<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Bernhard Bartsch &#187; Kommunismus</title>
	<atom:link href="http://www.bernhardbartsch.de/archiv/tag/kommunismus/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.bernhardbartsch.de</link>
	<description>TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN</description>
	<lastBuildDate>Tue, 07 Feb 2012 05:05:31 +0000</lastBuildDate>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.3</generator>
		<item>
		<title>König Kim III.</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/konig-kim-iii/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/konig-kim-iii/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 05 Sep 2010 23:08:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Kim Jong-il]]></category>
		<category><![CDATA[Kim Jong-un]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
		<category><![CDATA[Nordkorea]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=2104</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Die Herrschaft von Nordkoreas Kim-Clans geht in die dritte Generation. Das Land wird damit zur ersten kommunistischen Erbmonarchie.</h3>
William Shakespeare liebte Tyrannen, und das aus gutem Grund. Kein Stoff bescherte ihm verlässlichere Erfolge als Dramen über Herrscher zwischen Allmacht und Ohnmacht. In der Realität würde zwar niemand die Exzesse eines Macbeth oder Richard III. erleben wollen, aber auf der Bühne garantierten schlechte Regenten stets das bessere Theater. Wenn die Weltöffentlichkeit derzeit wieder nach Nordkorea blickt, dann folgt auch sie vor allem der shakespearianischen Lust am Schauen und Schaudern...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die Herrschaft von Nordkoreas Kim-Clans geht in die dritte Generation. Das Land wird damit zur ersten kommunistischen Erbmonarchie.</h3>
<p>William Shakespeare liebte Tyrannen, und das aus gutem Grund. Kein Stoff bescherte ihm verlässlichere Erfolge als Dramen über Herrscher zwischen Allmacht und Ohnmacht. In der Realität würde zwar niemand die Exzesse eines Macbeth oder Richard III. erleben wollen, aber auf der Bühne garantierten schlechte Regenten stets das bessere Theater.</p>
<p>Wenn die Weltöffentlichkeit derzeit wieder nach Nordkorea blickt, dann folgt auch sie vor allem der shakespearianischen Lust am Schauen und Schaudern. Der kränkelnde Diktator Kim Jong-il will diese Woche seine Arbeiterpartei zusammenrufen, um seinen jüngsten Sohn formell als Machterben zu installieren. Die Regentschaft des Kim-Clans soll damit in die dritte Generation gehen: 62 Jahre, nachdem Kim Il-sung mit Stalins Segen die Demokratische Volksrepublik Korea proklamierte, und 16 Jahre, nachdem sein Tod seinen Sohn Kim Jong-il zum Alleinherrscher machte, soll nun Kim Jong-un schrittweise die Staatsgeschäfte übernehmen. Nordkorea wird damit zur ersten kommunistischen Erbmonarchie.</p>
<p>Zwar ist über Kim III. bisher kaum mehr bekannt, als dass er knapp 30 Jahre alt und zeitweise in der Schweiz zu Schule gegangen sein soll. Trotzdem sind die Hoffnungen groß, dass er das Volk aus der familiären Geiselhaft entlassen und auf den Weg der Reformen führen könnte – spätestens nach dem Tod seines Vaters. Man kann sich schwer vorstellen, dass Kim Jong-un den Isolationismus seines Vaters noch Jahrzehnte fortführen will. Er dürfte sich kaum Illusionen darüber machen, dass Nordkorea heute nicht nur eines der ärmsten und verschlossensten Länder der Welt ist, sondern auch eines der meist verachteten, meist bemitleideten und meist verspotteten. Dabei hat der Staat die Vorraussetzungen für erfolgreiche Reformen: Seine Lage zwischen China, Russland und Südkorea ist strategisch günstig, es verfügt über eigene Rohstoffe, und die Weltgemeinschaft würde Nordkorea bereitwillig wirtschaftlich auf die Füße helfen, wenn sie damit das Problem einer unberechenbaren Atommacht lösen könnte.</p>
<p>Allerdings erbt Kim Junior ein Regime mit wenig Handlungsspielraum und schwindender Autorität. Sein Großvater Kim Il-sung regierte noch mit dem Charisma eines Revolutionshelden, der sich seine Position im Krieg gegen Japaner und Amerikaner erkämpft hatte und seinem Volk die Vision eines Neuanfangs nach sowjetischem Vorbild aufzeigen konnte. Zwar konnte Kim I. seine Versprechen nicht halten und sich nur durch Grausamkeit gegenüber seinen Widersachern an der Macht halten, doch seine Aura reichte aus, um in der Öffentlichkeit das Bild vom „Großen Führer“ aufrecht zu erhalten.</p>
<p>Kim Jong-il, versuchte die Ausstrahlung seines Vaters zu imitieren, indem er sich von der Staatspropaganda als „Geliebten Führer“ mit übermenschlichen Fähigkeiten inszenieren ließ: Bei seiner Geburt soll im tiefsten Winter der Frühling ausgebrochen sein, während des Studiums will er jeden Tag ein Buch geschrieben haben, und angeblich muss er nie die Toilette aufsuchen. In Wirklichkeit beruht die Herrschaft von Kim II. jedoch auf einem komplexen Machgeflecht, das nach dem alten Spiel von Zuckerbrot und Peitsche funktioniert. Die Familien der einflussreichen Fraktionen in Partei und Militär leben in einer abgeschlossenen Wohlstandssphäre, riskieren aber ihr Leben, wenn Zweifel an ihrer Loyalität aufkommen.</p>
<p>Auch Kim Jong-un dürfte in den kommenden Jahren propagandistisch verklärt werden, doch im Alltag herrscht er nur mit der Restautorität eines Revoluzzerenkels. Sein politisches Überleben hängt davon ab, dass der die Privilegien der Herrschaftselite sichern kann. Dabei dürfte es Kim III. zunehmend schwer fallen, seine Verbündeten zufrieden zu stellen. Denn je stärker Nordkorea international auf Konfrontationskurs geht, umso schwieriger kommt es an die nötigen Devisen. Und je mehr der interne und externe Druck auf das Regime zunimmt, umso mehr Mächtige dürften nach Alternativen zur Kim-Herrschaft suchen. Sollte das Regime stürzen, wird Kim Jong-un als erstes für die Schreckensherrschaft seiner Familie büßen müssen.</p>
<p>Nordkorea wird also weiter Stoff für Welttheater bieten – und Kim Jong-un hat das Potential für eine große Tragödienfigur. In Richard III. belegte Shakespeare seinen tyrannischen Protagonisten mit dem Fluch, seine Freunde für Verräter zu halten und seine Verräter für Freunde – und nie wieder ruhig zu schlafen. Kim III. könnte ein ähnliches Schicksal erleiden – außer er beweist die Größe, das üble Spiel seiner Väter zu beenden.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/konig-kim-iii/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Viele Meinungen, ein Weg</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/viele-meinungen-ein-weg/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/viele-meinungen-ein-weg/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 14 Mar 2010 14:32:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
		<category><![CDATA[Partei]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1868</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Chinas Nationaler Volkskongress endet mit Warnungen an alle, die Pekings Politik in Frage stellen: den Westen, Google und die Querdenker im eigenen Land.</h3>
Die Partei hat immer Recht – selbst wenn sie nicht immer einer Meinung ist. So könnte das Fazit des Nationalen Volkskongresses lauten, dessen Jahrestagung am Sonntag in Peking zu Ende gegangen ist. Zehn Tage lang konferierte Chinas 3000-köpfiges Kulissenparlament über die neuesten Richtlinien der Parteiführung und billigte sie schließlich mit sozialistischen 97 Prozent. „Wir müssen immer voller Zuversicht sein“, kommentierte Premier Wen Jiabao den bestellten Vertrauensbeweis...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Chinas Nationaler Volkskongress endet mit Warnungen an alle, die Pekings Politik in Frage stellen: den Westen, Google und die Querdenker im eigenen Land.</h3>
<p>Die Partei hat immer Recht – selbst wenn sie nicht immer einer Meinung ist. So könnte das Fazit des Nationalen Volkskongresses lauten, dessen Jahrestagung am Sonntag in Peking zu Ende gegangen ist. Zehn Tage lang konferierte Chinas 3000-köpfiges Kulissenparlament über die neuesten Richtlinien der Parteiführung und billigte sie schließlich mit sozialistischen 97 Prozent. „Wir müssen immer voller Zuversicht sein“, kommentierte Premier Wen Jiabao bei der abschließenden Pressekonferenz den bestellten Vertrauensbeweis. „Egal wie hoch ein Berg ist, man kann ihn immer besteigen.“</p>
<p>Dabei hatte sich in den vergangenen Tagen trotz aller zur Schau gestellter Einigkeit gezeigt, dass viele Grundsatzentscheidungen durchaus unumstritten sind. Vor allem in der Wirtschaftspolitik traten die Differenzen offen zu Tage. So gestand Zentralbankchef Zhou Xiaochuan in ungewohnter Offenheit ein, dass Peking bewusst den Wechselkurs des Yuan manipuliere, um Chinas Konjunktur zu unterstützen. Pekings Währungskursstrategie ist eines der größten Streitthemen zwischen der Volksrepublik und dem Ausland, insbesondere den USA, die China vorwerfen, chinesischen Exporten durch den künstlich billigen Yuan unfaire Vorteile zu verschaffen. Zhou erklärte, angesichts der Wirtschaftskrise habe man sich im Bezug zu einer „speziellen Yuan-Politik“ genötigt gesehen. Diese müsse jedoch zu einem angemessenen Zeitpunkt beendet werden, um zu „normaler Wirtschaftspolitik zurückzukehren“. Experten warnen, dass China ohne einen flexibleren Wechselkurs ein starker Inflationsanstieg drohe. Seine Aussagen hatte der Notenbanker aber offenbar nicht mit der Parteispitze abgestimmt, denn Premier Wen kassierte die Aufwertungsdebatte am Sonntag. „Ich glaube, dass der Yuan nicht unterbewertet ist“, erklärte der Regierungschef und verbat sich ausländische Kritik. „Wir sind gegen Vorwürfe. Externer Druck ist bei der Reform des Yuan-Wechselkurses nicht hilfreich.“</p>
<p>Auch andere Politiker scherten kurzfristig aus der Parteidisziplin aus. So stellte der stellvertretende Industrieminister Miao Wei die Weitsicht von Pekings Umwelt- und Klimaschutzpolitik in Zweifel. China investiert derzeit Milliarden in den Ausbau von erneuerbaren Energien, doch laut Miao ist ein Großteil des Geldes verschwendet. „Die meisten Windparks, die derzeit in China gebaut werden, sind reine Eitelkeitsprojekte“, sagte der Minister. Denn da die Turbinen alle in Regionen mit viel Sand stehen, würden sie viel zu schnell kaputt gehen. „In fünf Jahren werden wir fatale Ergebnisse haben“, so Miao. Uneinigkeit gab es auch beim Aufbau des Sozialsystems und bei der Änderung des Aufenthaltsrechts, des sogenannten Hukou-Systems. Chinas Medien sehen darin einen Beweis für die Diskussionsoffenheit des politischen Apparats, doch einen transparenten Prozess, wie die Vorschläge und Einwände in den Gesetzgebungsprozess eingehen, gibt es nicht. Bedeutende Neuerungen brachte der Volkskongress nicht zutage.</p>
<p>Vielmehr nutzte die Partei die öffentliche Aufmerksamkeit, um noch einmal mit ihren Kritikern ins Gericht zu gehen. So erneuerte Peking seine Angriffe gegen den US-Internetkonzern Google, der mit dem Rückzug aus China gedroht hat, sollte er weiterhin zur Zensur seiner Suchergebnisse gezwungen werden. Google habe bei seinem Markteintritt „ein feierliches Bekenntnis zu Chinas Gesetzen“ gegeben, erklärte Zhao Qizheng, Sprecher der Politischen Konsultativkonferenz, einem parallel zum Volkskongress tagenden Beratungsgremium. Mit seiner Kritik an China habe das Unternehmen „gegen unsere Praxis“ verstoßen und müsse mit harschen Konsequenzen rechnen. Einem Bericht der Financial Times zufolge sei inzwischen aber „99,9 Prozent“ sicher, dass Google seine Abzugsdrohung in die Tat umsetzen werde. Das Unternehmen hatte erklärt, Chinas Zensurbestimmungen widersprächen internationalen Standards von Meinungs- und Pressefreiheit.</p>
<p>Dass Google damit nicht falsch liegt, wurde beim Volkskongress eindrücklich demonstriert. Der Gouverneur der Provinz Hubei, Li Hongzhong, sorgte für einen Eklat, als er einer chinesischen Reporterin, die ihm eine unangenehme Frage gestellt hatte, kurzerhand das Diktiergerät wegnahm. Seitdem steht Li im chinesischen Internet und sogar in mehreren Zeitungen in der Kritik. Zum Abschluss des Kongresses forderten 210 prominente Journalisten und Intellektuelle in einem öffentlichen Brief Lis Rücktritt. Öffentlichen Spott zog auch die Pekinger Konsultativkonferenz-Abgeordnete Ni Ping auf sich, die es öffentlich als unpatriotisch bezeichnet hatte, bei Abstimmungen gegen die Vorschläge der Regierung zu stimmen. „Weil ich mein Vaterland liebe, vermeide ich Unruhe und gebe keine Gegenstimme ab und enthalte mich auch nicht“, wurde Ni in offiziellen Medien zitiert. „Das ist patriotisch und klug.“</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/viele-meinungen-ein-weg/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>&#8220;Wer schweigt, wird Teil des Systems&#8221;</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/wer-schweigt-wird-teil-des-systems/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/wer-schweigt-wird-teil-des-systems/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 10 Mar 2010 13:05:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Zensur]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1854</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Der Künstler Ai Weiwei über Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, seinen Rechtsstreit mit der chinesischen Regierung und Kunst in Zeiten des Internets.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/05/ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1130" title="ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/05/ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2-1024x1015.jpg" alt="" width="177" height="175" /></a><em>Bernhard Bartsch: Herr Ai, Sie werden beim Literaturfest lit.Cologne mit Herta Müller über "Politik und Kunst" diskutieren. Haben Sie schon einmal etwas von ihr gelesen?</em>

Ai Weiwei: Ich habe zwei Bücher und ihre Nobelpreisrede gelesen - aber nur, weil ich sie treffen werde. Ich bin kein guter Leser und habe kaum Vergleichsmöglichkeiten. Trotzdem finde ihre Werke einzigartig und habe großen Respekt davor, wie hartnäckig und leidenschaftlich sie ihre Themen behandelt...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Künstler Ai Weiwei über Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, seinen Rechtsstreit mit der chinesischen Regierung und Kunst in Zeiten des Internets.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/05/ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1130" title="ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/05/ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2-1024x1015.jpg" alt="" width="276" height="274" /></a><em>Bernhard Bartsch: Herr Ai, Sie werden beim Literaturfest lit.Cologne mit Herta Müller über &#8220;Politik und Kunst&#8221; diskutieren. Haben Sie schon einmal etwas von ihr gelesen?</em></p>
<p>Ai Weiwei: Ich habe zwei Bücher und ihre Nobelpreisrede gelesen &#8211; aber nur, weil ich sie treffen werde. Ich bin kein guter Leser und habe kaum Vergleichsmöglichkeiten. Trotzdem finde ihre Werke einzigartig und habe großen Respekt davor, wie hartnäckig und leidenschaftlich sie ihre Themen behandelt.</p>
<p><em>Hartnäckigkeit und Leidenschaft werden auch Ihnen nachgesagt, und das Hauptthema Ihrer Arbeit ist das gleiche wie bei Herta Müller: das Leben in der Diktatur. Ist Unterdrückung ein Katalysator für große Kunst?</em></p>
<p>Ich glaube, Kunst entsteht, wenn man das Chaos auf der Welt betrachtet und trotzdem nicht den Glauben daran verliert, dass es eigentlich anders sein sollte. Das möchte ich zeigen, mit Aktionen, die einfach sind, aber gerade dadurch stark und verständlich.</p>
