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	<title>Bernhard Bartsch &#187; Korruption</title>
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	<description>TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN</description>
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		<title>Die Wutbürger von Wukan</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Dec 2011 16:10:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunistische Partei]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Ein chinesisches Dorf probt den Volksaufstand gegen die korrupten Behörden - ein Zeichen von tief sitzender sozialer Unzufriedenheit.</h3>
„Alter Xue, leider warst du für Time zu spät.“ Kurznachrichten wie diese verbreiten sich im chinesischen Internetforen derzeit tausendfach - schneller als die Zensoren der Kommunistischen Partei sie entschlüsseln und löschen können. Dabei ist die Anspielung in ihren Augen hoch subversiv: Das amerikanische Nachrichtenmagazin Time hat am Donnerstag Demonstranten in aller Welt zur Person des Jahres 2011 gekürt - und der südchinesische Bauer Xue Jinbo wäre womöglich in die Galerie der berühmtesten Protest-Ikonen aufgenommen worden, wenn sein Tod vor Redaktionsschluss bekannt gewesen wäre. Der 42 Jahre alte Xue war einer der Anführer der größten Demonstrationen, die China seit Jahren erlebt...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Ein chinesisches Dorf probt den Volksaufstand gegen die korrupten Behörden &#8211; ein Zeichen von tief sitzender sozialer Unzufriedenheit.</h3>
<p>„Alter Xue, leider warst du für Time zu spät.“ Kurznachrichten wie diese verbreiten sich im chinesischen Internetforen derzeit tausendfach &#8211; schneller als die Zensoren der Kommunistischen Partei sie entschlüsseln und löschen können. Dabei ist die Anspielung in ihren Augen hoch subversiv: Das amerikanische Nachrichtenmagazin Time hat am Donnerstag Demonstranten in aller Welt zur Person des Jahres 2011 gekürt &#8211; und der südchinesische Bauer Xue Jinbo wäre womöglich in die Galerie der berühmtesten Protest-Ikonen aufgenommen worden, wenn sein Tod vor Redaktionsschluss bekannt gewesen wäre. Der 42 Jahre alte Xue war einer der Anführer der größten Demonstrationen, die China seit Jahren erlebt. Und seitdem er am vergangenen Wochenende unter dubiosen Umständen im Polizeigewahrsam starb, eskalieren in seinem Heimatort Wukan die Ereignisse.</p>
<p>Seit Tagen riegeln Polizeimannschaften in Kampfmontur sämtliche Zufahrten in die südchinesische Kleinstadt ab, deren rund 20.000 Bürger seit drei Monaten im offenen Kampf mit den Behörden leben. Auch am Donnerstag demonstrierten erneut 8 000 Bewohner und schickten die Bilder ihres Aufstands per Mobiltelefon in die Welt. „Schützt euer Land“ steht auf ihren Transparenten, oder einfach „Korrupt“.</p>
<p>Was als lokaler Protest gegen Landenteignung und Vetternwirtschaft begann, hat sich zu einer landesweit ausstrahlenden Bewegung für „Demokratie“ und ein „Ende der Diktatur“ ausgewachsen &#8211; und es ist ein offener Angriff auf die Partei und ein Ausdruck tief sitzender sozialer Unzufriedenheit. Seit den Studentendemonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Frühjahr 1989 hat keine Demonstration mehr so offen die Systemfrage gestellt. Hunderte bezahlten sie damals mit ihrem Leben.</p>
<p>Begonnen hat der Volksaufstand in Wukan, als Ende September tausende Menschen das Büro des lokalen Parteisekretärs stürmten, der den Ort seit mehr als drei Jahrzehnten regierte. Die Revolte war sorgfältig vorbereitet und knüpfte an alte Traditionen an: Die Bürger kamen mit historischen Fahnen, ein Zeichen dafür, dass sie Ackerland zurückforderten, das ihnen seit Jahrhunderten gehörte.</p>
<p>Dessen Zwangsenteignung hatte der Parteisekretär seit den 90er-Jahren schrittweise vorangetrieben, um es an große Unternehmen für viel Geld als Bauland zu verkaufen. Die Provinz Guangdong ist eine der Boomregionen Chinas. Die Behörden der Kreisstadt Shanwei reagierten mit Härte und schickten Polizeihundertschaften, die Wukans Bewohner in ihre Häuser zurückzudrängen versuchten. Es kam zu Straßenschlachten, sechs Polizeiautos wurden angezündet und zehn Polizisten verletzt.</p>
<p>Aus Sorge vor einer Eskalation boten die Behörden schließlich den Bewohnern an, 13 Vertreter zu wählen, mit denen man über ihre Forderungen verhandeln werde. Zu dem Protestkomitee &#8211; genannt „Rexue tuan“, die „Gruppe der Heißblütigen“ &#8211; gehörte auch Xue Jinbo. Zwar machte die Regierung Zugeständnisse, suspendierte mehrere Funktionäre und kündigte eine Untersuchung der Landverkäufe an. Doch den Bauern war das nicht genug. Vergangene Woche brach erneut Gewalt aus.</p>
<p>In einer Überraschungsaktion nahmen Zivilbeamte fünf der „Heißblütigen“ fest, darunter auch Xue. Am Sonntag versuchten tausende Polizisten im Morgengrauen den Ort einzunehmen, doch die Bewohner schützten sich mit improvisierten Straßensperren. Einen Tag später wurde dann Xues Tod bekannt. Im Internet kursierten schnell Berichte von Verwandten, die an der Leiche Spuren von Folter entdeckt haben wollen. So sollen dem 42-Jährigen die Finger gebrochen worden und viele Körperstellen mit Blutergüssen bedeckt gewesen sein. Nach offiziellen Angaben soll Xue jedoch an Herzversagen gestorben sein. Eine Autopsie habe ergeben, dass die blauen Flecken entstanden seien, als die Polizisten Xue zu retten versuchten und ins Krankenhaus brachten, berichtet die Nachrichtenagentur Xinhua.</p>
<p>Zwar wollen die Sicherheitskräfte nach Angaben der Behörden weiter hart gegen die Aufständischen vorgehen und den Protest niederschlagen. Doch die Wukan-Revolte hat längst Ausmaße angenommen, die weit über die Ortsgrenze hinausgehen. Der Fall zeigt, wie schnell auch in China sozialer Unmut in offenen Protest umschlagen kann.</p>
<p>Im vergangenen Jahr zählten Soziologen etwa 180 000 sogenannte „Massenvorfälle“. Typische Auslöser sind Zwangsenteignungen, Arbeitskonflikte, Umweltverschmutzung oder Korruption. Die gesellschaftlichen Probleme liegen tiefer: Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst &#8211; und das, obwohl die Regierung seit Jahren versucht, die Unterschiede zu verringern. Während der Wohlstand in den Städten beständig und für alle sichtbar größer wird, hat sich der Lebensstandard der ärmeren Mehrheit der Bevölkerung kaum verbessert.</p>
<p>Angesichts der hohen Inflation von derzeit über sechs Prozent fühlen sich viele sogar schlechter gestellt. Gleichzeitig sorgt die grassierende Korruption für Missmut. Wo Bürger ihre Rechte einzufordern versuchen, werden sie häufig Opfer von Einschüchterung und Gewalt.</p>
<p>Dass die chinesische Internetgemeinde, welche die Ereignisse in ihrem Land oft kritischer verfolgt als die streng kontrollierten Staatsmedien, spöttische Parallelen zu den Protesthelden des Time-Magazines zieht, ist kein Zufall. Xue Jinbo könne ein chinesischer Mohammed Bouazizi werden, lautet eine häufige Anspielung auf den tunesischen Verkäufer, dessen Selbstverbrennung den arabischen Frühling auslöste. Die Parteiführung blickt seit nervös auf die Revolten im Nahen Osten und hat die Provinzregierungen wiederholt angewiesen, die ohnehin strengen Vorkehrungen zur Aufrechterhaltung der Stabilität noch weiter zu verschärfen.</p>
<p>Zu den verordneten Maßnahmen gehört unter anderem eine landesweite Propagandakampagne gegen vermeintliche Feinde aus dem In- und Ausland, deren Ziel es sei, China ins Chaos zu stürzen. Die Anweisung spiegelt sich auch in Äußerungen des Parteisekretärs der Kreisstadt Shanwei nieder, der Wukan untersteht. „Ausländische Kräfte haben in diesem Fall ein böses Spiel gespielt“, erklärte Zheng Yanxiong vergangene Woche auf einer Pressekonferenz. Ohne ihr Wirken hätten die Behörden den Konflikt längst gelöst.</p>
<p>Doch mit dieser Einschätzung sind die Parteikader zunehmend allein. „Es gibt in China viele Helden, die das Potenzial haben, zur Ikone einer Revolution zu werden“, sagte eine prominente chinesische Regimekritikerin, die angesichts der derzeitigen Repressalien ihren Namen nicht nennen will. „Das Unrecht in China ist so krass geworden, dass auch im Staatssystem viele das Gefühl haben, dass die Partei die Willkür gegenüber ihrem Volk zu weit getrieben hat.“</p>
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		<title>&#8220;Opa Wen&#8221; gegen den &#8220;Großen Bruder Bahn&#8221;</title>
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		<pubDate>Thu, 28 Jul 2011 02:13:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Bahn]]></category>
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		<category><![CDATA[Korruption]]></category>
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		<category><![CDATA[Technologie]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Chinas Bevölkerung reagiert wütend auf das Zugunglück von Zhejiang. Der Zorn zeigt das geringe Vertrauen in die Institutionen des Staates.</h3>
Das Zugunglück in der südchinesischen Provinz Zhejiang, bei dem am vergangenen Samstag 39 Personen ihr Leben verloren und fast 200 verletzt wurden, ist in der Volksrepublik zu einem Politikum erster Klasse geworden. Familien von Opfern, Internetbenutzer und sogar offizielle Medien zürnen öffentlich über die Arroganz von «Tie lao da», dem «Grossen Bruder Bahn», wie das skandalträchtige Eisenbahnministerium im Volksmund genannt wird. Ministerpräsident Wen Jiabao versuchte am Donnerstag mit einem sorgfältig inszenierten Besuch am Unglücksort und bei Betroffenen, das Vertrauen in die Institutionen des Staates aufrechtzuerhalten...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Chinas Bevölkerung reagiert wütend auf das Zugunglück von Zhejiang. Der Zorn zeigt das geringe Vertrauen in die Institutionen des Staates.</h3>
<p>Das Zugunglück in der südchinesischen Provinz Zhejiang, bei dem am vergangenen Samstag 39 Personen ihr Leben verloren und fast 200 verletzt wurden, ist in der Volksrepublik zu einem Politikum erster Klasse geworden. Familien von Opfern, Internetbenutzer und sogar offizielle Medien zürnen öffentlich über die Arroganz von «Tie lao da», dem «Grossen Bruder Bahn», wie das skandalträchtige Eisenbahnministerium im Volksmund genannt wird.</p>
<p>Ministerpräsident Wen Jiabao versuchte am Donnerstag mit einem sorgfältig inszenierten Besuch am Unglücksort und bei Betroffenen, das Vertrauen in die Institutionen des Staates aufrechtzuerhalten. «Wir werden die Verantwortlichen für diesen Unfall hart bestrafen», sagte der Regierungschef, der im Volksmund «Opa Wen» genannt wird und der sein spätes Eingreifen in den Fall damit erklärte, dass er die vergangenen elf Tage im Krankenhaus verbracht habe. Die Untersuchung der Unfallursache müsse «offen und transparent» sein und zu Verbesserungen im ganzen Land führen, forderte Wen. «Der Bau von Hochgeschwindigkeitszügen in China soll Tempo, Qualität, Effizienz und Sicherheit vereinen, und die Sicherheit soll dabei die höchste Priorität haben.»</p>
<p>Dabei kursiert in China inzwischen öffentlich der Vorwurf, die chinesische Bahn sei nicht nur korrupt, sondern habe auch bewusst Sicherheitsmängel in Kauf genommen, um ihr Prestigeprojekt eines Hochgeschwindigkeitsnetzes mit heimischer Technologie zu verwirklichen. Nachdem die Behörden den tragischen Unfall zunächst mit einem Blitzschlag hatten erklären und so als Naturkatastrophe hatten abtun wollen, gestand die Regierung am Donnerstag ein, dass die Kollision wohl hätte verhindert werden können, wenn das von einem staatlichen Forschungsinstitut entwickelte Signalsystem zuverlässig funktioniert hätte.</p>
<p>Nachdem ein Blitzschlag die Oberleitungen beschädigt hatte, hätte ein Signal von Grün auf Rot schalten müssen, um folgende Züge zu stoppen. Das Pekinger Nationale Institut für Eisenbahnforschung und -bau veröffentlichte eine Entschuldigung, in der es sich bereit erklärte, «die Verantwortung zu übernehmen und die fällige Strafe zu akzeptieren». Drei ranghohe Beamte des Eisenbahnministeriums wurden bereits entlassen.</p>
<p>Doch der Druck der Öffentlichkeit dürfte weiter anhalten. Mehrere Medien setzten sich in den vergangenen Tagen über Anweisungen des Propagandaministeriums hinweg, sich bei der Berichterstattung streng an die offizielle Linie zu halten. Die Behörden hätten sich «zu sehr daran gewöhnt, immer nur gelobt zu werden, und in der Krise denken sie nun, sie könnten mit der Öffentlichkeit umgehen wie mit einem bürokratischen Apparat», schrieb die Zeitung «Huanqiu Shibao».</p>
<p>Im Internet sind die Vorwürfe noch weitaus deutlicher. Kritisiert wurde etwa eine Entscheidung der Behörden, die Eisenbahnwracks mit Erde zuschütten zu lassen, angeblich, um den Rettungskräften den Weg zum Einsatzort zu erleichtern. In der Öffentlichkeit wurde dies als Versuch gesehen, Beweisspuren zu vernichten. Auch die offiziellen Opferzahlen werden angezweifelt. Viele Chinesen erheben ausserdem den Vorwurf, die Regierung habe den Ausbau zu schnell vorangetrieben.</p>
<p>Nachdem das Eisenbahnministerium in den vergangenen Jahren immer wieder mit den Temposuperlativen seiner angeblich selbstentwickelten Züge Aufmerksamkeit gesucht hat, reiht sich seit Monaten ein Skandal an den nächsten. Im Juni gab es Unregelmässigkeiten bei der Eröffnung der Prestigestrecke zwischen Peking und Schanghai. Kurz vor der Jungfernfahrt musste das Bahnministerium bekanntgeben, dass die Züge nicht mit ihrer Höchstgeschwindigkeit von 380 km/h unterwegs sein würden, sondern nur mit höchstens 300. Doch auch so kam es immer wieder zu Ausfällen, Züge blieben auf offener Strecke liegen. Im Februar war Eisenbahnminister Liu Zhijun verhaftet worden, weil er im Zusammenhang mit Chinas Hochgeschwindigkeitszügen Bestechungsgelder in Millionenhöhe angenommen haben soll.</p>
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		<title>Die blauen Ratten von Xintang</title>
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		<pubDate>Thu, 17 Feb 2011 01:16:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Firmen aus aller Welt lassen in der chinesischen Provinz Guangdong Jeans und Dessous produzieren - mit katastrophalen Folgen für Mensch und Natur.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/02/MG_Xintang_02.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-2394" title="Xintang_(Copyright_Martin_Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/02/MG_Xintang_02-298x300.jpg" alt="" width="188" height="189" /></a>Yu Li hat die Hände eines Außerirdischen. "Wie ein blauer Alien", sagt er, als er sie zu Krallen formt. Die blaue Farbe reicht bis an seine Unterarme und lässt sich schon lange nicht mehr abwaschen. Doch daran hat sich Yu Li, Ende dreißig, ebenso gewöhnt wie an den Juckreiz, den die Chemikalien auf seiner aufgeweichten Haut auslösen. Zwölf Stunden steht er jeden Tag an einer großen Waschtrommel, in der Jeans mit Lavasteinen und Bleichmitteln geschleudert werden, um ihnen den Stone-Washed-Look zu verleihen. Pro Schicht gehen Tausende Jeans durch seine Hände. Am Monatsende bekommt er dafür 1800 Yuan, umgerechnet rund 200 Euro...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Firmen aus aller Welt lassen in der chinesischen Provinz Guangdong Jeans und Dessous produzieren &#8211; mit katastrophalen Folgen für Mensch und Natur.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/02/MG_Xintang_03.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-2396" title="Jeans-Arbeiter_in_Xintang_(Copyright_Martin_Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/02/MG_Xintang_03-1024x680.jpg" alt="" width="430" height="286" /></a>Yu Li hat die Hände eines Außerirdischen. &#8220;Wie ein blauer Alien&#8221;, sagt er, als er sie zu Krallen formt. Die blaue Farbe reicht bis an seine Unterarme und lässt sich schon lange nicht mehr abwaschen. Doch daran hat sich Yu Li, Ende dreißig, ebenso gewöhnt wie an den Juckreiz, den die Chemikalien auf seiner aufgeweichten Haut auslösen. Zwölf Stunden steht er jeden Tag an einer großen Waschtrommel, in der Jeans mit Lavasteinen und Bleichmitteln geschleudert werden, um ihnen den Stone-Washed-Look zu verleihen. Pro Schicht gehen Tausende Jeans durch seine Hände. Am Monatsende bekommt er dafür 1800 Yuan, umgerechnet rund 200 Euro.</p>
