Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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„Die Polizei darf bei mir einziehen“

Ai Weiwei hofft, Ende des Jahres als Gastprofessor in Berlin antreten zu können. Im Interview spricht er über das Leben nach seiner Festnahme, neue Formen des Protests und den Dokumentarfilm „Never Sorry“, der nächste Woche in die deutschen Kinos kommt.

Ai Weiwei lebt idyllisch. Im Garten seines Wohnstudios im Norden Pekings sprießen Bambus und Kiefern. Dichtes Efeu rankt die Hauswände empor. Ein Dutzend Katzen und mehrere Hunde tollen über den Rasen. Ai Weiwei sitzt in der Morgensonne und isst Kirschen. Die Kerne landen in einem gläsernen Aschenbecher, der die Form des Pekinger Olympiastadions hat. Ein Spucknapf mit hohem Symbolwert: Vor zehn Jahren wurde Ai durch seine Mitarbeit am Design des sogenannten „Vogelnests“ weltberühmt und zu einem der bestverkauften chinesischen Künstler. Doch noch vor den Olympischen Spielen 2008 distanzierte er sich von dem Projekt, weil er das Sportfest als geschmacklose Machtdemonstration der Kommunistischen Partei sah. Seitdem gilt er als Chinas prominentester und mutigster Regimekritiker…

Bernhard Bartsch | 04. Juni 2012 um 09:53 Uhr

 

Amerikanischer Traum – Made in China

Der chinesische Bildhauer Lei Yixin entwarf das Denkmal von Martin Luther King. Viele Amerikaner empört das.

Dem chinesischen Bildhauer Lei Yixin wird an diesem Sonntag eine Ehre zuteil, von der viele meinen, dass sie ihm nicht zusteht. US-Präsident Barack Obama weiht in Washingtons National Mall, direkt zwischen den Denkmälern von Abraham Lincoln und Thomas Jefferson, Leis Standbild von Martin Luther King ein. Viele Amerikaner finden es ein Unding, dass die Statue des Bürgerrechtlers „Made in China“ ist: von einem Chinesen entworfen, in der Volksrepublik aus chinesischem Granit gemeißelt und dann per Container über den Pazifik geschifft, als existiere kein Unterschied zwischen Turnschuhen und einem Nationalmonument. Doch was kann Lei dafür, dass die Amerikaner ihn beauftragt haben?…

Bernhard Bartsch | 15. Oktober 2011 um 02:49 Uhr

 

Von Aufklärung keine Spur

Die „Kunst der Aufklärung“ im Pekinger Nationalmuseum sollte ein Zeichen deutsch-chinesischer Freundschaft werden. Nun ist sie ein diplomatischer Problemfall.

Wer aufgeklärt werden will, muss Zeit mitbringen. Anderthalb Stunden stehen die Besucher an diesem Morgen Schlange, um in Pekings Nationalmuseum zu gelangen. Beim Warten können sie über den Platz des Himmlischen Friedens schauen. Am Eingang herrschen Sicherheitsvorkehrungen wie am Flughafen. Der Eintritt ist kostenlos. Die Ausstellung, deretwegen die Massen anstehen, ist keineswegs die „Kunst der Aufklärung“…

Bernhard Bartsch | 20. April 2011 um 09:01 Uhr

 

„Fünf-Sterne-Lakai des Westens“

Mit einer Rufmordkampagne will China den inhaftierten Künstler Ai Weiwei diskreditieren.

Der Panda trägt ein Sturmgewehr und lässt keinen Zweifel daran, auf wen er gerne schießen würde: auf Ai Weiwei, den „Verräter des Mutterlandes“ und „Fünf-Sterne-Lakai des Westens“. Das bewaffnete chinesische Nationaltier ist das Maskottchen des Internetportals „Fortschrittliche Gesellschaft“ (www.jinbushe.org), einem nationalistischen Forum, das seine Klicks derzeit vor allem Schmiertiraden gegen den berühmten Künstler und Regimekritiker verdankt: „Ai Weiwei ist ein fetter, vulgärer Mann, der sich gerne nackt auszieht und seinen Pimmel zeigt“, beginnt ein im Lexikonstil geschriebener Artikel…

Bernhard Bartsch | 19. April 2011 um 08:36 Uhr

 

Widerstand als Gesamtkunstwerk

Wie Ai Weiwei zum schärfsten Kritiker der Kommunistischen Partei wurde.

