“Wer schweigt, wird Teil des Systems”
Der Künstler Ai Weiwei über Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, seinen Rechtsstreit mit der chinesischen Regierung und Kunst in Zeiten des Internets.
Frage: Herr Ai, Sie werden beim Literaturfest lit.Cologne mit Herta Müller über “Politik und Kunst” diskutieren. Haben Sie schon einmal etwas von ihr gelesen?
Ai Weiwei: Ich habe zwei Bücher und ihre Nobelpreisrede gelesen – aber nur, weil ich sie treffen werde. Ich bin kein guter Leser und habe kaum Vergleichsmöglichkeiten. Trotzdem finde ihre Werke einzigartig und habe großen Respekt davor, wie hartnäckig und leidenschaftlich sie ihre Themen behandelt…
Die Rebellion des Zuhörens
Der regimekritische Autor Liao Yiwu darf nicht nach Deutschland reisen – aber Deutschland zu ihm. Ein Besuch in Chengdu.
Er steht allein am Rand der sechsspurigen Straße und erkennt das Auto schon von weitem. “Hier kommen nicht viele Taxis her”, sagt Liao Yiwu, setzt sich neben den Fahrer und lotst ihn durch die Baustellenlandschaft von Wenjiang, einen Vorort von Sichuans Provinzhauptstadt Chengdu. “Gehen wir lieber in ein Teehaus, zuhause stehen noch immer Polizisten vor meiner Tür.” Am Vortag haben sie den Schriftsteller am Flughafen in Chengdu festgenommen, weil er zum Kölner Literaturfest lit.Cologne reisen wollte…
Großgrundbesitzerbonbons
Vor 44 Jahren versuchten Chinas Bildhauer, Bauern durch Kunst die Weltrevolution zu erklären. Nun reist das kommunistische Lehrwerk erstmals ins Ausland.
Kennste die noch?” schallt es von links. “Und schau mal den da!” kommt es lachend von rechts zurück. Es ist Sonntagnachmittag. In kleinen Gruppen ziehen Touristen und Wochenendausflügler durch das feudale Anwesen von Chinas berüchtigtstem Großgrundbesitzer, Liu Wencai. Sie fotografieren sich in den gepflegten Gärten und vor Oldtimern vom Anfang des 20. Jahrhunderts, doch der Höhepunkt ist der “Hof für die Pachteinnahmen”, zu dem Wegweiser die Menschenströme führen wie im Louvre zur Mona Lisa. “Hier sehen sie das wichtigste Kunstwerk es Neuen China”, knarzt es aus dem Megaphon der Reiseführerin, als ob die Besucher das nicht selber wüssten…
Twittern vom Krankenbett
Künstler soll durch Schläge der chinesischen Polizei Gehirnblutungen erlitten haben. Seinen Krankenhausaufenthalt in München dokumentiert er im Internet.
Der renommierte chinesische Künstler und Designer Ai Weiwei ist am Montag in München wegen Gehirnblutungen operiert worden, bei denen es sich um eine Spätfolge von Misshandlung durch die chinesische Polizei handeln soll. “Der Auslöser war der Vorfall in Sichuan”, erklärte Ai im Telefonat mit dem Autor…
Der Ritterschlag
Der Künstler Ai Weiwei entlarvt mit klugen Aktionen den chinesischen Unrechtsstaat. Nun wurde er erstmals selbst von einem Polizisten geschlagen.
Ai Weiwei sieht nicht aus wie jemand, mit dem man sich auf eine Prügelei einlassen will. Man traut dem 52-Jährigen beinahe zu, dass er die tonnenschweren Skulpturen, auf denen sein Ruf als einer der bedeutendsten chinesischen Gegenwartskünstler beruht, ganz alleine stemmen kann. Aber dann diese Augen!…
„Chinas Wahrheit ist nicht elegant“
Der chinesische Schriftsteller Mo Yan erzählt, wie er vom Bauer zum Erfolgsautor wurde, weshalb Chinas Gegenwartsliteratur nicht ohne Gewalt auskommt und warum John Updike das nie verstehen konnte.
