Der Aufmarsch der roten Smileys
Am 20. Jahrestag des Tiananmen-Massakers versucht Peking Normalität vorzutäuschen. Doch die Nervosität der Partei bleibt dem Volk nicht verborgen.
Für ihren großen Tag hat Chinas Staatssicherheit den Gärtner bestellt. Pünktlich zum 20. Jubiläum des Tiananmen-Massakers haben sie vor dem mächtigen Betonklotz, schräg gegenüber vom Tor des Himmlischen Friedens, frische Blumenrabatten anlegt. Die Zentrale des Sicherheitsapparats, der seinerzeit der Armeeaufmarsch vorbereitete, soll für die Kameras der Weltpresse ein friedliches Bild abgeben – so friedlich wie die Studenten, die ihr Engagement für politische Reformen am 4. Juni 1989 tausendfach mit dem Leben bezahlten…
Chinas schmutziges Geheimnis
Zwanzig Jahre nach dem Tiananmen-Massaker schweigt die Partei die Tragödie noch immer tot. Chinas junge Intellektuelle interessieren sich gerade deshalb dafür.
Die Touristen kommen kurz vor Sonnenaufgang. Mit einheitlichen Schirmmützen steigen sie aus ihren Bussen und folgen den Fähnchen der Reiseleiter, die per Megafon lustlos Erklärungen aufsagen: 40 Hektar, größter gepflasterter Platz der Welt, hier das Denkmal der Revolutionshelden, dort das Mausoleum des Vorsitzenden Mao. Im Westen die Große Halle des Volkes, im Norden das Tor des Himmlischen Friedens. Dann erschallt Musik, tausende Besucher drängen sich um den Flaggenmast, an dem Soldaten in Paradeuniformen eine rote Fahne befestigen und zum Klang der Nationalhymne in die Höhe ziehen. „Steht auf, seid kein Volk von Sklaven mehr“, singen einige mit…
Die Schwerkraft der Demokratie
Zwanzig Jahre nach der blutigen Niederschlagung der Pekinger Studentenproteste ist die Macht der Kommunistischen Partei stabiler denn je. Doch der Fortschritt hat die Chinesen anspruchsvoller gemacht – auch gegenüber ihrer Regierung.
Am 30. Mai 2007 betrat ein Mann mittleren Alters die Anzeigenabteilung der westchinesischen Provinzzeitung „Chengdu Abendnachrichten“, um eine Annonce aufzugeben. Der Text bestand aus dreizehn Schriftzeichen und sollte fünf Tage später im Großdruck erscheinen: „Gegrüßt seien die unnachgiebigen Mütter der Opfer des 4. Juni“. Der Anzeigenkunde bezahlte in bar und hinterließ für Nachfragen eine Handynummer. Die 23-jährige Angestellte, die den Text entgegennahm, machte sich darüber keine weiteren Gedanken…
Der letzte Trumpf des Genossen Zhao
Chinas ehemaliger Parteichef Zhao Ziyang, der 1989 den Militäreinsatz auf dem Tiananmen-Platz verhindern wollte, meldet sich aus dem Grab zurück: Kurz vor dem 20. Jahrestag des Massakers erscheinen seine heimlich verfassten Memoiren.
Chinas Kommunistische Partei ist undurchsichtig und stolz darauf. Schließlich hängt ihr Machterhalt maßgeblich davon ab, Schein und Sein fein säuberlich zu trennen. Umso verheerender ist es deshalb für die Partei, dass nun ausgerechnet ein ehemaliger Vorsitzender Licht in eines ihrer dunkelsten Kapitel bringt…
Endspiel in Tibet
Am 10. März 1959 erhob sich Tibet gegen die chinesischen Besatzer. 50 Jahre später ist die kulturelle Eigenständigkeit der Einheimischen mehr denn je bedroht.
Das kleine Wäldchen auf der Bergkuppe sieht nicht nach einem Schlachtfeld aus. “Aber manchmal haben wir hier richtige Gefechte”, erzählt ein Bauer aus dem Dorf im Tal, in dem seine Familie dem widerspenstigen Hochland mit Yak- und Schafzucht seit Generationen ein karges Auskommen abringt. “Wenn einer von uns Tibetern zum Holzschlagen geht, greifen die Muslime ihn an”, erklärt er, “und wenn einer von denen Bäume fällt, lassen wir uns das natürlich nicht gefallen.”
Lizenz 001
Vor 30 Jahren wurde China kapitalistisch – und Guo Peiji zum Pionier: Der Koch gründete Pekings erstes privatwirtschaftliches Restaurant.
Guo Peiji ist an diesem Morgen spät dran. „Ich hab mal richtig ausgeschlafen“, sagt der 76-Jährige, als er um kurz nach neun in dem kleinen Restaurant in der Cuihua-Gasse ankommt, wo sein Sohn und einige Angestellte schon Gemüse putzen. „Bis sechs Uhr hab ich faul im Bett gelegen.“
Der Stolz der Pekinger
Im Zentrum des Reichs der Mitte prallen Welten aufeinander. Das war vor 700 Jahren nicht anders als heute. Vom Leben in einer unberechenbaren Stadt.
