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	<title>Bernhard Bartsch &#187; Korruption</title>
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	<description>TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN</description>
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		<title>Zwölf Fäuste für den Frieden</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Jul 2010 00:28:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Korruption]]></category>
		<category><![CDATA[Polizei]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Sechs chinesische Polizisten haben versehentlich die Frau ihres Chefs krankenhausreif geschlagen und so eine Diskussion über staatliche Willkür entfacht.</h3>
Sechzehn Minuten sind eine lange Zeit. Wenn man misshandelt wird, sind 16 Minuten eine Ewigkeit. Bei Profiboxkämpfen werden in sechzehn Minuten volle vier Runden absolviert, inklusive Pausen. Doch für Chen Yulian gab es keine Unterbrechung. Sechzehn Minuten lang wurde die 58-Jährige am Eingangstor der Provinzzentrale der Kommunistischen Partei im zentralchinesischen Wuhan  von sechs Polizisten geschlagen, getreten und beschimpft, bis sie in Ohnmacht fiel. Zweifel an ihrem Verhalten befiel die Aggressoren erst, als man ihnen später mitteilte, wen sie da malträtiert hatten: nicht etwa irgendeine hilflose ältere Dame, sondern die Ehefrau eines hohen Vorgesetzten...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Sechs chinesische Polizisten haben versehentlich die Frau ihres Chefs krankenhausreif geschlagen und so eine Diskussion über staatliche Willkür entfacht.</h3>
<p>Sechzehn Minuten sind eine lange Zeit. Wenn man misshandelt wird, sind 16 Minuten eine Ewigkeit. Bei Profiboxkämpfen werden in sechzehn Minuten volle vier Runden absolviert, inklusive Pausen. Doch für Chen Yulian gab es keine Unterbrechung. Sechzehn Minuten lang wurde die 58-Jährige am Eingangstor der Provinzzentrale der Kommunistischen Partei im zentralchinesischen Wuhan  von sechs Polizisten geschlagen, getreten und beschimpft, bis sie in Ohnmacht fiel. Zweifel an ihrem Verhalten befiel die Aggressoren erst, als man ihnen später mitteilte, wen sie da malträtiert hatten: nicht etwa irgendeine hilflose ältere Dame, sondern die Ehefrau eines hohen Vorgesetzten.</p>
<p>Der Fall, der sich bereits am 23. Juni abspielte, aber erst jetzt an die Öffentlichkeit gelangte, hat in der Volksrepublik eine heiße Diskussion über willkürliche Polizeigewalt entfacht. Jährlich werden Millionen Chinesen, die ihre Rechte durchzusetzen versuchen oder sich gegen Korruption und Amtsmissbrauch wehren, von Polizisten und angeheuerten Schlägertrupps eingeschüchtert, beschimpft, geschlagen oder verhaftet. Auch Chen wurde von den Zivilbeamten am Tor der Polizeizentrale für eine Beschwerdestellerin gehalten und wurde so Opfer von Handlungsanweisungen, die in der direkten Verantwortung ihres Mannes liegen. Denn Huang Shiming ist Direktor von Wuhans „Büro zur Aufrechterhaltung der sozialen Stabilität und Sicherheit“ und damit dafür zuständig, Proteste und Demonstrationen zu verhindern. Bisher waren seine Vorgesetzten mit Huang so zufrieden, dass er vergangenes Jahr sogar von Staats- und Parteichef Hu Jintao geehrt wurde. Seine Frau liegt seit nunmehr einem Monat im Krankenhaus.</p>
<p>Dass Chens Fall überhaupt bekannt wurde, ist ein erneuter Beweis für die Macht des Internets in China, aber auch das Verdienst mutiger chinesischer Journalisten. Aus Wut über den Vorfall schrieb Chens Schwester Chen Cuilian einen Eintrag für ein Blogforum, wo ein Redakteur der für ihre Recherchen zu sensiblen Themen berühmten „Südlichen Metropolenzeitung“ wurde darauf aufmerksam und recherchierte nach. Demnach soll Chens Martyrium in voller länge auf Überwachungskameras festgehalten sein, auf dem zu sehen sei, dass die sechs Zivilpolizisten aus dem Wärterhäuschen auf sie zustürmen und ohne eine Frage zu schlagen beginnen. Als Chen nach den ersten Hieben erklären kann, sie sei Angehörige eines hohen Parteidirektors, soll einer der Polizisten erwidert haben: „Ich würde dich auch verprügeln, wenn du die Frau des Gouverneurs wärst. Also was?“ Der Zeitung zufolge sollen die Beamten noch minutenlang auf die ohnmächtige Frau eingetreten haben sollen, bevor sie ins Wartezimmer für Beschwerdesteller gebracht wurde. Dort kam sie wieder zu sich und konnte ihren Mann anrufen. Im Krankenhaus wurden eine Gehirnerschütterung, zahlreiche Blutergüsse und Nervenverletzungen festgestellt.</p>
<p>Zwar versuchte sich ein Vorgesetzter der Übeltäter, die inzwischen vom Dienst suspendiert wurden, bei Chen zu entschuldigen – doch damit machte er alles noch schlimmer. „Der Vorfall war ein vollkommenes Missverständnis. Unsere Polizisten wussten ja nicht, dass sie die Ehefrau eines hochrangigen Beamten schlugen“, erklärte er. Seitdem stehen in zahlreichen Webforen Sätze wie: „Ihr habt also die falsche Person zusammengeschlagen – wer wäre denn die richtige gewesen?“ Der Aufruhr ist so groß, dass selbst die offiziellen Medien über den Fall berichten.  So bezeichnete etwa die Zeitung „Xiandai Kuaibao“, die von der offiziellen Nachrichtenagentur Xinhua herausgegeben wird, Gewalt gegen Beschwerdesteller als ein großes Problem. Im Internet werden die Kommentare jedoch noch direkter: „Premier Wen Jiabao sagt immer, die Regierung soll dafür sorgen, dass das Volks in Würde leben kann, aber in Wirklichkeit ist unser leben sehr unsicher“, schreibt ein Benutzer des Onlinedienstes QQ. Ein anderer gibt der Parteispitze in Peking eine direkte Mitschuld an der Anarchie im Staatsapparat: „Der Fall zeigt, das die Polizisten ihre Sache verstehen und gut ausgebildet sind. Starke Generäle dulden eben keine schwachen Soldaten.“</p>
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		<title>Der Absturz des Aufsteigers</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Apr 2010 21:53:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Korruption]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Chinas ehemals reichster Mann steht wegen Korruption vor Gericht.</h3>
Vom Tellerwäscher zum Millionär und zurück: Huang Guangyu galt als prototypischer chinesischer Aufsteiger - bis er auf ebenso charakteristische Weise abstürzte. Der Gründer der Elektromarktkette Gome, der ehemals als Chinas reichster Mann galt, steht seit gestern in Peking vor Gericht und muss damit rechnen, wegen Insiderhandels, Bestechung und anderer illegaler Geschäftspraktiken den Rest seines Lebens in Haft zu verbringen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Chinas ehemals reichster Mann steht wegen Korruption vor Gericht.</h3>
<p>Vom Tellerwäscher zum Millionär und zurück: Huang Guangyu galt als prototypischer chinesischer Aufsteiger &#8211; bis er auf ebenso charakteristische Weise abstürzte. Der Gründer der Elektromarktkette Gome, der ehemals als Chinas reichster Mann galt, steht seit gestern in Peking vor Gericht und muss damit rechnen, wegen Insiderhandels, Bestechung und anderer illegaler Geschäftspraktiken den Rest seines Lebens in Haft zu verbringen.</p>
<p>Obwohl über Huangs Machenschaften nur wenig bekannt ist, gilt das Verfahren als neuerlicher Beweis dafür, dass mit Chinas Wirtschaft auch die Korruption boomt und bis in die Spitzen von Unternehmen und Politik reicht. Denn in Huangs Fall sind nicht nur zahlreiche Verwandte verwickelt, darunter sein Bruder und seine Frau, eine ehemalige Bankerin. Auch mehrere hohe Beamte stürzten über ihre Verbindung zu dem 40-Jährigen, unter anderen der Bürgermeister der südchinesischen Wirtschaftsmetropole Shenzhen, der Vize-Staatssicherheitsminister und der stellvertretende Polizeichef von Schanghai. Ohne erkaufte politische Unterstützung hätte es dem mittellosen Bauernsohn nie gelingen können, in zwei Jahrzehnten ein Vermögen anzuhäufen, das die Reichenliste Hurun-Report 2008 auf 4,3 Milliarden Euro schätzte und damit als das größte in China.</p>
<p>Huangs Unternehmerkarriere begann, als er mit 16 die Schule schmiss, um mit Uhren und Kassettenrekordern zu handeln. Seine Geschäftsphilosophie war einfach: Mit Kampfpreisen unterbot er die Konkurrenz, zog bald von seinem Straßenstand in einen gemieteten Laden und baute dann eine Kette auf. Getragen von der Konsumkraft der neuen Mittelschicht, die sich in ihren neuen Wohnungen mit Haushaltsgeräten und Unterhaltungselektronik einrichten wollte, wuchs Huangs Imperium auf 1 300 Läden in 250 Städten und 300 000 Mitarbeiter. 2004 brachte Huang Gome in Hongkong an die Börse &#8211; und verlegte den Firmensitz ins Steuerparadies Bermuda.</p>
<p>Huangs Strategie unterschied sich kaum von der Tausender anderer erfolgreicher chinesischer Unternehmer &#8211; immerhin gibt es in China laut Hurun-Report inzwischen 875 000 Euro-Millionäre, 55 000 Superreiche mit über 10 Millionen Euro und mindestens 50 Milliardäre. Doch nicht immer ist das Netzwerk politischer Schutzpatrone stark genug, um dem Druck von Antikorruptionskampagnen, Konkurrenzkämpfen und Machtintrigen standzuhalten.</p>
<p>2006 geriet Huang erstmals wegen Steuerhinterziehung und Kreditbetrugs ins Visier der Ermittler. Sechs Monate dauerte es, bis er eine Einstellung des Verfahrens erwirkte. Anderthalb Jahre später, kurz nachdem Hurun ihn zum reichsten Chinesen gekürt hatte, wurde die Polizei abermals aktiv und nahm ihn im November 2008 fest. Dem Unternehmen hat der Abgang seines Chefs nicht geschadet: Gome ist unter neuem Management weiter einer der erfolgreichsten chinesischen Einzelhandelskonzerne &#8211; mit welchen Methoden auch immer.</p>
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		<title>Harte Strafen</title>
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		<pubDate>Mon, 29 Mar 2010 21:47:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Justiz]]></category>
		<category><![CDATA[Korruption]]></category>
		<category><![CDATA[Ressourcen]]></category>
		<category><![CDATA[Unternehmen]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Rio-Tinto-Manager müssen wegen Korruption für bis zu 14 Jahre in Haft. Doch das Urteil lässt viele Fragen offen.</h3>
Es ist das Ende eines internationalen Wirtschaftskrimis: China hat vier Manager des australischen Bergbaukonzerns Rio Tinto wegen Korruption zu langen Haftstrafen verurteilt. Sie sollen Schmiergelder in Höhe von 13 Millionen Dollar angenommen und sich durch Bestechung vertrauliche Regierungsdokumente beschafft haben, in denen Chinas Verhandlungsstrategie im Preispoker um Eisenerz beschrieben wurde...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Rio-Tinto-Manager müssen wegen Korruption für bis zu 14 Jahre in Haft. Doch das Urteil lässt viele Fragen offen.</h3>
<p>Es ist das Ende eines internationalen Wirtschaftskrimis: China hat vier Manager des australischen Bergbaukonzerns Rio Tinto wegen Korruption zu langen Haftstrafen verurteilt. Sie sollen Schmiergelder in Höhe von 13 Millionen Dollar angenommen und sich durch Bestechung vertrauliche Regierungsdokumente beschafft haben, in denen Chinas Verhandlungsstrategie im Preispoker um Eisenerz beschrieben wurde. Rio Tinto ist der weltweit größte Erzproduzent &#8211; und die Volksrepublik sein größter Kunde.</p>
