Supermacht auf Probe
Chinas Aufstieg stellt die politische Dominanz des Westens in Frage. Trotzdem ist es für Nachrufe auf die demokratische Leitkultur noch zu früh.
“Unauffällig auftreten und niemals die Führung übernehmen.” So lautete die außenpolitische Strategie, die Deng Xiaoping seinem Land um 1980 verschrieb. Chinas Reformpatriarch war damals weit über siebzig und lange genug Revolutionär; er kannte die Gefahren übereifriger Neuanfänge…
Vereinigte Staaten von Asien
China und die ASEAN-Staaten gründen die drittgrößte Freihandelszone der Welt. Doch die Pläne für den asiatischen Integrationsprozess gehen noch viel weiter.
Den Anfang machten die Drachenfrüchte: In den frühen Morgenstunden des ersten Tages im neuen Jahr überquerte eine Kolonne vietnamesischer Lastwagen die Grenze nach China und fuhren mit Dutzenden Tonnen des rosa-grünen Obstes auf den Großmarkt der Hafenstadt Pingxiang. Dort dokumentierten nicht nur die Händler die neue Lieferung, sondern auch ein Korps chinesischer Journalisten, die den Drachenfruchttransport als symbolischen Beginn für eine neue Ära wirtschaftlicher Zusammenarbeit auserkoren hatten…
Gütesiegel statt Warnsignal
Die Volksrepublik steigt zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht auf, aber das Image von “Made in China” bleibt schlecht. Eine Werbekampagne soll das ändern.
So irrt man sich gerne: Chinas Staatsstatistiker haben herausgefunden, dass sie die Wirtschaftskraft ihres Landes bisher stark unterschätzt haben. Die Rechnerei könnte es China erlauben, den Ausklang des Krisenjahrs als epochales Erfolgserlebnis zu feiern…
Volvo und Saab werden chinesisch
Asiatische Unternehmen erlangen Kontrolle über große Teile von Schwedens Autoindustrie.
Schwedens Automobilindustrie wird chinesisch: Sowohl Volvo als auch Teile von Saab werden künftig unter der Kontrolle chinesischer Automobilkonzerne stehen – verkauft von den US-Giganten Ford und GM, die mit ihren schwedischen Töchtern nicht zurecht kamen. Volvos US-Mutterkonzern Ford erklärte, dass ein Verkauf an den privaten chinesischen Fahrzeughersteller Geely weitgehend ausgehandelt sei…
Hampelmanns Heimat
Holzspielzeug gilt als ökologisch korrekt und pädagogisch wertvoll. Der Großteil kommt aus chinesischer Billigproduktion.
Liu Diandians Lieblingsspielzeug ist ein grüner Traktor aus Holz. “Den hat meine Mama für mich geklaut”, verrät die Siebenjährige stolz. Sie hockt zwischen zugeknoteten Plastiktüten und leeren Bierflaschen auf dem Boden und lässt den kleinen Trecker zwischen Stuhl- und Tischbeinen Slalom fahren. Der Traktor, ein abgewetzter Stoffigel und drei dünne Bilderbücher sind ihre einzigen Spielsachen – und das, obwohl ihre Eltern in einer Spielzeugfabrik arbeiten. Doch zu klauen haben sie nur einmal gewagt, zum Kaufen fehlt ihnen das Geld, und geschenkt bekommt in Yunhe niemand etwas…
Wachstumsmotor Asien
Die asiatischen Länder haben als erste die Wirtschaftskrise hinter sich gelassen und wollen sich nun durch neue Bündnisse aus der Abhängigkeit vom Westen lösen.
Apec-Gipfel sind berühmt für ihre Abschlussbilder, auf denen sich die Regierungschefs der 21 Asien-Pazifikstaaten als Zeichen ihrer Gemeinsamkeiten in lokalen Trachten des Gastgeberlandes fotografieren lassen. Dieses Wochenende werden US-Präsident Barack Obama, Chinas Staatspräsident Hu Jintao und Co. in Singapur in klassischem asiatischen Chic vor die Kameras treten – und damit ein Symbol für den Zustand der Welt am Ende des Krisenjahres 2009 setzen…
Nächste Ausfahrt China
Die Krise beschleunigt die Verlagerung westlicher Fabriken nach China.