<p>Nicht nur auf Yu Lis Haut hinterlassen die Bluejeans Spuren, sondern auch in der Umwelt. Aus einem Rohr in der Fabrikmauer fließt tiefblaues Abwasser in den Fluss. An dessen Ufern türmen sich blau gefärbte Müllberge, auf denen sich dicke Ratten tummeln, deren Fell ebenfalls die Farbe von Jeans angenommen hat. Einzig der Himmel ist nicht blau, sondern hängt in schwerem Smoggrau über Xintang, einem Industrieort in der südchinesischen Provinz Guangdong.</p>
<p>Mehr als 260 Millionen Hosen werden jährlich in Xintang genäht, gefärbt, gebleicht, gewaschen, bedruckt, abgerieben und kunstvoll zerschlissen. Nach offiziellen Statistiken wird knapp die Hälfte davon exportiert. Etwa 700000 Menschen arbeiten in Xintangs gut 4000 Jeansunternehmen, darunter riesige Färbereien und Akkordnähereien mit Tausenden Angestellten, aber auch kleine Familienbetriebe, in denen man häufig Kinder bei der Arbeit sieht. Bekannte Modemarken lassen hier ebenso fertigen wie Grabbeltischhändler. Egal wo auf der Welt man seine Jeans kauft &#8211; die Wahrscheinlichkeit, dass sie aus Xintang stammen, ist groß.</p>
<p>Somit besteht eine Verbindung zwischen Millionen Jeansträgern und einer gewaltigen Umweltkatastrophe. Im vergangenen Jahr kam Greenpeace in einer getarnt durchgeführten Untersuchung zu dem Ergebnis, dass Xintangs Dong-Fluss, der in den großen Perlfluss mündet, stark mit Schwermetallen und anderen Chemikalien aus der Textilindustrie belastet ist.</p>
<p>Allein die Konzentration des krebserregenden Cadmiums lag 128Mal über dem in China zulässigen Höchstwert. &#8220;Viele Unternehmen verwenden in ihrer Produktion Schwermetalle und entsorgen diese gefährlichen Chemikalien einfach in der Umwelt&#8221;, urteilte die Umweltschutzorganisation. Die gesundheitlichen Folgen für die Bevölkerung dürften gravierend sein &#8211; lassen sich jedoch nicht belegen, weil die lokale Verwaltung keine unabhängigen Untersuchungen zur Situation in ihrer Stadt erlaubt.</p>
<p>Xintang ist unter Chinas Industriestädten kein Einzelfall, eher ein Prototyp. Dass die Volksrepublik heute die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt ist, verdankt sie maßgeblich einem Wachstumsmodell, das auf Umwelt und Arbeiterrechte wenig Rücksicht nimmt. Zwar hat der Boom seit Anfang der Achtzigerjahre Hunderte Millionen Chinesen aus der Armut befreit, doch welchen Preis das Land für diesen Fortschritt zahlen muss, wird zunehmend sichtbar. &#8220;Das Bruttoinlandsprodukt hat für Chinas Politiker höchste Priorität, egal wie es zustande kommt&#8221;, sagt Chen Gang, Experte für chinesische Umweltfragen an der National University of Singapore. &#8220;Die Regierung weiß zwar, dass dieses Modell nicht nachhaltig ist, aber ein neues ist bisher nicht in Sicht.&#8221;</p>
<p>Das sieht man in Peking anders. Anfang März soll der Nationale Volkskongress, Chinas Quasi-Parlament, einen neuen Fünfjahresplan verabschieden, der den Umweltschutz ins Zentrum der politischen Aufmerksamkeit rückt. Mit Milliardeninvestitionen will der Staat die Entwicklung sogenannter grüner Technologien fördern und sie nicht nur in China einsetzen, sondern auch exportieren. Außerdem soll die Leistung lokaler Parteichefs künftig nicht mehr nur an Wachstum und Investitionen gemessen werden, sondern auch an der Einhaltung von Ökostandards.</p>
<p>Optimisten beschwören bereits Chinas Grüne Revolution. Dabei sind solche Ankündigungen keineswegs neu. Seit Jahren verspricht Peking, die Umweltprobleme mit einer Mischung aus Hightech und Verwaltungsreformen zu bewältigen. Bisher ohne Erfolg. Im Dezember kam eine im Auftrag der Regierung erstellte Studie zu dem Ergebnis, dass sich die Folgekosten der Umweltzerstörung im Jahr 2008 auf umgerechnet 144 Milliarden Euro beliefen. Allein zwischen 2003 und 2008 seien sie um 75 Prozent gestiegen, heißt es in dem Bericht. Chinas Umweltzerstörung wächst deutlich schneller als die Wirtschaft.</p>
<p>Experten haben berechnet, dass sich der Trend nur stoppen ließe, wenn China zwei Prozent seines Bruttoinlandsproduktes in den Umweltschutz investieren würde; um die bestehende Verschmutzung allmählich zu beseitigen, müssten es sogar drei Prozent sein. Doch soweit die Daten des 12. Fünfjahresplans bekannt sind, werden für Umweltschutzmaßnahmen nur 1,4 Prozent des BIP vorgesehen. &#8220;Ich bin nicht sehr optimistisch, dass China in absehbarer Zeit Herr der Lage wird&#8221;, sagt Chen Gang. &#8220;Dafür fehlen leider die richtigen Strukturen.&#8221; Was er damit meint, zeigt sich in Gurao, einem fünf Autostunden südöstlich von Xintang gelegenen Landkreis, der ebenfalls von der Textilindustrie lebt. Fast jeder in der zirka 300000 Einwohner zählenden Stadt produziert Unterwäsche.</p>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/02/Unterwäsche-Arbeiter-in-Gurao.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-2398" title="Unterwäsche-Arbeiter_in_Gurao_(Copyright_Martin_Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/02/Unterwäsche-Arbeiter-in-Gurao-1024x657.jpg" alt="" width="430" height="276" /></a>Auf den Fabrikhöfen der selbst ernannten City of Sexy sieht man Kisten mit BH-Lieferungen für Kunden wie die Bekleidungskette KiK. Auch Zhang Xuemei arbeitet für den deutschen Markt. Die 41-jährige Wanderarbeiterin aus der Provinz Sichuan sitzt vor ihrem Haus und schneidet abstehende Fäden aus Herrentangas mit Leopardenmuster. Für jede Unterhose gibt es einen Fen, umgerechnet 0,1 Cent. &#8220;An einem Tag schaffe ich zwischen 500 und 700 Stück&#8221;, sagt Zhang. Dass Guraos Fabriken sparen, wo sie nur können, kann sie buchstäblich riechen. In der Luft liegt der stechende Geruch des nahen Ximei-Flusses, dessen Wasser seine Farbe mit den Moden ändert: mal blau, mal rot, mal schwarz. Aus den Tiefen steigen faulig riechende Gasblasen auf. &#8220;Die Verschmutzung ist bis ins Grundwasser gedrungen&#8221;, sagt Zhang. &#8220;Wasser zum Kochen und Trinken müssen wir auf dem Markt kaufen.&#8221; Ein Eimer kostet fünf Cent &#8211; das entspricht 50 Schlüpfern oder einer knappen Stunde Arbeit.</p>
<p>Obwohl die Verschmutzung und ihre Ursachen offensichtlich sind, gehört die Umwelt für die Menschen in Gurao nicht zu den Hauptsorgen. &#8220;Natürlich macht die Stadt uns krank&#8221;, sagt die Besitzerin eines Kleinunternehmens. &#8220;Aber wenn wir Geld verdienen wollen, müssen wir das eben in Kauf nehmen.&#8221; Anlagen zur Abwasserreinigung würden die Färbereien der Stadt teuer zu stehen kommen und angesichts des harten Verdrängungswettbewerbs in der Branche womöglich in den Ruin treiben. &#8220;Wem es hier nicht gefällt, der kann ja wegziehen&#8221;, meint die Unternehmerin.</p>
<p>Auch in der Kreisverwaltung verschließt man vor den Umweltproblemen die Augen. &#8220;Ist der Ximei-Fluss wirklich so dreckig?&#8221;, fragt Chen Wenjia, Chef der lokalen Propagandaabteilung der Kommunistischen Partei. Vor vier Jahren sei er aus einem anderen Landkreis nach Gurao geschickt worden, doch die Verschmutzung des Flusses sei ihm noch nie aufgefallen, erzählt er.</p>
<p>Derzeit befinde sich Guraos erste Kläranlage im Bau, fügt er hinzu. Fließen seit Jahrzehnten also alle Abwässer ganz offiziell ungefiltert in den Fluss? Wie passt das zu Pekings Vorgabe, lokale Parteichefs müssten sich nicht nur um das Wirtschaftswachstum kümmern, sondern auch um den Umweltschutz? Chen erklärt, dass die Parteichefs in Gurao zu schnell wechseln würden, um effektive Maßnahmen einleiten zu können. &#8220;In meiner Zeit hier habe ich sieben verschiedene Parteichefs erlebt&#8221;, sagt er. Der Grund für die schnelle Rotation &#8211; normalerweise bleiben Parteichefs drei Jahre &#8211; ist kein Geheimnis: In Problemstädten wie Gurao will niemand die Verantwortung für Missstände übernehmen. &#8220;Diese Haltung ist institutionalisiert&#8221;, sagt der Politologe Zhao Litao. &#8220;Pekings Direktiven werden in den Provinzen häufig ignoriert.&#8221;</p>
<p>Fragt man chinesische Experten nach einem Beispiel für eine chinesische Stadt, in der Umweltprobleme gelöst wurden, blickt man in betretene Gesichter. Zwar wurden in Peking vor den Olympischen Spielen 2008 der größte Verschmutzer der Stadt, das Stahlwerk Shougang, umgesiedelt oder in Shanghai für die Weltausstellung eine alte Schwerindustriezone saniert. Doch war da der Umweltschutz nur Mittel zum Zweck, um das Image einer Stadt zu verbessern oder neues, teures Bauland zu erschließen.</p>
<p>&#8220;In Chinas großen Städten hat sich in den letzten Jahren zwar einiges verbessert, aber dafür wird die Verschmutzung ins Hinterland verlegt&#8221;, sagt Forscher Chen Gang. Voriges Jahr war auch die Jeansstadt Xintang von einem solchen Verschmutzungsumzug betroffen. Weil die nahe Metropole Guangzhou die Asienspiele ausrichtete, bestand die Provinzregierung darauf, Xintangs schlimmste Schandflecke zu beseitigen. &#8220;Entlang der Hauptstraßen wurden Dutzende verschmutzende Fabriken abgerissen&#8221;, erklärt ein lokaler Unternehmer. &#8220;Aber ein paar Kilometer weiter haben sie alle wieder aufgemacht.&#8221; Die Schuld für den ökologischen Frevel sieht er allerdings nicht nur bei Politikern und Fabrikbetreibern, sondern auch bei den Kunden aus dem In- und Ausland, die unentwegt die Preise drücken.</p>
<p>Machen sich westliche Jeansträger &#8211; und Käufer anderer Waren Made in China &#8211; also mitschuldig an Chinas ökologischer Tragödie? Fakt ist, bei den meisten chinesischen Produkten ist die Herkunft kaum nachzuvollziehen, ein Umstand, der schäbige Herstellungsbedingungen begünstigt. Fakt ist aber auch, dass der öffentliche Druck auf große Markenunternehmen, in ihren Fabriken von sich aus für einwandfreie Verhältnisse zu sorgen, seine Wirkung nicht verfehlt.</p>
<p>&#8220;Wir sind gerne bereit, unser Werk zu zeigen&#8221;, erklärt Fang Yong, Exportleiter des chinesischen Textilkonzerns Conshing Clothing, der Jeans für Marken wie Veromoda, Jack &amp; Jones, Polo und Guess produziert. Der Betrieb am Rande von Xintang zeigt, dass Jeansfabriken keine Umweltsünder sein müssen. Die Angestellten an den Waschmaschinen tragen Handschuhe, die Arbeiter mit den Farbspritzen benutzten einen Mundschutz, die Abwässer fließen in ein modernes Klärwerk. &#8220;Unsere Produktionskosten sind natürlich höher als in den Fabriken, denen die Umwelt und ihre Mitarbeiter egal sind&#8221;, sagt Fang.</p>
<p>Der Aufpreis lohnt sich für die Marken allemal, lässt er sich dem Endverbraucher doch gleich mehrfach in Rechnung stellen. Denn welcher westliche Kunde weiß schon, dass selbst eine Hose aus bester organischer Baumwolle in Fangs Fabrik gerade einmal 15 Euro kostet?</p>
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		<title>Der Schachspieler</title>
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		<pubDate>Fri, 04 Feb 2011 12:06:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Wang Keqin ist Chinas berühmtester Enthüllungs-Reporter. Ein gefährlicher Job, bei dem es darauf ankommt, die Züge der Gegner so gut wie möglich zu berechnen.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/02/WangKeqin_01.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-2372" title="Wang_Keqin (Copyright Martin Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/02/WangKeqin_01-209x300.jpg" alt="" width="138" height="198" /></a>"Wenn wir diesen Artikel nicht drucken, finde ich keinen Frieden mehr." An diesen Satz seines Chefredakteurs aus dem vergangenen Januar erinnert sich Wang Keqin gern. Sie saßen sich damals gegenüber, in wattierte Mäntel gehüllt, denn die Heizung kam gegen den Pekinger Winter nicht an. Bao Yueyang, der Chefredakteur, hatte gerade den Entwurf einer Reportage gelesen, für die Wang sechs Monate lang recherchiert hatte. Sie enthielt Enthüllungen, von denen Leben und Gesundheit Hunderttausender Menschen abhingen. Enthüllungen, mit denen Bao und Wang nicht nur ihre eigenen Karrieren, sondern auch die Existenz ihrer Zeitung aufs Spiel setzen würden. Enthüllungen, wie sie in China noch kein Medium zu veröffentlichen gewagt hatte...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Wang Keqin ist Chinas berühmtester Enthüllungs-Reporter. Ein gefährlicher Job, bei dem es darauf ankommt, die Züge der Gegner so gut wie möglich zu berechnen.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/02/WangKeqin_08.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-2376" title="Wang_Keqin_(Copyright_Martin_Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/02/WangKeqin_08-1024x680.jpg" alt="" width="393" height="261" /></a>&#8220;Wenn wir diesen Artikel nicht drucken, finde ich keinen Frieden mehr.&#8221; An diesen Satz seines Chefredakteurs aus dem vergangenen Januar erinnert sich Wang Keqin gern. Sie saßen sich damals gegenüber, in wattierte Mäntel gehüllt, denn die Heizung kam gegen den Pekinger Winter nicht an. Bao Yueyang, der Chefredakteur, hatte gerade den Entwurf einer Reportage gelesen, für die Wang sechs Monate lang recherchiert hatte. Sie enthielt Enthüllungen, von denen Leben und Gesundheit Hunderttausender Menschen abhingen. Enthüllungen, mit denen Bao und Wang nicht nur ihre eigenen Karrieren, sondern auch die Existenz ihrer Zeitung aufs Spiel setzen würden. Enthüllungen, wie sie in China noch kein Medium zu veröffentlichen gewagt hatte.</p>
<p>Im Visier hatte Wang das Pekinger Gesundheitsministerium und die Regierung der zentralchinesischen Provinz Shaanxi. Dort hatten Behörden und Pharmafirmen bei einer nationalen Impfkampagne gegen Kinderkrankheiten erst geschlampt und ihre Fehler dann vertuscht. Serum, das kalt gelagert werden muss, war bei hohen Temperaturen aufbewahrt und in Lastwagen mit defekten Kühlsystemen transportiert worden. So waren aus Impfstoffen tödliche Gifte geworden, die nach Wangs Recherchen zu mindestens vier Todesfällen und 74 schweren Erkrankungen geführt hatten. Zwar hatten gewissenhafte Ärzte die Probleme gemeldet, doch die verantwortlichen Beamten blieben untätig &#8211; sie standen längst auf den schwarzen Gehaltslisten, mit denen die Pharmakonzerne ihre Lizenzen und regionalen Monopole sicherten. &#8220;Wir können doch nicht schweigend zusehen, wie das Gesundheitsministerium Unternehmen deckt, die giftige Impfstoffe in Umlauf bringen&#8221;, fand Wang.</p>
<p>Es war nicht das erste Mal, dass Chinas bekanntester Enthüllungsjournalist und sein Chef sich fragten, ob sie tun konnten, was sie tun mussten: die Wahrheit berichten &#8211; selbst wenn sie damit Mächtige in Politik und Wirtschaft gegen sich aufbrächten. Immer wieder hatten sie es gewagt: Wangs Berichte über Korruption, Umweltverschmutzung, Wirtschaftskriminalität und Gesundheitsskandale hatten die &#8220;China Economic Times&#8221; in der Volksrepublik zu einem Pionier des seriösen Journalismus gemacht. In der Branche bewunderte man ihre Bereitschaft zu Konflikten mit den Zensurbehörden und spekulierte darüber, welches politische Schwergewicht wohl seine schützende Hand über das Blatt halte. Doch an ein ungeschriebenes Gesetz des chinesischen Journalismus hatten auch Wang und Bao sich zuvor gehalten: Ihre Enthüllungen trafen stets nur die unteren Ränge des Parteiapparats, nie die höheren. Genau dorthin zielte Wang nun erstmals. &#8220;Dieser Fall verletzt das Recht der Menschen, ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder zu schützen&#8221;, sagte er. &#8220;Solche Zustände stellen die Kompetenz unserer Regierung grundsätzlich infrage.&#8221;</p>