<p>Der langjährige Chef von Rio Tintos Shanghaier Büro, der chinesisch-stämmige Australier Stern Hu, wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt, von denen er zehn Jahre absitzen muss. Seine chinesischen Mitarbeiter erhielten Strafen von sieben, acht und 14 Jahren. Die Angeklagten hatten sich vor Gericht schuldig bekannt, allerdings nicht in dem ihnen zur Last gelegten Umfang. Doch ob vor Gericht tatsächlich die ganze Wahrheit ans Licht kam, ist umstritten. Auch nach dem Verfahren, das als Lackmustest für das chinesische Rechtssystem galt und von ausländischen Unternehmen und Diplomaten mit Sorge verfolgt wurde, bleiben viele Fragen unbeantwortet.</p>
<p>Sowohl nach der Festnahme im vergangenen Sommer als auch während des Prozesses sollen die Behörden nach Überzeugung internationaler Beobachter gegen die chinesische Verfahrensordnung verstoßen haben. Australiens Außenminister Stephen Smith warf der Volksrepublik vor, der Ausschluss australischer Diplomaten von großen Teilen des Verfahrens sei rechtswidrig &#8211; eine Ansicht, die von Rechtsexperten geteilt wird.</p>
<p>Doch obwohl es noch &#8220;ernste unbeantwortete Fragen&#8221; gebe, seien auch &#8220;australische Regierungsvertreter zu dem Schluss gekommen, dass es Bestechung gegeben hat&#8221;, erklärte Smith. Er bezeichnete das Urteil als &#8220;auf jeden Fall für australische Verhältnisse sehr hart&#8221;. Nach chinesischem Recht hätten die Richter allerdings auch die Todesstrafe verhängen können &#8211; dies passiert häufiger bei Korruptionsdelikten. Die Festnahme der Manager galt lange als Pekinger Racheakt für den gescheiterten Einstieg des chinesischen Staatskonzerns Chinalco bei Rio Tinto. Der geplante Zusammenschluss war in Australien auf heftigen politischen Widerstand gestoßen, woraufhin sich Rio Tinto mit seinem britischen Wettbewerber BHP Billiton verbündete &#8211; eine Fusion, welche die Volksrepublik jahrelang zu verhindern versucht hatte, weil sie sich damit als weltweit größter Importeur von Eisenerz einem Quasi-Monopol gegenüber sieht.</p>
<p>Offensichtlich ist man aber inzwischen auch bei Rio Tinto von dem Fehlverhalten der eigenen Angestellten überzeugt und bemüht sich um Schadensbegrenzung. Hatte das Unternehmen sich während der Ermittlungen noch hinter seine Mitarbeiter gestellt und erklärt, eine interne Untersuchung habe keine Hinweise auf Fehlverhalten ergeben, wurden sie nach der Urteilsverkündung mit sofortiger Wirkung entlassen. &#8220;Ich bin sicher, dass das inakzeptable Verhalten dieser vier Angestellten Rio Tinto nicht daran hindern wird, seine wichtige Beziehung mit China weiter auszubauen&#8221;, erklärte Rio-Chef Tom Albanese. &#8220;Dies hat für mich persönlich hohe Priorität.&#8221; Albanese betonte jedoch, zu den Spionagevorwürfen nicht Stellung nehmen zu können, weil es Firmenvertreter bei der Gerichtsverhandlung nicht zugelassen waren.</p>
<p>Die deutschen Wirtschaftsverbände sehen den Rio-Tinto-Prozess indes nicht als Alarmsignal, warnen aber vor Unvorsichtigkeit. Einzelne Unternehmen würden zwar nicht kommentiert, sagte ein Sprecher des Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, dem unter anderem der Industrieverband BDI angehört. &#8220;Generell ist es in China aber so, dass die Justiz mit sehr harten Mitteln gegen Korruption vorgeht. Jeder tut also gut daran, sich an das gültige Recht zu halten.&#8221; Positiv sei, dass das Land sich immer stärker in Richtung eines stabilen Rechtssystems entwickle. Mehr Sorge bereitet dem Asien-Pazifik-Ausschuss der Technologie-Abfluss nach China. Dort würden immer noch zahlreiche Regelungen gelten, die ein Engagement von ausländischen Firmen nur erlaubten, wenn diese auch ihr Wissen teilten.</p>
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		<title>Mord im Namen des Volkes</title>
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		<pubDate>Tue, 26 Jan 2010 03:26:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
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		<category><![CDATA[Partei]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>In einem chinesischen Dorf gilt ein 18-Jähriger als Held, weil er den korrupten Parteisekretär erstochen hat.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Petition-für-Zhang-Xuping.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-1761" title="Petition für Zhang Xuping (Copyright: Martin Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Petition-für-Zhang-Xuping-221x300.jpg" alt="" width="106" height="144" /></a>"Es war ein guter Stich", sagen die Leute und heben die Daumen. Die Messerspitze traf Parteisekretär Li Shiming direkt ins Herz, er brach auf der Stelle tot zusammen. Der Täter, der 18-jährige Zhang Xuping, war schnell gefasst. Mehrere Anwohner hatten ihn davonlaufen sehen und wiesen den Polizisten den Weg. Doch heute ärgern sich einige, dass sie damals nicht die Geistesgegenwart besaßen, die Beamten in die falsche Richtung zu schicken. Zwar war der Stich ins Herz von Parteisekretär Li eine Art Auftragsmord. Die Bezahlung: Handy-Guthabenkarten im Wert von 1 000 Yuan (100 Euro)...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>In einem chinesischen Dorf gilt ein 18-Jähriger als Held, weil er den korrupten Parteisekretär erstochen hat.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Zhang-Xupings-Eltern-mit-Bild1.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-1766" title="Zhang Xupings Eltern mit Bild (Copyright: Martin Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Zhang-Xupings-Eltern-mit-Bild1-300x199.jpg" alt="" width="300" height="199" /></a>&#8220;Es war ein guter Stich&#8221;, sagen die Leute und heben die Daumen. Die Messerspitze traf Parteisekretär Li Shiming direkt ins Herz, er brach auf der Stelle tot zusammen. Der Täter, der 18-jährige Zhang Xuping, war schnell gefasst. Mehrere Anwohner hatten ihn davonlaufen sehen und wiesen den Polizisten den Weg. Doch heute ärgern sich einige, dass sie damals nicht die Geistesgegenwart besaßen, die Beamten in die falsche Richtung zu schicken.</p>
<p>Zwar war der Stich ins Herz von Parteisekretär Li eine Art Auftragsmord. Die Bezahlung: Handy-Guthabenkarten im Wert von 1 000 Yuan (100 Euro). Das ist nicht wenig Geld für einen armen Tagelöhner und Kleinkriminellen wie Zhang Xuping, und doch stand der finanzielle Anreiz für den Teenager nicht im Vordergrund. Zhang hasste Li Shiming nicht weniger als sein Auftraggeber, ein alter Bekannter. Jahrelang hatten die Familien der beiden unter der Tyrannei des Parteisekretärs gelitten, so wie die meisten der tausend Einwohner von Xiashuixi, einem Dorf in der zentralchinesischen Provinz Shanxi.</p>
<p>Mehrfach hatte die Bevölkerung versucht, Lis Machenschaften anzuzeigen, doch die Beamten stellten sich taub &#8211; schließlich profitierten sie von den korrupten Geschäften des Parteisekretärs. Wer dagegen aufbegehrte, bekam es mit Lis Schlägertrupps zu tun &#8211; bis Zhang Xuping am 23. September 2008 die Bestrafung selbst in die Hand nahm. Deshalb gilt er heute als Held, in Xiashuixi und weit über die Grenzen der Stadt hinaus.</p>
<p>&#8220;Wenn die Regierung und die Partei nicht in ihren eigenen Reihen aufräumen, muss das Volk es selbst tun&#8221;, sagt Zhangs älterer Bruder. &#8220;Es sollte eine Warnung an alle korrupten Beamten sein.&#8221; Er zeigt einen Stapel von Papieren: 20 699 Bewohner von Xiashuixi und der nahen Kreisstadt Lishi haben mit ihren Namen und Fingerabdrücken eine Petition unterzeichnet, die Zhang Xupings Leben retten soll. &#8220;Die Menschen hier wissen, dass es ein gerechter Mord an einem bösen Beamten war&#8221;, sagt der Bruder.</p>
<p>Als Zhang Xuping im Oktober der Prozess gemacht werden sollte, demonstrierten vor dem Gericht mehr als tausend Menschen. Die nervösen Behörden ließen das Gebäude von bewaffneten Polizisten abriegeln und sagten das Verfahren ab. Doch Anfang Januar wurde der Prozess nachgeholt und Zhang Xuping &#8211; ebenso wie sein Auftraggeber &#8211; zum Tode verurteilt. Nur das Oberste Gericht in Peking kann ihn noch retten. Eine Revision des Urteils wäre für die Kommunistische Partei eine Chance, bei Tausenden Menschen ein wenig Vertrauen in ihr System zurückzugewinnen. Denn die Geschichte des Mordes von Xiashuixi ist die Geschichte eines staatlichen Totalversagens.</p>
<p>&#8220;Mein Sohn hat die Menschen in unserem Dorf vor einem schlimmen Mann befreit&#8221;, sagt die Mutter des Täters, Wang Houe. &#8220;Selbst wenn er hingerichtet wird, war sein Leben nicht umsonst.&#8221; Sie sitzt auf dem Bett unter dem geschwungenen Dach ihres Bauernhauses. An den gekalkten Wänden hängen Bilder von Ahnen und Glückszeichen aus rotem und goldenem Glitzerpapier. &#8220;Wir haben immer auf Glück gehofft, aber von denen dort wird es nicht kommen&#8221;, sagt sie und deutet auf die Chinakarte über dem Bett und auf die Hauptstadt Peking. Dann holt sie ein Bild von Zhang Xuping, dem jüngsten ihrer drei Kinder. Es ist in einem Internetcafé aufgenommen worden und zeigt einen Jungen mit frecher Frisur und ernsten Augen. Eigentlich habe sie sich für ihn eine gute Ausbildung gewünscht, sagt die 48-Jährige. Aber so wie es gekommen ist, sei sie trotzdem stolz auf ihn.</p>
<p>Auch von Parteisekretär Li Shiming hat Wang ein Foto. Darauf sieht man einen lächelnden Mann mit fleischigem Gesicht. Es sind die gut genährten und selbstbewussten Züge vieler chinesischer Beamter. Sie werden im Volk spöttisch &#8220;naoman changfei&#8221; genannt: &#8220;Der Kopf ist genauso gefüllt wie der Darm.&#8221;</p>
<p>Hinter Ausdrücken wie diesen versteckt sich vielerorts der Hass auf das System, der offen nicht ausgesprochen werden darf. Denn so sehr sich die Kommunistische Partei als Kraft der Armen und Unterdrückten darzustellen versucht, so sehr ist ihr vielerorts die Kontrolle über ihr Selbstbild entglitten. Korruption im Staatsapparat ist nicht die Ausnahme, sondern die Norm, insbesondere auf dem Land, wo 55 Prozent der 1,3 Milliarden Chinesen leben. Da keine Gewaltenteilung die Macht lokaler Kader begrenzt, plündern sie häufig die Ressourcen ihrer Region, ohne dass die Menschen sich dagegen wehren könnten.</p>
<p>In Xiashuixi begann der Konflikt Ende der 90er-Jahre, als Li Shiming in großem Maßstab Bauern enteignete. Rund 27 Hektar Land soll er befreundeten Bauunternehmern zugeschanzt haben. Entschädigungen wurden nicht gezahlt. Das rückständige Xiashuixi erhielt Geschäfte und mehrstöckige Gebäude und ist heute schon mit der 500 000-Einwohner-Kreisstadt Lishi zusammengewachsen. Es ist die Art Fortschritt, den die Regierung in ihren Entwicklungsstatistiken sehen wollte, der jedoch den Bauern die Lebensgrundlage entzog. Als diese sich zu beklagen begannen, schlug der Parteisekretär hart zurück. &#8220;Schwarze Bande&#8221; nannten die Bewohner die Schlägertrupps, mit denen Li die Bürger im Schach zu halten versuchte.</p>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Zhangs-Bruder-mit-Petition.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-1768" title="Zhangs Bruder mit Petitionen (Copyright Martin Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Zhangs-Bruder-mit-Petition-300x199.jpg" alt="" width="300" height="199" /></a>2002 beschlossen 24 Bewohner, in der Provinzhauptstadt Taiyuan eine Petition einzureichen, doch Li konnte sie stoppen. Wenige Tage später wurden neun von ihnen zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Eine von ihnen war Zhang Xupings Mutter Wang Houe. Jeden dritten Tag sei sie von den Wärtern malträtiert worden, erzählt sie. &#8220;So wollte Li uns zum Schweigen bringen&#8221;, sagt sie. Weil sie sich nicht einschüchtern ließ, sei sie in den Folgejahren noch mehrfach inhaftiert worden. &#8220;Einmal hat die Schwarze Bande sogar unser Haus verwüstet.&#8221; An dem Ort, wo die Familie einst ihre Obstbäume pflegte, steht heute ein Hotel. &#8220;Das ist alles Lis kleines Reich&#8221;, sagt Wang Houe.</p>