Gute Nachrichten haben in der Wirtschaftswelt derzeit meistens etwas mit China zu tun. Zum Beispiel bei BMW: Nicht nur konnten die Münchner ihren Absatz im neuerdings weltgrößten Automarkt seit Jahresbeginn um 36,7 Prozent steigern. Zudem erklärte das Unternehmen gestern, mit seinem chinesischen Partner Brilliance Automotive für 560 Millionen Euro ein zweites Werk bauen zu wollen…
Globales Mobbing
China trifft keine Schuld, wenn in Europa die Benzinpreise steigen. Aber für ihr schlechtes Image ist die Volksrepublik trotzdem mitverantwortlich.
Rohstoffe sind die Achillesferse der chinesischen Wirtschaft. Ähnlich wie Deutschland muss auch das dicht besiedelte 1,3-Milliarden-Menschen-Land einen Großteil seiner Ressourcen importieren, darunter Erdöl und Gas, Erze und auch Lebensmittel. Das hat globale Auswirkungen…
„Chinas Wahrheit ist nicht elegant“
Der chinesische Schriftsteller Mo Yan erzählt, wie er vom Bauer zum Erfolgsautor wurde, weshalb Chinas Gegenwartsliteratur nicht ohne Gewalt auskommt und warum John Updike das nie verstehen konnte.
Frage: Mo Yan, ich sage es Ihnen lieber gleich zu Anfang: In diesem Gespräch wird es viel um Schubladendenken gehen.
Mo Yan: (lächelt) Ach du liebe Güte!
Frage: Wir wollen ja über chinesische Literatur reden, und davon verstehen wir im Westen leider so wenig, dass wir die Autoren meistens alle in einen Topf werfen. Das gilt auch für Sie: Ihre Romane werden bei uns in erster Linie als „chinesische Bücher“ gelesen, statt als Werke des einzigartigen Schriftstellers Mo Yan…
Chinalco plant größte chinesische Auslandsinvestition
In der Krise sinkt die Scheu vor chinesischen Beteiligungen: Der australische Minenkonzern Rio Tinto will 19,5 Milliarden Dollar von einem Staatsbetrieb annehmen.
Chinas staatlicher Rohstoffkonzern Chinalco plant die größte Auslandsinvestition, die ein chinesisches Unternehmen je getätigt hat. Für 19,5 Milliarden Dollar will das Unternehmen Anteile und Minenbeteiligungen des australischen Bergbauriesen Rio Tinto kaufen, verkündeten die beiden Konzerne. Das Geschäft muss noch von Australiens Finanzministerium genehmigt werden und dürfte nicht nur dort zu kontroversen Diskussionen führen…
China spielt den Anwalt der Dritten Welt
Die Volksrepublik China will die Führungsmacht der Entwicklungsländer werden. Noch setzt Peking im Umgang mit dem Westen auf eine zurückhaltende Diplomatie.
Chinas Präsident Hu Jintao ist beim G-20-Gipfel in Washington die heimliche Hauptperson. Kein Land verkörpert besser, wie sehr die Globalisierung die Welt schon verändert hat, und keine Regierung hat derzeit eine klarere Vorstellung davon, wo in der Krise ihre sprichwörtliche Chance liegen könnte…
Der Globalisierungsgewinner
Albrecht Grimm zählte sich zum alten Eisen. Bis er erkannte, dass das, was er kann, sehr wertvoll ist. Heute hilft der 65-Jährige in China, Indien und anderswo bei der Optimierung der internationalen Arbeitsteilung.
An einem Samstag im Herbst 1994 ging Albrecht Grimm in Berlin auf dem Kurfürstendamm spazieren. Und traf einen alten Bekannten, für den sein Gedächtnis nach kurzer Suche den Namen Uwe Hellmann zutage förderte. “Wie geht es Ihnen?”, fragte Hellmann, und weil Grimm sein Herz auf der Zunge trug, antwortete er nicht “gut” oder “geht so”, sondern frei heraus: “Schlecht.”
Welcher Kapitalismus darf’s denn sein?
In China wetteifert die kapitalistische Plan- mit der Clanwirtschaft. Erstaunlicherweise funktionieren beide.
In Wenzhou nennen sie Sun Jiangling einen „Schlangenkopf“. Woher die Bezeichnung stammt, weiß Sun selbst nicht genau. „Vielleicht, weil Schlangen schlau sind?“, fragt er lachend. „Oder weil sie lautlos überall hinkommen?“ Sun ist Menschenschmuggler. Seit fast 20 Jahren schleust er Zahlungswillige auf abenteuerlichen Routen ins Ausland. Taiwan ist mit 40 000 Yuan (rund 4000 Euro) das billigste Ziel…