<p>Die Kompetenz der Regierung grundsätzlich infrage stellen nichts könnte weiter von der Rolle entfernt sein, die Chinas Kommunistische Partei den Medien ihres Landes zugedacht hat. Sie sollen als Diener des Staates die Positionen der Regierung vermitteln &#8211; beifällig werbend, nicht kritisch hinterfragend. In allen wichtigen Fragen will die Partei entscheiden, was die Chinesen wissen sollen und was nicht.<br />
Doch Fakten können stärker sein als alle Kontrollen, vor allem wenn von ihnen das Glück und Unglück von Menschen abhängt &#8211; und solche Fakten gibt es in China viele. Immer mehr chinesische Journalisten wollen mehr sein als Keilriemen der offiziellen Medienmaschine, die zentral vorgestanzte Wahrheiten bis in die hintersten Winkel des Landes übermittelt. Sie recherchieren selbst &#8211; und stoßen damit oft unvermittelt ins Herz der gewaltigen Widersprüche, die das heutige China ausmachen. So wie Wang und Bao, die im vergangenen Frühjahr die aufsehenerregendste Machtprobe wagten, die das chinesische Mediensystem seit Jahren erlebt hatte.</p>
<p>Auf dem Pressefreiheits-Index der Organisation Reporter ohne Grenzen belegt China aktuell Platz 171. Nur sieben Länder werden noch schlechter eingeschätzt, darunter Iran und Nordkorea. Doch das verheerende Urteil verrät wenig darüber, wie leidenschaftlich der Kampf um die Wahrheit in China tatsächlich geführt wird. Die Ära der totalen Gleichschaltung, in der nur die Meldungen der Nachrichtenagentur Xinhua verbreitet werden durften, ist lange vorbei. Im Internetzeitalter lassen sich Informationen nicht mehr so einfach kontrollieren wie noch unter Mao Zedong. Zwar scannt Zensur-Software die Datenströme im Netz auf kritische Begriffe, Suchmaschinen filtern ihre Ergebnisse, Cyberpolizisten patrouillieren in Chat-Foren, und soziale Medien wie Twitter oder Facebook sind gesperrt. Doch dieses System gleicht eher einer ideologischen Müllabfuhr, die notdürftig beseitigt, was massenhaft kursiert.</p>
<p>Die Medien setzt das unter Druck. Um glaubwürdig zu bleiben, können sie die Probleme des Landes nicht mehr verschweigen, sondern nur noch ins rechte Licht zu rücken versuchen. Mit den Worten von Chinas oberstem Medienwächter Li Changchun, der Nummer fünf in der Parteihierarchie, besteht die Hauptaufgabe von Journalisten in der &#8220;Aufrechterhaltung der korrekten Steuerung der öffentlichen Meinung&#8221; sowie der &#8220;aktiven Verbreitung der Ideologie, Linie, Prinzipien und Politik der Partei&#8221;.</p>
<p>Was das in der Praxis bedeutet, erfahren die Journalisten in den regelmäßigen Schulungen von Lis &#8220;Ministerium für Aufklärungsarbeit&#8221;, dessen Name im Westen nicht zu Unrecht meist mit &#8220;Propagandaministerium&#8221; übersetzt wird: Aufwühlende Ereignisse wie das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens sind tabu. Texte über heikle Themen wie Militär, Religion oder ethnische Minderheiten müssen mit den zuständigen Ministerien abgesprochen werden. Bei kritischen aktuellen Nachrichten gelten die Direktiven der offiziellen Agentur Xinhua. Darüber hinaus setzt das Propagandaministerium auf die Selbstzensur von Journalisten und Chefredakteuren, deren Karriere von ihrer Willfährigkeit gegenüber den Mächtigen abhängt. Doch eine zentrale Zensur, die alle Beiträge vor der Veröffentlichung überprüft, gibt es nicht mehr &#8211; bei rund 2000 Zeitungen, 9000 Magazinen, 1000 Radiosendern und 700 Fernsehkanälen wäre auch die größte Behörde überfordert.</p>
<p>&#8220;Das System schafft Spielräume, die es früher nicht gab&#8221;, sagt Wang Keqin bei einem Treffen in seinem Büro. &#8220;In der Vergangenheit war das Arbeitsfeld der Journalisten auf allen Seiten mit klaren roten Linien abgesteckt, die man nicht überschreiten durfte, aber heute sind viele Linien orange oder gelb &#8211; da kann man sich mal etwas trauen.&#8221; Der Mann, den seine Kollegen den &#8220;Vater des chinesischen Investigativjournalismus&#8221; nennen, ist 46 und die Unauffälligkeit in Person: nicht groß und nicht klein, weder dünn noch dick, mit einem Gesicht, das ebenso gut einem Bauern oder Fabrikarbeiter gehören könnte wie einem Manager oder Politiker. Eine gute Tarnung.<br />
&#8220;Von Natur aus interessiert es Menschen immer, hinter die Grenzen zu schauen&#8221;, so Wang. &#8220;Deshalb sind investigative Recherchen in China ein Trend, vor dem die Zensoren große Angst haben, und der Impf-Skandal ist ein Paradebeispiel dafür, mit welchen Mitteln beide Seiten dabei kämpfen.&#8221;</p>
<p>Nach der Vier-Augen-Konferenz in der winterkalten Redaktion, bei der Chefredakteur Bao Yueyang die Impf-Skandal-Reportage erstmals gelesen hatte, blieb das Manuskript zunächst mehrere Wochen liegen. Wang drängte auf eine Publikation Anfang März, zum Auftakt des Nationalen Volkskongresses, Chinas Quasi-Parlament, das einmal im Jahr in Pekings Großer Halle des Volkes tagt. Die Aufmerksamkeit der 3000 Abgeordneten würde das Gesundheitsministerium unter Zugzwang setzen, argumentierte er und erinnerte Bao an seinen Satz: &#8220;Wenn wir diesen Artikel nicht drucken, finde ich keinen Frieden mehr.&#8221; Als Antwort erhielt er ein besorgtes Kopfschütteln. &#8220;Sie werden uns dichtmachen&#8221;, erwiderte der Chefredakteur &#8220;Wir müssen den richtigen Zeitpunkt abwarten.&#8221; Um mit einer Veröffentlichung dieser Tragweite durchzukommen, brauche die &#8220;China Economic Times&#8221; politischen Rückenwind von höchster Stelle.</p>
<p>Den spürten sie, als Premier Wen Jiabao beim Nationalen Volkskongress über die Notwendigkeit sprach, die Regierungsarbeit besser zu kontrollieren, weil das chinesische Volk nur so in Würde leben könne. &#8220;Überwachung der Regierungsarbeit und Sicherung eines würdevollen Lebens &#8211; genau darum geht es in unserem Artikel&#8221;, drängte Wang. Bao stimmte zu &#8211; die Zeitung musste versuchen, den Regierungschef beim Wort zu nehmen und darauf hoffen, dass er den Text als beispielhafte Umsetzung seiner Forderung sah. In der Nacht des 16. März planten sie kurz vor Druckbeginn das Blatt um und räumten drei Seiten für Wangs Text frei. Außer dem Produktionschef war kein anderes Redaktionsmitglied eingeweiht.</p>
<p>Am folgenden Morgen erschien die &#8220;China Economic Times&#8221; mit der Überschrift: &#8220;Eine Recherche über Impfungen, bei denen etwas schrecklich falsch lief&#8221;. Die Brisanz der Enthüllungen war der Branche augenblicklich klar. Ab neun Uhr war der Impf-Skandal die Hauptnachricht auf Chinas größten Internetportalen, den wichtigsten Informationsquellen vieler junger Chinesen. Zeitungsredaktionen bereiteten eigene Beiträge vor. Die zuständigen Behörden traf die Story völlig unvorbereitet. Sie brauchten bis zum Nachmittag, um zurückzuschlagen. Dann versandte Xinhua eine Meldung, in der Shaanxis Gesundheitsministerium, Provinzregierung und Parteikomitee erklärten, Wangs Bericht sei &#8220;grundsätzlich unwahr&#8221;. Auch das nationale Gesundheitsministerium in Peking ließ vermelden, die Geschichte sei frei erfunden. Das Propagandaministerium wies alle Zeitungen und Internetseiten an, am folgenden Tag mit dem Dementi aufzumachen.<br />
Es war die Reaktion, mit der Wang und Bao gerechnet hatten. Einen Skandal dieses Ausmaßes würden die Behörden nicht ohne Weiteres zugeben. Am Abend des 18. März veröffentlichte die &#8220;China Economic Times&#8221; eine Stellungnahme, in der sie an ihrer Geschichte festhielt &#8211; ein klarer Verstoß gegen die Vorgaben des Propagandaministeriums. Gleichzeitig lief bei Wang das Telefon heiß. Kollegen anderer Medien wollten ihn interviewen und sich Recherchehinweise holen &#8211; viele durchschauten das Spiel der Behörden und hofften, in Wangs Windschatten selbst einen kleinen Scoop zu landen. &#8220;Vier Tage nach der ersten Veröffentlichung haben bereits mehr als 200 Medien ihre Reporter nach Shaanxi geschickt, um selbst zu recherchieren&#8221;, erzählt Wang. &#8220;Es wurde ein Fall, der die ganze chinesische Öffentlichkeit beschäftigte.&#8221;<br />
Obwohl nur wenige Medien große Risiken eingingen, ließen sich ihre Zweifel an der offiziellen Version der Provinzregierung zwischen den Zeilen herauslesen. Chefredakteure schrieben Leitartikel, in denen sie eine vollständige Aufklärung verlangten. In der Öffentlichkeit machte sich Unruhe breit. Eltern fragten sich, ob sie ihre Kinder noch impfen lassen sollten.</p>
<p>&#8220;Allen, die mich das fragten, habe ich gesagt, dass es Belege dafür gibt, dass Chinas hohe Beamte für ihre eigenen Kinder nur importierte Impfstoffe benutzen&#8221;, erzählt Wang. Fünf Tage nach der Veröffentlichung versuchte Shaanxis Provinzregierung, mit einer Pressekonferenz in die Offensive zu kommen, doch die Veranstaltung geriet für die Behörden zum Desaster, als die Journalisten begannen, kritische Fragen zu stellen. Nach zehn Minuten brachen die Beamten die Veranstaltung hastig ab. Kaum einer in der Branche hatte jetzt noch Zweifel, dass Wangs Geschichte zutraf.</p>
<p>Der achtet tatsächlich besonders auf gründliche Dokumentation, denn: &#8220;Wer in China investigativ arbeitet, kann sich keinen einzigen faktischen Fehler erlauben&#8221;, sagt er und öffnet den Metallschrank seines Büros, in dem fein säuberlich aufgereiht Hunderte Notizbücher stehen mit sorgfältig eingetragenen Daten. &#8220;Über jedes Gespräch mache ich Notizen, über jedes Telefonat und auch über das Interview, das wir gerade führen.&#8221; Trifft er wichtige Informanten, lässt er sich die Richtigkeit der notierten Aussagen hinterher mit Namen, Unterschrift und einem roten Daumenabdruck bestätigen. &#8220;Ich nenne das &#8216; Journalismus nach deutschen Produktionsstandards&#8217;&#8221;, sagt Wang und lacht.</p>
<p>Zu seinem Beruf kam er nicht aus Idealismus, sondern, wie er bekennt, &#8220;weil ich gerne esse, vor allem Lanzhou Feuertopf&#8221;. Das scharfe Fondue ist das Lokalgericht seiner nordchinesischen Heimatstadt, die vor allem für ihre Kohlebergwerke und die damit verbundene Verschmutzung bekannt ist. Wang war Mitte 20, als er anfing, für die Provinzzeitung &#8220;Gansu Economic Daily&#8221; zu schreiben. Nebenher verfasste er auch Artikel für andere Blätter. Wie die meisten Journalisten war er Mitglied in der Kommunistischen Partei. &#8220;Ich war ein Propagandajournalist&#8221;, gibt Wang unumwunden zu. Doch bald merkte er, dass die &#8220;Gansu Economic Daily&#8221; nur einen kleinen Teil der Realität abbildete. &#8220;Viele Menschen erzählten mir ihre Geschichten und schauten mich erwartungsvoll an, weil sie hofften, dass meine Texte etwas für sie bewirken würden&#8221;, erinnert er sich. Wang begann darüber nachzudenken, wo die Grenzen seiner Berichterstattung lagen: Je größer die Probleme, umso geringer die Wahrscheinlichkeit, dass darüber berichtet wurde.</p>
<p>Dabei war es keineswegs so, dass in den Zeitungen nur Positives stehen durfte. Auch im Zeitungswesen hatte die Marktwirtschaft Einzug erhalten. Verschiedene Medien, im Besitz diverser Regierungsorgane, konkurrierten um Anzeigen. Wer Leser gewinnen wollte, musste relevant sein und über die Themen berichten, die in ihrem Leben eine Rolle spielten.</p>
<p>Wang erkannte darin eine Chance. 2001 überzeugte er seine Chefs, über einen Skandal zu berichten, der viele Leser bewegte: Betrügerische Firmen hatten Kleinanleger um Hunderte Millionen Yuan geprellt. Wang deckte auf, wie das kriminelle System funktionierte und wer daran beteiligt war. Obwohl die Abzocker über beste Kontakte verfügten, konnte die Justiz die Fakten nicht ignorieren. Es kam zum Verfahren, mehr als 150 Beteiligte wurden zu Haftstrafen verurteilt.</p>
<p>Doch die Zeitung hatte ihren Einfluss überschätzt. Viele der Hintermänner, ranghohe lokale Kader und Drahtzieher des organisierten Verbrechens, hatten sich den Ermittlungen entziehen können. Sie wollten Lanzhous Journalisten eine Lektion erteilen und erwirkten, dass die &#8220;Gansu Economic Daily&#8221; wegen politischer Disziplinlosigkeit vorübergehend geschlossen wurde. Wang verlor seinen Job und erhielt Drohungen, dass man seine Familie &#8220;in Blut baden&#8221; werde. Er wusste, dass dies keine leeren Worte waren.</p>
<p>Doch so wie ihm einige Politiker ihren Schutz entzogen hatten, kam ihm ein anderer zu Hilfe. In Peking landete ein Dossier über den Fall auf dem Schreibtisch von Premierminister Zhu Rongji, der sich zu dieser Zeit um einen harten Anti-Korruptionskurs bemühte und die Medien ermutigte, lokalen Kadern genauer auf die Finger zu schauen. Mit einer Intervention zugunsten Wangs konnte er Chinas Journalisten demonstrieren, dass er es ernst meinte und kritische Berichterstatter sich seiner Unterstützung sicher sein konnten. Zhu Rongji stellte vier Polizisten zu Wangs Schutz ab und wies ihm einen Job bei Baos &#8220;China Economic Times&#8221; zu, die dem Staatsrat und damit unmittelbar der Autorität des Regierungschefs unterstand.</p>
<p>Die prominente Jobvermittlung hatte landesweit Symbolcharakter. &#8220;Die Regierung ist kein monolithischer Block&#8221;, sagt Wang. &#8220;In der Zentralregierung gibt es solche, die investigativen Journalismus unterstützen und der Meinung sind, dass dies für die Gesellschaft etwas sehr Wertvolles ist.&#8221; Aus dem Fall leitete die Branche ab, was seitdem als goldene Regel des investigativen Journalismus gilt: Wer mit einem Bericht einer politischen Interessengruppe schadet, kann sich das nur erlauben, wenn eine noch mächtigere Fraktion von der Veröffentlichung profitiert und den Journalisten beschützt. Wang vergleicht das mit einem Schachspiel. &#8220;Man muss alle Züge der betroffenen Parteien vorausplanen&#8221;, sagt er. &#8220;Wer das nicht tut, ist am Ende selbst schachmatt.&#8221;</p>
<p>Auch vor der Veröffentlichung der Impf-Skandal-Reportage hatten Wang und Bao sich die möglichen Reaktionen ausgemalt. Sie wussten, dass sie dem Druck des Gesundheitsministeriums und Shaanxis Provinzregierung nur gewachsen sein würden, wenn der Premier Wen Jiabao &#8211; seit 2003 Zhus Nachfolger &#8211; persönlich die Aufklärung des Falles in die Hand nehmen würde. Grund dazu hatte er nicht nur, weil er als liberal galt und Zhus informelle Patenschaft für die &#8220;China Economic Times&#8221; und ihre offensive Berichterstattung übernommen hatte. Nachdem 2008 an gepanschter Babymilch mindestens sechs Kleinkinder gestorben und rund 300 000 erkrankt waren, hatte die Regierung eine Verbesserung des Verbraucherschutzes versprochen. Die nationale, staatlich finanzierte Impfkampagne galt auch als Versuch, den Vertrauensverlust bei Chinas Eltern wettzumachen. Konnte Wen es sich da leisten, noch einmal den Verdacht aufkommen zu lassen, seine Regierung schütze Qualitätssünder, die Kinderleben gefährden?</p>
<p>Ihre Gegner hatten sie nicht weniger sorgfältig analysiert. Sie wussten, dass es in der Partei starke Kräfte gibt, Presse und Internet schärfer zu kontrollieren als bisher. &#8220;Sie wollen Enthüllungsjournalismus grundsätzlich unterdrücken, weil sie ihn als Gefahr für den Machterhalt der Partei sehen&#8221;, sagt Wang. Nicht nur der Propaganda-Chef Li Changchun wird dieser Fraktion zugerechnet; auch der Staats- und Parteichef Hu Jintao gilt als Befürworter einer schärferen Zensur. Außerdem hatte Hu in dem Fall persönliche Interessen: Shaanxis Parteichef Zhang Baoshun, für den die Aufarbeitung ein herber Gesichtsverlust sein würde, gilt als ein alter Gefolgsmann des Präsidenten. Andererseits gehören die Korruptionsbekämpfung und die Verbesserung des Images der Partei zu den Projekten, mit denen Hu in die Geschichtsbücher eingehen will. &#8220;Die Propagandabehörden wissen, dass es an der Spitze Konflikte gibt, und wissen nicht, wessen Order Vorrang hat: Hus harte Linie oder Wens weiche&#8221;, sagt Wang. &#8220;Diese Verunsicherung gibt uns Freiräume, die wir nutzen können.&#8221; Würde sich der Parteichef offen gegen den Premierminister stellen, um die Presse zu disziplinieren und einen Freund zu schützen? Wang und Bao konnten es sich nicht vorstellen.</p>
