Frau Zou will wählen
In China herrscht Demokratie, zumindest auf dem Papier. Aber was muss man tun, um sein Kreuz machen zu dürfen – und was hat man davon? Ein Experiment.
“Weswegen ich anrufe, Mama: Hast du schon mal gewählt?” Am anderen Ende der Leitung herrscht einen Moment lang Stille. “Gewählt?”, kommt es dann ungläubig zurück. “Ja, Volksvertreter gewählt”, sagt Frau Zou. Ihre Mutter denkt eine Weile nach. Stimmt, da war mal was. Wahlen. In den 80er Jahren, als sie noch bei einem Staatsbetrieb arbeitete, wurde die Belegschaft zum Wählen aufgefordert. “Was das sollte, wusste keiner, aber wir haben halt irgendwo ein Kreuz gemacht”, erinnert sich die Dame und fragt ihre Tochter, warum sie das wissen wolle. “Weil ich auch wählen will!”, antwortet Frau Zou…
Hörsaal der Hörigen
Erschreckt durch die Umwälzungen im Nahen Osten trimmt Chinas Regierung seine Studenten mit Gewalt auf Linie.
Die Aufforderung zum Verrat erfolgte im Namen der Moral. Pekinger Studenten erhielten kürzlich Formulare mit den Namen ihrer Kommilitonen, auf denen sie beurteilen sollten, wen sie für moralisch vorbildlich hielten – und wen nicht. “Wir waren ziemlich schockiert”, erzählt eine Studentin. Denn keiner machte sich Illusionen darüber, auf welche Informationen es die Universitätsleitung abgesehen hatte: Wer zeichnet sich durch Patriotismus und Parteitreue aus, und wer wagt es, vor anderen Kritik an Chinas Machtstrukturen oder Medien zu üben?…
Ein Gott dankt ab
Der Dalai Lama gibt seine politischen Funktionen auf und fordert demokratische Wahlen. Doch ausgerechnet Peking besteht auf seiner Wiedergeburt.
Der Dalai Lama geht in Rente. 61 Jahre nachdem ihm die weltliche Herrschaft über Tibet übertragen wurde, will der 14. Dalai Lama seine politischen Funktionen aufgeben und in demokratischen Wahlen einen Nachfolger bestimmen lassen. «Eines meiner Ziele, das ich seit meiner Jugend verfolgt habe, ist die Reform von Tibets politischer und gesellschaftlicher Struktur», sagte er…
Chinas Volkskongress spielt Demokratie
Während das Parlament die Reformen der nächsten fünf Jahre diskutiert, erlebeben Regimegegner und Journalisten die schwersten Repressionen seit Jahren.
Einmal im Jahr spielt China Demokratie. Dann tritt in Pekings Grosser Halle des Volkes der Nationale Volkskongress zusammen, ein 3000-köpfiges Scheinparlament, das die Politik der Kommunistischen Partei gutheissen soll. Bei der diesjährigen Tagung, die am Samstag begonnen hat und rund zehn Tage dauern wird, ist der staatliche Propagandaapparat mehr als je zuvor angehalten, den Anschein einer echten Volksherrschaft zu erwecken…
Chinas Durst nach Jasmintee
Chinas Aktivisten wollen die arabischen Revolten kopieren. Doch die Kommunistische Partei ist auf Proteste besser vorbereitet als die Diktatoren im Nahen Osten.
Jasmintee ist in China ein beliebtes Getränk, doch wer sich öffentlich dazu bekennt, droht neuerdings ins Visier der Staatssicherheit zu geraten. Denn seit Tunesiens «Jasminrevolution» im Januar die Herrschaft des Autokraten Ben Ali beendet und die anhaltende Protestwelle im Nahen Osten losgetreten hat, benutzen chinesische Regimekritiker den Blumentee als Codewort für Widerstand gegen die Kommunistische Partei…
Chinas Angst vor dem Nobelpreis
Der inhaftierte Demokratieaktivist gilt als aussichtsreicher Anwärter auf den Friedensnobelpreis. Peking wappnet sich für eine antiwestliche Propagandaschlacht.
Trauen sie sich oder trauen sie sich nicht? Das ist die Schlüsselfrage, bevor Norwegens Nobelpreisjuroren am Freitagvormittag um elf Uhr Mitteleuropäischer Zeit den Träger des diesjährigen Friedensnobelpreises bekanntgeben. Selten haben Beobachter und Buchmacher im Vorfeld einen klareren Favoriten ausgemacht – und selten war das mit ihm verbundene politische Risiko höher…
“Näher an Nordkorea”
Der chinesische Aktivist Tan Zuoren muss für fünf Jahre ins Gefängnis, weil er nach dem Erdbeben von Sichuan den Tod von tausenden Schülern untersuchte.
„Mein Rechtsverständnis unterscheidet sich von dem des Gerichts und der Richter. Ich bin unschuldig, aber für die Interessen meines Volk gehe ich bereitwillig ins Gefängnis.“ Mit diesen Worten soll der chinesische Bürgerrechtsaktivist Tan Zuoren am Dienstag die fünfjährige Haftstrafe kommentiert haben, zu der er in zweiter Instanz verurteilt worden ist. Der 55-jährige hatte nach dem verheerenden Erdbeben in Sichuan im Mai 2008 den Tod von tausenden Schulkindern untersucht…
Supermacht auf Probe
Chinas Aufstieg stellt die politische Dominanz des Westens in Frage. Trotzdem ist es für Nachrufe auf die demokratische Leitkultur noch zu früh.
