Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Die Wutbürger von Wukan

Ein chinesisches Dorf probt den Volksaufstand gegen die korrupten Behörden – ein Zeichen von tief sitzender sozialer Unzufriedenheit.

„Alter Xue, leider warst du für Time zu spät.“ Kurznachrichten wie diese verbreiten sich im chinesischen Internetforen derzeit tausendfach – schneller als die Zensoren der Kommunistischen Partei sie entschlüsseln und löschen können. Dabei ist die Anspielung in ihren Augen hoch subversiv: Das amerikanische Nachrichtenmagazin Time hat am Donnerstag Demonstranten in aller Welt zur Person des Jahres 2011 gekürt – und der südchinesische Bauer Xue Jinbo wäre womöglich in die Galerie der berühmtesten Protest-Ikonen aufgenommen worden, wenn sein Tod vor Redaktionsschluss bekannt gewesen wäre. Der 42 Jahre alte Xue war einer der Anführer der größten Demonstrationen, die China seit Jahren erlebt…

Bernhard Bartsch | 15. Dezember 2011 um 18:10 Uhr

 

“Opa Wen” gegen den “Großen Bruder Bahn”

Chinas Bevölkerung reagiert wütend auf das Zugunglück von Zhejiang. Der Zorn zeigt das geringe Vertrauen in die Institutionen des Staates.

Das Zugunglück in der südchinesischen Provinz Zhejiang, bei dem am vergangenen Samstag 39 Personen ihr Leben verloren und fast 200 verletzt wurden, ist in der Volksrepublik zu einem Politikum erster Klasse geworden. Familien von Opfern, Internetbenutzer und sogar offizielle Medien zürnen öffentlich über die Arroganz von «Tie lao da», dem «Grossen Bruder Bahn», wie das skandalträchtige Eisenbahnministerium im Volksmund genannt wird. Ministerpräsident Wen Jiabao versuchte am Donnerstag mit einem sorgfältig inszenierten Besuch am Unglücksort und bei Betroffenen, das Vertrauen in die Institutionen des Staates aufrechtzuerhalten…

Bernhard Bartsch | 28. Juli 2011 um 04:13 Uhr

 

Die blauen Ratten von Xintang

Firmen aus aller Welt lassen in der chinesischen Provinz Guangdong Jeans und Dessous produzieren – mit katastrophalen Folgen für Mensch und Natur.

Yu Li hat die Hände eines Außerirdischen. “Wie ein blauer Alien”, sagt er, als er sie zu Krallen formt. Die blaue Farbe reicht bis an seine Unterarme und lässt sich schon lange nicht mehr abwaschen. Doch daran hat sich Yu Li, Ende dreißig, ebenso gewöhnt wie an den Juckreiz, den die Chemikalien auf seiner aufgeweichten Haut auslösen. Zwölf Stunden steht er jeden Tag an einer großen Waschtrommel, in der Jeans mit Lavasteinen und Bleichmitteln geschleudert werden, um ihnen den Stone-Washed-Look zu verleihen. Pro Schicht gehen Tausende Jeans durch seine Hände. Am Monatsende bekommt er dafür 1800 Yuan, umgerechnet rund 200 Euro…

Bernhard Bartsch | 17. Februar 2011 um 03:16 Uhr

 

Der Schachspieler

Wang Keqin ist Chinas berühmtester Enthüllungs-Reporter. Ein gefährlicher Job, bei dem es darauf ankommt, die Züge der Gegner so gut wie möglich zu berechnen.

“Wenn wir diesen Artikel nicht drucken, finde ich keinen Frieden mehr.” An diesen Satz seines Chefredakteurs aus dem vergangenen Januar erinnert sich Wang Keqin gern. Sie saßen sich damals gegenüber, in wattierte Mäntel gehüllt, denn die Heizung kam gegen den Pekinger Winter nicht an. Bao Yueyang, der Chefredakteur, hatte gerade den Entwurf einer Reportage gelesen, für die Wang sechs Monate lang recherchiert hatte. Sie enthielt Enthüllungen, von denen Leben und Gesundheit Hunderttausender Menschen abhingen. Enthüllungen, mit denen Bao und Wang nicht nur ihre eigenen Karrieren, sondern auch die Existenz ihrer Zeitung aufs Spiel setzen würden. Enthüllungen, wie sie in China noch kein Medium zu veröffentlichen gewagt hatte…

Bernhard Bartsch | 04. Februar 2011 um 14:06 Uhr

 

Schenken auf Chinesisch

Was tun mit ungewollten Geschenken? In China gibt es dafür eine eigene Industrie – und das Geschäft mit Gebrauchtpräsenten floriert.

