Die blauen Ratten von Xintang
Firmen aus aller Welt lassen in der chinesischen Provinz Guangdong Jeans und Dessous produzieren – mit katastrophalen Folgen für Mensch und Natur.
Yu Li hat die Hände eines Außerirdischen. “Wie ein blauer Alien”, sagt er, als er sie zu Krallen formt. Die blaue Farbe reicht bis an seine Unterarme und lässt sich schon lange nicht mehr abwaschen. Doch daran hat sich Yu Li, Ende dreißig, ebenso gewöhnt wie an den Juckreiz, den die Chemikalien auf seiner aufgeweichten Haut auslösen. Zwölf Stunden steht er jeden Tag an einer großen Waschtrommel, in der Jeans mit Lavasteinen und Bleichmitteln geschleudert werden, um ihnen den Stone-Washed-Look zu verleihen. Pro Schicht gehen Tausende Jeans durch seine Hände. Am Monatsende bekommt er dafür 1800 Yuan, umgerechnet rund 200 Euro…
Wo Raupen Seide tragen
Schals, Pyjamas und Krawatten aus Seide sind beliebte Weihnachtsgeschenke. Sie sind erschwinglich, weil Chinas Bauern arm sind – noch.
Dass es so weit kommen würde, hätte in Chengsheng niemand gedacht. „Das wäre doch alles wieder ins Lot gekommen“, meint Dorfbürgermeister Lu Yuanjing und schaut auf die kleine Steinbrücke, von der Cui Chunfen in den Tod sprang. Das Gewässer ist nicht breiter als acht Meter, doch da die Schaulustigen, die den nächtlichen Showdown auf der Brücke verfolgt hatten, ebenso wenig schwimmen konnten wie Cui, kam niemand der Bäuerin zur Hilfe…
Auf der Schleich-Spur
Deutsches Spielzeug ist heute größtenteils „Made in China“, doch selbst namhafte Hersteller verschließen ihre chinesischen Fabriken der Öffentlichkeit. Eine Recherche bei der schwäbischen Traditionsmarke Schleich.
Das Werkstor von Happy Crafts, einem in die Jahre gekommenen Fabrikkomplex in der südchinesischen Industriemetropole Dongguan, öffnet sich um Punkt zwölf Uhr. Trauben von Arbeitern mit blauen Hemden und Flipflops strömen in die Mittagspause. Was haben sie den Vormittag über gemacht? “Spielzeug bemalt”, erklären sie im Chor. Spielzeug? Noch Minuten vorher haben Happy-Crafts-Manager dem Journalisten am Telefon erklärt, ihre Fabrik stelle schon lange keine Spielwaren mehr her…
Genug geschwitzt
Mit Streiks und Selbsttötungen erzwingen Chinas Fabrikangestellte höhere Löhne – denn die jungen Wanderarbeiter wollen besser leben als ihre Eltern.
Liu Zhiyi wurde ausgewählt, weil er einer von ihnen war: Mitte zwanzig, eine gute Ausbildung in der Tasche und große Pläne im Kopf. Niemand konnte Verdacht schöpfen, als er sich im April als Fabrikarbeiter bei Foxconn bewarb, einer südchinesischen Computerfabrik, die unter anderem Apples iPhone produziert. Es ist jene Foxconn, die unlängst wegen einer Serie von Selbsttötungen in die Schlagzeilen geraten war. “Jeden Tag kommen tausende junge Leute, um eine Stelle zu finden und Träumen hinterherzujagen, die sie nie verwirklichen können”, schrieb Liu, als er nach 28 Tagen an seinen eigentlichen Arbeitsplatz zurückkehrte: in die Redaktion der “Nanfang Zhoumo”…
Döner mit Stäbchen
Iyad Mansour kam als 14-Jähriger aus Palästina nach Tokio. Von seinem Naturell können die Japaner manches abschauen.
Es gibt auf der Welt nicht viele Dönerbuden, in denen Essstäbchen auf den Tischen liegen. Die Globalisierung ist eben doch noch nicht so weit fortgeschritten, wie es immer heißt. “Eigentlich sind Stäbchen zum Kebabessen ziemlich praktisch”, sagt Iyad Mansour. “Ein richtiger Döner muss nämlich so dick sein, dass man ihn erst in den Mund kriegt, wenn man ein paar Fleischstücke herausgepickt hat.” Und die Moral weiß er ohnehin auf seiner Seite. Denn wie sollte auf diesem zerstrittenen Planeten jemals Frieden herrschen, wenn ein Palästinenser nachts um zwei in einem Rotlichtviertel in der Tokioter Vorstadt auf dem kulturell korrekten Verzehr von gefüllten Teigtaschen bestünde?…
Tragischer Arbeitskampf
Bei Foxconn, dem größten Computerhersteller der Welt, haben sich seit Jahresbeginn zehn Arbeiter umgebracht. Großkunden wie Apple und Dell werden nervös.
Es ist ein ungewöhnlicher und tragischer Arbeitskampf, der sich derzeit in der südchinesischen Industriemetropole Shenzhen abspielt. Nachdem sich seit Jahresbeginn zehn Mitarbeiter des Computerhersteller Foxconn das Leben genommen haben, hat der Konzern der Belegschaft eine Lohnerhöhung von zwanzig Prozent versprochen. Die taiwanesischen Eigentümer wollen so das unter ihren Angestellten offenbar weit verbreitete Gefühl von Perspektivlosigkeit bekämpfen – und ihr eigenes Image retten…
“Die Globalisierung verändert sich – und das ist gut so”
Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz über den globalen Reformstau, das Ende der Dominanz des Westens und die neue Weltmacht China.
Bernhard Bartsch: Professor Stiglitz, ist die Krise vorbei oder nur unter einem Haufen Geld vergraben?