<p>Dutzende Bewohner können ähnliche Geschichten von vergeblichem Widerstand erzählen. Zwanzig von ihnen haben durch Lis Misshandlungen bleibende Gesundheitsschäden davongetragen, heißt es. Einer von ihnen ist der 42 Jahre alte Bauer Li Haiting. Er ist halbseitig gelähmt und kann nicht mehr sprechen. Beim Laufen stützt seine Frau seine linke Seite. Das rechte Bein zieht er mit einem Band nach, das an seinem Handgelenk befestigt ist. &#8220;In der Haft wurde er immer wieder geschlagen&#8221;, sagt seine Frau. &#8220;Eines Tages kam er aus dem Gefängnis und sah so aus.&#8221; Ärztliche Behandlung kann sich das Paar nicht leisten, und da die Pflege des Mannes eine Vollzeitbeschäftigung ist, leben die beiden von Almosen ihrer Verwandten. &#8220;Parteisekretär Li hatte ein schwarzes Herz, er hatte nichts anderes als den Tod verdient&#8221;, sagt Li Haitings Frau.</p>
<p>Dabei war der Tyrann einst einer von ihnen, ein Kind armer Bauer und ein enger Jugendfreund des heute behinderten Li Haiting. Auch Wang Houe kannte den Mann, den ihr Sohn einmal töten sollte, von klein auf. Weil Li zu den wenigen gehörte, die den Oberschulabschluss schafften, eröffnete sich ihm die Möglichkeit einer Karriere in der Kommunistischen Partei. &#8220;Das System hat ihn zu dem gemacht, was er war&#8221;, sagt die 68-jährige Bäuerin Liang Yingzheng. &#8220;Ich habe in meinem Leben viele Kader gesehen und ihre Geldgier und Willkür sind immer gleich.&#8221;</p>
<p>Um Wang Houes Widerstand zu brechen, ließ Li 2003 seinen Einfluss spielen und ihren damals 13-jährigen Sohn Zhang Xuping aus der Schule werfen. Der Junge wurde zum Kleinkriminellen. Als er bei einem Einbruch beim Schmiere Stehen erwischt wurde, bekam er eine ungewöhnlich harte Haftstrafe von einem Jahr. Seine Mutter sagt, er sei im Gefängnis geschlagen worden und habe drei Monate eine 18 Kilogramm schwere Eisenkette tragen müssen. Mit 14 Jahren versuchte Zhang sich umzubringen, indem er sich die Pulsadern aufschnitt.</p>
<p>Trotz dieser Vorgeschichte interessierte sich das Gericht nicht für die Motive des Mörders. Da Zhang geständig ist, sahen die Richter keinen Anlass, sich ausführlich mit den Hintergründen zu beschäftigen. Zwar hat die Regierung inzwischen einigen von Lis Opfern nachträglich Entschädigungen gezahlt. Doch eine vollständige Aufklärung gibt es bisher nicht. Auch in chinesischen Medien wurde nur wenig über den Fall berichtet &#8211; obwohl Zhang Xuping in vielen Internetforen zum Star geworden ist.</p>
<p>Da es kaum im Interesse der Regierung sein kann, einen Präzedenzfall von Strafminderung für Selbstjustiz gegen Parteikader zu schaffen, erwarten die Bürger von Xiashuixi, dass Pekings Oberstes Gericht das Todesurteil in den kommenden Monaten bestätigen und dann vollstrecken lassen wird. Nur eines könnte ihren Sohn retten, sagt Wang Houe: Geld. &#8220;Wenn wir reich oder einflussreich wären, könnten wir die Richter kaufen.&#8221; Li Shiming habe das selbst gesagt, als er einst seinem heute behinderten Jugendfreund einen Job in seiner Schwarzen Bande anbot. &#8220;Mach dir keine Gedanken darüber, jemanden zu töten&#8221;, soll der Parteisekretär gesagt haben. &#8220;Wer zu mir gehört, dem kann nichts passieren.&#8221;</p>
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		<title>Sichere Siege im 1+2+1-System</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Nov 2009 03:15:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Sitzen die Hintermänner des Fußball-Wettskandals in China? Das ist noch nicht bewiesen, aber eine gute Wette ist es allemal.</h3>
Fußball ist für Zhang Jie ein Spiel der Wahrscheinlichkeiten. Genauso wie Basketball, Eishockey oder die Dutzenden anderen Sportarten, mit denen er täglich zu tun hat. Für viele Disziplinen kennt er nicht einmal die Regeln, und sie interessieren ihn auch nicht. Zhangs Welt sind die Zahlen, die sein Computer generiert: Wie wahrscheinlich ist es, dass Bayern München am kommenden Sonntag gegen Hannover 96 gewinnt? Oder dass die Bayern den ersten Freistoß erhalten? Oder die erste gelbe Karte? Oder beides?...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Sitzen die Hintermänner des Fußball-Wettskandals in China? Das ist noch nicht bewiesen, aber eine gute Wette ist es allemal.</h3>
<p>Fußball ist für Zhang Jie ein Spiel der Wahrscheinlichkeiten. Genauso wie Basketball, Eishockey oder die Dutzenden anderen Sportarten, mit denen er täglich zu tun hat. Für viele Disziplinen kennt er nicht einmal die Regeln, und sie interessieren ihn auch nicht. Zhangs Welt sind die Zahlen, die sein Computer generiert: Wie wahrscheinlich ist es, dass Bayern München am kommenden Sonntag gegen Hannover 96 gewinnt? Oder dass die Bayern den ersten Freistoß erhalten? Oder die erste gelbe Karte? Oder beides? &#8220;Wir können für jede Spielsituation eine Wette anbieten&#8221;, sagt Zhang. &#8220;Aber bevor ich mehr erkläre, richten sie bitte erst ein Konto bei uns ein.&#8221;</p>
<p>Zhang Jie ist Agent der Internetwettplattform 888Crown.com. Wer genau hinter dem Forum steckt, ist ebenso dubios wie Zhangs wahre Identität, die hinter einer Handynummer verborgen bleibt. Doch sicher ist, dass er einer von tausenden chinesischen Wettvermittlern ist, die Millionen- und womöglich sogar Milliardensummen auf den internationalen Markt für Sportwetten schleusen. Kein Wunder, dass die Ermittler davon ausgehen, dass es im größten europäischen Fußballskandal eine Verbindung nach Asien und insbesondere nach China geben könnte. Dort sind Spielmanipulationen seit Jahren ein offenes Geheimnis, und auch wenn die Verbindung bisher noch nicht bewiesen ist, so scheint sie angesichts der hohen Einsätze zumindest eine gute Wette zu sein.</p>
<p>Im Oktober hatte Chinas Vizepräsident Xi Jinping während eines Besuchs bei Bayer in Leverkusen, wo er als Geschenk ein T-Shirt der Werksmannschaft erhielt, eingestanden, dass die Korruption für Chinas Fußball ein ernstes Problem darstelle. Die grassierenden Spielmanipulationen gelten als Hauptgrund, warum das bevölkerungsreichste Land der Erde trotz seiner großen Fußballbegeisterung auf der Weltrangliste der Fifa nur auf Platz 102 liegt, direkt hinter den Kap-Verde-Inseln. Erst vergangenen Freitag hob die chinesische Polizei einen illegalen Wettring aus und verhaftete fünfzehn Verdächtige, darunter den Trainer des Zweitligisten Qingdao Hailifeng und mehrere Spieler.</p>
<p>Für zahlreiche chinesische Fußballklubs sind die Gelder aus Wettmanipulationen eine der wichtigsten Einnahmequellen, glaubt der Journalist Yang Ming, Autor des Enthüllungsbuchs &#8220;Schwarze Pfeife&#8221;. So wie Fußballtrainer setzen auch die Manipulatoren auf unterschiedliche Aufstellungen. Mit &#8220;einem Mann&#8221; zu spielen bedeutet, den Schiedsrichter zu bestechen. Rund 10 000 Euro kostet es, um aus einem Unparteiischen einen Parteiischen zu machen. Doch da die Macht der Pfeife begrenzt ist, gilt die Konstellation &#8220;1+2&#8243; als verlässlicher, womit in der Regel der Torwart und zwei Verteidiger gemeint sind.</p>
<p>Die sicherste Wette erhält man mit der Aufstellung &#8220;1+2+1&#8243;, bei der man neben dem Tormann und der Abwehr noch eine weitere Schlüsselposition besetzt, wahlweise den Spielmacher, den Stürmer, den Trainer oder einen Spieler des anderen Teams. 60 000 Euro muss man dafür investieren. Der damit zu erzielende Gewinn dürfte den Einsatz um ein Vielfaches übersteigen.</p>
<p>Welche Summen durch die Hände der chinesischen Buchmacher gehen, lässt sich nur schwer abschätzen. Die Spekulationen liegen allgemein im ein- bis zweistelligen Milliarden-Euro-Bereich und beruhen auf Fällen wie dem des Untergrundwettpaten Qian Baochun. Der 41-Jährige soll rund 660 Millionen Euro mit Fußballwetten im Internet umgesetzt haben, insbesondere während der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland 2006. Anfang des Jahres wurden Qian mit 18 Komplizen zu einer langen Haftstrafe verurteilt.</p>
<p>Denn Wett- und Glücksspiele sind in China illegal. Dabei haben sie eine lange Tradition, vom Mah-Jongg-Spiel bis zum Grillenkampf. Doch als die Kommunisten 1949 die Volksrepublik gründeten, de- kretierten sie, dass das sozialistische Paradies auf ehrlicher Arbeit aufgebaut sein solle, nicht auf glücklichem Kapitaleinsatz. Zwar rückte die Regierung in den Achtzigern von ihren marxistischen Maximalforderungen ab und gründete im Zuge der Marktwirtschaftsreformen auch zwei staatliche Lotterien.</p>
<p>Die vom Ministerium für Zivile Angelegenheiten sowie der Allgemeinen Sportverwaltung betriebenen Losbuden setzen im Jahr über vier Milliarden Euro um und zeigen, wie groß die Bereitschaft der Chinesen ist, ihr Geld gelegentlich dem Zufall zu überlassen.</p>
<p>Doch diese Ausnahmen dienen der Bestätigung der Regel &#8211; und der Bereicherung der verantwortlichen Beamten, wie der chinesische Rechnungshof bereits mehrfach feststellte.</p>
<p>Trotzdem hat sich das Wettgeschäft inzwischen im Internet seine eigenen Plattformen geschaffen. Tausende Webseiten bieten dort Sportwetten an. Gestaltet sind sie nach dem Muster internationaler Vorbilder, bei denen man sich ein Wettguthaben einrichten und dann online auf hunderte Sportereignisse in China und aller Welt setzen kann. Auch Live-Wetten während des Spiels sind möglich, etwa auf den Halbzeitstand oder die Zahl der Ecken.</p>
<p>Allerdings handelt es sich bei den meisten Internetseiten um die Angebote von chinesischen Vermittlern, die mit internationalen Buchhaltern kooperieren. So wie Zhang Jie. &#8220;Weil Wetten in China offiziell verboten sind, ist unsere Hauptseite 888Crown.com seit einiger Zeit gesperrt&#8221;, sagt er am Telefon. &#8220;Über unsere Webseite kann man die Angebote aber immer noch in Anspruch nehmen.&#8221;</p>
<p>88756.com heißt Zhangs Spiegelseite, und sollte sie ebenfalls blockiert werden, hat er schon Ausweichadressen parat. Die Wettkonten &#8211; Mindesteinsatz 200 Euro &#8211; bleiben in jedem Fall gültig, behauptet er. Das Geld läuft über Konten bei großen staatlichen Geldhäusern wie der Bank of China. Wer dem Onlinebroker nicht vertraut, kann ihn auch persönlich treffen. &#8220;Die meisten meiner Kunden kenne ich direkt&#8221;, sagt Zhang. Einige haben bei ihm sogar eine Kreditlinie. &#8220;Jeder weiß, dass ich Möglichkeiten habe, mein Geld zurückzufordern, wenn jemand mich betrügen will&#8221;, spielt er auf seine Kontakte in der Unterwelt an.</p>