<p>Dass sie sich verrechnet hatten, begann ihnen zu dämmern, als das Propagandaministerium eine Woche nach der Veröffentlichung des Artikels die Notbremse zog. Alle Redaktionen wurden schriftlich angewiesen, jegliche Berichterstattung über das Thema künftig direkt von der offiziellen Nachrichtenagentur Xinhua zu übernehmen. Die berichtete, das Gesundheitsministerium untersuche den Fall, doch über Ergebnisse wurde nichts bekannt.</p>
<p>Wang telefonierte seine Informanten ab und erfuhr, dass sie Besuch von Beamten bekommen hatten, die sich nicht ausweisen wollten und vor Konsequenzen warnten, sollten die Leute noch einmal mit der Presse sprechen. Eine seiner wichtigsten Quellen in einem örtlichen Zentrum für Seuchenbekämpfung bekam anonyme Anrufe mit der Drohung, ihr &#8220;die Beine abzuschneiden&#8221;, falls sie nicht den Mund halte.<br />
Der Kampf &#8220;Macht gegen Wahrheit&#8221; geht weiter</p>
<p>Zwei Monate später wurde der Chefredakteur der &#8220;China Economic Times&#8221; auf einen einflusslosen Posten in einem Thinktank des Staatsrates abgeschoben und durch einen linientreuen Mann ersetzt. Wang Keqin erhielt ein Veröffentlichungsverbot und darf bis auf Weiteres nur noch Texte redigieren.</p>
<p>&#8220;Was wir jetzt erleben, ist, dass die Macht stärker ist als die Wahrheit&#8221;, sagt er kühl. &#8220;Die Regierung befiehlt den Medien, ihre Augen vor dem Problem zu verschließen, weil das ihrem Ansehen schadet.&#8221; Er sitzt in seinem Büro und trommelt mit den Fingern auf den Ausdruck eines neuen Artikels über den Impf-Skandal, den er nicht veröffentlichen darf. Er hat inzwischen Beweise, dass es auch in anderen Provinzen Probleme mit den Impfstoffen gibt. Wangs Name hat sich herumgesprochen, immer wieder klingelt das Telefon. &#8220;Vorerst bleibt mir nichts anderes übrig, als die ganze Geschichte weiter zu dokumentieren und auf den Moment zu warten, an dem die Öffentlichkeit die ganze Wahrheit erfahren kann.&#8221; Bis dahin hält er sich mit schwarzem Humor bei Laune. &#8220;Es könnte schlimmer sein: In Russland werden jedes Jahr immer wieder Reporter ermordet &#8211; so etwas passiert in China nicht. Wir werden nur geschlagen. Davon stirbt man nicht so schnell.&#8221;</p>
<p>Erschienen in: brand eins 12/2010</p>
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		<title>Schenken auf Chinesisch</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Dec 2010 00:20:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Korruption]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3><em>Was tun mit ungewollten Geschenken? In China gibt es dafür eine eigene Industrie – und das Geschäft mit Gebrauchtpräsenten floriert.</em></h3>
Von China lernen heißt Pragmatismus lernen: Während hierzulande zur Weihnachtszeit viele Menschen mit der Frage ringen, was sie mit all den ungewollten Geschenken anfangen sollen, lösen die Chinesen das Problem mit einer eigenen Industrie. Hässliche, nutzlose oder doppelte Präsente gibt es in China nicht, nur billige und teure...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><em>Was tun mit ungewollten Geschenken? In China gibt es dafür eine eigene Industrie – und das Geschäft mit Gebrauchtpräsenten floriert.</em></h3>
<p>Von China lernen heißt Pragmatismus lernen: Während hierzulande zur Weihnachtszeit viele Menschen mit der Frage ringen, was sie mit all den ungewollten Geschenken anfangen sollen, lösen die Chinesen das Problem mit einer eigenen Industrie. Hässliche, nutzlose oder doppelte Präsente gibt es in China nicht, nur billige und teure.</p>
<p>„Huishoudian“ – wörtlich: „Rückkaufladen“ – steht über tausenden chinesischen Geschäften, die Gaben zu Geld machen. Dabei handelt es sich nicht um gewöhnliche Secondhand-Händler, sondern um spezialisierte Betriebe, die nur vertreiben, was in der Volksrepublik gerne mitgebracht wird. „Die gängigsten Geschenke sind teure Zigaretten, Schnäpse oder Tees“, sagt Herr Li, Inhaber eines Gebrauchtgeschenk-Geschäfts im Zentrum von Peking. In den Regalen seines engen Verkaufsraums liegen auch Handys, Kameras und Laptops, daneben Packungen mit Raupenpilzen, einem traditionellen Potenzmittel. Beliebt sind auch Warengutscheine oder Rabattkarten großer Kaufhäuser und berühmter Modemarken, und in einem Schließschrank bewahrt Li Uhren, Schmuck und mehrere kleine Goldbarren auf. „Alles ist schon einmal mit freundlichen Worten überreicht worden“, erklärt der Händler, „und alle Beschenkten sind hinterher zu mir gelaufen, um dafür Bares zu erhalten.“</p>
<p>Doch nur die wenigsten Gaben dürften von Herzen gekommen sein. Hinter den meisten steckt nüchternes Kalkül. Denn um Chinas Wirtschafts- und Verwaltungssystem am Laufen zu halten, bedarf es eines stetigen Flusses großer und kleiner Geschenke. Da Umschläge mit Geldscheinen in vielen Situationen als zu plumpe und offensichtliche Bestechung gelten, werden die Gefälligkeiten diskret in Form von Zigarettenstangen oder Schnapsflaschen überreicht – in dem Bewusstsein, dass der Empfänger sie meist umgehend einhandeln wird.</p>
<p>Entsprechend finden sich die meisten „Huishoudian“ in der Nähe von Regierungsgebäuden oder in Wohnanlagen für Beamte. Vertraulichkeit gehört zum Konzept, weswegen die Öffnungszeiten lang sind, damit die Kunden im Schutz der Dunkelheit kommen können. Daneben blüht das Geschäft auch im Internet. Auf der chinesischen Google-Seite ergibt eine Suche nach dem Begriff Geschenkrückkauf über zwei Millionen Treffer, darunter gesponserte Links von landesweit agierenden Präsent-Recyclern, die auch Werbebanner auf großen Internetportalen schalten.</p>
<p>Dass Rückkauf und Korruption eng verknüpft sind, ist dabei kein Geheimnis. „Das Phänomen (des Geschenkrückkaufs) zeigt, dass der Kampf gegen Korruption eine langwierige, schwierige und komplizierte Aufgabe ist“, schrieb kürzlich eine Parteizeitung. Schon 2004 kamen Journalisten einem Beamten auf die Schliche, der Geschenke für über eine Million Yuan (112.000 Euro) eingetauscht hatte. Im selben Jahr starteten 31 Abgeordnete eine Initiative, um die Rückkaufläden zu verbieten. Das Wirtschaftsministerium kündigte daraufhin eine Untersuchung an, um herauszufinden, ob „die weit verbreitete Praxis des Geschenkrückkaufs den chinesischen Bedingungen angemessen ist“. Dass von dem Vorschlag seitdem nichts mehr zu hören war, dürfte als Signal gelten, dass die Industrie den Segen der Zentralregierung hat.</p>
<p>„Unsere Hochsaison ist vor und nach dem Frühlingsfest“, sagt Herr Li. Die traditionelle Neujahrsfeier hat in China einen ähnlichen Stellenwert wie Weihnachten in der westlichen Welt. „Der Umsatz schnellt auch immer dann in die Höhe, wenn in Peking wichtige politische Veranstaltungen wie der Volkskongress oder der Parteitag stattfinden.“ Dann schieben sich die Beamten untereinander Aufmerksamkeiten zu, um ihre Karrieren und Wunschprojekte abzusichern.</p>
<p>Dabei sind die Geschäftsbedingungen allgemein bekannt: Für Zigaretten bezahlen die Rückkäufer rund zwei Drittel des Ladenpreises, für Alkohol die Hälfte. „Wer 1000 Yuan verschenken will, muss also etwas aussuchen, das entsprechend teurer ist“, erklärt Herr Chen, ein anderer Rückkäufer. „In guten Monaten verdiene ich 30.000 bis 50.000 Yuan.“ Das entspricht 3400 bis 5600 Euro. Besonders gut laufen laut Chen Zigaretten der Marke Panda, dem legendären Lieblingshersteller von Deng Xiaoping, sowie Hochprozentiges aus der Traditionsbrennerei Maotai. Eine Flasche mit dreißigjährigem Schnaps, der in Kaufhäusern neu für die Glückszahl von 8888 Yuan verkauft wird, ist bei Chen mit prosaischen 7500 Yuan ausgeschrieben. „Wir sind Teil eines Kreislaufs“, sagt er. „Ein Teil der Geschenke wandert von uns zurück zu den Großhändlern und kommt von dort wieder auf den regulären Markt.“</p>
<p>Das größte Geschäftsrisiko für die Branche bestehe neben plötzlichen Preiseinbrüchen auf dem Primärmarkt vor allem darin, Fälschungen untergeschoben bekommt. „Es sind viele nachgemachte Zigarettenpackungen und Schnapsflaschen im Umlauf“, sagt Händler Li. Viele Kopien sind so gut gemacht, dass nicht einmal er sie auf Anhieb erkennt. Doch wenn er sie bemerkt, sagt er seinen Kunden rundheraus, dass der Schenker seine Gabe offenbar nicht teuer in einem vertrauenswürdigen Laden gekauft hat, sondern billig auf dem Graumarkt.</p>
<p>Manchmal ist ein Secondhand-Geschenk allerdings auch mehr wert als das Original: Kürzlich berichteten chinesische Medien von einer Frau, die in einem Rückkaufladen eine Flasche Schnaps für 200 Yuan (22 Euro) kaufte und zuhause im Karton einen Umschlag mit 5000 Yuan (560 Euro) fand. In China schaut man einem geschenkten Gaul eben am besten ganz genau ins Maul.</p>
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		<title>Chinas Filz</title>
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		<pubDate>Sun, 26 Sep 2010 14:18:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Immer mehr Chinesen werden reich. Bekennen will sich jedoch kaum jemand zu seinem Vermögen. Denn häufig ist der Wohlstand auf Korruption gebaut.</h3>
Bill Gates und Warren Buffett sind es nicht gewohnt, dass man sie meidet. Doch wenn der Software-Pate und der Investment-Guru diese Woche in Peking Superreiche für ihre Idee zu gewinnen versuchen, die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden, müssen sie keinen Ballsaal mieten. Nur wenige der Eingeladenen haben ihr Kommen angemeldet. Nicht dass es China an Reichen mangeln würde. Laut dem US-Magazin «Forbes» gibt es 64 chinesische Dollar-Milliardäre sowie mehrere hunderttausend Millionäre. Doch chinesische Wohlhabende bekennen sich nur ungern zu ihrem Geld. Denn Wirtschaft und Politik sind in China enger verbunden, als die Öffentlichkeit wissen soll...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Immer mehr Chinesen werden reich. Bekennen will sich jedoch kaum jemand zu seinem Vermögen. Denn häufig ist der Wohlstand auf Korruption gebaut.</h3>
<p>Bill Gates und Warren Buffett sind es nicht gewohnt, dass man sie meidet. Doch wenn der Software-Pate und der Investment-Guru diese Woche in Peking Superreiche für ihre Idee zu gewinnen versuchen, die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden, müssen sie keinen Ballsaal mieten. Nur wenige der Eingeladenen haben ihr Kommen angemeldet. Nicht dass es China an Reichen mangeln würde. Laut dem US-Magazin «Forbes» gibt es 64 chinesische Dollar-Milliardäre sowie mehrere hunderttausend Millionäre. Doch chinesische Wohlhabende bekennen sich nur ungern zu ihrem Geld. Denn Wirtschaft und Politik sind in China enger verbunden, als die Öffentlichkeit wissen soll.</p>
<p>Viele der erfolgreichsten chinesischen Kapitalisten stammen aus Familien ranghoher Kader der Kommunistischen Partei. Dass dies kein Zufall sein kann, ist in China ein offenes Geheimnis. Vergangenes Jahr veröffentlichte die hochoffizielle «Volkszeitung» eine Online-Erhebung, in der 91 Prozent der Befragten glaubten, dass reiche Familien einen politischen Hintergrund haben. Das Ergebnis war für das Image der Partei so verheerend, dass die Zeitung ihre Geschichte dementieren musste. Im Internet wurde darüber dennoch heiss diskutiert. Ein Eintrag lautet: «Korrupte Beamte und ihre reichen Kinder destabilisieren die Gesellschaft.» In einem anderen steht, es sei «besser, einen guten Vater zu haben, als gut zu lernen». Zwar müssen Kader in China neuerdings Einkünfte offenlegen. Ob die Angaben stimmen, wird aber allgemein bezweifelt.</p>
<p>Wann immer ein prominenter Politiker wegen Korruption angeklagt wurde, waren auch Familienmitglieder darein verwickelt. Als 2006 der Schanghaier Parteichef Chen Liangyu über einen Immobilienskandal stürzte, wurden mit ihm auch seine Söhne Chen Weili und Chen Liangjun verhaftet. Auch der frühere Pekinger Bürgermeister Chen Xitong, der wegen ähnlicher Vorwürfe ins Gefängnis musste, wurde mit seinem Sohn Chen Xiaotong verurteilt. Li Jinhua, von 1998 bis 2008 Chinas ranghöchster Korruptionsbekämpfer, erklärte öffentlich, dass «viele Korruptionsprobleme durch Söhne oder Töchter abgewickelt werden».</p>
<p>Familiäre Synergieeffekte sind in China ein beliebtes Gesprächsthema. Besonders häufig taucht dabei der Name von Staats- und Parteichef Hu Jintao auf, dessen Sohn Hu Haifeng 2009 in einen Bestechungsskandal verwickelt war. Das von ihm gemanagte Unternehmen Nuctech, Chinas grösster Hersteller von Scannern für Flughäfen, wurde in Namibia wegen illegaler Geschäftspraktiken angeklagt. Eine offizielle chinesische Stellungnahme zu dem Fall gab es nie, und auch Nuctech schweigt. Dem Vernehmen nach soll Hu junior inzwischen aber auf einen anderen einflussreichen Posten gewechselt sein: Der 39-Jährige ist nun stellvertretender Parteichef der renommierten Tsinghua-Universität. Auch seine um ein Jahr jüngere Schwester Hu Haiqing bewegt sich in den Kreisen der chinesischen Wirtschaftselite. Sie studierte in den USA und Schanghai Wirtschaft und ist mit dem Internetunternehmer Mao Daolin verheiratet, dem ehemaligen Geschäftsführer von Chinas grösstem Webportal Sina. Nicht weniger prominent sind die Geschäfte der Familie von Premierminister Wen Jiabao. Der 68-jährige Regierungschef selbst pflegt ein bescheidenes Image und lässt gerne darüber berichten, dass er seit über zehn Jahren dasselbe Paar Turnschuhe trage. Dabei könnte sich seine Familie ein neues Outfit leisten. Seine Frau Zhang Peili ist stellvertretende Vorsitzende des chinesischen Diamantenverbandes und damit an der Schaltstelle eines der grössten Edelsteinmärkte der Welt. Wens Sohn Wen Yunsong, der auch auf den englischen Namen Winston hört und seinen MBA an der renommierten US-Business-School Kellogg machte, arbeitet für die chinesische Beteiligungsfirma New Horizon Capital. Das Unternehmen verwaltet von grossen institutionellen Anlegern wie der Deutschen Bank oder der UBS über eine Milliarde Dollar.<br />
Die Familie des Regierungschefs ist damit in guter Tradition. Die Kinder von Wens Vorgänger Zhu Rongji, einem der Architekten der Wirtschaftsreformen, sind beide im Finanzgeschäft: Sein Sohn Zhu Yunlai, genannt Levin, der an der University of Wisconsin-Madison in Meteorologie promovierte, arbeitete zuerst für Credit Suisse First Boston in New York, bevor er in China bei der China International Capital Corp anheuerte. Seine Schwester Zhu Yanlai ist stellvertretende Geschäftsführerin der Bank of China in Hongkong. Die Familie von Zhus Amtsvorgänger Li Peng kontrolliert derweil einen grossen Teil des chinesischen Elektrizitätsmarktes, der unter ihrem Vater restrukturiert wurde. Lis Tochter Li Xiaolin ist Vorstandschefin von China Power International Development Limited, sein Sohn Li Xiaopeng ist Vizechef des staatlichen Stromnetzbetreibers State Grid.</p>
<p>Dass Chinas «Prinzlinge», wie die Kinder einflussreicher Parteifunktionäre genannt werden, im Windschatten ihrer Väter erfolgreich sind, ist nicht neu. «Früher strebten die Prinzen selbst in die Politik, aber heute wollen sie meist lieber Geld verdienen», sagt Bo Zhiyue, Politologe an der National University of Singapore, der seit Jahren den Familienhintergrund von Chinas Mächtigen auszuleuchten versucht. Zwar sei eine enge Verstrickung von politischem und wirtschaftlichem Einfluss auch in anderen Ländern üblich, doch je intransparenter das System, umso grösser die Wahrscheinlichkeit von Machtmissbrauch. «Jeder möchte sich mit Chinas Mächtigen gut stellen», meint Bo. «Oft müssen die Väter nicht einmal selbst etwas unternehmen, damit ihre Kinder hohe Posten bekommen – ihr Umfeld macht das ganz von alleine.»</p>
