegant“</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Jul 2009 00:35:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Kulturrevolution]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Reform]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Der chinesische Schriftsteller Mo Yan erzählt, wie er vom Bauer zum Erfolgsautor wurde, weshalb Chinas Gegenwartsliteratur nicht ohne Gewalt auskommt und warum John Updike das nie verstehen konnte.</h3>
<em><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-1274" title="mo_yan_2" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/07/mo_yan_2-150x150.jpg" alt="mo_yan_2" width="150" height="150" />Frage: Mo Yan, ich sage es Ihnen lieber gleich zu Anfang: In diesem Gespräch wird es viel um Schubladendenken gehen.</em>

Mo Yan: (lächelt) Ach du liebe Güte!

<em>Frage: Wir wollen ja über chinesische Literatur reden, und davon verstehen wir im Westen leider so wenig, dass wir die Autoren meistens alle in einen Topf werfen. Das gilt auch für Sie: Ihre Romane werden bei uns in erster Linie als „chinesische Bücher“ gelesen, statt als Werke des einzigartigen Schriftstellers Mo Yan...</em>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der chinesische Schriftsteller Mo Yan erzählt, wie er vom Bauer zum Erfolgsautor wurde, weshalb Chinas Gegenwartsliteratur nicht ohne Gewalt auskommt und warum John Updike das nie verstehen konnte.</h3>
<p><em><img class="alignleft size-medium wp-image-1276" title="Mo_Yan" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/07/mo_yan_1-300x269.jpg" alt="Mo_Yan" width="300" height="269" />Frage: Mo Yan, ich sage es Ihnen lieber gleich zu Anfang: In diesem Gespräch wird es viel um Schubladendenken gehen.</em></p>
<p>Mo Yan: (lächelt) Ach du liebe Güte!</p>
<p><em>Frage: Wir wollen ja über chinesische Literatur reden, und davon verstehen wir im Westen leider so wenig, dass wir die Autoren meistens alle in einen Topf werfen. Das gilt auch für Sie: Ihre Romane werden bei uns in erster Linie als „chinesische Bücher“ gelesen, statt als Werke des einzigartigen Schriftstellers Mo Yan.</em></p>
<p>Mo Yan: Damit muss man leben. Und wir haben dieses Problem in China umgekehrt natürlich auch: Bei ausländischen Autoren steht eben immer zunächst die Nationalität im Vordergrund. Aber das macht ja auch den Reiz aus, denn so kann man durch Literatur fremde Länder und Kulturen kennen lernen.</p>
<p><em>Frage: Wobei man dann Romane eher wie Sachbücher liest, weil man ja gar nicht weiß, wo die Realität aufhört und die Fiktion beginnt.</em></p>
<p>Mo Yan: Das stimmt, aber letztlich schreiben Schriftsteller eben doch vor allem über das, was sie kennen. Und bei der chinesischen Gegenwartsliteratur muss man sich da ohnehin keine Gedanken machen: Realismus ist schließlich ihr entscheidendes Merkmal. Denn die Wirklichkeit so zu beschreiben, wie sie tatsächlich ist, darf man in China ja erst seit den Achtzigern.</p>
<p><em>Frage: Davor war die Zeit des sogenannten Sozialistischen Realismus, der zwar die Wirklichkeit im Namen, aber ansonsten nicht viel mit ihr zu tun hat.</em></p>
<p>Mo Yan: Ja, in der Zeit von Mao Zedong war die Literatur eine Waffe der Revolution und die Schriftsteller mussten die Gesellschaft so darstellen, wie sie dem sozialistischen Weltbild entsprach. Aber im Reformzeitalter ist dieses Tabu gebrochen worden, und heute schreiben wir, wie wir wollen: über die Politik und die Gesellschaft, das Leben und die Liebe, Gewalt und Sex.</p>