<p>Doch auch in der Polizei und in anderen Behörden muss die chinesische Wettmafia über beste Kontakte verfügen. Schließlich macht sie aus ihren Aktivitäten kein Geheimnis, sondern wirbt offen im Internet um Agenten. So bietet das Forum Wewbet.com, das offiziell von den Philippinen aus operiert, von dort aber eine chinesischsprachige Telefonhotline betreibt, sein Konzept als Franchising an.</p>
<p>Regionale Vermittler müssen einmalig einen Wetteinsatz von 300 000 Euro vorweisen und danach täglich mindestens 10 000 Euro umsetzen. Dafür bekommen sie die notwendige Software mit Anschluss an die umfangreichen Datenbanken, auf denen die Wahrscheinlichkeitsberechnungen beruhen. Am Gewinn werden sie je nach Umsatz mit fünf bis 15 Prozent beteiligt. Einige Buchmacher sollen an Wochenenden für ihre Kunden ganze Internetcafés mieten, damit sie ihre Wetten platzieren können, will der Blogger Wang Suixue beobachtet haben.</p>
<p>Denn Wetten macht süchtig, und die Szene sucht sich ihre Kunden in allen Gesellschaftsschichten. So flog vergangenes Jahr ein Wett-Netzwerk an chinesischen Mittelschulen auf. Hunderte Schüler setzten dort per SMS auf Fußball- und Basketballspiele. Der Geldverkehr lief über mehrere Schüler, die dafür von den Hintermännern eine Kommission erhalten. Bekannt wurden die illegalen Transaktionen erst, als ein Schüler und seine Eltern nach Verlusten von mehreren hunderttausend Euro bei den Behörden Schutz vor den gewalttätigen Schuldeneintreibern suchten.</p>
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		<title>Hinrichtungen im Babymilchskandal</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Nov 2009 20:06:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Korruption]]></category>
		<category><![CDATA[Lebensmittel]]></category>
		<category><![CDATA[Produktsicherheit]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Chinas oberstes Gericht lässt Todesstrafe für Hauptverantwortliche vollstrecken.</h3>
Sie waren verantwortlich für den Tod von sechs Kleinkindern, die Erkrankung von 300.000 weiteren und einen katastrophalen Gesichtsverlust der chinesischen Regierung unmittelbar nach den Olympischen Spielen: Zwei Hauptbeschuldigte im Skandal um vergiftetes Babymilchpulver, der vor einem Jahr die Volksrepublik erschütterte, sind am Dienstag hingerichtet worden...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Chinas oberstes Gericht lässt Todesstrafe für Hauptverantwortliche vollstrecken.</h3>
<p>Sie waren verantwortlich für den Tod von sechs Kleinkindern, die Erkrankung von 300.000 weiteren und einen katastrophalen Gesichtsverlust der chinesischen Regierung unmittelbar nach den Olympischen Spielen: Zwei Hauptbeschuldigte im Skandal um vergiftetes Babymilchpulver, der vor einem Jahr die Volksrepublik erschütterte, sind am Dienstag hingerichtet worden. Das gab das Volksgericht der nordchinesischen Stadt Shijiazhuang bekannt. Zuvor hatte das Oberste Gericht in Peking die im Januar verhängten Todesurteile bestätigt.</p>
<p>Der Rinderzüchter Zhang Yujun, der 770 Tonnen verdünnter Milch mit der Industriechemikalie Melamin vermengt hatte, um einen erhöhten Eiweißgehalt vorzutäuschen, sei hingerichtet worden, weil er „die öffentliche Sicherheit in gefährlicher Weise“ aufs Spiel gesetzt habe, berichtete die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua. Mit seinem Handel soll Zhang umgerechnet 770.000 Euro verdient haben. Dem Großhändler Geng Jinping wurde zur Last gelegt, großen Molkereien insgesamt 900 Tonnen der gepanschten Milch untergeschoben zu haben, wo sie zu Babymilchpulver und anderen Milchprodukten weiterverarbeitet wurde. Die Chemikalie Melamin, die unter anderem für Dünger oder Leim eingesetzt wird, hatte bei Kleinkindern Nierensteine hervorgerufen. Insgesamt waren in dem Prozess 21 Menschen vor Gericht gestellt und verurteilt worden, davon drei zum Tode. Allerdings wurde das dritte Todesurteil für zwei Jahre ausgesetzt und dürfte dann in lebenslange Haft umgewandelt werden. Auch die frühere Chefin des Molkereikonzerns Sanlu, der am stärksten von dem Skandal betroffen war, muss den Rest ihres Lebens hinter Gittern verbringen.</p>
<p>Aus Sicht der chinesischen Behörden dürfte der Melamin-Skandal mit den Hinrichtungen nun beendet sein. Die Staatsmedien erwähnten die Exekution gestern nur am Rande. Offenbar waren sie angewiesen, den Fall nicht noch einmal in aller Ausführlichkeit ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen und womöglich zu beleuchten, welche Lehren Chinas Verbraucherschützer daraus gezogen haben. Schließlich war das Babymilchdebakel für die Regierung gleich in mehrfacher Hinsicht peinlich. Zwei Jahre lang konnte die Melaminmafia ungehindert agieren, und als die Behörden im Frühjahr 2008 endlich Wind von dem Fall bekamen, ignorierten sie ihn, aus Angst um Chinas internationales Image vor den Olympischen Spielen Auch Pekings Verbraucherschutzministerium stellte sich blind. Erst als sich die Krankheitsfälle häuften und chinesische Journalisten zu recherchieren begannen, flog der Skandal im September 2008 auf – kurz vor Ende der Paralympischen Spiele. Zwar versuchte die Zentralregierung daraufhin, sich als entschlossenen Krisenmager in Szene zu setzen. Doch gleichzeitig wurden chinesische Anwälte, die Opferfamilien bei Schadensersatzklagen unterstützen wollten, unter massiven Druck gesetzt, sich nicht weiter mit dem Fall zu beschäftigen. Auch die Gerichte wurden angewiesen, Klageschriften abzuweisen. Die Regierung sprach den Opfern Entschädigungszahlungen von 220 bis 3300 Euro zu. Viele Eltern weigerten sich allerdings, das Geld anzunehmen, weil sie die Summe angesichts womöglich bleibender Schäden für zu gering halten.</p>
<p>Obwohl Peking seit Jahren den Aufbau effektiver Überwachungsmechanismen verspricht, werden in der Volksrepublik immer wieder verheerenden Produktskandale aufgedeckt. Experten glauben, dass nur ein Bruchteil der Fälle ans Licht der Öffentlichkeit gelangt, weil China weder unabhängige Verbraucherschutzverbände noch eine freie Presse hat.</p>
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		<title>Der rote Rätsler</title>
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		<pubDate>Fri, 09 Oct 2009 10:32:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunistische Partei]]></category>
		<category><![CDATA[Korruption]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Krimiautor Qiu Xiaolong ist der weltweit bestverkaufte chinesische Autor. Doch Chinas Zensoren verhindern, dass er in der Heimat bekannt wird.</h3>
<img class="alignleft size-medium wp-image-1562" title="Qiu_Xiaolong" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/10/Qiu_Xiaolong_3-219x300.jpg" alt="Qiu_Xiaolong" width="118" height="162" />Qiu Xiaolong besitzt keine Pistole. "Für einen Krimiautor ist das offenbar ungewöhnlich", meint der 56-Jährige. "Mein amerikanischer Verleger hat mir jedenfalls geraten, mir eine Schusswaffe zuzulegen und sie auch in meinen Büchern häufiger einzusetzen." Aber wozu braucht man Gewehre, wenn es auch Messer und Küchenbeile gibt? Und wenn sich Mörder statt von Einsatzkommandos auch mit sozialen Umzingelungsmanövern einkreisen lassen? "Meine Krimis spielen in China", sagt Qiu, "und dort laufen Verbrechen und Verbrechensbekämpfung eben etwas anders ab als in Amerika."...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Krimiautor Qiu Xiaolong ist der weltweit bestverkaufte chinesische Autor. Doch Chinas Zensoren verhindern, dass er in der Heimat bekannt wird.</h3>
<p><img class="alignleft size-large wp-image-1565" title="Qiu_Xiaolong_1" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/10/Qiu_Xiaolong_1-1024x682.jpg" alt="Qiu_Xiaolong_1" width="491" height="327" />Qiu Xiaolong besitzt keine Pistole. &#8220;Für einen Krimiautor ist das offenbar ungewöhnlich&#8221;, meint der 56-Jährige. &#8220;Mein amerikanischer Verleger hat mir jedenfalls geraten, mir eine Schusswaffe zuzulegen und sie auch in meinen Büchern häufiger einzusetzen.&#8221; Aber wozu braucht man Gewehre, wenn es auch Messer und Küchenbeile gibt? Und wenn sich Mörder statt von Einsatzkommandos auch mit sozialen Umzingelungsmanövern einkreisen lassen? &#8220;Meine Krimis spielen in China&#8221;, sagt Qiu, &#8220;und dort laufen Verbrechen und Verbrechensbekämpfung eben etwas anders ab als in Amerika.&#8221;</p>
<p>Genau darauf beruht Qiu Xiaolongs Erfolg. Der unscheinbare Mann mit der biederen Goldrandbrille ist der mit weitem Abstand bekannteste chinesische Vertreter des Räuber-und-Gendarme-Gen- res. Die mittlerweile sechs Fälle seines Oberinspektors Chen Cao sind in 21 Sprachen erschienen und haben sich weltweit mehr als eine Million Mal verkauft. Wohl kein anderer chinesischer Autor kann außerhalb der Volksrepublik vergleichbare Zahlen vorweisen.</p>
<p>Nur in der Volksrepublik haben die staatlichen Zensoren seinen Durchbruch bisher verhindert. Denn für Qiu, der seiner Heimat 1989 nach dem Tiananmen-Massaker den Rücken kehrte und heute in den USA lebt, porträtiert Chinas Wirtschaftswundermetropole Shanghai als eine Stadt der Verbrechen, Versuchungen und Verwirrungen. Seine Plots kreisen um Korruption, Geldwäsche und Menschenschmuggel, sein Personal sind bestechliche Parteibonzen, skrupellose Unternehmer und hilflose Normalbürger, seine Schauplätze Amtsstuben, Restauranthinterzimmer und Massagesalons.</p>
<p>&#8220;Viele Fälle gehen auf wahre Begebenheiten zurück&#8221;, erzählt Qiu. In &#8220;Blut und rote Seide&#8221;, dem im Frühjahr auf Deutsch erschienen fünften Chen-Band, werden alte Rechnungen aus der Kulturrevolution beglichen. Davor löste Chen in &#8220;Rote Ratten&#8221; einen Fall, der den Skandal um den Schmuggelkönig Lai Changxing nachzeichnete, der sich in den Neunzigern mit Bestechung und Erpressung eine ganze Provinzregierung gefügig machte und dann nach Kanada absetzte. Doch während in Pekings Staatspropaganda am Ende stets Recht und Gerechtigkeit siegen, entlässt Qiu seine Leser immer mit dem mulmigen Gefühl, dass ein gelöster Fall in China noch lange kein gesühntes Unrecht bedeutet. &#8220;Oberinspektor Chen fällt es schwer, daran nicht zu verzweifeln&#8221;, sagt Qiu. &#8220;Das hat er mit mir und vielen anderen Chinesen gemeinsam.&#8221;</p>
<p>Es ist nicht die einzige Gemeinsamkeit zwischen Qiu und seinem Inspektor: Beide lieben sie Chinas klassische Kultur, gutes Essen und die Gedichte amerikanischen Nobelpreisgewinners T.S. Eliot. Vor allem aber sind sie beide Vertreter der chinesischen Umbruchsgeneration, die von Maos Klassenkampf sozialisiert und dann unverhofft dem ungezügelten Kapitalismus ausgeliefert wurde. So war Qius erstes literarisches Werk ausgerechnet eine Selbstkritik, die er für seinen Vater schreiben musste. &#8220;Mein Vater war kurz vor der Revolution durch Zufall Geschäftsmann geworden&#8221;, erzählt er. In den Dreißigern und Vierzigern hatte er in Shanghai als Buchhalter für eine deutsche Chemiefirma gearbeitet. Als diese sich nach dem Zweiten Weltkrieg aus China zurückzog, bekamen die entlassenen Angestellten statt ihrer noch ausstehenden Löhne die Lagerrestbestände überlassen. So ernährte Qius Vater seine Familie mit dem Verkauf von Parfümrohstoffen, nur um unter Maos Kommunisten wenige Jahre später zum Klassenfeind erklärt zu werden. Ihren Höhepunkt erreichten die Schikanen, als 1966 die Kulturrevolution ausbrach.</p>