<p>Auch viele westliche Firmen bemühen sich um Kontakte zu den Politikerkindern. «Prinzlinge können Türen öffnen, die kein anderer aufbekommt», erzählt ein deutscher Unternehmer. «Sie an Bord zu haben, ist wie eine Versicherung gegen Schikanen der Behörden.» In einem Markt, in dem ausländische Unternehmen über Benachteiligung und bürokratische Hürden klagen, sind gute Verbindungen in die Parteispitze viel wert. «Manchmal hilft es schon, die Kontakte vorzutäuschen», meint ein europäischer Unternehmensberater. «Eine Foto mit dem Präsidenten kann oft Wunder bewirken – selbst eine gefälschte.»</p>
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		<title>Klappern als Handwerk</title>
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		<pubDate>Tue, 07 Sep 2010 12:48:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Blogger]]></category>
		<category><![CDATA[Korruption]]></category>
		<category><![CDATA[Unternehmen]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Lebensläufe chinesischer Jobbewerber sind oft voller Erfindungen. Lange galt Schummeln als Volkssport – bis 200 Piloten mit Falschangaben erwischt wurden.</h3>
Ist ein Zeitungsbote ein Logistikdienstleister? Sind Kellner Customer Manager? Und dürfen sich Nachhilfelehrer als Dozenten oder akademische Berater bezeichnen? In Lebensläufen wird häufig Sprachkosmetik betrieben– und warum sollten Jobsuchende auch bescheidener auftreten als ihre Arbeitgeber, die nach außen oft ebenso gerne übertreiben? Nirgends dürfte die Lebenslaufkosmetik allerdings wildere Blüten treiben als in China...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Lebensläufe chinesischer Jobbewerber sind oft voller Erfindungen. Lange galt Schummeln als Volkssport – bis 200 Piloten mit Falschangaben erwischt wurden.</h3>
<p>Ist ein Zeitungsbote ein Logistikdienstleister? Sind Kellner Customer Manager? Und dürfen sich Nachhilfelehrer als Dozenten oder akademische Berater bezeichnen? In Lebensläufen wird häufig Sprachkosmetik betrieben– und warum sollten Jobsuchende auch bescheidener auftreten als ihre Arbeitgeber, die nach außen oft ebenso gerne übertreiben?</p>
<p>Nirgends dürfte die Lebenslaufkosmetik allerdings wildere Blüten treiben als in China, wo in den vergangenen Jahren Millionen anspruchsvoller Jobs entstanden sind, obwohl nur wenige Chinesen Erfahrung darin haben, Fabriken zu managen, Forschungsprojekte zu koordinieren oder Werbekampagnen zu entwerfen. Deshalb ist es durchaus üblich, bei Bewerbungen nicht nur zu beschönigen, sondern sich Teile seine Biographie frei zu erfinden. Wer damit durchkommt, kann hinterher an seinen Aufgaben wachsen, und wer auffliegt guten Gewissens sagen, alle anderen machten es doch genauso.</p>
<p>Doch was bisher als Volkssport galt, wird vielen Chinesen unheimlich, nachdem die Flugaufsichtsbehörde CAAC eingestehen musste, dass sich auch in ihren Reihen viele Schummler befinden. Über 200 Piloten sollen in den vergangenen Jahren auf der Basis von falschen Angaben zur Flugerfahrung eingestellt worden sein, berichteten chinesische Medien. Mehr als die Hälfte der Flugkapitäne arbeitete für die Fluglinie Shenzhen Airlines, die in der Kritik steht, nachdem Ende August eine ihrer Maschinen im nordchinesischen Yichun über die Landebahn hinausschoss. 42 Menschen starben, 54 wurden verletzt. Den Jobbewerbern soll der Betrug leicht gefallen sein, weil Chinas Fluglinien einen Großteil ihrer Piloten von der Armee rekrutieren, in deren Reihen es viel Korruption gibt. Künftig sollen Referenzen genauestens geprüft werden, versprach ein CAAC-Sprecher.</p>
<p>Auch unter prominenten Chinesen sind Lebenslauflügen weit verbreitet. Im Juni enthüllte der Blogger Fang Zhouzi, dass Chinas bestbezahlter Manager seine akademischen Titel frei erfunden hatte. Tang Jun, ehemals China-Chef von Microsoft und heute Präsident des chinesischen IT-Konzerns Huadu, hatte stets behauptet, in Japan einen Masterabschluss gemacht und danach am renommierten California Institute of Technologie promoviert zu haben. In Wahrheit hatte er sein japanisches Studium jedoch abgebrochen und sich später bei einer unseriösen kalifornischen Briefkastenuniversität einen Doktortitel gekauft. Tang, der durch seine Bestseller-Autobiografie mit dem Titel „Jeder kann meinen Erfolg imitieren“ zum nationalen Vorbild avanciert war, gab die Mogelei indirekt zu. „Wenn man alle betrügen kann, ist das auch ein Zeichen von Fähigkeit, ein Symbol von Erfolg“, sagte der 48-Jährige in einem Interview.</p>
<p>Auch einer der berühmtesten chinesischen Religionsführer kam der als „Wissenschaftspolizist“ bekannte Blogger Fang auf die Schliche. Dem taoistischen Mönch Li Yi, der behauptete, mit Qigong-Techniken Krebs heilen zu können, wies er nach, dass er keineswegs schon im Alter von drei Jahren mit dem Studium der chinesischen Medizinklassiker begonnen habe, sondern die sich das Taoistengewand erst im Alter von 31 Jahren übergestreift hatte. Der selbsternannte Wunderheiler ist seitdem aus der Öffentlichkeit verschwunden. Allerdings ist es nicht ungefährlich, Chinas mächtigen nachzuspionieren. Vergangene Woche wurde Fang vor seiner Pekinger Wohnung von Schlägern aufgelauert, die ihn mit einem Hammer angriffen und mit Äther betäuben wollten. „Das ist offenbar ein Racheakt von jemandem, den ich überführt habe“, schrieb Fang auf seinem Blog, nachdem ihm die Flucht gelungen war. Einer seiner Mitstreiter, der Journalist Fang Xuanchang, hatte weniger Glück: Er wurde mit Eisenstangen brutal zusammengeschlagen.</p>
<p>Gefälschte Lebensläufe sind auch für deutsche Unternehmen in China ein Problem. „Bei vielen Bewerbern wissen wir, dass ihre Referenzen von vorne bis hinten erfunden sind“, sagt die Pekinger Personalleiterin eines großen deutschen Konzerns. „Aber am Ende bleibt uns häufig gar nichts anderes übrig, als einen solchen Schaumschläger einzustellen, weil alle anderen genauso sind.“ Zumindest Angaben zum Universitätsabschluss lassen sich inzwischen nachrecherchieren, weil alle chinesische Hochschulen ihre Absolventen in öffentlichen Datenbanken erfassen. Weil aber auch dort geschummelt werden kann und sich tausende Chinesen mit gefälschten Zeugnissen an ausländischen Universitäten bewarben, hat die deutsche Botschaft in Peking vor einigen Jahren eine Prüfstelle eingerichtet. Rund zwanzig Mitarbeiter sind dort damit beschäftigt, jeden Chinesen, der sich in Deutschland um einen Studienplatz bewerben will, zu überprüfen. Finanziert wird das Büro allerdings nicht von deutschen Steuergeldern, sondern über Gebühren der chinesischen Bewerber.</p>
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		<title>Zwölf Fäuste für den Frieden</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Jul 2010 00:28:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Korruption]]></category>
		<category><![CDATA[Polizei]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsstaat]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Sechs chinesische Polizisten haben versehentlich die Frau ihres Chefs krankenhausreif geschlagen und so eine Diskussion über staatliche Willkür entfacht.</h3>
Sechzehn Minuten sind eine lange Zeit. Wenn man misshandelt wird, sind 16 Minuten eine Ewigkeit. Bei Profiboxkämpfen werden in sechzehn Minuten volle vier Runden absolviert, inklusive Pausen. Doch für Chen Yulian gab es keine Unterbrechung. Sechzehn Minuten lang wurde die 58-Jährige am Eingangstor der Provinzzentrale der Kommunistischen Partei im zentralchinesischen Wuhan  von sechs Polizisten geschlagen, getreten und beschimpft, bis sie in Ohnmacht fiel. Zweifel an ihrem Verhalten befiel die Aggressoren erst, als man ihnen später mitteilte, wen sie da malträtiert hatten: nicht etwa irgendeine hilflose ältere Dame, sondern die Ehefrau eines hohen Vorgesetzten...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Sechs chinesische Polizisten haben versehentlich die Frau ihres Chefs krankenhausreif geschlagen und so eine Diskussion über staatliche Willkür entfacht.</h3>
<p>Sechzehn Minuten sind eine lange Zeit. Wenn man misshandelt wird, sind 16 Minuten eine Ewigkeit. Bei Profiboxkämpfen werden in sechzehn Minuten volle vier Runden absolviert, inklusive Pausen. Doch für Chen Yulian gab es keine Unterbrechung. Sechzehn Minuten lang wurde die 58-Jährige am Eingangstor der Provinzzentrale der Kommunistischen Partei im zentralchinesischen Wuhan  von sechs Polizisten geschlagen, getreten und beschimpft, bis sie in Ohnmacht fiel. Zweifel an ihrem Verhalten befiel die Aggressoren erst, als man ihnen später mitteilte, wen sie da malträtiert hatten: nicht etwa irgendeine hilflose ältere Dame, sondern die Ehefrau eines hohen Vorgesetzten.</p>
<p>Der Fall, der sich bereits am 23. Juni abspielte, aber erst jetzt an die Öffentlichkeit gelangte, hat in der Volksrepublik eine heiße Diskussion über willkürliche Polizeigewalt entfacht. Jährlich werden Millionen Chinesen, die ihre Rechte durchzusetzen versuchen oder sich gegen Korruption und Amtsmissbrauch wehren, von Polizisten und angeheuerten Schlägertrupps eingeschüchtert, beschimpft, geschlagen oder verhaftet. Auch Chen wurde von den Zivilbeamten am Tor der Polizeizentrale für eine Beschwerdestellerin gehalten und wurde so Opfer von Handlungsanweisungen, die in der direkten Verantwortung ihres Mannes liegen. Denn Huang Shiming ist Direktor von Wuhans „Büro zur Aufrechterhaltung der sozialen Stabilität und Sicherheit“ und damit dafür zuständig, Proteste und Demonstrationen zu verhindern. Bisher waren seine Vorgesetzten mit Huang so zufrieden, dass er vergangenes Jahr sogar von Staats- und Parteichef Hu Jintao geehrt wurde. Seine Frau liegt seit nunmehr einem Monat im Krankenhaus.</p>
<p>Dass Chens Fall überhaupt bekannt wurde, ist ein erneuter Beweis für die Macht des Internets in China, aber auch das Verdienst mutiger chinesischer Journalisten. Aus Wut über den Vorfall schrieb Chens Schwester Chen Cuilian einen Eintrag für ein Blogforum, wo ein Redakteur der für ihre Recherchen zu sensiblen Themen berühmten „Südlichen Metropolenzeitung“ wurde darauf aufmerksam und recherchierte nach. Demnach soll Chens Martyrium in voller länge auf Überwachungskameras festgehalten sein, auf dem zu sehen sei, dass die sechs Zivilpolizisten aus dem Wärterhäuschen auf sie zustürmen und ohne eine Frage zu schlagen beginnen. Als Chen nach den ersten Hieben erklären kann, sie sei Angehörige eines hohen Parteidirektors, soll einer der Polizisten erwidert haben: „Ich würde dich auch verprügeln, wenn du die Frau des Gouverneurs wärst. Also was?“ Der Zeitung zufolge sollen die Beamten noch minutenlang auf die ohnmächtige Frau eingetreten haben sollen, bevor sie ins Wartezimmer für Beschwerdesteller gebracht wurde. Dort kam sie wieder zu sich und konnte ihren Mann anrufen. Im Krankenhaus wurden eine Gehirnerschütterung, zahlreiche Blutergüsse und Nervenverletzungen festgestellt.</p>
<p>Zwar versuchte sich ein Vorgesetzter der Übeltäter, die inzwischen vom Dienst suspendiert wurden, bei Chen zu entschuldigen – doch damit machte er alles noch schlimmer. „Der Vorfall war ein vollkommenes Missverständnis. Unsere Polizisten wussten ja nicht, dass sie die Ehefrau eines hochrangigen Beamten schlugen“, erklärte er. Seitdem stehen in zahlreichen Webforen Sätze wie: „Ihr habt also die falsche Person zusammengeschlagen – wer wäre denn die richtige gewesen?“ Der Aufruhr ist so groß, dass selbst die offiziellen Medien über den Fall berichten.  So bezeichnete etwa die Zeitung „Xiandai Kuaibao“, die von der offiziellen Nachrichtenagentur Xinhua herausgegeben wird, Gewalt gegen Beschwerdesteller als ein großes Problem. Im Internet werden die Kommentare jedoch noch direkter: „Premier Wen Jiabao sagt immer, die Regierung soll dafür sorgen, dass das Volks in Würde leben kann, aber in Wirklichkeit ist unser leben sehr unsicher“, schreibt ein Benutzer des Onlinedienstes QQ. Ein anderer gibt der Parteispitze in Peking eine direkte Mitschuld an der Anarchie im Staatsapparat: „Der Fall zeigt, das die Polizisten ihre Sache verstehen und gut ausgebildet sind. Starke Generäle dulden eben keine schwachen Soldaten.“</p>
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		<title>Der Absturz des Aufsteigers</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Apr 2010 21:53:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Korruption]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Chinas ehemals reichster Mann steht wegen Korruption vor Gericht.</h3>
Vom Tellerwäscher zum Millionär und zurück: Huang Guangyu galt als prototypischer chinesischer Aufsteiger - bis er auf ebenso charakteristische Weise abstürzte. Der Gründer der Elektromarktkette Gome, der ehemals als Chinas reichster Mann galt, steht seit gestern in Peking vor Gericht und muss damit rechnen, wegen Insiderhandels, Bestechung und anderer illegaler Geschäftspraktiken den Rest seines Lebens in Haft zu verbringen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Chinas ehemals reichster Mann steht wegen Korruption vor Gericht.</h3>
<p>Vom Tellerwäscher zum Millionär und zurück: Huang Guangyu galt als prototypischer chinesischer Aufsteiger &#8211; bis er auf ebenso charakteristische Weise abstürzte. Der Gründer der Elektromarktkette Gome, der ehemals als Chinas reichster Mann galt, steht seit gestern in Peking vor Gericht und muss damit rechnen, wegen Insiderhandels, Bestechung und anderer illegaler Geschäftspraktiken den Rest seines Lebens in Haft zu verbringen.</p>
<p>Obwohl über Huangs Machenschaften nur wenig bekannt ist, gilt das Verfahren als neuerlicher Beweis dafür, dass mit Chinas Wirtschaft auch die Korruption boomt und bis in die Spitzen von Unternehmen und Politik reicht. Denn in Huangs Fall sind nicht nur zahlreiche Verwandte verwickelt, darunter sein Bruder und seine Frau, eine ehemalige Bankerin. Auch mehrere hohe Beamte stürzten über ihre Verbindung zu dem 40-Jährigen, unter anderen der Bürgermeister der südchinesischen Wirtschaftsmetropole Shenzhen, der Vize-Staatssicherheitsminister und der stellvertretende Polizeichef von Schanghai. Ohne erkaufte politische Unterstützung hätte es dem mittellosen Bauernsohn nie gelingen können, in zwei Jahrzehnten ein Vermögen anzuhäufen, das die Reichenliste Hurun-Report 2008 auf 4,3 Milliarden Euro schätzte und damit als das größte in China.</p>
<p>Huangs Unternehmerkarriere begann, als er mit 16 die Schule schmiss, um mit Uhren und Kassettenrekordern zu handeln. Seine Geschäftsphilosophie war einfach: Mit Kampfpreisen unterbot er die Konkurrenz, zog bald von seinem Straßenstand in einen gemieteten Laden und baute dann eine Kette auf. Getragen von der Konsumkraft der neuen Mittelschicht, die sich in ihren neuen Wohnungen mit Haushaltsgeräten und Unterhaltungselektronik einrichten wollte, wuchs Huangs Imperium auf 1 300 Läden in 250 Städten und 300 000 Mitarbeiter. 2004 brachte Huang Gome in Hongkong an die Börse &#8211; und verlegte den Firmensitz ins Steuerparadies Bermuda.</p>
<p>Huangs Strategie unterschied sich kaum von der Tausender anderer erfolgreicher chinesischer Unternehmer &#8211; immerhin gibt es in China laut Hurun-Report inzwischen 875 000 Euro-Millionäre, 55 000 Superreiche mit über 10 Millionen Euro und mindestens 50 Milliardäre. Doch nicht immer ist das Netzwerk politischer Schutzpatrone stark genug, um dem Druck von Antikorruptionskampagnen, Konkurrenzkämpfen und Machtintrigen standzuhalten.</p>
