Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Die große Fiktion

Bei ihrer Gründung hatte Chinas Kommunistische Partei 57 Mitglieder. Heute sind es 73 Millionen, die das bevölkerungsreichste Land der Erde beherrschen. Was hält eine solche Riesenorganisation zusammen? Und was an der Macht?

Mao-3Vor einigen Wochen machte eine Delegation von Führungskräften der China Construction Bank einen Ausflug zum Geburtsort von Mao Zedong. Die Manager des zweitgrößten chinesischen Geldhauses flogen von Peking zweieinhalb Stunden nach Changsha und fuhren dann weitere zwei Stunden nach Shaoshan. Dort hatte ein Vorauskommando bereits alles vorbereitet. Eine Reiseleiterin führte die Banker durch das kleine Bauernhaus, in dem der “Große Steuermann” am 26. Dezember 1893 geboren wurde. “Seitdem blühen in Shaoshan am 26. Dezember mitten im Winter die Blumen”, erklärte sie…

Bernhard Bartsch | 25. Juli 2009 um 04:22 Uhr

 

Der letzte Trumpf des Genossen Zhao

Chinas ehemaliger Parteichef Zhao Ziyang, der 1989 den Militäreinsatz auf dem Tiananmen-Platz verhindern wollte, meldet sich aus dem Grab zurück: Kurz vor dem 20. Jahrestag des Massakers erscheinen seine heimlich verfassten Memoiren.

Chinas Kommunistische Partei ist undurchsichtig und stolz darauf. Schließlich hängt ihr Machterhalt maßgeblich davon ab, Schein und Sein fein säuberlich zu trennen. Umso verheerender ist es deshalb für die Partei, dass nun ausgerechnet ein ehemaliger Vorsitzender Licht in eines ihrer dunkelsten Kapitel bringt…

Bernhard Bartsch | 16. Mai 2009 um 02:11 Uhr

 

“Wir machen die Dreckarbeit”

Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben von Sichuan erstellt der Künstler Ai Weiwei eine öffentliche Liste getöteter Kinder. Im Interview spricht er über Pekings Katastrophenpropaganda, die Kunst des Ungehorsams und die Macht des Internets.

ai_weiwei_copyright-bernhard-bartsch2Frage: Herr Ai, wollen Sie ins Gefängnis?

Ai Weiwei: Nein, ich will nur die Wahrheit.

Wahrheit und Gefängnis liegen in China manchmal eng beieinander.

Ai: Ich weiß, aber das hält mich nicht auf.

Sie erstellen eine öffentliche Liste aller Kinder, die beim Erdbeben im Mai 2008 getötet wurden. Die Regierung hat eine solche Aufstellung bisher verweigert, offenbar um Proteste gegen marode Schulgebäude zu verhindern. Eltern werden eingeschüchtert und verhaftet…

Bernhard Bartsch | 07. Mai 2009 um 02:05 Uhr

 

Endspiel in Tibet

Am 10. März 1959 erhob sich Tibet gegen die chinesischen Besatzer. 50 Jahre später ist die kulturelle Eigenständigkeit der Einheimischen mehr denn je bedroht.

TibetDas kleine Wäldchen auf der Bergkuppe sieht nicht nach einem Schlachtfeld aus. “Aber manchmal haben wir hier richtige Gefechte”, erzählt ein Bauer aus dem Dorf im Tal, in dem seine Familie dem widerspenstigen Hochland mit Yak- und Schafzucht seit Generationen ein karges Auskommen abringt. “Wenn einer von uns Tibetern zum Holzschlagen geht, greifen die Muslime ihn an”, erklärt er, “und wenn einer von denen Bäume fällt, lassen wir uns das natürlich nicht gefallen.”

Bernhard Bartsch | 09. März 2009 um 06:13 Uhr

 

Die Vorarbeiterin der Herzen

Eine Wanderarbeiterin soll als Volkskongress-Abgeordnete beweisen, dass Chinas Führung auf die Stimmen der Schwachen hört.

