Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Putschgerüchte? Unsinn!

Internetgerüchte über einen Putsch in China zeigen, wie wenig die Kommunistische Partei die öffentliche Meinung im Griff hat.

Hat es in China einen Putsch gegeben? Natürlich nicht. Zwar kursieren in chinesischen Internetforen seit Tagen wilde Gerüchte: Mehrere Pekinger wollen hinter den Mauern des Regierungsviertels Zhongnanhai Schüsse gehört haben, andere berichten von einer verstärkten Militärpräsenz. Angebliche Insider verbreiten, der Chef des Sicherheitsapparats, Zhou Yongkang, habe die Macht an sich gerissen und besetze nun Schlüsselpositionen mit Verbündeten, um sich im Herbst selbst als Parteichef zu inthronisieren. China werde dann einen Linksruck erleben, wird kolportiert, und wieder auf den Weg kommunistischer Wirtschaftspolitik und maoistische Massenmobilisierung zurückkehren…

Bernhard Bartsch | 26. März 2012 um 04:56 Uhr

 

Wolf schlägt Schwein

Der pekingnahe Ex-Immobilienberater Leung Chun-ying wird Hongkongs neuer Regierungschef.

Krach wollen sie machen. Mit Lautsprecheranlagen, Megafonen und Trillerpfeifen belagern sie das Hongkonger Kongresszentrum, damit Volkes Stimme bei der drinnen stattfindenden Wahl des neuen Regierungschefs doch noch gehört wird. „Wir sind gegen Wahlen im kleinen Zirkel“, ruft einer der Demonstranten in die Menge und Tausende stimmen ihm lautstark zu. „Das hier ist keine Demokratie, sondern eine Farce.“ Als kurz nach Mittag das Ergebnis bekannt wird, versuchen einige das Gebäude zu stürmen, vereinzelt kommt es zu Schlägereien mit der Polizei, die Pfefferspray einsetzt…

Bernhard Bartsch | 25. März 2012 um 08:53 Uhr

 

Schlammschlacht im Demokratielabor

Peking wollte den demokratiehungrigen Hongkongern einen Scheinwahlkampf bieten – und löste eine für China beispiellose Reihe von Skandalen aus.

Die Stimmung im Club 71 ist so ausgelassen wie lange nicht mehr. Die Kneipe ist ein beliebter Treffpunkt der Hongkonger Demokraten. Seit Jahren hecken sie hier bei Bier und Erdnüssen Demonstrationen und Kampagnen gegen den wachsenden Einfluss von Chinas Kommunistischer Partei aus. Aufsehen erregen sie fast immer, auch wenn sie fast nie gewinnen, weil Politik und Wirtschaft der ehemaligen britischen Kronkolonie fest in der Hand der Chinaloyalen sind. „Aber diesmal waren die Pekingfreunde unsere besten Verbündeten“, freut sich einer der Stammgäste und fragt grinsend, wer denn auf dem Sofa Platz nehmen wolle. Das ist an diesem Abend auch nach dem wer-weiß-wievielten Mal ein sicherer Lacher…

Bernhard Bartsch | 24. März 2012 um 12:37 Uhr

 

Frau Zou will wählen

In China herrscht Demokratie, zumindest auf dem Papier. Aber was muss man tun, um sein Kreuz machen zu dürfen – und was hat man davon? Ein Experiment.

„Weswegen ich anrufe, Mama: Hast du schon mal gewählt?“ Am anderen Ende der Leitung herrscht einen Moment lang Stille. „Gewählt?“, kommt es dann ungläubig zurück. „Ja, Volksvertreter gewählt“, sagt Frau Zou. Ihre Mutter denkt eine Weile nach. Stimmt, da war mal was. Wahlen. In den 80er Jahren, als sie noch bei einem Staatsbetrieb arbeitete, wurde die Belegschaft zum Wählen aufgefordert. „Was das sollte, wusste keiner, aber wir haben halt irgendwo ein Kreuz gemacht“, erinnert sich die Dame und fragt ihre Tochter, warum sie das wissen wolle. „Weil ich auch wählen will!“, antwortet Frau Zou…

Bernhard Bartsch | 08. November 2011 um 05:53 Uhr

 

Hörsaal der Hörigen

Erschreckt durch die Umwälzungen im Nahen Osten trimmt Chinas Regierung seine Studenten mit Gewalt auf Linie.