<p><em>Frage: Ihre Bücher zeichnen sich dadurch aus, dass sie diese neuen Freiheiten voll ausnutzen. John Updike hat einmal über Sie geschrieben, Ihre Literatur beschreibe „fröhlich frei die physischen Details die mit Sex, Geburt, Krankheit und gewaltsamem Tod einhergehen“. Updike, der davon etwas befremdet wirkte, erklärte sich das damit, dass der chinesische Roman offenbar nie „ein viktorianisches Zeitalter hatte, das ihn Anstand gelehrt hätte.“ </em></p>
<p>Mo Yan: So ist nun mal die Realität. Meine Bücher spielen alle vor dem Hintergrund der chinesischen Geschichte der letzten hundert Jahre, und die bestanden vor allem aus Krieg und Elend. Das ist auch meine persönliche Lebenserfahrung. Ich bin 1955 in einem armen Bauerndorf geboren und in der Zeit des Klassenkampfes aufgewachsen. Wegen der Kulturrevolution konnte ich nur fünf Jahre lang die Schule besuchen, danach musste ich in die Welt der Erwachsenen. Die Menschen haben sich damals pausenlos niedergemacht, mal mit Worten, mal mit körperlicher Gewalt. Wie sollte John Updike mit seinem gepflegten amerikanischen Mittelstandshintergrund das verstehen? Chinas Wahrheit ist eben nicht so elegant.</p>
<p><em>Frage: Wie wird man unter solchen Umständen zum Schriftsteller?</em></p>
<p>Mo Yan: Ich bin nicht mit großer Literatur aufgewachsen, sondern mit den Geschichten der Bauern. In unserer Gegend gab es einige großartige Erzähler, die abends die wildesten Anekdoten zum Besten geben konnten. Das war schon früh mein Traum: wie diese Bauern endlos Geschichten erzählen zu können. Und tatsächlich ist ihre Sprache, die ganz ungestüm, übertrieben und drastisch ist, zur Sprache meiner Bücher geworden &#8211; bis heute, obwohl ich inzwischen seit zwanzig Jahren in Peking lebe.</p>
<p><em>Frage: Bis heute lassen Sie ihre Bücher zum Großteil in ihrem Heimatdorf Gaomi spielen, und nicht etwa in den Städten, wo viele andere Gegenwartsautoren ihre Erzählungen ansiedeln.</em></p>
<p>Mo Yan: Gaomi ist meine Heimat, zumindest literarisch. Ich habe die ersten 21 Jahre meines Lebens dort verbracht. Danach wollte ich wie viele Chinesen dem Landleben entkommen, je weiter, umso besser. Aber beim Schreiben fühlte ich mich dann plötzlich wieder auf meine Heimat zurückgeworfen. Erst hat mich das beschränkt, bis ich gemerkt habe, was für ein Schatz das ist. Natürlich ist das Gaomi in meinen Büchern nur zum Teil echt, aber viele meiner Romanfiguren haben ihre Vorbilder in meinen dortigen Verwandten oder Nachbarn. Im Moment arbeite ich zum Beispiel an einem Buch, das auf der Geschichte einer Tante basiert, die fünfzig Jahre lang als Frauenärztin auf dem Land gearbeitet hat. Was die alles erlebt hat!</p>
<p><em>Frage: John Updike hätte damit sicher seine liebe Mühe gehabt.</em></p>
<p>Mo Yan: Ich schreibe gerne über Themen, die andere lieber vermeiden. Natürlich sind Beschreibungen von Brutalität und Leiden für die Leser nicht angenehm, aber ein Schriftsteller sollte keine Angst davor haben, die hässlichen Seiten des Lebens zu zeigen. Es ist sogar seine Verantwortung.</p>
<p><em>Frage: Warum?</em></p>
<p>Mo Yan: Schriftsteller sind die Ärzte der Gesellschaft. Unsere Aufgabe ist es, ihre Krankheiten zu finden, auch die der Regierung. Für westliche Intellektuelle mag das selbstverständlich klingen, aber in China ist es das noch längst nicht, weil bei uns die Medien ja vor allem den Auftrag haben, die Regierung zu loben. In den letzten Jahren ist die Berichterstattung zwar etwas besser geworden, aber echte Kritik und Enthüllungen kann sich nur die Literatur erlauben. Also muss man beides zusammen lesen, um ein objektives Bild zu bekommen: Die Zeitungen übertreiben Chinas Schönheit und wir Schriftsteller vergrößern seinen Schmerz.</p>
