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	<title>Bernhard Bartsch &#187; Globalisierung</title>
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	<description>TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN</description>
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		<title>Die blauen Ratten von Xintang</title>
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		<pubDate>Thu, 17 Feb 2011 01:16:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Firmen aus aller Welt lassen in der chinesischen Provinz Guangdong Jeans und Dessous produzieren - mit katastrophalen Folgen für Mensch und Natur.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/02/MG_Xintang_02.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-2394" title="Xintang_(Copyright_Martin_Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/02/MG_Xintang_02-298x300.jpg" alt="" width="188" height="189" /></a>Yu Li hat die Hände eines Außerirdischen. "Wie ein blauer Alien", sagt er, als er sie zu Krallen formt. Die blaue Farbe reicht bis an seine Unterarme und lässt sich schon lange nicht mehr abwaschen. Doch daran hat sich Yu Li, Ende dreißig, ebenso gewöhnt wie an den Juckreiz, den die Chemikalien auf seiner aufgeweichten Haut auslösen. Zwölf Stunden steht er jeden Tag an einer großen Waschtrommel, in der Jeans mit Lavasteinen und Bleichmitteln geschleudert werden, um ihnen den Stone-Washed-Look zu verleihen. Pro Schicht gehen Tausende Jeans durch seine Hände. Am Monatsende bekommt er dafür 1800 Yuan, umgerechnet rund 200 Euro...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Firmen aus aller Welt lassen in der chinesischen Provinz Guangdong Jeans und Dessous produzieren &#8211; mit katastrophalen Folgen für Mensch und Natur.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/02/MG_Xintang_03.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-2396" title="Jeans-Arbeiter_in_Xintang_(Copyright_Martin_Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/02/MG_Xintang_03-1024x680.jpg" alt="" width="430" height="286" /></a>Yu Li hat die Hände eines Außerirdischen. &#8220;Wie ein blauer Alien&#8221;, sagt er, als er sie zu Krallen formt. Die blaue Farbe reicht bis an seine Unterarme und lässt sich schon lange nicht mehr abwaschen. Doch daran hat sich Yu Li, Ende dreißig, ebenso gewöhnt wie an den Juckreiz, den die Chemikalien auf seiner aufgeweichten Haut auslösen. Zwölf Stunden steht er jeden Tag an einer großen Waschtrommel, in der Jeans mit Lavasteinen und Bleichmitteln geschleudert werden, um ihnen den Stone-Washed-Look zu verleihen. Pro Schicht gehen Tausende Jeans durch seine Hände. Am Monatsende bekommt er dafür 1800 Yuan, umgerechnet rund 200 Euro.</p>
<p>Nicht nur auf Yu Lis Haut hinterlassen die Bluejeans Spuren, sondern auch in der Umwelt. Aus einem Rohr in der Fabrikmauer fließt tiefblaues Abwasser in den Fluss. An dessen Ufern türmen sich blau gefärbte Müllberge, auf denen sich dicke Ratten tummeln, deren Fell ebenfalls die Farbe von Jeans angenommen hat. Einzig der Himmel ist nicht blau, sondern hängt in schwerem Smoggrau über Xintang, einem Industrieort in der südchinesischen Provinz Guangdong.</p>
<p>Mehr als 260 Millionen Hosen werden jährlich in Xintang genäht, gefärbt, gebleicht, gewaschen, bedruckt, abgerieben und kunstvoll zerschlissen. Nach offiziellen Statistiken wird knapp die Hälfte davon exportiert. Etwa 700000 Menschen arbeiten in Xintangs gut 4000 Jeansunternehmen, darunter riesige Färbereien und Akkordnähereien mit Tausenden Angestellten, aber auch kleine Familienbetriebe, in denen man häufig Kinder bei der Arbeit sieht. Bekannte Modemarken lassen hier ebenso fertigen wie Grabbeltischhändler. Egal wo auf der Welt man seine Jeans kauft &#8211; die Wahrscheinlichkeit, dass sie aus Xintang stammen, ist groß.</p>
<p>Somit besteht eine Verbindung zwischen Millionen Jeansträgern und einer gewaltigen Umweltkatastrophe. Im vergangenen Jahr kam Greenpeace in einer getarnt durchgeführten Untersuchung zu dem Ergebnis, dass Xintangs Dong-Fluss, der in den großen Perlfluss mündet, stark mit Schwermetallen und anderen Chemikalien aus der Textilindustrie belastet ist.</p>
<p>Allein die Konzentration des krebserregenden Cadmiums lag 128Mal über dem in China zulässigen Höchstwert. &#8220;Viele Unternehmen verwenden in ihrer Produktion Schwermetalle und entsorgen diese gefährlichen Chemikalien einfach in der Umwelt&#8221;, urteilte die Umweltschutzorganisation. Die gesundheitlichen Folgen für die Bevölkerung dürften gravierend sein &#8211; lassen sich jedoch nicht belegen, weil die lokale Verwaltung keine unabhängigen Untersuchungen zur Situation in ihrer Stadt erlaubt.</p>
<p>Xintang ist unter Chinas Industriestädten kein Einzelfall, eher ein Prototyp. Dass die Volksrepublik heute die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt ist, verdankt sie maßgeblich einem Wachstumsmodell, das auf Umwelt und Arbeiterrechte wenig Rücksicht nimmt. Zwar hat der Boom seit Anfang der Achtzigerjahre Hunderte Millionen Chinesen aus der Armut befreit, doch welchen Preis das Land für diesen Fortschritt zahlen muss, wird zunehmend sichtbar. &#8220;Das Bruttoinlandsprodukt hat für Chinas Politiker höchste Priorität, egal wie es zustande kommt&#8221;, sagt Chen Gang, Experte für chinesische Umweltfragen an der National University of Singapore. &#8220;Die Regierung weiß zwar, dass dieses Modell nicht nachhaltig ist, aber ein neues ist bisher nicht in Sicht.&#8221;</p>
<p>Das sieht man in Peking anders. Anfang März soll der Nationale Volkskongress, Chinas Quasi-Parlament, einen neuen Fünfjahresplan verabschieden, der den Umweltschutz ins Zentrum der politischen Aufmerksamkeit rückt. Mit Milliardeninvestitionen will der Staat die Entwicklung sogenannter grüner Technologien fördern und sie nicht nur in China einsetzen, sondern auch exportieren. Außerdem soll die Leistung lokaler Parteichefs künftig nicht mehr nur an Wachstum und Investitionen gemessen werden, sondern auch an der Einhaltung von Ökostandards.</p>
<p>Optimisten beschwören bereits Chinas Grüne Revolution. Dabei sind solche Ankündigungen keineswegs neu. Seit Jahren verspricht Peking, die Umweltprobleme mit einer Mischung aus Hightech und Verwaltungsreformen zu bewältigen. Bisher ohne Erfolg. Im Dezember kam eine im Auftrag der Regierung erstellte Studie zu dem Ergebnis, dass sich die Folgekosten der Umweltzerstörung im Jahr 2008 auf umgerechnet 144 Milliarden Euro beliefen. Allein zwischen 2003 und 2008 seien sie um 75 Prozent gestiegen, heißt es in dem Bericht. Chinas Umweltzerstörung wächst deutlich schneller als die Wirtschaft.</p>
<p>Experten haben berechnet, dass sich der Trend nur stoppen ließe, wenn China zwei Prozent seines Bruttoinlandsproduktes in den Umweltschutz investieren würde; um die bestehende Verschmutzung allmählich zu beseitigen, müssten es sogar drei Prozent sein. Doch soweit die Daten des 12. Fünfjahresplans bekannt sind, werden für Umweltschutzmaßnahmen nur 1,4 Prozent des BIP vorgesehen. &#8220;Ich bin nicht sehr optimistisch, dass China in absehbarer Zeit Herr der Lage wird&#8221;, sagt Chen Gang. &#8220;Dafür fehlen leider die richtigen Strukturen.&#8221; Was er damit meint, zeigt sich in Gurao, einem fünf Autostunden südöstlich von Xintang gelegenen Landkreis, der ebenfalls von der Textilindustrie lebt. Fast jeder in der zirka 300000 Einwohner zählenden Stadt produziert Unterwäsche.</p>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/02/Unterwäsche-Arbeiter-in-Gurao.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-2398" title="Unterwäsche-Arbeiter_in_Gurao_(Copyright_Martin_Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2011/02/Unterwäsche-Arbeiter-in-Gurao-1024x657.jpg" alt="" width="430" height="276" /></a>Auf den Fabrikhöfen der selbst ernannten City of Sexy sieht man Kisten mit BH-Lieferungen für Kunden wie die Bekleidungskette KiK. Auch Zhang Xuemei arbeitet für den deutschen Markt. Die 41-jährige Wanderarbeiterin aus der Provinz Sichuan sitzt vor ihrem Haus und schneidet abstehende Fäden aus Herrentangas mit Leopardenmuster. Für jede Unterhose gibt es einen Fen, umgerechnet 0,1 Cent. &#8220;An einem Tag schaffe ich zwischen 500 und 700 Stück&#8221;, sagt Zhang. Dass Guraos Fabriken sparen, wo sie nur können, kann sie buchstäblich riechen. In der Luft liegt der stechende Geruch des nahen Ximei-Flusses, dessen Wasser seine Farbe mit den Moden ändert: mal blau, mal rot, mal schwarz. Aus den Tiefen steigen faulig riechende Gasblasen auf. &#8220;Die Verschmutzung ist bis ins Grundwasser gedrungen&#8221;, sagt Zhang. &#8220;Wasser zum Kochen und Trinken müssen wir auf dem Markt kaufen.&#8221; Ein Eimer kostet fünf Cent &#8211; das entspricht 50 Schlüpfern oder einer knappen Stunde Arbeit.</p>
<p>Obwohl die Verschmutzung und ihre Ursachen offensichtlich sind, gehört die Umwelt für die Menschen in Gurao nicht zu den Hauptsorgen. &#8220;Natürlich macht die Stadt uns krank&#8221;, sagt die Besitzerin eines Kleinunternehmens. &#8220;Aber wenn wir Geld verdienen wollen, müssen wir das eben in Kauf nehmen.&#8221; Anlagen zur Abwasserreinigung würden die Färbereien der Stadt teuer zu stehen kommen und angesichts des harten Verdrängungswettbewerbs in der Branche womöglich in den Ruin treiben. &#8220;Wem es hier nicht gefällt, der kann ja wegziehen&#8221;, meint die Unternehmerin.</p>
<p>Auch in der Kreisverwaltung verschließt man vor den Umweltproblemen die Augen. &#8220;Ist der Ximei-Fluss wirklich so dreckig?&#8221;, fragt Chen Wenjia, Chef der lokalen Propagandaabteilung der Kommunistischen Partei. Vor vier Jahren sei er aus einem anderen Landkreis nach Gurao geschickt worden, doch die Verschmutzung des Flusses sei ihm noch nie aufgefallen, erzählt er.</p>
<p>Derzeit befinde sich Guraos erste Kläranlage im Bau, fügt er hinzu. Fließen seit Jahrzehnten also alle Abwässer ganz offiziell ungefiltert in den Fluss? Wie passt das zu Pekings Vorgabe, lokale Parteichefs müssten sich nicht nur um das Wirtschaftswachstum kümmern, sondern auch um den Umweltschutz? Chen erklärt, dass die Parteichefs in Gurao zu schnell wechseln würden, um effektive Maßnahmen einleiten zu können. &#8220;In meiner Zeit hier habe ich sieben verschiedene Parteichefs erlebt&#8221;, sagt er. Der Grund für die schnelle Rotation &#8211; normalerweise bleiben Parteichefs drei Jahre &#8211; ist kein Geheimnis: In Problemstädten wie Gurao will niemand die Verantwortung für Missstände übernehmen. &#8220;Diese Haltung ist institutionalisiert&#8221;, sagt der Politologe Zhao Litao. &#8220;Pekings Direktiven werden in den Provinzen häufig ignoriert.&#8221;</p>
<p>Fragt man chinesische Experten nach einem Beispiel für eine chinesische Stadt, in der Umweltprobleme gelöst wurden, blickt man in betretene Gesichter. Zwar wurden in Peking vor den Olympischen Spielen 2008 der größte Verschmutzer der Stadt, das Stahlwerk Shougang, umgesiedelt oder in Shanghai für die Weltausstellung eine alte Schwerindustriezone saniert. Doch war da der Umweltschutz nur Mittel zum Zweck, um das Image einer Stadt zu verbessern oder neues, teures Bauland zu erschließen.</p>
<p>&#8220;In Chinas großen Städten hat sich in den letzten Jahren zwar einiges verbessert, aber dafür wird die Verschmutzung ins Hinterland verlegt&#8221;, sagt Forscher Chen Gang. Voriges Jahr war auch die Jeansstadt Xintang von einem solchen Verschmutzungsumzug betroffen. Weil die nahe Metropole Guangzhou die Asienspiele ausrichtete, bestand die Provinzregierung darauf, Xintangs schlimmste Schandflecke zu beseitigen. &#8220;Entlang der Hauptstraßen wurden Dutzende verschmutzende Fabriken abgerissen&#8221;, erklärt ein lokaler Unternehmer. &#8220;Aber ein paar Kilometer weiter haben sie alle wieder aufgemacht.&#8221; Die Schuld für den ökologischen Frevel sieht er allerdings nicht nur bei Politikern und Fabrikbetreibern, sondern auch bei den Kunden aus dem In- und Ausland, die unentwegt die Preise drücken.</p>
<p>Machen sich westliche Jeansträger &#8211; und Käufer anderer Waren Made in China &#8211; also mitschuldig an Chinas ökologischer Tragödie? Fakt ist, bei den meisten chinesischen Produkten ist die Herkunft kaum nachzuvollziehen, ein Umstand, der schäbige Herstellungsbedingungen begünstigt. Fakt ist aber auch, dass der öffentliche Druck auf große Markenunternehmen, in ihren Fabriken von sich aus für einwandfreie Verhältnisse zu sorgen, seine Wirkung nicht verfehlt.</p>
<p>&#8220;Wir sind gerne bereit, unser Werk zu zeigen&#8221;, erklärt Fang Yong, Exportleiter des chinesischen Textilkonzerns Conshing Clothing, der Jeans für Marken wie Veromoda, Jack &amp; Jones, Polo und Guess produziert. Der Betrieb am Rande von Xintang zeigt, dass Jeansfabriken keine Umweltsünder sein müssen. Die Angestellten an den Waschmaschinen tragen Handschuhe, die Arbeiter mit den Farbspritzen benutzten einen Mundschutz, die Abwässer fließen in ein modernes Klärwerk. &#8220;Unsere Produktionskosten sind natürlich höher als in den Fabriken, denen die Umwelt und ihre Mitarbeiter egal sind&#8221;, sagt Fang.</p>
<p>Der Aufpreis lohnt sich für die Marken allemal, lässt er sich dem Endverbraucher doch gleich mehrfach in Rechnung stellen. Denn welcher westliche Kunde weiß schon, dass selbst eine Hose aus bester organischer Baumwolle in Fangs Fabrik gerade einmal 15 Euro kostet?</p>
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		<title>Wo Raupen Seide tragen</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Dec 2010 14:53:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Schals, Pyjamas und Krawatten aus Seide sind beliebte Weihnachtsgeschenke. Sie sind erschwinglich, weil Chinas Bauern arm sind – noch.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/12/IMG_7916.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-2313" title="Seidenkonkons (Copyright: Bernhard Bartsch)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/12/IMG_7916-1024x682.jpg" alt="" width="221" height="147" /></a>Dass es so weit kommen würde, hätte in Chengsheng niemand gedacht. „Das wäre doch alles wieder ins Lot gekommen“, meint Dorfbürgermeister Lu Yuanjing und schaut auf die kleine Steinbrücke, von der Cui Chunfen in den Tod sprang. Das Gewässer ist nicht breiter als acht Meter, doch da die Schaulustigen, die den nächtlichen Showdown auf der Brücke verfolgt hatten, ebenso wenig schwimmen konnten wie Cui, kam niemand der Bäuerin zur Hilfe...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Schals, Pyjamas und Krawatten aus Seide sind beliebte Weihnachtsgeschenke. Sie sind erschwinglich, weil Chinas Bauern arm sind – noch.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/12/IMG_7916.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-2313" title="Seidenkonkons (Copyright: Bernhard Bartsch)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/12/IMG_7916-1024x682.jpg" alt="" width="344" height="229" /></a>Dass es so weit kommen würde, hätte in Chengsheng niemand gedacht. „Das wäre doch alles wieder ins Lot gekommen“, meint Dorfbürgermeister Lu Yuanjing und schaut auf die kleine Steinbrücke, von der Cui Chunfen in den Tod sprang. Das Gewässer ist nicht breiter als acht Meter, doch da die Schaulustigen, die den nächtlichen Showdown auf der Brücke verfolgt hatten, ebenso wenig schwimmen konnten wie Cui, kam niemand der Bäuerin zur Hilfe. „Sie ist einfach durchgedreht – dafür kann man niemandem die Schuld geben“, sagt der Ortsvorsteher und ist trotzdem froh, dass er an jenem Sommerabend nicht zuhause war. Denn dass eine Dorfbewohnerin sich umbringt, weil sie beim heimlichen Verkauf von Seidenkokons gestellt wurde, wirft kein gutes Licht auf das Gewerbe, dem Chengsheng seinen bescheidenen Wohlstand verdankt.</p>