Die Aufforderung zum Verrat erfolgte im Namen der Moral. Pekinger Studenten erhielten kürzlich Formulare mit den Namen ihrer Kommilitonen, auf denen sie beurteilen sollten, wen sie für moralisch vorbildlich hielten – und wen nicht. „Wir waren ziemlich schockiert“, erzählt eine Studentin. Denn keiner machte sich Illusionen darüber, auf welche Informationen es die Universitätsleitung abgesehen hatte: Wer zeichnet sich durch Patriotismus und Parteitreue aus, und wer wagt es, vor anderen Kritik an Chinas Machtstrukturen oder Medien zu üben?…

Bernhard Bartsch | 20. Mai 2011 um 02:48 Uhr

 

Ein Gott dankt ab

Der Dalai Lama gibt seine politischen Funktionen auf und fordert demokratische Wahlen. Doch ausgerechnet Peking besteht auf seiner Wiedergeburt.

Der Dalai Lama geht in Rente. 61 Jahre nachdem ihm die weltliche Herrschaft über Tibet übertragen wurde, will der 14. Dalai Lama seine politischen Funktionen aufgeben und in demokratischen Wahlen einen Nachfolger bestimmen lassen. «Eines meiner Ziele, das ich seit meiner Jugend verfolgt habe, ist die Reform von Tibets politischer und gesellschaftlicher Struktur», sagte er…

Bernhard Bartsch | 10. März 2011 um 16:32 Uhr

 

Chinas Volkskongress spielt Demokratie

Während das Parlament die Reformen der nächsten fünf Jahre diskutiert, erlebeben Regimegegner und Journalisten die schwersten Repressionen seit Jahren.

Einmal im Jahr spielt China Demokratie. Dann tritt in Pekings Grosser Halle des Volkes der Nationale Volkskongress zusammen, ein 3000-köpfiges Scheinparlament, das die Politik der Kommunistischen Partei gutheissen soll. Bei der diesjährigen Tagung, die am Samstag begonnen hat und rund zehn Tage dauern wird, ist der staatliche Propagandaapparat mehr als je zuvor angehalten, den Anschein einer echten Volksherrschaft zu erwecken…

Bernhard Bartsch | 05. März 2011 um 10:31 Uhr

 

Chinas Durst nach Jasmintee

Chinas Aktivisten wollen die arabischen Revolten kopieren. Doch die Kommunistische Partei ist auf Proteste besser vorbereitet als die Diktatoren im Nahen Osten.

Jasmintee ist in China ein beliebtes Getränk, doch wer sich öffentlich dazu bekennt, droht neuerdings ins Visier der Staatssicherheit zu geraten. Denn seit Tunesiens «Jasminrevolution» im Januar die Herrschaft des Autokraten Ben Ali beendet und die anhaltende Protestwelle im Nahen Osten losgetreten hat, benutzen chinesische Regimekritiker den Blumentee als Codewort für Widerstand gegen die Kommunistische Partei…

Bernhard Bartsch | 21. Februar 2011 um 03:06 Uhr

 

Chinas Angst vor dem Nobelpreis

Der inhaftierte Demokratieaktivist gilt als aussichtsreicher Anwärter auf den Friedensnobelpreis. Peking wappnet sich für eine antiwestliche Propagandaschlacht.

Trauen sie sich oder trauen sie sich nicht? Das ist die Schlüsselfrage, bevor Norwegens Nobelpreisjuroren am Freitagvormittag um elf Uhr Mitteleuropäischer Zeit den Träger des diesjährigen Friedensnobelpreises bekanntgeben. Selten haben Beobachter und Buchmacher im Vorfeld einen klareren Favoriten ausgemacht – und selten war das mit ihm verbundene politische Risiko höher…

Bernhard Bartsch | 07. Oktober 2010 um 09:45 Uhr

 

„Näher an Nordkorea“

Der chinesische Aktivist Tan Zuoren muss für fünf Jahre ins Gefängnis, weil er nach dem Erdbeben von Sichuan den Tod von tausenden Schülern untersuchte.