<p><em>In ihrer jüngsten Aktion haben Sie vergangene Woche eine Klage gegen Chinas Ministerium für Zivile Angelegenheiten eingereicht, weil es nicht auf Ihre Fragen zum Sichuan-Erdbeben geantwortet hat, wo vor zwei Jahren über 5000 Kinder in maroden Schulgebäuden getötet wurden.</em></p>
<p>Ja, mit Freiwilligen und Anwälten habe ich über ein Jahr lang die Umstände untersucht, die zum Tod von so vielen Kindern geführt haben. Daraus haben sich über tausend Fragen ergeben, die wir den zuständigen Behörden schriftlich gestellt haben. Nach Chinas Gesetzen müssen Ämter Fragen aus dem Volk beantworten, aber sie kommen dieser Verpflichtung nicht nach.</p>
<p><em>Einen Rechtsstreit mit der chinesischen Regierung können Sie aber doch niemals gewinnen.</em></p>
<p>Natürlich weiß jeder, dass die Herrschaft der chinesischen Regierung auf Gesetzesverletzungen beruht, anders könnte sie gar nicht existieren. Aber wenn wir das einfach schweigend akzeptieren würden, wären wir Teil ihres Systems. Also bleibt uns keine andere Wahl, als so zu handeln, wie es unser Gewissen vorschreibt, ohne aufzugeben. Indem wir das in aller Öffentlichkeit tun und im Internet jeden Schritt transparent darstellen, schaffen wir bei den Menschen ein Bewusstsein dafür, wie China heute funktioniert.</p>
<p><em>Durch ihr politisches Engagement sind Sie in China heute in erster Linie als regimekritischer Blogger bekannt – selbst unter Künstlern. Wir haben an mehreren chinesischen Kunstakademien nachgefragt: Dort verfolgt fast jeder ihren Blog, aber nur wenige können sich daran erinnern, schon einmal ein Kunstwerk von Ihnen gesehen zu haben.</em></p>
<p>Das entspricht durchaus meiner Absicht. Denn was ist denn Kunst? Doch nicht nur Bilder oder Skulpturen, sondern auch gesellschaftliche Bewegungen &#8211; soziale Skulpturen, sozusagen. Letztlich geht es doch darum, dass man eine Situation mit frischem Blick betrachtet. Dafür müssen Künstler heute nicht mehr unbedingt Werke herstellen, die sich verkaufen und sammeln lassen.</p>
<p><em>Trotzdem ist Ihr Ausstoß an klassischen Kunstwerken, vor allem Skulpturen und Installationen, gewaltig. 2009 hatten Sie große Soloausstellungen in Tokio und München, dieses Jahr sind Sie in New York und London, und bei Auktionen gehören ihre Werke inzwischen zu den teuersten der Welt. Ohne Ihren finanziellen Erfolg könnten Sie sich Ihre anderen Freiheiten wohl auch kaum leisten.</em></p>
<p>Natürlich braucht jeder Geld, aber Geld hat leider auch dazu geführt, das unsere Gesellschaft heute durch und durch verrottet ist. Ich bemühe mich jedenfalls, mit meinem Geld etwas Gutes anzustellen. Weil ich für mich persönlich keine großen Ansprüche habe, fehlt es mir nie an Geld für Projekte, die mir am Herzen liegen. Ich denke, das ist für junge Menschen ein wichtiges Vorbild.</p>
<p><em>Das Wort &#8220;Vorbild&#8221; reicht bei Ihrer Popularität fast gar nicht mehr aus. Im chinesischen Internet haben Sie eine riesige Gefolgschaft, die täglich in ihren Blog-Einträgen und Tweets nach Orientierung im Umgang mit der Welt suchen. Manche sehen Sie regelrecht als Messias. Ist das nicht ein ungeheurer Druck?</em></p>
<p>Nein, ich spüre keinen Druck. Ich gehe mit Problemen einfach so um, wie ich es gelernt habe. Viele junge Menschen sehnen sich nach jemandem, der unabhängig denkt, eigene Ansichten hat und trotzdem überleben kann. Unsere Aktionen geben ihnen Hoffnung.</p>
<p><em>Ihre Anhänger sind größtenteils jung, und obwohl Sie 1957 geboren sind, bezeichnen sich selbst gerne als Angehörigen der Nach-Achtziger-Generation. Warum?</em></p>
<p>Weil die Nach-Achtziger in China die erste Generation sind, die aktiv das Internet benutzen und somit wirklich &#8220;menschlich&#8221; leben können. Meine Definition von &#8220;Mensch&#8221; ist, dass man frei seine Informationen erwerben, seine Wissensstruktur aufbauen und seine Meinung ausdrücken kann. Den älteren Generationen wurde das auf schlimmste Weise verwehrt. Ich verbringe meine Zeit inzwischen zum größten Teil im Internet, mindestens acht Stunden am Tag, manchmal 24. Denn durch das Internetzeitalter verändert sich die gesamte Machtstruktur &#8211; dessen muss man sich als Künstler immer bewusst sein.</p>
<p><em>ZUR PERSON<br />
</em></p>
<p><em>Ai Weiwei, Jahrgang 1957, gilt als bedeutendster chinesischer Gegenwartskünstler. Der Sohn eines liberalen Schriftstellers, der unter Mao als Rechtsabweichler gebrandmarkt wurde, verbrachte seine Jugend mit seinem Vater in einem Straflager. Nach der Kulturrevolution studierte er an der Pekinger Filmakademie, später in New York. Seit Anfang der Neunziger lebt und arbeitet Ai in Peking und ist neben seiner Kunst auch für seinen im Internet ausgetragenen Kampf mit der Kommunistischen Partei bekannt. Er ist einer der einflussreichsten Blogger der Volksrepublik.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/wer-schweigt-wird-teil-des-systems/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Das chinesische Modell</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/das-chinesische-modell/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/das-chinesische-modell/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 05 Mar 2010 13:28:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
		<category><![CDATA[Partei]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1851</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Chinas Aufstieg erscheint als eine der wenigen Konstanten der Weltpolitik. Ist das chinesische System dem westlichen tatsächlich überlegen?</h3>
Wundert einen in China eigentlich gar nichts mehr? Mit größter Selbstverständlichkeit beobachtet die Welt, wie sich dieser Tage in Pekings Großer Halle des Volkes wieder einmal der Nationale Volkskongress versammelt. Noch vor wenigen Jahren sah die Mehrheit der westlichen und kritischen chinesischen Beobachter den anachronistischen Delegiertenaufmarsch nach sowjetischem Vorbild als Zeichen, dass Chinas politisches System den Kontakt mit der Realität verloren habe. Inzwischen stehen die Kollaps-Propheten als Anachronisten da...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Chinas Aufstieg erscheint als eine der wenigen Konstanten der Weltpolitik. Ist das chinesische System dem westlichen tatsächlich überlegen?</h3>
<p>Wundert einen in China eigentlich gar nichts mehr? Mit größter Selbstverständlichkeit beobachtet die Welt, wie sich dieser Tage in Pekings Großer Halle des Volkes wieder einmal der Nationale Volkskongress versammelt, jenes 3000-köpfige Kulissenparlament, das der Herrschaft der Kommunistischen Partei eine demokratische Note verleihen soll. Noch vor wenigen Jahren sah die Mehrheit der westlichen und kritischen chinesischen Beobachter den anachronistischen Delegiertenaufmarsch nach sowjetischem Vorbild als Zeichen, dass Chinas politisches System den Kontakt mit der Realität verloren habe. Inzwischen stehen die Kollaps-Propheten als Anachronisten da. Chinas Aufstieg zur neuen Supermacht wirkt wie eine der letzten Konstanten der Weltpolitik. Spätestens seit der Finanzkrise, die China mit fast ungebremsten Wachstumsraten durchstand, erscheint die Volksrepublik als unerschütterlich. Statt sich Alternativen zu Chinas politischem Status quo vorzustellen, ist plötzlich die Suche nach Pekings Erfolgsgeheimnis en vogue: Gibt es ein &#8220;chinesisches Modell&#8221;? Und ist es dem politischen System des Westens womöglich sogar überlegen?</p>
<p>Zweifellos ist Chinas Einfluss in der Welt dramatisch gestiegen. 2010 wird die Volksrepublik zur zweitgrößten Volkswirtschaft nach den USA aufsteigen. Kein internationales Unternehmen kann es sich leisten, den chinesischen Markt zu ignorieren. Und da Geld die Welt regiert, ist das Ausland mehr denn je darauf angewiesen, auf Pekings Empfindlichkeiten Rücksicht zu nehmen. Das nutzt China aus. Die Vorsichtsregel des alten Deng Xiaoping, die Volksrepublik solle sich auf internationalem Parkett unbedingt unauffällig verhalten, hat Peking nicht mehr nötig. Offensiv verfolgt China seine Interessen, sei es in der Klimapolitik, bei der Reform der Finanzmärkte oder im Irankonflikt.</p>
<p>In westlichen Hauptstädten reagiert man darauf verärgert und fordert, Peking müsse sich an die Spielregeln halten. Dabei haben die Chinesen diese bereits besser verstanden, als es Amerikanern und Europäern recht ist: Sie schmieden eine neue Allianz aus Entwicklungs- und Schwellenländern und stellen damit die politische Dominanz der bisherigen De-facto-Weltregierung der G8-Staaten erstmals seit Jahrzehnten ernsthaft in Frage. Chinesische Medien feiern dies als Wiederaufstieg zu alter Stärke. Fast täglich finden sich in chinesischen Zeitungen Überschriften wie &#8220;Es ist Zeit für ein chinesische Modell&#8221;, &#8220;Die Dominanz des chinesische Modells&#8221; oder gar &#8220;Das chinesische Modell rettet die Menschenrechte&#8221;. Doch solch zur Schau gestelltes Selbstbewusstsein, das auch im Ausland Eindruck macht, verschweigt, dass China für seine großen innenpolitischen Herausforderungen noch längst kein Modell gefunden hat. 30 Jahre, nachdem die Kommunisten ihre sozialistischen Ideale begraben haben, steuern sie ihr Land noch immer nach dem Prinzip &#8220;Versuch und Irrtum&#8221;. Sie haben häufig die falsche Wahl getroffen: So zerschlugen sie Ende der Achtziger das sozialistische Sozialsystem, statt es zu reformieren und müssen nun ein neues aufbauen. Seit Jahren scheitern alle Versuche, die Kluft zwischen Arm und Reich zu verkleinern &#8211; sie wächst beständig. Die Umweltprobleme sind so gewaltig, dass die Folgekosten einen großen Teil des Fortschritts zunichte zu machen drohen. Alle Versuche, die grassierende Korruption zu bekämpfen, sind gescheitert.</p>
<p>Chinas Regierung macht aus diesen Problemen keinen Hehl. Im Gegenteil: Jahr für Jahr beschwört der Premierminister in seiner Regierungserklärung vor dem Volkskongress die ungeheuren Herausforderungen, denn die Angst, an ihnen zu scheitern, ist eine tragende Säule im Machtsystem der Partei. Mit der Einmaligkeit der chinesischen Situation lässt sich bestens argumentieren, dass die wirtschaftlichen und sozialen Rezepte des Auslands in China nicht funktionieren können. Die Sorge vor Instabilität erlaubt der Regierung, immer wieder zu Maßnahmen zu greifen, die gegen ihre eigenen Gesetze verstoßen, etwa wenn Kritiker mundtot zu machen und unbequeme Meinungen zu zensieren sind. China müsse seinen eigenen Weg finden, lautet das Mantra, das auch sagt: Einzig die Kommunistische Partei weiß den Weg.</p>
<p>Zweifellos hätte Chinas Entwicklung schlechter, viel schlechter verlaufen können. So sehr die Kommunistische Partei Schuld an vielen der heutigen Probleme trägt, so sehr hat sie Anteil an den Erfolgen. Doch wenn es ein chinesisches Modell gibt, dann besteht es vor allem darin, dass die Partei es geschafft hat, sich von allem ideologischen Ballast zu befreien und sich auf ihre Kernaufgabe zu besinnen: die Aufrechterhaltung ihrer Macht. Darum muss man China nicht beneiden.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/das-chinesische-modell/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Peking schnallt den Gürtel enger</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/peking-schnallt-den-gurtel-enger/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/peking-schnallt-den-gurtel-enger/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 05 Mar 2010 13:16:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
		<category><![CDATA[Partei]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1846</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Premier schwört China auf ein „kompliziertes Jahr“ ein. Die Staatsausgaben sollen nur noch halb so schnell wachsen wie im Vorjahr.</h3>
Da rascheln sie wieder: Das Geräusch, das beim gleichzeitigen Umblättern von 3000 Redemanuskripten entsteht, ist das heimliche Markenzeichen von Chinas Nationalem Volkskongresses, der am Freitag in Pekings Großer Halle des Volkes seine Jahrestagung begonnen hat. Laut Verfassung sollen die Parlamentarier die Arbeit der Regierung überwachen, doch in Wirklichkeit...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Premier schwört China auf ein „kompliziertes Jahr“ ein. Die Staatsausgaben sollen nur noch halb so schnell wachsen wie im Vorjahr.</h3>
<p>Da rascheln sie wieder: Das Geräusch, das beim gleichzeitigen Umblättern von 3000 Redemanuskripten entsteht, ist das heimliche Markenzeichen von Chinas Nationalem Volkskongresses, der am Freitag in Pekings Großer Halle des Volkes seine Jahrestagung begonnen hat. Laut Verfassung sollen die Parlamentarier die Arbeit der Regierung überwachen, doch in Wirklichkeit dient das einwöchige Politspektakel dazu, um dem konformistischen Ein-Partei-System einen demokratischen Anstrich zu verleihen und Beamte aus allen Provinzen mit Pekings neuesten Richtlinien vertraut zu machen.</p>
<p>China stehe vor einem &#8220;komplizierten Jahr&#8221;, sagte Premierminister Wen Jiabao zum Auftakt. Seine mit Statistiken, Planzielen und Parolen gespickte Regierungserklärung gilt als Schlüsseldokument des Volkskongresses. Wens Hauptbotschaft: Obwohl Peking die Konjunktur im Krisenjahr 2009 mit gewaltigen Staatsinvestitionen vor dem Kollaps bewahrt hat, könne die Regierung nicht weiter der Hauptmotor der chinesischen Wirtschaft sein. Die Staatsausgaben sollen 2010 mit 11,4 Prozent nur noch halb so stark ansteigen wie im vergangenen Jahr.</p>
<p>Die Kreditvergabe durch das staatliche Bankensystem soll im Vergleich zum Vorjahr um 21 Prozent gedrosselt werden. Das Haushaltsdefizit werde um 13 Prozent steigen und damit so hoch sein wie nie zuvor. Zwar könne noch immer nicht von einer &#8220;grundlegenden Verbesserung der wirtschaftlichen Situation&#8221; die Rede sein, so Wen. Das Wachstumsziel von acht Prozent, das Peking als Minimum für die Aufrechterhaltung der sozialen Stabilität betrachtet, dürfte aber auch 2010 wieder erreicht werden. 2009 hatte Chinas Bruttoinlandsprodukt sogar um 8,7 Prozent zugelegt.</p>
<p>Streckenweise glich Wens Redetext der Regierungserklärung des vergangenen Jahres fast aufs Wort – ein Zeichen, dass sich Pekings Prioritäten wenig geändert hat. So sollen die Ausgaben für Bildung, das Renten- und Gesundheitssystem sowie Konsumanreize für die Landbevölkerung weiter erhöht werden. &#8220;Der Aufbau von besseren sozialen Sicherheitsnetzen, die den Menschen grundlegende Sicherheit bieten und ihnen Sorgen abnehmen, wird beschleunigt&#8221;, sagt Wen. &#8220;Wir werden nicht nur den Kuchen des sozialen Wohlstands vergrößern, indem wir die Wirtschaft weiterentwickeln, sondern werden ihn auch auf der Basis eines rationalen Einkommensausgleichssystems verteilen.&#8221;</p>
<p>Auch Chinas umstrittenes Aufenthaltsrecht, das sogenannte Hukou-System, das alle Menschen an einen bestimmten Heimatort bindet, soll geändert werden, sagte Wen, ohne jedoch ins Detail zu gehen. Auch seine Ankündigung, China werde die Lebensbedingungen der ethnischen Minderheiten verbessern, untermauerte Wen nicht mit genaueren Angaben, sondern beschränkte sich auf die Aussage, die Regierung verfolge mit allen ihren Bemühungen das Ziel, &#8220;dass die Menschen glücklicher und mit mehr Würde leben können&#8221;. Konkretere Gesetzesänderungen könnte es in den kommenden Tagen geben. Entscheidende Richtungsänderungen sind allerdings nicht zu erwarten.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/peking-schnallt-den-gurtel-enger/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Glorreiche Zeiten</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/glorreiche-zeiten/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/glorreiche-zeiten/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 22 Feb 2010 09:42:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Tradition]]></category>