<p>Das Dorf mit den weiß verputzen Häusern und Scheunen liegt im Landkreis Fuan in der ostchinesischen Provinz Jiangsu und gehört zu den Ausgangspunkten einer globalen Milliardenindustrie: dem Seidenhandel. Rund 1000 Tonnen des edlen Naturmaterials werden jährlich in Fuan hergestellt. „In unserem Kreis leben 15.000 Familien und 95 Prozent davon züchten Seidenraupen“, erklärt Lu Kesong, Chef des örtlichen Seidenkonzerns, der „Fuan Cocoon and Silk Company“, die mehreren tausend Menschen Jobs gibt. „Vor dreißig Jahren waren wir einer der ärmsten Landkreise in der Region, aber dank der Seide leben alle Menschen heute in ordentlichen, festen Häusern.“</p>
<p>Weltweit stammt rund 75 Prozent aller Naturseide aus China. Doch was nach außen wie eine starke Branche aussieht, ist in Wirklichkeit eine Problemindustrie. Denn durch die Finanzkrise ist das Seidengeschäft aus dem Gleichgewicht geraten und ist bis heute in Aufruhr. Als der Weltmarktpreis für Seide Ende 2008 um die Hälfte einbrach, sahen sich viele chinesische Bauern gezwungen, ihre Maulbeerbäume abzuroden. Statt des Futters für ihre Seidenraupen bauten sie Gemüse oder Getreide für den Eigenverzehr an. Nach Angaben von Chinas nationalem Seidenindustrieverband schrumpfte die Anbaufläche von Maulbeerbäumen in den vergangenen zwei Jahren um acht Prozent; in einigen Regionen liegt der Rückgang sogar bei 40 Prozent. Insgesamt gibt es in China 19.700 Quadratkilometer Maulbeerbaumfelder, was in etwa der Größe Sachsens entspricht. Seitdem die weltweite Konjunktur wieder angezogen hat, schlägt das Pendel nun in die andere Richtung aus: Die Nachfrage ist plötzlich höher als das Angebot, die Preise schießen auf Rekordniveau. Aktuell werde eine Tonne Seide für 310.000 Yuan (35.000 Euro) exportiert, sagt Lu Kesong. „Das ist ein Viertel mehr als vor der Krise, und ich erwarte, dass der Preis noch weiter steigt.“</p>
<p>Historisch gesehen ist auch der aktuelle Preis noch niedrig. Jahrtausendelang war chinesische Seide so exklusiv und begehrt, dass man sogar die Handelsroute, auf der sie nach Europa kam, nach ihr benannte: die Seidenstraße. Zur Allerweltsware wurde das luftige Material zunächst als Fälschung. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lieferten sich europäische Chemiker ein Wettrennen um die Entwicklung einer halbwegs überzeugenden Kunstseide. Die noch immer unübertroffene Naturseide kam dagegen erst auf den Massenmarkt, als China Anfang der Achtziger Produktion und Export ankurbelte. Seidenhemden, -pyjamas, -schals und -krawatten wurden im Westen für jedermann erschwinglich – dank der gewaltigen globalen Wohlstandsunterschiede.</p>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/12/IMG_7840.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-2315" title="Bäuerin mit jungen Seidenraupen (Copyright Bernhard Bartsch)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/12/IMG_7840-1024x682.jpg" alt="" width="430" height="286" /></a>Denn die Aufzucht von Seidenraupen ist ein mühsames Geschäft. „In der Raupensaison arbeiten wir rund um die Uhr“ sagt Bauer Cu aus Chengsheng. „Die Raupen fressen so viel, dass man nachts nur zwei Stunden schlafen kann und dann schon wieder aufs Feld muss, um ihnen neue Maulbeerblätter zu pflücken.“ Dreimal im Jahr kaufen der 65-Jährige und seine Nachbarn Raupeneier. 40 Yuan (4,5 Euro) kostet ein Paket, aus dem rund 50.000 Raupen schlüpfen.</p>
<p>Wie viele Eier sich eine Familie zulegt, hängt von ihren Maulbeerbaumbeständen und der Anzahl an helfenden Händen ab, doch mehr als 150.000 Raupen bewältigt kaum ein Haushalt. Anfangs passen die winzigen Maden auf wenige tischgroße Platten, die Bauer Cu mit gehexelten Blättern bestreut. Doch schon nach wenigen Tagen liegen auf den Gestellen in seiner großen Scheune dutzende Bretter mit fingergroßen weißen Raupen, die unentwegt frische Blätter in sich hineinfressen.</p>
<p>Über dem ganzen Dorf liegt dann das knisternde Geräusch mampfender Maden. Nach drei Wochen baut Cu in seiner Scheune Hängegestelle mit tausenden kleinen Löchern auf, in denen sich die Raupen verpuppen und ihren über einen Kilometer langen Seidenfaden spinnen. Am Ende sind die Kokons so groß wie Wachteleier und müssen einzeln aus den Gestellen gelöst werden. Rund 40 Kilogramm Kokons erhält Cu aus einer Portion Raupeneier und erhält dafür von der lokalen Seidenfabrik 1.440 Yuan (163 Euro) – 36 Yuan (4 Euro) pro Kilo. „Das ist 50 Prozent mehr als normal“, freut sich Cu. „So viel gab es noch nie.“</p>
<p>Doch auch der Rekordpreis kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Raupenzucht zunehmend unlukrativ wird. Obwohl Kokons in China zu den einträglichsten landwirtschaftlichen Produkten gehören, war die Finanzkrise für viele Familien eine willkommene Gelegenheit, sich aus dem Seidengeschäft zurückzuziehen. „Junge Leute arbeiten lieber in der Stadt, wo sie mit weniger Mühe mehr Geld verdienen können“, sagt der Dorfbürgermeister. „Raupen züchten nur noch die Alten.“</p>
<p>Außerdem fühlen sich viele Bauern als Opfer übermächtiger Unternehmen, die den Raupenzüchtern von der Wertsteigerung, die das Rohmaterial bis zum Weg ins Geschäft erfährt, zu wenig abgeben. Wie in den meisten chinesischen Seidenregionen ist das Geschäft auch in Fuan fest in der Hand eines Monopolisten: Lu Kesongs „Fuan Cocoon and Silk Company“. Der Konzern verkauft den Bauern die Raupeneier und kauft später die Kokons zurück, die dann in seinen Fabriken aufgerollt, zu Garn gesponnen und verwebt werden. Formell ist das Unternehmen eine Genossenschaft, doch die Bewohner sehen Lu eher wie einen Lokalfürsten, der nicht nur der größte Arbeitsgeber in Fuan ist, sondern auch der mächtigste Politiker. Als Abgeordneter im chinesischen Parlament, dem Nationalen Volkskongress, ist er mitverantwortlich für das Regelwerk der Seidenindustrie. „Lu verlangt, dass alle Bauern ihre Kokons nur an ihn verkaufen dürfen“, erzählt eine Raupenzüchterin. „Wer sich nicht daran hält, riskiert seinen Job in der Fabrik oder bekommt seine Rente gekürzt.“ Zwar bestreitet Lu die Vorwürfe, gesteht aber ein, dass er von den Bauern Treue erwartet. „Ohne unser Unternehmen gäbe es in Fuan überhaupt keine Seidenindustrie“, sagt Lu. „Ohne uns wäre der Markt auch viel unstabiler.“ Letztlich geht aber auch Lu davon aus, dass künftig immer weniger Menschen von der Seidenraupenaufzucht leben wollen. „Seide wird in den kommenden Jahren wieder zu einem Luxusprodukt werden“, meint er. „Das ist ein Strukturwandel, der in unserer Region noch ungeahnte Auswirkungen haben wird.“</p>
<p>Doch die Bauern sind überzeugt, dass der Monopolist die Kokonpreise drückt,um seine eigene Marge zu erhöhen. Da durch die Krise viele Seidenunternehmen nicht mehr genügend Rohmaterial bekommen, hat ein harter Verteilungskampf begonnen. Fabriken schicken Händler durch die Dörfer, um den Bauern ihre Kokons abzukaufen. „Wir kommen einige Tage, bevor die Raupen vollständig verpuppt sind“, erklärt einer der Käufer. „Zu dem Zeitpunkt sind die Kokons noch schwerer, weil sie noch nicht ausgetrocknet sind, aber wir zahlen den Bauern trotzdem den gleichen Kilopreis.“ Um sich nicht ausbooten zu lassen, hat Fuans Polizei Wachmänner in den Dörfern stationiert und die Bürgermeister angewiesen, Fremdverkäufe zu verhindern – obwohl das Gesetz die Bauern dazu ausdrücklich berechtigt.</p>
<p>Im Sommer kam es darüber in Chengsheng zum Showdown: Als die Bäuerin Cui Chunfen ihre Kokons nach Einbruch der Dunkelheit mit der Schubkarre zum Lastwagen eines auswärtigen Händlers bringen wollte, wurde sie von den Wachmännern auf der Brücke gestellt. „Eine halbe Stunde haben sie diskutiert und geschrien“, erzählt einer der Anwesenden. „Alle haben Cui Vorwürfe gemacht.“ Am Ende sprang sie in den Kanal.</p>
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		<title>Auf der Schleich-Spur</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Aug 2010 06:57:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Deutsches Spielzeug ist heute größtenteils „Made in China“, doch selbst namhafte Hersteller verschließen ihre chinesischen Fabriken der Öffentlichkeit. Eine Recherche bei der schwäbischen Traditionsmarke Schleich.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/08/Schlumpf_Reporter.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2084" title="Schlumpf_Reporter_(Copyright: Schleich)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/08/Schlumpf_Reporter.jpg" alt="" width="134" height="134" /></a>Das Werkstor von Happy Crafts, einem in die Jahre gekommenen Fabrikkomplex in der südchinesischen Industriemetropole Dongguan, öffnet sich um Punkt zwölf Uhr. Trauben von Arbeitern mit blauen Hemden und Flipflops strömen in die Mittagspause. Was haben sie den Vormittag über gemacht? "Spielzeug bemalt", erklären sie im Chor. Spielzeug? Noch Minuten vorher haben Happy-Crafts-Manager dem Journalisten am Telefon erklärt, ihre Fabrik stelle schon lange keine Spielwaren mehr her...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Deutsches Spielzeug ist heute größtenteils „Made in China“, doch selbst namhafte Hersteller verschließen ihre chinesischen Fabriken der Öffentlichkeit. Eine Recherche bei der schwäbischen Traditionsmarke Schleich.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/08/Schlumpf_Reporter.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-2084" title="Schlumpf_Reporter_(Copyright: Schleich)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/08/Schlumpf_Reporter.jpg" alt="" width="134" height="134" /></a>Das Werkstor von Happy Crafts, einem in die Jahre gekommenen Fabrikkomplex in der südchinesischen Industriemetropole Dongguan, öffnet sich um Punkt zwölf Uhr. Trauben von Arbeitern mit blauen Hemden und Flipflops strömen in die Mittagspause. Was haben sie den Vormittag über gemacht? &#8220;Spielzeug bemalt&#8221;, erklären sie im Chor. Spielzeug? Noch Minuten vorher haben Happy-Crafts-Manager dem Journalisten am Telefon erklärt, ihre Fabrik stelle schon lange keine Spielwaren mehr her.</p>
<p>Doch in einem deutschen Spielwarenkatalog können die Arbeiter ihre Werkstücke schnell identifizieren. &#8220;Diesen kleinen Hund habe ich angemalt&#8221;, meint einer. Seine Freundin erkennt den Ritter, dessen Helm sie heute schon hundertfach mit Silberfarbe bespritzt hat. Kein Zweifel: Happy Crafts produziert Figuren der Firma Schleich aus Schwäbisch Gmünd. Unser Informant hat recht gehabt.</p>
<p>Eigentlich war die Recherche für diesen Artikel nicht als investigative Detektivarbeit geplant. Sie begann mit einer harmlosen Entdeckung im Kinderzimmer: dem Aufdruck &#8220;made in China&#8221; am Bauch eines Plastikpandas. Dass die schwäbische Traditionsmarke Schleich, deren Erfolgsgeschichte einst mit den Schlümpfen begann und seit den Achtzigern vor allem auf naturgetreuen, handbemalten Tierfiguren beruht, in der Volksrepublik produzieren lässt, ist keine Überraschung. Weltweit kommen heute drei von vier Spielzeugen aus China, und auch jedes größere deutsche Spielzeugunternehmen bezieht zumindest einen Teil seiner Waren aus dem Reich der Mitte.</p>
<p>Doch viele Konzerne scheuen sich, mehr über die Herkunft ihrer Produkte zu verraten, als die gesetzliche Pflicht verlangt. So gerne Spielzeugmarken ihre deutschen Fabriken für Besucher öffnen, so ungern zeigen sie ihre chinesischen Produktionsstätten &#8211; zu häufig ist das Land in den vergangenen Jahren durch Qualitätsskandale und Ausbeutungsvorwürfe in die Schlagzeilen geraten. Auch bei Schleich &#8211; laut Eigendarstellung ein &#8220;Global Player mit schwäbischen Wurzeln&#8221; &#8211; empfindet man Anfragen über die globale Arbeitsteilung als heikel. Zwei Monate lang bemühte sich diese Zeitung vergeblich um die Erlaubnis, über die chinesische Produktion berichten zu dürfen. Schleich wollte einen Besuch nur unter der Bedingung zulassen, den Text vor Veröffentlichung autorisieren zu dürfen &#8211; eine Forderung, die den Standards des unabhängigen Journalismus widerspricht. Deshalb machte sich der Korrespondent selbst daran herauszufinden, wo und wie die Schleich-Tiere auf die Welt kommen.</p>
<p>Die Firmenwebseite verrät über die Herstellung nicht mehr, als dass Design und Werkzeugherstellung bis heute in Schwäbisch Gmünd stattfinden, die Fertigung dagegen &#8220;sowohl am Firmenstandort als auch in mehreren Produktionsstätten im Ausland&#8221;. Nach China, wo fast zwei Drittel der jährlich 50 Millionen Schleich-Figuren hergestellt werden, führt nur eine Spur: ein Link zu dem chinesischen Vertriebspartner Kids Land Company.</p>
<p>Dessen Mitarbeiter erklären am Telefon bereitwillig, dass Schleich seine Waren bei ihrem Schwesterunternehmen Lovable Products produzieren lässt. Doch bei Lovable heißt es, man habe erst kürzlich erneut Order erhalten, Besucher nur mit ausdrücklicher Genehmigung aus Schwäbisch Gmünd einzulassen. Auskunftsfreudiger erweist sich ein chinesischer Unternehmer, der in Internetforen seine Dienste als Hersteller von Plastikspielzeug anbietet. Als Referenzprodukte stehen in den Regalen seines Büros eine Hundertschaft Schleich-Figuren in Reih und Glied. &#8220;Ich habe jahrelang Produktionsaufträge für Schleich abgewickelt&#8221;, erklärt er und beweist im Gespräch, dass er sich tatsächlich mit dem Fabriknetz auskennt. &#8220;Die Deutschen geben ihre Aufträge an Lovable, und Lovable gibt einen Teil davon an kleinere Firmen weiter&#8221;, sagt er. Alle paar Monate schicke Schleich eigene Inspektoren durch alle Fabriken in China, um die Produktionsqualität zu überprüfen.</p>