<p><em>Frage: Einige Kritiker sagen, dass sich unter solchen Umständen zwar eine interessante Aufarbeitung der chinesischen Geschichte, aber keine bedeutende Literatur entwickeln könne. Der deutsche Sinologe Wolfgang Kubin hat vor ein paar Jahren mit der Bemerkung Aufsehen erregt, China habe seit der Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949 keinen großen Autoren mehr hervorgebracht, weil das Land vom literarischen Diskurs der Welt abgeschnitten sei.</em></p>
<p>Mo Yan: Das kann ich schwer nachvollziehen und habe ehrlich gesagt meine Zweifel, ob Kubin sich in der chinesischen Gegenwartsliteratur wirklich gut auskennt. Seit den Achtzigern können wir ja alle bedeutenden Schriftsteller der Welt in Übersetzung lesen und ihre Schreibstile studieren. Ich finde, dass wir inzwischen sehr fortschrittlich sind.</p>
<p><em>Frage: Viele chinesische Gegenwartsschriftsteller sagen, die westliche Literatur habe sie stark beeinflusst. Gibt es denn überhaupt noch eine echte „chinesische“ Literatur, oder unterliegt die nicht ebenso den Einflüssen der Globalisierung wie viele andere Lebensbereiche? </em></p>
<p>Mo Yan: Die Globalisierung der Literatur ist zweifellos ein starker Trend. Aber so neu ist das auch wieder nicht. Die Weltliteratur war doch schon immer auf der Suche nach dem Menschen und den Kräften, die ihn antreiben. Der Unterschied ist nur der Ort, an dem die Suche losgeht: Bei den einen ist es New York, Paris oder Berlin, und bei mir eben Gaomi.</p>
<p><em>ZUR PERSON</em></p>
<p><em>Mo Yan, geboren 1956 in dem Bauerndorf Gaomi in der ostchinesischen Provinz Shandong, gehört zu Chinas erfolgreichsten Gegenwartsschriftstellern. Wegen der Kulturrevolution brach er nach der fünften Klasse die Schule ab und arbeitete in einer Fabrik. Mit 20 Jahren trat er in die Volksbefreiungsarmee ein, wo er zu schreiben begann und sich den Künstlernamen Mo Yan zulegte, der „Ohne Worte“ bedeutet.</em></p>
<p><em>Im Ausland wurde Mo Yan durch Zhang Yimous Verfilmung seines Romans „Das Rote Kornfeld“ berühmt, die 1988 auf der Berlinale den Goldenen Bären gewann. Zahlreiche Werke sind inzwischen auf Deutsch erschienen. Zuletzt erschien im Mai „Der Überdruss“ im Horlemann-Verlag. Im September kommt im Insel-Verlag „Die Sandelholzstrafe“ heraus.</em></p>
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		<title>Der nackte Sprung nach vorn</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Jul 2009 00:01:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Zensur]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Der chinesische Künstler Ai Weiwei kämpft gegen die Internetzensur - mit einem Teilerfolg: China verschiebt die Einführung einer obligatorischen Filter-Software.</h3>
<img class="alignleft size-full wp-image-1247" title="ai_weiwei_2" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/07/ai_weiwei_2.jpg" alt="ai_weiwei_2" width="108" height="154" />Was ist das für ein Krieg, in dem sich nackte Männer Kuscheltiere vor den Schritt halten und Luftsprünge machen? Die Selbstporträts, die der Pekinger Künstler Ai Weiwei kürzlich auf seiner Webseite veröffentlichte, waren ein Beitrag zu einem Kampf, dem sich eine ganze Armee chinesischer Blogger und Internetbenutzer verschrieben hat: dem Kampf gegen den "Grünen Damm". So heißt die Zensursoftware, die in China ab 1. Juli bei jedem Computerkauf mitgeliefert werden sollte, angeblich, um die Benutzer beim Surfen vor Pornographie zu schützen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der chinesische Künstler Ai Weiwei kämpft gegen die Internetzensur &#8211; mit einem Teilerfolg: China verschiebt die Einführung einer obligatorischen Filter-Software.