		<category><![CDATA[Zensur]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1809</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Big Brother made in China: Ein satirischer Roman beschreibt die Volksrepublik als Orwellschen Alptraum. Das Buch wird trotz Publikationsverbots heiß diskutiert.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/02/Chan_Koon-Chung_2.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-1811" title="Chan_Koon-Chung (Copyright: Martin Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/02/Chan_Koon-Chung_2.jpg" alt="" width="138" height="165" /></a>China im Jahr 2013: Die Volksrepublik ist wieder ein Reich der Mitte. Der Westen ist in einer zweiten Runde der Finanzkrise kollabiert, doch China hat sich rechtzeitig abkoppeln können und ist nun stärker als je zuvor. Das Staatsunternehmen Wang Wang hat den amerikanischen Kaffeeröster Starbucks übernommen, Pekings Eliten trinken Frankreichs Weinkeller leer, und keine ausländische Regierung wagt mehr, Chinas Regierung zu kritisieren. Das chinesische Volk liebt seine Kommunistische Partei und sieht sich am Beginn eines neuen "glorreichen Zeitalters". So hat es die Volkszeitung angekündigt, und wer würde an ihren Vorhersagen zweifeln?...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Big Brother made in China: Ein satirischer Roman beschreibt die Volksrepublik als Orwellschen Alptraum. Das Buch wird trotz Publikationsverbots heiß diskutiert.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/02/Chan_Koon-Chung.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1813" title="Chan_Koon-Chung (Copyright: Martin Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/02/Chan_Koon-Chung-1023x688.jpg" alt="" width="442" height="297" /></a>China im Jahr 2013: Die Volksrepublik ist wieder ein Reich der Mitte. Der Westen ist in einer zweiten Runde der Finanzkrise kollabiert, doch China hat sich rechtzeitig abkoppeln können und ist nun stärker als je zuvor. Das Staatsunternehmen Wang Wang hat den amerikanischen Kaffeeröster Starbucks übernommen, Pekings Eliten trinken Frankreichs Weinkeller leer, und keine ausländische Regierung wagt mehr, Chinas Regierung zu kritisieren. Das chinesische Volk liebt seine Kommunistische Partei und sieht sich am Beginn eines neuen &#8220;glorreichen Zeitalters&#8221;. So hat es die Volkszeitung angekündigt, und wer würde an ihren Vorhersagen zweifeln?</p>
<p>China im Jahr 2013 &#8211; dieses Szenario gehört derzeit zu den populärsten Diskussionsthemen in chinesischen Internetforen und Intellektuellenzirkeln. Doch was wie die Großmachtfantasie einer parteiinternen Denkfabrik klingt, ist in Wirklichkeit der Inhalt einer schwarzen Satire, die China als real existierende Anti-Utopie beschreibt.</p>
<p>In dem Roman &#8220;Das glorreiche Zeitalter &#8211; China 2013&#8243; verlegt der in Peking lebende Hongkonger Autor Chan Koon-Chung George Orwells Stalinismusparabel &#8220;1984&#8243; in die nahe Zukunft der Volksrepublik. Pekings Big-Brother-Maschinerie hat die Chinesen erfolgreich gehirngewaschen, das Volk vibriert vor patriotischem Hochgefühl, die Stimmen von Menschenrechtsaktivisten, Demokratiekämpfern und Zensurgegnern sind verstummt. &#8220;Natürlich ist das alles Fiktion&#8221;, sagt Chan und lächelt vielsagend. &#8220;Aber Chinas Realität nähert sich meinen Beschreibungen ziemlich schnell an &#8211; man kriegt es regelrecht mit der Angst zu tun.&#8221;</p>
<p>Dabei wirkt Chan eigentlich nicht wie einer, der sich fürchtet. Der knapp 60-Jährige verbreitet das Selbstbewusstsein eines Kosmopoliten, der in vielen Kulturen und Sprachen zu Hause ist. Sein langes graumeliertes Haar ist sorgfältig frisiert, die Kleidung strahlt lässigen Luxus aus, und zum Interview schlägt er ein Nobelhotel in der Pekinger Innenstadt vor, wo er mehrere Wohnungen besitzt. Doch gerade seine Distanz und finanzielle Unabhängigkeit erlauben es ihm, sich öffentlich Sorgen über Chinas Entwicklung zu machen &#8211; und zu formulieren, was viele Chinesen denken, aber nicht auszusprechen wagen. &#8220;Die Regierung greift zu immer härteren Methoden, um Konformität durchzusetzen und jegliche Kritik zu unterdrücken&#8221;, sagt Chan. &#8220;2008, nach den Olympischen Spielen, hat diese Kampagne eine ganz neue Dimension angenommen, weshalb ich mich entschieden habe, die gegenwärtige Entwicklung in einem Buch zu Ende zu denken.&#8221;</p>
<p>Als er ein Jahr später fertig war, wusste er, dass &#8220;Das glorreiche Zeitalter&#8221; in China keine Chance auf Veröffentlichung haben würde. Stattdessen erschien das Buch nur in Hongkong und Taiwan in einer bescheidenen Auflage von 12 000 Stück. Doch obwohl Pekings Zensurbehörden verhindern konnten, dass der Titel offen in Buchläden verkauft wird, hat er im Internet schnell Kultstatus erreicht. Über Chatforen oder Twitternetzwerke werden geschmuggelte oder raubkopierte Exemplare ausgetauscht, auf Dutzenden Webseiten lässt sich das Buch kostenlos herunterladen. Die Textdatei hat Chan selbst zur Verfügung gestellt. &#8220;Mein Buch ist ein offener Text&#8221;, sagt er lachend.</p>
<p>Über die Anzahl seiner Leser kann Chan nur spekulieren, doch nach der Resonanz unter Chinas Bloggern zu urteilen, könnte er Bestsellerstatus genießen. Ein Twitterbenutzer mit dem Codenamen &#8220;Haohaolee&#8221; schrieb: &#8220;Mein Vater hat die elektronische Version gelesen, ohne zu wissen, das die Handlung im Jahr 2013 spielt und gedacht, alles sei die heutige Wahrheit.&#8221; Ein anderer bezeichnete das Buch als &#8220;Lehrwerk für alle, die noch nicht gemerkt haben, in was für einem Zensursystem wir leben&#8221;.</p>
<p>Dass die Internetpolizei es bisher nicht geschafft hat, das Buch zu stoppen, liegt nicht zuletzt am klug gewählten Namen. &#8220;Shengshi Zhongguo&#8221;, so der Originaltitel, ist ein fester Begriff, der seit über zweitausend Jahren die ruhmreichsten Phasen der chinesischen Geschichte beschreibt. &#8220;Die Han-Dynastie, die Tan-Dynastie, die Qing-Dynastie &#8211; das waren Chinas glorreichste Epochen&#8221;, sagt Chan, &#8220;und die Kommunistische Partei will jetzt auch so gesehen werden.&#8221; Wollten die Zensoren Chans Buch im Internet unauffindbar machen, müssten sie im Suchmaschinengedächtnis auch viele jener Legenden löschen, aus denen Chinas Patriotismus seine Kraft bezieht.</p>
<p>So berührt Chan ein sensibles Thema, wenn er die Frage, wie stolz die Chinesen tatsächlich auf ihr Land sein sollten, zur Triebkraft seines Buches macht. Im Zentrum seiner Geschichte steht ein taiwanesischer Schriftsteller namens Chen, der im Peking des Jahres 2013 ein sorgloses Dasein führt. &#8220;Das China, das wir heute sehen, ist großartig&#8221;, findet Chen. Als einziges Land habe die Volksrepublik die Finanzkrise unbeschadet überstanden, während andere Länder im Chaos versinken. &#8220;Wir leben harmonisch&#8221;, meint er.</p>
<p>Doch dann begegnet Chen zwei alten Bekannten, Fang Caodi und Xiao Xi, die früher zu jener kleinen Gruppe politischer Dissidenten, intellektueller Querdenker und kritischer Ausländer gehörten, die Chinas Regierung als &#8220;Störenfriede&#8221; bezeichnete &#8211; und von denen man seit Beginn des &#8220;glorreichen Zeitalters&#8221; nichts mehr gehört hat. Selbst die Regimegegner sind verwirrt: &#8220;Niemand kritisiert mehr die Regierung, alle sind so zufrieden&#8221;, wundert sich Xiao. Das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens sei ebenso in Vergessenheit geraten wie Maos Kulturrevolution. &#8220;Es ist, als ob bestimmte Erinnerungen kollektiv in ein schwarzes Loch gefallen sind.&#8221; Die Erklärung dafür ist, wie sich bald herausstellt, ebenso einfach wie grauenhaft: Die Geschichte von Chinas scheinbar unaufhaltbarem Aufstieg ist reine Fiktion.<br />
Kurz vor dem Beginn des vermeintlichen &#8220;glorreichen Zeitalters&#8221;, so erfahren die Helden, waren Chinas wirtschaftliche und soziale Probleme wegen der neuen Finanzkrise außer Kontrolle geraten, im Land herrschte Anarchie. Doch die Partei war bestens vorbereitet: Nachdem die Menschen eine Zeit lang unter Aufständen, Plünderungen und Lebensmittelknappheit litten, ließ sie die Volksbefreiungsarmee aufmarschieren. Diese ließ alle Widerständler verschwinden und versetzt seither das Trinkwasser mit einer Chemikalie, die die Menschen euphorisiert und unangenehme Erinnerungen tilgt. &#8220;High-lailai&#8221; nennt die Partei den nationalen Drogenrausch, von dem nur der innerste Führungszirkel im Pekinger Regierungsviertel Zhongnanhai ausgenommen ist. Damit es niemand merkt, hat man alle Informationen über die Chaostage aus den Medien und dem Internet gelöscht &#8211; es existiert nur noch die Wahrheit, die der Partei passt.</p>
<p>Wenn Chans Geschichte auch über weite Strecken einem Hollywood-B-Movie näher ist als Orwells eleganter Prosa in &#8220;1984&#8243;, so greift sie doch mitten in die bedeutendste Debatte ein, die derzeit in der Volksrepublik geführt wird: Wer darf entscheiden, was chinesisch ist? Denn hinter der fiktiven High-lailai-Droge verbirgt sich nichts Anderes als der staatlich geschürte Nationalismus, mit dem sich die Partei einen ideologischen Schutzschirm vor Angriffen aufbaut. Kommunismus spielt in China schon lange keine Rolle mehr &#8211; die neue Leitidee heißt nationale Wiedergeburt. &#8220;Dazu wird die chinesische Geschichte nach einem einfachen Muster uminterpretiert&#8221;, erklärt Chan. &#8220;China war immer großartig, bis es vom Westen schlecht behandelt wurde, doch dann kam die Kommunistische Partei, und jetzt geht es wieder weiter wie früher.&#8221;</p>
<p>&#8220;Chinesisch&#8221; ist demnach, was dem Regime nützt. Alles andere wird als &#8220;westlich&#8221; diskreditiert. &#8220;Die Partei beschäftigt einen riesigen Apparat von Akademikern, der dieses Konzept mit Inhalten füllt&#8221;, sagt Chan. &#8220;Damit kann niemand mehr die Regierung kritisieren, denn das wird dann automatisch zu einer Kritik am Chinesischsein an sich.&#8221; Die Masche komme gut an. Vor allem bei jungen Chinesen gewönnen Patriotismus und antiwestliche Ressentiments oft geradezu fanatische Züge.</p>
<p>Chan und seinen Gleichgesinnten erscheint der neue Nationalismus als Verhöhnung einer Kultur, die reicher ist, als es die Partei erlaubt, und als Unterschätzung eines Volkes, das es nicht nötig hat, dunkle Kapitel seiner Geschichte in Erinnerungslöchern zu versenken. &#8220;Ich habe mein Leben in Hongkong, Taiwan und der Volksrepublik verbracht,&#8221; erzählt der Autor. &#8220;Ich kenne alle drei Chinas &#8211; und sie sind alle sehr verschieden.&#8221; In Shanghai geboren, wuchs Chan in Hongkong auf und gehörte in den Siebzigern zum linken Lager, das Demokratie und soziale Gerechtigkeit forderte &#8211; damals noch nicht von den Kommunisten, sondern von den britischen Kolonialherren. Gleichzeitig verstand er es, sein Gespür für soziale Stimmungen zu Geld zu machen. Er gründete eine Zeitschrift und einen Fernsehsender, produzierte Spielfilme und Fernsehstücke, arbeitete als PR-Berater und Event-Organisator. Trotz seines Erfolgs verlor er seine Ideale nicht aus den Augen: Er schrieb Romane und kulturkritische Essays.<br />
Vor zehn Jahren zog Chan nach Peking und stellte schnell fest, wie sehr unabhängige Intellektuelle in der Volksrepublik im Abseits stehen. Je länger die Partei herrsche, desto öfter müsse sie Löschaktionen am kollektiven Bewusstsein durchführen, um ihre Macht legitimieren zu können. Neubewertungen der Kulturrevolution oder des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens seien ebenso tabu wie öffentliche Diskussionen über die Minderheitenpolitik in Tibet oder die Verfolgung von Demokratieaktivisten.</p>
<p>Weil die Partei alle Diskussionsforen kontrolliert, beschloss Chan, den Umweg über die Fiktion zu beschreiten &#8211; ebenso wie Orwell 1948 seine Befürchtungen über die Zukunft in einen Fantasiestaat namens Ozeanien verlegte. &#8220;Ich habe ,1984&#8242; seit dreißig Jahren nicht gelesen&#8221;, sagt Chan. &#8220;Als ich mich entschieden habe, den gleichen literarischen Trick zu benutzen, habe ich bewusst darauf verzichtet, es mir noch einmal anzuschauen.&#8221; Doch während Orwell seine Wahrheitssucher am Ende gebrochen zurücklässt, findet Chan für seine Protagonisten einen Schluss, der etwas hoffnungsfroher wirkt. Das Dissidententrio zieht in eine ferne Region in Südchina, in der das Wasser noch so sauber ist wie im Machtzentrum und wo alle, die das wahre China kennen, frei von nationalistischer Zwangsmedikation leben können &#8211; in der Hoffnung, dass die Anti-Utopie irgendwann eine neue Utopie gebiert. Doch wann das sein könnte, traut sich Chan nicht zu sagen.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/glorreiche-zeiten/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>3</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Mord im Namen des Volkes</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/mord-im-namen-des-volkes/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/mord-im-namen-des-volkes/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 26 Jan 2010 03:26:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
		<category><![CDATA[Korruption]]></category>
		<category><![CDATA[Partei]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1760</guid>
		<description><![CDATA[<h3>In einem chinesischen Dorf gilt ein 18-Jähriger als Held, weil er den korrupten Parteisekretär erstochen hat.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Petition-für-Zhang-Xuping.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-1761" title="Petition für Zhang Xuping (Copyright: Martin Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Petition-für-Zhang-Xuping-221x300.jpg" alt="" width="106" height="144" /></a>"Es war ein guter Stich", sagen die Leute und heben die Daumen. Die Messerspitze traf Parteisekretär Li Shiming direkt ins Herz, er brach auf der Stelle tot zusammen. Der Täter, der 18-jährige Zhang Xuping, war schnell gefasst. Mehrere Anwohner hatten ihn davonlaufen sehen und wiesen den Polizisten den Weg. Doch heute ärgern sich einige, dass sie damals nicht die Geistesgegenwart besaßen, die Beamten in die falsche Richtung zu schicken. Zwar war der Stich ins Herz von Parteisekretär Li eine Art Auftragsmord. Die Bezahlung: Handy-Guthabenkarten im Wert von 1 000 Yuan (100 Euro)...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>In einem chinesischen Dorf gilt ein 18-Jähriger als Held, weil er den korrupten Parteisekretär erstochen hat.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Zhang-Xupings-Eltern-mit-Bild1.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-1766" title="Zhang Xupings Eltern mit Bild (Copyright: Martin Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Zhang-Xupings-Eltern-mit-Bild1-300x199.jpg" alt="" width="300" height="199" /></a>&#8220;Es war ein guter Stich&#8221;, sagen die Leute und heben die Daumen. Die Messerspitze traf Parteisekretär Li Shiming direkt ins Herz, er brach auf der Stelle tot zusammen. Der Täter, der 18-jährige Zhang Xuping, war schnell gefasst. Mehrere Anwohner hatten ihn davonlaufen sehen und wiesen den Polizisten den Weg. Doch heute ärgern sich einige, dass sie damals nicht die Geistesgegenwart besaßen, die Beamten in die falsche Richtung zu schicken.</p>
<p>Zwar war der Stich ins Herz von Parteisekretär Li eine Art Auftragsmord. Die Bezahlung: Handy-Guthabenkarten im Wert von 1 000 Yuan (100 Euro). Das ist nicht wenig Geld für einen armen Tagelöhner und Kleinkriminellen wie Zhang Xuping, und doch stand der finanzielle Anreiz für den Teenager nicht im Vordergrund. Zhang hasste Li Shiming nicht weniger als sein Auftraggeber, ein alter Bekannter. Jahrelang hatten die Familien der beiden unter der Tyrannei des Parteisekretärs gelitten, so wie die meisten der tausend Einwohner von Xiashuixi, einem Dorf in der zentralchinesischen Provinz Shanxi.</p>
