Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Mord im Namen des Volkes

In einem chinesischen Dorf gilt ein 18-Jähriger als Held, weil er den korrupten Parteisekretär erstochen hat.

“Es war ein guter Stich”, sagen die Leute und heben die Daumen. Die Messerspitze traf Parteisekretär Li Shiming direkt ins Herz, er brach auf der Stelle tot zusammen. Der Täter, der 18-jährige Zhang Xuping, war schnell gefasst. Mehrere Anwohner hatten ihn davonlaufen sehen und wiesen den Polizisten den Weg. Doch heute ärgern sich einige, dass sie damals nicht die Geistesgegenwart besaßen, die Beamten in die falsche Richtung zu schicken. Zwar war der Stich ins Herz von Parteisekretär Li eine Art Auftragsmord. Die Bezahlung: Handy-Guthabenkarten im Wert von 1 000 Yuan (100 Euro)…

Bernhard Bartsch | 26. Januar 2010 um 05:26 Uhr

 

Sichere Siege im 1+2+1-System

Sitzen die Hintermänner des Fußball-Wettskandals in China? Das ist noch nicht bewiesen, aber eine gute Wette ist es allemal.

Fußball ist für Zhang Jie ein Spiel der Wahrscheinlichkeiten. Genauso wie Basketball, Eishockey oder die Dutzenden anderen Sportarten, mit denen er täglich zu tun hat. Für viele Disziplinen kennt er nicht einmal die Regeln, und sie interessieren ihn auch nicht. Zhangs Welt sind die Zahlen, die sein Computer generiert: Wie wahrscheinlich ist es, dass Bayern München am kommenden Sonntag gegen Hannover 96 gewinnt? Oder dass die Bayern den ersten Freistoß erhalten? Oder die erste gelbe Karte? Oder beides?…

Bernhard Bartsch | 25. November 2009 um 05:15 Uhr

 

Hinrichtungen im Babymilchskandal

Chinas oberstes Gericht lässt Todesstrafe für Hauptverantwortliche vollstrecken.

Sie waren verantwortlich für den Tod von sechs Kleinkindern, die Erkrankung von 300.000 weiteren und einen katastrophalen Gesichtsverlust der chinesischen Regierung unmittelbar nach den Olympischen Spielen: Zwei Hauptbeschuldigte im Skandal um vergiftetes Babymilchpulver, der vor einem Jahr die Volksrepublik erschütterte, sind am Dienstag hingerichtet worden…

Bernhard Bartsch | 24. November 2009 um 22:06 Uhr

 

Der rote Rätsler

Krimiautor Qiu Xiaolong ist der weltweit bestverkaufte chinesische Autor. Doch Chinas Zensoren verhindern, dass er in der Heimat bekannt wird.

Qiu_XiaolongQiu Xiaolong besitzt keine Pistole. “Für einen Krimiautor ist das offenbar ungewöhnlich”, meint der 56-Jährige. “Mein amerikanischer Verleger hat mir jedenfalls geraten, mir eine Schusswaffe zuzulegen und sie auch in meinen Büchern häufiger einzusetzen.” Aber wozu braucht man Gewehre, wenn es auch Messer und Küchenbeile gibt? Und wenn sich Mörder statt von Einsatzkommandos auch mit sozialen Umzingelungsmanövern einkreisen lassen? “Meine Krimis spielen in China”, sagt Qiu, “und dort laufen Verbrechen und Verbrechensbekämpfung eben etwas anders ab als in Amerika.”…

Bernhard Bartsch | 09. Oktober 2009 um 12:32 Uhr

 

Blei im Blut

In China sind in der Nähe zweier Schmelzereien und Hüttenwerke mehr als 2200 Kinder an Vergiftungen erkrankt. Sie sind Opfer skrupelloser Betreiber und Beamter.

