Die chinesische Herausforderung
Chinas Aufstieg stellt die Vormachtstellung des Westens in Frage. Doch wie stark die Chinesen künftig unser Leben beeinflussen können, liegt vor allem an uns selbst.
Im Winter 1907 erhielt der britische Außenminister Edward Grey zwei Strategiepapiere für den Umgang mit dem erstarkenden Deutschland. Das eine warnte vor den deutschen Großmachtambitionen, das andere setzte auf gutnachbarschaftliche Beziehungen. Die gegensätzlichen Standpunkte wurden einige Monate lang diskutiert und dann beide als „geheim“ abgeheftet. Sieben Jahre später brach der erste Weltkrieg aus. Der englische Strategiestreit steht als Lehrstück am Ende des neuen Buches des ehemaligen US-Außenministers Henry Kissinger, das die Welt auf die Umwälzungen im globalen Mächtegleichgewicht einschwören soll und folgerichtig den Titel „China“ trägt…
Boom oder Blase?
China wächst mit zweistelligen Raten. Doch Ökonomen warnen vor den Fallen des Wirtschaftssystems – und Risiken für westliche Unternehmen.
Wenn US-Präsident Barack Obama am Dienstagabend Chinas Staatschef Hu Jintao in Washington zum Abendessen empfängt, hofft Steve Dickinson, dass die beiden mächtigsten Männer der Welt den richtigen Gesprächsstoff finden. „Die Fronten zwischen China und dem Westen sind tief“, sagt der amerikanische Wirtschaftsanwalt…
Peking ist flüssig
Chinas Devisenreserven steigen auf 2,85 Billionen Dollar – Geld, mit dem Peking sich internationalen Einfluss zu erkaufen versucht.
Die reichste Regierung der Welt ist vergangenes Jahr noch reicher geworden. Wie Chinas Zentralbank am Dienstag bekannt gab, erreichten die Devisenreserven 2011 den neuen Rekordstand von 2,85 Billionen US-Dollar (2,2 Billionen Euro), 18,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Damit hat die Volksrepublik das mit Abstand größte Fremdwährungspolster…
Nachts im Museum
Zum Auftakt des G20-Gipfels streiten Deutschland, die USA und China über die richtige Welthandelspolitik.
Ein bisschen Kultur muss sein: Mit einem Abendessen im Koreanischen Nationalmuseums hat am Donnerstagabend der G20-Gipfel begonnen. Doch die Regierungschefs der zwanzig größten Industrie- und Schwellenländer sowie der Europäischen Union hatten für die Pagoden, Buddhas und Vasen des Gastgebers nur einen höflichen Streifblick übrig. Denn im Zentrum des Treffens stehen Grundsatzfragen der internationalen Währungs- und Handelspolitik, über die es im Vorfeld zu scharfen Auseinandersetzungen gekommen war, vor allem zwischen Deutschland, den USA und China…
Auf den Spuren des Wachstums
Yuan-Streit könnte zu einer Spirale des Protektionismus führen. Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle hat bei seiner Chinareise vor einem „Handelskrieg“ gewarnt und zu einem Abbau protektionistischer Hürden aufgerufen. Der Streit über die Unterbewertung nationaler Währungen könne weltweit zu gegenseitigen Abschottungsversuchen führen. „Wir haben Sorge, dass die noch nicht überwundenen Finanzmarktprobleme weltweit zu Protektionismus führen können“, sagte der [...]
Die Meinungsfreiheit der Krake Paul
Chinas Medien geben Angela Merkel nach ihrem Staatsbesuch gute Noten.
So gute Presse hätte Angela Merkel in Deutschland zweifellos auch gerne: Nach ihrer jüngsten Chinareise überbieten sich die Medien der Volksrepublik gegenseitig in Lobeshymnen auf die deutsche Bundeskanzlerin. „China und Deutschland verbringen wieder Flitterwochen zusammen“, titelte die Finanzzeitung „Guoji Jinrong Bao“…
Chinesische Tonleiter
Angela Merkel wählt in China die richtigen Worte – doch ganz ohne Dissonanzen geht es nicht.
Der Moment, den alle gefürchtet haben, kommt am Samstagvormittag kurz vor halb elf. Über eine Stunde sitzen Kanzlerin Angela Merkel und Chinas Premier Wen Jiabao schon auf unbequemen Antikmöbeln im “Pavillon der Purpurnen Wolke” in der alten Kaiserstadt Xian und beantworten Fragen deutscher und chinesischer Unternehmern. Die Stimmung ist gelöst, besonders auf chinesischer Seite. Unter Gelächter hat der Großreeder Wei Jiafu Merkel gefragt, warum der Ausbau des Hamburger Hafens nicht vorankomme – in der Volksrepublik ist man an ein strafferes Entwicklungstempo gewöhnt. Der Werkzeugfabrikant Xiang Wenbo hat ebenfalls für Heiterkeit gesorgt, als er forderte, chinesischen Investoren in Deutschland Sondervergünstigungen einzuräumen…
„China steckt fest“
Angela Merkel hat sich mit vier Mitgliedern der Zivilgesellschaft getroffen. Der Jurist He Weifang erzählt, was er der deutschen Kanzlerin über China erklärt hat.