<p>Mehrfach hatte die Bevölkerung versucht, Lis Machenschaften anzuzeigen, doch die Beamten stellten sich taub &#8211; schließlich profitierten sie von den korrupten Geschäften des Parteisekretärs. Wer dagegen aufbegehrte, bekam es mit Lis Schlägertrupps zu tun &#8211; bis Zhang Xuping am 23. September 2008 die Bestrafung selbst in die Hand nahm. Deshalb gilt er heute als Held, in Xiashuixi und weit über die Grenzen der Stadt hinaus.</p>
<p>&#8220;Wenn die Regierung und die Partei nicht in ihren eigenen Reihen aufräumen, muss das Volk es selbst tun&#8221;, sagt Zhangs älterer Bruder. &#8220;Es sollte eine Warnung an alle korrupten Beamten sein.&#8221; Er zeigt einen Stapel von Papieren: 20 699 Bewohner von Xiashuixi und der nahen Kreisstadt Lishi haben mit ihren Namen und Fingerabdrücken eine Petition unterzeichnet, die Zhang Xupings Leben retten soll. &#8220;Die Menschen hier wissen, dass es ein gerechter Mord an einem bösen Beamten war&#8221;, sagt der Bruder.</p>
<p>Als Zhang Xuping im Oktober der Prozess gemacht werden sollte, demonstrierten vor dem Gericht mehr als tausend Menschen. Die nervösen Behörden ließen das Gebäude von bewaffneten Polizisten abriegeln und sagten das Verfahren ab. Doch Anfang Januar wurde der Prozess nachgeholt und Zhang Xuping &#8211; ebenso wie sein Auftraggeber &#8211; zum Tode verurteilt. Nur das Oberste Gericht in Peking kann ihn noch retten. Eine Revision des Urteils wäre für die Kommunistische Partei eine Chance, bei Tausenden Menschen ein wenig Vertrauen in ihr System zurückzugewinnen. Denn die Geschichte des Mordes von Xiashuixi ist die Geschichte eines staatlichen Totalversagens.</p>
<p>&#8220;Mein Sohn hat die Menschen in unserem Dorf vor einem schlimmen Mann befreit&#8221;, sagt die Mutter des Täters, Wang Houe. &#8220;Selbst wenn er hingerichtet wird, war sein Leben nicht umsonst.&#8221; Sie sitzt auf dem Bett unter dem geschwungenen Dach ihres Bauernhauses. An den gekalkten Wänden hängen Bilder von Ahnen und Glückszeichen aus rotem und goldenem Glitzerpapier. &#8220;Wir haben immer auf Glück gehofft, aber von denen dort wird es nicht kommen&#8221;, sagt sie und deutet auf die Chinakarte über dem Bett und auf die Hauptstadt Peking. Dann holt sie ein Bild von Zhang Xuping, dem jüngsten ihrer drei Kinder. Es ist in einem Internetcafé aufgenommen worden und zeigt einen Jungen mit frecher Frisur und ernsten Augen. Eigentlich habe sie sich für ihn eine gute Ausbildung gewünscht, sagt die 48-Jährige. Aber so wie es gekommen ist, sei sie trotzdem stolz auf ihn.</p>
<p>Auch von Parteisekretär Li Shiming hat Wang ein Foto. Darauf sieht man einen lächelnden Mann mit fleischigem Gesicht. Es sind die gut genährten und selbstbewussten Züge vieler chinesischer Beamter. Sie werden im Volk spöttisch &#8220;naoman changfei&#8221; genannt: &#8220;Der Kopf ist genauso gefüllt wie der Darm.&#8221;</p>
<p>Hinter Ausdrücken wie diesen versteckt sich vielerorts der Hass auf das System, der offen nicht ausgesprochen werden darf. Denn so sehr sich die Kommunistische Partei als Kraft der Armen und Unterdrückten darzustellen versucht, so sehr ist ihr vielerorts die Kontrolle über ihr Selbstbild entglitten. Korruption im Staatsapparat ist nicht die Ausnahme, sondern die Norm, insbesondere auf dem Land, wo 55 Prozent der 1,3 Milliarden Chinesen leben. Da keine Gewaltenteilung die Macht lokaler Kader begrenzt, plündern sie häufig die Ressourcen ihrer Region, ohne dass die Menschen sich dagegen wehren könnten.</p>
<p>In Xiashuixi begann der Konflikt Ende der 90er-Jahre, als Li Shiming in großem Maßstab Bauern enteignete. Rund 27 Hektar Land soll er befreundeten Bauunternehmern zugeschanzt haben. Entschädigungen wurden nicht gezahlt. Das rückständige Xiashuixi erhielt Geschäfte und mehrstöckige Gebäude und ist heute schon mit der 500 000-Einwohner-Kreisstadt Lishi zusammengewachsen. Es ist die Art Fortschritt, den die Regierung in ihren Entwicklungsstatistiken sehen wollte, der jedoch den Bauern die Lebensgrundlage entzog. Als diese sich zu beklagen begannen, schlug der Parteisekretär hart zurück. &#8220;Schwarze Bande&#8221; nannten die Bewohner die Schlägertrupps, mit denen Li die Bürger im Schach zu halten versuchte.</p>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Zhangs-Bruder-mit-Petition.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-1768" title="Zhangs Bruder mit Petitionen (Copyright Martin Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/01/Zhangs-Bruder-mit-Petition-300x199.jpg" alt="" width="300" height="199" /></a>2002 beschlossen 24 Bewohner, in der Provinzhauptstadt Taiyuan eine Petition einzureichen, doch Li konnte sie stoppen. Wenige Tage später wurden neun von ihnen zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Eine von ihnen war Zhang Xupings Mutter Wang Houe. Jeden dritten Tag sei sie von den Wärtern malträtiert worden, erzählt sie. &#8220;So wollte Li uns zum Schweigen bringen&#8221;, sagt sie. Weil sie sich nicht einschüchtern ließ, sei sie in den Folgejahren noch mehrfach inhaftiert worden. &#8220;Einmal hat die Schwarze Bande sogar unser Haus verwüstet.&#8221; An dem Ort, wo die Familie einst ihre Obstbäume pflegte, steht heute ein Hotel. &#8220;Das ist alles Lis kleines Reich&#8221;, sagt Wang Houe.</p>
<p>Dutzende Bewohner können ähnliche Geschichten von vergeblichem Widerstand erzählen. Zwanzig von ihnen haben durch Lis Misshandlungen bleibende Gesundheitsschäden davongetragen, heißt es. Einer von ihnen ist der 42 Jahre alte Bauer Li Haiting. Er ist halbseitig gelähmt und kann nicht mehr sprechen. Beim Laufen stützt seine Frau seine linke Seite. Das rechte Bein zieht er mit einem Band nach, das an seinem Handgelenk befestigt ist. &#8220;In der Haft wurde er immer wieder geschlagen&#8221;, sagt seine Frau. &#8220;Eines Tages kam er aus dem Gefängnis und sah so aus.&#8221; Ärztliche Behandlung kann sich das Paar nicht leisten, und da die Pflege des Mannes eine Vollzeitbeschäftigung ist, leben die beiden von Almosen ihrer Verwandten. &#8220;Parteisekretär Li hatte ein schwarzes Herz, er hatte nichts anderes als den Tod verdient&#8221;, sagt Li Haitings Frau.</p>
<p>Dabei war der Tyrann einst einer von ihnen, ein Kind armer Bauer und ein enger Jugendfreund des heute behinderten Li Haiting. Auch Wang Houe kannte den Mann, den ihr Sohn einmal töten sollte, von klein auf. Weil Li zu den wenigen gehörte, die den Oberschulabschluss schafften, eröffnete sich ihm die Möglichkeit einer Karriere in der Kommunistischen Partei. &#8220;Das System hat ihn zu dem gemacht, was er war&#8221;, sagt die 68-jährige Bäuerin Liang Yingzheng. &#8220;Ich habe in meinem Leben viele Kader gesehen und ihre Geldgier und Willkür sind immer gleich.&#8221;</p>
<p>Um Wang Houes Widerstand zu brechen, ließ Li 2003 seinen Einfluss spielen und ihren damals 13-jährigen Sohn Zhang Xuping aus der Schule werfen. Der Junge wurde zum Kleinkriminellen. Als er bei einem Einbruch beim Schmiere Stehen erwischt wurde, bekam er eine ungewöhnlich harte Haftstrafe von einem Jahr. Seine Mutter sagt, er sei im Gefängnis geschlagen worden und habe drei Monate eine 18 Kilogramm schwere Eisenkette tragen müssen. Mit 14 Jahren versuchte Zhang sich umzubringen, indem er sich die Pulsadern aufschnitt.</p>
<p>Trotz dieser Vorgeschichte interessierte sich das Gericht nicht für die Motive des Mörders. Da Zhang geständig ist, sahen die Richter keinen Anlass, sich ausführlich mit den Hintergründen zu beschäftigen. Zwar hat die Regierung inzwischen einigen von Lis Opfern nachträglich Entschädigungen gezahlt. Doch eine vollständige Aufklärung gibt es bisher nicht. Auch in chinesischen Medien wurde nur wenig über den Fall berichtet &#8211; obwohl Zhang Xuping in vielen Internetforen zum Star geworden ist.</p>
<p>Da es kaum im Interesse der Regierung sein kann, einen Präzedenzfall von Strafminderung für Selbstjustiz gegen Parteikader zu schaffen, erwarten die Bürger von Xiashuixi, dass Pekings Oberstes Gericht das Todesurteil in den kommenden Monaten bestätigen und dann vollstrecken lassen wird. Nur eines könnte ihren Sohn retten, sagt Wang Houe: Geld. &#8220;Wenn wir reich oder einflussreich wären, könnten wir die Richter kaufen.&#8221; Li Shiming habe das selbst gesagt, als er einst seinem heute behinderten Jugendfreund einen Job in seiner Schwarzen Bande anbot. &#8220;Mach dir keine Gedanken darüber, jemanden zu töten&#8221;, soll der Parteisekretär gesagt haben. &#8220;Wer zu mir gehört, dem kann nichts passieren.&#8221;</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/mord-im-namen-des-volkes/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Signal der Härte</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/signal-der-harte/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/signal-der-harte/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 25 Dec 2009 16:36:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
		<category><![CDATA[Meinungsfreiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Partei]]></category>
		<category><![CDATA[Pressefreiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Reformen]]></category>
		<category><![CDATA[Repressionen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1695</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Chinas Justiz verurteilt den Bürgerrechtler Liu Xiaobo zu elf Jahren Haft - eine Demonstration der Unerbittlichkeit.</h3>
"China hat viele Gesetze, aber keine Rechtsstaatlichkeit", lautet einer der Sätze, den der Pekinger Literaturprofessor Liu Xiaobo im vergangenen Herbst in seiner "Charta 08" formulierte. Das Demokratie-Manifest sollte Chinas Intellektuelle aufrütteln und eine Debatte über politische Reformen ins Leben rufen. Zur Strafe lässt die Kommunistische Partei den 53-jährigen Querdenker nun gnadenlos spüren, wie recht er mit seinem Vorwurf hat: In einem Schnellverfahren wurde Liu wegen "Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt" zu elf Jahren Haft verurteilt...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Chinas Justiz verurteilt den Bürgerrechtler Liu Xiaobo zu elf Jahren Haft &#8211; eine Demonstration der Unerbittlichkeit.</h3>
<p>&#8220;China hat viele Gesetze, aber keine Rechtsstaatlichkeit&#8221;, lautet einer der Sätze, den der Pekinger Literaturprofessor Liu Xiaobo im vergangenen Herbst in seiner &#8220;Charta 08&#8243; formulierte. Das Demokratie-Manifest sollte Chinas Intellektuelle aufrütteln und eine Debatte über politische Reformen ins Leben rufen. Zur Strafe lässt die Kommunistische Partei den 53-jährigen Querdenker nun gnadenlos spüren, wie recht er mit seinem Vorwurf hat: In einem Schnellverfahren wurde Liu wegen &#8220;Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt&#8221; zu elf Jahren Haft verurteilt.</p>
<p>Zwar gehört zu den in Chinas Verfassung garantierten Grundrechten ausdrücklich auch das Recht auf freie Meinungsäußerung. Die Pekinger Regierung weist sogar selbst gerne darauf hin, wenn es &#8211; wie jetzt wieder &#8211; aus dem Ausland Kritik hagelt. Doch so sehr Peking neuerdings versucht, seine Einparteien-Diktatur in die Kleider eines modernen Rechtsstaates zu hüllen &#8211; die roten Kaiser bleiben nackt.</p>
<p>Solange Grundrechte nicht einmal in Lius Fall, der von der höchsten Staatsspitze minutiös verfolgt wurde, einklagbar sind, ist China kein Rechtsstaat und wird auch keiner. Wäre dem Zentralkomitee um Staats- und Parteichef Hu Jintao, das Lius Urteil zweifellos abgesegnet hat, an der chinesischen Rechtsstaatlichkeit zumindest dem Anschein nach gelegen, hätte sie das Verfahren gegen Liu leicht zum Vorzeigeprozess machen können. Schon eine milde Strafe wäre im Westen als Verbesserung in Sachen Menschenrechten und Redefreiheit gewertet worden.</p>
<p>Doch daran hat die Partei offensichtlich wenig Interesse. Sie benutzt den Fall stattdessen für eine Demonstration ihrer Härte. Lius Strafe ist die höchste, die jemals wegen angeblicher Anstiftung zur Subversion verhängt wurde. Elf Jahre für ein paar Gedanken über Chinas Zukunft &#8211; bei der Meinungsfreiheit scheint es eher Rück- als Fortschritte zu geben. Das Urteil ist Teil einer Abschreckungskampagne, mit der die Regierung ihre Kritiker zum Schweigen bringen will. Rund 10 000 Menschen hatten die &#8220;Charta 08&#8243; unterzeichnet, über 300 von ihnen wurden deswegen verhaftet, Hunderte weitere verhört und verwarnt. Die &#8220;Charta 08&#8243; fordert Freiheit und Menschenrechte, Gewaltenteilung und Demokratie. &#8220;Die Rückständigkeit des gegenwärtigen Systems ist an einem Punkt angekommen, wo es ohne Reformen gar nicht mehr geht&#8221;, heißt es darin. Unter anderem müsse die Verfassung revidiert und zu einer Garantie-Urkunde der Menschenrechte und Demokratisierung Chinas werden. Die Regierung müsse in Legislative, Judikative und Exekutive geteilt werden. Freier Wettbewerb politischer Parteien sowie friedliche Versammlungen und Demonstrationen müssten ein verfassungsmäßiges Grundrecht werden. Auch gegen Bestimmungen wie &#8220;Anstachelung zum Umsturz der Staatsmacht&#8221; wenden sich die Unterzeichner der &#8220;Charta 08&#8243;: Es müsse ein Ende haben, &#8220;dass Wörter Verbrechen sein können&#8221;.</p>
<p>Von chinesischen Intellektuellen wurde Lius Fall mit Entsetzen aufgenommen: Die Spielräume für öffentliche Meinungen, die von der offiziellen Parteilinie abweichen, werden enger, und die Grenzen nicht nur von den Zensoren gesetzt, sondern zunehmend auch durch Selbstzensur. Wer nicht wie Liu Xiaobo, der bereits wegen seiner Beteiligung an den Tiananmen-Protesten verurteilt worden war, die Bereitschaft zum Märtyrertum mitbringt, wird künftig noch vorsichtiger sein, wie er sich in Zeitungen, im Internet oder im Ausland äußert.</p>
<p>Denn das Urteil ist auch ein Signal an die Weltpresse, die Liu und seiner Charta viel Aufmerksamkeit geschenkt hat. Schon mehrfach verurteilten chinesische Gerichte Dissidenten auf der Basis von Interviews in internationalen Medien. Ausländische Journalisten sollen so entmutigt werden, sich mit unliebsamen Themen zu beschäftigen, und chinesische Kritiker eingeschüchtert, zumindest außerhalb Chinas zu sagen, was innerhalb der Landesgrenzen unausgesprochen bleiben soll. &#8220;Wir müssen mit der Praxis aufhören, Worte als Verbrechen anzusehen&#8221;, hatte Liu in seiner Charta gefordert. Doch bis auf weiteres bleiben sie das.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/signal-der-harte/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Kein Mauerfall in China</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/kein-mauerfall-in-china/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/kein-mauerfall-in-china/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 06 Nov 2009 03:13:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
		<category><![CDATA[Propaganda]]></category>
		<category><![CDATA[Reform]]></category>
		<category><![CDATA[Zensur]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1618</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Das Jubiläum des Mauerfalls wird China weitgehend verschwiegen - von einer friedlicher Revolution will die Parteiführung bis heute nichts wissen.</h3>
Mauerfall oder kein Mauerfall? Was für eine Frage! Die Deutschlektorin an einer chinesischen Universität, in der DDR geboren und derzeit als Dozentin tätig, ringt seit Wochen mit dieser Frage. "Es würde mich natürlich sehr reizen, den Mauerfall zum Anlass zu nehmen, um mit meinen Studenten eine richtig heiße Diskussion über das Ende des Kommunismus zu führen", sagt sie. "Aber ich werde es mir verkneifen müssen."...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Das Jubiläum des Mauerfalls wird China weitgehend verschwiegen &#8211; von einer friedlicher Revolution will die Parteiführung bis heute nichts wissen.</h3>