«Xiaoyan, komm her», ruft die Pressekoordinatorin und zerstört mit ihrem militärischen Ton sogleich den schönen Schein, den aufzubauen eigentlich ihre Aufgabe sein sollte: den Schein, Hu Xiaoyan habe etwas zu sagen. Schließlich ist die junge Frau in dem grauen Kostüm, die sogleich dienstbeflissen durch die Hotelhalle herbeieilt, Mitglied im Nationalen Volkskongress…

Bernhard Bartsch | 08. März 2009 um 14:45 Uhr

 

Wahlkampf auf nordkoreanisch

Am Sonntag ruft Nordkoreas Diktator Kim Jong-il sein Volk an die Urnen. Ein spannender Wahlabend steht allerdings nicht bevor.

Diktatur ist ein hässliches Wort, selbst in den Ohren von Kim Jong-il. Deswegen lässt sich Nordkoreas Tyrann sich seinen Regierungsauftrag alle fünf Jahre bestätigen, per Stimmzettel, wie es sich gehört. Am kommenden Sonntag ist es wieder so weit: 687 Bewerber stehen für ebenso viele Parlamentssitze in der Obersten Volksversammlung zur Abstimmung, darunter in Wahlkreis 333 auch der Geliebte Führer persönlich…

Bernhard Bartsch | 07. März 2009 um 03:06 Uhr

 

Pragmatische Diktatur

Andere palavern, wir handeln, sagt Peking. Chinas Zentralstaat sei effektiver als westliche Demokratien. So versucht die KP, aus der Krise Kapital zu schlagen.

Die Jahrestagung des Nationalen Volkskongresses ist traditionell großes Theater, eine multimediale Inszenierung, die den Anschein erwecken soll, das chinesische Volk kontrolliere die Regierung, nicht umgekehrt. Dramaturgisch erinnert der Auftritt des Kulissenparlaments unverändert an die Zeiten, als der Sozialismus noch die Zukunft war. Doch das Hauptprogramm findet schon lange nicht mehr im rot beflaggten Plenarsaal der Großen Halle des Volkes statt…

Bernhard Bartsch | 06. März 2009 um 01:44 Uhr

 

Chinas Mann fürs Grobe

Beim Nationalen Volkskongress Chinas spielt Vizepräsident Xi Jinping die undankbarste Rolle: Er ist Pekings neuer Sonderbeauftragter für sozialen Frieden.

Wenn dieses Jahr in Pekings Grosser Halle des Volkes die 3000 Parlamentarier des Nationalen Volkskongresses zusammenkommen, um Chinas Regime den Anschein demokratischer Legitimation zu verleihen, sind die Hauptrollen klar verteilt: Der populäre Premierminister Wen Jiabao ist der Mann des Volkes, der undurchschaubare Präsident Hu Jintao der Mann der Kommunistischen Partei. Die zahllosen Konflikte, die zwischen Volk und Partei entstehen, überlassen sie Vizepräsident Xi Jinping…

Bernhard Bartsch | 05. März 2009 um 03:48 Uhr

 

China auf die Grundrechte verpflichten

Chinas Politik des Strafens und Belohnens ist in erster Linie symbolischer Natur. Die tatsächlichen Auswirkungen sind gering. Die Menschenrechtsaktivisten in China brauchen westliche Unterstützung, denn zu Hause sind sie in ihrem Kampf meist allein.

China macht es dem Westen nicht leicht: Einerseits ist das Land ein zunehmend wichtiger Partner. Andererseits widerspricht Chinas autoritäre Staatsform demokratischen Werten, die Menschenrechtsverletzungen und die rücksichtslose Behandlung der Tibeter sind aus europäischer Sicht unbegreiflich…

Bernhard Bartsch | 31. Januar 2009 um 02:01 Uhr

 

Für einen Koffer voller Dollar

Geldwäsche, Mordversuche, Geheimdiplomatie – das Verfahren gegen Taiwans Ex-Präsidenten ist ein Korruptionskrimi.