Von China lernen heißt Pragmatismus lernen: Während hierzulande zur Weihnachtszeit viele Menschen mit der Frage ringen, was sie mit all den ungewollten Geschenken anfangen sollen, lösen die Chinesen das Problem mit einer eigenen Industrie. Hässliche, nutzlose oder doppelte Präsente gibt es in China nicht, nur billige und teure…

Bernhard Bartsch | 27. Dezember 2010 um 02:20 Uhr

 

Chinas Filz

Immer mehr Chinesen werden reich. Bekennen will sich jedoch kaum jemand zu seinem Vermögen. Denn häufig ist der Wohlstand auf Korruption gebaut.

Bill Gates und Warren Buffett sind es nicht gewohnt, dass man sie meidet. Doch wenn der Software-Pate und der Investment-Guru diese Woche in Peking Superreiche für ihre Idee zu gewinnen versuchen, die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden, müssen sie keinen Ballsaal mieten. Nur wenige der Eingeladenen haben ihr Kommen angemeldet. Nicht dass es China an Reichen mangeln würde. Laut dem US-Magazin «Forbes» gibt es 64 chinesische Dollar-Milliardäre sowie mehrere hunderttausend Millionäre. Doch chinesische Wohlhabende bekennen sich nur ungern zu ihrem Geld. Denn Wirtschaft und Politik sind in China enger verbunden, als die Öffentlichkeit wissen soll…

Bernhard Bartsch | 26. September 2010 um 16:18 Uhr

 

Klappern als Handwerk

Lebensläufe chinesischer Jobbewerber sind oft voller Erfindungen. Lange galt Schummeln als Volkssport – bis 200 Piloten mit Falschangaben erwischt wurden.

Ist ein Zeitungsbote ein Logistikdienstleister? Sind Kellner Customer Manager? Und dürfen sich Nachhilfelehrer als Dozenten oder akademische Berater bezeichnen? In Lebensläufen wird häufig Sprachkosmetik betrieben– und warum sollten Jobsuchende auch bescheidener auftreten als ihre Arbeitgeber, die nach außen oft ebenso gerne übertreiben? Nirgends dürfte die Lebenslaufkosmetik allerdings wildere Blüten treiben als in China…

Bernhard Bartsch | 07. September 2010 um 14:48 Uhr

 

Zwölf Fäuste für den Frieden

Sechs chinesische Polizisten haben versehentlich die Frau ihres Chefs krankenhausreif geschlagen und so eine Diskussion über staatliche Willkür entfacht.

Sechzehn Minuten sind eine lange Zeit. Wenn man misshandelt wird, sind 16 Minuten eine Ewigkeit. Bei Profiboxkämpfen werden in sechzehn Minuten volle vier Runden absolviert, inklusive Pausen. Doch für Chen Yulian gab es keine Unterbrechung. Sechzehn Minuten lang wurde die 58-Jährige am Eingangstor der Provinzzentrale der Kommunistischen Partei im zentralchinesischen Wuhan von sechs Polizisten geschlagen, getreten und beschimpft, bis sie in Ohnmacht fiel. Zweifel an ihrem Verhalten befiel die Aggressoren erst, als man ihnen später mitteilte, wen sie da malträtiert hatten: nicht etwa irgendeine hilflose ältere Dame, sondern die Ehefrau eines hohen Vorgesetzten…

Bernhard Bartsch | 22. Juli 2010 um 02:28 Uhr

 

Der Absturz des Aufsteigers

Chinas ehemals reichster Mann steht wegen Korruption vor Gericht.

Vom Tellerwäscher zum Millionär und zurück: Huang Guangyu galt als prototypischer chinesischer Aufsteiger – bis er auf ebenso charakteristische Weise abstürzte. Der Gründer der Elektromarktkette Gome, der ehemals als Chinas reichster Mann galt, steht seit gestern in Peking vor Gericht und muss damit rechnen, wegen Insiderhandels, Bestechung und anderer illegaler Geschäftspraktiken den Rest seines Lebens in Haft zu verbringen…

Bernhard Bartsch | 22. April 2010 um 23:53 Uhr

 

Harte Strafen

Rio-Tinto-Manager müssen wegen Korruption für bis zu 14 Jahre in Haft. Doch das Urteil lässt viele Fragen offen.