<p>Mauerfall oder kein Mauerfall? Was für eine Frage! Die Deutschlektorin an einer chinesischen Universität, in der DDR geboren und derzeit als Dozentin tätig, ringt seit Wochen mit dieser Frage. &#8220;Es würde mich natürlich sehr reizen, den Mauerfall zum Anlass zu nehmen, um mit meinen Studenten eine richtig heiße Diskussion über das Ende des Kommunismus zu führen&#8221;, sagt sie. &#8220;Aber ich werde es mir verkneifen müssen.&#8221; Die Regeln der Universität sind eindeutig: Politische Debatten sind im Unterricht tabu. Und es sind nicht die Zeiten, in denen man leichtfertig aus Idealismus seinen Job riskiert.</p>
<p>&#8220;Es gibt keine konkreten Anweisungen, das Thema totzuschweigen, aber jeder weiß, wo die Grenzen sind&#8221;, sagt die Lektorin. &#8220;Ein wenig Geschichtsunterricht ist bestimmt kein Problem, aber alles, was darüber hinausgeht, ist in China sehr heikel.&#8221; Schließlich hat die Kommunistische Partei das Jahr 1989 in schlechtester Erinnerung: Als in Osteuropa die sozialistischen Regime eines nach dem anderen zusammenbrachen, fürchteten auch Pekings Herrscher um ihre Macht. Leicht hätten sie selbst Opfer einer friedlichen Revolution werden können. Doch die Studentenbewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens &#8211; gewissermaßen das Pekinger Pendant zu den Leipziger Montagsdemonstrationen &#8211; wurde blutig niedergeschlagen. Sie dürfen bis heute nicht öffentlich erwähnt werden.</p>
<p>Es ist als kein Wunder, dass Peking den zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls in die Reihe der &#8220;sensiblen Jahrestage&#8221; aufgenommen hat, die es zu überstehen gilt, ohne dass sich daran Proteste oder Unmutsbekundungen entzünden. Die Staatspresse beschränkt ihre Berichterstattung auf ein Minimum und orientiert sich strikt an den Vorgaben der offiziellen Nachrichtenagentur Xinhua. Die Wochenzeitung Nanfang Zhoumo nutzt den Mauerfall etwa, um auf die von der Volksrepublik angestrebte Wiedervereinigung mit Taiwan anzuspielen. &#8220;Zwei zusammengehörende Länder mit ganz verschiedenen Systemen und großen Unterschieden lassen sich nur schwer vereinigen&#8221;, schreibt das Blatt. &#8220;Vielleicht wird Deutschlands Erfahrung für China eines Tages hilfreich sein.&#8221; Im Internet nimmt die Zensurpolizei alle Erwähnungen des Begriffs &#8220;Bolin Qiang&#8221; &#8211; Berliner Mauer &#8211; unter die Lupe. Die vom Land Berlin geschaltete Seite Berlintwitterwall.com wurde Ende Oktober gesperrt. Das Forum hatte dazu eingeladen, sich auf einer virtuellen Mauer zu verewigen, was mehr als1 500 chinesische Benutzer getan hatten. &#8220;Herr Hu, reißen sie diese Mauer ein&#8221;, hieß es dort in Anspielung auf Chinas sogenannte &#8220;Great Firewall&#8221;, wie der Zensurapparat allgemein genannt wird. Ein anderer Blogger schrieb: &#8220;Die Mauer ist nicht gefallen, sondern nur von Deutschland nach China verlegt worden. Aus der physischen Mauer ist die Great Firewall geworden, die statt der körperlichen Freiheit die Gedankenfreiheit behindert.&#8221; Pekings Paranoia beschränkt auch den Handlungsspielraum der Deutschen. Während Botschaften, Goethe-Institute und Stiftungen rund um die Welt den Jahrestag mit Ausstellungen, Filmabenden und Zeitzeugenvorträgen feiern, gibt es in China nur ein abgespecktes Angebot. Zwar lässt es sich die Botschaft nicht nehmen, auf ihrem Gelände zahlreiche Veranstaltungen abzuhalten und dazu chinesische Gäste einzuladen. Doch deren Reaktionen sind verhalten. So kamen im August zahlreiche chinesische Journalisten zu einer Präsentation des weltweit durchgeführten Kunstprojekts &#8220;Mauerreise&#8221;. Doch kaum einer der Pressevertreter traute sich hinterher, über die Veranstaltung zu berichten.</p>
<p>Außerhalb des &#8220;deutschen Sektors&#8221; gibt es so gut wie kein Programm. Chinesische Universitäten, denen die Deutschen eine Mauer-Ausstellung anboten, winkten ab. Auch im zentralchinesischen Wuhan, wo derzeit das von Bundesregierung und deutscher Wirtschaft mit großem finanziellen Aufwand durchgeführte Öffentlichkeitsprojekt &#8220;Deutschland und China &#8211; Gemeinsam in Bewegung&#8221; stattfindet, ist der Mauerfall kein Thema. Das deutsche Erinnerungsangebot ist nicht erwünscht. Der 9. November soll in China ebenso wenig Teil des kollektiven Bewusstseins werden wie der 4. Juni im eigenen Land, als auf dem Tiananmen-Platz die Reformbestrebungen vereitelt wurden. Doch da die historischen Parallelen zwischen den beiden Ereignissen unübersehbar sind, ist der Mauerfall bei chinesischen Regimekritikern und Dissidenten umso präsenter.</p>
<p>&#8220;1989 war das Jahr, in dem der Kommunismus hätte begraben werden sollen&#8221;, sagt Ding Zilin. &#8220;Leider ist er in China dem Tod von der Schippe gesprungen.&#8221; Die 73-jährige ehemalige Professorin verlor beim Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens ihren Sohn und gründete daraufhin die Organisation &#8220;Tiananmen Mütter&#8221;, die von der Partei eine öffentliche Debatte und Entschuldigung verlangt. In ihrer Wohnung liegt vor einem Ölgemälde ihres Sohnes auch ein Stück Berliner Mauer, das ihr ein Bekannter aus einem Souvenirladen am Brandenburger Tor mitgebracht hat. &#8220;Wir Chinesen sind um unseren Mauerfall betrogen worden&#8221;, meint sie. &#8220;Aber jede Mauer wird einmal überwunden &#8211; auch die chinesische&#8221;.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/kein-mauerfall-in-china/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Großgrundbesitzerbonbons</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/grosgrundbesitzerbonbons/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/grosgrundbesitzerbonbons/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 24 Sep 2009 02:16:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kulturrevolution]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Mao]]></category>
		<category><![CDATA[Propaganda]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1535</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Vor 44 Jahren versuchten Chinas Bildhauer, Bauern durch Kunst die Weltrevolution zu erklären. Nun reist das kommunistische Lehrwerk erstmals ins Ausland.</h3>
<img class="alignleft size-full wp-image-1538" title="Pachthof" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/09/090923_1314_03_1249653094_hof_d_pacht_4_2_mail.jpg" alt="Pachthof" width="148" height="172" />Kennste die noch?" schallt es von links. "Und schau mal den da!" kommt es lachend von rechts zurück. Es ist Sonntagnachmittag. In kleinen Gruppen ziehen Touristen und Wochenendausflügler durch das feudale Anwesen von Chinas berüchtigtstem Großgrundbesitzer, Liu Wencai. Sie fotografieren sich in den gepflegten Gärten und vor Oldtimern vom Anfang des 20. Jahrhunderts, doch der Höhepunkt ist der "Hof für die Pachteinnahmen", zu dem Wegweiser die Menschenströme führen wie im Louvre zur Mona Lisa. "Hier sehen sie das wichtigste Kunstwerk es Neuen China", knarzt es aus dem Megaphon der Reiseführerin, als ob die Besucher das nicht selber wüssten...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Vor 44 Jahren versuchten Chinas Bildhauer, Bauern durch Kunst die Weltrevolution zu erklären. Nun reist das kommunistische Lehrwerk erstmals ins Ausland.</h3>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-1538" title="Pachthof" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/09/090923_1314_03_1249653094_hof_d_pacht_4_2_mail.jpg" alt="Pachthof" width="192" height="224" />Kennste die noch?&#8221; schallt es von links. &#8220;Und schau mal den da!&#8221; kommt es lachend von rechts zurück. Es ist Sonntagnachmittag. In kleinen Gruppen ziehen Touristen und Wochenendausflügler durch das feudale Anwesen von Chinas berüchtigtstem Großgrundbesitzer, Liu Wencai. Sie fotografieren sich in den gepflegten Gärten und vor Oldtimern vom Anfang des 20. Jahrhunderts, doch der Höhepunkt ist der &#8220;Hof für die Pachteinnahmen&#8221;, zu dem Wegweiser die Menschenströme führen wie im Louvre zur Mona Lisa. &#8220;Hier sehen sie das wichtigste Kunstwerk es Neuen China&#8221;, knarzt es aus dem Megaphon der Reiseführerin, als ob die Besucher das nicht selber wüssten.</p>
<p>&#8220;Früher waren diese Figuren alle in unseren Schulbüchern abgebildet&#8221;, erzählt ein Besucher mittleren Alters, während er mit dem Handy die Figur einer jungen Frau fotografiert, die erschöpft auf der Tragestange zwischen zwei Körben sitzt. &#8220;Wir mussten darüber Aufsätze schreiben: über die Ausbeutung der Bauern, den Sieg der Revolution und die Weisheit des Vorsitzenden Mao.&#8221; Er knipst noch einen bulligen Schlägertyp mit seinem Schäferhund und muss dann grinsen. &#8220;Verrückte Zeiten, aber so war das damals halt.&#8221;</p>
<p>Vierundvierzig Jahre nach seiner Entstehung und dreiunddreißig Jahre nach Maos Tod traut sich die Volksrepublik nun, ihr bekanntestes Klassenkampfmonument erstmals im Ausland zu zeigen. Als Teil des Begleitprogramms des chinesischen Gastlandauftritts bei der Frankfurter Buchmesse ist der „Hof für die Pachteinnahmen“ in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle zu sehen. Kein kleiner Coup: Immerhin haben in der Vergangenheit schon die Documenta in Kassel und Venedigs Biennale vergeblich versucht, den Pachthof auszuleihen. Denn welches Kunstwerk könnte eine bessere Diskussionsvorlage über das moderne China bieten? Während Chinas Kulturministerium die Skulpturen als ein Stück revolutionärer Hochkultur versteht, sehen Kritiker darin Propagandakunst von riefenstahlscher Qualität. &#8220;Was Mao unter dem Deckmantel des Klassenkampfes an Katastrophen und Leid über sein Volk gebracht hat, lässt sich mit den Verbrechen Hitlers vergleichen&#8221;, findet die Autorin Dai Qing, die kürzlich beim Auftaktsymposium der Buchmesse für Tumulte sorgte und bei ihrem Frankfurtbesuch auch die Plakate der Ausstellung sah &#8211; mit gemischten Gefühlen. &#8220;Wenn man dieses Propagandawerk in Deutschland zeigt, sollten die Besucher genau wissen, unter welchen Umständen es entstanden ist&#8221;, meint Dai. &#8220;Kunst und Politik sind beim Pachthof nicht zu trennen.&#8221;</p>
<p>Genau darauf hoffen auch die damals beteiligten Künstler. &#8220;Natürlich ist der Pachthof nicht von seiner Zeit zu trennen, aber sein künstlerischer Wert ist trotzdem zeitlos&#8221;, sagt Wang Guanyi. Der 73-Jährige pensionierte Professor der Kunstakademie von Sichuan war seinerzeit einer der Künstler des 14-köpfigen Bildhauerkollektivs. In seiner engen Dozentenwohnung ist er umgeben von den Werken eines von politischer Instrumentalisierung geprägten Künstlerlebens: Neben dem Sofa steht eine Bronzestatue von Deng Xiaoping, im Regal Büsten diverser Arbeiterhelden und auf seinem Arbeitstisch das Tonmodell eines Kriegsdenkmals &#8211; alles nicht geeignet, das Stigma der Propagandahandwerker abzuschütteln. Doch der Pachthof, davon ist man in China überzeugt, werde in die Kunstgeschichte eingehen. &#8220;Für alle Beteiligten war es das wichtigste Werk ihres Lebens&#8221;, glaubt Wang. &#8220;Nirgends auf der Welt existiert eine Skulpturengruppe ähnlicher Größe und Qualität, nicht einmal von Michelangelo oder Rodin.&#8221; Was die Größe der Anlage angeht, hat Wang sicher Recht. Michelangelos Grabmonument für Papst Julius nimmt sich bescheiden aus, neben der Mammutanlage in Dayi. Auch Rodins Bürger von Calais, an die der Hof für die Pachteinnahme auch in seiner Gegensätzlichkeit stark erinnert, wirken winzig neben diesem Monument des Klassenkampfes. Ob aber der Vergleich, was die künstlerische Qualität angeht vor der Kunstgeschichte bestehen kann, darf bezweifelt werden.</p>
<p>Doch zumindest die Entstehungsgeschichte der Gruppe könne es an Dramatik mit jedem anderen künstlerischen Weltwunder aufnehmen, meint Wu Mingwan, damals Parteisekretär der Fakultät für Bildhauerei an Sichuans Kunstakademie. &#8220;Es war eine äußerst aufregende Zeit.&#8221; Im Frühjahr 1965 ging bei Wu ein ideologischer Notruf ein: Im ehemaligen Anwesen des Großgrundbesitzers Liu Wencais in Dayi, nahe Sichuans Provinzhauptstadt Chengdu, müsse schnellstens ein pädagogisches Kunstwerk geschaffen werden, um den Bauern den Sinn des Kommunismus zu erklären.</p>
<p>Es handelte sich um eine undankbare Aufgabe, an der bereits ein Stab lokaler Propagandabeamten gescheitert war. Kurz nach Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949 hatten Maos Politpädagogen den Großgrundbesitzer Liu Wencai in ihr Pantheon revolutionärer Antihelden aufgenommen und zum Vorzeigeausbeuter erklärt. &#8220;Alles Schlechte, das man sich vorstellen konnte, wurde auf ihn projiziert&#8221;, sagt Wu.</p>
<p>&#8220;Dabei hatte das mit dem historischen Liu Wencai wenig zu tun.&#8221; Dieser war zwei Wochen nach der kommunistischen Machtergreifung 62-jährig eines natürlichen Todes gestorben und wurde von Dayis Bauern wegen seiner karitativen Projekte der &#8220;Gute Liu&#8221; genannt. So zeigte die lokale Bevölkerung wenig Verständnis dafür, warum sein Gutshof plötzlich als Klassenkampfmahnmal dienen sollte.</p>
<p>Um der offiziellen Geschichtsschreibung Glaubwürdigkeit zu verleihen, wurden im Nachhinein Folterzellen errichtet, Wände mit Schweineblut beschmiert und Gräuelszenen von Schauspielern oder Puppen nachgestellt. &#8220;Soldaten von außerhalb hat das beeindruckt, aber die Leute der Region fielen darauf nicht herein&#8221;, erzählt Zhao Shutong, ebenfalls einer der beteiligten Künstler, der in Dayi aufgewachsen war. &#8220;Eines Tages hörten die Beamten, wie ein Bauer sich Lius schönes Bett anschaute und sagte: Wenn ich eine Nacht dort schlafen könnte, hätte ich nicht umsonst gelebt. Da verzweifelten sie: Die Bauern sollten Lius Reichtum doch hassen, nicht bewundern.&#8221;</p>
<p>Deshalb rief man in Dayi die Professoren der Kunstakademie von Sichuan zu Hilfe, die ihr Handwerk größtenteils von sowjetischen Revolutionskunstexperten gelernt hatten und im ganzen Land als versierte Verherrlicher von Bauern, Arbeitern und Soldaten bekannt waren. &#8220;Das Dayi-Projekt kam uns sehr gelegen&#8221;, erklärt Long Dehui, ehemaliger pädagogischer Leiter der Hochschule, &#8220;wir suchten damals ohnehin gerade nach Wegen, die Bauern mit Kunst zu erreichen.&#8221; So habe man schnellentschlossen, die Professoren Wang Guanyi und Zhao Shutong mit fünf Studenten nach Dayi geschickt. Später kamen noch andere Dozenten hinzu. Vier Monate arbeiteten sie vor Ort an den Skulpturen&#8221; Die Bauern haben uns Modell gesessen und mit uns über unsere Arbeit diskutiert&#8221;, erinnert sich Long Taicheng, der damals als 21jähriger Student mit nach Dayi fuhr. &#8220;Alle waren ungeheuer euphorisch.&#8221; Schon bald seien von weither Menschen gekommen, um die Figurengruppe zu bewundern. &#8220;An einem Tag kamen drei Frauen in den Hof und sind mit Stöcken auf die Figuren der Ausbeuter losgegangen, weil sie so echt aussahen&#8221;, erzählt Long, inzwischen selbst ein pensionierter Bildhauereiprofessor. &#8220;Wir mussten sie zurückhalten und ihnen den Unterschied von Kunst und Wirklichkeit erklären.&#8221;</p>
<p>Inwieweit sich bei solchen Anekdoten politisches Wunschdenken die Form von Erinnerungen angenommen hat, lässt sich im Nachhinein ebenso schwer ermitteln wie die Antwort auf die Frage, wer damals welchen Beitrag geleistet hat. Vor allem zwischen den Professoren Wang und Zhao gehen die Meinungen diesbezüglich weit auseinander. &#8220;Die Studenten kamen alle aus meiner Klasse und hörten auf mein Kommando&#8221;, sagt Wang.</p>
