Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Die einsame Weltmacht

Wie viel Respekt Chinas neue Führung verdient, wird sich daran entscheiden, wie viel Mut zur Veränderung sie aufbringt.

Wenn internationale Politiker China Respekt zollen wollen, sagen sie gerne, sie würden ihre chinesischen Kollegen nicht um ihren Job beneiden. Wie könnte sich ein deutscher Minister oder EU-Kommissar auch vorstellen, ein Land mit 1,3 Milliarden Menschen zu regieren? Trotzdem ist die Demut natürlich Heuchelei. Egal ob demokratisch gewählt oder im Einparteiensystem aufgestiegen – Vollblutpolitiker streben stets nach noch größeren Aufgaben, ganz unabhängig davon, ob sie dafür ernsthafte Lösungen haben. Die rettende Idee werde ihnen schon kommen, glauben sie. Leider ist das oft ein Irrtum. Chinas neue Führungsgeneration, die dieser Tage endgültig die Macht übernimmt, muss deshalb niemandem leidtun – und sich ihren Respekt erst verdienen…

Bernhard Bartsch | 15. März 2013 um 06:44 Uhr

 

Ein Palast für die Partei

Braucht ein armes Provinzstädtchen ein Rathaus, das doppelt so groß ist wie das Weiße Haus?

Mit der Kommunistischen Partei hat Liang Yingzheng abgeschlossen. „Es ist, als würde uns die Regierung täglich ins Gesicht spucken“, sagt der Bauer und wirft einen Klumpen Erde auf den Bauzaun am Rande seines Feldes. Was sich dahinter erhebt, wirkt fast, als sei mitten im Ackerland ein Ufo gelandet: ein strahlend weißer Gebäudekomplex mit großzügigen Glasflächen und hohen Säulen. Das Zentrum bildet ein Triumphbogen mit dem Emblem der Volksrepublik, fünf goldenen Sternen auf rotem Grund. „Wozu brauchen wir hier so etwas?“, erzürnt sich Liang. „Wer kommt auf die Idee, dass unser Leben dadurch besser würde?“…

Bernhard Bartsch | 30. Oktober 2012 um 11:08 Uhr

 

„Jeder Kader heißt Bo“

„Opa Wen“ gilt in China als bescheidener Spitzenpolitiker. Doch jetzt berichtet die „New York Times“ von einem Milliardenvermögen der Premier-Familie.

„Jeder Kader heißt Bo“, titelte kürzlich das regimekritische Hongkonger Politikmagazin „Sun“. Bo – das ist Bo Xilai, der ehemalige Parteichef der westchinesischen Metropole Chongqing, dessen Frau einen britischen Geschäftsmann ermordete und der selbst wegen Bereicherung und Amtsmissbrauchs angeklagt ist. Der beispiellose Absturz des einstigen Politstars hat die Vorbereitungen für den in zwei Wochen beginnenden Parteitag, bei dem Chinas Kommunisten eine neue Führungsgeneration ins Amt heben wollen, in schwere Turbulenzen gestürzt, doch Peking versucht das Verfahren zu nutzen, um sein angebliches Engagement in Sachen Korruptionsbekämpfung zu demonstrieren…

Bernhard Bartsch | 26. Oktober 2012 um 16:20 Uhr

 

Partei schließt Bo Xilai aus

Bo Xilai kommt wegen Amtsmissbrauchs und Bestechlichkeit vor Gericht. Ihm droht die Todesstrafe.

Im Politdrama um den einstigen chinesischen Spitzenkader Bo Xilai hat der dritte und letzte Akt begonnen: Der gestürzte Parteichef von Chongqing ist aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen worden und soll wegen Amtsmissbrauchs, Bestechlichkeit und anderer Verbrechen verurteilt werden. Dazu zählen seit Freitag „ungebührliche sexuelle Beziehungen“ zu mehreren Frauen. Mit der Meldung beendete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua am Freitag das monatelange Rätselraten um das Schicksal des charismatischen 63-Jährigen, der bis zu seinem jähen Fall im Frühjahr als Anwärter auf einen Spitzenposten in Chinas neuer Führung galt…

Bernhard Bartsch | 28. September 2012 um 08:19 Uhr

 

Nackte Kader

Chinas korrupte Kader schaffen Geld ins Ausland. Immer mehr Beamte setzen sich dann mit ihren Familien ab.