<p>2006 geriet Huang erstmals wegen Steuerhinterziehung und Kreditbetrugs ins Visier der Ermittler. Sechs Monate dauerte es, bis er eine Einstellung des Verfahrens erwirkte. Anderthalb Jahre später, kurz nachdem Hurun ihn zum reichsten Chinesen gekürt hatte, wurde die Polizei abermals aktiv und nahm ihn im November 2008 fest. Dem Unternehmen hat der Abgang seines Chefs nicht geschadet: Gome ist unter neuem Management weiter einer der erfolgreichsten chinesischen Einzelhandelskonzerne &#8211; mit welchen Methoden auch immer.</p>
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		<title>Harte Strafen</title>
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		<pubDate>Mon, 29 Mar 2010 21:47:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Justiz]]></category>
		<category><![CDATA[Korruption]]></category>
		<category><![CDATA[Ressourcen]]></category>
		<category><![CDATA[Unternehmen]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Rio-Tinto-Manager müssen wegen Korruption für bis zu 14 Jahre in Haft. Doch das Urteil lässt viele Fragen offen.</h3>
Es ist das Ende eines internationalen Wirtschaftskrimis: China hat vier Manager des australischen Bergbaukonzerns Rio Tinto wegen Korruption zu langen Haftstrafen verurteilt. Sie sollen Schmiergelder in Höhe von 13 Millionen Dollar angenommen und sich durch Bestechung vertrauliche Regierungsdokumente beschafft haben, in denen Chinas Verhandlungsstrategie im Preispoker um Eisenerz beschrieben wurde...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Rio-Tinto-Manager müssen wegen Korruption für bis zu 14 Jahre in Haft. Doch das Urteil lässt viele Fragen offen.</h3>
<p>Es ist das Ende eines internationalen Wirtschaftskrimis: China hat vier Manager des australischen Bergbaukonzerns Rio Tinto wegen Korruption zu langen Haftstrafen verurteilt. Sie sollen Schmiergelder in Höhe von 13 Millionen Dollar angenommen und sich durch Bestechung vertrauliche Regierungsdokumente beschafft haben, in denen Chinas Verhandlungsstrategie im Preispoker um Eisenerz beschrieben wurde. Rio Tinto ist der weltweit größte Erzproduzent &#8211; und die Volksrepublik sein größter Kunde.</p>
<p>Der langjährige Chef von Rio Tintos Shanghaier Büro, der chinesisch-stämmige Australier Stern Hu, wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt, von denen er zehn Jahre absitzen muss. Seine chinesischen Mitarbeiter erhielten Strafen von sieben, acht und 14 Jahren. Die Angeklagten hatten sich vor Gericht schuldig bekannt, allerdings nicht in dem ihnen zur Last gelegten Umfang. Doch ob vor Gericht tatsächlich die ganze Wahrheit ans Licht kam, ist umstritten. Auch nach dem Verfahren, das als Lackmustest für das chinesische Rechtssystem galt und von ausländischen Unternehmen und Diplomaten mit Sorge verfolgt wurde, bleiben viele Fragen unbeantwortet.</p>
<p>Sowohl nach der Festnahme im vergangenen Sommer als auch während des Prozesses sollen die Behörden nach Überzeugung internationaler Beobachter gegen die chinesische Verfahrensordnung verstoßen haben. Australiens Außenminister Stephen Smith warf der Volksrepublik vor, der Ausschluss australischer Diplomaten von großen Teilen des Verfahrens sei rechtswidrig &#8211; eine Ansicht, die von Rechtsexperten geteilt wird.</p>
<p>Doch obwohl es noch &#8220;ernste unbeantwortete Fragen&#8221; gebe, seien auch &#8220;australische Regierungsvertreter zu dem Schluss gekommen, dass es Bestechung gegeben hat&#8221;, erklärte Smith. Er bezeichnete das Urteil als &#8220;auf jeden Fall für australische Verhältnisse sehr hart&#8221;. Nach chinesischem Recht hätten die Richter allerdings auch die Todesstrafe verhängen können &#8211; dies passiert häufiger bei Korruptionsdelikten. Die Festnahme der Manager galt lange als Pekinger Racheakt für den gescheiterten Einstieg des chinesischen Staatskonzerns Chinalco bei Rio Tinto. Der geplante Zusammenschluss war in Australien auf heftigen politischen Widerstand gestoßen, woraufhin sich Rio Tinto mit seinem britischen Wettbewerber BHP Billiton verbündete &#8211; eine Fusion, welche die Volksrepublik jahrelang zu verhindern versucht hatte, weil sie sich damit als weltweit größter Importeur von Eisenerz einem Quasi-Monopol gegenüber sieht.</p>
<p>Offensichtlich ist man aber inzwischen auch bei Rio Tinto von dem Fehlverhalten der eigenen Angestellten überzeugt und bemüht sich um Schadensbegrenzung. Hatte das Unternehmen sich während der Ermittlungen noch hinter seine Mitarbeiter gestellt und erklärt, eine interne Untersuchung habe keine Hinweise auf Fehlverhalten ergeben, wurden sie nach der Urteilsverkündung mit sofortiger Wirkung entlassen. &#8220;Ich bin sicher, dass das inakzeptable Verhalten dieser vier Angestellten Rio Tinto nicht daran hindern wird, seine wichtige Beziehung mit China weiter auszubauen&#8221;, erklärte Rio-Chef Tom Albanese. &#8220;Dies hat für mich persönlich hohe Priorität.&#8221; Albanese betonte jedoch, zu den Spionagevorwürfen nicht Stellung nehmen zu können, weil es Firmenvertreter bei der Gerichtsverhandlung nicht zugelassen waren.</p>
<p>Die deutschen Wirtschaftsverbände sehen den Rio-Tinto-Prozess indes nicht als Alarmsignal, warnen aber vor Unvorsichtigkeit. Einzelne Unternehmen würden zwar nicht kommentiert, sagte ein Sprecher des Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, dem unter anderem der Industrieverband BDI angehört. &#8220;Generell ist es in China aber so, dass die Justiz mit sehr harten Mitteln gegen Korruption vorgeht. Jeder tut also gut daran, sich an das gültige Recht zu halten.&#8221; Positiv sei, dass das Land sich immer stärker in Richtung eines stabilen Rechtssystems entwickle. Mehr Sorge bereitet dem Asien-Pazifik-Ausschuss der Technologie-Abfluss nach China. Dort würden immer noch zahlreiche Regelungen gelten, die ein Engagement von ausländischen Firmen nur erlaubten, wenn diese auch ihr Wissen teilten.</p>
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		<title>Mord im Namen des Volkes</title>
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		<pubDate>Tue, 26 Jan 2010 03:26:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
		<category><![CDATA[Korruption]]></category>
		<category><![CDATA[Partei]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>In einem chinesischen Dorf gilt ein 18-Jähriger als Held, weil er den korrupten Parteisekretär erstochen hat.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Petition-für-Zhang-Xuping.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-1761" title="Petition für Zhang Xuping (Copyright: Martin Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Petition-für-Zhang-Xuping-221x300.jpg" alt="" width="106" height="144" /></a>"Es war ein guter Stich", sagen die Leute und heben die Daumen. Die Messerspitze traf Parteisekretär Li Shiming direkt ins Herz, er brach auf der Stelle tot zusammen. Der Täter, der 18-jährige Zhang Xuping, war schnell gefasst. Mehrere Anwohner hatten ihn davonlaufen sehen und wiesen den Polizisten den Weg. Doch heute ärgern sich einige, dass sie damals nicht die Geistesgegenwart besaßen, die Beamten in die falsche Richtung zu schicken. Zwar war der Stich ins Herz von Parteisekretär Li eine Art Auftragsmord. Die Bezahlung: Handy-Guthabenkarten im Wert von 1 000 Yuan (100 Euro)...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>In einem chinesischen Dorf gilt ein 18-Jähriger als Held, weil er den korrupten Parteisekretär erstochen hat.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Zhang-Xupings-Eltern-mit-Bild1.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-1766" title="Zhang Xupings Eltern mit Bild (Copyright: Martin Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Zhang-Xupings-Eltern-mit-Bild1-300x199.jpg" alt="" width="300" height="199" /></a>&#8220;Es war ein guter Stich&#8221;, sagen die Leute und heben die Daumen. Die Messerspitze traf Parteisekretär Li Shiming direkt ins Herz, er brach auf der Stelle tot zusammen. Der Täter, der 18-jährige Zhang Xuping, war schnell gefasst. Mehrere Anwohner hatten ihn davonlaufen sehen und wiesen den Polizisten den Weg. Doch heute ärgern sich einige, dass sie damals nicht die Geistesgegenwart besaßen, die Beamten in die falsche Richtung zu schicken.</p>
<p>Zwar war der Stich ins Herz von Parteisekretär Li eine Art Auftragsmord. Die Bezahlung: Handy-Guthabenkarten im Wert von 1 000 Yuan (100 Euro). Das ist nicht wenig Geld für einen armen Tagelöhner und Kleinkriminellen wie Zhang Xuping, und doch stand der finanzielle Anreiz für den Teenager nicht im Vordergrund. Zhang hasste Li Shiming nicht weniger als sein Auftraggeber, ein alter Bekannter. Jahrelang hatten die Familien der beiden unter der Tyrannei des Parteisekretärs gelitten, so wie die meisten der tausend Einwohner von Xiashuixi, einem Dorf in der zentralchinesischen Provinz Shanxi.</p>
<p>Mehrfach hatte die Bevölkerung versucht, Lis Machenschaften anzuzeigen, doch die Beamten stellten sich taub &#8211; schließlich profitierten sie von den korrupten Geschäften des Parteisekretärs. Wer dagegen aufbegehrte, bekam es mit Lis Schlägertrupps zu tun &#8211; bis Zhang Xuping am 23. September 2008 die Bestrafung selbst in die Hand nahm. Deshalb gilt er heute als Held, in Xiashuixi und weit über die Grenzen der Stadt hinaus.</p>
<p>&#8220;Wenn die Regierung und die Partei nicht in ihren eigenen Reihen aufräumen, muss das Volk es selbst tun&#8221;, sagt Zhangs älterer Bruder. &#8220;Es sollte eine Warnung an alle korrupten Beamten sein.&#8221; Er zeigt einen Stapel von Papieren: 20 699 Bewohner von Xiashuixi und der nahen Kreisstadt Lishi haben mit ihren Namen und Fingerabdrücken eine Petition unterzeichnet, die Zhang Xupings Leben retten soll. &#8220;Die Menschen hier wissen, dass es ein gerechter Mord an einem bösen Beamten war&#8221;, sagt der Bruder.</p>
<p>Als Zhang Xuping im Oktober der Prozess gemacht werden sollte, demonstrierten vor dem Gericht mehr als tausend Menschen. Die nervösen Behörden ließen das Gebäude von bewaffneten Polizisten abriegeln und sagten das Verfahren ab. Doch Anfang Januar wurde der Prozess nachgeholt und Zhang Xuping &#8211; ebenso wie sein Auftraggeber &#8211; zum Tode verurteilt. Nur das Oberste Gericht in Peking kann ihn noch retten. Eine Revision des Urteils wäre für die Kommunistische Partei eine Chance, bei Tausenden Menschen ein wenig Vertrauen in ihr System zurückzugewinnen. Denn die Geschichte des Mordes von Xiashuixi ist die Geschichte eines staatlichen Totalversagens.</p>
<p>&#8220;Mein Sohn hat die Menschen in unserem Dorf vor einem schlimmen Mann befreit&#8221;, sagt die Mutter des Täters, Wang Houe. &#8220;Selbst wenn er hingerichtet wird, war sein Leben nicht umsonst.&#8221; Sie sitzt auf dem Bett unter dem geschwungenen Dach ihres Bauernhauses. An den gekalkten Wänden hängen Bilder von Ahnen und Glückszeichen aus rotem und goldenem Glitzerpapier. &#8220;Wir haben immer auf Glück gehofft, aber von denen dort wird es nicht kommen&#8221;, sagt sie und deutet auf die Chinakarte über dem Bett und auf die Hauptstadt Peking. Dann holt sie ein Bild von Zhang Xuping, dem jüngsten ihrer drei Kinder. Es ist in einem Internetcafé aufgenommen worden und zeigt einen Jungen mit frecher Frisur und ernsten Augen. Eigentlich habe sie sich für ihn eine gute Ausbildung gewünscht, sagt die 48-Jährige. Aber so wie es gekommen ist, sei sie trotzdem stolz auf ihn.</p>
<p>Auch von Parteisekretär Li Shiming hat Wang ein Foto. Darauf sieht man einen lächelnden Mann mit fleischigem Gesicht. Es sind die gut genährten und selbstbewussten Züge vieler chinesischer Beamter. Sie werden im Volk spöttisch &#8220;naoman changfei&#8221; genannt: &#8220;Der Kopf ist genauso gefüllt wie der Darm.&#8221;</p>
<p>Hinter Ausdrücken wie diesen versteckt sich vielerorts der Hass auf das System, der offen nicht ausgesprochen werden darf. Denn so sehr sich die Kommunistische Partei als Kraft der Armen und Unterdrückten darzustellen versucht, so sehr ist ihr vielerorts die Kontrolle über ihr Selbstbild entglitten. Korruption im Staatsapparat ist nicht die Ausnahme, sondern die Norm, insbesondere auf dem Land, wo 55 Prozent der 1,3 Milliarden Chinesen leben. Da keine Gewaltenteilung die Macht lokaler Kader begrenzt, plündern sie häufig die Ressourcen ihrer Region, ohne dass die Menschen sich dagegen wehren könnten.</p>
<p>In Xiashuixi begann der Konflikt Ende der 90er-Jahre, als Li Shiming in großem Maßstab Bauern enteignete. Rund 27 Hektar Land soll er befreundeten Bauunternehmern zugeschanzt haben. Entschädigungen wurden nicht gezahlt. Das rückständige Xiashuixi erhielt Geschäfte und mehrstöckige Gebäude und ist heute schon mit der 500 000-Einwohner-Kreisstadt Lishi zusammengewachsen. Es ist die Art Fortschritt, den die Regierung in ihren Entwicklungsstatistiken sehen wollte, der jedoch den Bauern die Lebensgrundlage entzog. Als diese sich zu beklagen begannen, schlug der Parteisekretär hart zurück. &#8220;Schwarze Bande&#8221; nannten die Bewohner die Schlägertrupps, mit denen Li die Bürger im Schach zu halten versuchte.</p>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Zhangs-Bruder-mit-Petition.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-1768" title="Zhangs Bruder mit Petitionen (Copyright Martin Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Zhangs-Bruder-mit-Petition-300x199.jpg" alt="" width="300" height="199" /></a>2002 beschlossen 24 Bewohner, in der Provinzhauptstadt Taiyuan eine Petition einzureichen, doch Li konnte sie stoppen. Wenige Tage später wurden neun von ihnen zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Eine von ihnen war Zhang Xupings Mutter Wang Houe. Jeden dritten Tag sei sie von den Wärtern malträtiert worden, erzählt sie. &#8220;So wollte Li uns zum Schweigen bringen&#8221;, sagt sie. Weil sie sich nicht einschüchtern ließ, sei sie in den Folgejahren noch mehrfach inhaftiert worden. &#8220;Einmal hat die Schwarze Bande sogar unser Haus verwüstet.&#8221; An dem Ort, wo die Familie einst ihre Obstbäume pflegte, steht heute ein Hotel. &#8220;Das ist alles Lis kleines Reich&#8221;, sagt Wang Houe.</p>
<p>Dutzende Bewohner können ähnliche Geschichten von vergeblichem Widerstand erzählen. Zwanzig von ihnen haben durch Lis Misshandlungen bleibende Gesundheitsschäden davongetragen, heißt es. Einer von ihnen ist der 42 Jahre alte Bauer Li Haiting. Er ist halbseitig gelähmt und kann nicht mehr sprechen. Beim Laufen stützt seine Frau seine linke Seite. Das rechte Bein zieht er mit einem Band nach, das an seinem Handgelenk befestigt ist. &#8220;In der Haft wurde er immer wieder geschlagen&#8221;, sagt seine Frau. &#8220;Eines Tages kam er aus dem Gefängnis und sah so aus.&#8221; Ärztliche Behandlung kann sich das Paar nicht leisten, und da die Pflege des Mannes eine Vollzeitbeschäftigung ist, leben die beiden von Almosen ihrer Verwandten. &#8220;Parteisekretär Li hatte ein schwarzes Herz, er hatte nichts anderes als den Tod verdient&#8221;, sagt Li Haitings Frau.</p>
<p>Dabei war der Tyrann einst einer von ihnen, ein Kind armer Bauer und ein enger Jugendfreund des heute behinderten Li Haiting. Auch Wang Houe kannte den Mann, den ihr Sohn einmal töten sollte, von klein auf. Weil Li zu den wenigen gehörte, die den Oberschulabschluss schafften, eröffnete sich ihm die Möglichkeit einer Karriere in der Kommunistischen Partei. &#8220;Das System hat ihn zu dem gemacht, was er war&#8221;, sagt die 68-jährige Bäuerin Liang Yingzheng. &#8220;Ich habe in meinem Leben viele Kader gesehen und ihre Geldgier und Willkür sind immer gleich.&#8221;</p>
<p>Um Wang Houes Widerstand zu brechen, ließ Li 2003 seinen Einfluss spielen und ihren damals 13-jährigen Sohn Zhang Xuping aus der Schule werfen. Der Junge wurde zum Kleinkriminellen. Als er bei einem Einbruch beim Schmiere Stehen erwischt wurde, bekam er eine ungewöhnlich harte Haftstrafe von einem Jahr. Seine Mutter sagt, er sei im Gefängnis geschlagen worden und habe drei Monate eine 18 Kilogramm schwere Eisenkette tragen müssen. Mit 14 Jahren versuchte Zhang sich umzubringen, indem er sich die Pulsadern aufschnitt.</p>