<p>&#8220;Mein Vater lag damals wegen einer Augenoperation mit verbundenen Augen im Krankenhaus, aber die Roten Garden bestanden trotzdem darauf, dass er regelmäßig Selbstbezichtigungsschriften verfasst&#8221;, erzählt Qiu. Also musste sein 14-jähriger Sohn kommen. &#8220;Mein Vater war sehr schwach, und so habe ich einfach selbst geschrieben, was mein Vater für ein Ausbeuter und monströser Verbrecher war.&#8221; Qiu machte seine Sache gut &#8211; die Revolutionäre hatten an seinen Schuldbekenntnissen nichts auszusetzen.</p>
<p>Da Qiu aufgrund schlechter Gesundheit nicht zur sogenannten &#8220;Umerziehung der Stadtjugend durch die Bauern&#8221; aufs Land geschickt wurde, verlebte er seine Teenagerjahre allein zuhause und brachte sich aus Langeweile Englisch bei, unter anderem mit Hilfe einer Übersetzung von Maos kleinem roten Buch. Eine glückliche Fügung: Als 1977, ein Jahr nach Maos Tod, die Universitäten wieder eröffnet wurden, schaffte Qiu die Aufnahmeprüfung zum Englischstudium. Sein Lehrer war der berühmte Dichter und Übersetzer Bian Zhilin. &#8220;Der Unterricht war sehr informell&#8221;, erinnert sich Qiu. &#8220;Ich ging zu ihm nach Hause, musste ihm seine Kohlen in den fünften Stock tragen und dann haben wir über Lyrik geredet.&#8221; Nach seinem Abschluss wurde er an die Shanghaier Akademie für Sozialwissenschaften beordert und machte sich als Übersetzer von US-Schriftstellern wie T.S. Eliot oder Raymond Chandler einen Namen. Nebenher veröffentlichte er auch eigene Gedichte und wurde damit in den Schriftstellerverband aufgenommen.</p>
<p>Diese Mitgliedschaft sollte Qiu den nächsten großen Wendepunkt in seinem Leben bescheren. scheren. 1988 ging er mit einem Forschungsstipendium nach Washington. Kurz vor seiner geplanten Rückkehr erschütterte das Massaker auf Pekings Platz des Himmlischen Friedens die Welt. &#8220;Die chinesischen Auslandsstudenten waren schockiert und wollten für ihre Kommilitonen Geld sammeln&#8221;, sagt Qiu. Als Staatsschriftsteller hatte Qiu Angst, sich öffentlich zu engagieren, doch weil er nicht kneifen wollte, ließ er sich überreden, bei einem Wohltätigkeitsbazar Frühlingsrollen zu frittieren. Am nächsten Tag erschien sein Name in einer amerikanischen Zeitung. Kurz darauf erhielt Qius Familie in Shanghai Besuch von der Polizei. &#8220;Meine Verwandten sollten mich auf Linie bringen&#8221;, sagt Qiu, der es mit der Angst zu tun bekam und sich entschied, als Promotionsstudent in den USA zu bleiben. Seine Frau konnte noch im gleichen Jahr nachziehen.</p>
<p>Erst sechs Jahre später, als Qiu bereits US-Staastbürger war, traute er sich zurück nach Shanghai &#8211; und erkannte seine Heimatstadt kaum wieder. &#8220;Das Lebensgefühl hatte sich völlig verändert&#8221;, meint Qiu. Um sich über die Veränderungen klar zu werden, begann er einen Roman zu schreiben &#8211; und scheiterte. &#8220;Ich fand keine geeignete Form&#8221;, gesteht er. &#8220;Aber dann bin ich auf die Idee gekommen, das Schema einer Detektivgeschichte zu übernehmen und meine Beobachtungen darin zu verpacken.&#8221; Da seine Bücher zunächst ohnehin für amerikanische Leser gedacht waren, begann Qiu auf Englisch zu schreiben, ein sprachlicher Umweg, den er bis heute noch immer geht. Zwar meldete sich nach seinen ersten Erfolgen auch ein Shanghaier Verlag bei ihm, um die Chen-Krimis auf Chinesisch herauszubringen. Doch Qiu bemerkte schnell, dass bei chinesischen Lesern nur eine politisch zurechtgestutzte Form seines Buches ankommen würde. &#8220;Die Zensoren forderten, dass die Handlung nicht in Shanghai oder einem anderen realen Ort spielen dürfe, sondern nur in einer fiktiven &#8220;Stadt H&#8221;, erzählt er. Auch Hinrichtungen, die in Qius Büchern wie in China üblich unmittelbar nach dem Urteil ausgeführt werden, mussten in der chinesischen Version aufgeschoben werden &#8211; in der Literatur soll der Rechtsweg eingehalten werden.</p>
<p>Drei beschnittene Chen-Romane sind inzwischen trotzdem in China erschienen. Allerdings kamen sie nur in kleinen Auflagen auf den Markt und wurden nicht nachgedruckt. So kommt es, dass im chinesischen Internet eine Suchanfrage nach Qiu Xiaolong nicht zuerst auf den Schriftsteller verweist, sondern auf einen 18-Jährigen gleichen Namens, der im März dieses Jahres in einem Gefängnis in Hunan totgeschlagen wurde. Wenn das nicht ein Plot für Oberinspektor Chen Cao ist!</p>
<p><em>ZUR PERSON</em></p>
<p><em>Qiu Xiaolong wurde 1953 in Schanghai geboren. Früh schon lernte er die englische Sprache, er brachte sie sich mit Hilfe der Übersetzung der Mao-Bibel selbst bei. Qiu Xiaolong übertrug die Gedichte T.S. Eliots sowie die Kriminalromane von Raymond Chandler und Ruth Rendell in das Chinesische. Als Krimiautor schuf er die Figur des Oberinspektors Chen, der bislang sechs Fälle zu lösen hatte.</em></p>
<p><em>Auf Deutsch sind von Qiu Xiaolong bisher Oberinspektors Chens erste fünf Fälle erschienen: &#8220;Tod einer roten Heldin&#8221;, &#8220;Die Frau mit dem roten Herzen&#8221; und &#8220;Schwarz auf rot&#8221;, &#8220;Rote Ratten &#8221; und &#8220;Blut und rote Seide&#8221;; alle Bücher sind im Zsolnay Verlag erschienen.</em></p>
<p><em>1988 reiste der Autor mit einem Stipendium der Ford Foundation in die USA und kehrte nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989 nicht mehr nach China zurück. Heute lehrt Qiu Xiaolong an der Washington University in St. Louis chinesische Literatur. Qiu begann, seine Bücher auf Englisch zu schreiben &#8211; und das tut er heute noch</em></p>
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		<title>Blei im Blut</title>
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		<pubDate>Fri, 21 Aug 2009 05:20:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheit]]></category>
		<category><![CDATA[Korruption]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>In China sind in der Nähe zweier Schmelzereien und Hüttenwerke mehr als 2200 Kinder an Vergiftungen erkrankt. Sie sind Opfer skrupelloser Betreiber und Beamter.</h3>
"In China gibt es einen neuen Klassenkampf: Auf der einen Seite stehen die Gesetzestreuen, und auf der anderen jene, die es nicht nötig haben, sich an Gesetze zu halten." So kommentiert ein junger Chinese in einem Internetportal den jüngsten Giftskandal der Volksrepublik: Tausende Kinder sind an Bleivergiftung erkrankt, weil sie in der Nähe von großen Schmelzereien leben, deren Besitzer Umweltauflagen über Jahre ignoriert haben - offenbar mit Wissen der lokalen Behörden...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>In China sind in der Nähe zweier Schmelzereien und Hüttenwerke mehr als 2200 Kinder an Vergiftungen erkrankt. Sie sind Opfer skrupelloser Betreiber und Beamter.</h3>
<p>&#8220;In China gibt es einen neuen Klassenkampf: Auf der einen Seite stehen die Gesetzestreuen, und auf der anderen jene, die es nicht nötig haben, sich an Gesetze zu halten.&#8221; So kommentiert ein junger Chinese in einem Internetportal den jüngsten Giftskandal der Volksrepublik: Tausende Kinder sind an Bleivergiftung erkrankt, weil sie in der Nähe von großen Schmelzereien leben, deren Besitzer Umweltauflagen über Jahre ignoriert haben &#8211; offenbar mit Wissen der lokalen Behörden.</p>
<p>In zwei verschiedenen Fällen, die nun bekannt wurden, sind mehr als 2 200 Kinder betroffen. Womit die Lawine erst ins Rollen gekommen zu sein scheint. Denn in China gibt es mehrere hundert Hüttenwerke &#8211; und Chinas Staatsmedien kündigten bereits an, dass in den kommenden Tagen noch mit einer Reihe von schrecklichen Enthüllungen und einer Vervielfachung der Opferzahlen zu rechnen sei. Blei ist hochgiftig. Das Schwermetall greift das Nervensystem an, beeinträchtigt die Blutbildung und löst andere Gesundheitsstörungen aus.</p>
<p>Dass die seit Jahren existierenden, aber meist totgeschwiegenen Probleme nun zu einem öffentlichen Thema geworden sind, hat seine Anfänge in dem kleinen Ort Wenping, der nahe der Stadt Wugang in der südchinesischen Provinz Hunan liegt.</p>
<p>Im Juli waren dort innerhalb kurzer Zeit viele Kinder erkrankt, litten an Müdigkeit, Konzentrationsschwäche und verlangsamten Reaktionen. Die Eltern vermuteten sehr schnell einen Zusammenhang zur lokalen Metallhütte. Schließlich befinden sich zwei Schulen und ein Kindergarten höchstens fünfhundert Meter neben der Fabrik, in der Mangan aufbereitet wird.</p>
<p>&#8220;Wann immer das Werk in Betrieb ist, können wir dichten Rauch und Staub in der Luft sehen&#8221;, erklärte ein Dorfbewohner gegenüber der offiziellen Nachrichtenagentur Xinhua. Ärzte bestätigten die Befürchtungen, worauf die Eltern vor dem Werk protestierten. Zunächst blieben sie jedoch ohne Erfolg. Die Betreiber stellten sich ebenso taub wie die lokalen Behörden, die zugelassen hatten, dass das Werk seit Mai 2008 ohne Erlaubnis der Umweltbehörde betrieben wurde.</p>
<p>Erst als die Presse über die Proteste der Eltern zu berichten begann, intervenierte die Regierung und ließ das Werk am Donnerstag schließen. Zwei Mitarbeiter wurden festgenommen, der Geschäftsführer befindet sich auf der Flucht. Auch gegen zwei Mitarbeiter des Umweltamtes wird inzwischen ermittelt. Bei einer Untersuchung wurden bei fast siebzig Prozent der getesteten Kinder unzulässig hohe Bleiwerte im Blut festgestellt. Nach offiziellen Angaben sind in der Region Wugang insgesamt 1 354 Kinder betroffen.</p>
<p>In einem anderen Fall in Fengxiang nahe Baoji in der nordwestchinesischen Provinz Shaanxi wurden 851 Kinder mit Bleivergiftungen registriert. Ärzte fanden im Blut der Kinder Bleikonzentrationen, die die erlaubten Grenzwerte teilweise um das Doppelte überstiegen, berichtete die staatliche Zeitung &#8220;China Daily&#8221;. Umweltschützer machen dafür Abgase verantwortlich, die aus einer Blei- und Zinkschmelzerei stammen. In der Luft um die Fabrik wurde eine 6,3-fach erhöhte Bleikonzentration gemessen, hieß es.</p>
<p>Auch in Fengxiang war den Behörden offenbar seit Längerem bekannt, dass die Schmelzereien gegen Umweltauflagen verstießen. Die Anlage wurde inzwischen ebenfalls geschlossen. Medienberichten zufolge seien die Betreiber der in einem Industriegebiet gelegenen Fabrik schon vor einiger Zeit angewiesen worden, den Anwohnern einen Umzug aus der Gefahrenzone zu finanzieren. Doch diese Anweisung wurde ignoriert, und da sich nur die wenigsten Dorfbewohner neue Häuser leisten konnten, blieben 500 der 600 Familien in den Häusern in unmittelbarer Nähe des Werkes. Die chinesischen Behörden haben angekündigt, Umweltsünder hart zu bestrafen und weitere Metallhütten zu überprüfen.</p>
<p>Dass die Fälle nun an die Öffentlichkeit kommen und auch in der chinesischen Presse ausführlich behandelt werden, lässt darauf schließen, dass die Regierung verhindern will, dass das Thema Bleivergiftung zu einer ähnlichen Belastung wird wie der</p>
<p>Damals hatten Großhändler mit der Industriechemikalie Melamin einen erhöhten Eiweißgehalt in gepanschter Milch vorgetäuscht. Rund 300 000 Kleinkinder erkrankten daraufhin an Nierensteinen; sechs Babys starben. Der Fall hatte die Regierung in eine Vertrauenskrise gestürzt. Denn aus Rücksicht auf Chinas internationales Image vor den Olympischen Spielen entschied die Behörden, die Probleme monatelang zu verschweigen.</p>
