Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Wettrüsten im Netz

Washington und Peking werfen einander Hacker-Angriffe vor und drohen mit Konsequenzen. Damit wird Cybersicherheit endgültig zur diplomatischen Frontlinie.

Der junge Computerexperte ist selbstbewusst. „Ich bin ausgebildet, um Systeme vor Hackerangriffen zu schützen“, sagt der Chinese und fügt lächelnd hinzu: „Dafür muss man natürlich erst mal selbst Hacken lernen.“ In fremde Netzwerke einzudringen, sei zentraler Teil seines Studiums gewesen, erzählt der Masters-Absolvent der renommierten Peking-Universität. Heute arbeitet er für einen internationalen Konzern, doch viele seiner Kommilitonen haben eine andere Laufbahn eingeschlagen. „Sie kamen von der Volksbefreiungsarmee und sind auch dorthin zurückgegangen“, sagt er. „Was auch immer sie dort machen, sie können mit den besten der Welt mithalten.“ Genau darüber ist nun ein scharfer Streit zwischen China und den USA ausgebrochen…

Bernhard Bartsch | 21. Februar 2013 um 22:08 Uhr

 

Der große Lachangriff

Chinas Internetgemeinde torpediert Pekings Parteitagspropaganda. Für Xi Jinping wird der Kontrollverlust über die öffentliche Meinung eine zentrale Herausforderung.

Was war das nur für eine Rede, die Chinas Staatschef Hu Jintao da beim Parteitag in Pekings Großer Halle des Volkes gehalten hat! Die Delegierte Chen Yecui aus dem ostchinesischen Shandong erzählte hinterher, sie habe vor Begeisterung so viel geklatscht, dass ihre Hände taub wurden. Die Abgeordnete Li Jian aus der armen Provinz Ningxia war so ergriffen, dass sie fünfmal in Tränen ausgebrochen sein will. Der Pekinger Parteivertreter Ju Xiaolin malte spontan einen Herzchen-Comic und schrieb ein emotionales Gedicht, das er mit tränenerstickter Stimme vortrug: „In der 64-seitigen Rede des 18. Parteitags habe ich sie endlich gefunden: die neue Hoffnung in meinem Herzen.“ Liang Wengen, Gründer des Baumaschinenherstellers Sany und einer der reichsten Männer Chinas, versprach, er würde der Partei all seine Milliarden schenken, sie müsse nur danach fragen. Kann man derartige Begeisterung für Hus 90-minütigen, mit monotoner Stimme vorgelesenen Arbeitsbericht ernst nehmen? Kann man nicht…

Bernhard Bartsch | 16. November 2012 um 09:27 Uhr

 

Der Clown sagt sorry

Chinas Medien ringen um den richtigen Umgang mit dem Fall des Bürgerrechtlers Chen Guangcheng.

Peking Am Ende durfte er doch nicht mitfliegen, aber vielleicht reist er bald hinterher : Der Bürgerrechtler Chen Guangcheng war nicht mit an Bord, als Hillary Clinton am Samstag nach ihrer wohl dramatischsten Reise als US-Außenministerin Peking verließ. Drei Tage lang hatte sie mit Chinas Führung um das Schicksal des blinden Anwalts gerungen, der vor zwei Wochen aus dem Hausarrest geflohen war und in der US-Botschaft in Peking Zuflucht gesucht hatte. Für beide Seiten standen Grundsatzfragen auf dem Spiel…

Bernhard Bartsch | 07. Mai 2012 um 07:20 Uhr

 

Tomatenrepublik China

Die Turbulenzen in Chinas Kommunistischer Partei offenbaren ein kompliziertes Wechselspiel zwischen Staatspresse, Internetforen und Auslandsmedien.

In politisch turbulenten Zeiten können Tomaten zu Waffen werden. Seit Mitte April gehört „Xihongshi“ (Chinesisch für Tomate) zu den Begriffen, die bei Chinas Internetzensoren auf dem Index stehen. Alle Nachrichten über die rote Strauchfrucht werden seitdem entweder automatisch blockiert oder von Überwachungssoftware an die Cyberpolizei weitergeleitet. Denn Tomate ist eines der Synonyme, das Internetbenutzer für Bo Xilai verwenden, den ehemaligen Parteichef von Chongqing, der im Zentrum von Chinas wohl größtem politischem Skandal seit Jahrzehnten steht. „Xihongshi“ klingt so ähnlich wie „westliche rote Stadt“ – eine nahe liegende Anspielung auf die westchinesische Metropole, die unter Bo eine „rote Kampagne“ erlebte, die viele Beobachter an die Kulturrevolution erinnerte…

Bernhard Bartsch | 01. Mai 2012 um 05:59 Uhr

 

USA schützen chinesischen Menschenrechtler

US-Botschaft in Peking scheint den Bürgerrechtler Chen Guangcheng aufgenommen zu haben. Der Fall dürfte das amerikanisch-chinesische Verhältnis schwer belasten.