Bernhard Bartsch: Herr He, Sie haben in Peking die deutsche Bundeskanzlerin getroffen. Was haben Sie ihr über China erzählt?
He Weifang: Wir haben über Menschenrechte, Pressefreiheit, das Rechtssystem und Internetzensur gesprochen. Ich habe Kanzlerin Merkel vorgeschlagen, dass sie chinesische Politiker bei Deutschlandbesuchen einmal zum Bundesverfassungsgericht führen sollte, damit sie verstehen, wie eine unabhängige Justiz funktioniert. Außerdem können die Deutschen den Chinesen zeigen, dass es sich wirklich lohnt, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten und daraus zu lernen…
Hand in Hand
Angela Merkel bemüht sich in China, der deutschen Wirtschaft Türen zu öffnen. Die Achse Berlin-Peking soll ein Garant globaler Stabilität werden.
Was für ein Tag, um für deutsche Umwelttechnologie zu werben: Zum Auftakt von Angela Merkels Staatsbesuch war Chinas Hauptstadt am Donnerstag in derart dicken Smog gehüllt, dass Pekings Protokollbeamte das militärische Begrüßungsritual vom Platz des Himmlischen Friedens in die Marmorhallen der Großen Halle des Volkes verlegen mussten…
Rummelplatz der Globalisierung
Am 1. Mai beginnt in Schanghai die größte Weltausstellung aller Zeiten. Sie ist ein Spiel nationale Klischees, Identitäten und Wunschbilder.
Bei den Rumänen übt ein Blasorchester, die Holländer arrangieren Keramikschafe. Japan simuliert einen Feueralarm, in Marokko werden Türen geschnitzt, pakistanische Teppichhändler packen ihre Waren aus. Die Kasachen probieren traditionelle Trachten an, die Österreicher putzen Fliesen und die Schweizer erklären chinesischen Kellnern, was ein Rösti ist. Zwei Tage vor der Eröffnung geht es auf dem Gelände der Schanghaier Weltausstellung zu wie auf einem Zirkusplatz kurz vor der ersten Vorstellung…
Gipfel der Selbstbewussten
Guido Westerwelle spricht in Peking über Menschenrechte und Internetfreiheit. Doch China reagiert auf klare Worte auch diesmal mit verbalen Ausweichmanövern.
So unterschiedlich kann Selbstbewusstsein aussehen: Guido Westerwelle, Deutschlands Außenminister auf Antrittsreise, gibt sich im Pekinger Staatsgästehaus Diaoyutai besonders aufmerksam. Fast übereifrig sucht er Blickkontakt zu seinem Amtskollegen Yang Jiechi. Chinas Chefdiplomat zeigt wenig Interesse an den Annäherungsversuchen. Lustlos rezitiert er seine vorbereiteten Statements. Doch gerade Yangs Desinteresse strotzt vor Selbstvertrauen: Wer so mächtig ist wie China, braucht seine Bedeutung nicht zu zeigen…
Auf Augenhöhe
Chinas Regierung glaubt, dass das Land in der Krise seine Position in der Welt stärken kann. Entsprechend selbstbewusst tritt sie auf.
Wenn Chinas Premier Wen Jiabao in dieser Woche mit einer hochrangigen Minister- und Unternehmerdelegation Europa besucht, und unter anderem auch nach Berlin kommt, dann ist das so, als würde die deutsche Kanzlerin über Weihnachten mit einem Tross von Kabinettsmitgliedern und Dax-Vorständen nach Asien reisen…
Der Globalisierungsgewinner
Albrecht Grimm zählte sich zum alten Eisen. Bis er erkannte, dass das, was er kann, sehr wertvoll ist. Heute hilft der 65-Jährige in China, Indien und anderswo bei der Optimierung der internationalen Arbeitsteilung.
An einem Samstag im Herbst 1994 ging Albrecht Grimm in Berlin auf dem Kurfürstendamm spazieren. Und traf einen alten Bekannten, für den sein Gedächtnis nach kurzer Suche den Namen Uwe Hellmann zutage förderte. “Wie geht es Ihnen?”, fragte Hellmann, und weil Grimm sein Herz auf der Zunge trug, antwortete er nicht “gut” oder “geht so”, sondern frei heraus: “Schlecht.”