Der Abend des 19. Dezember 1999 war klar und frostig, ein Abend wie gemacht für Bier und Popcorn in der No. 50 Bar. Es war eine der ersten Pekinger Kneipen nach westlichem Vorbild. Die Kundschaft bestand zur einen Hälfte aus ausländischen Studenten und zur anderen aus neuerdings wohlhabenden Chinesen, die bereitwillig zehn Yuan für ein Bier bezahlten, das im Restaurant um die Ecke zwei Yuan kostete. Ich gehörte zu ersteren…
Für die Menschen und das Land
Chinas Wirtschaft wächst und wächst und wächst. Doch für eine bessere Zukunft muss sich auch die Zivilgesellschaft weiterentwickeln. Fünf Porträts von Chinesen, die ihre Heimat gegen alle Widerstände voranbringen wollen.
Hu Jia und Zeng Jinyan kommen gerade aus dem Krankenhaus. Zeng ist im fünften Monat schwanger, und weil die Polizisten einen guten Tag haben, durfte ihr Mann sie zum Arzt begleiten. Nun sitzen sie bei SPR Coffee, einer chinesischen Starbucks-Kopie, und trinken Apfelsaft. Draußen stehen in Sichtweite zwei Limousinen mit verdunkelten Scheiben…
Die Sache mit dem Gesicht
Chinas Sozialkodex sorgt dafür, dass Fehler nicht mit Spott und Demütigungen bestraft werden. Das kann zu konstruktiver Kritik führen. Oder zu noch mehr Fehlern.
Gegen Ende des dritten vorchristlichen Jahrhunderts begegneten sich in einem chinesischen Kleinstaat namens Zhao zwei Pferdewagen. In dem einen saß der Dichter und Denker Lin Xiangru, den der König zum Premierminister ernannt hatte, nachdem er dem aggressiven Nachbarstaat Qin einen Nichtangriffspakt und ein großes Stück Jade abhandeln konnte. Die andere Kutsche gehörte Lins größtem Neider, General Lian Po. Die Straße war schmal, einer musste ausweichen…
“Wen interessiert schon die Wirklichkeit?”
Der chinesische Schriftsteller Li Er über die Spielregeln der staatlichen Zensur und Chinas Angst vor der Realität.
Li Er, geboren 1966 in der Provinz Henan, gehört zu den prominentesten Vertretern der chinesischen Gegenwartsliteratur. In seinen tragikomischen Romanen und Erzählungen beschreibt er, wie im modernen China alte Wahrheiten auf neue Realitäten prallen. 2004 erhielt Li den „Großen Medienpreis“ für chinesischsprachige Literatur. Kurz darauf erklärte ihn Göran Malmqvist, Mitglied der Schwedischen Akademie, zu „einem der vielversprechendsten Kandidaten für den Literaturnobelpreis“.
Welcher Kapitalismus darf’s denn sein?
In China wetteifert die kapitalistische Plan- mit der Clanwirtschaft. Erstaunlicherweise funktionieren beide.
In Wenzhou nennen sie Sun Jiangling einen „Schlangenkopf“. Woher die Bezeichnung stammt, weiß Sun selbst nicht genau. „Vielleicht, weil Schlangen schlau sind?“, fragt er lachend. „Oder weil sie lautlos überall hinkommen?“ Sun ist Menschenschmuggler. Seit fast 20 Jahren schleust er Zahlungswillige auf abenteuerlichen Routen ins Ausland. Taiwan ist mit 40 000 Yuan (rund 4000 Euro) das billigste Ziel…
Kommt doch!
Chinesische Konzerne wollen den Weltmarkt erobern. Im Westen fürchtet man sich sehr. Das ist ein wenig übertrieben.
Wenn man Andreas Bode warnt, dass die Chinesen kommen, dass sie bald alles schneller, billiger und besser machen werden als wir Deutschen, dass sie unsere Autos bauen, unsere Arbeitsplätze vernichten und unsere Unternehmen kaufen werden, dann lächelt er nur müde. „Die Chinesen kommen? Darauf warte ich schon seit Monaten.“
China – Drache oder Dino?
Aus einem Dinosaurier-Ei schlüpft ein Drache. Er ist kräftig und geschickt genug, um allein zu überleben. Doch er leidet an Durchblutungsstörungen und einem schwachen Rückgrat.
In ihren Träumen stehen viele Chinesen mit dem Rücken zum Peace Hotel. Gegenüber von Schanghais kolonialer Uferpromenade, dem Bund, erhebt sich, was wahlweise „Paris des Ostens“, „New York Chinas“, „Stadt der Zukunft“ oder einfach „Der Wahnsinn“ heißt: das Neubauviertel Pudong – Stolz, Schaufenster und Visitenkarte des Reichs der Mitte.
Hoher Spann
Wie man für 30 Mark in Fußstapfen des Großen Vorsitzenden treten kann – ein Besuch bei Maos Schuster.
Der, den wir suchen, ist in keinem Pekingführer aufgelistet. Kein Reisebüro kennt seinen Namen und kein Wegweiser verrät, wo er zu finden ist. Allzu verwechselbar ist sein altes Hofhaus. Wäsche hängt im Gang, auf dem Boden sind runde Kohlebrickets aufgestapelt und mitten auf dem Weg steht eine große Plastikwanne mit frisch gespühltem Geschirr.