<p>Trotz dieser Vorgeschichte interessierte sich das Gericht nicht für die Motive des Mörders. Da Zhang geständig ist, sahen die Richter keinen Anlass, sich ausführlich mit den Hintergründen zu beschäftigen. Zwar hat die Regierung inzwischen einigen von Lis Opfern nachträglich Entschädigungen gezahlt. Doch eine vollständige Aufklärung gibt es bisher nicht. Auch in chinesischen Medien wurde nur wenig über den Fall berichtet &#8211; obwohl Zhang Xuping in vielen Internetforen zum Star geworden ist.</p>
<p>Da es kaum im Interesse der Regierung sein kann, einen Präzedenzfall von Strafminderung für Selbstjustiz gegen Parteikader zu schaffen, erwarten die Bürger von Xiashuixi, dass Pekings Oberstes Gericht das Todesurteil in den kommenden Monaten bestätigen und dann vollstrecken lassen wird. Nur eines könnte ihren Sohn retten, sagt Wang Houe: Geld. &#8220;Wenn wir reich oder einflussreich wären, könnten wir die Richter kaufen.&#8221; Li Shiming habe das selbst gesagt, als er einst seinem heute behinderten Jugendfreund einen Job in seiner Schwarzen Bande anbot. &#8220;Mach dir keine Gedanken darüber, jemanden zu töten&#8221;, soll der Parteisekretär gesagt haben. &#8220;Wer zu mir gehört, dem kann nichts passieren.&#8221;</p>
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		<title>Sichere Siege im 1+2+1-System</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Nov 2009 03:15:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Fußball]]></category>
		<category><![CDATA[Korruption]]></category>
		<category><![CDATA[Sport]]></category>
		<category><![CDATA[Wetten]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Sitzen die Hintermänner des Fußball-Wettskandals in China? Das ist noch nicht bewiesen, aber eine gute Wette ist es allemal.</h3>
Fußball ist für Zhang Jie ein Spiel der Wahrscheinlichkeiten. Genauso wie Basketball, Eishockey oder die Dutzenden anderen Sportarten, mit denen er täglich zu tun hat. Für viele Disziplinen kennt er nicht einmal die Regeln, und sie interessieren ihn auch nicht. Zhangs Welt sind die Zahlen, die sein Computer generiert: Wie wahrscheinlich ist es, dass Bayern München am kommenden Sonntag gegen Hannover 96 gewinnt? Oder dass die Bayern den ersten Freistoß erhalten? Oder die erste gelbe Karte? Oder beides?...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Sitzen die Hintermänner des Fußball-Wettskandals in China? Das ist noch nicht bewiesen, aber eine gute Wette ist es allemal.</h3>
<p>Fußball ist für Zhang Jie ein Spiel der Wahrscheinlichkeiten. Genauso wie Basketball, Eishockey oder die Dutzenden anderen Sportarten, mit denen er täglich zu tun hat. Für viele Disziplinen kennt er nicht einmal die Regeln, und sie interessieren ihn auch nicht. Zhangs Welt sind die Zahlen, die sein Computer generiert: Wie wahrscheinlich ist es, dass Bayern München am kommenden Sonntag gegen Hannover 96 gewinnt? Oder dass die Bayern den ersten Freistoß erhalten? Oder die erste gelbe Karte? Oder beides? &#8220;Wir können für jede Spielsituation eine Wette anbieten&#8221;, sagt Zhang. &#8220;Aber bevor ich mehr erkläre, richten sie bitte erst ein Konto bei uns ein.&#8221;</p>
<p>Zhang Jie ist Agent der Internetwettplattform 888Crown.com. Wer genau hinter dem Forum steckt, ist ebenso dubios wie Zhangs wahre Identität, die hinter einer Handynummer verborgen bleibt. Doch sicher ist, dass er einer von tausenden chinesischen Wettvermittlern ist, die Millionen- und womöglich sogar Milliardensummen auf den internationalen Markt für Sportwetten schleusen. Kein Wunder, dass die Ermittler davon ausgehen, dass es im größten europäischen Fußballskandal eine Verbindung nach Asien und insbesondere nach China geben könnte. Dort sind Spielmanipulationen seit Jahren ein offenes Geheimnis, und auch wenn die Verbindung bisher noch nicht bewiesen ist, so scheint sie angesichts der hohen Einsätze zumindest eine gute Wette zu sein.</p>
<p>Im Oktober hatte Chinas Vizepräsident Xi Jinping während eines Besuchs bei Bayer in Leverkusen, wo er als Geschenk ein T-Shirt der Werksmannschaft erhielt, eingestanden, dass die Korruption für Chinas Fußball ein ernstes Problem darstelle. Die grassierenden Spielmanipulationen gelten als Hauptgrund, warum das bevölkerungsreichste Land der Erde trotz seiner großen Fußballbegeisterung auf der Weltrangliste der Fifa nur auf Platz 102 liegt, direkt hinter den Kap-Verde-Inseln. Erst vergangenen Freitag hob die chinesische Polizei einen illegalen Wettring aus und verhaftete fünfzehn Verdächtige, darunter den Trainer des Zweitligisten Qingdao Hailifeng und mehrere Spieler.</p>
<p>Für zahlreiche chinesische Fußballklubs sind die Gelder aus Wettmanipulationen eine der wichtigsten Einnahmequellen, glaubt der Journalist Yang Ming, Autor des Enthüllungsbuchs &#8220;Schwarze Pfeife&#8221;. So wie Fußballtrainer setzen auch die Manipulatoren auf unterschiedliche Aufstellungen. Mit &#8220;einem Mann&#8221; zu spielen bedeutet, den Schiedsrichter zu bestechen. Rund 10 000 Euro kostet es, um aus einem Unparteiischen einen Parteiischen zu machen. Doch da die Macht der Pfeife begrenzt ist, gilt die Konstellation &#8220;1+2&#8243; als verlässlicher, womit in der Regel der Torwart und zwei Verteidiger gemeint sind.</p>
<p>Die sicherste Wette erhält man mit der Aufstellung &#8220;1+2+1&#8243;, bei der man neben dem Tormann und der Abwehr noch eine weitere Schlüsselposition besetzt, wahlweise den Spielmacher, den Stürmer, den Trainer oder einen Spieler des anderen Teams. 60 000 Euro muss man dafür investieren. Der damit zu erzielende Gewinn dürfte den Einsatz um ein Vielfaches übersteigen.</p>
<p>Welche Summen durch die Hände der chinesischen Buchmacher gehen, lässt sich nur schwer abschätzen. Die Spekulationen liegen allgemein im ein- bis zweistelligen Milliarden-Euro-Bereich und beruhen auf Fällen wie dem des Untergrundwettpaten Qian Baochun. Der 41-Jährige soll rund 660 Millionen Euro mit Fußballwetten im Internet umgesetzt haben, insbesondere während der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland 2006. Anfang des Jahres wurden Qian mit 18 Komplizen zu einer langen Haftstrafe verurteilt.</p>
<p>Denn Wett- und Glücksspiele sind in China illegal. Dabei haben sie eine lange Tradition, vom Mah-Jongg-Spiel bis zum Grillenkampf. Doch als die Kommunisten 1949 die Volksrepublik gründeten, de- kretierten sie, dass das sozialistische Paradies auf ehrlicher Arbeit aufgebaut sein solle, nicht auf glücklichem Kapitaleinsatz. Zwar rückte die Regierung in den Achtzigern von ihren marxistischen Maximalforderungen ab und gründete im Zuge der Marktwirtschaftsreformen auch zwei staatliche Lotterien.</p>
<p>Die vom Ministerium für Zivile Angelegenheiten sowie der Allgemeinen Sportverwaltung betriebenen Losbuden setzen im Jahr über vier Milliarden Euro um und zeigen, wie groß die Bereitschaft der Chinesen ist, ihr Geld gelegentlich dem Zufall zu überlassen.</p>
<p>Doch diese Ausnahmen dienen der Bestätigung der Regel &#8211; und der Bereicherung der verantwortlichen Beamten, wie der chinesische Rechnungshof bereits mehrfach feststellte.</p>
<p>Trotzdem hat sich das Wettgeschäft inzwischen im Internet seine eigenen Plattformen geschaffen. Tausende Webseiten bieten dort Sportwetten an. Gestaltet sind sie nach dem Muster internationaler Vorbilder, bei denen man sich ein Wettguthaben einrichten und dann online auf hunderte Sportereignisse in China und aller Welt setzen kann. Auch Live-Wetten während des Spiels sind möglich, etwa auf den Halbzeitstand oder die Zahl der Ecken.</p>
<p>Allerdings handelt es sich bei den meisten Internetseiten um die Angebote von chinesischen Vermittlern, die mit internationalen Buchhaltern kooperieren. So wie Zhang Jie. &#8220;Weil Wetten in China offiziell verboten sind, ist unsere Hauptseite 888Crown.com seit einiger Zeit gesperrt&#8221;, sagt er am Telefon. &#8220;Über unsere Webseite kann man die Angebote aber immer noch in Anspruch nehmen.&#8221;</p>
<p>88756.com heißt Zhangs Spiegelseite, und sollte sie ebenfalls blockiert werden, hat er schon Ausweichadressen parat. Die Wettkonten &#8211; Mindesteinsatz 200 Euro &#8211; bleiben in jedem Fall gültig, behauptet er. Das Geld läuft über Konten bei großen staatlichen Geldhäusern wie der Bank of China. Wer dem Onlinebroker nicht vertraut, kann ihn auch persönlich treffen. &#8220;Die meisten meiner Kunden kenne ich direkt&#8221;, sagt Zhang. Einige haben bei ihm sogar eine Kreditlinie. &#8220;Jeder weiß, dass ich Möglichkeiten habe, mein Geld zurückzufordern, wenn jemand mich betrügen will&#8221;, spielt er auf seine Kontakte in der Unterwelt an.</p>
<p>Doch auch in der Polizei und in anderen Behörden muss die chinesische Wettmafia über beste Kontakte verfügen. Schließlich macht sie aus ihren Aktivitäten kein Geheimnis, sondern wirbt offen im Internet um Agenten. So bietet das Forum Wewbet.com, das offiziell von den Philippinen aus operiert, von dort aber eine chinesischsprachige Telefonhotline betreibt, sein Konzept als Franchising an.</p>
<p>Regionale Vermittler müssen einmalig einen Wetteinsatz von 300 000 Euro vorweisen und danach täglich mindestens 10 000 Euro umsetzen. Dafür bekommen sie die notwendige Software mit Anschluss an die umfangreichen Datenbanken, auf denen die Wahrscheinlichkeitsberechnungen beruhen. Am Gewinn werden sie je nach Umsatz mit fünf bis 15 Prozent beteiligt. Einige Buchmacher sollen an Wochenenden für ihre Kunden ganze Internetcafés mieten, damit sie ihre Wetten platzieren können, will der Blogger Wang Suixue beobachtet haben.</p>
<p>Denn Wetten macht süchtig, und die Szene sucht sich ihre Kunden in allen Gesellschaftsschichten. So flog vergangenes Jahr ein Wett-Netzwerk an chinesischen Mittelschulen auf. Hunderte Schüler setzten dort per SMS auf Fußball- und Basketballspiele. Der Geldverkehr lief über mehrere Schüler, die dafür von den Hintermännern eine Kommission erhalten. Bekannt wurden die illegalen Transaktionen erst, als ein Schüler und seine Eltern nach Verlusten von mehreren hunderttausend Euro bei den Behörden Schutz vor den gewalttätigen Schuldeneintreibern suchten.</p>
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		<title>Hinrichtungen im Babymilchskandal</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Nov 2009 20:06:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Korruption]]></category>
		<category><![CDATA[Lebensmittel]]></category>
		<category><![CDATA[Produktsicherheit]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Chinas oberstes Gericht lässt Todesstrafe für Hauptverantwortliche vollstrecken.</h3>
Sie waren verantwortlich für den Tod von sechs Kleinkindern, die Erkrankung von 300.000 weiteren und einen katastrophalen Gesichtsverlust der chinesischen Regierung unmittelbar nach den Olympischen Spielen: Zwei Hauptbeschuldigte im Skandal um vergiftetes Babymilchpulver, der vor einem Jahr die Volksrepublik erschütterte, sind am Dienstag hingerichtet worden...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Chinas oberstes Gericht lässt Todesstrafe für Hauptverantwortliche vollstrecken.</h3>
<p>Sie waren verantwortlich für den Tod von sechs Kleinkindern, die Erkrankung von 300.000 weiteren und einen katastrophalen Gesichtsverlust der chinesischen Regierung unmittelbar nach den Olympischen Spielen: Zwei Hauptbeschuldigte im Skandal um vergiftetes Babymilchpulver, der vor einem Jahr die Volksrepublik erschütterte, sind am Dienstag hingerichtet worden. Das gab das Volksgericht der nordchinesischen Stadt Shijiazhuang bekannt. Zuvor hatte das Oberste Gericht in Peking die im Januar verhängten Todesurteile bestätigt.</p>
<p>Der Rinderzüchter Zhang Yujun, der 770 Tonnen verdünnter Milch mit der Industriechemikalie Melamin vermengt hatte, um einen erhöhten Eiweißgehalt vorzutäuschen, sei hingerichtet worden, weil er „die öffentliche Sicherheit in gefährlicher Weise“ aufs Spiel gesetzt habe, berichtete die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua. Mit seinem Handel soll Zhang umgerechnet 770.000 Euro verdient haben. Dem Großhändler Geng Jinping wurde zur Last gelegt, großen Molkereien insgesamt 900 Tonnen der gepanschten Milch untergeschoben zu haben, wo sie zu Babymilchpulver und anderen Milchprodukten weiterverarbeitet wurde. Die Chemikalie Melamin, die unter anderem für Dünger oder Leim eingesetzt wird, hatte bei Kleinkindern Nierensteine hervorgerufen. Insgesamt waren in dem Prozess 21 Menschen vor Gericht gestellt und verurteilt worden, davon drei zum Tode. Allerdings wurde das dritte Todesurteil für zwei Jahre ausgesetzt und dürfte dann in lebenslange Haft umgewandelt werden. Auch die frühere Chefin des Molkereikonzerns Sanlu, der am stärksten von dem Skandal betroffen war, muss den Rest ihres Lebens hinter Gittern verbringen.</p>
<p>Aus Sicht der chinesischen Behörden dürfte der Melamin-Skandal mit den Hinrichtungen nun beendet sein. Die Staatsmedien erwähnten die Exekution gestern nur am Rande. Offenbar waren sie angewiesen, den Fall nicht noch einmal in aller Ausführlichkeit ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen und womöglich zu beleuchten, welche Lehren Chinas Verbraucherschützer daraus gezogen haben. Schließlich war das Babymilchdebakel für die Regierung gleich in mehrfacher Hinsicht peinlich. Zwei Jahre lang konnte die Melaminmafia ungehindert agieren, und als die Behörden im Frühjahr 2008 endlich Wind von dem Fall bekamen, ignorierten sie ihn, aus Angst um Chinas internationales Image vor den Olympischen Spielen Auch Pekings Verbraucherschutzministerium stellte sich blind. Erst als sich die Krankheitsfälle häuften und chinesische Journalisten zu recherchieren begannen, flog der Skandal im September 2008 auf – kurz vor Ende der Paralympischen Spiele. Zwar versuchte die Zentralregierung daraufhin, sich als entschlossenen Krisenmager in Szene zu setzen. Doch gleichzeitig wurden chinesische Anwälte, die Opferfamilien bei Schadensersatzklagen unterstützen wollten, unter massiven Druck gesetzt, sich nicht weiter mit dem Fall zu beschäftigen. Auch die Gerichte wurden angewiesen, Klageschriften abzuweisen. Die Regierung sprach den Opfern Entschädigungszahlungen von 220 bis 3300 Euro zu. Viele Eltern weigerten sich allerdings, das Geld anzunehmen, weil sie die Summe angesichts womöglich bleibender Schäden für zu gering halten.</p>
<p>Obwohl Peking seit Jahren den Aufbau effektiver Überwachungsmechanismen verspricht, werden in der Volksrepublik immer wieder verheerenden Produktskandale aufgedeckt. Experten glauben, dass nur ein Bruchteil der Fälle ans Licht der Öffentlichkeit gelangt, weil China weder unabhängige Verbraucherschutzverbände noch eine freie Presse hat.</p>
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		<title>Der rote Rätsler</title>
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		<pubDate>Fri, 09 Oct 2009 10:32:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunistische Partei]]></category>
		<category><![CDATA[Korruption]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Krimiautor Qiu Xiaolong ist der weltweit bestverkaufte chinesische Autor. Doch Chinas Zensoren verhindern, dass er in der Heimat bekannt wird.</h3>
