Entsetzt und verletzt
Chinas Intellektuelle diskutieren im Internet über das harsche Urteil gegen den Demokratieaktivisten Liu Xiaobo.
Als Chinas Kommunistische Partei Ende Dezember den Dissidenten Liu Xiaobo zu elf Jahren Haft verurteilte, war sie auf harsche Kritik ausländischer Medien und Politiker vorbereitet. Sollte die Pekinger Führung jedoch gehofft haben, zumindest im eigenen Land die Debatte über Lius Demokratiemanifest „Charta 08“ beenden zu können, so hat sie sich getäuscht…
“Ich spekuliere nur”
Chinas Starblogger Han Han malt sich aus, wie weit Chinas Zensoren wohl gehen werden, um die Kontrolle über das Internet aufrecht zu erhalten. Eine Satire.
Wenige Tage, nachdem Google im Streit um Hackerangriffe und gefilterte Suchergebnisse seinen Rückzug aus China angekündigt hat, veröffentlicht der Schriftsteller, Blogger und Autorennfahrer Han Han auf seinem Blog eine Zensursatire. Nur wenige Stunden nach ihrer Veröffentlichung wird sie von den Behörden gelöscht. Mit Genehmigung des Autors hier eine gekürzte Version:
Jahr 2010: China beginnt eine Internet-Säuberungskampagne mit dem Slogan: „Wen man drei Tage lang nicht haut, der steigt einem aufs Dach.“ (Chinesisches Sprichwort für unartige Kinder. Anmerkung B.B.)
Ein Geschenk für Baidu
Chinas größter Internetsuchdienst wertet den angedrohten Rückzug von Google als eigenen Erfolg.
Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte: Dass Google im Konflikt mit Peking um Hackerangriffe und Internetzensur seinen Rückzug aus der Volksrepublik erklärt hat, ist für Googles chinesischen Konkurrenten Baidu ein unverhofftes Geschenk. Das im Westen noch weitgehend unbekannte IT-Unternehmen – in Chinas Suchmaschinengeschäft mit 70 Prozent Marktanteil die klare Nummer eins – dürfte künftig de facto eine Monopolstellung genießen…
Nicht mehr böse
Google will sich nicht länger den chinesischen Zensurbestimmungen unterwerfen – und dem größten Computermarkt der Welt notfalls ganz den Rücken kehren.
“Um 11:45 Uhr möchte ich Google Blumen überreichen, wer macht mit?” lautete die Nachricht, die ein chinesischer Internetnutzer mit dem Codenamen “Richter Li” auf seiner Twitterseite veröffentlichte. Gut eine Stunde später stehen 30 junge Chinesen mit Sträußen vor dem Pekinger Bürohaus, in dem der US-Internetkonzern sein China-Hauptquartier hat. “Wir sind stolz auf Google”, sagt eine Frau, die als Programmiererin für den chinesischen Konkurrenten Sina arbeitet…
Die Netzmächtigen
Asiens Bloggerszene diskutiert in Hongkong über Strategien gegen Autokraten.
Thet Htoo sieht nicht aus wie ein Mann mit Macht. Er ist Ende zwanzig, Computerfreak mit langen Haaren und verwaschenen Jeans, der lieber auf den Bildschirm seines Notebooks schaut als seinem Gegenüber in die Augen. Doch mehr als einen Rechner braucht es nicht, um mächtig zu sein. Thet Htoo ist Mitbegründer der Bloggervereinigung Burmas – und damit für Ranguns Militärherrscher ein gefährliches Element…
Nischen der Meinungsfreiheit
In China erleben Buchläden eine Renaissance: Denn sie bieten der kritischen Internetgemeinde Gelegenheit, sich in der Wirklichkeit zu treffen.
Neulich wurde im Sanwei-Buchladen wieder viel gelacht. Es war Samstagnachmittag und der 70-jährige Autor Yang Jishen hatte gerade anderthalb Stunden lang aus seinem Buch “Grabstein” gelesen, einem schonungslosen Recherchebericht über die Hungersnöte der Mao-Zeit, der die offizielle Parteigeschichtsschreibung als hanebüchene Propaganda entlarvt. “Ihr Vortrag frustriert mich”, meldete sich ein junger Mann im Publikum zu Wort. “Ich bin Journalist bei einer Zeitung in der Provinz und darf immer nur gute Nachrichten schreiben, nie die Wahrheit.”…
Kalte Kameraden
China rätselt über ein Internetdokument, das den Führungsanspruch der Kommunisten anzweifelt. Wer kann sowas wagen.
Hüte dich vor Greisen, besagt eine alte Despotenweisheit, denn sie haben nichts mehr zu verlieren. Auch Chinas Kommunistische Partei beherzigt diesen Vorsatz und hält ihre Veteranen mit viel Lob und strengem Tadel im Glied. Aber hin und wieder juckt es dennoch einen der Genossen, auf die alten Tage zu sagen, was er ein Leben lang eigentlich nicht einmal denken durfte: dass es nicht das gleiche ist, an der Macht zu sein und im Recht…
Der nackte Sprung nach vorn
Der chinesische Künstler Ai Weiwei kämpft gegen die Internetzensur – mit einem Teilerfolg: China verschiebt die Einführung einer obligatorischen Filter-Software.