<p>Zhao behauptet dagegen, die Akademie habe ihn geschickt, weil man die Aufgabe Wang nicht zutraute. &#8220;Jeder wusste, dass Wangs Studenten die schlechtesten der ganzen Hochschule waren&#8221;, erzählt Zhao. &#8220;Ich musste alle Figuren nacharbeiten, selbst Wangs eigene.&#8221; Parteisekretär Wu besteht dagegen darauf, dass es sich um ein echtes Kollektivwerk handelte. &#8220;Es gehört sich nicht, über persönliche Verdienste zu streiten&#8221;, sagt er. &#8220;Der Pachthof ist unter der Leitung der Partei und der Regierung entstanden. Der Urheber ist das chinesische Volk.&#8221;</p>
<p>Sicher ist indes, dass nicht nur die Künstler von ihrem Werk begeistert waren. Als kurz nach der Fertigstellung die Kulturrevolution ausbrach, erhob Maos Frau Jiang Qing den Pachthof in den Rang eines Modellkunstwerks. &#8220;Es war das einzige Werk bildender Kunst, dass sie neben ihren eigenen Revolutionsopern gelten ließ&#8221;, sagt Zhao. &#8220;Wir wurden nach Peking gerufen und haben das Werk dort noch einmal nachgebaut.&#8221; Zhao, der als Leitkünstler auftrat, wurde von Jiang zum nationalen Kunstbeauftragten ernannt. Sein kometenhafter Aufstieg brachte ihm erst den Neid seiner Kollegen ein und dann den Vorwurf der Konterrevolution, den er mit vier Jahren Arbeitslager büßen musste. Auch die roten Garden warfen den Künstlern vor, ihr Werk sei nicht revolutionär genug: Mehrfach zwangen sie die Bildhauer zu Veränderungen. &#8220;Mal haben sie gefordert, Mao Zedong müsse als Retter auftauchen&#8221;, erzählt Zhao. &#8220;Ein andermal wollten sie, dass Liu Wencai von den Bauern getötet wird.&#8221;</p>
<p>Bis zum Ende der Kulturrevolution waren die Künstler fast vollzeitig damit beschäftigt, Kopien und neue Versionen des Pachthofs zu produzieren. In Frankfurt wird eine Reiseversion aus Fiberglas ausgestellt. Die nicht transportierbaren Trockenlehmskulpturen des Originals stehen dagegen nach wie vor unverrückt in Dayi &#8211; und warten auf das Urteil der Kunstgeschichte. Das politische ist längst gefallen: Der reiche Liu Wencai ist im neuen China wieder Vorbild statt Klassenfeind &#8211; und die Nachfahren machen rund um sein Anwesen gute Geschäfte. &#8220;Essen wie bei Lius&#8221;, wirbt ein Restaurant, ein Souvenirladen verkauft &#8220;Großgrundbesitzerbonbons&#8221;. Konterrevolution ist auch nicht mehr, was sie einmal war.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/grosgrundbesitzerbonbons/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Der große Nachsitzende</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/der-grose-nachsitzende/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/der-grose-nachsitzende/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 22 Sep 2009 14:43:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Armee]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
		<category><![CDATA[Mao Zedong]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1521</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Chinas Volksbefreiungsarmee hat Maos Enkel zu ihrem jüngsten General ernannt.</h3>
Er gilt als nicht sehr helle, aber sein Name strahlt dafür umso mehr: Mao Xinyu, der 39-jährige Enkel Mao Zedongs, ist zum jüngsten General der Volksbefreiungsarmee ernannt worden. Kurz vor dem 60. Gründungstag der Volksrepublik am 1. Oktober versucht die Kommunistische Partei, dem Mythos des großen Vorsitzenden neuen Glanz zu verleihen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Chinas Volksbefreiungsarmee hat Maos Enkel zu ihrem jüngsten General ernannt.</h3>
<p>Er gilt als nicht sehr helle, aber sein Name strahlt dafür umso mehr: Mao Xinyu, der 39-jährige Enkel Mao Zedongs, ist zum jüngsten General der Volksbefreiungsarmee ernannt worden. Kurz vor dem 60. Gründungstag der Volksrepublik am 1. Oktober versucht die Kommunistische Partei, dem Mythos des großen Vorsitzenden neuen Glanz zu verleihen, und da sich das ganze Volk als große Familie verstehen soll, muss auch Maos leibliche Verwandtschaft öffentlich in Szene gesetzt werden – auch wenn dieser zum Leidwesen der Propagandabeamten keinen vorzeigbareren Nachfahren als Mao Xinyu hat.</p>
<p>Staatspräsident Hu Jintao persönlich soll es gewesen sein, der Mao Junior vor sechs Jahren ins Licht der Öffentlichkeit zog und zum Abgeordneten der Politischen Konsultativkonferenz machte. Zuvor hatte er an der Pekinger Volksuniversität Geschichte studiert und an der Akademie für Militärwissenschaften der Volksbefreiungsarmee über die Strategien seines Großvaters promoviert. Auch heute widmet sich der Doktor der Mao-Zedong-Gedanken vorwiegend seiner Forschung und hält außerdem einen Posten in der Partei-Jugendliga, heißt es in der offiziellen Vita. Unter seinem Namen sind mehrere Bücher erschienen, darunter eines mit dem Titel &#8220;Mein Großvater Mao Zedong&#8221;. Allerdings ist umstritten, ob er die Werke tatsächlich selbst verfasst hat. Hartnäckigen Pekinger Gerüchten zufolge soll Mao Xinyu von der Geistesschärfe seines Vorwahren wenig geerbt haben.</p>
<p>Seine öffentlichen Auftritte fördern Zweifel an seinen intellektuellen Fähigkeiten eher als sie zu widerlegen. Seiner Sprache merkt man die angeblichen akademischen Meriten nicht an, häufig kichert er. In den Medien wird er deshalb meist nur kurz gezeigt.</p>
<p>Trotzdem glaubt die Partei, dass er ihrem Ansehen mehr nützt als schadet. Denn seit einigen Jahren lautet die Strategie, den Menschen Mao in den Vordergrund zu rücken. Da schadet es auch nicht, wenn sein Enkel ihn beharrlich als &#8220;Gott&#8221; bezeichnet. &#8220;In diesem Jahrhundert, in dieser neuen Phase der Geschichte, ist die Verbreitung der Gedanken von Mao Zedong und die Förderung des glorreichen Bildes des Vorsitzenden Mao wichtiger als je zuvor&#8221;, erklärte Mao Xinyu kürzlich in einem Interview. &#8220;Es ist die Pflicht unserer Familie, dem Volke dabei beständig zu dienen.&#8221; Da dies nicht unbelohnt bleiben darf, wurde er einem Bericht der Zeitung Changjiang Ribao zufolge schon im Juni in den Rang eines Generals befördert und tritt seitdem bei offiziellen Terminen in einer reich dekorierten Uniform auf.</p>
<p>Im Internet wird darüber allerdings bereits gespottet. &#8220;Mao Xinyu ist nicht nur der jüngste General, sondern er hat auch die teuerste Uniform&#8221;, kommentierte gestern ein Blogger in Anspielung auf seinen gewaltigen Körperumfang und die dafür benötigten Stoffmengen.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/der-grose-nachsitzende/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Black Box KP</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/black-box-kp/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/black-box-kp/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 21 Sep 2009 14:44:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunistische Partei]]></category>
		<category><![CDATA[Partei]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1525</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Chinas Kommunistische Partei erweist sich wieder einmal als undurchschaubar. Nach dem jüngsten Spitzenkonklave rätselt das Land, was in der Führung vor sich geht.</h3>
Im Kino ist Chinas Kommunistische Partei derzeit ein offenes Buch. Kurz vor dem 60. Jahrestag ihrer Machtübernahme verbreitet der Propagandaapparat den monumentalen Historienfilm „Die Gründung der Republik“, der die Entstehung des sogenannten Neuen China als revolutionäres Heldenepos erzählt...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Chinas Kommunistische Partei erweist sich wieder einmal als undurchschaubar. Nach dem jüngsten Spitzenkonklave rätselt das Land, was in der Führung vor sich geht.</h3>
<p>Im Kino ist Chinas Kommunistische Partei derzeit ein offenes Buch. Kurz vor dem 60. Jahrestag ihrer Machtübernahme verbreitet der Propagandaapparat den monumentalen Historienfilm „Die Gründung der Republik“, der die Entstehung des sogenannten Neuen China als revolutionäres Heldenepos erzählt. Der Streifen, der auch als Lehrmaterial für den Geschichtsunterricht an Schulen, Universitäten und Kaderschmieden eingesetzt wird, gewähre einen Blick hinter die Kulissen der Politik, wirbt die Staatspresse. Was die Chinesen zu sehen bekommen, ist in der Tat ein schöner Anblick: Mao und seine Verbündeten, verkörpert vom Who is who der chinesischen Leinwandstars, erscheinen als bescheidene Diener ihres Volkes, die stets nur das Beste wollen – und es am Ende auch erreichen.</p>
<p>Jenseits der inszenierten Wirklichkeit sind die Chinesen dieser Tage allerdings Zeugen eines politischen Verschleierungsakts geworden, der für die Funktionsweise des kommunistischen Machtmaschinerie weitaus repräsentativer ist: Vergangene Woche tagten in Peking die 370 Mitglieder des Zentralkomitees, einer Art Parteiparlament. Wie immer fand das Treffen hinter geschlossenen Türen statt und die Tagesordnung sickerte nicht einmal zu den bestinformierten Chinabeobachtern durch. Dennoch galt es als sicher, dass das Konklave vor allem die Aufgabe hatte, die Machtübergabe an die nächste Führungsgeneration vorzubereiten, die 2012 vollzogen werden soll. Vizepräsident Xi Jinping, der als designierter Nachfolger von Staats- und Parteichef Hu Jintao gilt, sollte dafür die Stellvertreterposition in der Zentralen Militärkommission übertragen bekommen, ein Amt, das auch Hu vor zehn Jahren erhalten hatte. Umso größer war deshalb die Überraschung, als die Staatspresse am nach dem Ende der Sitzung am Wochenende keinerlei personelle Veränderungen bekannt gab. Die Hongkonger South China Morning Post sprach sogar von einem „Schock“.</p>
<p>Nun darf darüber spekuliert werden, was sich hinter der Abweichung vom vermeintlichen Parteiprotokoll verbirgt. Womöglich hat Xi in seinen zwei Jahren als Vizepräsident noch nicht die notwendige Mehrheit hinter sich gebracht, um seine Beförderung zu besiegeln. Dass er der Sohn eines ehemals mächtigen Parteiveteranen ist, hatte schon in der Vergangenheit Zweifel an seinen Aufstiegsmöglichkeiten aufkommen lassen, da der Apparat den Anschein von Günstlingswirtschaft vermeiden will. Denkbar ist auch, dass sein interner Konkurrent, Vizepremier Li Keqiang, der bisher als designierter Regierungschef gehandelt wurde, das Rennen um den Spitzenposten noch einmal spannend gemacht hat. Einige Experten halten es auch für möglich, dass die Partei derzeit andere Sorgen hat, als sich um Personalien zu kümmern, die erst in drei Jahren wirksam werden. Obwohl die Volksrepublik als erste große Wirtschaftsmacht die Krise hinter sich gelassen zu haben scheint, steht das Land aufgrund steigender Arbeitslosigkeit und sozialem Unfrieden vor den größten Problemen seit zwei Jahrzehnten. Am wahrscheinlichsten dürfte allerdings sein, dass in der Partei wieder einmal Macht- und Richtungskämpfe ablaufen, von denen die Öffentlichkeit keinerlei Ahnung hat. Den auch nach 60 Jahren Herrschaft bleibt das kommunistische System eine Black Box – aller Jubiläumspropaganda zum Trotz.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/black-box-kp/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>&#8220;Meine Mutter kann weder schreiben noch lesen&#8221;</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/meine-mutter-kann-weder-schreiben-noch-lesen/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/meine-mutter-kann-weder-schreiben-noch-lesen/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 02 Sep 2009 09:11:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
		<category><![CDATA[Reform]]></category>
		<category><![CDATA[Verlag; Propaganda]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1466</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Ein Gespräch mit Li Pengyi, Parteichef eines der größten Verlage der Volksrepublik, der ein Staatsunternehmen fit für den Markt machen soll.</h3>
<em><img class="alignleft size-medium wp-image-1467" title="Li_Pengyi" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/09/Li_Pengyi_1-227x300.jpg" alt="Li_Pengyi" width="159" height="210" />Herr Li, Sie haben den Auftrag, eine sozialistische Industrie in eine kapitalistische zu verwandeln.</em>

Das ist ihr Verständnis der Sache. Aber wir sind immer noch ein sozialistisches System. Glauben Sie nicht? Das Fundament ist immer noch sozialistisch, aber es hat chinesische Eigenschaften. So hat Deng Xiaoping das vor etwa zwanzig Jahren genannt. Und wir glauben das. Wir sind noch immer auf einem sozialistischen Weg, aber eben mit einigen chinesischen Eigenschaften. Was heißt das? Marxismus oder Leninismus sagen, sozialistische Gesellschaften können nicht den Weg Richtung Marktwirtschaft einschlagen. Aber genau das machen wir. Das ist ein neuer Ansatz. Wir machen hier Geschichte...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Ein Gespräch mit Li Pengyi, Parteichef eines der größten Verlage der Volksrepublik, der ein Staatsunternehmen fit für den Markt machen soll.</h3>
<p><em><img class="alignleft size-large wp-image-1472" title="Li Pengyi in seinem Pekinger Büro" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/09/Li_Pengyi_21-1024x682.jpg" alt="Li Pengyi in seinem Pekinger Büro" width="402" height="267" />Herr Li, Sie haben den Auftrag, eine sozialistische Industrie in eine kapitalistische zu verwandeln.</em></p>
<p>Das ist ihr Verständnis der Sache. Aber wir sind immer noch ein sozialistisches System. Glauben Sie nicht? Das Fundament ist immer noch sozialistisch, aber es hat chinesische Eigenschaften. So hat Deng Xiaoping das vor etwa zwanzig Jahren genannt. Und wir glauben das. Wir sind noch immer auf einem sozialistischen Weg, aber eben mit einigen chinesischen Eigenschaften. Was heißt das? Marxismus oder Leninismus sagen, sozialistische Gesellschaften können nicht den Weg Richtung Marktwirtschaft einschlagen. Aber genau das machen wir. Das ist ein neuer Ansatz. Wir machen hier Geschichte.</p>
<p><em>Vor 30 Jahren wurden Menschen, die eine Art sozialistische Marktwirtschaft einführen wollten, von Ihrer Partei Revisionisten genannt.</em></p>
<p>Ja.</p>
<p><em>Und Sie haben da ihre Meinung geändert.</em></p>
<p>Ja. Wir haben unsere Meinung geändert. Oder eher: Die Partei hat ihre Meinung geändert. Diese Meinung hat dazu geführt, dass die chinesische Wirtschaft sich fortentwickelt hat. Jetzt, nach dreißig Jahren einer Politik der Öffnung, können Sie die Erfolge sehen.</p>
<p><em>Sie wollen also ihren Verlag fit für den Markt machen?</em></p>
<p>Nicht nur diesen Verlag. Die Zentralregierung will alle Verlage marktwirtschaftlich machen, bis auf vier: Peoples Press, der Verlag für Politik und Marxismus. Publishing House for Tibetan Studies, drittens, Verlag für ethnische Minderheiten, und der Verlag für die Blinden. Diese vier Verlage brauchen Unterstützung der Regierung. Alle anderen werden marktwirtschaftlich werden.</p>
<p><em>Was sind denn die Hauptmaßnahmen, die Sie ergreifen müssen, um marktwirtschaftlich zu werden?</em></p>
<p>Die Organisation dieses Verlags ist schon selbst eine Maßnahme für den Gang in diese Richtung. Vor sieben Jahren war der Verlag ein Arm der Regierung, Teil von GAPP (General Administration of Press and Publication).Dann beschloss die Regierung, die China Publishing Group zu gründen, damit die Verlage die GAPP verlassen können.</p>
<p><em>Aber Sie sind doch noch hier &#8211; als Partei-Mann.</em></p>
<p>Ja, viele von uns sind Parteimitglieder. Ich sage ihnen die Wahrheit: Alle Mitglieder unseres Vorstands sind Parteimitglieder. Wir haben in China über 70 Millionen Parteimitglieder.</p>
<p><em>Es ist also unmöglich, etwas ohne die Partei zu machen.</em></p>
<p>Ja, das ist unser System.</p>
<p><em>Und die zweite Maßnahme.</em></p>
<p>Die Trennung zwischen Regierung und Verlagen. Wir heißen China Publishing Group. Die ersten fünf Jahre lang war es kein wirkliches Unternehmen. Erst ab 2007 wurde es ein richtiges im Handelsregister registriertes Unternehmen.</p>
<p><em>Was heißt das? Machen Sie Profite?</em></p>
<p>Ja, natürlich.</p>