<img class="alignleft size-medium wp-image-1562" title="Qiu_Xiaolong" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/10/Qiu_Xiaolong_3-219x300.jpg" alt="Qiu_Xiaolong" width="118" height="162" />Qiu Xiaolong besitzt keine Pistole. "Für einen Krimiautor ist das offenbar ungewöhnlich", meint der 56-Jährige. "Mein amerikanischer Verleger hat mir jedenfalls geraten, mir eine Schusswaffe zuzulegen und sie auch in meinen Büchern häufiger einzusetzen." Aber wozu braucht man Gewehre, wenn es auch Messer und Küchenbeile gibt? Und wenn sich Mörder statt von Einsatzkommandos auch mit sozialen Umzingelungsmanövern einkreisen lassen? "Meine Krimis spielen in China", sagt Qiu, "und dort laufen Verbrechen und Verbrechensbekämpfung eben etwas anders ab als in Amerika."...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Krimiautor Qiu Xiaolong ist der weltweit bestverkaufte chinesische Autor. Doch Chinas Zensoren verhindern, dass er in der Heimat bekannt wird.</h3>
<p><img class="alignleft size-large wp-image-1565" title="Qiu_Xiaolong_1" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/10/Qiu_Xiaolong_1-1024x682.jpg" alt="Qiu_Xiaolong_1" width="491" height="327" />Qiu Xiaolong besitzt keine Pistole. &#8220;Für einen Krimiautor ist das offenbar ungewöhnlich&#8221;, meint der 56-Jährige. &#8220;Mein amerikanischer Verleger hat mir jedenfalls geraten, mir eine Schusswaffe zuzulegen und sie auch in meinen Büchern häufiger einzusetzen.&#8221; Aber wozu braucht man Gewehre, wenn es auch Messer und Küchenbeile gibt? Und wenn sich Mörder statt von Einsatzkommandos auch mit sozialen Umzingelungsmanövern einkreisen lassen? &#8220;Meine Krimis spielen in China&#8221;, sagt Qiu, &#8220;und dort laufen Verbrechen und Verbrechensbekämpfung eben etwas anders ab als in Amerika.&#8221;</p>
<p>Genau darauf beruht Qiu Xiaolongs Erfolg. Der unscheinbare Mann mit der biederen Goldrandbrille ist der mit weitem Abstand bekannteste chinesische Vertreter des Räuber-und-Gendarme-Gen- res. Die mittlerweile sechs Fälle seines Oberinspektors Chen Cao sind in 21 Sprachen erschienen und haben sich weltweit mehr als eine Million Mal verkauft. Wohl kein anderer chinesischer Autor kann außerhalb der Volksrepublik vergleichbare Zahlen vorweisen.</p>
<p>Nur in der Volksrepublik haben die staatlichen Zensoren seinen Durchbruch bisher verhindert. Denn für Qiu, der seiner Heimat 1989 nach dem Tiananmen-Massaker den Rücken kehrte und heute in den USA lebt, porträtiert Chinas Wirtschaftswundermetropole Shanghai als eine Stadt der Verbrechen, Versuchungen und Verwirrungen. Seine Plots kreisen um Korruption, Geldwäsche und Menschenschmuggel, sein Personal sind bestechliche Parteibonzen, skrupellose Unternehmer und hilflose Normalbürger, seine Schauplätze Amtsstuben, Restauranthinterzimmer und Massagesalons.</p>
<p>&#8220;Viele Fälle gehen auf wahre Begebenheiten zurück&#8221;, erzählt Qiu. In &#8220;Blut und rote Seide&#8221;, dem im Frühjahr auf Deutsch erschienen fünften Chen-Band, werden alte Rechnungen aus der Kulturrevolution beglichen. Davor löste Chen in &#8220;Rote Ratten&#8221; einen Fall, der den Skandal um den Schmuggelkönig Lai Changxing nachzeichnete, der sich in den Neunzigern mit Bestechung und Erpressung eine ganze Provinzregierung gefügig machte und dann nach Kanada absetzte. Doch während in Pekings Staatspropaganda am Ende stets Recht und Gerechtigkeit siegen, entlässt Qiu seine Leser immer mit dem mulmigen Gefühl, dass ein gelöster Fall in China noch lange kein gesühntes Unrecht bedeutet. &#8220;Oberinspektor Chen fällt es schwer, daran nicht zu verzweifeln&#8221;, sagt Qiu. &#8220;Das hat er mit mir und vielen anderen Chinesen gemeinsam.&#8221;</p>
<p>Es ist nicht die einzige Gemeinsamkeit zwischen Qiu und seinem Inspektor: Beide lieben sie Chinas klassische Kultur, gutes Essen und die Gedichte amerikanischen Nobelpreisgewinners T.S. Eliot. Vor allem aber sind sie beide Vertreter der chinesischen Umbruchsgeneration, die von Maos Klassenkampf sozialisiert und dann unverhofft dem ungezügelten Kapitalismus ausgeliefert wurde. So war Qius erstes literarisches Werk ausgerechnet eine Selbstkritik, die er für seinen Vater schreiben musste. &#8220;Mein Vater war kurz vor der Revolution durch Zufall Geschäftsmann geworden&#8221;, erzählt er. In den Dreißigern und Vierzigern hatte er in Shanghai als Buchhalter für eine deutsche Chemiefirma gearbeitet. Als diese sich nach dem Zweiten Weltkrieg aus China zurückzog, bekamen die entlassenen Angestellten statt ihrer noch ausstehenden Löhne die Lagerrestbestände überlassen. So ernährte Qius Vater seine Familie mit dem Verkauf von Parfümrohstoffen, nur um unter Maos Kommunisten wenige Jahre später zum Klassenfeind erklärt zu werden. Ihren Höhepunkt erreichten die Schikanen, als 1966 die Kulturrevolution ausbrach.</p>
<p>&#8220;Mein Vater lag damals wegen einer Augenoperation mit verbundenen Augen im Krankenhaus, aber die Roten Garden bestanden trotzdem darauf, dass er regelmäßig Selbstbezichtigungsschriften verfasst&#8221;, erzählt Qiu. Also musste sein 14-jähriger Sohn kommen. &#8220;Mein Vater war sehr schwach, und so habe ich einfach selbst geschrieben, was mein Vater für ein Ausbeuter und monströser Verbrecher war.&#8221; Qiu machte seine Sache gut &#8211; die Revolutionäre hatten an seinen Schuldbekenntnissen nichts auszusetzen.</p>
<p>Da Qiu aufgrund schlechter Gesundheit nicht zur sogenannten &#8220;Umerziehung der Stadtjugend durch die Bauern&#8221; aufs Land geschickt wurde, verlebte er seine Teenagerjahre allein zuhause und brachte sich aus Langeweile Englisch bei, unter anderem mit Hilfe einer Übersetzung von Maos kleinem roten Buch. Eine glückliche Fügung: Als 1977, ein Jahr nach Maos Tod, die Universitäten wieder eröffnet wurden, schaffte Qiu die Aufnahmeprüfung zum Englischstudium. Sein Lehrer war der berühmte Dichter und Übersetzer Bian Zhilin. &#8220;Der Unterricht war sehr informell&#8221;, erinnert sich Qiu. &#8220;Ich ging zu ihm nach Hause, musste ihm seine Kohlen in den fünften Stock tragen und dann haben wir über Lyrik geredet.&#8221; Nach seinem Abschluss wurde er an die Shanghaier Akademie für Sozialwissenschaften beordert und machte sich als Übersetzer von US-Schriftstellern wie T.S. Eliot oder Raymond Chandler einen Namen. Nebenher veröffentlichte er auch eigene Gedichte und wurde damit in den Schriftstellerverband aufgenommen.</p>
<p>Diese Mitgliedschaft sollte Qiu den nächsten großen Wendepunkt in seinem Leben bescheren. scheren. 1988 ging er mit einem Forschungsstipendium nach Washington. Kurz vor seiner geplanten Rückkehr erschütterte das Massaker auf Pekings Platz des Himmlischen Friedens die Welt. &#8220;Die chinesischen Auslandsstudenten waren schockiert und wollten für ihre Kommilitonen Geld sammeln&#8221;, sagt Qiu. Als Staatsschriftsteller hatte Qiu Angst, sich öffentlich zu engagieren, doch weil er nicht kneifen wollte, ließ er sich überreden, bei einem Wohltätigkeitsbazar Frühlingsrollen zu frittieren. Am nächsten Tag erschien sein Name in einer amerikanischen Zeitung. Kurz darauf erhielt Qius Familie in Shanghai Besuch von der Polizei. &#8220;Meine Verwandten sollten mich auf Linie bringen&#8221;, sagt Qiu, der es mit der Angst zu tun bekam und sich entschied, als Promotionsstudent in den USA zu bleiben. Seine Frau konnte noch im gleichen Jahr nachziehen.</p>
<p>Erst sechs Jahre später, als Qiu bereits US-Staastbürger war, traute er sich zurück nach Shanghai &#8211; und erkannte seine Heimatstadt kaum wieder. &#8220;Das Lebensgefühl hatte sich völlig verändert&#8221;, meint Qiu. Um sich über die Veränderungen klar zu werden, begann er einen Roman zu schreiben &#8211; und scheiterte. &#8220;Ich fand keine geeignete Form&#8221;, gesteht er. &#8220;Aber dann bin ich auf die Idee gekommen, das Schema einer Detektivgeschichte zu übernehmen und meine Beobachtungen darin zu verpacken.&#8221; Da seine Bücher zunächst ohnehin für amerikanische Leser gedacht waren, begann Qiu auf Englisch zu schreiben, ein sprachlicher Umweg, den er bis heute noch immer geht. Zwar meldete sich nach seinen ersten Erfolgen auch ein Shanghaier Verlag bei ihm, um die Chen-Krimis auf Chinesisch herauszubringen. Doch Qiu bemerkte schnell, dass bei chinesischen Lesern nur eine politisch zurechtgestutzte Form seines Buches ankommen würde. &#8220;Die Zensoren forderten, dass die Handlung nicht in Shanghai oder einem anderen realen Ort spielen dürfe, sondern nur in einer fiktiven &#8220;Stadt H&#8221;, erzählt er. Auch Hinrichtungen, die in Qius Büchern wie in China üblich unmittelbar nach dem Urteil ausgeführt werden, mussten in der chinesischen Version aufgeschoben werden &#8211; in der Literatur soll der Rechtsweg eingehalten werden.</p>
<p>Drei beschnittene Chen-Romane sind inzwischen trotzdem in China erschienen. Allerdings kamen sie nur in kleinen Auflagen auf den Markt und wurden nicht nachgedruckt. So kommt es, dass im chinesischen Internet eine Suchanfrage nach Qiu Xiaolong nicht zuerst auf den Schriftsteller verweist, sondern auf einen 18-Jährigen gleichen Namens, der im März dieses Jahres in einem Gefängnis in Hunan totgeschlagen wurde. Wenn das nicht ein Plot für Oberinspektor Chen Cao ist!</p>
<p><em>ZUR PERSON</em></p>
<p><em>Qiu Xiaolong wurde 1953 in Schanghai geboren. Früh schon lernte er die englische Sprache, er brachte sie sich mit Hilfe der Übersetzung der Mao-Bibel selbst bei. Qiu Xiaolong übertrug die Gedichte T.S. Eliots sowie die Kriminalromane von Raymond Chandler und Ruth Rendell in das Chinesische. Als Krimiautor schuf er die Figur des Oberinspektors Chen, der bislang sechs Fälle zu lösen hatte.</em></p>
<p><em>Auf Deutsch sind von Qiu Xiaolong bisher Oberinspektors Chens erste fünf Fälle erschienen: &#8220;Tod einer roten Heldin&#8221;, &#8220;Die Frau mit dem roten Herzen&#8221; und &#8220;Schwarz auf rot&#8221;, &#8220;Rote Ratten &#8221; und &#8220;Blut und rote Seide&#8221;; alle Bücher sind im Zsolnay Verlag erschienen.</em></p>
<p><em>1988 reiste der Autor mit einem Stipendium der Ford Foundation in die USA und kehrte nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989 nicht mehr nach China zurück. Heute lehrt Qiu Xiaolong an der Washington University in St. Louis chinesische Literatur. Qiu begann, seine Bücher auf Englisch zu schreiben &#8211; und das tut er heute noch</em></p>
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		<title>Blei im Blut</title>
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		<pubDate>Fri, 21 Aug 2009 05:20:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Gesundheit]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>In China sind in der Nähe zweier Schmelzereien und Hüttenwerke mehr als 2200 Kinder an Vergiftungen erkrankt. Sie sind Opfer skrupelloser Betreiber und Beamter.</h3>
"In China gibt es einen neuen Klassenkampf: Auf der einen Seite stehen die Gesetzestreuen, und auf der anderen jene, die es nicht nötig haben, sich an Gesetze zu halten." So kommentiert ein junger Chinese in einem Internetportal den jüngsten Giftskandal der Volksrepublik: Tausende Kinder sind an Bleivergiftung erkrankt, weil sie in der Nähe von großen Schmelzereien leben, deren Besitzer Umweltauflagen über Jahre ignoriert haben - offenbar mit Wissen der lokalen Behörden...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>In China sind in der Nähe zweier Schmelzereien und Hüttenwerke mehr als 2200 Kinder an Vergiftungen erkrankt. Sie sind Opfer skrupelloser Betreiber und Beamter.</h3>
<p>&#8220;In China gibt es einen neuen Klassenkampf: Auf der einen Seite stehen die Gesetzestreuen, und auf der anderen jene, die es nicht nötig haben, sich an Gesetze zu halten.&#8221; So kommentiert ein junger Chinese in einem Internetportal den jüngsten Giftskandal der Volksrepublik: Tausende Kinder sind an Bleivergiftung erkrankt, weil sie in der Nähe von großen Schmelzereien leben, deren Besitzer Umweltauflagen über Jahre ignoriert haben &#8211; offenbar mit Wissen der lokalen Behörden.</p>
<p>In zwei verschiedenen Fällen, die nun bekannt wurden, sind mehr als 2 200 Kinder betroffen. Womit die Lawine erst ins Rollen gekommen zu sein scheint. Denn in China gibt es mehrere hundert Hüttenwerke &#8211; und Chinas Staatsmedien kündigten bereits an, dass in den kommenden Tagen noch mit einer Reihe von schrecklichen Enthüllungen und einer Vervielfachung der Opferzahlen zu rechnen sei. Blei ist hochgiftig. Das Schwermetall greift das Nervensystem an, beeinträchtigt die Blutbildung und löst andere Gesundheitsstörungen aus.</p>
<p>Dass die seit Jahren existierenden, aber meist totgeschwiegenen Probleme nun zu einem öffentlichen Thema geworden sind, hat seine Anfänge in dem kleinen Ort Wenping, der nahe der Stadt Wugang in der südchinesischen Provinz Hunan liegt.</p>
<p>Im Juli waren dort innerhalb kurzer Zeit viele Kinder erkrankt, litten an Müdigkeit, Konzentrationsschwäche und verlangsamten Reaktionen. Die Eltern vermuteten sehr schnell einen Zusammenhang zur lokalen Metallhütte. Schließlich befinden sich zwei Schulen und ein Kindergarten höchstens fünfhundert Meter neben der Fabrik, in der Mangan aufbereitet wird.</p>
<p>&#8220;Wann immer das Werk in Betrieb ist, können wir dichten Rauch und Staub in der Luft sehen&#8221;, erklärte ein Dorfbewohner gegenüber der offiziellen Nachrichtenagentur Xinhua. Ärzte bestätigten die Befürchtungen, worauf die Eltern vor dem Werk protestierten. Zunächst blieben sie jedoch ohne Erfolg. Die Betreiber stellten sich ebenso taub wie die lokalen Behörden, die zugelassen hatten, dass das Werk seit Mai 2008 ohne Erlaubnis der Umweltbehörde betrieben wurde.</p>
<p>Erst als die Presse über die Proteste der Eltern zu berichten begann, intervenierte die Regierung und ließ das Werk am Donnerstag schließen. Zwei Mitarbeiter wurden festgenommen, der Geschäftsführer befindet sich auf der Flucht. Auch gegen zwei Mitarbeiter des Umweltamtes wird inzwischen ermittelt. Bei einer Untersuchung wurden bei fast siebzig Prozent der getesteten Kinder unzulässig hohe Bleiwerte im Blut festgestellt. Nach offiziellen Angaben sind in der Region Wugang insgesamt 1 354 Kinder betroffen.</p>
<p>In einem anderen Fall in Fengxiang nahe Baoji in der nordwestchinesischen Provinz Shaanxi wurden 851 Kinder mit Bleivergiftungen registriert. Ärzte fanden im Blut der Kinder Bleikonzentrationen, die die erlaubten Grenzwerte teilweise um das Doppelte überstiegen, berichtete die staatliche Zeitung &#8220;China Daily&#8221;. Umweltschützer machen dafür Abgase verantwortlich, die aus einer Blei- und Zinkschmelzerei stammen. In der Luft um die Fabrik wurde eine 6,3-fach erhöhte Bleikonzentration gemessen, hieß es.</p>
<p>Auch in Fengxiang war den Behörden offenbar seit Längerem bekannt, dass die Schmelzereien gegen Umweltauflagen verstießen. Die Anlage wurde inzwischen ebenfalls geschlossen. Medienberichten zufolge seien die Betreiber der in einem Industriegebiet gelegenen Fabrik schon vor einiger Zeit angewiesen worden, den Anwohnern einen Umzug aus der Gefahrenzone zu finanzieren. Doch diese Anweisung wurde ignoriert, und da sich nur die wenigsten Dorfbewohner neue Häuser leisten konnten, blieben 500 der 600 Familien in den Häusern in unmittelbarer Nähe des Werkes. Die chinesischen Behörden haben angekündigt, Umweltsünder hart zu bestrafen und weitere Metallhütten zu überprüfen.</p>
<p>Dass die Fälle nun an die Öffentlichkeit kommen und auch in der chinesischen Presse ausführlich behandelt werden, lässt darauf schließen, dass die Regierung verhindern will, dass das Thema Bleivergiftung zu einer ähnlichen Belastung wird wie der</p>
<p>Damals hatten Großhändler mit der Industriechemikalie Melamin einen erhöhten Eiweißgehalt in gepanschter Milch vorgetäuscht. Rund 300 000 Kleinkinder erkrankten daraufhin an Nierensteinen; sechs Babys starben. Der Fall hatte die Regierung in eine Vertrauenskrise gestürzt. Denn aus Rücksicht auf Chinas internationales Image vor den Olympischen Spielen entschied die Behörden, die Probleme monatelang zu verschweigen.</p>
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