Ein Falke wird Premier
ASD Japans ehemaliger Außenminister Taro Aso übernimmt die Führung der Regierungspartei LDP. Seine Hauptaufgabe besteht darin, sie vor einem drohenden Wahldebakel zu bewahren.
Japans neuer Regierungschef liebt Mangas, Humphrey Bogart und markige Sprüche: Taro Aso, seit Jahrzehnten eine der exaltiertesten Figuren in Tokios Politikbetrieb, hat am Montag den Vorsitz der regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP) übernommen…
Was kommt nach Kim?
Nach den Berichten über eine schwere Erkrankung von Nordkoreas Führer Kim Jong Il wird über seine Nachfolge spekuliert. Möglich scheint alles, denn bekannt ist fast nichts.
Wer kommt nach Kim Jong Il? Seitdem Nordkoreas Diktator am Dienstag bei den Feiern zum 60.Gründungstag der Demokratischen Volksrepublik fehlte, wodurch Geheimdienstberichte über eine schwere Krankheit indirekt bestätigt scheinen, wird weltweit über seine Nachfolge spekuliert. Von der Frage, wer in Pjongjang die Fäden in der Hand hält, wenn der «Geliebte Führer» stirbt oder regierungsunfähig wird, hängt viel ab.
Jeder ist seines Glückes Bäcker
Die chinesischen Glückskekse wurden in Kalifornien erfunden. Das muss ein kulturelles Versehen sein: Kaum ein Volk zelebriert abergläubische Späße mehr als die Chinesen.
Jetzt kann ich es ja sagen: Glückskekse waren mir schon immer zuwider. Wenn ich als Kind meine Großmutter besuchte und das traditionelle Sonntagsessen im Chinalokal „Mandarin“ anstand, freute ich mich zwar auf Knusperente und natürlich „Flühlingslolle“, aber das sinnige Plätzchen zum Abschied bot stets eine verlässliche Enttäuschung…
Avantgarde des Alterns
Japan vergreist schneller als jedes andere Land. Es lernt aber auch, in der demografischen Krise Chancen zu suchen.
In Kamikatsu, einem Dorf in den Bergen der südjapanischen Insel Shikoku, scheint die Welt noch in Ordnung. Wälder, Terrassenfelder und Mandarinenplantagen prägen die Landschaft, die Luft ist so frisch wie das Quellwasser, aus dem sich Kamikatsus kleines Flüsschen speist. Es ist ein Ort, in dem man seine Kindheit oder den Lebensabend verbringen möchte. Nur für die Jahrzehnte dazwischen ist es ein wenig zu ruhig.
Muse komm raus, du bist umzingelt
Der japanische Bergort Arima hilft blockierten Künstlerseelen auf die Sprünge.
In vielen Menschen steckt ein großer Autor. Oder genauer: Er steckt in ihnen fest. Widrige Umstände hindern ihn an seiner Entfaltung. Denn wer kann sich schon den Küssen der Muse hingeben, wenn er nebenher zur Arbeit gehen, eine Familie bekochen oder das Getrampel der Obermieter ertragen muss?
Mongolensturm im Sumoring
Im Sumo verbinden sich für die Japaner Gaudi, Gott und Vaterland. Doch dass den traditionellen Ringkampf inzwischen Ausländer dominieren, schürt nationale Versagensängste.
Die dicken Männer duften nach Vanille, und das drei Meter gegen den Wind, der an diesem Nachmittag eisig durch Tokios Straßen pfeift. Es ist der vorletzte Tag des kaiserlichen Frühjahrsturniers im Kokugikan, dem nationalen Sumo-Stadion, und am Südtor drängen sich hunderte Fans, um den Einzug der Gladiatoren zu beobachten. Einer nach dem anderen hieven sich die Kolosse von der Rückbank ihrer Limousinen…
Dem Tyrannen ein Ständchen
Mit einem Konzert der New Yorker Philharmoniker wollen die USA in Nordkorea politisches Tauwetter herbeiführen. Für die Japaner ist die Orchesterdiplomatie ein Skandal.
Kriegsdrohungen, Handelssanktionen und Vernunftappelle haben versagt, nun müssen Wagner, Dvorak und Gershwin ran. Ein Konzert der New Yorker Philharmoniker in Pjöngjang soll am Dienstag den Auftakt für die Aussöhnung zwischen dem erzkommunistischen Nordkorea und der Supermacht USA werden.
Das Zen des Galgens
In Japans Todestrakten warten 105 Menschen auf den Henker. Wann er kommt, erfahren sie erst im letzten Moment.
Am 1. Februar schlug für Takashi Mochida das letzte Stündlein: Kurz nach dem Aufstehen bekam der 65-Jährige mitgeteilt, dass er noch genau eine Stunde zu leben habe. Mochida hatte gewusst, dass dieser Augenblick kommen würde. Zehn Jahre hatte er im Todestrakt eines japanischen Gefängnisses gesessen, verurteilt wegen Mord und Vergewaltigung. All diese Jahre über musste er jeden Moment damit rechnen, zum Galgen gerufen zu werden. Ohne Henkersmahlzeit, ohne Abschied von seinen Angehörigen, ohne Möglichkeit auf einen letzten Einspruch…
Walfleisch zu Hundefutter
Während Japans Fangflotte in der Antarktis mit Tierschützern kämpft, ist die Beute vom Vorjahr längst nicht verzehrt.
