Für einen Koffer voller Dollar
Geldwäsche, Mordversuche, Geheimdiplomatie – das Verfahren gegen Taiwans Ex-Präsidenten ist ein Korruptionskrimi.
Wenn Chen Shui Bians Leben einst in die Kinos kommt, wird am Anfang womöglich die Flugzeugepisode stehen. Darin überwacht Taiwans ehemaliger Präsident persönlich, wie zwei große Gepäckstücke in einem Regierungsjet verstaut werden, der ihn in die Pazifik-Zwergstaaten Pulau und Nauru bringen soll. Was denn in den Koffern sei, will ein Sicherheitsbeamter wissen. “Keine Fragen”, raunzt der Präsident. Der Zuschauer weiß, dass die Koffer voller Dollar sind…
Selbst auf Chinas Polizisten ist in Krisenzeiten nicht Verlass
Wachmänner verlangen mehr Geld, Konjunkturabschwung löst soziale Proteste aus, Arbeiter von Pleitefirmen gehen auf die Straße. Der Wirtschaftsabschwung entwickelt sich in China zunehmend zur politischen Belastungsprobe: Zehntausende Chinesen machen mit Demonstrationen auf ihre prekäre Lage aufmerksam.
“Eine Revolution ist keine Einladung zum Bankett”, sagte einst Mao Tse-tung, “es kann da nicht kultiviert zugehen.” 32 Jahre nach seinem Tod macht der Spruch in China erneut die Runde, nur ist es diesmal die Finanzkrise, die alle guten Sitten vergessen macht und die Chinesen wütend auf die Straße treibt. Täglich organisieren sich Wanderarbeiter, Taxifahrer Bauern, Lehrer oder Polizisten…
“Gebt mir die Freiheit, oder gebt mir den Tod”
Zhang Sizhi, Chinas erster Menschenrechtsanwalt, erhält in Berlin den Petra-Kelly-Preis. Peking hüllt sich darüber in eisernes Schweigen.
„Gebt mir die Freiheit oder gebt mir den Tod“, sei von klein auf sein Lebensmotto gewesen, sagt Zhang Sizhi. Als Teenager flog er von der Schule, weil er eine Demonstration gegen den Unterrichtsausschluss eines Mitschülers organisierte…
Viele kleine Bürgerkriege
Die Verfehlungen von lokalen Kadern bringen immer mehr Bürger gegen die Behörden auf – Oft werden die Demonstranten bestraft.
Die Liste der chinesischen Orte, in denen Volk und Regierung einander nicht mehr trauen, ist wieder um einen Namen länger geworden: Longnan. In der 2,7-Millionen-Einwohner-Kreisstadt in der nordchinesischen Provinz Gansu randalierten am Montag rund 2000 Menschen gegen die lokale Verwaltung. Ausgelöst von rund 20 Bewohnern, die sich am Morgen vor dem Rathaus lauthals über die Enteignung ihres Landes beschwert hatten…
Fahnenflucht eines Superstars
China ist wütend auf den Weltstar Gong Li: Die Schauspielerin hat ihren chinesischen Pass abgegeben. Damit zwingt sie ihre alte Heimat zu einer überaus schmerzhaften Nabelschau.
China hat wieder einmal patriotisches Herzrasen: Die Schauspielerin Gong Li, seit zwanzig Jahren der beliebteste Leinwandstar der Volksrepublik, will keine Chinesin mehr sein. Anfang November gab sie ihre chinesische Staatsbürgerschaft auf und schwor in einer öffentlichen Zeremonie der Flagge von Singapur die Treue…
Für die Menschen und das Land
Chinas Wirtschaft wächst und wächst und wächst. Doch für eine bessere Zukunft muss sich auch die Zivilgesellschaft weiterentwickeln. Fünf Porträts von Chinesen, die ihre Heimat gegen alle Widerstände voranbringen wollen.
Hu Jia und Zeng Jinyan kommen gerade aus dem Krankenhaus. Zeng ist im fünften Monat schwanger, und weil die Polizisten einen guten Tag haben, durfte ihr Mann sie zum Arzt begleiten. Nun sitzen sie bei SPR Coffee, einer chinesischen Starbucks-Kopie, und trinken Apfelsaft. Draußen stehen in Sichtweite zwei Limousinen mit verdunkelten Scheiben…
“Wen interessiert schon die Wirklichkeit?”
Der chinesische Schriftsteller Li Er über die Spielregeln der staatlichen Zensur und Chinas Angst vor der Realität.
Li Er, geboren 1966 in der Provinz Henan, gehört zu den prominentesten Vertretern der chinesischen Gegenwartsliteratur. In seinen tragikomischen Romanen und Erzählungen beschreibt er, wie im modernen China alte Wahrheiten auf neue Realitäten prallen. 2004 erhielt Li den „Großen Medienpreis“ für chinesischsprachige Literatur. Kurz darauf erklärte ihn Göran Malmqvist, Mitglied der Schwedischen Akademie, zu „einem der vielversprechendsten Kandidaten für den Literaturnobelpreis“.
China – Drache oder Dino?
Aus einem Dinosaurier-Ei schlüpft ein Drache. Er ist kräftig und geschickt genug, um allein zu überleben. Doch er leidet an Durchblutungsstörungen und einem schwachen Rückgrat.
In ihren Träumen stehen viele Chinesen mit dem Rücken zum Peace Hotel. Gegenüber von Schanghais kolonialer Uferpromenade, dem Bund, erhebt sich, was wahlweise „Paris des Ostens“, „New York Chinas“, „Stadt der Zukunft“ oder einfach „Der Wahnsinn“ heißt: das Neubauviertel Pudong – Stolz, Schaufenster und Visitenkarte des Reichs der Mitte.