<p>&#8220;Die Deutschen stellen sehr hohe Anforderungen&#8221;, sagt er. &#8220;Schleich schreibt genau vor, welche Materialien verwendet werden dürfen, und kontrolliert genau, ob die Vorschriften eingehalten werden.&#8221; Warum verschließt Schleich seine Fabriken dann der Öffentlichkeit? Der Unternehmer zuckt mit den Schultern. &#8220;Lovable hat vor ein paar Jahren extra eine neue Fabrik gebaut, damit Schleich ein repräsentatives Vorführwerk hat&#8221;, sagt er. &#8220;Aber die kleinen Fabriken sollten sie Ausländern lieber nicht zeigen.&#8221; Wenige Kilometer entfernt sticht die Lovable-Fabrik tatsächlich aus Dongguans Industrieeintönigkeit heraus. Der vierstöckige Bau ist hell gekachelt, zwischen Werkhallen und Wohnheim zieht sich ein schmaler Grünstreifen hin. Vor der Lagerhalle brennen in einem Buddhaaltar Räucherstäbchen. Gegenüber vom Tor gibt es ein Internetcafe, mehrere Imbisse und Klamottengeschäfte. &#8220;Have some fun&#8221; steht auf einem Plakat, ein anderes wirbt für Brustvergrößerungen.</p>
<p>&#8220;Die Arbeit ist nicht besonders gut, aber auch nicht besonders schlecht&#8221;, sagt eine junge Wanderarbeiterin aus der Provinz Guangxi, die hier abends einkauft. Über 700 Dinosaurier hat sie an diesem Tag angesprüht, von morgens um acht bis abends um halb sechs, mit anderthalb Stunden Mittagspause. &#8220;Wenn die Fabrik viele Aufträge hat, kann man abends noch drei Überstunden machen&#8221;, sagt sie. &#8220;Das ist zwar sehr ermüdend, aber dafür ist die Bezahlung auch besser.&#8221; 1600 Yuan (185 Euro) verdient sie in normalen Monaten, in guten Zeiten kommt sie auf 2000 Yuan &#8211; das entspricht dem Standard in Dongguans Fabriken, der deutlich über dem in China üblichen Mindestlohn liegt. Trotzdem gab es in Südchina in den vergangenen Monaten immer wieder Proteste von Arbeitern, die höhere Löhne forderten, weil ihr Einkommen schon seit Jahren nicht mehr mit dem Anstieg der Lebenshaltungskosten mithalten könne. Sind die Angestellten bei Lovable unzufrieden? &#8220;Als wir nach Dongguan gekommen sind, haben wir natürlich gehofft, dass wir mehr verdienen können&#8221;, erzählen zwei Studentinnen aus der Provinz Jiangxi, die bei Lovable in den Sommerferien für einen Stundenlohn von 4,5 Yuan (52 Cent) arbeiten. Von Protesten wollen sie noch nichts gehört haben. &#8220;Unser Job ist besser als kein Job, und wenigstens ist hier das Wohnheim gut.&#8221; Zehn Arbeiter teilen sich ein Zimmer mit Bad und Klimaanlage &#8211; in den meisten Fabriken müssen die Angestellten ohne Kühlung auskommen, obwohl die Temperatur in den Sommermonaten selbst nachts kaum unter die 30-Grad-Marke fällt.</p>
<p>Und wie sieht es mit den Gesundheitsrisiken aus? Informiert Lovable seine Arbeiter über mögliche Gefahren im Umgang mit Lacken oder Lösungsmitteln? Die Studentinnen schütteln den Kopf. Zwar seien in Bereichen mit starkem Chemikaliengeruch oder an den Spritzstationen Masken erhältlich, doch kaum einer mache davon Gebrauch, weil man damit schlecht atmen könne. Schleich erklärt dazu auf Anfrage, von den eingesetzten Chemikalien gehe keine gesundheitliche Gefahr aus. Auch in den Produktionsstätten chinesischer Zulieferer würden die international gültigen Normen des Arbeiterschutzes eingehalten und von unabhängigen Instituten wie dem Tüv Rheinland oder dem Büro Veritas regelmäßig überprüft.</p>
<p>Doch obwohl die Lovable-Fabrik, deren rund tausend Arbeiter den größten Teil von Schleichs chinesischer Produktion bewältigen, äußerst proper wirkt, werden nicht alle Figuren unter solchen Bedingungen hergestellt. In der eine halbe Stunde Autostunde entfernten Fabrik Happy Crafts zeigt sich ein anderes Bild. Die Gebäude ist heruntergekommen, die Räume wirken düster, und aus dem Ventilator strömt konzentrierter Lösungsmittelgeruch auf die Straße. Bis vor einigen Jahren sei hier die Hauptfabrik von Lovable gewesen, erklärt der Unternehmer. Seitdem habe eine andere Firma das alte Gebäude übernommen und produziere für verschiedene Spielzeugmarken, darunter auch Schleich. Die Arbeiter wohnen nicht auf dem Firmengelände, sondern in einem angemieteten Wohnheim in der Nähe, ebenfalls zu zehnt in einem Zimmer, hier jedoch ohne eine Klimaanlage.</p>
<p>Fragt man die Arbeiter auf dem Weg in die Mittagspause nach ihren Sorgen, gehören die Wohnbedingungen nicht dazu &#8211; da die meisten vom Land kommen, sind sie oft noch weitaus ärmlichere Bedingungen gewöhnt. Stattdessen klagen sie über die steigenden Kosten für Lebensmittel und Kleidung oder über die Entfernung zu ihren Familien in anderen Provinzen. &#8220;In Dongguan kann man nur arbeiten, aber nicht leben&#8221;, sagt eine junge Frau.</p>
<p>&#8220;Zu Hause im Dorf ist es andersherum: Da kann man leben, aber es gibt keine Arbeit.&#8221; Verstößt Schleich gegen ethische Standards, indem das Unternehmen in einer Fabrik wie Happy Crafts Spielzeuge für deutsche Kinderzimmer produziert? Obwohl die Fabrik kein schöner Anblick ist, kann keiner der Arbeiter von übermäßigen Überstunden, ungezahlten Löhnen oder gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen berichten. Und sowohl der chinesische Spielzeugunternehmer als auch Schleich selbst bestätigen, dass Happy Crafts ebenfalls regelmäßig von deutschen Inspektoren überprüft wird.</p>
<p>Doch warum ist man bei Schleich dann nicht bereit, die Produktionsstätten der chinesischen Zulieferer genauso offen zu zeigen wie das Stammwerk in Schwäbisch Gmünd, wo bis heute knapp ein Fünftel der Produkte hergestellt wird? Bei Schleich sieht man sich in einem Dilemma, das viele deutsche Unternehmen kennen: Einerseits führt in der globalen Wirtschaft an Chinas großem Markt und günstigen Arbeitskräften kein Weg mehr vorbei, andererseits ist das Engagement in Fernost zu Hause unpopulär. Erst gestern rief &#8220;Der Spiegel&#8221; auf seiner Titelseite den Kampf &#8220;China gegen Deutschland&#8221; aus und warnt davor, dass die &#8220;lukrative China-Connection&#8221; sich &#8220;in ein paar Jahren als Pakt mit dem Teufel&#8221; entpuppen könne.</p>
<p>Strikt sachlich ist derartige Rhetorik nicht, doch sie trifft einen Nerv &#8211; und treibt Unternehmen in die Defensive. Mit Werksführungen für deutsche Journalisten in China habe man bisher &#8220;meist nur sehr schlechte Erfahrungen gemacht&#8221;, rechtfertigt Schleich-Geschäftsführer Paul Kraut in einer E-Mail die Politik seines Unternehmens. &#8220;Unsere Erfahrung ist leider, dass letztendlich doch nur über die negativen Aspekte berichtet wird.&#8221; Doch je mehr China zu einem Drehpunkt der globalen Arbeitsteilung wird, umso weniger kommen Unternehmen darum herum, dort die gleiche Transparenz zu gewähren, wie es zu Hause üblich ist.</p>
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		<title>Genug geschwitzt</title>
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		<pubDate>Wed, 09 Jun 2010 01:37:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Arbeiter]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Mit Streiks und Selbsttötungen erzwingen Chinas Fabrikangestellte höhere Löhne – denn die jungen Wanderarbeiter wollen besser leben als ihre Eltern.</h3>
Liu Zhiyi wurde ausgewählt, weil er einer von ihnen war: Mitte zwanzig, eine gute Ausbildung in der Tasche und große Pläne im Kopf. Niemand konnte Verdacht schöpfen, als er sich im April als Fabrikarbeiter bei Foxconn bewarb, einer südchinesischen Computerfabrik, die unter anderem Apples iPhone produziert. Es ist jene Foxconn, die unlängst wegen einer Serie von Selbsttötungen in die Schlagzeilen geraten war. "Jeden Tag kommen tausende junge Leute, um eine Stelle zu finden und Träumen hinterherzujagen, die sie nie verwirklichen können", schrieb Liu, als er nach 28 Tagen an seinen eigentlichen Arbeitsplatz zurückkehrte: in die Redaktion der "Nanfang Zhoumo"...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Mit Streiks und Selbsttötungen erzwingen Chinas Fabrikangestellte höhere Löhne – denn die jungen Wanderarbeiter wollen besser leben als ihre Eltern.</h3>
<p>Liu Zhiyi wurde ausgewählt, weil er einer von ihnen war: Mitte zwanzig, eine gute Ausbildung in der Tasche und große Pläne im Kopf. Niemand konnte Verdacht schöpfen, als er sich im April als Fabrikarbeiter bei Foxconn bewarb, einer südchinesischen Computerfabrik, die unter anderem Apples iPhone produziert. Es ist jene Foxconn, die unlängst wegen einer Serie von Selbsttötungen in die Schlagzeilen geraten war.</p>
<p>&#8220;Jeden Tag kommen tausende junge Leute, um eine Stelle zu finden und Träumen hinterherzujagen, die sie nie verwirklichen können&#8221;, schrieb Liu, als er nach 28 Tagen an seinen eigentlichen Arbeitsplatz zurückkehrte: in die Redaktion der &#8220;Nanfang Zhoumo&#8221;, einer der kritischsten und mutigsten Zeitungen der Volksrepublik. &#8220;Das 28-tägige Versteckspiel war für mich ein Schock, nicht weil ich verstanden hätte, warum sie sich umgebracht haben, sondern weil ich gesehen habe, wie sie leben.&#8221;</p>
<p>Lius Bericht bietet einen Blick hinter die Mauern der umstrittenen Fabrik, deren taiwanesischem Eigentümer Terry Gou nach zehn Selbsttötungen unmenschliche Arbeitsbedingungen vorgeworfen werden. Gou bestreitet, dass er seine Angestellten ausbeutet, und sieht die Ursache eher bei Chinas sozialen Problemen. Und ausgerechnet der Undercover-Journalist scheint ihn zu bestätigen. &#8220;Das Werk mit seinen 400 000 Mitarbeitern ist keine Blut-und-Schweiß-Fabrik, wie man sie sich vorstellt&#8221;, meint Liu. Sie funktioniere wie eine mittelgroße Stadt, biete Essen und Unterkunft, die Arbeitsbedingungen seien &#8220;standardmäßig und korrekt&#8221;.</p>
<p>Doch was Chinas Gesetze als Standard definieren, passt kaum zu den Erwartungen und Bedürfnissen der Angestellten. Das monatliche Grundgehalt von 900 Yuan (107 Euro) reiche gerade zum Überleben. Um die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht aufgeben zu müssen, unterschrieben viele eine Erklärung, dass sie auf eigene Verantwortung mehr als die gesetzlich erlaubten 36 Überstunden pro Monat absolvieren wollten, beobachtete Liu, auch wenn ihr Dasein dann nur noch daraus bestehe, &#8220;Maschinen zu bedienen und selbst zu Maschinen zu werden&#8221;.</p>
<p>Dieses Fazit könnte von Karl Marx abgeschrieben sein. Doch junge Journalisten wie Liu Zhiyi brauchen keine sozialistischen Theorien mehr, um die inneren Widersprüche ihres Landes zu begreifen. Statistiken zeigen seit Jahren eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, und mit dem Einkommensgefälle steigt auch die Zahl derer, die sich als Verlierer der Reformen fühlen. Selbst die Regierung bestreitet die wachsenden sozialen Spannungen nicht mehr. Zuletzt gab es pro Tag durchschnittlich 644 Streiks oder Demonstrationen.</p>
<p>Die Ausbrüche der Unzufriedenheit haben eines gemeinsam: Sie gehen in erster Linie von jungen Chinesen aus. Die zehn Arbeiter, die von Foxconns Wohnheimen in den Tod sprangen, waren zwischen 18 und 24 Jahren alt. Auch unter Schülern und Studenten gibt es seit Jahren steigende Selbstmordraten. Die überwiegende Mehrheit macht ihrem Frust freilich in Internetforen Luft – weshalb die Regierung die Zensur verschärft hat.</p>
<p>Zwar zeigen die Jungen keinerlei Ambitionen, eine Revolution anzuzetteln. Trotzdem sind sie dabei, China grundlegend zu verändern. Denn die sogenannte Generation der &#8220;Bashihou&#8221;, der &#8220;nach 1980 Geborenen&#8221;, die in den boomenden Jahrzehnten des Reformzeitalters aufgewachsen ist, will mehr, als nicht in Armut zu leben. Waren ihre Eltern noch dankbar für ein Leben ohne Hunger, Krieg oder Klassenkampf, so sind ihre Kinder mit Chinas Aufstiegsträumen sozialisiert worden: in einem Land, das Wolkenkratzer baut, Menschen ins All schickt und Olympische Spiele ausrichtet. Gerade weil es den Nach-Achtzigern besser geht, als jeder chinesischen Generation vor ihnen, wollen sie die schönsten Früchte des Fortschritts nicht allein einer Elite überlassen.</p>
<p>Experten sehen darin einen neuen Trend, der das chinesische Wirtschaftsmodell gründlich verändern könnte. &#8220;Viele Arbeiter, die nach 1980 geboren worden sind, sind gut informiert und kennen ihre Rechte&#8221;, sagt der Arbeiteraktivist Liu Kaiming. &#8220;Sie scheuen sich nicht, einen höheren Lohn zu verlangen.&#8221; Chinas Sweatshop-Arbeiter wollen nicht mehr schwitzen – und sie begehren auf und streiken. Der prominenteste Fall ist der eines Honda-Zulieferers im südchinesischen Foshan, dessen 1900 Arbeiter eine Lohnerhöhung von 24 Prozent erzwangen, nachdem sie mit einem Streik die gesamte chinesische Produktion des Autoherstellers zum Stillstand gebracht hatten. Die meisten Streikenden waren jung und organisierten den Ausstand per Internet und Handy – gegen den Willen der staatlichen Gewerkschaften. &#8220;Wir befinden uns an einem Wendepunkt&#8221;, sagt Lee Chang-hee von der International Labour Organisation in Peking. &#8220;Chinas Arbeiter beginnen, gemeinsam für ihre Löhne und Arbeitsbedingungen zu kämpfen.&#8221; In der Vergangenheit hätten sie nur demonstriert, wenn ihre Rechte verletzt worden seien, nicht um eigene Forderungen zu stellen.</p>
<p>Davon profitierten die Fabrikbesitzer. Seit dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation (WTO) im Jahr 2001 und 2008 stieg der Wert der Ausfuhren um 436 Prozent, die Gehälter der Arbeiter nur um 148 Prozent. Der Anteil der Arbeitskosten ist also deutlich gesunken.</p>
<p>Viele Arbeiter in den Fabriken mussten bisher die schlechte Behandlung auch unterhalb der gesetzlichen Mindeststandards akzeptieren. Doch die Entwicklung sorgt dafür, dass Arbeitskraft auch im Milliardenreich China keine unbeschränkt verfügbare Ressource mehr ist. In einigen Industriezonen herrscht immer wieder Arbeiterknappheit – damit steigt das Selbstbewusstsein der Arbeiter.</p>
<p>Noch sind Streiks wie im Fall von Honda nicht die Regel, aber solche Ausstände dürften schnell Schule machen, schrieben etwa die Chinaanalysten der Bank of America kürzlich ihren Kunden: &#8220;Einerseits verschiebt sich angesichts der rapide alternden Gesellschaft und der schrumpfenden jungen Arbeiterschaft der Verhandlungsvorteil von den Arbeitgebern zu den Arbeitnehmern.&#8221; Andererseits habe die chinesische Regierung ihre Einstellung zu Streiks geändert und sei nicht mehr grundsätzlich gegen Arbeitskämpfe. Der Parteichef von Guangdong, Wang Yang, warnte Unternehmen kürzlich, sich der Herausforderungen, die durch die junge Generation entstehen, bewusst zu sein. &#8220;Die Achtziger-Generation will mehr, sie braucht mehr Fürsorge und Respekt, und ihre Angehörigen müssen motiviert werden, um mit Enthusiasmus zu arbeiten&#8221;, sagte Wang. Fabriken müssten deshalb ein &#8220;besseres, humaneres Arbeitsumfeld&#8221; schaffen.</p>