Wenige Tage vor einem China-Besuch von US-Außenministerin Hillary Clinton scheint der Fall des aus dem Hausarrest geflohenen Bürgerrechtlers Chen Guangcheng zu einer schweren Belastung für die chinesisch-amerikanischen Beziehungen zu werden. Der blinde Anwalt halte sich in der US-Botschaft in Peking auf, erklärten mehrere Unterstützer, darunter die US-Menschenrechtsorganisation ChinaAid und der Pekinger Aktivist Hu Jia. Die Regierung in Washington hat bisher jeden Kommentar zu Chens Verbleib vermieden, doch dass sie seinen Aufenthalt in der Gesandtschaft nicht dementiert, sehen viele Beobachter als stilles Eingeständnis, dass die Amerikaner dem 40-Jährige tatsächlich Schutz gewähren…

Bernhard Bartsch | 29. April 2012 um 12:45 Uhr

 

Blog aus, Protest an

Chinas nervöse Zensurbehörde sperrt Kurznachrichten-Dienste – und erntet eine Kritik-Flut.

Charles Chao, Chef von Chinas größtem Internetportal Sina, musste am Dienstagmorgen ertragen, was im Webvokabular „Shitstorm“ heißt: eine Flut von Beschimpfungen. Dabei hatte der Manager nur über einen Kurznachrichtendienst im Netz eine harmlose Bemerkung über das schöne Wetter veröffentlicht. Innerhalb weniger Stunden antworteten mehrere Hundert Surfer. „Schanghais Wetter ist überhaupt nicht gut, wir haben starken Nordwind und schlechte Luft“, schrieb ein Nutzer. Mit dem Nordwind spielte er auf die Pekinger Parteiführung an, mit der Luftverschmutzung auf Chinas ungesundes Meinungsklima…

Bernhard Bartsch | 04. April 2012 um 06:26 Uhr

 

Putschgerüchte? Unsinn!

Internetgerüchte über einen Putsch in China zeigen, wie wenig die Kommunistische Partei die öffentliche Meinung im Griff hat.

Hat es in China einen Putsch gegeben? Natürlich nicht. Zwar kursieren in chinesischen Internetforen seit Tagen wilde Gerüchte: Mehrere Pekinger wollen hinter den Mauern des Regierungsviertels Zhongnanhai Schüsse gehört haben, andere berichten von einer verstärkten Militärpräsenz. Angebliche Insider verbreiten, der Chef des Sicherheitsapparats, Zhou Yongkang, habe die Macht an sich gerissen und besetze nun Schlüsselpositionen mit Verbündeten, um sich im Herbst selbst als Parteichef zu inthronisieren. China werde dann einen Linksruck erleben, wird kolportiert, und wieder auf den Weg kommunistischer Wirtschaftspolitik und maoistische Massenmobilisierung zurückkehren…

Bernhard Bartsch | 26. März 2012 um 04:56 Uhr

 

„Den ganzen Sommer über geschmolzenes Eis“

Siemens steht in China vor einem Imagedesaster: Ein bekannter Blogger will einen Kühlschrank der Marke öffentlich zerstören, weil er angeblich nichts taugt.

„This is how“, lautet ein Werbespruch von Siemens: So geht’s! Aber so, wie das Unternehmen sich derzeit der chinesischen Öffentlichkeit darstellt, geht es ganz bestimmt nicht. Die Deutschen stehen vor einem Imagedesaster, weil sie eine Qualitätsbeschwerde des populären Bloggers Luo Yonghao ignorierten – oder zumindest nicht so beantworteten, wie dieser und seine Anhänger es sich gewünscht hätten. Aus Rache will Luo nun seinen Siemens-Kühlschrank vor dem Pekinger Firmensitz zertrümmern, unterstützt von anderen Prominenten, die ebenfalls ihre Siemens-Eistruhen mitbringen wollen…

Bernhard Bartsch | 18. November 2011 um 16:26 Uhr

 

Steuerstreit als Performancekunst

Ai Weiweis Machtkampf mit Chinas Regierung geht in die nächste Runde – mit erhöhtem Einsatz auf allen Seiten.

Sie kamen per Post oder Überweisung, wurden unter der Tür durchgeschoben, über die Mauer geworfen oder segelten als Papierflieger in den Hof: Umgerechnet eine Million Euro hat der regimekritische Künstler Ai Weiwei in den vergangenen Wochen mit einem Spendenaufruf eingesammelt und seinen Steuerstreit mit den chinesischen Behörden zu einem öffentlichen Spektakel gemacht, das hunderttausende Chinesen im Internet verfolgen…

Bernhard Bartsch | 15. November 2011 um 13:28 Uhr

 

Wettrüsten der Vorbilder

Mit einer Armada staatlich geprüfter Vorzeige-Chinesen will die Kommunistische Partei ihre Autorität untermauern. Doch das Volk sucht sich seine eigenen Helden.