</h3>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-1247" title="ai_weiwei_2" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/07/ai_weiwei_2.jpg" alt="ai_weiwei_2" width="283" height="406" />Was ist das für ein Krieg, in dem sich nackte Männer Kuscheltiere vor den Schritt halten und Luftsprünge machen? Die Selbstporträts, die der Pekinger Künstler Ai Weiwei kürzlich auf seiner Webseite veröffentlichte, waren ein Beitrag zu einem Kampf, dem sich eine ganze Armee chinesischer Blogger und Internetbenutzer verschrieben hat: dem Kampf gegen den &#8220;Grünen Damm&#8221;. So heißt die Zensursoftware, die in China ab 1. Juli bei jedem Computerkauf mitgeliefert werden sollte, angeblich, um die Benutzer beim Surfen vor Pornographie zu schützen.</p>
<p>Am Dienstagabend wurde bekannt, dass China die obligatorische Installation der Filtersoftware verschiebt. Das meldete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua ohne Angabe von Gründen. Der Guardian berichtet, die massiven Proteste von Bloggern und ausländischen Regierungen hätten zu diesem Rückzieher beigetragen.</p>
<p>Mehr als nackte Haut fürchtet die Kommunistische Partei die nackte Wahrheit, weshalb der &#8220;Grüne Damm&#8221; als neue Bauphase der &#8220;Great Firewall&#8221; gilt, mit der sie ihr Monopol über Informationen und Meinungen zu schützen versucht. &#8220;Die Regierung will ganz allein bestimmen, was in China als gut und schlecht, richtig und falsch gilt&#8221;, sagt Ai. &#8220;Aber wir lassen uns doch nicht verarschen.&#8221;</p>
<p>Der Künstler und Designer, der unter anderem das Pekinger Olympiastadion, das sogenannte &#8220;Vogelnest&#8221;, mit entwarf, hat schon mehrfach durch spektakuläre Onlineaktionen Aufsehen erregt und die Regierung in der Cyberwelt der Lächerlichkeit preisgegeben. So erstellte er im Frühjahr zusammen mit freiwilligen Helfern eine Liste aller Kinder, die letztes Jahr beim Sichuan-Erdbeben in einstürzenden Schulen getötet wurden. Die Behörden hatten eine solche Aufstellung verweigert.</p>
<p>Ais nackter Sprung bedeutet für die Zensoren gleich doppelten Spott: Zum einen mokiert sich Ai damit über die Schwächen der automatischen Porno-Erkennung des &#8220;Grünen Damms&#8221;. Blogger hatten bei Tests der Software festgestellt, dass sie viele Nacktaufnahmen durchgehen ließ, dafür aber Bilder von Schwimmern oder Garfield-Comics blockierte. Zum anderen ist das Plüschtier, das Ai als Ahornblatt dient, selbst eine Ikone des chinesischen Bloggeraufstands. Denn was aussieht wie ein liebes Pony, ist in Wahrheit ein fiktives Geschöpf namens &#8220;Cao Ni Ma&#8221;, was wörtlich &#8220;Gras-Matsch-Pferd&#8221; heißt, in der Aussprache aber wie ein böses Schimpfwort klingt, das zum Sex mit der eigenen Mutter auffordert. Durch die Verwendung der harmlosen Schriftzeichen hatten die Erfinder Anfang des Jahres monatelang die Spracherkennungsfilter der Zensoren überlisten und ihr Geschöpf zum Online-Star machen können. In Internetgeschichten kämpfte das Gras-Matsch-Pferd gegen Flusskrebse (klingt auf chinesisch wie &#8220;Zensur&#8221;) um die Hoheit über ein Grasland (klingt wie &#8220;Meinungsfreiheit&#8221;).</p>