Joseph Stiglitz: Die Krise ist noch nicht vorbei. Wir stehen zwar nicht mehr direkt am Abgrund, aber es gibt noch eine Menge Probleme. In den USA haben wir immer mehr Zwangsvollstreckungen, zunehmende Schwierigkeiten auf dem Markt für Gewerbeimmobilien und große Finanzsorgen in den Staaten und Kommunen. In Europa erleben wir gerade die Griechenlandkrise und müssen befürchten, dass Ähnliches noch in anderen Ländern passieren könnte…
Supermacht auf Probe
Chinas Aufstieg stellt die politische Dominanz des Westens in Frage. Trotzdem ist es für Nachrufe auf die demokratische Leitkultur noch zu früh.
“Unauffällig auftreten und niemals die Führung übernehmen.” So lautete die außenpolitische Strategie, die Deng Xiaoping seinem Land um 1980 verschrieb. Chinas Reformpatriarch war damals weit über siebzig und lange genug Revolutionär; er kannte die Gefahren übereifriger Neuanfänge…
Vereinigte Staaten von Asien
China und die ASEAN-Staaten gründen die drittgrößte Freihandelszone der Welt. Doch die Pläne für den asiatischen Integrationsprozess gehen noch viel weiter.
Den Anfang machten die Drachenfrüchte: In den frühen Morgenstunden des ersten Tages im neuen Jahr überquerte eine Kolonne vietnamesischer Lastwagen die Grenze nach China und fuhren mit Dutzenden Tonnen des rosa-grünen Obstes auf den Großmarkt der Hafenstadt Pingxiang. Dort dokumentierten nicht nur die Händler die neue Lieferung, sondern auch ein Korps chinesischer Journalisten, die den Drachenfruchttransport als symbolischen Beginn für eine neue Ära wirtschaftlicher Zusammenarbeit auserkoren hatten…
Gütesiegel statt Warnsignal
Die Volksrepublik steigt zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht auf, aber das Image von “Made in China” bleibt schlecht. Eine Werbekampagne soll das ändern.
So irrt man sich gerne: Chinas Staatsstatistiker haben herausgefunden, dass sie die Wirtschaftskraft ihres Landes bisher stark unterschätzt haben. Die Rechnerei könnte es China erlauben, den Ausklang des Krisenjahrs als epochales Erfolgserlebnis zu feiern…
Volvo und Saab werden chinesisch
Asiatische Unternehmen erlangen Kontrolle über große Teile von Schwedens Autoindustrie.
Schwedens Automobilindustrie wird chinesisch: Sowohl Volvo als auch Teile von Saab werden künftig unter der Kontrolle chinesischer Automobilkonzerne stehen – verkauft von den US-Giganten Ford und GM, die mit ihren schwedischen Töchtern nicht zurecht kamen. Volvos US-Mutterkonzern Ford erklärte, dass ein Verkauf an den privaten chinesischen Fahrzeughersteller Geely weitgehend ausgehandelt sei…
Hampelmanns Heimat
Holzspielzeug gilt als ökologisch korrekt und pädagogisch wertvoll. Der Großteil kommt aus chinesischer Billigproduktion.
Liu Diandians Lieblingsspielzeug ist ein grüner Traktor aus Holz. “Den hat meine Mama für mich geklaut”, verrät die Siebenjährige stolz. Sie hockt zwischen zugeknoteten Plastiktüten und leeren Bierflaschen auf dem Boden und lässt den kleinen Trecker zwischen Stuhl- und Tischbeinen Slalom fahren. Der Traktor, ein abgewetzter Stoffigel und drei dünne Bilderbücher sind ihre einzigen Spielsachen – und das, obwohl ihre Eltern in einer Spielzeugfabrik arbeiten. Doch zu klauen haben sie nur einmal gewagt, zum Kaufen fehlt ihnen das Geld, und geschenkt bekommt in Yunhe niemand etwas…
Wachstumsmotor Asien
Die asiatischen Länder haben als erste die Wirtschaftskrise hinter sich gelassen und wollen sich nun durch neue Bündnisse aus der Abhängigkeit vom Westen lösen.
Apec-Gipfel sind berühmt für ihre Abschlussbilder, auf denen sich die Regierungschefs der 21 Asien-Pazifikstaaten als Zeichen ihrer Gemeinsamkeiten in lokalen Trachten des Gastgeberlandes fotografieren lassen. Dieses Wochenende werden US-Präsident Barack Obama, Chinas Staatspräsident Hu Jintao und Co. in Singapur in klassischem asiatischen Chic vor die Kameras treten – und damit ein Symbol für den Zustand der Welt am Ende des Krisenjahres 2009 setzen…
Nächste Ausfahrt China
Die Krise beschleunigt die Verlagerung westlicher Fabriken nach China.
Gute Nachrichten haben in der Wirtschaftswelt derzeit meistens etwas mit China zu tun. Zum Beispiel bei BMW: Nicht nur konnten die Münchner ihren Absatz im neuerdings weltgrößten Automarkt seit Jahresbeginn um 36,7 Prozent steigern. Zudem erklärte das Unternehmen gestern, mit seinem chinesischen Partner Brilliance Automotive für 560 Millionen Euro ein zweites Werk bauen zu wollen…
Globales Mobbing
China trifft keine Schuld, wenn in Europa die Benzinpreise steigen. Aber für ihr schlechtes Image ist die Volksrepublik trotzdem mitverantwortlich.
Rohstoffe sind die Achillesferse der chinesischen Wirtschaft. Ähnlich wie Deutschland muss auch das dicht besiedelte 1,3-Milliarden-Menschen-Land einen Großteil seiner Ressourcen importieren, darunter Erdöl und Gas, Erze und auch Lebensmittel. Das hat globale Auswirkungen…