Was ist das für ein Krieg, in dem sich nackte Männer Kuscheltiere vor den Schritt halten und Luftsprünge machen? Die Selbstporträts, die der Pekinger Künstler Ai Weiwei kürzlich auf seiner Webseite veröffentlichte, waren ein Beitrag zu einem Kampf, dem sich eine ganze Armee chinesischer Blogger und Internetbenutzer verschrieben hat: dem Kampf gegen den “Grünen Damm”. So heißt die Zensursoftware, die in China ab 1. Juli bei jedem Computerkauf mitgeliefert werden sollte, angeblich, um die Benutzer beim Surfen vor Pornographie zu schützen…
Peking rekrutiert 10.000 Onlinespitzel
China macht die Zensur zum lukrativen Nebenjob: Zehntausende Internetbenutzer sollen das Netz künftig gegen Geld auf „ungesunde Inhalte“ durchforsten.
„Pornos gucken und damit Geld verdienen“ – so beschreibt ein chinesischer Blogger Pekings neueste Kampagne zur Zensur des Internets. Zehntausende Chinesen sollen künftig als freiberufliche Onlinespitzel das Netz auf „ungesunde Inhalte“ wie Pornographie oder Regierungskritik durchforsten und diese der Polizei melden…
Kollektive Notwehr
Chinas Internetgemeinde macht eine Fußpflegerin zur Volksheldin – weil sie einen zudringlichen Regierungsbeamten erstochen hat.
Das Volk bloggt, die Partei blockt – nach diesem Muster tobt im chinesischen Internet der Kampf um Presse- und Meinungsfreiheit. Obwohl Peking sein Informationsmonopol mit einer „Great Firewall“ aus Zensursoftware und Cyberpolizei verteidigt, gelingt es der Online-Gemeinde immer wieder, die Regierung vor aller Welt bloß zu stellen. So wie in ihrer jüngsten Schlacht, die sie im Namen einer Fußpflegerin schlägt, der wegen Mordes die Todesstrafe drohte – bis in der Internetöffentlichkeit die Frage nach Tätern und Opfern aufkam…
Böllern und blocken
In China hat das Jahr des Ochsen begonnen. Eine Internetsendung, die dem staatlichen Unterhaltungsprogramm die Show stehlen wollte, wurde im letzten Moment zensiert.
Mit einem gewaltigen Verbrauch an Feuerwerk hat in China in der Nacht zum Montag das Jahr des Ochsen begonnen. Das Staatsfernsehen CCTV zeigte am Sonntagabend wieder die traditionelle Neujahrsgala, bei der alle großen Stars der chinesischen Showbranche auftreten. Eine privat organisierte Alternativgala, die im Internet ausgestrahlt werden sollte, wurde dagegen von den Zensoren blockiert.
Sind wir nicht alle ein bisschen Shanzhai?
Zum Frühlingsfest inszeniert Chinas Internetgemeinde eine Kopie der staatlichen Neujahrsgala. Ihre Stars sind Wanderarbeiter, Hochzeitsentertainer und Provinz-Hip-Hopper.
Der Gesang ist schief, aber er kommt aus tiefstem Herzen. „Liebe Soldatenbrüder, ich weiß nicht, wo ihr seid?“ schmettert Han Zurong, „aber ich wünsche euch ein schönes Jahr.“ Der 29-Jährige hat das Lied selbst geschrieben und wenn er singt, geigt er vor seinem inneren Ohr ein ganzes Orchester mit. Dabei steht Han ganz allein zwischen Haufen schmutziger Bettlaken in der Wäschekammer eines Tagungshotels am Stadtrand von Peking…
“Ich bin fett, ich bin stark”
Das Hausschwein Zhu Jianqiang, das nach dem verheerenden Erdbeben in Südwestchina 36 Tage unter Trümmern überlebte, gilt den Chinesen als nationales Vorbild in Sachen Krisenbewältigung.
„Ich bin fett, ich bin stark“, stand auf den T-Shirts, mit denen kürzlich eine Gruppe chinesischer Manager vor dem Jianchuan Museum in Chengdu aus ihren Limousinen stieg. Sie waren in die Hauptstadt der Provinz Sichuan gereist, um Chinas populärsten Motivationscoach zu besuchen: ein graues Hausschwein, das den Namen Zhu Jianqiang trägt. „Zhu“ heisst Schwein und „Jianqiang“ kräftig, zusammen also in etwa: Sau Stark. Einer nach dem anderen liessen die Konzernlenker sich neben dem trägen Borstenvieh fotografieren…
Für die Menschen und das Land
Chinas Wirtschaft wächst und wächst und wächst. Doch für eine bessere Zukunft muss sich auch die Zivilgesellschaft weiterentwickeln. Fünf Porträts von Chinesen, die ihre Heimat gegen alle Widerstände voranbringen wollen.
Hu Jia und Zeng Jinyan kommen gerade aus dem Krankenhaus. Zeng ist im fünften Monat schwanger, und weil die Polizisten einen guten Tag haben, durfte ihr Mann sie zum Arzt begleiten. Nun sitzen sie bei SPR Coffee, einer chinesischen Starbucks-Kopie, und trinken Apfelsaft. Draußen stehen in Sichtweite zwei Limousinen mit verdunkelten Scheiben…