<p>Ai will der Regierung allerdings nicht nur symbolisch &#8220;Fick dich &#8221; sagen: Für den 1. Juli hatte er Chinas Blogger aufgerufen, einen Tag lang nicht das Internet zu benutzen. Stattdessen lädt er sie zu einer Party in sein Atelier, wo er unter anderem sein neuestes Projekt vorstellen will: einen Fotowettbewerb mit Bildern, auf denen Chinesen ihrem Land den Stinkefinger zeigen. Am 1. Oktober will sein &#8220;Mittelfingerkomitee&#8221; den Sieger küren. Das ist der 60. Jahrestag der Volksrepublik.</p>
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		<title>Der Kauf als Kunstgenuss</title>
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		<pubDate>Mon, 25 May 2009 02:49:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Hongkong]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Westliche Galeristen suchen in Asien nach kaufkräftigen Kunstliebhabern. Die Hongkonger Kunstmesse will sich dabei als Art Basel in Fernost etablieren.</h3>
Dass Andy Warhol das nicht mehr erleben darf! Der Übervater der Popart, der den Kunstbetrieb mit Bildern von Dosensuppen und Marilyn Monroe zwang, sich als Teil der Konsumgüter- oder Unterhaltungsindustrie zu begreifen, hätte sich gewiss bestätigt gefühlt, als die Branche kürzlich zur Hongkonger Kunstmesse zusammenkam. Für Traditionalisten mag Kunst zwar noch immer genauso wenig auf einer Messe verloren haben wie ein Gottesdienst im Fußballstadion. Doch der Papst predigt ja längst auch in Sportarenen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Westliche Galeristen suchen in Asien nach kaufkräftigen Kunstliebhabern. Die Hongkonger Kunstmesse will sich dabei als Art Basel in Fernost etablieren.</h3>
<p>Dass Andy Warhol das nicht mehr erleben darf! Der Übervater der Popart, der den Kunstbetrieb mit Bildern von Dosensuppen und Marilyn Monroe zwang, sich als Teil der Konsumgüter- oder Unterhaltungsindustrie zu begreifen, hätte sich gewiss bestätigt gefühlt, als die Branche kürzlich zur Hongkonger Kunstmesse zusammenkam. Für Traditionalisten mag Kunst zwar noch immer genauso wenig auf einer Messe verloren haben wie ein Gottesdienst im Fußballstadion. Doch der Papst predigt ja längst auch in Sportarenen, und spätestens seit Warhol gibt es nichts mehr dagegen einzuwenden, dass Gemälde und Skulpturen im gleichen Format vertrieben werden wie Autos oder Maschinen: im Scheinwerferlicht großer Ausstellungshallen, in denen hunderte Stellwandmeter mit Werken behängt werden und Kaufen als die höchste Form des Kunstgenusses gilt.</p>
<p>In Hongkong nimmt die Kommerzialisierung des Kreativen nun seine letzte Hürde: So wie die Globalisierung Autofirmen und Maschinenfabriken auf der Suche nach neuen Produktionsstätten und Absatzmärkten nach Asien getrieben hat, orientiert sich auch der Kunstbetrieb nach Fernost. Westliche Sammler und Galeristen haben Asien schon vor einigen Jahren entdeckt; insbesondere chinesische Malerei hat sich als Verkaufsschlager entpuppt. Künftig soll das Geschäft aber auch in die andere Richtung laufen: Westliche Künstler und Kunsthändler wollen die rapide wachsende Zahl asiatischer Sammler als Kunden gewinnen. Fehlt nur noch ein Vertriebskanal, ein Jahrmarkt für Kunstprofis nach dem Vorbild der Art Basel. Mehrere Standorte konkurrierten in den vergangenen Jahren um diese Rolle, darunter Shanghai, Peking, Singapur und Dubai. Hongkongs Messe ART HK scheint nun das Rennen für sich entschieden zu haben.</p>