Wenn Chen Shui Bians Leben einst in die Kinos kommt, wird am Anfang womöglich die Flugzeugepisode stehen. Darin überwacht Taiwans ehemaliger Präsident persönlich, wie zwei große Gepäckstücke in einem Regierungsjet verstaut werden, der ihn in die Pazifik-Zwergstaaten Pulau und Nauru bringen soll. Was denn in den Koffern sei, will ein Sicherheitsbeamter wissen. “Keine Fragen”, raunzt der Präsident. Der Zuschauer weiß, dass die Koffer voller Dollar sind…

Bernhard Bartsch | 03. Januar 2009 um 15:29 Uhr

 

Selbst auf Chinas Polizisten ist in Krisenzeiten nicht Verlass

Wachmänner verlangen mehr Geld, Konjunkturabschwung löst soziale Proteste aus, Arbeiter von Pleitefirmen gehen auf die Straße. Der Wirtschaftsabschwung entwickelt sich in China zunehmend zur politischen Belastungsprobe: Zehntausende Chinesen machen mit Demonstrationen auf ihre prekäre Lage aufmerksam.

“Eine Revolution ist keine Einladung zum Bankett”, sagte einst Mao Tse-tung, “es kann da nicht kultiviert zugehen.” 32 Jahre nach seinem Tod macht der Spruch in China erneut die Runde, nur ist es diesmal die Finanzkrise, die alle guten Sitten vergessen macht und die Chinesen wütend auf die Straße treibt. Täglich organisieren sich Wanderarbeiter, Taxifahrer Bauern, Lehrer oder Polizisten…

Bernhard Bartsch | 06. Dezember 2008 um 15:41 Uhr

 

“Gebt mir die Freiheit, oder gebt mir den Tod”

Zhang Sizhi, Chinas erster Menschenrechtsanwalt, erhält in Berlin den Petra-Kelly-Preis. Peking hüllt sich darüber in eisernes Schweigen.

„Gebt mir die Freiheit oder gebt mir den Tod“, sei von klein auf sein Lebensmotto gewesen, sagt Zhang Sizhi. Als Teenager flog er von der Schule, weil er eine Demonstration gegen den Unterrichtsausschluss eines Mitschülers organisierte…

Bernhard Bartsch | 02. Dezember 2008 um 15:54 Uhr

 

Viele kleine Bürgerkriege

Die Verfehlungen von lokalen Kadern bringen immer mehr Bürger gegen die Behörden auf – Oft werden die Demonstranten bestraft.

Die Liste der chinesischen Orte, in denen Volk und Regierung einander nicht mehr trauen, ist wieder um einen Namen länger geworden: Longnan. In der 2,7-Millionen-Einwohner-Kreisstadt in der nordchinesischen Provinz Gansu randalierten am Montag rund 2000 Menschen gegen die lokale Verwaltung. Ausgelöst von rund 20 Bewohnern, die sich am Morgen vor dem Rathaus lauthals über die Enteignung ihres Landes beschwert hatten…

Bernhard Bartsch | 21. November 2008 um 16:09 Uhr

 

Fahnenflucht eines Superstars

China ist wütend auf den Weltstar Gong Li: Die Schauspielerin hat ihren chinesischen Pass abgegeben. Damit zwingt sie ihre alte Heimat zu einer überaus schmerzhaften Nabelschau.

China hat wieder einmal patriotisches Herzrasen: Die Schauspielerin Gong Li, seit zwanzig Jahren der beliebteste Leinwandstar der Volksrepublik, will keine Chinesin mehr sein. Anfang November gab sie ihre chinesische Staatsbürgerschaft auf und schwor in einer öffentlichen Zeremonie der Flagge von Singapur die Treue…

Bernhard Bartsch | 20. November 2008 um 16:04 Uhr

 

Für die Menschen und das Land

Chinas Wirtschaft wächst und wächst und wächst. Doch für eine bessere Zukunft muss sich auch die Zivilgesellschaft weiterentwickeln. Fünf Porträts von Chinesen, die ihre Heimat gegen alle Widerstände voranbringen wollen.

Hu Jia und Zeng Jinyan kommen gerade aus dem Krankenhaus. Zeng ist im fünften Monat schwanger, und weil die Polizisten einen guten Tag haben, durfte ihr Mann sie zum Arzt begleiten. Nun sitzen sie bei SPR Coffee, einer chinesischen Starbucks-Kopie, und trinken Apfelsaft. Draußen stehen in Sichtweite zwei Limousinen mit verdunkelten Scheiben…

Bernhard Bartsch | 01. September 2007 um 05:01 Uhr