Frage: Mo Yan, ich sage es Ihnen lieber gleich zu Anfang: In diesem Gespräch wird es viel um Schubladendenken gehen.
Mo Yan: (lächelt) Ach du liebe Güte!
Frage: Wir wollen ja über chinesische Literatur reden, und davon verstehen wir im Westen leider so wenig, dass wir die Autoren meistens alle in einen Topf werfen. Das gilt auch für Sie: Ihre Romane werden bei uns in erster Linie als „chinesische Bücher“ gelesen, statt als Werke des einzigartigen Schriftstellers Mo Yan…
Der nackte Sprung nach vorn
Der chinesische Künstler Ai Weiwei kämpft gegen die Internetzensur – mit einem Teilerfolg: China verschiebt die Einführung einer obligatorischen Filter-Software.
Was ist das für ein Krieg, in dem sich nackte Männer Kuscheltiere vor den Schritt halten und Luftsprünge machen? Die Selbstporträts, die der Pekinger Künstler Ai Weiwei kürzlich auf seiner Webseite veröffentlichte, waren ein Beitrag zu einem Kampf, dem sich eine ganze Armee chinesischer Blogger und Internetbenutzer verschrieben hat: dem Kampf gegen den “Grünen Damm”. So heißt die Zensursoftware, die in China ab 1. Juli bei jedem Computerkauf mitgeliefert werden sollte, angeblich, um die Benutzer beim Surfen vor Pornographie zu schützen…
Der Kauf als Kunstgenuss
Westliche Galeristen suchen in Asien nach kaufkräftigen Kunstliebhabern. Die Hongkonger Kunstmesse will sich dabei als Art Basel in Fernost etablieren.
Dass Andy Warhol das nicht mehr erleben darf! Der Übervater der Popart, der den Kunstbetrieb mit Bildern von Dosensuppen und Marilyn Monroe zwang, sich als Teil der Konsumgüter- oder Unterhaltungsindustrie zu begreifen, hätte sich gewiss bestätigt gefühlt, als die Branche kürzlich zur Hongkonger Kunstmesse zusammenkam. Für Traditionalisten mag Kunst zwar noch immer genauso wenig auf einer Messe verloren haben wie ein Gottesdienst im Fußballstadion. Doch der Papst predigt ja längst auch in Sportarenen…
“Wir machen die Dreckarbeit”
Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben von Sichuan erstellt der Künstler Ai Weiwei eine öffentliche Liste getöteter Kinder. Im Interview spricht er über Pekings Katastrophenpropaganda, die Kunst des Ungehorsams und die Macht des Internets.
Frage: Herr Ai, wollen Sie ins Gefängnis?
Ai Weiwei: Nein, ich will nur die Wahrheit.
Wahrheit und Gefängnis liegen in China manchmal eng beieinander.
Ai: Ich weiß, aber das hält mich nicht auf.
Sie erstellen eine öffentliche Liste aller Kinder, die beim Erdbeben im Mai 2008 getötet wurden. Die Regierung hat eine solche Aufstellung bisher verweigert, offenbar um Proteste gegen marode Schulgebäude zu verhindern. Eltern werden eingeschüchtert und verhaftet…
Hasenjagd
Wie ein chinesischer Kunstliebhaber den Versteigerern eines umstrittenen Bronzehasen einen Haken schlug.
Der chinesische Antiquitätensammler Cai Mingchao hat bei der Pariser Auktion von Kunstschätzen des verstorbenen Modeschöpfers Yves Saint Laurent den Verkauf von zwei Skulpturen verhindert, die China als Beutekunst zurückverlangt, indem er selbst das Höchstgebot abgab – und sich nun zu zahlen weigert. Er habe per Telefon mitgesteigert und bei 31 Millionen Euro den Zuschlag erhalten, erklärte Cai, als er am Montag das fünftägige Rätselraten über den siegreichen Bieter beendete. “Ich muss betonen, dass dieses Geld nicht bezahlt werden kann”, sagte der 45-Jährige…
Die Pekingoper und ihre verlorene Seele
Der Pekingoperndarsteller Mei Lanfang war Chinas erster Weltstar. Fünf Jahrzehnte nach seinem Tod löst die Verfilmung seines Lebens, die auch auf der Berlinale laufen wird, eine kulturelle Selbstsuche aus.