<p>Trotz der Krise haben sich über dreihundert Galerien um die teuren Hongkonger Stellplätze beworben. Die Organisatoren ließen allerdings nur ein Drittel davon zu &#8211; die Selektion soll die Qualität sichern. &#8220;Gegenüber vergangenem Jahr haben wir stark zugelegt&#8221;, sagt der Messedirektor Magnus Renfrew. &#8220;Besonders ermutigend ist, dass diesmal auch einige der wichtigsten Galerien der Welt dabei sind.&#8221; Zu den berühmtesten Debütanten gehört unter anderem White Cube, der Londoner Haus-und-Hof-Händler von Szenestars wie Damien Hirst. &#8220;Das ist unsere erste asiatische Messe, und sie ist für uns sehr wichtig&#8221;, erklärt der White-Cube-Direktor Neil Wenman. &#8220;Chinesische Sammler zeigen inzwischen großes Interesse an westlichen Künstlern, insbesondere an bekannten Namen, die als sichere Geldanlage gelten können.&#8221; Bekannte Namen lieferte auch die amerikanische Galerie Gagosian, die große Namen wie Picasso, Lichtenstein, Koons und Giacometti mitbrachte &#8211; und eine von Warhols legendären Campbell-Suppen.</p>
<p>Auch ein gutes Dutzend deutscher Händler präsentiert in Hongkong sein Angebot, und obwohl die meisten einen Großteil ihrer Bilder wieder mit nach Hause schiffen müssen, ist der Glaube an den asiatischen Markt ungebrochen. &#8220;Letztes Jahr war ich schon nach einem Tag ausverkauft&#8221;, sagt die Düsseldorfer Galeristin Christa Schübbe, die neben Werken von Christian Schoeler auch den in Deutschland arbeitenden Chinesen Nashun Nashunbatu im Programm hat. &#8220;Diesmal läuft es mit dem Verkauf natürlich schleppender, aber das Interesse ist ungebrochen.&#8221;</p>
<p>Auch die Berliner Kunsthändlerin Caprice Horn sieht die Messe als gute Gelegenheit, chinesische Sammler kennenzulernen. &#8220;Es ergeben sich viele neue Kontakte, aus denen sich in Zukunft etwas entwickeln kann&#8221;, sagt sie. &#8220;Im Moment spüren wir zwar die Krise, aber ich bin mir sicher, dass sich die asiatischen Märkte schneller erholen werden als viele andere.&#8221; Auch Felix Ringel von der gleichnamigen Galerie in Düsseldorf ist überzeugt. &#8220;Der Kunstmarkt braucht eine asiatische Leitmesse, und Hongkong hat dafür die besten Voraussetzungen&#8221;, sagt Ringel, der mit Werken des deutschen Künstlers Stephan Kaluza und des Chinesen Guan Yong angereist ist. &#8220;Hongkong ist eine Stadt, in die Sammler ohnehin gerne reisen, und dass bei der Ein- und Ausfuhr von Kunstwerken keine Steuern erhoben wird, macht den Standort natürlich besonders attraktiv.&#8221;</p>
<p>Christoph Noe von der Kunstvermittlungsagentur The Ministry of Art, die sich auf junge chinesische Künstler spezialisiert hat, hofft, dass die Krise helfen kann, die Spreu vom Weizen zu trennen &#8211; bei den Künstlern ebenso wie bei den Sammlern. &#8220;Viele haben in den vergangenen Jahren nicht sehr nachhaltig gedacht&#8221;, sagt Noe. &#8220;Die momentane Situation bietet Gelegenheit, das nachzuholen.&#8221; Auch der Galerist Ringel glaubt, dass die Krise voller Chancen steckt. &#8220;Wer sich auskennt, kann jetzt unglaublich gut einkaufen&#8221;, meint er. Der Satz erinnert an die Konsumplädoyers, mit denen Finanzminister in aller Welt dazu aufrufen, in der Krise bloß nicht auch noch zu sparen. So wird die Kunst gewissermaßen Teil des Konjunkturpakets.</p>
<p>Erschienen in: Stuttgarter Zeitung, 25. Mai 2009</p>
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