<p>Nachdem markenbewusste Großkunden wie Apple, Dell und Nokia nervös geworden waren, entschied sich Foxconn, seinen Angestellten eine Lohnerhöhung von 70 Prozent ab Oktober zu genehmigen. &#8220;Durch die Lohnerhöhung werden Überstunden nicht mehr unbedingt eine Notwendigkeit sein&#8221;, heißt es in einer Erklärung des Unternehmens. Es könnte den Angestellten ermöglichen, an Maschinen zu arbeiten, ohne selbst zur Maschine werden zu müssen.</p>
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		<title>Döner mit Stäbchen</title>
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		<pubDate>Mon, 07 Jun 2010 05:32:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Iyad Mansour kam als 14-Jähriger aus Palästina nach Tokio. Von seinem Naturell können die Japaner manches abschauen.</h3>
<a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/06/Iyad_Mansour.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-1978" title="Iyad_Mansour_(Copyright_Martin_Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/06/Iyad_Mansour-241x300.jpg" alt="" width="145" height="180" /></a>Es gibt auf der Welt nicht viele Dönerbuden, in denen Essstäbchen auf den Tischen liegen. Die Globalisierung ist eben doch noch nicht so weit fortgeschritten, wie es immer heißt. "Eigentlich sind Stäbchen zum Kebabessen ziemlich praktisch", sagt Iyad Mansour. "Ein richtiger Döner muss nämlich so dick sein, dass man ihn erst in den Mund kriegt, wenn man ein paar Fleischstücke herausgepickt hat." Und die Moral weiß er ohnehin auf seiner Seite. Denn wie sollte auf diesem zerstrittenen Planeten jemals Frieden herrschen, wenn ein Palästinenser nachts um zwei in einem Rotlichtviertel in der Tokioter Vorstadt auf dem kulturell korrekten Verzehr von gefüllten Teigtaschen bestünde?...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Iyad Mansour kam als 14-Jähriger aus Palästina nach Tokio. Von seinem Naturell können die Japaner manches abschauen.</h3>
<p><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/06/Iyad_Mansour_Copyright_Martin_Gottske.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1981" title="Iyad_Mansour_(Copyright_Martin_Gottske)" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2010/06/Iyad_Mansour_Copyright_Martin_Gottske-1024x680.jpg" alt="" width="442" height="293" /></a>Es gibt auf der Welt nicht viele Dönerbuden, in denen Essstäbchen auf den Tischen liegen. Die Globalisierung ist eben doch noch nicht so weit fortgeschritten, wie es immer heißt. &#8220;Eigentlich sind Stäbchen zum Kebabessen ziemlich praktisch&#8221;, sagt Iyad Mansour. &#8220;Ein richtiger Döner muss nämlich so dick sein, dass man ihn erst in den Mund kriegt, wenn man ein paar Fleischstücke herausgepickt hat.&#8221; Und die Moral weiß er ohnehin auf seiner Seite. Denn wie sollte auf diesem zerstrittenen Planeten jemals Frieden herrschen, wenn ein Palästinenser nachts um zwei in einem Rotlichtviertel in der Tokioter Vorstadt auf dem kulturell korrekten Verzehr von gefüllten Teigtaschen bestünde?</p>
<p>Wären da nicht die Stäbchen, könnte sich das &#8220;Green Grass&#8221; genauso gut in einem arabischen Land, in Europa oder Nordamerika befinden. Es ist ein Imbiss, in dem gut zwanzig Leute Platz hätten, wenn denn je so viele kämen. &#8220;Willkommen in Palästina &#8211; im Herzen des Gelobten Landes&#8221;, steht auf dem Poster an der Wand. Daneben hängen eine Palästinenserflagge und ein Arafat-Tuch, Bilder von fröhlichen Menschen in Ölbaum-Hainen, ein Kunstfoto von einem Bett am Strand und die Aufnahme von dem Mann, der sich in Peking auf dem Tiananmen-Platz vor die Panzer stellte.</p>
<p>In einer Ecke laufen die Nachrichten stumm über den Bildschirm &#8211; es sei denn, es gibt wieder Bilder von einem Attentat im Nahen Osten. Dann dreht Mansour den Ton auf und beginnt lauthals zu schimpfen: auf die Amerikaner und die Israelis, auf die Hamas und die Taliban, auf El Kaida und auf die Dänen mit ihren Mohammed-Karikaturen. &#8220;Wenn du uns Muslime ärgern willst, dann nimm unsere Frauen, aber den Propheten lass gefälligst in Ruhe&#8221;, echauffiert er sich in fließendem Japanisch. Seine Gäste schauen ihm zu, nicken still und nippen an ihrem Bier.</p>
<p>Mansour macht sich gerne Gedanken über die ganz großen Zusammenhänge. &#8220;Mein Leben ist ein Beispiel dafür, dass sich alles zum Guten wenden kann&#8221;, sagt der 35-Jährige. &#8220;Und wenn es auf der Welt nicht so viele Arschlöcher gäbe, könnte es allen Menschen so gehen.&#8221; Deshalb soll sein &#8220;Green Grass&#8221; auch mehr sein als bloß ein Lokal. Es soll ein Ort sein, an dem die Welt so funktioniert, wie man sich das wünschen würde. Das ist natürlich reichlich hoch gegriffen, aber wer wollte es Mansour übel nehmen &#8211; bei seiner Geschichte.</p>
<p>Geboren wurde er in Ramallah im Westjordanland. &#8220;Meine Familie ist arm wie alle Palästinenser&#8221;, erzählt Mansour. Ende der Achtziger lernte sein Vater Mitarbeiter einer japanischen Menschenrechtsgruppe kennen, die anboten, eines seiner Kinder zu adoptieren und mit nach Tokio zu nehmen. Die Eltern gaben ihnen Iyad mit, den ältesten ihrer elf Söhne. Er war gerade 14 Jahre alt geworden. &#8220;Die ersten drei Jahre habe ich jeden Tag geweint, weil ich alles so vermisst habe: meine Eltern, meine Familie, mein Land&#8221;, sagt Mansour. Trotzdem blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in Japan anzupassen. Er wusste, dass es kein Zurück geben würde. Seine Familie erwartete von ihm, dass er erfolgreich sein würde &#8211; erfolgreich genug, um sie in Palästina zu unterstützen.</p>
<p>Nach vier Jahren sprach Mansour Japanisch wie ein Japaner, machte einen Schulabschluss und eine Ausbildung als Automechaniker. Danach begann er, als Kellner zu arbeiten in Restaurants, die ihre Kundschaft gerne von einem fließend Japanisch sprechenden Ausländer bedienen ließen. Durch die Arbeit lernte er einen entscheidenden Unterschied zwischen seinen alten und den neuen Landsleuten kennen. &#8220;Palästinenser sind arm, aber sie verstehen es trotzdem zu feiern&#8221;, sagt Mansour. &#8220;Die Japaner dagegen sind reich, aber sie arbeiten wie verrückt und haben wenig, was ihnen wirklich Freude macht.&#8221;</p>
<p>Aus dieser Erkenntnis ließ sich eine Geschäftsidee ableiten: Mansour begann, an Wochenenden Partys zu organisieren, bei denen es eher wie bei arabischen Hochzeiten zuging als bei erzwungener japanischer Kollegenfröhlichkeit. &#8220;Wenn man den Japanern etwas zeigt, was einfach nur Spaß macht, dann sind sie wirklich glücklich&#8221;, hat Mansour inzwischen herausgefunden. Vor neun Jahren eröffnete er außerdem das &#8220;Green Grass&#8221; in Warabi, einer typischen Schlafstadt im Norden Tokios, wo die Pendler abends rund um die S-Bahn-Station von Spielhöllen, Karaoke-Bars oder den &#8220;Soapland&#8221; genannten Bordellen in Versuchung geführt werden.</p>
<p>Mansour ist hier der bunte Vogel, der inmitten der japanischen Alltagsabgründe eine äußerst un- japanische Unterhaltung bietet. Denn seine Gäste kommen nicht nur wegen des Döners. Sie kommen vor allem seinetwegen und wegen seiner leidenschaftlichen Monologe über Gott und die Welt. Mansour weist minutiös die vermeintliche CIA-Verschwörung am 11. September 2001 nach und bekennt sich emphatisch zu einer Hamas-Mitgliedschaft, nur um diese im nächsten Moment mit dem gleichen Nachdruck zu widerrufen.</p>
<p>Er erzählt von seiner Familie in Ramallah, die fast vollständig von dem Geld lebt, das er zwei Mal im Monat aus Japan überweist und mit der er täglich per Videohandy spricht. &#8220;Zwei von meinen Brüdern sitzen in israelischen Gefängnissen&#8221;, sagt er. &#8220;Für die Israelis sind sie Terroristen, aber für mich sind sie Helden.&#8221; Alle Gäste kennen auch die Geschichten von seiner japanischen Ehefrau, die sich für ihn zum Islam hat bekehren lassen und nun noch häufiger in die Moschee geht als er selbst. Oder die Anekdoten von seinen beiden Söhnen, die er &#8220;Palästinenser mit Schlitzaugen&#8221; nennt, auch wenn sie noch nie in der Heimat ihres Vaters waren. So wie auch er seit seiner Adoption vor 21 Jahren nicht mehr dorthin zurückgekehrt ist.</p>
<p>So gleicht das &#8220;Green Grass&#8221; dem Set einer realen Multi-Kulti-Dokusoap. &#8220;Kein Japaner könnte je so aus sich herausgehen, wie es für mich ganz natürlich ist&#8221;, sagt Mansour. Obwohl er inzwischen mehr als sein halbes Leben in Japan verbracht hat und sogar die japanische Staatsbürgerschaft besitzt, ist ihm die japanische Reserviertheit fremd: Er palavert, gestikuliert und umarmt, wie ihm gerade zumute ist. &#8220;Ich bin halt Araber, und mit uns gehen leicht die Pferde durch&#8221;, sagt Mansour. &#8220;Und siehe da: Die Japaner mögen mich trotzdem, und ich mag sie.&#8221; Wenn das nur überall so einfach wäre, würde das mit dem Weltfrieden vielleicht doch noch etwas werden, sagt Mansour. Und stellt im selben Atemzug gleich fest, dass man dagegen eigentlich nicht viel einwenden kann. Zumindest in seiner Dönerbude widerspricht ihm sowieso niemand.</p>
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		<title>Tragischer Arbeitskampf</title>
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		<pubDate>Fri, 28 May 2010 02:33:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Bei Foxconn, dem größten Computerhersteller der Welt, haben sich seit Jahresbeginn zehn Arbeiter umgebracht. Großkunden wie Apple und Dell werden nervös.</h3>
Es ist ein ungewöhnlicher und tragischer Arbeitskampf, der sich derzeit in der südchinesischen Industriemetropole Shenzhen abspielt. Nachdem sich seit Jahresbeginn zehn Mitarbeiter des Computerhersteller Foxconn das Leben genommen haben, hat der Konzern der Belegschaft eine Lohnerhöhung von zwanzig Prozent versprochen. Die taiwanesischen Eigentümer wollen so das unter ihren Angestellten offenbar weit verbreitete Gefühl von Perspektivlosigkeit bekämpfen - und ihr eigenes Image retten...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Bei Foxconn, dem größten Computerhersteller der Welt, haben sich seit Jahresbeginn zehn Arbeiter umgebracht. Großkunden wie Apple und Dell werden nervös.</h3>
<p>Es ist ein ungewöhnlicher und tragischer Arbeitskampf, der sich derzeit in der südchinesischen Industriemetropole Shenzhen abspielt. Nachdem sich seit Jahresbeginn zehn Mitarbeiter des Computerhersteller Foxconn das Leben genommen haben, hat der Konzern der Belegschaft eine Lohnerhöhung von zwanzig Prozent versprochen. Die taiwanesischen Eigentümer wollen so das unter ihren Angestellten offenbar weit verbreitete Gefühl von Perspektivlosigkeit bekämpfen &#8211; und ihr eigenes Image retten. Denn prominente Kunden wie Apple, Dell, Hewlett-Packard und Nokia, die ihre Geräte von Foxconn produzieren lassen, waren zuletzt nervös geworden, dass Gerüchte um Ausbeutung chinesischer Arbeiter ihre Marken beschädigen könnten.</p>
<p>Foxconn gehört zu den Weltkonzernen, die nur Schlagzeilen machen, wenn sie Probleme haben. 50 Milliarden Euro setzte das Unternehmen vergangenes Jahr mit Auftragsproduktionen für namhafte Technologiefirmen um &#8211; eine Arbeitsteilung, die für das Globalisierungszeitalter typisch, aber nur den wenigsten Kunden bewusst ist. Doch nun ist Foxconn selbst Titelthema. Die schwarze Serie begann im vergangenen Juli, als ein 25jähriger Mitarbeiter aus seinem Wohnheim in den Tod sprang, nachdem unter seiner Aufsicht ein Prototyp von Apples neuestem Iphone verloren gegangen war. Seit Januar häuften sich dann die Suizidfälle und erreichten in dieser Woche ihren Höhepunkt: Am Dienstag und Donnerstag stürzten sich Arbeiter in den Tod. Ein dritter wurde am Donnerstag mit aufgeschnittenen Pulsadern gefunden und überlebte. Es waren diese jüngsten Fälle, die Foxconn zu dem ungewöhnlichen Schritt einer deutlichen Gehaltserhöhung veranlassten – eine Entscheidung, die laut Analysten den Unternehmensgewinn um mindestens zehn Prozent schmälern dürfte.</p>
<p>Dabei ist sich Foxconn keiner Schuld bewusst. Die Suizidserie habe nichts mit den Arbeitsverhältnissen in der Fabrik zu tun, sondern mit „sozialen Problemen“, erklärte Unternehmensgründer Terry Gou am Mittwoch bei einem Krisenbesuch in dem Shenzhener Hauptwerk, in dem 420.000 Menschen arbeiten. „Wenn junge Menschen zu arbeiten beginnen, gibt es Anpassungsprobleme“, so Gou. Alle Selbstmörder seien Wanderarbeiter im Alter von 18 bis 24 gewesen und hätten weniger als ein Jahr in der Fabrik gearbeitet. „Viele unserer jungen Angestellten leben weit von zuhause entfernt und brauchen Zuwendung von ihren Familien“, sagte Gou. „Das Unternehmen kann dafür kein Ersatz sein.“</p>
<p>Obwohl nun sowohl die chinesischen Behörden als auch die Großkunden Apple, Dell und Hewlett-Packard die Arbeitsbedingungen in Shenzhen unter die Lupe nehmen wollen, gibt es bisher von keiner Seite konkrete Vorwürfe, dass die Arbeitsbedingungen bei Foxconn schlechter seien, als bei anderen Fabriken. Nach Angaben Hongkonger Medien, die der Selbstmordserie intensivster und unabhängiger als die festlandchinesische Presse nachgingen, sind die Verhältnisse sogar überdurchschnittlich. Imagebewusste Markenkonzerne wie Apple bestehen schließlich darauf bestehen, dass ihre Zulieferer gesetzliche und ethische Mindeststandards einhalten. Foxconn-Mitarbeiter erhalten bisher ein Grundgehalt von umgerechnet 90 Euro im Monat und können mit Überstunden auf bis zu 150 Euro kommen.</p>
<p>Für viele Wanderarbeiter ist das zwar mehr, als sie in ihrer Heimat auf dem Land verdienen könnten, aber viel zu wenig, um ihren wirtschaftlichen Aufstiegsträumen gerecht zu werden. Vor allem die junge Generation von Landflüchtlingen, die von klein auf von den Verheißungen des chinesischen Aufschwungs geprägt wurden, hat hohe Konsumerwartungen, die sich mit Fließbandgehältern nicht verwirklichen lassen. Obwohl sich die Regierung die Verringerung der Ungleichheit zwischen arm und reich auf die Fahnen geschrieben hat, nehmen Einkommensunterschiede rapide zu. Der soziale Druck nimmt zu. Die Selbstmordserie bei Foxconn erinnert an eine Reihe von Schulattentaten, die in China derzeit ebenfalls für Aufsehen sorgt. Seit Ende März haben sieben Attentäter Schüler und Kindergartenkinder mit Messern angegriffen. Chinesische Psychologen sprechen von einem Nachahmungseffekt. Chinas Medien sind deshalb angewiesen worden, nicht mehr groß über die Fälle zu berichten.</p>