“Unauffällig auftreten und niemals die Führung übernehmen.” So lautete die außenpolitische Strategie, die Deng Xiaoping seinem Land um 1980 verschrieb. Chinas Reformpatriarch war damals weit über siebzig und lange genug Revolutionär; er kannte die Gefahren übereifriger Neuanfänge…
Signal der Härte
Chinas Justiz verurteilt den Bürgerrechtler Liu Xiaobo zu elf Jahren Haft – eine Demonstration der Unerbittlichkeit.
“China hat viele Gesetze, aber keine Rechtsstaatlichkeit”, lautet einer der Sätze, den der Pekinger Literaturprofessor Liu Xiaobo im vergangenen Herbst in seiner “Charta 08″ formulierte. Das Demokratie-Manifest sollte Chinas Intellektuelle aufrütteln und eine Debatte über politische Reformen ins Leben rufen. Zur Strafe lässt die Kommunistische Partei den 53-jährigen Querdenker nun gnadenlos spüren, wie recht er mit seinem Vorwurf hat: In einem Schnellverfahren wurde Liu wegen “Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt” zu elf Jahren Haft verurteilt…
Wettstreit der Worte
Die Buchmesse ist ein Laborversuch zur chinesischen Meinungsfreiheit.
Vor 2500 Jahren forderte der Philosoph Konfuzius Chinas Herrscher auf, die Dinge beim Namen zu nennen. “Wenn die Bezeichnungen nicht stimmen, spiegelt die Sprache nicht mehr die wahren Umstände wider”, mahnte der Weise. Wo sich Begriffe von ihren Bedeutungen trennen und in leerem Gerede auflösen, drohten die Kultur zu zerfallen, die Regierung ihre Macht zu verlieren und das Volk im Chaos zu versinken. “Der Edle redet deshalb so, dass seine Sprache Sinn macht”, schloss der Nationaldenker. Chinas Mächtige erinnern sich bis heute an seinen Rat – und hüten sich meist davor, ihn zu befolgen…
Wo Äpfel noch Birnen sind
Die Volksrepublik China feiert ihren 60. Jahrestag ihrer Gründung. Das heißt, eigentlich feiert die Kommunistische Partei 60 Jahre Herrschaft. Doch das ist einerlei.
Ein Herrschaftsjubiläum ist kein Legitimationsbeweis. Dieser Satz ist eigentlich banal, folgt er doch der Binsenweisheit: Äpfel sind keine Birnen. Dennoch dürfte derzeit wohl keine chinesische Zeitung diesen Satz drucken. Denn Chinas Kommunistische Partei serviert ihrem Volk derzeit ein politisches Apfel-Birnen-Kompott…
“Mao war ein Mensch mit Fehlern”
Mao-Darsteller Tang Guoqiang über Chinas jüngsten Propagandastreifen, Demokratie mit chinesischen Eigenschaften und den Nachruhm des Großen Vorsitzenden.
Herr Tang, seit 13 Jahren sind Sie fast täglich im chinesischen Fernsehen in der Rolle von Mao Zedong zu sehen. Was Ihre Landsleute heute über Mao wissen und denken, geht also maßgeblich auf ihre Darstellung zurück. Wie viel haben denn die Filmfigur und der reelle Mao mit einander zu tun?
Unsere Filme beruhen auf historischen Studien und bilden die Geschichte so ab, wie sie stattgefunden hat. Man kann daraus lernen – deshalb werden sie selbst an den Parteischulen als Lehrmittel eingesetzt…
Massaker an der Meinungsfreiheit
Chinas Sicherheitsbehörden verbieten dem Dichter Liao Yiwu, zur Buchmesse nach Deutschland zu fahren.
Wir erleben ein Massaker in diesem Land der Utopien. Der Regierungschef braucht sich nur zu erkälten, und schon müssen die Massen mit ihm niesen.” So beginnt das Gedicht “Massaker”, in dem der chinesische Dichter Liao Yiwu im Juni 1989 seinem Entsetzen über das Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens Luft machte…
Buchmessekonferenz droht zu platzen
Kritische Autorin Dai Qing erhält Visum für Deutschland. Da die Frankfurter Buchmesse sie von der Rednerliste gestrichen hat, will sie nun im Publikum sitzen.
Die Vorbereitungskonferenz zu Chinas Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse droht zu platzen. Die kritische Schriftstellerin Dai Qing, deren Teilnahme Peking um jeden Preis verhindern will, hat am Donnerstag von der deutschen Botschaft in Peking doch noch ein Visum erhalten. Das bestätigte Dai. Dabei hatte sich die Buchmesse Anfang der Woche auf Druck des chinesischen Gastlandkomitees entschieden, die Einladung der Investigativ- und Umweltjournalistin, die in der Volksrepublik Veröffentlichungsverbot hat, nicht weiter zu verfolgen…
Wenn Japan Demokratie wagt
Japans Wähler haben ihrer neuen Regierung ein starkes Reformmandat erteilt. Doch in Sachen Strukturwandel ist die Wirtschaftsmacht noch ein Anfänger.
Den Zahlen nach zu urteilen, lässt Japans Wahlergebnis keine Fragen offen. Eine überwältigende Mehrheit der Wähler hat am Sonntag für die Demokratische Partei (DPJ) gestimmt und den Liberaldemokraten (LDP), die das Land 54 Jahre lang fast ununterbrochen regiert haben, deutlich das Misstrauen ausgesprochen. Das Resultat gibt dem designierten Premierminister Yukio Hatoyama ein starkes Mandat für die Reformen, die er im Wahlkampf versprochen hat…