Wer im Pekinger Kreativenviertel Caochangdi das Haus von Chinas bekanntestem Künstler und schärfstem Regierungskritiker sucht, erkennt es an den beiden Überwachungskameras. Die eine ist an einen Laternenmast montiert und auf die Stahltür eines grau ummauerten Gebäudekomplexes gerichtet. Diese Kamera hat die Polizei installiert. Die andere ragt von innen hinter der Mauer hervor und zielt auf die erste Kamera. Dieses Gerät hat Ai Weiwei angebracht. „Wenn die Polizei mich überwachen darf, darf ich auch die Polizei überwachen“, erklärte Ai bei einem Studiobesuch im vergangenen Herbst…

Bernhard Bartsch | 05. April 2011 um 15:53 Uhr

 

Razzia bei Ai Weiwei

Chinas Polizei nimmt kritischen Künstler und Mitarbeiter fest. Womöglich droht Ai Weiwei eine lange Haftstrafe.

Chinas Kommunistische Partei hat ihren prominenten Kritiker, den Künstler Ai Weiwei, festnehmen lassen. Der Künstler wurde am Sonntag gegen 8.30 Uhr am Pekinger Flughafen verhaftet, als er nach Hongkong fliegen wollte. „An der Passkontrolle wurde er abgeführt“, erklärte eine Begleiterin. Seitdem fehlt von ihm jede Spur. Wenig später starteten dann rund zwanzig Polizisten eine Razzia in Ais Studio…

Bernhard Bartsch | 03. April 2011 um 16:11 Uhr

 

Aufklärer am Werk

Eine Ausstellung zeigt in China die „Kunst der Aufklärung“. Doch um sich ihres Verstandes zu bedienen, brauchen chinesische Intellektuelle keine Nachhilfe.

Heinrike soll höher hängen. „Zehn Zentimeter sind zu viel, probiert mal fünf“, dirigiert Michael Eissenhauer die Arbeiter im Pekinger Nationalmuseum. Der Berliner Museumsdirektor hat eines seiner wertvollsten Werke in die chinesische Hauptstadt verliehen: das „Porträt der Heinrike Danneker“ von Gottlieb Schick, gemalt 1802, eine Bildikone der Aufklärung, der Emanzipation und des gymnasialen Geschichtsunterrichts. Die junge Frau in den Farben der französischen Revolution soll den Chinesen die „Kunst der Aufklärung“ vermitteln…

Bernhard Bartsch | 30. März 2011 um 03:47 Uhr

 

Ai Weiwei wird ein Berliner

Chinas berühmtester Künstler baut angesichts harter Repressionen in seiner Heimat ein Studio in Deutschland.

Er ist der größte Star des chinesischen Kunstbetriebs und einer der schärfsten Kritiker der Kommunistischen Partei. Doch angesichts wachsender Repressionen in seiner Heimat plant Ai Weiwei nun einen Teil-Umzug nach Deutschland. Im Berliner Stadtteil Oberschöneweide will der 53-Jährige ein Studio kaufen und trifft derzeit Vorbereitungen, um mit seinem Team künftig dort arbeiten zu können…

Bernhard Bartsch | 28. März 2011 um 16:54 Uhr

 

„Wer schweigt, wird Teil des Systems“

Der Künstler Ai Weiwei über Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, seinen Rechtsstreit mit der chinesischen Regierung und Kunst in Zeiten des Internets.

Bernhard Bartsch: Herr Ai, Sie werden beim Literaturfest lit.Cologne mit Herta Müller über „Politik und Kunst“ diskutieren. Haben Sie schon einmal etwas von ihr gelesen?

Ai Weiwei: Ich habe zwei Bücher und ihre Nobelpreisrede gelesen – aber nur, weil ich sie treffen werde. Ich bin kein guter Leser und habe kaum Vergleichsmöglichkeiten. Trotzdem finde ihre Werke einzigartig und habe großen Respekt davor, wie hartnäckig und leidenschaftlich sie ihre Themen behandelt…

Bernhard Bartsch | 10. März 2010 um 15:05 Uhr

 

Die Rebellion des Zuhörens

Der regimekritische Autor Liao Yiwu darf nicht nach Deutschland reisen – aber Deutschland zu ihm. Ein Besuch in Chengdu.

Er steht allein am Rand der sechsspurigen Straße und erkennt das Auto schon von weitem. „Hier kommen nicht viele Taxis her“, sagt Liao Yiwu, setzt sich neben den Fahrer und lotst ihn durch die Baustellenlandschaft von Wenjiang, einen Vorort von Sichuans Provinzhauptstadt Chengdu. „Gehen wir lieber in ein Teehaus, zuhause stehen noch immer Polizisten vor meiner Tür.“ Am Vortag haben sie den Schriftsteller am Flughafen in Chengdu festgenommen, weil er zum Kölner Literaturfest lit.Cologne reisen wollte…

Bernhard Bartsch | 03. März 2010 um 14:47 Uhr

 

Großgrundbesitzerbonbons

Vor 44 Jahren versuchten Chinas Bildhauer, Bauern durch Kunst die Weltrevolution zu erklären. Nun reist das kommunistische Lehrwerk erstmals ins Ausland.