<p>Bei Foxconn weist man zudem darauf hin, dass die Selbstmorde statistisch gesehen weniger dramatisch sei, als sie in der Öffentlichkeit erscheint. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation kommen in China 14 Selbstmorde auf 100.000 Menschen. Zehn Selbstmorde bei 420.000 Mitarbeitern sind da deutlich unter dem Durchschnitt. Trotzdem versucht der Konzern mit drastischen Maßnahmen, die schwarze Serie zu stoppen. Foxconn-Mitarbeiter wurden aufgefordert, ihrem Arbeitgeber per Unterschrift das Recht übertragen haben lassen, sie gegebenenfalls „zum eigenen Schutz und dem anderer“ in eine psychiatrische Klinik schicken zu dürfen, falls sie durch eine „anormale geistige oder körperliche Verfassung“ auffielen. Hundert Mitarbeiter sollen psychologisch geschult werden, um Probleme frühzeitig zu erkennen. Außerdem will das Unternehmen künftig stärker in Westchina investieren, damit die Arbeiter näher bei ihren Familien sind. Allerdings ist unklar, ob die Standortentscheidung tatsächlich eine Reaktion auf die Selbstmordserie ist oder nur als solche deklariert wird, um dem tragischen Arbeitskampf ein Ende zu bereiten.</p>
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		<title>“Die Globalisierung verändert sich – und das ist gut so”</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Apr 2010 22:50:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz über den globalen Reformstau, das Ende der Dominanz des Westens und die neue Weltmacht China.</h3>
<em><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/03/img_3758.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1008" title="Joseph Stiglitz" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/03/img_3758-796x1024.jpg" alt="" width="138" height="177" /></a>Bernhard Bartsch: Professor Stiglitz, ist die Krise vorbei oder nur unter einem Haufen Geld vergraben?</em>

Joseph Stiglitz: Die Krise ist noch nicht vorbei. Wir stehen zwar nicht mehr direkt am Abgrund, aber es gibt noch eine Menge Probleme. In den USA haben wir immer mehr Zwangsvollstreckungen, zunehmende Schwierigkeiten auf dem Markt für Gewerbeimmobilien und große Finanzsorgen in den Staaten und Kommunen. In Europa erleben wir gerade die Griechenlandkrise und müssen befürchten, dass Ähnliches noch in anderen Ländern passieren könnte...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz über den globalen Reformstau, das Ende der Dominanz des Westens und die neue Weltmacht China.</h3>
<p><em><a href="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/03/img_3758.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-1008" title="Joseph Stiglitz" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/03/img_3758-796x1024.jpg" alt="" width="233" height="299" /></a></em><em>Bernhard Bartsch: Professor Stiglitz, ist die Krise vorbei oder nur unter einem Haufen Geld vergraben?</em></p>
<p>Joseph Stiglitz: Die Krise ist noch nicht vorbei. Wir stehen zwar nicht mehr direkt am Abgrund, aber es gibt noch eine Menge Probleme. In den USA haben wir immer mehr Zwangsvollstreckungen, zunehmende Schwierigkeiten auf dem Markt für Gewerbeimmobilien und große Finanzsorgen in den Staaten und Kommunen. In Europa erleben wir gerade die Griechenlandkrise und müssen befürchten, dass Ähnliches noch in anderen Ländern passieren könnte.</p>
<p><em>Obwohl die Ereignisse der vergangenen anderthalb Jahre oft als „Jahrhundertkrise“ bezeichnet werden, können wir also nicht davon ausgehen, dass wir für die nächsten hundert Jahre wieder einigermaßen sicher sind.</em></p>
<p>Genau, eine Krise ist nie eine Versicherung gegen die nächste Krise. Dass wir seit der Großen Depression viele Jahrzehnte lang relative Stabilität hatten, lag einzig und allein daran, dass die Menschen damals die richtigen Lehren gezogen und die Wirtschaft effektiv reguliert haben.</p>
<p><em>Ziehen unsere Politiker denn heute die richtigen Lehren?</em></p>
<p>Leider ist bei der Reform der Finanzmärkte noch nicht viel passiert. Dabei hat die Krise eindeutig gezeigt, dass der Finanzsektor seine volkswirtschaftliche Funktion nicht erfüllt hat: Er soll Risiko kontrollieren, nicht kreieren. Er soll Kapital an der richtigen Stelle bereitstellen, nicht damit zocken. Er soll effiziente Zahlungsmechanismen einrichten, anstatt sich an horrenden Gebühren zu bereichern. Aber obwohl das Finanzsystem rundherum versagt hat, arbeitet es in den USA im Grunde noch genau so wie vor der Krise. Die Europäer sind in ihrer Diskussion zwar schon weiter, aber auch noch weit vom Ziel entfernt.</p>
<p><em>Wie müsste denn eine stabile globale Finanzarchitektur aussehen?</em></p>
<p>Es gibt zwei zentrale Reformansätze. Erstens brauchen wir eine globale Reservewährung. Bisher basiert unsere Finanzarchitektur auf dem Dollar, aber der hat sich nicht als besonders guter Wertspeicher erwiesen und wird sicherlich nie wieder die gleiche Rolle spielen wie in der Vergangenheit. Zweitens müssen wir unsere Märkte wieder besser regulieren. Vor der Krise war ja viele Jahre Deregulierung in Mode: Man glaubte an Liberalisierung, ungehinderte Marktkräfte und offene Finanzmärkte. Heute wissen wir, wie falsch das war. Regulierung spielt für eine gut funktionierende Wirtschaft eine ganz entscheidende Rolle, und damit sie wirklich effektiv ist, müssen wir sie global koordinieren.</p>
<p><em>Sie glauben also, dass die ganze Welt sich auf gemeinsame Regeln für Banken, Versicherungen, Aktienmärkte und Finanzströme einigen kann?</em></p>
<p>Natürlich ist das sehr schwierig – und wenn sich heute ausgerechnet im Finanzsektor viele für eine globale Regelung einsetzen, liegt das sicher nicht zuletzt daran, dass sie im Stillen darauf hoffen, dass es ohnehin nie dazu kommen wird. Aber man muss ja nicht gleich alles gemeinsam beschließen. Praktikabler ist es, wenn jedes Land erst einmal seine eigenen Regeln verabschiedet, so wie es das zum Schutz seiner Wirtschaft und Bevölkerung für notwendig hält. Hinterher kann man das dann international harmonisieren und zu einem einheitlichen Rahmenwerk zusammenfügen.</p>
<p><em>Bedeutet das nicht einen Rückschritt: mehr nationale Alleingänge, weniger internationale Zusammenarbeit?</em></p>
<p>Nein, das bedeutet, dass sich die Globalisierung verändert: Natürlich wird der freie Verkehr von Finanzprodukten beeinträchtigt werden und Länder werden in Zukunft sehr viel vorsichtiger sein, welche Finanzprodukte aus anderen Ländern sie zulassen. Aber das ist eine gute Sache – wir haben ja gesehen, wozu es führt, wenn giftige Hypotheken unkontrolliert über Landesgrenzen hinweg gehandelt werden können.</p>
<p><em>Wie viel Zeit dürfen sich unsere Regierungen für diese Reformen lassen?</em></p>
<p>Wenn es so langsam weitergeht wie derzeit in den USA, werden wir wahrscheinlich noch eine weitere Krise erleben müssen, bevor wir uns zu grundlegenden Reformen durchringen. Der nächste Einbruch kann in fünf Jahren kommen oder in 15 &#8211; aber ich hoffe inständig, dass wir nicht bis dahin warten werden.</p>
<p><em>Während die westlichen Industrienationen sich nur langsam von der Krise erholen, hat China bereits wieder zweistellige Wachstumsraten. Ist die Volksrepublik der Gewinner der Krise?</em></p>
<p>In einer Krise, die global so viel Bruttoinlandsprodukt vernichtet, gibt es keine Gewinner. Aber es hat sich gezeigt, dass China die Krise besser gemanagt hat als wohl jedes andere Land. Deswegen geht die Volksrepublik aus der Krise mit neuem Selbstbewusstsein hervor.</p>
<p><em>Was haben die Chinesen besser gemacht als wir – und was können wir von ihnen lernen?</em></p>
<p>Zunächst einmal muss man feststellen, dass China und der Westen auf ganz unterschiedlichen Entwicklungsstufen stehen und deshalb nicht so ohne weiteres zu vergleichen sind. China ist eine Wirtschaft mit niedrigen Einkommen, die sich noch in einer Übergangsphase zur Marktwirtschaft befindet. Aber eine Sache, die man in China offensichtlich besser verstanden hat als im Westen, ist die Bedeutung von Regulierung. Ist es nicht ironisch, dass wir die Chinesen jahrelang gewarnt haben, ihrem Finanzsystem drohe der Kollaps, wenn sie es nicht nach unserem Vorbild reformieren – und am Ende sind wir selbst zusammengebrochen? Eine weitere Lehre, die man aus Chinas Erfolg ziehen kann, ist, die wichtige Rolle des Staats bei der Förderung von Industrie, Innovationen und Bildung. Zumindest für Entwicklungsländer stellt China damit durchaus ein Modell dar.</p>
<p><em>Allerdings ist höchst umstritten, ob dieses Modell tatsächlich langfristig stabil ist. China kämpft mit gewaltigen Umweltproblemen, grassierender Korruption und wachsenden sozialen Spannungen.</em></p>
<p>Ich sehe bei Chinas Wachstumsmodell vor allem zwei Probleme. Das eine ist in der Tat die Umwelt. Das hat die Regierung auch erkannt und ein sehr ehrgeiziges Umweltschutzprogramm aufgelegt. Ich traue ihr zu, dass sie damit Erfolg haben wird. Die größere Herausforderung ist die Transformation von einer exportorientierten Wirtschaft zu etwas anderem. In den letzten 30 Jahren has das Exportmodell gut funktioniert, aber je größer Chinas Marktanteil wird, umso schwieriger wird es, das Wachstum zu halten, zumal in einem Umfeld mit schwachem Wachstum in Europa und Amerika. Auch dieses Problem hat China erkannt. Wir sollten deshalb davon ausgehen, dass Chinas Rolle in der Welt unvermeidlich größer werden wird. Die Volksrepublik ist ja schon heute die zweit- oder drittgrößte Volkswirtschaft, und damit wird sie auch ein größeres Mitspracherecht haben, nach welchen Regeln die Weltwirtschaft funktioniert.</p>
<p><em>Für China sind das gute Aussichten, für den Westen nicht unbedingt. In den USA und Europa symbolisiert die Volksrepublik für viele Menschen die Ängste, die sie mit der Globalisierung verbinden. Ist das gerechtfertigt?</em></p>
<p>Diese Ängste zeigen zweierlei: Erstens gibt es eine große Verunsicherung darüber, nach welchen Regeln die Welt künftig funktionieren wird. In den letzten Jahrhunderten war es der Westen, der die Regeln bestimmt hat, und er hat sie so geschrieben, wie es seinen Interessen entsprach. In der neuen Welt geht das nicht mehr, da werden Entscheidungen zunehmend multipolar getroffen. Kein Wunder, dass darüber im Westen viele unglücklich sind. Zweitens hat die Globalisierung dazu geführt, dass die USA und Europa in vielen Bereichen ihre Wettbewerbsvorteile verloren haben. Das führt zu Umbrüchen in unserer Wirtschaft und Gesellschaft, die sehr schwierig sind. Wir sollten aber nicht so tun, als wären wir die ersten und einzigen, denen etwas derartiges widerfährt. Man braucht nur in die Geschichte zu schauen: Vor 1820 hat Indien Textilien nach England exportiert, dann haben die Engländer diverse Handelsgesetze erlassen und ihre Militärmacht genutzt, um Indien einzuschränken – mit dem Ergebnis, dass Indien anfangen musste, Textilien aus Großbritannien zu importieren. Das war für Indien damals ein dramatischer Wechsel und hat zur Verarmung des Landes beigetragen. Inzwischen ist es wieder andersherum, wobei die Veränderung diesmal nicht von Politik oder Militär ausgegangen sind, sondern von Marktkräften.</p>
<p><em>In ihrem neuen Buch “Im freien Fall” schreiben sie, die Welt brauche nicht nur eine wirtschaftliche und politische Erneuerung, sondern auch eine moralische. Eine pastorale These für einen Ökonomen.</em></p>
<p>Stiglitz: Es ist doch offensichtlich, dass der Finanzsektor nicht nur unsere Wirtschaft verzerrt hat, sondern auch unsere Werte. Die Gier hat völlig inakzeptable Ausmaße angenommen. Es ist einfach nicht richtig, wenn Banken wie in den USA die Ärmsten mit Kreditkarten dazu verführen, sich Dinge zu kaufen, die sie sich nicht leisten können. Und wir geben jungen Menschen nicht die richtigen Anreize, wenn man als Banker mit dem Verkauf von schlechten Finanzprodukten ein Vielfaches von dem verdient, was Wissenschaftler, Ärzte oder Lehrer für Arbeit von viel höherem gesellschaftlichem Nutzen bekommen. Geld ist zum Maßstab für richtig und falsch geworden. Deswegen brauchen wir dringend eine Debatte darüber, inwieweit wir der Wirtschaft weiterhin erlauben wollen, unsere Gesellschaft zu prägen – und inwieweit es umgekehrt sein sollte.</p>
<p><em>ZUR PERSON<br />
Joseph Stiglitz, 67, zählt zu den einflussreichsten Ökonomen unserer Zeit. Der US-Amerikaner war Wirtschaftsberater von Präsident Bill Clinton und von 1997 bis 2000 Chefökonom der Weltbank – ein Posten, den er aus Protest gegen die Vergabekriterien von Hilfsgeldern an Drittweltländer verließ. 2001 erhielt er für seine Forschung zu asymmetrischen Marktinformationen den Nobelpreis. Stiglitz, der an der Columbia University in New York lehrt, trat zuletzt als scharfer Kritiker der Wirtschaftspolitik von US-Präsident Barack Obama in Erscheinung. In seinem neuesten Buch, „Im Freien Fall“, analysiert er die Ursachen und Lehren der Finanzkrise.</em></p>
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		<title>Supermacht auf Probe</title>
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		<pubDate>Mon, 18 Jan 2010 02:47:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Chinas Aufstieg stellt die politische Dominanz des Westens in Frage. Trotzdem ist es für Nachrufe auf die demokratische Leitkultur noch zu früh.</h3>
"Unauffällig auftreten und niemals die Führung übernehmen." So lautete die außenpolitische Strategie, die Deng Xiaoping seinem Land um 1980 verschrieb. Chinas Reformpatriarch war damals weit über siebzig und lange genug Revolutionär; er kannte die Gefahren übereifriger Neuanfänge...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Chinas Aufstieg stellt die politische Dominanz des Westens in Frage. Trotzdem ist es für Nachrufe auf die demokratische Leitkultur noch zu früh.</h3>
<p>&#8220;Unauffällig auftreten und niemals die Führung übernehmen.&#8221; So lautete die außenpolitische Strategie, die Deng Xiaoping seinem Land um 1980 verschrieb. Chinas Reformpatriarch war damals weit über siebzig und lange genug Revolutionär; er kannte die Gefahren übereifriger Neuanfänge. Nach Maos großen Sprüngen brachte die Volksrepublik im internationalen Mächtemessen ohnehin nicht mehr viel Gewicht auf die Waage. Deshalb sollten sich die Chinesen erst einmal auf ihre eigenen Probleme konzentrieren.</p>