Vor einer Woche war Wang Guoqiang noch ein Unbekannter, doch seit wenigen Tagen ist sein Name so berühmt, dass selbst Chinas hoch entwickelte Internetzensur es nicht mehr schafft, ihn aus der öffentlichen Debatte zu verbannen. Der ehemalige Parteisekretär des nordostchinesischen Fengcheng soll sich mit seiner Familie und 200 Millionen Yuan (25 Millionen Euro) ins Ausland abgesetzt haben, berichten chinesische Medien. Das Geld stammt aus der Stadtkasse, und viele Chinesen fragen sich, wie ein einzelner Beamter in einer rückständigen Provinzstadt mit einer verhältnismäßig geringen Einwohnerzahl von 580000 Menschen unbemerkt eine derart riesige Summe entwenden kann…

Bernhard Bartsch | 02. September 2012 um 12:59 Uhr

 

Tod auf Bewährung

Tod sagen und Haft meinen: Das Giftmordverfahren gegen Gu Kailai endet mit „aufgeschobener Todesstrafe“. Sie dürfte mit lebenslanger Haft davonkommen.

„Chinas Rechtssystem funktioniert anders als das amerikanische: Wir spielen nicht mit Worten“, schrieb eine chinesische Wirtschaftsanwältin 1998 in ihrem Buch „Wie man in den USA einen Prozess gewinnt“. Chinesische Verbrecher könnten sich nicht mit juristischen Winkelzügen ihrer gerechten Strafe entziehen. Wer in China einen Mord begehe, werde „verhaftet, verurteilt und exekutiert“. 14 Jahre später kann die Autorin von Glück sagen, dass sie mit ihrer Einschätzung weit daneben lag: Gu Kailai, Juristin, Unternehmerin und Gattin des in Ungnade gefallenen Spitzenkaders Bo Xilai, erhielt am Montag eine „aufgeschobene Todesstrafe“ für die Ermordung ihres britischen Geschäftspartners Neil Heywood…

Bernhard Bartsch | 20. August 2012 um 09:31 Uhr

 

Chinas Lady Macbeth

Die Funktionärsgattin Gu Kailai steht wegen Mordes vor Gericht – ein Schauprozess.

Gu Kailai ist mit vielen bösen Frauen der Geschichte verglichen worden: mit Shakespeares Lady Macbeth, die ihren Mann zum Mord verführte; mit Maos Gattin Jiang Qing, die dem Großen Steuermann die verheerende Kulturrevolution eingeredet haben soll; oder mit den Fuchsgeistern der chinesischen Märchenwelt, die Ehrenmänner bezirzen und auf Abwege führen. Alle Vergleiche hinken, doch die Suche nach Vorbildern zeigt, was für großes Kino auf Chinas politischer Bühne derzeit geboten wird…

Bernhard Bartsch | 08. August 2012 um 09:54 Uhr

 

Tomatenrepublik China

Die Turbulenzen in Chinas Kommunistischer Partei offenbaren ein kompliziertes Wechselspiel zwischen Staatspresse, Internetforen und Auslandsmedien.

In politisch turbulenten Zeiten können Tomaten zu Waffen werden. Seit Mitte April gehört „Xihongshi“ (Chinesisch für Tomate) zu den Begriffen, die bei Chinas Internetzensoren auf dem Index stehen. Alle Nachrichten über die rote Strauchfrucht werden seitdem entweder automatisch blockiert oder von Überwachungssoftware an die Cyberpolizei weitergeleitet. Denn Tomate ist eines der Synonyme, das Internetbenutzer für Bo Xilai verwenden, den ehemaligen Parteichef von Chongqing, der im Zentrum von Chinas wohl größtem politischem Skandal seit Jahrzehnten steht. „Xihongshi“ klingt so ähnlich wie „westliche rote Stadt“ – eine nahe liegende Anspielung auf die westchinesische Metropole, die unter Bo eine „rote Kampagne“ erlebte, die viele Beobachter an die Kulturrevolution erinnerte…

Bernhard Bartsch | 01. Mai 2012 um 05:59 Uhr

 

Der Genosse hört mit

Chongqings gestürzter Parteichef Bo Xilai soll die Telefone von Präsident Hu Jintao und anderen Spitzenpolitikern abgehört haben.