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		<title>Der gefallene Ölprinz</title>
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		<pubDate>Thu, 16 Jul 2009 03:25:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Ex-Chef des Rohstoffkonzerns Sinopec wird wegen Korruption zum Tode verurteilt. Er ist nicht nur Opfer seiner Gier, sondern auch politischer Machtkämpfe.</h3>
Irgendwann stellte Jürgen Hambrecht fest, dass sein chinesischer Partner verschwunden war. Das war im Sommer 2007. Zahlreiche Großprojekte hatte der BASF-Vorstandsvorsitzende mit Chen Tonghai, dem Chef von Chinas staatlichem Rohstoffkonzern Sinopec ausgehandelt. Doch plötzlich war Chen weg, ohne Abschied oder Erklärung...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Ex-Chef des Rohstoffkonzerns Sinopec wird wegen Korruption zum Tode verurteilt. Er ist nicht nur Opfer seiner Gier, sondern auch politischer Machtkämpfe.</h3>
<p>Irgendwann stellte Jürgen Hambrecht fest, dass sein chinesischer Partner verschwunden war. Das war im Sommer 2007. Zahlreiche Großprojekte hatte der BASF-Vorstandsvorsitzende mit Chen Tonghai, dem Chef von Chinas staatlichem Rohstoffkonzern Sinopec ausgehandelt, darunter die größte Auslandsinvestition des Ludwigshafener Chemiekonzerns im ostchinesischen Nanjing. Doch plötzlich war Chen weg, ohne Abschied oder Erklärung. Allerdings gab es das Gerücht, er sei wegen Korruption verhaftet worden, am Flughafen, beim Versuch, sich aus China abzusetzen. Seit gestern ist klar, dass Hambrecht seinen ehemaligen Verhandlungspartner nie wieder sehen wird. Der 60-Jährige wurde in Peking wegen Bestechung zum Tode verurteilt.</p>
<p>Die Strafe ist für zwei Jahre ausgesetzt und könnte in lebenslange Haft umgewandelt werden, wenn Chen Reue zeigt. Nach einem Bericht der Volkszeitung soll Chen 20,4 Millionen Euro Schmiergelder angenommen haben. In der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua hieß es, das Urteil solle anderen Managern als Warnung dienen. Die Bereicherung an Staats- oder Firmengeldern ist verbreitet, geahndet wird nur ein Bruchteil der Fälle.</p>
<p>Chens Laufbahn liest sich wie die typische chinesische Kaderbiografie. Er studierte Ingenieurswissenschaften an der Nordost-Petroleum-Universität, machte im Ölsektor und der Kommunistischen Partei Karriere. 1986 wurde er Vize-Bürgermeister der Hafenstadt Ningbo, acht Jahre später wechselte er in einen hohen Posten in der Pekinger Staatskommission für Entwicklung und Planung. 1998 wurde er Vorstandsmitglied von Sinopec und stieg 2006 in den Top-Posten auf.</p>
<p>Doch Chens Aufstieg war begleitet von den Versuchungen vieler chinesischer Top-Funktionäre, die mit Milliarden jonglieren, aber selbst nur bescheiden bezahlt werden. Allerdings dürften bei seinem Sturz auch politische Machtkämpfe eine Rolle gespielt haben. So berichteten Hongkonger Medien, Chens Fall sei Teil einer der größten Korruptionsskandale der vergangenen Jahre. Kurz nach seinem Verschwinden erklärte auch der damalige Finanzminister Jin Renqing seinen Rücktritt. Angeblich sollen beide Männer in eine Sex- und Bestechungsaffäre verwickelt gewesen sein. Gegen Jin wurde nie Anklage erhoben. Womöglich hatte er die besseren Beziehungen.</p>
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		<title>&#8220;Mr. Clean&#8221; springt in den Tod</title>
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		<pubDate>Sun, 24 May 2009 09:54:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Korruption]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Korruptionsermittlungen trieben Südkoreas Ex-Präsidenten Roh Moo Hyun zum Selbstmord. Trotzdem erhält er ein staatlich finanziertes Begräbnis.</h3>
Er galt als Saubermann und konnte es nicht ertragen, dass sein Image irreparablen Schaden genommen hatte: Südkoreas Ex-Präsident Roh Moo Hyun, der sich seit dem Ende seiner Amtszeit im Februar 2008 in eine Reihe von Korruptionsfällen verstrickt sah, hat sich am frühen Samstagmorgen das Leben genommen. Der 62-Jährige sprang in den Bergen nahe seines Heimatdorfes Bongha von einer Klippe...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Korruptionsermittlungen trieben Südkoreas Ex-Präsidenten Roh Moo Hyun zum Selbstmord. Trotzdem erhält er ein staatlich finanziertes Begräbnis.</h3>
<p>Er galt als Saubermann und konnte es nicht ertragen, dass sein Image irreparablen Schaden genommen hatte: Südkoreas Ex-Präsident Roh Moo Hyun, der sich seit dem Ende seiner Amtszeit im Februar 2008 in eine Reihe von Korruptionsfällen verstrickt sah, hat sich am frühen Samstagmorgen das Leben genommen. Der 62-Jährige sprang in den Bergen nahe seines Heimatdorfes Bongha von einer Klippe. Gegen den ehemaligen Bürgerrechtler, der mit dem Versprechen angetreten war, die „Präsidentschaft zu säubern“, wurde wegen Bestechung in Millionenhöhe ermittelt. Zwar bestritt Roh die Vorwürfe gegen sich selbst, musste kürzlich aber zugeben, dass seine Frau und eine Nichte Schmiergelder angenommen hatten.</p>
<p>Roh war im Morgengrauen mit einem Bodyguard in die Berge gegangen und dort um sechs Uhr vierzig in die Tiefe gesprungen. Drei Stunden später erlag er in einem Krankenhaus in der südkoreanischen Stadt Busan seinen Kopfverletzungen. In einem Abschiedsbrief, den er auf seinem Computer hinterließ, erklärte er: „Der Schmerz, den ich so vielen Menschen bereitet habe, ist zu groß.“ Die Ermittlungen gegen ihn seien „sehr schmerzhaft“ gewesen und sein weiteres Leben wäre „nur noch eine Bürde für andere Menschen“. Sein Ende bezeichnete Roh als Schicksal: „Sind Leben und Tod nicht Teil der Natur?“</p>
<p>Bei vielen Südkoreanern löste Rohs Tod Bestürzung aus. Allein in Seoul nahmen mehr als zehntausend Menschen an spontanen Gedenkveranstaltungen Teil, berichteten südkoreanische Medien. Die Regierung hat angekündigt, in allen großen Städten Gedenkaltäre aufstellen zu wollen. Am Sonntagnachmittag traf sich das Kabinett zu einer Sondersitzung, um Vorbereitungen für die Beerdigung zu treffen. Am kommenden Freitag soll in einer Sportarena in der Nähe von Rohs Heimatort ein staatlich finanziertes sogenanntes „Volksbegräbnis“ stattfinden. Ein volles Staatsbegräbnis hatte Rohs Familie abgelehnt. Der ehemalige Präsident, der seine Frau Kwon Yang Sook und zwei Kinder hinterlässt, hatte verfügt, dass sein Leichnam eingeäschert und in seinem Heimatdorf in einem Grab mit einem kleinen Gedenkstein beigesetzt werden soll.</p>
<p>Roh war 1946 als Sohn armer Bauern geboren worden. Schon als Schüler organisierte er Demonstrationen gegen die Militärdiktatur. Nach seinem Schulabschluss arbeitete er in Gelegenheitsjobs und brachte sich nebenbei im Heimstudium Jura bei. 1975 bestand er die Anwaltsprüfung. Seine Karriere als Verteidiger in Menschenrechtsfällen begann 1981, als er eine Gruppe von Studenten vertrat, die wegen des Besitzes von umstürzlerischen Schriften gefoltert worden waren. 1987 wurde er wegen der Unterstützung eines illegalen Streiks selbst für drei Wochen eingesperrt. Ein Jahr später ging Roh in die Politik und machte sich als Kämpfer gegen Korruption und Regionalismus einen Namen. 2003 gewann er mit einem von nationalistischem Populismus geprägten Wahlkampf überraschend die Präsidentschaft. Seine Regierungszeit war geprägt von internen Machtkämpfen und einem gescheiterten Amtsenthebungsverfahren, die das Land politisch zeitweise lähmten. Außenpolitisch führte Roh die Sonnenscheinpolitik gegenüber Nordkorea fort, ohne jedoch eine echte Annäherung bewirken zu können. Er verließ Seouls „blaues Haus“ mit niedrigen Beliebtheitswerten.</p>
<p>Nach seinem Ausscheiden aus der Politik, zog sich Roh in sein Heimatdorf zurück, blieb jedoch durch eine Reihe von Skandalen in der Öffentlichkeit präsent. Zunächst warfen Ermittler ihm vor, hunderte Festplatten aus dem Präsidentenbüro entwendet zu haben. Nach monatelangen Verhandlungen gab Roh das Material schließlich zurück. Außerdem stand Roh im Zentrum mehrerer Bestechungsskandale. Sein älterer Bruder wurde deswegen vergangene Woche zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Auch mehrere frühere Mitarbeiter und Vertraute gerieten ins Visier der Fahnder. Zuletzt wurde gegen Roh ermittelt, weil er während seiner Amtszeit mehr als sechs Millionen Dollar von einem Schuhunternehmer angenommen zu haben. Ende April wurde er von der Staatsanwaltschaft 13 Stunden lang verhört. Das Justizministerium erklärte, die Ermittlungen würden nach Rohs Freitod nun eingestellt.</p>
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		<title>Rascheln gegen die Krise</title>
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		<pubDate>Fri, 06 Mar 2009 00:40:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzkrise]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Chinas Premier schürt beim Nationalen Volkskongress Optimismus: Auch im Krisenjahr 2009 erwartet die Regierung ein Wirtschaftswachstum von acht Prozent.</h3>
Sitzen bleiben, still sein, mitlesen und Notizen machen – so lautete die Anweisung, die Chinas Führung ihren 3000 Parlamentariern am Donnerstag mit auf den Weg in Pekings Große Halle des Volkes gegeben hatte. Im Krisenjahr soll der Nationale Volkskongress, Chinas Kulissenlegislative, einen besonders fleißigen Eindruck machen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Chinas Premier schürt beim Nationalen Volkskongress Optimismus: Auch im Krisenjahr 2009 erwartet die Regierung ein Wirtschaftswachstum von acht Prozent.</h3>
<p>Sitzen bleiben, still sein, mitlesen und Notizen machen – so lautete die Anweisung, die Chinas Führung ihren 3000 Parlamentariern am Donnerstag mit auf den Weg in Pekings Große Halle des Volkes gegeben hatte. Im Krisenjahr soll der Nationale Volkskongress, Chinas Kulissenlegislative, einen besonders fleißigen Eindruck machen, und vielleicht klang das legendäre Rascheln beim kollektiven Umblättern der Redemanuskripte diesmal tatsächlich ein wenig zackiger als früher.</p>
<p>Allerdings blickten die Delegierten der Regierungserklärung, die traditionell am Anfang der einwöchigen Jahrestagung steht, auch zum ersten Mal seit langem mit einer gewissen Spannung entgegen, in der Hoffnung, die Führung könne Anzeichen für ein Ende der wirtschaftlichen Talfahrt gefunden haben. Sie wurden nicht enttäuscht. Trotz dramatischer Exporteinbrüche könne die Volksrepublik 2009 ein Wachstum von rund acht Prozent erreichen, erklärte Premier Wen Jiabao. „Solange wir die richtigen politischen Schritte einleiten, angemessene Maßnahmen ergreifen und diese effektiv umsetzen, können wir dieses Ziel erreichen.“ sagte der Regierungschef. Vor allem staatliche Infrastrukturinvestitionen sollen die Konjunktur beflügeln und neue Jobs für Millionen entlassener Fabrikarbeiter schaffen. Peking rechnet dafür mit einer Neuverschuldung von 950 Milliarden Yuan (110 Milliarden Euro), was rund drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht. Inwiefern diese Mittel allerdings bereits Teil des im November angekündigten 460 Milliarden Euro schweren Konjunkturpakets sind, erklärte Wen nicht. Pekings veröffentlichte Finanzstatistiken gelten allgemein als intransparent und unvollständig. 2008 war Chinas Bruttoinlandsprodukt um neun Prozent gewachsen, was nach fünf Jahren des zweistellige Expansion bereits einen schmerzhaften Einbruch bedeutete.</p>