Freitagabend in Tokios Ausgehviertel Shibuya: Zehn- tausende drängen in Lokale, Kinos oder Spielsalons, doch von den zwanzig Tischen im eleganten Restaurant Kujiraya ist nur die Hälfte besetzt. Schließlich verweist schon der Name auf ein Angebot, das nicht jedermanns Geschmack ist: Kujira, also Wal. Vom Sashimi bis zur Grillplatte werden hier alle Gerichte aus dem Fleisch von Zwergwalen zubereitet.
Das Harakiri des kleinen Mannes
Dieser Text ist leider nicht ganz fertig geworden. Tut mir leid, einige Fakten hätte ich gerne noch recherchiert, aber es ist schon sehr spät und ich habe Angst. Angst um mein Leben. Angst vor Karoshi.
Karoshi ist Japanisch und heißt „Tod durch Überarbeitung“. Keine perfekte Übersetzung, aber besser geht es nicht. Als Nichtjapaner wird man ohnehin nie ganz verstehen, was bei Karoshi alles mitschwingt. Schließlich ist es gewiss kein Zufall, dass das Japanische als einzige Sprache der Welt für Tod durch Berufsstress ein eigenes Wort hat…
Der letzte Kaiser
Japans Kaiserfamilie ist die älteste Adelsdynastie der Welt. In bester Zen-Tradition dient sie als Meditationsvorlage für Nationalisten, Voyeure und Harmonieselige.
Der Leidensweg von Masako Owada begann an einem Freitag, 2624 Jahre vor ihrer Geburt, am 11.Februar des Jahres 660 vor Christus. An jenem Wintermorgen, so verzeichnen es die japanischen Annalen, schickte die Sonnengöttin Amaterasu ihren Sohn Jimmu auf die Erde, um dort das «Reich der aufgehenden Sonne» zu gründen. Der Götterspross machte seine Sache gut, seine Nachfahren sind heute die älteste Herrscherdynastie der Welt…
Am Ursprung des Zahlen-Zen
Der Japaner Maki Kaji hat das Sudoku nicht erfunden. Das war ein Schweizer. Doch der weltweite Siegeszug des Rätsels begann in seinem Büro.
Auf seiner Visitenkarte steht «Vater des Sudoku», doch Maki Kaji macht sich nichts aus Zahlenknobeleien. «Rätsel interessieren mich nicht», schnoddert er mit tiefer, rauer Stimme. Man hört ihm an, dass er sich lieber an echte Laster hält. Aber solange sich genügend für Zahlenkästchen begeistern, sind seine Ausschweifungen gesichert…
Die Kirschblütenflüsterer
Wenn die Kirschbäume blühen, ist den Japanern das Privatleben für kurze Zeit wichtiger als die Arbeit. Wehe, die Meteorologen sagen die Blüte falsch voraus!
Japans Behörde für Meteorologie hat drei Aufgaben. Zwei davon sind trockene Routinearbeiten: Wettervorhersagen und Erdbebenwarnungen. Treffen ihre Prognosen ein, sind alle zufrieden, liegen sie daneben, ist aber auch niemand böse. Die Japaner haben sich damit abgefunden, dass die Natur sich schwer in die Karten schauen lässt und ihr Leben so weit wie möglich vom Einfluss der Elemente entkoppelt…
Wo Götter keine Egos haben
80 Prozent der Japaner bezeichnen sich als Shintoisten, 60 Prozent als Buddhisten und 50 Prozent glauben an Jesus Christus. Macht 190 Prozent. Na und?
Es gab eine Zeit, da war es modern, von den Japanern zu lernen. Das war in den Achtzigern. Westliche Manager versuchten mit japanischen Schlachtrufen wie „Muda, Mura, Muri“ (Verschwendung, Unausgeglichenheit, Überlastung) dem Angriff von Toyota und Sony zu trotzen; Volkshochschulen nahmen Zen-Kurse ins Angebot, damit jeder dem spirituellen Vorsprung der Asiaten hinterher meditieren konnte…
Vanilla Confusion
Nach mehr als zehn Jahren scheint Japan seine Wirtschaftskrise überwunden zu haben. Doch nichts ist mehr so,wie es einmal war. Nach der Umstrukturierung folgt nun das Umdenken. Das tut weh.
Kommt ein Unternehmer zum Psychoanalytiker. Leise und knapp chauffiert er den Arzt durch seine Biografie – seinen Erfolg, seinen Wohlstand, seine Weltläufigkeit. Dann schweigt er. Der Analytiker stellt Fragen, die unbeantwortet bleiben. Doch in der folgenden Woche kommt der Geschäftsmann immer wieder und schweigt weiter, eine Stunde lang für umgerechnet gut hundert Euro. Anderthalb Jahre geht das so. Dann bedankt er sich. Es gehe ihm jetzt schon viel besser.