“In China gibt es einen neuen Klassenkampf: Auf der einen Seite stehen die Gesetzestreuen, und auf der anderen jene, die es nicht nötig haben, sich an Gesetze zu halten.” So kommentiert ein junger Chinese in einem Internetportal den jüngsten Giftskandal der Volksrepublik: Tausende Kinder sind an Bleivergiftung erkrankt, weil sie in der Nähe von großen Schmelzereien leben, deren Besitzer Umweltauflagen über Jahre ignoriert haben – offenbar mit Wissen der lokalen Behörden…

Bernhard Bartsch | 21. August 2009 um 07:20 Uhr

 

Der gefallene Ölprinz

Ex-Chef des Rohstoffkonzerns Sinopec wird wegen Korruption zum Tode verurteilt. Er ist nicht nur Opfer seiner Gier, sondern auch politischer Machtkämpfe.

Irgendwann stellte Jürgen Hambrecht fest, dass sein chinesischer Partner verschwunden war. Das war im Sommer 2007. Zahlreiche Großprojekte hatte der BASF-Vorstandsvorsitzende mit Chen Tonghai, dem Chef von Chinas staatlichem Rohstoffkonzern Sinopec ausgehandelt. Doch plötzlich war Chen weg, ohne Abschied oder Erklärung…

Bernhard Bartsch | 16. Juli 2009 um 05:25 Uhr

 

“Mr. Clean” springt in den Tod

Korruptionsermittlungen trieben Südkoreas Ex-Präsidenten Roh Moo Hyun zum Selbstmord. Trotzdem erhält er ein staatlich finanziertes Begräbnis.

Er galt als Saubermann und konnte es nicht ertragen, dass sein Image irreparablen Schaden genommen hatte: Südkoreas Ex-Präsident Roh Moo Hyun, der sich seit dem Ende seiner Amtszeit im Februar 2008 in eine Reihe von Korruptionsfällen verstrickt sah, hat sich am frühen Samstagmorgen das Leben genommen. Der 62-Jährige sprang in den Bergen nahe seines Heimatdorfes Bongha von einer Klippe…

Bernhard Bartsch | 24. Mai 2009 um 11:54 Uhr

 

Rascheln gegen die Krise

Chinas Premier schürt beim Nationalen Volkskongress Optimismus: Auch im Krisenjahr 2009 erwartet die Regierung ein Wirtschaftswachstum von acht Prozent.

Sitzen bleiben, still sein, mitlesen und Notizen machen – so lautete die Anweisung, die Chinas Führung ihren 3000 Parlamentariern am Donnerstag mit auf den Weg in Pekings Große Halle des Volkes gegeben hatte. Im Krisenjahr soll der Nationale Volkskongress, Chinas Kulissenlegislative, einen besonders fleißigen Eindruck machen…

Bernhard Bartsch | 06. März 2009 um 01:40 Uhr

 

Hart, aber nicht fair

Mit Todesurteilen im Milchprozess will Peking Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen. Doch dafür braucht es mehr als Showjustiz.

Chinas Justiz hat im Milchskandal harte Urteile gefällt. Zwei Männer sollen hingerichtet werden, weil sie fast ein Jahr lang verdünnte Milch mit der giftigen Industriechemiker vermischten, um die Eiweißtests der Qualitätsprüfer auszutricksen. Der Betrug fiel zwar bald auf, doch die Molkereiangestellten und Beamten stoppten ihn nicht. Ihr Schweigen ließen sie sich gut bezahlen und rechtfertigten es damit, dass sie kurz vor Olympia Chinas Image in der Welt hatten schützen wollen.

Bernhard Bartsch | 22. Januar 2009 um 17:27 Uhr

 

Todesurteile für Strippenzieher im Milchskandal

Molkereichefin erhält lebenslängliche Haftstrafe. Schadensersatzklagen von Opfern weisen die Gerichte weiterhin zurück.

Im chinesischen Milchskandal sollen zwei Hauptangeklagte hingerichtet werden. Der Volksgerichtshof im nordchinesischen Shijiazhuang verhängte am Donnerstag die Todesstrafe gegen Zhang Yujun, der zwischen Oktober 2007 und August 2008 über 600 Tonnen Pulver mit der Industriechemikalie Melamin an Milchgroßhändler verkauft hatte.