<p>„Ein Entwicklungsland mit einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden braucht ein gewisses Wachstum, um Beschäftigung für Stadt- und Landbewohner zu schaffen, das Einkommen der Menschen zu erhöhen und die soziale Stabilität zu sichern“, sagte Wen. Mit acht Prozent Wachstum würde China im Rahmen dessen bleiben, was die Regierung als konjunkturellen Minimalbedarf für die Sicherung des gesellschaftlichen Friedens ansieht. Dennoch warnte Wen vor Unruhen. „Wir werden unser Frühwarnsystem für soziale Sicherheit verbessern und alle Arten von Massenvorfällen aktiv verhindern und angemessen behandeln“, sagte der Premier. Kriminelle Akte, zu denen in China häufig auch Demonstrationen gezählt werden, würden hart bestraft. Anfang der Woche hatte Chinas Oberster Gerichtshof mitgeteilt, dass sich in Folge von Fabrikschließungen die Zahl der Arbeitskonflikte im vergangenen Jahr verdoppelt habe, was häufig zu Protesten führe.</p>
<p>Gleichzeitig sagte Wen auch der Korruption den Kampf an. Vetternwirtschaft sein in „manchen Gegenden, Abteilungen und Bereichen weiterhin ein ernstes Problem“, erklärte der Premier und versprach schärfere Kontrollen – eine Gelübde, das seit über zehn Jahren fester Bestandteil jeder Regierungserklärung ist. Nachdem in den vergangenen Wochen mehrere teuere Lustreisen lokaler Beamter für Schlagzeilen gesorgt hatten, kündigte Wen eine starke Einschränkung der Budgets für Reisen und Essen an. In einer öffentlichkeitswirksam inszenierten Sparaktion müssen auch die Volkskongress-Delegierten dieses Jahr mit einem Tagegeld von 100 Yuan (11,7 Euro) auskommen.</p>
<p>Im Verhältnis zu Taiwan kündigte Wen die Bereitschaft für Verhandlungen über ein Ende des seit 60 Jahren anhaltenden Kriegszustandes an. Das Verhältnis zu dem de facto unabhängigen Inselstaat, den Peking als abtrünnige Provinz betrachtet, hatte sich im vergangenen Jahr deutlich verbessert. Allerdings setzt China weiterhin auf eine Politik von Zuckerbrot und Peitsche. Am Vorabend des Kongresses hatte Peking wie seit Jahren üblich eine erneute starke Erhöhung des Verteidigungsbudgets um 14,9 Prozent auf 56 Milliarden Euro bekannt gegeben. Davon fühlt sich in erster Linie Taiwan bedroht. Die Streitkräfte sollen modernisiert und für den Krieg „unter den Bedingungen stärkerer Anwendung von Informationstechnologie“ trainiert werden, sagte der Premier.</p>
<p>Konfliktpotential birgt auch Wens Absicht, Chinas Exportwirtschaft mit Steuer- und Fiskalpolitik wieder anschieben zu wollen und den Yuan in den kommenden Monaten stabil zu halten. Westliche Länder, darunter auch die neue US-Regierung, werfen China seit Jahren vor, seine Währung künstlich billig zu halten, um „Made in China“ unfaire Wettbewerbsvorteile zu verschaffen.</p>
<p>Erschienen in: Frankfurter Rundschau, 6. März 2009</p>
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		<title>Hart, aber nicht fair</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Jan 2009 16:27:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Mit Todesurteilen im Milchprozess will Peking Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen. Doch dafür braucht es mehr als Showjustiz.</h3>

Chinas Justiz hat im Milchskandal harte Urteile gefällt. Zwei Männer sollen hingerichtet werden, weil sie fast ein Jahr lang verdünnte Milch mit der giftigen Industriechemiker vermischten, um die Eiweißtests der Qualitätsprüfer auszutricksen. Der Betrug fiel zwar bald auf, doch die Molkereiangestellten und Beamten stoppten ihn nicht. Ihr Schweigen ließen sie sich gut bezahlen und rechtfertigten es damit, dass sie kurz vor Olympia Chinas Image in der Welt hatten schützen wollen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Mit Todesurteilen im Milchprozess will Peking Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen. Doch dafür braucht es mehr als Showjustiz.</h3>
<p>Chinas Justiz hat im Milchskandal harte Urteile gefällt. Zwei Männer sollen hingerichtet werden, weil sie fast ein Jahr lang verdünnte Milch mit der giftigen Industriechemiker vermischten, um die Eiweißtests der Qualitätsprüfer auszutricksen. Der Betrug fiel zwar bald auf, doch die Molkereiangestellten und Beamten stoppten ihn nicht. Ihr Schweigen ließen sie sich gut bezahlen und rechtfertigten es damit, dass sie kurz vor Olympia Chinas Image in der Welt hatten schützen wollen. Als der Fall im September aufflog, waren 300.000 Kleinkinder an Nierensteinen erkrankt, mindestens sechs starben. Täter und Mitwisser werden nun bestraft, auch Tian Wenhua, Chefin der am stärksten betroffenen Molkerei Sanlu, die den Rest ihres Lebens im Gefängnis verbringen wird.</p>
<p>Die Urteile sind hart, aber Recht ist damit weder den Opfern und ihren Familien widerfahren, noch dem chinesischen Volk, dessen Vertrauen in seinen Staat stark erschüttert wurde. Mit den hohen Strafen will die Regierung demonstrieren, dass sie den Kampf gegen Korruption ernst nimmt. Aber was wie ein rechtsstaatliches Verfahren aussehen soll, ist in Wirklichkeit Showjustiz. Da Chinas Gerichte politisch gesteuert und die Medien propagandistisch gelenkt sind, bleiben auch nach dem Prozess viele Schlüsselfragen offen: Wurden tatsächlich alle Verantwortlichen bestraft, oder nur einige Sündenböcke? Waren nur lokale Beamte in die Vertuschung verstrickt, oder auch die Pekinger Parteispitze? Warum verbieten die Behörden Schadensersatzklagen von Opfern? Und welche Lehren sollten Chinas Qualitätskontrolleure aus dem Fall ziehen?</p>
<p>Mit den Urteilen ist der Milchskandal noch lange nicht zu Ende, aber die Debatte, die er auslösen müsste, wird mit Gewalt verhindert. Die Opferfamilien, die am Donnerstag vor dem Gericht demonstrieren wollten, wurden von der Polizei abgedrängt. Anwälte, die den Geschädigten zu ihrem Recht verhelfen wollen, werden ebenso mit Berufsverbot bedroht wie chinesische Journalisten, die kritisch nachhaken wollen.</p>
<p>Chinas Führung glaubt, für ihr restriktives Vorgehen gute Gründe zu haben. Sie fürchtet um den sozialen Frieden, die Stabilität des Staates – und ihre eigene Herrschaft. Pekings Argumente sind ungefähr so überzeugend wie die Begründung der Melaminmafia, ihr Schweigen diene Chinas Image vor Olympia. Gerade der Milchskandal hätte die Partei lehren müssen, wie hart mangelnde Transparenz bestraft wird: Auf einen Schlag hat sie das Vertrauen von Millionen langfristig verspielt. (Man nehme nur die Zahl der 300.000 teilweise lebenslang geschädigten Opfer und ihrer Angehörigen.) Vorerst mag sich der Verlust hinter Propaganda und Repression verstecken lassen, doch um das Vertrauen zurück zu gewinnen, kommt die Partei um grundlegende Reformen nicht vorbei: verlässlichere Justiz, freiere Presse, mehr politische Mitbestimmung, Schutz der Menschenrechte. Das alte Lied.</p>
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		<title>Todesurteile für Strippenzieher im Milchskandal</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Jan 2009 16:22:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Molkereichefin erhält lebenslängliche Haftstrafe. Schadensersatzklagen von Opfern weisen die Gerichte weiterhin zurück.</h3>

Im chinesischen Milchskandal sollen zwei Hauptangeklagte hingerichtet werden. Der Volksgerichtshof im nordchinesischen Shijiazhuang verhängte am Donnerstag die Todesstrafe gegen Zhang Yujun, der zwischen Oktober 2007 und August 2008 über 600 Tonnen Pulver mit der Industriechemikalie Melamin an Milchgroßhändler verkauft hatte.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Molkereimaschine erhält lebenslängliche Haftstrafe. Schadensersatzklagen von Opfern weisen die Gerichte weiterhin zurück.</h3>
<p>Im chinesischen Milchskandal sollen zwei Hauptangeklagte hingerichtet werden. Der Volksgerichtshof im nordchinesischen Shijiazhuang verhängte am Donnerstag die Todesstrafe gegen Zhang Yujun, der zwischen Oktober 2007 und August 2008 über 600 Tonnen Pulver mit der Industriechemikalie Melamin an Milchgroßhändler verkauft hatte. Diese täuschten damit in verdünnter Milch einen erhöhten Eiweißgehalt vor und verkauften sie an insgesamt 22 chinesische Molkereien. Rund 300.000 Kleinkinder erkrankten daraufhin an Nierensteinen; sechs Babys starben. Zhang, 40, soll mit seinem Handel umgerechnet 770.000 Euro verdient haben. Auch sein Kompagnon Geng Jinping, soll wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit exekutiert werden.</p>
<p>Tian Wenhua, die ehemalige Chefin des staatlichen Molkereikonzerns Sanlu, der die meisten melaminverseuchten Produkte verkauft hatte, wurde zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Die 66-Jährige hatte während des Verfahrens ausgesagt, schon im vergangenen Frühjahr von der Gefährdung gewusst zu haben. Aus Rücksicht auf Chinas internationales Image vor den Olympischen Spielen entschied sie jedoch zusammen mit lokalen Beamten, den Fall zu verschweigen. Die vergifteten Produkte wurden weiter verkauft, auch von der Firma Yili, dem offiziellen Molkereipartner der Pekinger Olympiade.</p>
<p>Insgesamt wurden am Donnerstag 21 Angeklagte verurteilt. Der Richterspruch war zunächst für vergangene Woche angekündigt gewesen, dann aber überraschend verschoben worden. Offenbar fiel es dem Gericht schwerer als erwartet, ein Strafmaß zu finden. Die Öffentlichkeit war von der Urteilsverkündung ausgeschlossen. Ein Großaufgebot der Polizei stellte sicher, dass Angehörige von betroffenen Kindern sich dem Gericht nicht mehr als hundert Meter nähern konnten. Mindestens zwei Eltern, die vor dem Gebäude demonstrieren wollten, waren am Mittwoch auf der Reise nach Shijiazhuang verhaftet worden.</p>
<p>Nichts sollte offenbar an den Aufruhr erinnern, den der Milchskandal nach seinem Bekanntwerden im September verursacht hatte. Denn mit den harten Urteilen will die Regierung ihre Entschlossenheit im Kampf um Produktsicherheit demonstrieren und vergessen machen, wie schwer die staatlichen Qualitätskontrolleure im Milchskandal versagt haben. Obwohl Peking seit Jahren den Aufbau effektiver Überwachungsmechanismen verspricht, werden in der Volksrepublik immer wieder verheerenden Produktskandale aufgedeckt. Experten glauben, dass nur ein Bruchteil der Fälle ans Licht der Öffentlichkeit gelangt, weil China weder unabhängige Verbraucherschutzverbände noch eine freie Presse hat. Auch die Gerichte gehen den Problemen nur so weit auf den Grund, wie die Zentrale es zulässt. Schadensersatzklagen der Opfer werden im Milchskandal konsequent verhindert. Anwälte berichten, dass ihre staatlich kontrollierten Berufsverbände sie massiv unter Druck setzen, keine Fälle anzunehmen. Auch die Gerichte sind angewiesen, Klageschriften abzuweisen. Die Regierung hat den Opfern Entschädigungszahlungen von 220 bis 3300 Euro zugesprochen. Viele Eltern weigern sich bisher, das Geld anzunehmen, weil sie die Summe angesichts womöglich bleibender Schäden für zu gering halten.</p>
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		<title>Chinas Ochsentour ins neue Jahr</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/chinas-ochsentour-ins-neue-jahr/</link>
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		<pubDate>Wed, 21 Jan 2009 16:13:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzkrise]]></category>