<p>Knapp dreißig Jahre lang hielt sich die Partei nach Kräften an Dengs Dogma. Nun hat sie es offenbar aufgegeben. Seit der Finanzkrise gilt die Volksrepublik als die zweitwichtigste Wirtschaftsmacht neben den USA. Spätestens seit dem Klimagipfel von Kopenhagen, wo Peking die westlichen Industrienationen mit ihren Vorschlägen auflaufen ließ, ist offensichtlich, dass Peking auch auf der politischen Bühne nicht mehr unauffällig auftreten will, sondern offensiv die Rolle einer globalen Leitnation anstrebt. Was in weiter Ferne zu liegen schien, ist plötzlich reale Gegenwart: China ist eine Supermacht.</p>
<p>Zum ersten Mal seit Jahrzehnten steht die politische Dominanz des Westens ernsthaft in Frage. In Kopenhagen haben die Chinesen demonstriert, dass sie die Schwellenländer hinter sich vereinen können. Viele Nationen Asiens und Afrikas, aber auch mehrere Staaten Mittel- und Südamerikas fühlen sich der Volksrepublik enger verbunden als den USA und ihren westlichen Verbündeten. Chinas Koalition der armen Mehrheit der Weltbevölkerung ist nicht nur in den Klimaverhandlungen mächtig: Sie hat auch eigene Vorstellungen von der Reform des Finanzsystems, der Regulierung des Welthandels und der Verteilung militärischer Einflusszonen. Nicht dass die Schwellenländer untereinander keine gravierenden Differenzen und Interessenunterschiede hätten, aber zumindest in ihrer Opposition gegen die bisherige De-facto-Weltregierung der G8-Staaten wächst die Einigkeit &#8211; vor allem, wenn sie die starken Chinesen auf ihrer Seite wissen.</p>
<p>Und es geht um noch mehr: Erstmals seit dem Ende des Kalten Krieges gibt es einen politischen Alternativentwurf zur sogenannten &#8220;westlichen Demokratie&#8221;. So sehr Verfechter der Demokratie ihre Vorzüge für universell halten mögen &#8211; in weiten Teilen der Welt gilt das Konzept als Besonderheit der abendländischen Kultur. Das chinesische System eines starken Staates, der sich nicht durch Wahlen, sondern durch schnelle Wirtschaftsentwicklung legitimiert, gewinnt in Schwellenländern Anhänger. Freilich sind es dort häufig autokratische Regime, die mit dem Verweis auf Chinas Erfolg bequem ihre eigene Macht rechtfertigen. Doch da die Hoffnungen in Reformen nach westlichem Ideal vielerorts zerbrochen sind, wächst auch in der Bevölkerung die Akzeptanz des chinesischen Vorbilds. Pekings Regierung propagiert inzwischen selbst ihr &#8220;chinesisches Modell&#8221;.</p>
<p>Doch kann es halten, was es verspricht? Bisher hat es &#8211; zumindest für die Volksrepublik selbst &#8211; besser funktioniert, als man es im Westen für möglich gehalten hätte. Die Zeiten, da Chinadebatten vor allem um den bevorstehenden Zusammenbruch des Regimes kreisten, sind vorbei. Im Vordergrund steht nun die Frage, wie sich ein Land wie Deutschland gegen einen Staat behaupten kann, der wirtschaftlich quer durch alle Branchen zum Konkurrenten geworden ist und politisch jedem Druck standhält. Doch auch China ist allem außenpolitischem Selbstbewusstsein zum Trotz ein Land, das in den dreißig Jahren seit Dengs Wirtschaftsreformen nur einen kleinen Teil seiner Probleme gelöst hat &#8211; und viele neue Probleme dazubekam. Den neuen Wohlstand genießt eine dünne Oberschicht, die Mehrheit ist noch immer arm. Die sozialen Spannungen nehmen zu, die Umweltverschmutzung gerät vielerorts außer Kontrolle. Der Klimawandel wird in China verheerend wirken: Auch wenn die Volksrepublik in Kopenhagen einen politischen Sieg errungen haben mag &#8211; in der Sache hat sie sich selbst geschadet.</p>
<p>Keine Supermacht hat bestehen können, wenn sie intern zerrüttet war. Die Chinesen wissen das: Glorreiche Dynastien wie die Tang oder Ming florierten in Zeiten innerer Stabilität und zerbrachen, als die Spannungen im eigenen Land zu groß wurden. Waren Herrscher besessen von ihrem internationalen Glanz, kam ihnen die Sensibilität für die Probleme vor ihrer Haustür abhanden. Bevor man Chinas Aufstieg voreilig als &#8220;welthistorisches Ereignis&#8221; feiert und in Schlagzeilen einen Platz in den Geschichtsbüchern zuzuweisen versucht, sollte man abwarten. China ist eine Supermacht auf Probe.</p>
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		<title>Vereinigte Staaten von Asien</title>
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		<pubDate>Tue, 05 Jan 2010 08:01:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[ASEAN]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>China und die ASEAN-Staaten gründen die drittgrößte Freihandelszone der Welt. Doch die Pläne für den asiatischen Integrationsprozess gehen noch viel weiter.</h3>
Den Anfang machten die Drachenfrüchte: In den frühen Morgenstunden des ersten Tages im neuen Jahr überquerte eine Kolonne vietnamesischer Lastwagen die Grenze nach China und fuhren mit Dutzenden Tonnen des rosa-grünen Obstes auf den Großmarkt der Hafenstadt Pingxiang. Dort dokumentierten nicht nur die Händler die neue Lieferung, sondern auch ein Korps chinesischer Journalisten, die den Drachenfruchttransport als symbolischen Beginn für eine neue Ära wirtschaftlicher Zusammenarbeit auserkoren hatten...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>China und die ASEAN-Staaten gründen die drittgrößte Freihandelszone der Welt. Doch die Pläne für den asiatischen Integrationsprozess gehen noch viel weiter.</h3>
<p>Den Anfang machten die Drachenfrüchte: In den frühen Morgenstunden des ersten Tages im neuen Jahr überquerte eine Kolonne vietnamesischer Lastwagen die Grenze nach China und fuhren mit Dutzenden Tonnen des rosa-grünen Obstes auf den Großmarkt der Hafenstadt Pingxiang. Dort dokumentierten nicht nur die Händler die neue Lieferung, sondern auch ein Korps chinesischer Journalisten, die den Drachenfruchttransport als symbolischen Beginn für eine neue Ära wirtschaftlicher Zusammenarbeit auserkoren hatten: Zum Anfang des Jahres ist zwischen der Volksrepublik China und den zehn Ländern der Gemeinschaft Südostasiatischer Nationen (Asean) eine Freihandelszone in Kraft getreten.</p>
<p>Es ist der drittgrößte Freihandelszusammenschluss der Welt, nach der Europäischen Union und der nordamerikanischen Nafta. Im vergangenen Jahr tauschten Südostasiaten und Chinesen Waren im Wert von rund 200 Milliarden Dollar aus; zusammen mit dem Handel innerhalb der Asean beträgt das Volumen etwa 470 Milliarden Dollar. Durch die Abschaffung von Handelsbarrieren soll es von nun an noch schneller als bisher steigen.</p>
<p>Der weitgehend zollfreie Warenaustausch ist Teil eines asienweiten Integrationsprozesses: Seit Jahren bemühen sich die asiatischen Regierungen um neue Netzwerke, mit denen sie mehr Wachstum und Stabilität in ihrer eigenen Region schaffen. Zwar sind die Länder höchst unterschiedlich und stehen untereinander teilweise in scharfem Wettbewerb, doch zwei große Erschütterungen in zehn Jahren haben das Bewusstsein für die gemeinsamen Interessen gestärkt. Sowohl die Asienkrise von 1997/98 als auch die Finanzkrise haben die Asiaten gelehrt, wie gefährlich es ist, von den großen Wirtschaftsmächten Europas und Amerikas oder von den dominierenden Organisationen wie der Weltbank oder dem Internationalen Währungsfonds (IWF) abhängig zu sein. Deshalb kooperieren die Asiaten nicht nur beim Abbau von Handelshemmnissen, sondern auch beim Aufbau eigener Finanzinstitutionen.</p>
<p>Kernzelle des Zusammenschlusses ist die Asean. Bereits seit 2005 werden innerhalb des Bündnisses für einen Großteil der Waren schrittweise die Abgaben gesenkt. Die Vereinbarung soll künftig auch für 90 Prozent aller chinesischen Produkte gelten, wobei je nach Land und Branche Übergangsfristen bis 2015 vereinbart wurden. Waren, bei denen zwischen den Staaten starke Konkurrenz herrscht, insbesondere Elektronikgüter und Textilien, sind vorerst ausgenommen. Ein besonderer Anstieg wird vor allem beim Handel von Rohstoffen erwartet, welche die ressourcenhungrige Volksrepublik nun billiger von ihren Nachbarn kaufen kann.</p>
<p>Die Zone, in der die Länder zu deutlich besseren Konditionen miteinander Handel treiben können als innerhalb der Vorschriften der Welthandelsorganisation (WTO), dürfte noch wachsen. Neben dem südostasiatisch-chinesischen Schulterschluss sind zahlreiche weitere regionale Zollsenkungsabkommen in Arbeit. Sechs der Asean-Staaten haben bereits eine Vereinbarung mit Südkorea geschlossen, mit der bis Ende dieses Jahres die Abgaben auf 80 Prozent aller Waren wegfallen sollen. Auch mit Japan existiert eine Partnerschaftserklärung, die als Grundlage für Verhandlungen über einen Freihandelsvertrags dienen soll. Ähnliche Gespräche führen die Südostasiaten mit Australien, Neuseeland und Indien. Da die Asean in Wirtschaftsfragen nicht an das Konsensprinzip gebunden sind, brauchen sich nicht alle Staaten gleichzeitig zu einigen.</p>
<p>Zur integrationsfreudigen Kerngruppe, den sogenannten Asean-6, zählen Singapur, Malaysia, Brunei, Thailand, Indonesien und die Philippinen, während Vietnam, Kambodscha, Laos und Birma oft deutlich langsamer agieren und sich oft erst im zweiten Schritt anschließen. Politische Vordenker in der Region träumen bereits davon, dass die Asiaten sich eines Tages in ähnlicher Weise zusammenschließen könnten wie die Europäer. So hat etwa Japans Premierminister Yukio Hatoyama die Gründung einer Ostasiatischen Union vorgeschlagen, der Japan, China, Südkorea, Indien, Australien, Neuseeland sowie die Asean-Staaten angehören sollen. Die Hindernisse sind allerdings gewaltig: Die wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Unterschiede innerhalb der diskutierten Vereinigungen sind weitaus größer als in Europa. Immerhin befinden sich auf dem Kontinent einige der reichsten und einige der ärmsten Länder der Erde, Demokratien und Diktaturen.</p>
<p>Doch der Druck der Krise schafft politische Einsichten, die in Zeiten steten Wachstums wohl kaum möglich wären. So haben die Asiaten kürzlich beschlossen, gemeinsam einen 120 Milliarden Dollar schweren Notfonds einzurichten &#8211; als Alternative zum IWF. Beteiligt sind Japan, China, Südkorea und die Asean. Im Notfall wollen sich die Länder dann über sogenannte Währungsswaps gegenseitig US-Dollar bereitstellen, um kurzfristige Finanzengpässe zu überwinden. Schon im März sollen alle organisatorischen Fragen geklärt sein und soll das Geld bereitstehen. Beim IWF glaubt man aber, dass die Asiaten nicht allzu schnell davon Gebrauch machen werden müssen: Ihre Region ist derzeit die einzige, die über ein starkes Wachstum verfügt. Die IWF-Ökonomen sagen voraus, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den asiatischen Ländern dieses Jahr um 5,75 Prozent steigen wird. Den Industrienationen trauen die Wirtschaftswissenschaftler nur ein Wachstum von 1,15 Prozent zu.</p>
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		<title>Gütesiegel statt Warnsignal</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Dec 2009 16:59:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Handel]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Die Volksrepublik steigt zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht auf, aber das Image von "Made in China" bleibt schlecht. Eine Werbekampagne soll das ändern.</h3>
So irrt man sich gerne: Chinas Staatsstatistiker haben herausgefunden, dass sie die Wirtschaftskraft ihres Landes bisher stark unterschätzt haben. Die Rechnerei könnte es China erlauben, den Ausklang des Krisenjahrs als epochales Erfolgserlebnis zu feiern...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die Volksrepublik steigt zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht auf, aber das Image von &#8220;Made in China&#8221; bleibt schlecht. Eine Werbekampagne soll das ändern.</h3>
<p>So irrt man sich gerne: Chinas Staatsstatistiker haben herausgefunden, dass sie die Wirtschaftskraft ihres Landes bisher stark unterschätzt haben. 2008 sei das Bruttoinlandsprodukt um 9,6 Prozent gestiegen, 0,6 Prozentpunkte mehr als bisher angegeben, erklärten die Datenverwalter in Peking. Auch für 2009 kündigen sie an, das bisherige Wachstum von 7,7 Prozent für die ersten drei Quartale womöglich noch einmal nach oben zu korrigieren. Die Rechnerei könnte es China erlauben, den Ausklang des Krisenjahrs als epochales Erfolgserlebnis zu feiern: Die Volksrepublik hätte ihren Erzrivalen Japan überholt und stiege zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht nach den USA auf. Und selbst wenn die Statistiker die Daten nicht rechtzeitig hinbekommen: spätestens 2010 ist Chinas Aufstieg zur globalen Nummer zwei sicher.</p>
<p>Das internationale Gratulationskonzert dürfte allerdings verhalten ausfallen. Chinas Wiederaufstieg zu einer Weltmacht mag zwar vielerorts Bewunderung hervorrufen, nicht jedoch das Wirtschaftssystem, auf dem die Volksrepublik ihren Erfolg aufgebaut hat: Sie gilt nach wie vor als Standort für schmutzige Billigproduktion. &#8220;Made in China&#8221; ist das Gegenteil einer Qualitätsmarke. Dieses Manko will Peking nun mit einer internationalen Medienkampagne bekämpfen. Auf CNN und anderen internationalen Sendern läuft ein Imagefilm, der westlichen Zuschauern bewusst machen soll, dass die Produkte globaler Markenkonzerne zum großen Teil in China gefertigt werden. &#8220;Wo ,made in China&#8221; draufsteht, müsste es eigentlich heißen: hergestellt in China, produziert mit der Welt&#8221;, lautet die Botschaft des Spots. Dazu werden Turnschuhe, Fernseher, MP3-Spieler und Handtaschen gezeigt.</p>
<p>Allerdings dürfte der Werbespruch nur eine Übergangsformel sein. Der Slogan &#8220;Hergestellt in China &#8211; für die Welt&#8221; wäre den Chinesen zweifellos lieber. Denn von dem Geld, das westliche Konsumenten für chinesische Produkte ausgeben, fließen in der Regel nur etwa zehn Prozent in die Volksrepublik zurück, den Rest verdienen ausländische Händler und Markenunternehmen. Würde es Peking dagegen gelingen, &#8220;made in China&#8221; als internationales Gütesiegel zu etablieren, wäre es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Volksrepublik auch die USA überflügelt.</p>
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		<title>Volvo und Saab werden chinesisch</title>
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		<pubDate>Thu, 24 Dec 2009 17:00:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Auto]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Asiatische Unternehmen erlangen Kontrolle über große Teile von Schwedens Autoindustrie.</h3>