„Mein Rechtsverständnis unterscheidet sich von dem des Gerichts und der Richter. Ich bin unschuldig, aber für die Interessen meines Volk gehe ich bereitwillig ins Gefängnis.“ Mit diesen Worten soll der chinesische Bürgerrechtsaktivist Tan Zuoren am Dienstag die fünfjährige Haftstrafe kommentiert haben, zu der er in zweiter Instanz verurteilt worden ist. Der 55-jährige hatte nach dem verheerenden Erdbeben in Sichuan im Mai 2008 den Tod von tausenden Schulkindern untersucht…

Bernhard Bartsch | 09. Februar 2010 um 18:19 Uhr

 

Supermacht auf Probe

Chinas Aufstieg stellt die politische Dominanz des Westens in Frage. Trotzdem ist es für Nachrufe auf die demokratische Leitkultur noch zu früh.

„Unauffällig auftreten und niemals die Führung übernehmen.“ So lautete die außenpolitische Strategie, die Deng Xiaoping seinem Land um 1980 verschrieb. Chinas Reformpatriarch war damals weit über siebzig und lange genug Revolutionär; er kannte die Gefahren übereifriger Neuanfänge…

Bernhard Bartsch | 18. Januar 2010 um 04:47 Uhr

 

Signal der Härte

Chinas Justiz verurteilt den Bürgerrechtler Liu Xiaobo zu elf Jahren Haft – eine Demonstration der Unerbittlichkeit.

„China hat viele Gesetze, aber keine Rechtsstaatlichkeit“, lautet einer der Sätze, den der Pekinger Literaturprofessor Liu Xiaobo im vergangenen Herbst in seiner „Charta 08“ formulierte. Das Demokratie-Manifest sollte Chinas Intellektuelle aufrütteln und eine Debatte über politische Reformen ins Leben rufen. Zur Strafe lässt die Kommunistische Partei den 53-jährigen Querdenker nun gnadenlos spüren, wie recht er mit seinem Vorwurf hat: In einem Schnellverfahren wurde Liu wegen „Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt“ zu elf Jahren Haft verurteilt…

Bernhard Bartsch | 25. Dezember 2009 um 18:36 Uhr

 

Wettstreit der Worte

Die Buchmesse ist ein Laborversuch zur chinesischen Meinungsfreiheit.

Vor 2500 Jahren forderte der Philosoph Konfuzius Chinas Herrscher auf, die Dinge beim Namen zu nennen. „Wenn die Bezeichnungen nicht stimmen, spiegelt die Sprache nicht mehr die wahren Umstände wider“, mahnte der Weise. Wo sich Begriffe von ihren Bedeutungen trennen und in leerem Gerede auflösen, drohten die Kultur zu zerfallen, die Regierung ihre Macht zu verlieren und das Volk im Chaos zu versinken. „Der Edle redet deshalb so, dass seine Sprache Sinn macht“, schloss der Nationaldenker. Chinas Mächtige erinnern sich bis heute an seinen Rat – und hüten sich meist davor, ihn zu befolgen…

Bernhard Bartsch | 13. Oktober 2009 um 04:55 Uhr

 

Wo Äpfel noch Birnen sind

Die Volksrepublik China feiert ihren 60. Jahrestag ihrer Gründung. Das heißt, eigentlich feiert die Kommunistische Partei 60 Jahre Herrschaft. Doch das ist einerlei.

Ein Herrschaftsjubiläum ist kein Legitimationsbeweis. Dieser Satz ist eigentlich banal, folgt er doch der Binsenweisheit: Äpfel sind keine Birnen. Dennoch dürfte derzeit wohl keine chinesische Zeitung diesen Satz drucken. Denn Chinas Kommunistische Partei serviert ihrem Volk derzeit ein politisches Apfel-Birnen-Kompott…

Bernhard Bartsch | 01. Oktober 2009 um 23:45 Uhr

 

„Mao war ein Mensch mit Fehlern“

Mao-Darsteller Tang Guoqiang über Chinas jüngsten Propagandastreifen, Demokratie mit chinesischen Eigenschaften und den Nachruhm des Großen Vorsitzenden.

Tang_Guoqiang_4Herr Tang, seit 13 Jahren sind Sie fast täglich im chinesischen Fernsehen in der Rolle von Mao Zedong zu sehen. Was Ihre Landsleute heute über Mao wissen und denken, geht also maßgeblich auf ihre Darstellung zurück. Wie viel haben denn die Filmfigur und der reelle Mao mit einander zu tun?

Unsere Filme beruhen auf historischen Studien und bilden die Geschichte so ab, wie sie stattgefunden hat. Man kann daraus lernen – deshalb werden sie selbst an den Parteischulen als Lehrmittel eingesetzt…

Bernhard Bartsch | 01. Oktober 2009 um 22:31 Uhr