		<category><![CDATA[Korruption]]></category>
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		<category><![CDATA[Transport]]></category>
		<category><![CDATA[Wanderarbeiter]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>250 Millionen Chinesen reisen zum traditionellen Neujahrsfest in ihre Heimat. Der Schwarzhandel mit Fahrkarten ist dabei ein Milliardengeschäft.</h3>

Das Jahr des Ochsen beginnt für Zhou Xiaofeng mit einer wahren Ochsentour. Sechs Stunden hat sie an diesem Morgen bei Minusgraden am Pekinger Hauptbahnhof angestanden, um ein Ticket in ihr Heimatdorf in der südchinesischen Provinz Zhejiang zu kaufen. Die Fahrt wird eine ganze Nacht dauern, und da Zhou im Zug eng eingezwängt stehen wird, will sie nicht nur ihrem dreijährigen Sohn, sondern auch sich selbst Windeln anlegen. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>250 Millionen Chinesen reisen zum traditionellen Neujahrsfest in ihre Heimat. Der Schwarzhandel mit Fahrkarten ist dabei ein Milliardengeschäft.</h3>
<p>Das Jahr des Ochsen beginnt für Zhou Xiaofeng mit einer wahren Ochsentour. Sechs Stunden hat sie an diesem Morgen bei Minusgraden am Pekinger Hauptbahnhof angestanden, um ein Ticket in ihr Heimatdorf in der südchinesischen Provinz Zhejiang zu kaufen. „Am Ende habe ich nur einen Stehplatz bis Shanghai bekommen“, sagt die 30-jährige Wanderarbeiterin, die in der Hauptstadt Kleidung verkauft. Die Fahrt wird eine ganze Nacht dauern, und da Zhou im Zug eng eingezwängt stehen wird, will sie nicht nur ihrem dreijährigen Sohn, sondern auch sich selbst Windeln anlegen. In Shanghai wird sie dann erneut durch die Menschenmassen vor den Ticketschaltern kämpfen müssen, um Karten für das letzte Drittel ihrer Reise zu erhalten. „In den letzten Jahren habe ich mir den Stress erspart und bin ich zum Neujahrsfest in Peking geblieben“, sagt Zhou. „Aber weil meine Eltern ihren Enkel noch nie gesehen haben, will ich endlich wieder einmal nach Hause fahren.“</p>
<p>Dabei kann Zhou sich glücklich schätzen. Millionen Chinesen werden es nicht rechtzeitig zum Frühlingsfest in ihre Heimat schaffen, das nach dem traditionellen Mondkalender am 26. Januar beginnt und unter dem Tierkreiszeichen des Ochsen steht. Wie jedes Jahr löst Chinas wichtigstes Familienfest auch diesmal eine Völkerwanderung aus, die wohl die größte der Welt ist. Über 250 Millionen sind laut offiziellen Angaben auf Reisen; jeder fünfte Chinese arbeitet fern seines Heimatortes. Das Transportsystem gerät damit an seine Grenzen: 188 Millionen Menschen reisen mit der Bahn, 24 Millionen mit dem Flugzeug, 31 Millionen mit dem Schiff und mehrere Millionen sind mit Überlandbussen unterwegs. Das Reiseaufkommen ist dieses Jahr noch größer als in den Vorjahren, nachdem vergangenes Jahr eine Schneekatastrophe viele Menschen an der Rückfahrt hinderte. Die Wirtschaftskrise tut ein ihres, um den Menschenstrom in die ländlichen Gebiete anschwellen zu lassen: Weil die Jobs in den Städten rarer werden und zahlreiche Fabriken schließen müssen, zieht ein Teil der Wanderarbeiter zurück aufs Land. „Die Löhne sind in den vergangenen Monaten gesunken, obwohl das Leben in der Stadt immer teurer wird“, sagt ein Bauarbeiter aus der Provinz Hebei, der am Pekinger Bahnhof für ein Ticket ansteht. „Nach dem Neujahrsfest werde ich erst einmal zuhause bleiben.“ Schließlich verheiße das Jahr des Ochsen traditionell den Bauern viel Gutes, tröstet er sich.</p>
<p>Doch noch ist sein Acker weit. Seit Ende vergangener Woche steht er vergeblich an. Jeden Tag werden nur bestimmte Kartenkontingente verkauft. Ein beträchtlicher Teil davon ist nicht am Schalter erhältlich, sondern landet auf dem Schwarzmarkt. Obwohl Lautsprecherdurchsagen die Passagiere davor warnen, Tickets von den zahlreichen Händlern zu kaufen, die Reiseziele murmelnd durch die Reihen streifen, ist es ein offenes Geheimnis, dass viele Bahnhofsangestellte mit der Fahrkartenmafia gemeinsame Sache machen. Vergangene Woche ging der Polizei in Südchina eine Schwarzhändlerbande in die Fänge, die 60.000 Karten weiterverkaufen wollte, in der Regel für das doppelte des aufgedruckten Preises. So ist der Schwarzhandel ein Milliardengeschäft, und seine Strippenzieher sind bis in die höchsten politischen Kreise vernetzt. Selbst Eisenbahnminister Liu Zhijun steht im Verdacht, an dem Chaos auf seinen Bahnhöfen mitzuverdienen. Sein Bruder Liu Zhixiang, selbst ein ranghoher Eisenbahnbeamter in der Provinz Hubei, wurde 2006 wegen Korruption zum Tode verurteilt, nachdem er mit Fahrkartenschieberei über vier Millionen Euro ergaunert hatte. Dass Minister Liu trotz der Fehltritte seines Bruders im Amt bleiben durfte, gilt vielen Chinesen als Beweis für den Filz im politischen System.</p>
<p>So gibt es denn auch reichlich Spott, dass die Transportbehörden ihrerseits das Neujahrsgedränge nutzen, um von der Zentralregierung mehr Mittel einzufordern. Schuld an den Fahrkartenengpässen sei der mangelnde Ausbau des Schienennetzes, ließ Eisenbahnminister Liu letzte Woche verkünden. In den vergangenen drei Jahrzehnten sei die Gesamtstrecke lediglich um die Hälfte auf rund 80.000 Kilometer verlängert worden. Das Straßennetz sei dagegen um ein vielfaches gewachsen. Tatsächlich kann Liu im Rahmen des Pekinger Konjunkturpakets nach dem Frühlingsfest auf staatlich finanzierte Großinvestitionen hoffen: Der Ausbau des Bahnverkehrs gehört zu den Schwerpunkten des chinesischen Infrastrukturprogramms.</p>
<p>Aber bevor die Zentrale die Milliarden fließen lässt, muss Liu den Neujahrsansturm bewältigen, ohne dass es für sein Ministerium zu größeren PR-Desaster kommt. Dabei kommt es jährlich zu mehreren tödlichen Unfällen. Der erste ereignete sich dieses Jahr im südostchinesischen Hangzhou, wo ein 60-jähriger Mann nach einer durchwachten Nacht in der Warteschlange zusammenbrach und starb. Staats- und Parteichef Hu Jintao forderte daraufhin, das Eisenbahnministerium müsse „sein Gehirn benutzen“, um endlich eine Lösung für das Problem zu finden: „Soziale Spannungen müssen entschärft werden, um sicherzustellen, dass das Frühlingsfest reibungslos ablaufen kann.“</p>
<p>Auch dieser Appell gehört inzwischen zu den Ritualen des chinesischen Frühlingsfests. Doch Händler Wang Qi hofft, dass am Pekinger Bahnhof auch in den kommenden Jahren Ausnahmezustand herrschen wird. Denn er macht in diesen Tagen das Geschäft des Jahres: mit Klapphockern.</p>
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		<title>Mutter Melamin</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Jan 2009 16:56:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Justiz]]></category>
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		<category><![CDATA[Milchskandal]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Tian Wenhua, Ex-Chefin der chinesischen Skandal-Molkerei Sanlu, droht die Todesstrafe. Ein hartes Urteil soll Chinas Behördenversagen vergessen machen.</h3>

„Probleme soll man nicht mit ins neue Jahr mitnehmen“, empfiehlt ein chinesisches Sprichwort, das Chinas Regierung kurz vor dem traditionellen Frühlingsfest wieder einmal beherzigt. Noch rechtzeitig will Peking mit dem peinlichsten Skandal des vergangenen Jahres abschließen und das Urteil gegen die Hauptangeklagte im Fall um vergiftete Babymilch verkünden: Tian Wenhua, ehemalige Chefin des staatlichen Molkereikonzerns Sanlu, droht lebenslange Haft, womöglich sogar die Todesstrafe. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Tian Wenhua, Ex-Chefin der chinesischen Skandal-Molkerei Sanlu, droht die Todesstrafe. Ein hartes Urteil soll Chinas Behördenversagen vergessen machen.</h3>
<p>„Probleme soll man nicht mit ins neue Jahr mitnehmen“, empfiehlt ein chinesisches Sprichwort, das Chinas Regierung kurz vor dem traditionellen Frühlingsfest wieder einmal beherzigt. Noch rechtzeitig will Peking mit dem peinlichsten Skandal des vergangenen Jahres abschließen und das Urteil gegen die Hauptangeklagte im Fall um vergiftete Babymilch verkünden: Tian Wenhua, ehemalige Chefin des staatlichen Molkereikonzerns Sanlu, droht lebenslange Haft, womöglich sogar die Todesstrafe. Unter ihrer Aufsicht wurden monatelang verseuchte Milchprodukte verkauft, in denen mit der Industriechemikalie Melamin ein erhöhter Eiweißgehalt vorgetäuscht worden war. Nach offiziellen Angaben erkrankten rund 300.000 Kleinkinder an Nierensteinen, mindestens sechs starben.</p>
<p>Wie in der Vergangenheit dürften die Behörden auch diesmal versuchen, sich mit einem harten Urteil von dem Fall reinzuwachen – und so zu kaschieren, wie kläglich Chinas gesamtes Qualitätssicherung wieder einmal versagt hat. Aus Rücksicht auf Chinas Image vor den Olympischen Spielen hatten Sanlus Management und lokale Beamten die Gesundheitsgefahr seit dem Frühjahr verschwiegen. Erst im September wurden die giftigen Produkte bekannt und vom Markt genommen. „Natürlich haben wir die Auswirkungen auf Olympia bedacht“, bestätigte Tian bei ihrem tränenreichen Auftritt vor dem Richter.</p>
<p>Zwar bekannte die 66-Jährige bekannte sich schuldig, doch die volle Verantwortung will sie nicht zugeschoben bekommen. Schließlich befolgte die Managerin nur die zynischen Spielregeln, die sie während ihrer vierzigjährigen Laufbahn im Staatsapparat verinnerlicht hatte: Je mehr Macht man hat, umso weniger braucht man sich um die Folgen seiner Taten zu scheren. 1942 in dem armen Dorf Nangang in der nordchinesischen Provinz Hebei geboren, errang Tian einen Studienplatz für Tiermedizin. Als 1966 die Kulturrevolution ausbrach, wurde sie wegen ihrer Abstammung aus einer Kleinhändlerfamilie als „kapitalistische Hündin“ geächtet und zur Landarbeit in eine Volkskommune nahe der Provinzhauptstadt Shijiazhuang geschickt, wo sie in den Kuhställen Dienst schob. Nach dem Ende der Mao-Zeit wurde aus der genossenschaftlichen Molkerei der staatliche Milchkonzern Sanlu und Tian machte Karriere. Mitte der Achtziger war sie Produktionsleiterin und ließ in der Fabrik Schilder mit der Devise „Qualitätsmilch herstellen und dem Volke dienen“ aufhängen. Anfang der Neunziger entwickelte sich Sanlu unter ihrer Führung zu Chinas meistverkaufter Babymilchmarke, mit einem Jahresumsatz von über einer Milliarde Euro, 10.000 Mitarbeitern und internationalen Kooperationen. Tian war damit eine der erfolgreichsten chinesischen Managerinnen, wurde als Modellarbeiterin geehrt und nahm 2007 die „Nationale Auszeichnung für Wissenschaftliche Technik“ entgegen, weil jedes Sanlu-Produkt angeblich über 1000 Qualitätstests durchlief.</p>
<p>Im Nachhinein klingt das freilich wie ein schlechter Scherz. Inzwischen befindet sich Sanlu im Konkurs, die Traditionsmarke soll vom Markt verschwinden und damit aus dem Gedächtnis der chinesischen Konsumenten. Doch während die Melaminopfer noch immer auf Entschädigungszahlungen warten und mit Summen von 220 bis 3300 Euro abgespeist werden sollen, hat Tian Wenhua für ihre Familie offenbar bestens vorgesorgt. Chinesischen Medienberichten zufolge hat sie ihrer Tochter üppige Konten in Singapur und der Schweiz hinterlassen – und den Ratschlag, ihren Sohn im Ausland gründlich auf Melaminschäden untersuchen zu lassen.</p>
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