Schwedens Automobilindustrie wird chinesisch: Sowohl Volvo als auch Teile von Saab werden künftig unter der Kontrolle chinesischer Automobilkonzerne stehen - verkauft von den US-Giganten Ford und GM, die mit ihren schwedischen Töchtern nicht zurecht kamen. Volvos US-Mutterkonzern Ford erklärte, dass ein Verkauf an den privaten chinesischen Fahrzeughersteller Geely weitgehend ausgehandelt sei...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Asiatische Unternehmen erlangen Kontrolle über große Teile von Schwedens Autoindustrie.</h3>
<p>Schwedens Automobilindustrie wird chinesisch: Sowohl Volvo als auch Teile von Saab werden künftig unter der Kontrolle chinesischer Automobilkonzerne stehen &#8211; verkauft von den US-Giganten Ford und GM, die mit ihren schwedischen Töchtern nicht zurecht kamen. Volvos US-Mutterkonzern Ford erklärte, dass ein Verkauf an den privaten chinesischen Fahrzeughersteller Geely weitgehend ausgehandelt sei. &#8220;Bei allen entscheidenden geschäftlichen Bedingungen für den potenziellen Verkauf der Volvo Car Corporation herrscht Einigkeit&#8221;, heißt es in einer Mitteilung. Details der Finanzierung sowie die Zustimmung der Regierungen stünden allerdings noch aus. Der Verkauf werde voraussichtlich in der ersten Jahreshälfte 2010 abgewickelt, hieß es. Als Kaufpreis werden inoffiziell 15 Milliarden Kronen (etwa 1,4 Milliarden Euro) genannt &#8211; weniger als ein Drittel von den 50 Milliarden, die Ford vor zehn Jahren für die schwedische Tochter zu zahlen hatte.</p>
<p>Wie der Zugriff auf Volvos Patente geregelt ist, bleibt noch im Dunkeln. Die Amerikaner verwenden die schwedische Technologie inzwischen auch bei ihren Kernmarken Ford, Lincoln und Mercury. Geely, ein 1986 als Kühlschrankhersteller gegründetes Unternehmen aus der südchinesischen Provinz Zhejiang, will die Produktion in Schweden offenbar zunächst weiter betreiben. Volvo werde weiterhin &#8220;den Trend der weltweiten Autotechnologie zu mehr Sicherheit und Umweltschutz anführen und seinen einzigartigen Wettbewerbsvorteil im chinesischen Markt ausbauen&#8221;, heißt es in einer Presseerklärung.</p>
<p>Fords amerikanischer Hauptkonkurrent GM hat derweil entschieden, Teile der Technologie und Produktionslinien seiner Tochter Saab für 200 Millionen Dollar an den staatlichen Autobauer Beijing Automotive (BAIC) abzugeben. Chinas fünftgrößter Fahrzeughersteller, der bereits Gemeinschaftsunternehmen mit Daimler und Hyundai betreibt, will nun die Entwicklung eigener Fahrzeuge vorantreiben.</p>
<p>BAIC-Vorstandschef Xu Heyi erklärte, mit dem Kauf von Saabs Patenten, insbesondere für die Motor- und Getriebetechnologie der Modelle 9-3 und 9-5, könne man die Entwicklungsdauer für eigene Autos um vier bis fünf Jahr verkürzen. In den kommenden drei Jahren wollen die Chinesen 4,8 Milliarden Dollar in Fahrzeugentwicklung und -produktion investieren. Der Staatsbetrieb bemüht sich seit Jahren um den Kauf von ausländischem Autobau-Knowhow und hatte unter anderem auch Interesse an Opel bekundet.</p>
<p>Den Markennamen Saab kann BAIC nicht übernehmen, weil an diesem auch der schwedische Rüstungskonzern Saab sowie der Lastwagenhersteller Scania Rechte halten. Im südschwedischen Trollhättan stehen die Arbeitsplätze von 3400 Saab-Beschäftigten vor der Abwicklung. Auch bei Zulieferern müssen 8000 Menschen um ihre Jobs bangen. GM war 1990 bei Saab eingestiegen und hatte das Unternehmen zehn Jahre später ganz übernommen. Allerdings blieb der schwedische Nischenkonzern ein Verlustgeschäft. Dieses Jahr waren nur noch 30</p>
<p>000 Saabs produziert worden, ein Drittel so viel wie im Vorjahr.</p>
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		<title>Hampelmanns Heimat</title>
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		<pubDate>Sat, 19 Dec 2009 15:22:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Handel]]></category>
		<category><![CDATA[Produktsicherheit]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Holzspielzeug gilt als ökologisch korrekt und pädagogisch wertvoll. Der Großteil kommt aus chinesischer Billigproduktion.</h3>
<img class="alignleft size-medium wp-image-1688" title="Arbeiterin in der Firma Hexin" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/12/Arbeiterin-in-der-Firma-Hexin1-200x300.jpg" alt="Arbeiterin in der Firma Hexin" width="101" height="151" />Liu Diandians Lieblingsspielzeug ist ein grüner Traktor aus Holz. "Den hat meine Mama für mich geklaut", verrät die Siebenjährige stolz. Sie hockt zwischen zugeknoteten Plastiktüten und leeren Bierflaschen auf dem Boden und lässt den kleinen Trecker zwischen Stuhl- und Tischbeinen Slalom fahren. Der Traktor, ein abgewetzter Stoffigel und drei dünne Bilderbücher sind ihre einzigen Spielsachen - und das, obwohl ihre Eltern in einer Spielzeugfabrik arbeiten. Doch zu klauen haben sie nur einmal gewagt, zum Kaufen fehlt ihnen das Geld, und geschenkt bekommt in Yunhe niemand etwas...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Holzspielzeug gilt als ökologisch korrekt und pädagogisch wertvoll. Der Großteil kommt aus chinesischer Billigproduktion.</h3>
<p><img class="alignleft size-large wp-image-1682" title="Schleifer von Schaukeltierkufen bei der Firma Yifa" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/12/Schleifer-von-Schaukeltierkufen-bei-der-Firma-Yifa1-1023x726.jpg" alt="Schleifer von Schaukeltierkufen bei der Firma Yifa" width="393" height="279" />Liu Diandians Lieblingsspielzeug ist ein grüner Traktor aus Holz. &#8220;Den hat meine Mama für mich geklaut&#8221;, verrät die Siebenjährige stolz. Sie hockt zwischen zugeknoteten Plastiktüten und leeren Bierflaschen auf dem Boden und lässt den kleinen Trecker zwischen Stuhl- und Tischbeinen Slalom fahren. Der Traktor, ein abgewetzter Stoffigel und drei dünne Bilderbücher sind ihre einzigen Spielsachen &#8211; und das, obwohl ihre Eltern in einer Spielzeugfabrik arbeiten. Doch zu klauen haben sie nur einmal gewagt, zum Kaufen fehlt ihnen das Geld, und geschenkt bekommt in Yunhe niemand etwas.</p>
<p>Diandian und ihre Eltern, die vor drei Jahren aus der armen Provinz Anhui in die südchinesische Industriestadt gezogen sind, haben kaum eine Vorstellung davon, welche Reise das Spielzeug aus ihrer Fabrik vor sich hat &#8211; ebenso wenig wie man sich am anderen Ende der Welt groß Gedanken über dessen Herkunft macht. Dabei stammen Hunderttausende Geschenke, die bald unter deutschen Weihnachtsbäumen liegen, aus Yunhe. Allerdings laufen hier nicht die billigen Plastikpuppen oder Stofftiere vom Band, die &#8220;Made in China&#8221; seinen zweifelhaften Ruf eingebracht haben. Yunhe fabriziert die Kinderzimmerausstattung der wirtschaftlich Privilegierten, ökologisch Aufgeklärten und pädagogisch Bewussten: Holzspielzeug.</p>
<p>Mindestens jedes zweite Bauklötzchen, Holzauto oder Schachspiel stammt aus Yunhe, schätzt man in der Branche. &#8220;Unser Weltmarktanteil liegt sicher bei fünfzig Prozent&#8221;, sagt Gao Jun, Vizedirektor von Yunhes Industriebehörde. &#8220;Es könnten aber auch zwei Drittel sein &#8211; so genau weiß das niemand.&#8221; So gut wie alle internationalen Spielzeugmarken lassen in Yunhe von chinesischen Unternehmen produzieren, auch die aus Deutschland, wo mehr Holzspielsachen verkauft werden als in jedem anderen Land.</p>
<p>In den Musterregalen der Hersteller finden sich Brettspiele von Ravensburger oder Stecksets von Coppenrath und Die Spiegelburg. Auch in Deutschland verkaufte Marken wie Sevi aus Italien oder Boikido aus Frankreich beziehen die Waren aus Yunhe, ebenso Großkonzerne wie Ikea und Toys &#8216;r&#8217; us.</p>
<p>Selbst die hölzernen Engelsfiguren, Pyramiden und Krippen, die derzeit hunderttausendfach auf deutschen Weihnachtsmärkten verkauft werden, sind zum großen Teil in den heißen Sommermonaten in Yunhes Akkordschnitzereien gefertigt worden. Verheimlichen lässt sich die chinesische Herkunft zwar nicht, aber oft wird sie verschleiert.</p>
<p><img class="alignleft size-medium wp-image-1685" title="He Bin, Besitzer der Firma Hexin" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/12/He-Bin-Besitzer-der-Firma-Hexin-300x263.jpg" alt="He Bin, Besitzer der Firma Hexin" width="300" height="263" />&#8220;Bei in Deutschland gefertigten Waren drucken die Hersteller ganz groß ,Made in Germany&#8217; auf die Packung, aber bei ihren chinesischen Auftragsprodukten kann man das Ursprungsland kaum finden&#8221;, sagt He Bin, Geschäftsführer von Hexin, einem der größten Unternehmen der Stadt. &#8220;Einige Marken behandeln es geradezu als schmutziges Geheimnis, dass sie in China produzieren lassen.&#8221; Dabei hätten Qualitätsskandale um vergiftetes oder unsicheres Spielzeug aus China, die in den vergangenen Jahren die Branche erschütterten und das Vertrauen in Namen wie Fisher Price oder Disney beschädigten, bisher nie Holzspielsachen betroffen. &#8220;Unsere Qualität steht der deutschen in nichts nach&#8221;, behauptet He, &#8220;und das zu einem Bruchteil des Preises&#8221;.</p>
<p>Obwohl Yunhe sich heute als &#8220;Heimatstadt des Holzspielzeugs&#8221; bezeichnet, ist der Ort keineswegs eine traditionelle Handwerkshochburg, sondern verdankt seine Berufung einer planwirtschaftlichen Ad-hoc-Entscheidung. Anfang der 70er-Jahre reiste der Leiter der lokalen Wirtschaftsbehörde nach Schanghai und besuchte unter anderem eine Holzspielzeugfabrik. An die üppigen Wälder seiner Heimat denkend, kam er auf die Idee, den Standortfaktor Holz zum Kern seiner Industrialisierungspolitik zu machen. Schon zwei Jahre später produzierten in Yunhe zehn kommunale Betriebe Spielzeug, Abakusse und Klappstühle, die von einer staatlichen Handelsfirma vertrieben wurden.</p>
<p>Als China sich dann Anfang der 80er dem Ausland öffnete, profitierte auch Yunhe. Die Stadt hat 200 000 Einwohner. Rund 150 000 Menschen sind in der Holzindustrie beschäftigt, etwa die Hälfte sind Wanderarbeiter aus anderen Provinzen. &#8220;Bei uns gehören mehr als 700 Unternehmen in der Holzspielzeugindustrie&#8221;, sagt Gao. Das sind neben den großen Fabriken auch Werkzeughersteller, Sägewerke und Holzhändler. Der Rohstoff wird heute größtenteils aus Russland importiert &#8211; die Bergwälder der Region sind längst abgeholzt.</p>
<p>Doch selbst wenn Produkte aus Yunhe europäische Normen erfüllen &#8211; die Herstellungsbedingungen tun es keineswegs. Die meisten Angestellten arbeiten zu Minimallöhnen, ohne Verträge und soziale Absicherung. &#8220;Wir kommen vom Land und haben nichts gelernt, deshalb können wir auch nicht viel verdienen&#8221;, sagt Diandians Mutter Liu Xiaoying. &#8220;Aber im Dorf gibt es für uns keine Perspektive, und wenig Geld ist besser als gar keins.&#8221; Zehn Stunden lang malt sie täglich mit einem spitzen Pinsel Pupillen in das Gesicht von Hampelmännern. Für jedes Auge erhält sie 1,7 chinesische Fen (0,17 Cent). An guten Tagen schafft sie bis zu 2 500 Farbtupfer &#8211; macht etwas über vier Euro. Das reicht gerade, um Diandian zur Grundschule zu schicken. &#8220;Wir können ihr nicht bei den Hausaufgaben helfen, wir können ja selbst nicht lesen und schreiben&#8221;, sagt die Mutter. &#8220;Sie muss das alleine schaffen.&#8221;</p>
<p>Die Sicherheitsvorkehrungen in den Fabriken beschränken sich meistens auf ein paar Schilder, die pro forma an der Wand hängen, aber kaum beachtet werden. So sind etwa die Arbeiter der Firma Yifa, die sich auf Schaukeltiere spezialisiert hat, Staub und Lackdämpfen völlig ungeschützt ausgesetzt. &#8220;Am Anfang hatte ich ständig Husten, aber man gewöhnt sich daran&#8221;, sagt ein 60-Jähriger, der mit einer einfachen elektrischen Schleifmaschine die runden Kufen glättet. Eine Zeit lang habe er versucht, mit Mullmaske zu arbeiten, doch damit ließ sich kaum atmen. Professioneller Lungenschutz ist nicht nur ihm, sondern auch den Fabrikbesitzern zu teuer. Wenn er nach einer Elf-Stunden-Schicht staubbedeckt zu seiner Familie zurückfährt, hat er fünf Euro verdient. In der Hauptsaison von August bis Oktober kommt er mit Überstunden auf bis zu neun Euro.</p>
<p>Fabrikbesitzer He Bin kennt die Vorwürfe, die im Westen gegen derartige Produktionsbedingungen erhoben werden. &#8220;Wir wissen, dass die Situation bei uns alles andere als optimal ist&#8221;, gibt er unumwunden zu. Zwar schicken einige Markenunternehmen wie sein Großauftraggeber Trudi aus Italien regelmäßig Inspektoren, um die Produktionsqualität und bestimmte ethische Mindeststandards zu kontrollieren. Aber auch die prominentesten Kunden scheuen sich nicht, ihre Zulieferer in einen gnadenlosen Preiskampf zu zwingen. &#8220;Die Hersteller unterbieten sich gegenseitig&#8221;, sagt He. &#8220;Wir sind das schwächste Glied in der Kette.&#8221;</p>
<p><img class="alignleft size-medium wp-image-1692" title="Arbeiterin in der Firma Hexin" src="http://www.bernhardbartsch.de/wp-content/uploads/2009/12/Arbeiterin-in-der-Firma-Hexin-300x243.jpg" alt="Arbeiterin in der Firma Hexin" width="300" height="243" />Durch die Finanzkrise, die auch in Yunhe zeitweise zu einem dramatischen Auftragseinbruch führte, sei die Lage noch schwieriger geworden. &#8220;Die Marken geben ihren Druck an uns weiter&#8221;, sagt He. &#8220;Wenn unsere Gewinnmargen sinken, steigen automatisch die Profite der Händler. Am Preis für die Endkunden ändert sich ja nichts.&#8221; Der deutsche Ladenpreis betrage in der Regel das Zehnfache der Herstellungskosten. Einige Marken schaffen es, ihre Produkte für das Zwanzigfache zu verkaufen.</p>
<p>Entsprechend gering ist der Wohlstand, der in Yunhe zurückbleibt. Glaubt man offiziellen Statistiken, erwirtschafteten die Fabriken 2008 zusammen 200 Millionen Euro. Das entspricht für die Beschäftigten einem Durchschnitts-Jahresverdienst von 1 300 Euro. In Wahrheit verdient das Gros der Arbeiter weitaus weniger, während den Besitzern der großen Fabriken Millioneneinkünfte bleiben. Wie dünn die Schicht derer ist, die mit Holzspielzeug gutes Geld verdienen, lässt sich an Yunhes Stadtbild ablesen. Nichts deutet darauf hin, dass der Ort Knotenpunkt einer globalen Industrie ist. Während in anderen chinesischen Industriestädten längst US-Fastfoodketten und internationale Markenläden um die besten Standorte konkurrieren, gibt es modernen Lifestyle in Yunhe nur als billige Kopie: Burger isst man im chinesischen Restaurant &#8220;Tigergeneral&#8221;, die besten Anzüge hat die Marke &#8220;Chairman&#8221; und ein Teehaus hat sich den scheinbar fortschrittlichen Namen &#8220;Original Espresso&#8221; gegeben. Während die technisierte Kunststoffbranche eine Vielzahl von Ingenieuren und geschulten Arbeitern braucht, kommen in der Holzverarbeitung größtenteils ungelernte Tagelöhner zum Einsatz. Das Spielzeug der deutschen Besserverdiener stammt also aus einer Armeleute-Industrie.</p>