„Bo Xilai hat die Telefone von Chinas höchsten Führern abgehört und ihre Bodyguards waren seine Spione.“ Als dieses Gerücht Anfang April in chinesischen Mikroblogforen auftauchte, glaubten viele Internetbenutzer an eine krude Verschwörungstheorie. Dass Chongqings einst gefeiertem Parteichef Korruption, seiner Frau Mord und seinem Polizeichef Fahnenflucht vorgeworfen wurde, war bereits ein Politthriller, wie ihn China noch nicht erlebt hatte. Dass der hollywoodreife Plot noch einen Spionagekrimi enthalten sollte, schien der Verwicklungen zu viel. Doch offenbar hat Bo tatsächlich die Gespräche der Spitzengenossen belauscht…

Bernhard Bartsch | 26. April 2012 um 16:59 Uhr

 

Ein Prinz wird demontiert

Der Spitzenpolitiker Bo Xilai fällt tief und stürzt die Partei ins Dilemma.

Die brisantesten Nachrichten werden in China oft in nächtlicher Stunde vermeldet. Was zur Unzeit über den Ticker läuft, erregt am wenigsten Aufsehen, scheinen Pekings Propagandabeamte zu hoffen. In der Nacht zum Mittwoch wartete die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua bis kurz vor Mitternacht, bevor sie in knappen Sätzen mitteilte, was nichts weniger ist als das öffentliche Eingeständnis von Korruption und Amtsmissbrauch in den höchsten Rängen der Kommunistischen Partei: Der Mitte März gestürzte Chongqinger Parteisekretär Bo Xilai, einst als Schlüsselfigur der künftigen Führung gehandelt, ist wegen mutmaßlicher „schwerer Disziplinarvergehen“ aller Ämter enthoben worden…

Bernhard Bartsch | 11. April 2012 um 05:24 Uhr

 

Kleine Geschäfte unter Freunden

Korruption gilt als Chinas größtes soziales Übel, doch die Spitzenpolitiker inszenieren sich als Saubermänner. Dabei betreiben auch ihre Familien dubiose Geschäfte.

Chinas Zensoren befinden sich derzeit in höchster Alarmbereitschaft. Seit der Absetzung von Chongqings Parteichef Bo Xilai wird im Internet über den Grund seines Sturzes spekuliert, den die Staatsmedien zwar knapp meldeten, aber nicht erklärten. Von parteiinternen Intrigen und Korruptionsermittlungen gegen Bos Familie ist die Rede – beide Vorwürfe treffen die Führung an einer verwundbaren Stelle. Denn die Parteispitze inszeniert sich gerne als diszipliniertes Kollektiv gewissenhafter Volksdiener. Dass mit Bo einer der größten Polit-Stars des Landes, der bis vor kurzem noch als Schlüsselfigur der künftigen Führungsmannschaft gehandelt wurde, in ein schiefes Licht gerät, nährt Zweifel an der gesamten politischen Elite…

Bernhard Bartsch | 27. März 2012 um 05:06 Uhr

 

Kader im Stressurlaub

China rätselt über den Verbleib von Korruptionsermittler Wang Lijun: Hat er politisches Asyl in den USA beantragt, oder ist das Opfer einer Rufmordkampagne?