<p><em>Aber sie machen Profite, weil Sie ein Monopol haben, auf ein wichtiges Lexikon.</em></p>
<p>Das ist kein Monopol. Alle Verlage können Lexika herausgeben.</p>
<p><em>Aber alle Schüler in China müssen Ihr Lexikon kaufen.</em></p>
<p>Nein, sie müssen nicht. Das ist ein falscher Eindruck. Weil unsere Lexika sehr gut sind, werden sie von vielen Lehrern empfohlen. Sehen Sie, ich bin erst seit zwei Jahren Vize-Präsident dieses Verlags. Vorher war ich bei einem anderen Verlag, der sehr groß ist. Er heißt Foreign Language Teaching and Research Press. Dort war ich 15 Jahre lang Präsident. Wir waren scharfe Wettbewerber von Commercial Press.</p>
<p><em>Commercial Press hat Sie also abgeworben, um Ihr Wissen über den Konkurrenten zu bekommen?</em></p>
<p>So können Sie das verstehen. Aber bevor ich hierher gekommen bin, habe ich bei FLTRS ein anderes Lexikon herausgegeben, das heißt Standard Modern Chinese Dictionary. Das von Commercial Press heißt Modern Chinese Dictionary. Wir sind sehr scharfe Konkurrenten.</p>
<p><em>Wie funktioniert der Wettbewerb?</em></p>
<p>Wir geben viel Geld aus. Vor zehn Jahren waren es bei FLTRS fünf Millionen RMB allein, um das Recht zu bekommen, das Lexikon herauszugeben. Wir wollten nicht nur ein Fremdsprachenverlag sein, sondern auch auf chinesisch veröffentlichen. Also haben wir ein chinesisches Lexikon herausgegeben. Um die Marke zu etablieren. Zwei Jahre bin ich selbst in viele Provinzen, Städte, an Universitäten und in Schulen gegangen, um das Lexikon zu vertreiben. Im ersten Jahr verkauften wir 200.000 Exemplare. Das war nicht schlecht, aber weil das Lexikon von Commercial Press so etabliert war, konnten wir damit nicht mithalten. FLTRS verkauft sein Lexikon immer noch. Und ich bin immer noch Ehren-Präsident von FLTRS.</p>
<p><em>Getrennt marschieren, vereint schlagen. Mein Eindruck ist, dass die Kommunistische Partei genau das macht.</em></p>
<p>Vielleicht wird FLTRS eines Tages Teil von Commercial Press.</p>
<p><em>Die dritte Maßnahme?</em></p>
<p>Die dritte Maßnahme betrifft unser Personal. Wir haben&#8230;</p>
<p><em>&#8230; zu viel Personal?</em></p>
<p>&#8230;viel Personal. Es sind 6000 Angestellte. Früher wurden sie alle von der Regierung bezahlt. Ab Oktober dieses Jahres muss der Verlag sie selbst bezahlen.</p>
<p><em>Sie werden natürlich kalkuliert haben, wie viele Mitarbeiter sie bezahlen können.</em></p>
<p>Wir können natürlich alle bezahlen. Unsere Gruppe ist ziemlich profitabel.</p>
<p><em>Ist irgendjemand in China stark genug, um mit ihnen zu konkurrieren?</em></p>
<p>Natürlich gibt es andere Verlage, und der Wettbewerb ist sehr stark. Zum Beispiel sind wir bei Schulbüchern klein. Da gibt es viel größere Verlage, etwa Peoples Education Press. Die sind immer noch Teil des Bildungsministeriums. Die hatten bis vor fünf Jahre ein Monopol. Aber jetzt ist das vorbei.</p>
<p><em>Sind die Schulbücher gleich, egal in welcher Provinz man ist?</em></p>
<p>Das System in China ist anders als in Deutschland. Bei Ihnen hat jedem Bundesland ein eigenes Bildungsministerium. Bei uns gibt es nur ein nationales. Aber jede Provinz und Stadt hat eine eigene Bildungsbehörde. Solange ein Buch vom Pekinger Bildungsministerium zugelassen ist, kann man es verkaufen. Es gibt zum Beispiel für den Englischunterricht in Grundschulen über 30 Bücher. Allein bei FLTRP haben wir zwei, für unterschiedliche Niveaus. In den Städten haben die Schüler ja ein höheres Englisch-Niveau als auf dem Land. Indem wir zwei Bücher herausgeben, können wir unseren Marktanteil erhöhen.</p>
<p><em>Wenn ein Verlag in Wuhan ein Buch vertreiben will &#8211; muss er sich an die regionalen Bildungsbehörden richten, oder an einzelne Schulen oder Lehrer?</em></p>
<p>Normalerweise wird das auf Provinz- und Stadtebene entschieden, nicht auf Schulebene.</p>
<p><em>Es hängt also davon ab, dass man gute Beziehungen zu Entscheidern in den Behörden hat.</em></p>
<p>Beziehungen sind natürlich ein Teil. Aber am wichtigsten ist die Qualität. Aber wenn die Qualität vergleichbar ist, geht es natürlich um Beziehungen.</p>
<p><em>Da hat Commercial Press wohl eine ziemlich starke Position, bei ihrer Tradition und ihrem Hintergrund.</em></p>
<p>Ich sage ihnen etwas. Die privaten Verleger haben manchmal den Vorteil bei Schulbüchern. Denn ihre Marketingmethoden sind flexibler, etwa beim Preis, und sie können auch Leute zum Essen einladen.</p>
<p><em>Sie machen das nie?</em></p>
<p>Manchmal. Sie haben hier ja auch einen Tee bekommen.</p>
<p><em>Ihr Herz ist immer noch bei FLTRP. Dann sollten Sie den Laden doch kaufen.</em></p>
<p>Wenn wir genug Geld haben. FLTRP ist nicht sehr groß. Aber wir haben 1600 Angestellte. Und es ist so profitabel wie Commercial Press. Es gehört zur Beijing Fremdsprachenhochschule. Ein Drittel des Budgets der Universität kommt von dem Verlag. Bevor ich hierher kam, war ich Vizepräsident der Universität. Und Präsident des Verlags. Und Schulleiter der Mittelschule, die zur Fremdsprachenhochschule gehört. Ich hatte also drei Hüte.</p>
<p><em>Warum macht ein Mann so viele Jobs? Ihr Tag hat doch auch nur 24 Stunden?</em></p>
<p>Ja, meine Frau ist da nicht so glücklich. Aber ich arbeite 15 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche, seit 15 Jahren.</p>
<p><em>Werden Sie in fünf Jahren noch hier sein und wird Commercial Press dann noch ein großer Verlag sein?</em></p>
<p>Wir werden noch ein großer Verlag sein. Wahrscheinlich werden wir in einem viel größeren Gebäude sitzen. Mein Job ist im Moment, den Bau von mehreren großen Gebäuden zu managen. Wir haben einige in Peking, einige in Shanghai und einige in Pekings Vororten.</p>
<p><em>Sind Sie ein Tycoon?</em></p>
<p>Ich wünschte, ich wäre einer.</p>
<p><em>Ich nehme an, dass das Immobiliengeschäft für den Verlag ein großes Geschäft ist. Es ist ja so, dass Staatsbetriebe in China in der Regel Zugriff auf bestimmte Grundstücke haben, mit denen sie dann Geschäfte machen. Sehr profitable Geschäfte. Nur ist es ja eigentlich nicht das Kerngeschäft eines Verlages, Bürogebäude zu bauen und zu vermieten. Wie groß ist der Anteil ihres Umsatzes, der aus dem Immobilengeschäft stammt?</em></p>
<p>Unser Buchgeschäft ist 4 Milliarden RMB, das ist im Moment unser gesamter Umsatz. Der Preis unserer Bücher ist sehr billig, etwa ein zehntel von dem, was Bücher im Westen kosten. Aber die Kosten sind auch recht günstig. Deshalb können wir uns auch leisten, neue Gebäude zu bauen. Wir haben einige Grundstücke, die uns der Staat gegeben hat. Das ist die Geschichte. Das haben wir von unseren Vorfahren geerbt, und wir werden das nutzen.</p>
<p><em>Aber die Vorfahren ihres Verlags liegen doch erst sieben Jahre zurück. Im Rahmen der Ausgründung hat Commercial Press dieses Land bekommen.</em></p>
<p>Nein, das ist viel älter. Die Verlagsgruppe ist zwar erst sieben Jahre alt, aber unsere Tochterunternehmen sind sehr alte Verlage, teilweise über hundert Jahre alt. Die Commercial Press ist 112 Jahre alt. Zhonghua Book Company ist 97 Jahre alt. Rongbaozhai ist 300 Jahre alt und verkauft Antiquitäten, Kunst etc.</p>
<p><em>Aber dann muss es doch so sein, dass der Verlag vor 1949 jemandem gehört hat, einem Privatunternehmer. Damals hat der Staat das Unternehmen und all seine Grundstücke zwangsverstaatlicht. Aber nun sagen Sie, der Verlag hätte das Land geerbt. Können da nicht nicht die Erben kommen und sagen: Wir sind damals zwangsenteignet worden und wollen unser Land zurück.</em></p>
<p>Ja, ihr Deutschen habt dieses Problem. Weil ihr in Ostdeutschland vom kommunistischen System vollständig zum kapitalistischen System zurückgegangen seid.</p>
<p><em>Und China ist schlau genug, das nicht zu tun?</em></p>
<p>Nein, das tun wird nicht. Die Entwicklung unserer ganzen Wirtschaft ist doch so, dass die amerikanischen Ökonomen uns in der Vergangenheit kritisiert haben, weil wir zentrale Planung haben. Wir Chinesen glauben zwar auch an die Freiheit der Märkte. Aber es braucht Kontrollen &#8211; und schauen Sie sich doch die US-Wirtschaft jetzt an. Die hatte keine Kontrollen, obwohl sie die dringend gebraucht hätte.</p>
<p><em>Und wie würden Sie Russlands Entwicklung sehen, wie Russland sich neu erfunden hat.</em></p>
<p>Wir glauben, dass unterschiedliche Nationen ihren eigenen Weg gehen können.</p>
<p><em>Lustig, dass Sie das so sagen. Mao hat ja auch gesagt, dass jedes Land seinen eigenen Entwicklungsweg habe.</em></p>
<p>Ich glaube noch an Mao Zedong. Natürlich hat er einige Fehler gemacht, große Fehler. Aber er hat die neue Republik gegründet. Das ist der Anfang des neuen Landes, der neuen Wirtschaft. Alles hat damals neu angefangen.</p>
<p><em>Haben Sie nicht das Gefühl, dass China viel Zeit und Millionen Menschenleben verschwendet hat?</em></p>
<p>Ja, das glauben wir. Vor allem während der Kulturrevolution, das war ein Desaster.</p>
<p><em>Und der große Sprung nach vorn&#8230;</em></p>
<p>Der auch. Wir haben viele Fehler gemacht. Aber es ist so: Als die Kommunistische Partei 1949 die Macht übernahm, war sie erfahren in der Kriegsführung, aber nicht im Aufbau eines Landes. Sie musste einen Weg finden. Auf dem Weg muss man ein paar Fehler zugestehen. Aber jetzt hat sie den Weg gefunden.</p>
<p><em>War Tiananmen auch ein Fehler?</em></p>
<p>Ich glaube nicht. Wissen Sie, im Westen haben die Medien diese Sache aufgeblasen. Wenn ein ganzes Land in Aufruhr ist&#8230;</p>
<p><em>&#8230;eigentlich ja nur ein kleiner Platz in Peking&#8230;</em></p>
<p>&#8230;nein, das ganze Land. Es war in Tiananmen, an Universitäten, viele Bürger, in Shanghai, in Changsha, in allen Städten. Wenn man das nicht gestoppt hätte&#8230;</p>
<p><em>&#8230;was wäre dann passiert?</em></p>
<p>Schauen Sie sich Iran jetzt an? Oder Thailand? Das ist ihre Wirtschaft und ihre Gesellschaft. Und dann schauen Sie sich Singapur an.</p>
<p><em>Ordnung?</em></p>
<p>Ja, Ordnung. Menschenrechte sind in erster Linie das Recht zu leben. Daran glaube ich. Und vergessen Sie nie: In China haben vor 60 Jahren 1,3 Milliarden Menschen in Armut gelebt. Bevor ich zehn Jahre alt war, habe ich fünf, sechs Jahre lang jeden Tag Hunger gehabt. Jeden Tag.</p>
<p><em>Was haben ihre Eltern gemacht?</em></p>
<p>Meine Mutter ist eine Bäuerin, die nie zur Schule gegangen ist. Sie kann weder lesen noch schreiben. Sie ist jetzt 75. Ich bin 55. Mein Vater starb vor langer Zeit. Er war ein Arbeiter in den Salzfeldern in Tianjin. Das war eine sehr schwere Arbeit. Meine Großeltern waren sehr, sehr arme Bauern.</p>
<p><em>Sie sind also ein Kind von 1949.</em></p>
<p>Ich muss sagen: 99,9 Prozent von uns Chinesen sind Kinder von 1949.</p>
<p><em>Wir haben mit Privatverlegern geredet. In Deutschland wäre ein Privatverleger jemand, der die Rechte an einem Buch hat und das Buch dann unter dem Namen seines Verlages herausbringt. In China ist es aber so, dass ein Privatverleger eine Veröffentlichungsnummer kaufen muss, die nur große, staatliche Verlage haben, so dass der Privatverleger de facto nur eine Art Rechtehändler und Vermarkter für die großen Verlage ist. Es ist aber so, dass viele der sehr erfolgreichen Bücher von Privatverlegern entdeckt und vermarktet worden sind.</em></p>
<p>Vielleicht ist das, was wir jetzt machen, der erste Schritt der Verlagsindustrie. Wir öffnen jetzt den Markt für private Verleger. Vielleicht werden wir in Zukunft in eine ähnliche Richtung gehen wie im Westen.</p>
<p><em>Möchten Sie, dass Privatverleger ihre eigenen Verlage eröffnen und selbst agieren, oder wollen Sie die lieber unter der Kontrolle ihres eigenen Hauses haben.</em></p>
<p>Aus Sicht eines staatlichen Verlages wollen wir natürlich an dem gegenwärtigen System festhalten.</p>
<p><em>Also am Monopol.</em></p>
<p>Ja. Aber das Monopol wird nicht lange halten. Alles wird sich ändern, wenn wir an die Börse gehen. Das wollen wir in zwei Jahren erreichen. Wir gründen gerade ein neues Unternehmen, das heißt China Publishing Media Group Ltd. Dieser Teil unseres Geschäfts, das Verlagsgeschäft, soll an die Börse gehen. Unsere Tochterfirma Rongbaozhai (Antiquitäten, Kunst) wird auch an die Börse gehen. Das ist der vierte Schritt der Transformation.</p>
<p><em>Was ist denn der Vorteil? Soweit wir das verstehen, wird bei chinesischen Staatsbetrieben immer nur ein Minderheitenanteil an die Börse gebracht. Die Aktionäre dürfen also für Anteile bezahlen, aber das Sagen hat immer noch der Staat. Was ändert sich also?</em></p>
<p>Nein, da ändert sich schon etwas.</p>
<p><em>Was denn?</em></p>
<p>Naja, also, es ist schon so, wie sie sagen. Aber wir müssen ja wenigstens einen ersten Schritt versuchen.</p>
<p><em>Wir können also sicher sein, dass weniger als 50 Prozent an die Börse kommen.</em></p>
<p>Vielleicht<em>.</em></p>
<p><em>An der Börse zu sein bringt Geld. Aber was ist der Vorteil für den Transformationsprozess?</em></p>
<p>Unternehmen werden marktorientierter. Wir werden letztlich ein internationales Unternehmen werden. Denn wenn wir nur in China bleiben, wie werden wir da international aktiv werden können. Viele Chinesische Unternehmen machen das, und ich glaube, die Verlage werden das auch so machen. Das ist unser Ziel. Aber dafür müssen wir natürlich üben.</p>
<p><em>Erst gab es ein System der Staatsindustrie, jetzt soll daraus ein System von Privatindustrie werden. Denn ohne Privatindustrie gibt es keinen Markt. Das geht mit Staatsindustrie nicht &#8211; oder ist das etwa Chinas Ziel?</em></p>
<p>Ich möchte beides. Erstens den Markt, der in der Hand des Staates ist. Ein so großes Unternehmen wie unseres könnte ohnehin niemand kaufen&#8230;</p>
<p><em>Es steht ja auch gar nicht zum Verkauf&#8230;</em></p>
<p>Ja, es ist nicht zum Verkauf. Aber in 20 Jahren vielleicht.</p>
<p><em>Aber vielleicht werden sie in fünf, sechs Jahren in tausend Stücke zerschlagen.</em></p>
<p>Vielleicht. Aber jetzt müssen wir selbst in den Markt gehen, um im Meer zu schwimmen.</p>
<p><em>Gibt es einen Weg von System A zu System B. Denn in jedem System verdient man sein Geld ja in unterschiedlicher Weise. Klar, ein Unternehmen kann das, vielleicht auch 50 Unternehmen, aber wie wird das System verändert, ohne dass zum Beispiel Millionen ihren Job verlieren, dass Unternehmen bankrott gehen etc? Wenn ich Chinesen reden höre, scheint Markt immer Geld zu bedeuten. Unsere Erfahrung ist, dass Markt sehr häufig &#8220;kein Geld&#8221; bedeutet. Es wirkt so, als wolle China einen Markt aufbauen, in dem es nur Gewinne gibt, keine Verluste.</em></p>
<p>Es wird viel Zeit brauchen, bis die Menschen verstehen, was echte Märkte sind. Viele Leute sind bereit, sich auf den Markt einzulassen, wenn sie dort Geld verdienen, aber sie sind verständlicherweise nicht bereit dazu, wenn sie dort Geld verlieren. Wir sollten ihnen diese Übergangsphase gewähren. Das ist ja erst der erste Schritt zur Marktwirtschaft. Deutschland hat schon hundert Jahre Erfahrung.</p>
<p><em>Aber Herr Li, vor 1949 hatte China schon einen gewaltigen Markt, etwa in Shanghai.</em></p>
<p>Ja, wir haben diese Geschichte. Aber nicht in unserer Generation. Bei uns hat diese Geschichte dreißig Jahre Pause gehabt, von 1949 bis 1979.</p>
<p><em>Ist das nicht schade?</em></p>
<p>Ja, das ist schade.</p>
<p><em>Interview: Arno Widmann und Bernhard Bartsch. </em></p>
<p><em>Erschienen in: Frankfurter Rundschau, 2. September 2009<br />
</em></p>
<p><em>ZUR PERSON</em></p>
<p><em>Li Pengyi ist Vizepräsident der in Peking ansässigen Commercial Press und dort verantwortlich für den Verlagsumbau. Der 55-Jährige hat in England studiert und war zuvor Stellvertretender Rektor der Pekinger Fremdsprachenhochschule.</em></p>