<p>He Bin, dessen Vater Mitte der 80er-Jahre Yunhes erste Privatfabrik eröffnete, will das ändern und Holzspielzeug auch in China bekanntmachen &#8211; unter seiner eigenen Marke Benho. Bisher hat der chinesische Markt dafür nur ein Volumen von vier Millionen Euro, obwohl die Familien der städtischen Mittelschicht für die Förderung ihres &#8211; in der Regel einzigen &#8211; Kindes tief in die Tasche greifen. 18 eigene Läden hat He Bin schon. Als Werbung hat er einen Animationsfilm mit Holzspielzeugen produziert, der Kindern Umweltbewusstsein beibringen soll. 2010 soll daraus eine Fernsehserie werden. &#8220;Wenn Holzspielzeug in China ein ähnliches Image bekommt wie in Deutschland, sind unsere Probleme gelöst&#8221;, sagt He Bin. &#8220;Aber leider sind die Konsumgewohnheiten noch völlig umgekehrt: Holz gilt in China als altmodisch und Plastik als modern.&#8221;</p>
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		<title>Wachstumsmotor Asien</title>
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		<pubDate>Sat, 14 Nov 2009 16:04:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Handel]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Die asiatischen Länder haben als erste die Wirtschaftskrise hinter sich gelassen und wollen sich nun durch neue Bündnisse aus der Abhängigkeit vom Westen lösen.</h3>
Apec-Gipfel sind berühmt für ihre Abschlussbilder, auf denen sich die Regierungschefs der 21 Asien-Pazifikstaaten als Zeichen ihrer Gemeinsamkeiten in lokalen Trachten des Gastgeberlandes fotografieren lassen. Dieses Wochenende werden US-Präsident Barack Obama, Chinas Staatspräsident Hu Jintao und Co. in Singapur in klassischem asiatischen Chic vor die Kameras treten - und damit ein Symbol für den Zustand der Welt am Ende des Krisenjahres 2009 setzen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die asiatischen Länder haben als erste die Wirtschaftskrise hinter sich gelassen und wollen sich nun durch neue Bündnisse aus der Abhängigkeit vom Westen lösen.</h3>
<p>Apec-Gipfel sind berühmt für ihre Abschlussbilder, auf denen sich die Regierungschefs der 21 Asien-Pazifikstaaten als Zeichen ihrer Gemeinsamkeiten in lokalen Trachten des Gastgeberlandes fotografieren lassen. Dieses Wochenende werden US-Präsident Barack Obama, Chinas Staatspräsident Hu Jintao und Co. in Singapur in klassischem asiatischen Chic vor die Kameras treten &#8211; und damit ein Symbol für den Zustand der Welt am Ende des Krisenjahres 2009 setzen: Noch nie spielte Asien für die globale Wirtschaft eine größere Rolle. Schneller als alle anderen Weltregionen scheint es die Finanzkrise hinter sich gelassen zu haben.</p>
<p>Der Internationale Währungsfonds (IWF) sagt voraus, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den asiatischen Ländern dieses Jahr im Durchschnitt um 2,75 Prozent steigen wird und sich 2010 auf 5,75 Prozent beschleunigt. Den Industrienationen traut der IWF dagegen nächstes Jahr nur ein Durchschnittswachstum von 1,15 Prozent zu. 15 der 18 asiatischen Börsenindizes entwickeln sich derzeit besser als der US-Index S&amp;P 500. Auch die Erholung der deutschen Exportwirtschaft ist zum großen Teil &#8220;Made in China&#8221;. Asien ist zum weltwirtschaftlichen Wachstumsmotor geworden.</p>
<p>Quer durch die Region können die staatlichen Statistikämter derzeit gute Zahlen vorlegen. Das Zugpferd ist China. Im vierten Quartal könnte die Wachstumsrate wieder die Zehn-Prozent-Marke erreichen, so der Chefökonom des staatlichen Informationszentrums, Fan Jiangping. Für das Gesamtjahr werde eine BIP-Steigerung von 8,3 Prozent erwartet. Indiens Regierung rechnet für das laufende Haushaltsjahr, das im März 2010 endet, mit einem Wachstum von 6,5 Prozent. Auch Japan, Südkorea, Malaysia und Indonesien befinden sich wieder auf Wachstumskurs.</p>
<p>Der asiatische Aufschwung hat mehrere Gründe. Den unmittelbaren Ausschlag für das schnelle Ende des Einbruchs geben die gewaltigen Konjunkturpakete, die alle Länder der Region aufgelegt haben. Und obwohl einige Staaten bereits wieder Anzeichen einer steigenden Inflation zeigen, erklärten die asiatischen Zentralbanken diese Woche einmütig, die Zügel der Geldpolitik vorerst nicht wieder anziehen zu wollen, solange das Wachstum noch auf wackligen Beinen stehe.</p>
<p>Zum großen Teil verdankt Asien seinen Boom indes seinem niedrigen Entwicklungsniveau. So beschert der Prozess der Urbanisierung den Schwellenländern auch in der Krise eine starke Dynamik. In China lebt etwa erst die Hälfte der Bevölkerung in den Städten. 2020 werden es drei Viertel sein, schätzen Experten. Weiteres Wachstumspotenzial besteht in der Verstärkung der regionalen Integration. Seit Jahren bemühen sich die Asiaten, ihre Wirtschaften enger zu verzahnen und durch sinkende Handelsbarrieren neue Dynamik zu schaffen. In den kommenden Jahren dürften in der Region daher zahlreiche neue Freihandelsabkommen ausgehandelt werden oder in Kraft treten. So bauen die zehn südostasiatischen Asean-Staaten derzeit ihre Zusammenarbeit mit China, Südkorea und Japan aus. Japans neuer Premierminister Yukio Hatoyama will seinerseits eine Ostasiatische Union ins Leben rufen, der Japan, China, Südkorea, Indien, Australien, Neuseeland sowie die Asean-Staaten angehören sollen. Als Vorstufe dazu ist ein Dreierbündnis zwischen Japanern, Chinesen und Koreanern geplant.</p>
<p>Die Südkoreaner, die dieses Jahr bereits ein Freihandelsabkommen mit der EU vereinbarten, ratifizierten vergangene Woche auch einen Pakt mit Indien. Nach einer Studie des Korea-Instituts für internationale Wirtschaftspolitik könnte die Vereinbarung das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern verdoppeln und Südkoreas Bruttoinlandsprodukt um jährlich 750 Millionen Euro erhöhen. All diese Vereinbarungen haben auch das Ziel, die traditionelle Abhängigkeit von den Exportmärkten USA und Europa zu verringern &#8211; und den asiatischen Wachstumsmotor künftig zunehmend auch mit asiatischem Treibstoff betanken zu können.</p>
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		<title>Nächste Ausfahrt China</title>
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		<pubDate>Fri, 13 Nov 2009 08:54:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Auto]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Industrie]]></category>
		<category><![CDATA[Mittelstand]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>Die Krise beschleunigt die Verlagerung westlicher Fabriken nach China.</h3>
Gute Nachrichten haben in der Wirtschaftswelt derzeit meistens etwas mit China zu tun. Zum Beispiel bei BMW: Nicht nur konnten die Münchner ihren Absatz im neuerdings weltgrößten Automarkt seit Jahresbeginn um 36,7 Prozent steigern. Zudem erklärte das Unternehmen gestern, mit seinem chinesischen Partner Brilliance Automotive für 560 Millionen Euro ein zweites Werk bauen zu wollen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die Krise beschleunigt die Verlagerung westlicher Fabriken nach China.</h3>
<p>Gute Nachrichten haben in der Wirtschaftswelt derzeit meistens etwas mit China zu tun. Zum Beispiel bei BMW: Nicht nur konnten die Münchner ihren Absatz im neuerdings weltgrößten Automarkt seit Jahresbeginn um 36,7 Prozent steigern. Zudem erklärte das Unternehmen gestern, mit seinem chinesischen Partner Brilliance Automotive für 560 Millionen Euro ein zweites Werk bauen zu wollen. Durch die Produktionsausweitung im nordostchinesischen Shenyang soll ab Anfang 2012 die wachsende Nachfrage nach der 3er- und 5er-Reihe befriedigt werden. &#8220;Doch auch der Bau anderer Modelle ist nicht ausgeschlossen&#8221;, erklärte BMW-China-Chef Christoph Stark.</p>
<p>Die jährliche Kapazität werde damit von 41 000 auf 100 000 Fahrzeuge erhöht &#8211; und könnte je nach Marktlage sogar auf 300 000 Autos hochgeschraubt werden. Was die Aktionäre als positives Signal sehen, ist für die Angestellten der deutschen Produktionsstandorte eher beunruhigend. Denn Ankündigungen wie die von BMW zeigen, wie sehr die Finanzkrise die Verlagerungsbewegung Richtung China beschleunigt hat.</p>
<p>Quer durch die deutsche Wirtschaft kommen Konzernstrategen zu dem Ergebnis, dass sich die Herausforderungen der Zukunft nur durch ein noch stärkeres Engagement in der Volksrepublik lösen lassen. Volkswagen kündigte kürzlich an, bis 2011 rund vier Milliarden Euro in China zu investieren. Daimler baut seine Pekinger Produktionskapazitäten ebenfalls aus. Diese Autos dürften nicht nur in China verkauft, sondern auch exportiert werden. Nach neuesten Schätzungen des Pekinger Finanzministeriums wird die Volksrepublik ihre Autoausfuhren von derzeit jährlich 20 Milliarden Euro bis 2015 verdreifachen.</p>
<p>Auch den deutschen Mittelstand zieht es nach China. So gab der Münchner Nutzfahrzeug-Zulieferer Knorr-Bremse gestern bekannt, in China den größten Auftrag seiner über hundertjährigen Firmengeschichte an Land gezogen zu haben. Das Unternehmen soll für 500 Millionen Euro Klimaanlagen, Bremsen und Türen für 2 720 neue chinesische Hochgeschwindigkeitszüge liefern. Gefertigt werden die Anlagen in China.</p>
<p>Das Vertrauen, das die internationale Wirtschaft dem chinesischen Markt entgegenbringt, dürfte helfen, dem von Pekings Konjunkturprogramm angetriebenen Aufschwung langfristige Substanz zu verleihen. Die jüngsten Statistiken zeigen, dass die Volksrepublik am Ende des Jahres wohl deutlich über dem offiziellen Wachstumsziel von acht Prozent liegen dürfte &#8211; ein Ergebnis, das viele Ökonomen Anfang des Jahres noch für geradezu ausgeschlossen gehalten hatten.</p>
<p>Doch die Zahlen sind sehr gut: Die Industrieproduktion wuchs im Oktober gegenüber dem Vorjahresmonat um 16,1 Prozent und damit so stark wie seit März 2008 nicht mehr. Die Industrie macht 43 Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung aus und ist für das Land weit aus wichtiger als der Dienstleistungssektor. Auch die Binnenwirtschaft nimmt zunehmend Fahrt auf. Der Einzelhandel verkaufte im Oktober 16,2 Prozent mehr als im Vorjahr.</p>
<p>Solche Aussichten gibt den chinesischen Wirtschaftslenkern das nötige Selbstbewusstsein, um kurz vor dem Antrittsbesuch von US-Präsident Barack Obama laut über einen Kurswechsel in ihrer Währungspolitik nachzudenken. Am Mittwoch signalisierte die Zentralbank, den Kurs des Yuan künftig wieder an einem Devisenkorb zu koppeln und die seit Mitte 2008 praktizierte Anbindung an die US-Währung aufzugeben.</p>
<p>Experten sehen darin ein Signal für eine Yuan-Aufwertung. Einerseits käme Peking damit einer wiederholt geäußerten Aufforderung westlicher Staaten nach, die China vorwerfen, seinen Exporten durch das Währungsregime unfaire Vorteile zu verschaffen. Andererseits könnte die Abwendung vom Dollar auch eine Schwächung des Dollar bedeuten, dessen Rolle als globale Leitwährung Peking relativieren will.</p>
<p>Auch anderweitig demonstriert China, dass die Weltwirtschaft am Anfang einer neuen Ära stehen könnte: Im Rahmen eines Staatsbesuchs in Malaysia unterzeichnete Chinas Staatspräsident Hu Jintao diese Woche Milliardenabschlüsse für die chinesische Industrie. Sie soll einen Staudamm, eine Papierfabrik, ein Aluminiumwerk und eine 250 Kilometer lange Eisenbahnlinie bauen. Früher waren es die Chinesen, die solche Aufträge an europäische oder amerikanische Unternehmen vergaben &#8211; nun treten sie mit diesen erfolgreich in Konkurrenz.</p>
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		<title>Globales Mobbing</title>
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		<pubDate>Fri, 14 Aug 2009 00:36:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Bernhard Bartsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
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		<category><![CDATA[Wettbewerb]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>China trifft keine Schuld, wenn in Europa die Benzinpreise steigen. Aber für ihr schlechtes Image ist die Volksrepublik trotzdem mitverantwortlich.</h3>
Rohstoffe sind die Achillesferse der chinesischen Wirtschaft. Ähnlich wie Deutschland muss auch das dicht besiedelte 1,3-Milliarden-Menschen-Land einen Großteil seiner Ressourcen importieren, darunter Erdöl und Gas, Erze und auch Lebensmittel. Das hat globale Auswirkungen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>China trifft keine Schuld, wenn in Europa die Benzinpreise steigen. Aber für ihr schlechtes Image ist die Volksrepublik trotzdem mitverantwortlich.</h3>
<p>Rohstoffe sind die Achillesferse der chinesischen Wirtschaft. Ähnlich wie Deutschland muss auch das dicht besiedelte 1,3-Milliarden-Menschen-Land einen Großteil seiner Ressourcen importieren, darunter Erdöl und Gas, Erze und auch Lebensmittel. Das hat globale Auswirkungen: Dass die Rohstoff-Preise in den vergangenen Jahren in die Höhe geschossen sind &#8211; und zum Ende der Krise nun abermals steigen &#8211; liegt maßgeblich an dem schnellen.</p>
<p>In der Öffentlichkeit führt diese Entwicklung häufig zu dem Vorwurf, die Chinesen seien Schuld, wenn in Deutschland Benzin teurer wird oder die Heizkosten steigen. Solche Zuspitzungen sind Unsinn &#8211; ökonomisch ebenso wie moralisch: Der Markt kennt kein Gewohnheitsrecht, das es den etablierten Industrienationen erlauben würde, ihren Bedarf zu stillen, bevor Schwellenländer wie China zum Zug kommen.</p>
<p>Dennoch ist die Rohstofffrage ein Politikum und in den Augen des Westens eine der wenigen Möglichkeiten, um dem von vielen als Bedrohung wahrgenommenen Wachstum der Volksrepublik Einhalt zu gebieten. Zahlreiche chinesische Versuche, sich in Ölfelder oder Erzvorkommen einzukaufen, scheiterten an politischen Widerständen. Auch bei der Absage des australischen Minenkonzerns Rio Tinto an den chinesischen Konkurrenten Chinalco dürfte Druck aus Canberra eine entscheidende Rolle gespielt haben. In Peking fühlt man sich deshalb gemobbt.</p>
<p>Doch China ist nicht nur Opfer. Das Land bestätigt regelmäßig den Verdacht, dass man vorsichtig sein sollte, bevor man sich auf Geschäfte mit chinesischen Unternehmen einlässt. Das Verfahren gegen die in China verhafteten Rio-Tinto-Mitarbeiter dient da als Beispiel. Selbst wenn sie sich der Industriespionage strafbar gemacht haben sollten &#8211; was durchaus möglich ist &#8211; müsste es in Chinas Interesse sein, jeglichen Zweifel an einem politischen Racheakt auszuschließen. Dafür bräuchte es eine transparente, juristisch einwandfreie Aufklärung des Falls. Doch diese ist, wie so häufig in der Volksrepublik, nicht in Sicht.</p>
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