PachthofKennste die noch?“ schallt es von links. „Und schau mal den da!“ kommt es lachend von rechts zurück. Es ist Sonntagnachmittag. In kleinen Gruppen ziehen Touristen und Wochenendausflügler durch das feudale Anwesen von Chinas berüchtigtstem Großgrundbesitzer, Liu Wencai. Sie fotografieren sich in den gepflegten Gärten und vor Oldtimern vom Anfang des 20. Jahrhunderts, doch der Höhepunkt ist der „Hof für die Pachteinnahmen“, zu dem Wegweiser die Menschenströme führen wie im Louvre zur Mona Lisa. „Hier sehen sie das wichtigste Kunstwerk es Neuen China“, knarzt es aus dem Megaphon der Reiseführerin, als ob die Besucher das nicht selber wüssten…

Bernhard Bartsch | 24. September 2009 um 04:16 Uhr

 

Twittern vom Krankenbett

Künstler soll durch Schläge der chinesischen Polizei Gehirnblutungen erlitten haben. Seinen Krankenhausaufenthalt in München dokumentiert er im Internet.

Der renommierte chinesische Künstler und Designer Ai Weiwei ist am Montag in München wegen Gehirnblutungen operiert worden, bei denen es sich um eine Spätfolge von Misshandlung durch die chinesische Polizei handeln soll. „Der Auslöser war der Vorfall in Sichuan“, erklärte Ai im Telefonat mit dem Autor…

Bernhard Bartsch | 16. September 2009 um 20:51 Uhr

 

Der Ritterschlag

Der Künstler Ai Weiwei entlarvt mit klugen Aktionen den chinesischen Unrechtsstaat. Nun wurde er erstmals selbst von einem Polizisten geschlagen.

Ai Weiwei sieht nicht aus wie jemand, mit dem man sich auf eine Prügelei einlassen will. Man traut dem 52-Jährigen beinahe zu, dass er die tonnenschweren Skulpturen, auf denen sein Ruf als einer der bedeutendsten chinesischen Gegenwartskünstler beruht, ganz alleine stemmen kann. Aber dann diese Augen!…

Bernhard Bartsch | 17. August 2009 um 02:27 Uhr

 

„Chinas Wahrheit ist nicht elegant“

Der chinesische Schriftsteller Mo Yan erzählt, wie er vom Bauer zum Erfolgsautor wurde, weshalb Chinas Gegenwartsliteratur nicht ohne Gewalt auskommt und warum John Updike das nie verstehen konnte.

mo_yan_2Frage: Mo Yan, ich sage es Ihnen lieber gleich zu Anfang: In diesem Gespräch wird es viel um Schubladendenken gehen.

Mo Yan: (lächelt) Ach du liebe Güte!

Frage: Wir wollen ja über chinesische Literatur reden, und davon verstehen wir im Westen leider so wenig, dass wir die Autoren meistens alle in einen Topf werfen. Das gilt auch für Sie: Ihre Romane werden bei uns in erster Linie als „chinesische Bücher“ gelesen, statt als Werke des einzigartigen Schriftstellers Mo Yan…

Bernhard Bartsch | 15. Juli 2009 um 02:35 Uhr

 

Der nackte Sprung nach vorn

Der chinesische Künstler Ai Weiwei kämpft gegen die Internetzensur – mit einem Teilerfolg: China verschiebt die Einführung einer obligatorischen Filter-Software.

ai_weiwei_2Was ist das für ein Krieg, in dem sich nackte Männer Kuscheltiere vor den Schritt halten und Luftsprünge machen? Die Selbstporträts, die der Pekinger Künstler Ai Weiwei kürzlich auf seiner Webseite veröffentlichte, waren ein Beitrag zu einem Kampf, dem sich eine ganze Armee chinesischer Blogger und Internetbenutzer verschrieben hat: dem Kampf gegen den „Grünen Damm“. So heißt die Zensursoftware, die in China ab 1. Juli bei jedem Computerkauf mitgeliefert werden sollte, angeblich, um die Benutzer beim Surfen vor Pornographie zu schützen…

Bernhard Bartsch | 01. Juli 2009 um 02:01 Uhr