Am 16. Februar 1930 erlebten die Zuschauer im New Yorker Thirty-ninth-Street-Theater einen Auftritt, der selbst in der weltläufigen Kulturmetropole die Grenzen des Vorstellbaren sprengte: Der Pekingoperndarsteller Mei Lanfang führte ein chinesisches Volksmärchen auf: vor leerer Bühne, mit bunt geschminktem Gesicht und prachtvollen Gewändern, mit durchdringendem Falsettgesang und atemberaubender Akrobatik.
Die milden Wilden
Chinas Künstler zetteln eine neue Kulturrevolution an. Mit kopulierenden Tigern, Orgien in Öl und Kriegsschiffen aus Plexiglas rebellieren sie gegen das Spießertum der Älteren – zur Freude der Auktionshäuser: Die Werke der Wohlstandskinder sind dort heiß gehandelte Ware.
Zum Frühlingsfest holte Zhou Jin Hua seine Eltern mit dem Auto ab. Die Tour dauerte neun Tage: Von Peking ging es quer durch China bis nach Deyang in der Provinz Sichuan und wieder zurück. Es war das erste Mal, dass der 30-Jährige die Strecke mit seinem eigenen Wagen fuhr. Als das Fahrzeug der Mittelklassemarke Chery vor dem Haus der Eltern parkte, gratulierten die Nachbarn: “Nicht schlecht, euer Sohn.”
Der Stolz der Pekinger
Im Zentrum des Reichs der Mitte prallen Welten aufeinander. Das war vor 700 Jahren nicht anders als heute. Vom Leben in einer unberechenbaren Stadt.
Der Abend des 19. Dezember 1999 war klar und frostig, ein Abend wie gemacht für Bier und Popcorn in der No. 50 Bar. Es war eine der ersten Pekinger Kneipen nach westlichem Vorbild. Die Kundschaft bestand zur einen Hälfte aus ausländischen Studenten und zur anderen aus neuerdings wohlhabenden Chinesen, die bereitwillig zehn Yuan für ein Bier bezahlten, das im Restaurant um die Ecke zwei Yuan kostete. Ich gehörte zu ersteren…
Picassos für den Grabbeltisch
Das südchinesische Dafen ist die größte Künstlerkolonie der Welt. 10.000 Maler bedienen von hier aus den globalen Massengeschmack.
Huang Jianzhong malt eine Katze. Er hasst Katzen. „Wer sich so was bloss hinhängt?“, fragt er sich, während er mit schnellen Pinselstrichen das flauschige Fell schraffiert. Das Motiv, das in Postkartengrösse an der Staffelei hängt – rechts die Katze, links eine Schmuckdose –hat Huang schon dutzende Mal kopiert. Bald werden es hunderte Male sein, denn Katzenbilder sind beliebt, weitaus populärer als Picassos, Miros oder Rembrandts, ganz zu schweigen von Huangs eigenen Werken…
Bonbons und Beethoven
Er hat einen Meter Klavierliteratur und jede Menge Flausen im Kopf – ein Besuch bei dem neunjährigen chinesischen Wunderkind Niu Niu.
So stellt man sich Mozart als Kind vor: Ein kleiner Tausendsassa, dessen Fantasie die wildesten Pirouetten dreht, ein Frechdachs, dessen Übermut keine elterliche Strenge gewachsen ist, ein Kugelblitz, der nur stillsitzt, wenn man ihm einen Klavierschemel hinschiebt. Dann strömt all seine Energie in die Fingerspitzen, die wie von alleine über die Tasten tanzen, und durch das offene Fenster perlt Notenchampagner auf die Straße…