Bernhard Bartsch | 22. Januar 2009 um 17:22 Uhr

 

Chinas Ochsentour ins neue Jahr

250 Millionen Chinesen reisen zum traditionellen Neujahrsfest in ihre Heimat. Der Schwarzhandel mit Fahrkarten ist dabei ein Milliardengeschäft.

Das Jahr des Ochsen beginnt für Zhou Xiaofeng mit einer wahren Ochsentour. Sechs Stunden hat sie an diesem Morgen bei Minusgraden am Pekinger Hauptbahnhof angestanden, um ein Ticket in ihr Heimatdorf in der südchinesischen Provinz Zhejiang zu kaufen. Die Fahrt wird eine ganze Nacht dauern, und da Zhou im Zug eng eingezwängt stehen wird, will sie nicht nur ihrem dreijährigen Sohn, sondern auch sich selbst Windeln anlegen.

Bernhard Bartsch | 21. Januar 2009 um 17:13 Uhr

 

Mutter Melamin

Tian Wenhua, Ex-Chefin der chinesischen Skandal-Molkerei Sanlu, droht die Todesstrafe. Ein hartes Urteil soll Chinas Behördenversagen vergessen machen.

„Probleme soll man nicht mit ins neue Jahr mitnehmen“, empfiehlt ein chinesisches Sprichwort, das Chinas Regierung kurz vor dem traditionellen Frühlingsfest wieder einmal beherzigt. Noch rechtzeitig will Peking mit dem peinlichsten Skandal des vergangenen Jahres abschließen und das Urteil gegen die Hauptangeklagte im Fall um vergiftete Babymilch verkünden: Tian Wenhua, ehemalige Chefin des staatlichen Molkereikonzerns Sanlu, droht lebenslange Haft, womöglich sogar die Todesstrafe.

Bernhard Bartsch | 15. Januar 2009 um 17:56 Uhr

 

Für einen Koffer voller Dollar

Geldwäsche, Mordversuche, Geheimdiplomatie – das Verfahren gegen Taiwans Ex-Präsidenten ist ein Korruptionskrimi.

Wenn Chen Shui Bians Leben einst in die Kinos kommt, wird am Anfang womöglich die Flugzeugepisode stehen. Darin überwacht Taiwans ehemaliger Präsident persönlich, wie zwei große Gepäckstücke in einem Regierungsjet verstaut werden, der ihn in die Pazifik-Zwergstaaten Pulau und Nauru bringen soll. Was denn in den Koffern sei, will ein Sicherheitsbeamter wissen. “Keine Fragen”, raunzt der Präsident. Der Zuschauer weiß, dass die Koffer voller Dollar sind…

Bernhard Bartsch | 03. Januar 2009 um 15:29 Uhr

 

“Chinas Entwicklungsmodell hat fundamentale Probleme”

Wirtschaftshistoriker Wu Xiaobo über 30 Jahre chinesische Reformpolitik, fernöstlichen Unternehmergeist und die Lehren aus der Finanzkrise.

Frage: Herr Wu, vor genau dreißig Jahren hat China sich der Marktwirtschaft geöffnet. Pünktlich zum Jubiläum steckt der Kapitalismus in einer tiefen Krise, und die Volksrepublik mitten drin. Schlägt jetzt die Stunde der Planwirtschaftsnostalgiker?

Bernhard Bartsch | 23. Dezember 2008 um 18:07 Uhr

 

Viele kleine Bürgerkriege

Die Verfehlungen von lokalen Kadern bringen immer mehr Bürger gegen die Behörden auf – Oft werden die Demonstranten bestraft.

Die Liste der chinesischen Orte, in denen Volk und Regierung einander nicht mehr trauen, ist wieder um einen Namen länger geworden: Longnan. In der 2,7-Millionen-Einwohner-Kreisstadt in der nordchinesischen Provinz Gansu randalierten am Montag rund 2000 Menschen gegen die lokale Verwaltung. Ausgelöst von rund 20 Bewohnern, die sich am Morgen vor dem Rathaus lauthals über die Enteignung ihres Landes beschwert hatten…

Bernhard Bartsch | 21. November 2008 um 16:09 Uhr