Es klingt wie die Handlung eines Politthrillers: In einem amerikanischen Konsulat in China beantragt ein Spitzenkader der Kommunistischen Partei politisches Asyl. Seine Fahnenflucht bringt die beiden Großmächte auf Kollisionskurs. Peking verlangt die Herausgabe des Überläufers, doch Washington kann sich darauf nicht einlassen, weil der Geheimdienst auf sein Insiderwissen brennt und ihm im Falle einer Auslieferung die Todesstrafe droht. Das Konsulatsgebäude wird zum weltpolitischen Panikraum, in das die Chinesen nicht eindringen können, ohne eine Krieg zu provozieren, aus dem die Amerikaner ihren Schützling aber auch nicht in Sicherheit bringen können. Am Ende stehen ein fauler Deal oder die atomare Apokalypse. Der Plot und seine Varianten beflügeln derzeit die Fantasie der chinesischen Internetgemeinde…

Bernhard Bartsch | 08. Februar 2012 um 17:17 Uhr

 

Die Wutbürger von Wukan

Ein chinesisches Dorf probt den Volksaufstand gegen die korrupten Behörden – ein Zeichen von tief sitzender sozialer Unzufriedenheit.

„Alter Xue, leider warst du für Time zu spät.“ Kurznachrichten wie diese verbreiten sich im chinesischen Internetforen derzeit tausendfach – schneller als die Zensoren der Kommunistischen Partei sie entschlüsseln und löschen können. Dabei ist die Anspielung in ihren Augen hoch subversiv: Das amerikanische Nachrichtenmagazin Time hat am Donnerstag Demonstranten in aller Welt zur Person des Jahres 2011 gekürt – und der südchinesische Bauer Xue Jinbo wäre womöglich in die Galerie der berühmtesten Protest-Ikonen aufgenommen worden, wenn sein Tod vor Redaktionsschluss bekannt gewesen wäre. Der 42 Jahre alte Xue war einer der Anführer der größten Demonstrationen, die China seit Jahren erlebt…

Bernhard Bartsch | 15. Dezember 2011 um 18:10 Uhr

 

„Opa Wen“ gegen den „Großen Bruder Bahn“

Chinas Bevölkerung reagiert wütend auf das Zugunglück von Zhejiang. Der Zorn zeigt das geringe Vertrauen in die Institutionen des Staates.

Das Zugunglück in der südchinesischen Provinz Zhejiang, bei dem am vergangenen Samstag 39 Personen ihr Leben verloren und fast 200 verletzt wurden, ist in der Volksrepublik zu einem Politikum erster Klasse geworden. Familien von Opfern, Internetbenutzer und sogar offizielle Medien zürnen öffentlich über die Arroganz von «Tie lao da», dem «Grossen Bruder Bahn», wie das skandalträchtige Eisenbahnministerium im Volksmund genannt wird. Ministerpräsident Wen Jiabao versuchte am Donnerstag mit einem sorgfältig inszenierten Besuch am Unglücksort und bei Betroffenen, das Vertrauen in die Institutionen des Staates aufrechtzuerhalten…

Bernhard Bartsch | 28. Juli 2011 um 04:13 Uhr

 

Die blauen Ratten von Xintang

Firmen aus aller Welt lassen in der chinesischen Provinz Guangdong Jeans und Dessous produzieren – mit katastrophalen Folgen für Mensch und Natur.

Yu Li hat die Hände eines Außerirdischen. „Wie ein blauer Alien“, sagt er, als er sie zu Krallen formt. Die blaue Farbe reicht bis an seine Unterarme und lässt sich schon lange nicht mehr abwaschen. Doch daran hat sich Yu Li, Ende dreißig, ebenso gewöhnt wie an den Juckreiz, den die Chemikalien auf seiner aufgeweichten Haut auslösen. Zwölf Stunden steht er jeden Tag an einer großen Waschtrommel, in der Jeans mit Lavasteinen und Bleichmitteln geschleudert werden, um ihnen den Stone-Washed-Look zu verleihen. Pro Schicht gehen Tausende Jeans durch seine Hände. Am Monatsende bekommt er dafür 1800 Yuan, umgerechnet rund 200 Euro…

Bernhard Bartsch | 17. Februar 2011 um 03:16 Uhr