Es ist das Ende eines internationalen Wirtschaftskrimis: China hat vier Manager des australischen Bergbaukonzerns Rio Tinto wegen Korruption zu langen Haftstrafen verurteilt. Sie sollen Schmiergelder in Höhe von 13 Millionen Dollar angenommen und sich durch Bestechung vertrauliche Regierungsdokumente beschafft haben, in denen Chinas Verhandlungsstrategie im Preispoker um Eisenerz beschrieben wurde…

Bernhard Bartsch | 29. März 2010 um 23:47 Uhr

 

Mord im Namen des Volkes

In einem chinesischen Dorf gilt ein 18-Jähriger als Held, weil er den korrupten Parteisekretär erstochen hat.

“Es war ein guter Stich”, sagen die Leute und heben die Daumen. Die Messerspitze traf Parteisekretär Li Shiming direkt ins Herz, er brach auf der Stelle tot zusammen. Der Täter, der 18-jährige Zhang Xuping, war schnell gefasst. Mehrere Anwohner hatten ihn davonlaufen sehen und wiesen den Polizisten den Weg. Doch heute ärgern sich einige, dass sie damals nicht die Geistesgegenwart besaßen, die Beamten in die falsche Richtung zu schicken. Zwar war der Stich ins Herz von Parteisekretär Li eine Art Auftragsmord. Die Bezahlung: Handy-Guthabenkarten im Wert von 1 000 Yuan (100 Euro)…

Bernhard Bartsch | 26. Januar 2010 um 05:26 Uhr

 

Sichere Siege im 1+2+1-System

Sitzen die Hintermänner des Fußball-Wettskandals in China? Das ist noch nicht bewiesen, aber eine gute Wette ist es allemal.

Fußball ist für Zhang Jie ein Spiel der Wahrscheinlichkeiten. Genauso wie Basketball, Eishockey oder die Dutzenden anderen Sportarten, mit denen er täglich zu tun hat. Für viele Disziplinen kennt er nicht einmal die Regeln, und sie interessieren ihn auch nicht. Zhangs Welt sind die Zahlen, die sein Computer generiert: Wie wahrscheinlich ist es, dass Bayern München am kommenden Sonntag gegen Hannover 96 gewinnt? Oder dass die Bayern den ersten Freistoß erhalten? Oder die erste gelbe Karte? Oder beides?…

Bernhard Bartsch | 25. November 2009 um 05:15 Uhr

 

Hinrichtungen im Babymilchskandal

Chinas oberstes Gericht lässt Todesstrafe für Hauptverantwortliche vollstrecken.

Sie waren verantwortlich für den Tod von sechs Kleinkindern, die Erkrankung von 300.000 weiteren und einen katastrophalen Gesichtsverlust der chinesischen Regierung unmittelbar nach den Olympischen Spielen: Zwei Hauptbeschuldigte im Skandal um vergiftetes Babymilchpulver, der vor einem Jahr die Volksrepublik erschütterte, sind am Dienstag hingerichtet worden…

Bernhard Bartsch | 24. November 2009 um 22:06 Uhr

 

Der rote Rätsler

Krimiautor Qiu Xiaolong ist der weltweit bestverkaufte chinesische Autor. Doch Chinas Zensoren verhindern, dass er in der Heimat bekannt wird.

Qiu_XiaolongQiu Xiaolong besitzt keine Pistole. “Für einen Krimiautor ist das offenbar ungewöhnlich”, meint der 56-Jährige. “Mein amerikanischer Verleger hat mir jedenfalls geraten, mir eine Schusswaffe zuzulegen und sie auch in meinen Büchern häufiger einzusetzen.” Aber wozu braucht man Gewehre, wenn es auch Messer und Küchenbeile gibt? Und wenn sich Mörder statt von Einsatzkommandos auch mit sozialen Umzingelungsmanövern einkreisen lassen? “Meine Krimis spielen in China”, sagt Qiu, “und dort laufen Verbrechen und Verbrechensbekämpfung eben etwas anders ab als in Amerika.”…

Bernhard Bartsch | 09. Oktober 2009 um 12:32 Uhr

 

Blei im Blut

In China sind in der Nähe zweier Schmelzereien und Hüttenwerke mehr als 2200 Kinder an Vergiftungen erkrankt. Sie sind Opfer skrupelloser Betreiber und Beamter.

“In China gibt es einen neuen Klassenkampf: Auf der einen Seite stehen die Gesetzestreuen, und auf der anderen jene, die es nicht nötig haben, sich an Gesetze zu halten.” So kommentiert ein junger Chinese in einem Internetportal den jüngsten Giftskandal der Volksrepublik: Tausende Kinder sind an Bleivergiftung erkrankt, weil sie in der Nähe von großen Schmelzereien leben, deren Besitzer Umweltauflagen über Jahre ignoriert haben – offenbar mit Wissen der lokalen Behörden…

Bernhard Bartsch | 21. August 2009 um 07:20 Uhr