Der Parteisekretär Niu Yuru starb, wie er gelebt hatte – als Beamter durch und durch. „Wir waren 25 Jahre verheiratet, aber davon höchstens fünf wirklich zusammen“, berichtete seine Frau Xie Li nach seinem Tod. „Die anderen 20 Jahre verbrachte er im Büro und auf Dienstreisen.“ Auf dem Sterbebett sei Niu zuletzt nicht mehr ansprechbar gewesen – außer, seine Frau flüsterte ihm ins Ohr, es sei halb neun, Zeit für die Sitzung. „Da hat er noch einmal die Augen geöffnet und aufmerksam geschaut, bevor er sie für immer schloss.“ Die Geschichte mag wahr sein oder nicht, aber sie hat den 2004 verstorbenen Parteisekretär der nordchinesischen Stadt Hohhot posthum zu einer nationalen Legende gemacht…

Bernhard Bartsch | 29. August 2011 um 03:38 Uhr

 

Steinwurf aus dem Glashaus

Ein Lokalpolitiker aus Xiamen bereist Deutschland und beklagt die Internetzensur. Das macht ihn im Netz berühmt.

Die Deutschen können einem leidtun. Technisch veraltet und politisch in ideologischer Gefangenschaft. Jeder Chinese sollte froh sein, dass er nicht in Deutschland geboren wurde. Das ist zumindest die Sicht des chinesischen Provinzpolitikers Zang Jiebin. Damit versuchte er seine Landsleute davon zu überzeugen, dass sie in der Volksrepublik demokratische Rechte und Freiheiten genießen, von denen die Menschen im Westen nur träumen können…

Bernhard Bartsch | 11. Juli 2011 um 03:57 Uhr

 

Die Partei bloggt mit

Das Internet kann Diktaturen stürzen – aber auch stärken. Interne Propagandapläne der Kommunistischen Partei Chinas zeigen, wie sie mit einer Armada von Netzagenten die öffentliche Meinung manipuliert.

Ende Februar twitterte der Künstler Ai Weiwei eine Einladung zum Verrat: „Sagt mir eure Meinung: Ich möchte Internetkommentatoren, sogenannte Wumao, interviewen. Das Gespräch dauert 10 bis 20 Minuten, und ich bezahle 2000 Yuan oder nach Vereinbarung.“ 2000 Yuan sind rund 210 Euro. Staatsgeheimnisse haben ihren Preis. Wumao heißt so viel wie „fünf Groschen“. Es ist der Spitzname der Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) des Propagandaapparats. Sie sollen gegen Bezahlung im Internet linienkonforme Beiträge verfassen, abweichende Meinungen löschen und Kritiker verpfeifen…

Bernhard Bartsch | 04. Juli 2011 um 01:58 Uhr

 

In den Schwanz gebissen

Chinas Blogger organisieren Schuh-Attacke auf den Vater der chinesischen Internetzensur. Die öffentlichkeitswirksame Aktion ist auch eine Homage an Ai Weiwei.

Der Schuh traf Fang Binxing aus heiterem Himmel. Ein zweiter flog daneben, mehrere Eier zerplatzten zu seinen Füßen. Die Schrecksekunde, die der Informatikprofessor und seine Entourage benötigten, um die Situation zu erfassen, reichte dem Schuhschützen, um barfuß zu flüchten und im Wegrennen mit seinem Handy sogar noch ein Foto vom Ort des Geschehens zu machen. „Ich habe Fang getroffen“, jubilierte der Student wenig später per Twitter. „Es war nicht schwierig, ihn zu bewerfen, aber nicht ganz einfach, ihn richtig gut zu treffen.“ Die Attacke auf dem Campus der zentralchinesischen Wuhan Universität ist aktuell eines der heißest diskutierten Themen im chinesischen Internet…

Bernhard Bartsch | 21. Mai 2011 um 02:36 Uhr

 

Mit Härte gegen Flaneure

Als Spaziergänger getarnt versetzen Regimegegner die Behörden in Nervosität. Auch Journalisten werden bedrängt.

Internetaufrufe zu einer chinesischen „Jasmin-Revolution“ nach tunesischem Vorbild haben gestern in zahlreichen Städten Polizeigroßeinsätze ausgelöst und zur Festnahme mehrerer ausländischer Journalisten geführt. Wie viele Demonstranten an den Protesten teilnahmen, bleibt unklar, da die Organisatoren erneut empfahlen, sich wie Spaziergänger zu benehmen. So sollen die Sicherheitskräfte verunsichert werden…

Bernhard Bartsch | 06. März 2011 um 10:35 Uhr

 

Leckt die Kommunistische Partei?

Chinesische Dissidenten planen eine Enthüllungswebseite nach Vorbild von Wikileaks. Für die Partei wäre die Veröffentlichung geheimer Dokumente gefährlich.

Mit der Veröffentlichung von zehntausenden Irakkriegsdokumenten hat Wikileaks erneut das US-Verteidigungsministerium bloß gestellt. Doch die amerikanische Regierung muss nicht als einzige die Enthüllung von Geheimpapieren befürchten. Vor allem Chinas Kommunistische Partei, deren Herrschaft maßgeblich auf Informationskontrolle und Medienzensur beruht, sieht Transparenzaktivisten als ernsthafte Bedrohung – und muss nun mit der Gründung eines „chinesischen Wikileaks“ rechnen…

Bernhard Bartsch | 24. Oktober 2010 um 01:16 Uhr