<p><em>Commercial Press gilt als Chinas erster moderner Buchverlag . 1897 in Shanghai von vier US-Missionaren gegründet, etablierte er sich schnell als führender Verlag von Schul- und Fachbüchern sowie Lexika. Nach 1949 wurde das Haus verstaatlicht und wie alle chinesischen Verlage der Kontrolle der Zentralregierung unterstellt. Im Zuge der marktwirtschaftlich orientierten Reformpolitik wurde Commercial Press 2004 zusammen mit anderen Verlagen in die China Publishing Group überführt, die nächstes Jahr an die Börse gehen soll.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/meine-mutter-kann-weder-schreiben-noch-lesen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Kalte Kameraden</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/kalte-kameraden/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/kalte-kameraden/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 10 Aug 2009 20:55:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
		<category><![CDATA[Partei]]></category>
		<category><![CDATA[Propaganda]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1388</guid>
		<description><![CDATA[<h3>China rätselt über ein Internetdokument, das den Führungsanspruch der Kommunisten anzweifelt. Wer kann sowas wagen.</h3>
Hüte dich vor Greisen, besagt eine alte Despotenweisheit, denn sie haben nichts mehr zu verlieren. Auch Chinas Kommunistische Partei beherzigt diesen Vorsatz und hält ihre Veteranen mit viel Lob und strengem Tadel im Glied. Aber hin und wieder juckt es dennoch einen der Genossen, auf die alten Tage zu sagen, was er ein Leben lang eigentlich nicht einmal denken durfte: dass es nicht das gleiche ist, an der Macht zu sein und im Recht...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>China rätselt über ein Internetdokument, das den Führungsanspruch der Kommunisten anzweifelt. Wer kann sowas wagen?</h3>
<p>Hüte dich vor Greisen, besagt eine alte Despotenweisheit, denn sie haben nichts mehr zu verlieren. Auch Chinas Kommunistische Partei beherzigt diesen Vorsatz und hält ihre Veteranen mit viel Lob und strengem Tadel im Glied. Aber hin und wieder juckt es dennoch einen der Genossen, auf die alten Tage zu sagen, was er ein Leben lang eigentlich nicht einmal denken durfte: dass es nicht das gleiche ist, an der Macht zu sein und im Recht.Nun scheint wieder ein Ex-Funktionär gegen die Parteidisziplin verstoßen und mit „ungesunden Ideen“, wie ideologische Ketzerei in China offiziell genannt wird, die Öffentlichkeit gesucht zu haben. „Unterhaltungen mit einem alten Kameraden vor dem 60. Jubiläum der Volksrepublik“, heißt das anonyme Dokument, das seit einigen Tagen im Internet kursiert und die Zentrale kurz vor dem mit aller Kunst inszenierten Jahrestag am 1. Oktober an die Grenzen ihrer Legitimität erinnert.</p>
<p>„Es hat mehr Wahrheitsgehalt, zu sagen, die Nation gehöre der KP, als zu sagen, die KP sei die Partei der Nation“, moniert der alte Kamerad. Eine Trennung zwischen Partei, Regierung und Armee gebe es nicht. Die KP habe es in 60 Jahren nicht einmal für nötig gehalten, sich zumindest pro forma im Ministerium für zivile Angelegenheiten zu registrieren, das alle Parteien laut Verfassung genehmigen muss. „Unser Land hat bis heute kein politisches System im modernen Sinne“, folgert der Kader und wirft dem Regime vor, seine Macht mit den gleichen Unterdrückungsmethoden zu sichern wie seine Vorgänger, insbesondere die Kuomintang-Regierung, deren Schandtaten Pekings Propagandaapparat stets als Kontrastmittel benutzt, um die Errungenschaften des Kommunismus ins rechte Licht zu rücken. Läge der Führung wirklich Chinas Fortschritt und Wohlstand am Herzen, schließt der Alte, würde sie sich zu ihrem Herrschaftsjubiläum nicht mit Slogans wie „60 Jahre Glanz“ selbst zu gratulieren, sondern demokratische Reformen nach westlichem Vorbild einleiten &#8211; eine Forderung, die in China mit Haft geahndet wird.</p>
<p>Über die Identität des Urhebers wird nun heftig spekuliert. Denn die Liste derer, die ihre privilegierte Stellung in der Pekinger Veteranenhierarchie für liberale Zwischenrufe nutzen, ist in den vergangenen Jahren gewachsen. Einige tippen auf den 84-jährigen Qiao Shi, einst die Nummer drei der Partei, der seinerzeit vergeblich den Aufbau eines echten Rechtsstaats einforderte. Auch Wan Li, 92, einem Architekten der Marktwirtschaftsreformen, wird derartiger Mut zur Dissonanz zugetraut, nachdem er schon 1989 mit den Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens sympathisierte. Andere glauben, die Handschrift des 85-jährigen Du Daozheng erkannt zu haben, Chinas ehemaligem Chefzensor, der im Ruhestand das Reformmagazin Yanhuang Chunqiu gründete, das für eine historische Aufarbeitung der jüngeren Geschichte eintritt. Du hatte auch den wegen seines Widerstands gegen das Tiananmen-Massaker geschassten Parteichef Zhao Ziyang überredet, seine Memoiren auf Band zu sprechen, die im vergangenen Mai außerhalb der Volksrepublik posthum unter dem Namen „Gefangener des Staates“ erschienen.</p>
<p>Einige Intellektuelle halten es auch für möglich, dass die Unterhaltungen eine geschickte Fälschung junger Demokratieaktivisten ist, die in die Rolle des Altkaders schlüpfen, um ihre Ideen zu propagieren. Dies könnte gelungen sein: Das Rätselraten beschäftigt nicht nur die Webgemeinde, sondern auch die Parteispitze, die damit keine andere Wahl hat, als Argumente des &#8220;alten Kameraden&#8221; selbst zu lesen. „Wie immer es auch ist“, kommentierte der in Hongkong lebende chinesische kritische Journalist Qian Gang, „glaube ich, dass dieser Artikel, der China und die KP drängt, das 60. Jubiläum der Volksrepublik als Anlass für tiefe Reflektionen statt für leere Selbstbeweihräucherung zu nutzen, die Ansichten derjenigen Parteimitglieder widerspiegelt, die ein Gewissen haben.“</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/kalte-kameraden/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Ein Gott für alle Fälle</title>
		<link>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/ein-gott-fur-alle-falle/</link>
		<comments>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/ein-gott-fur-alle-falle/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 30 Jul 2009 22:43:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Tibet]]></category>
		<category><![CDATA[Tradition]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.bernhardbartsch.de/?p=1353</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Der Dalai Lama ist eine Jahrhundertpersönlichkeit. Alle großen Themen unserer Zeit spiegeln sich in ihm wider. Porträt einer globalen Projektionsfläche.</h3>
<img class="alignleft size-full wp-image-1354" title="Dalai Lama" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/07/a_DalaiLama4.jpg" alt="Dalai Lama" width="126" height="172" />Vor einigen Wochen servierte der Dalai Lama in einem US-amerikanischen Obdachlosenheim das Mittagessen. Es gab Pasta mit Pesto und dazu eine Kostprobe, warum der 74-jährige Mönch einer der beliebtesten Menschen des Planeten ist. "Wissen Sie, ich bin auch heimatlos", scherzte er in die Runde der Penner und lachte dabei so herzlich und mitreißend, dass selbst diejenigen einstimmten, die weder sein holpriges Englisch noch die Anspielung auf sein Exil verstanden hatten. In der Regel sind derartige Suppenküchentermine das Spielfeld von Politikern im Wahlkampf oder Promis bei der Imagesanierung. Doch das tibetische Religionsoberhaupt absolviert sie mit der gleichen Ernsthaftigkeit. Seit fünf Jahrzehnten ist sein Leben eine einzige Öffentlichkeitskampagne für sich und seine Sache: die politische oder zumindest kulturelle Freiheit der Tibeter...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der Dalai Lama ist eine Jahrhundertpersönlichkeit. Alle großen Themen unserer Zeit spiegeln sich in ihm wider. Porträt einer globalen Projektionsfläche.</h3>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-1354" title="Dalai Lama" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/07/a_DalaiLama4.jpg" alt="Dalai Lama" width="126" height="172" />Vor einigen Wochen servierte der Dalai Lama in einem US-amerikanischen Obdachlosenheim das Mittagessen. Es gab Pasta mit Pesto und dazu eine Kostprobe, warum der 74-jährige Mönch einer der beliebtesten Menschen des Planeten ist. &#8220;Wissen Sie, ich bin auch heimatlos&#8221;, scherzte er in die Runde der Penner und lachte dabei so herzlich und mitreißend, dass selbst diejenigen einstimmten, die weder sein holpriges Englisch noch die Anspielung auf sein Exil verstanden hatten.</p>
<p>In der Regel sind derartige Suppenküchentermine das Spielfeld von Politikern im Wahlkampf oder Promis bei der Imagesanierung. Doch das tibetische Religionsoberhaupt absolviert sie mit der gleichen Ernsthaftigkeit. Seit fünf Jahrzehnten ist sein Leben eine einzige Öffentlichkeitskampagne für sich und seine Sache: die politische oder zumindest kulturelle Freiheit der Tibeter.</p>
<p>Diese Woche macht er wieder einmal in Deutschland Station, und wie immer, wenn der Dalai Lama in Erscheinung tritt, wird auch hier viel gelacht werden. Humor gehört zu seiner Lehre wie Buddhas und Mandalas. &#8220;Die Kunst des Lebens&#8221;, lautet das Motto seiner viertägigen Unterweisung in der Frankfurter Commerzbank-Arena. Wo sonst Fußballspiele oder Popkonzerte stattfinden, versprechen die Veranstalter nun &#8220;einen Impuls, der Ihnen neue Kraft im Alltag gibt&#8221;. Neben Buddhismus spricht der Dalai Lama auch über Hirnforschung, die Wirtschaftskrise, Klimawandel und Armutsbekämpfung. Diese Mischung aus Spiritualität, Politik und Wissenschaft ist ein bewährtes Programm, mit dem der Friedensnobelpreisträger schon in dutzenden Stadien vor Millionen Menschen aufgetreten ist. Der bescheidene Mann in der roten Kutte und der zeitlos unmodischen Brille hat alles, was einen Superstar ausmacht und gilt trotzdem als Gegenentwurf zum globalen Entertainment- und Erleuchtungszirkus.</p>
<p>Denn der Dalai Lama ist eine Jahrhundertpersönlichkeit. Alle großen Themen unserer Zeit spiegeln sich in ihm wider. Dass er 1959 vor den Kommunisten aus seiner Heimat ins indische Exil floh, machte ihn zu einer Symbolgestalt des Kalten Kriegs und gleichzeitig zu einer Ikone des Pazifismus. Dank seines persönlichen Charismas und Engagements wurde die Tibetfrage nicht nur zu einem Konflikt von weltpolitischer Bedeutung, sondern auch zu einem Exempel, an dem sich die Meinungen darüber bilden, wie sich westliche Wertevorstellungen über Menschenrechten und Demokratie mit den wirtschaftlichen und politischen Zwängen der Globalisierung vereinbaren lassen. Er symbolisiert den Kampf der Armen und Schwachen gegen die Reichen und Mächtigen. Er verkörpert die moderne Sinnsuche zwischen Religion und Wissenschaft. Er steht für die Probleme, Tradition und Fortschritt miteinander zu vereinbaren. Der Dalai Lama ist ein Mikrokosmos der großen Fragen der Moderne.</p>
<p>Er hat sich diese Rolle nicht selbst gewählt. Aber er füllt sie perfekt aus. 1935 unter dem Namen Lhamo Dhondrub als Sohn armer Bauern geboren, wurde er im Alter von zwei Jahren als 14. Reinkarnation des Dalai Lama ausgewählt, des religiösen und politischen Oberhaupts der Tibeter. In Lhasa wurde er einer strengen religiösen Erziehung unterworfen. Als er gerade fünfzehn war, gliederte Mao Zedong Tibet in die Volksrepublik China ein. Der große Vorsitzende umschmeichelte den jungen Geistlichen und versuchte ihn zum Kommunismus zu bekehren, zunächst sogar mit Erfolg. Doch als der Dalai Lama erkannte, wie der real existierende Sozialismus die Kultur seiner Heimat umzukrempeln versuchte, wurde er zum Anwalt der tibetischen Selbständigkeit. Für Peking wurde er damit zur Feindfigur, und als die Volksbefreiungsarmee im März 1959 einen Tibeteraufstand brutal niederschlug, überredete ihn seine Gefolgschaft zur Flucht nach Indien, wo er im Bergdorf Dharamsala eine Exilregierung gründete.</p>
<p>Unter normalen Umständen hätte die tibetische Unabhängigkeitsbewegung dort wohl ein schnelles und ruhmloses Ende gefunden. Denn Tibets jahrhunderte altes Feudalsystem passte eigentlich so wenig in die moderne Welt, dass es bisweilen sogar mit der Mullah-Herrschaft im Iran verglichen wird &#8211; eine Parallele, mit der sich vergangenes Jahr eine deutsche Politikerin der Linken bei einer Debatte in der Hamburger Bürgerschaft unrühmliche Minutenprominenz verschaffte. Schließlich ist es dem Dalai Lama gelungen, das de facto entmachtete Herrschaftssystem so zu reformieren, dass es heute wie eine Demokratie mit tibetischen Traditionen erscheint. Im Westen erwies sich die Mischung aus antikommunistischem Widerstandskampf, buddhistischer Kultur und Himalaja-Romantik als interessante Nebenhandlung der großen Weltpolitik und der Dalai Lama als eine Persönlichkeit, mit der sich Prominente und Politiker gerne umgaben und den sie bereitwillig &#8220;Eure Heiligkeit&#8221; nannten.</p>
<p>Der in weitgehender Isolation aufgewachsene Mönch entpuppte sich schnell als medienpolitisches Ausnahmetalent und als das einzige Original in einer Welt voller Selbstdarsteller und Möchtegerns. Nie erlag er der Versuchung, sich als Missionar zu betätigen. Bei seinen Veranstaltungen weist er bis heute stets darauf hin, dass die Menschen ihren spirituellen Halt lieber in ihren eigenen Religionen und Traditionen suchen sollten, statt ihre Hoffnungen in eine neue Glaubensrichtung zu setzen.So ist der Dalai Lama zu einem Gott für alle Fälle geworden, zu einer Projektionsfläche, die jeder nach Belieben benutzen darf und die stets Wärme und Freundlichkeit zurückstrahlt selbst nach China, wo ihn die Regierung als &#8220;Separatisten&#8221;, &#8220;Wolf in der Mönchskutte&#8221; oder schlicht &#8220;Bestie &#8221; betitelt.</p>
<p>Nicht nur für die Tibeter ist er eine Identifikationsfigur. Globalisierungsgegner sehen in ihm ebenso ein Vorbild wie Manager. Auch Politiker sonnen sich gerne in seinem Schein und nehmen gerne Pekings Zorn in Kauf, wenn sie dafür bei der eigenen Bevölkerung punkten können. Denn egal ob links oder rechts mit dem Dalai Lama kann man nichts falsch machen. Er erscheint als zeitgemäße Alternative zum Papst: weltumarmend statt dogmatisch, tolerant statt drohend, liebend, ohne Forderungen zu stellen. Zwar kritisiert er gerne die westlichen Konsumgesellschaften, aber stets nur so, dass es nicht weh tut, sondern höchstens wohlig kribbelt. Jeder darf seine Lehre als Open-Source-Religion betrachten und sich ihrer bedienen, wie es ihm gefällt. Das ist seine Art, eine Veränderung der bestehenden Verhältnisse zu versprechen: nicht durch gesellschaftliche Umbrüche, sondern durch die Verbesserung der persönlichen Befindlichkeit. Die Revolution findet im Kopf statt.</p>
<p>Denn wirkliche Antworten oder Lösungen für die großen Fragen, die er verkörpert, hat er nicht. Was er bei seinen Auftritten sagt und in seinen Büchern schreibt, geht kaum über die Allerweltsweisheiten hinaus, mit denen einem auch Küchenkalender, Esoterik-Ratgeber oder Frauenzeitschriften den Weg durchs Leben weisen. Trotzdem klingen sie aus seinem Mund nicht platt. Er rezitiert sie mit einer Leichtigkeit, die jedes Pathos abschüttelt und keinen Zweifel an seiner Authentizität zulässt. Denn der Dalai Lama ist eine Figur, wie sie die Welt wohl noch nie gesehen hat: Ein tragischer Held, der sein Schicksal nicht schwer nimmt.</p>
<p>Sicherlich weiß er, dass das internationale Interesse für die Sache der Tibeter ihn wohl nicht lange überleben wird. Die Tibet-Bewegung war immer auch eine Dalai-Lama-Fan-Bewegung. Doch obwohl seine Mission, Tibet aus der chinesischen Herrschaft zu befreien oder den Kommunisten zumindest eine weitgehende kulturelle Autonomie abzuringen, gescheitert ist und er seine Heimat wohl nie wieder sehen wird, ist ihm das Lachen nie vergangen.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.bernhardbartsch.de/archiv/ein-gott-fur-alle-falle/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>2</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

