Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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China erschrickt über sich selbst

Das Video einer Zweijährigen, die nach einem Unfall von Passanten ignoriert wurde, hat in China eine Moraldiskussion ausgelöst.

Auf einmal schauen alle hin: die Öffentlichkeit, die Medien, die Politik. Millionen Menschen sahen in den vergangenen Tagen das schockierende Video, auf dem ein zweijähriges Mädchen von zwei Lastwagen überrollt und von insgesamt 18 Passanten ignoriert wird, bevor ihm nach über sechs Minuten eine Müllsammlerin zu Hilfe kommt. Das Schicksal der kleinen Wang Yue bei seinen Landsleuten eine lebhafte Diskussion ausgelöst: Was läuft falsch in der chinesischen Gesellschaft, dass den Menschen das Mitgefühl mit einem blutenden Kleinkind abhanden gekommen ist?…

Bernhard Bartsch | 20. Oktober 2011 um 10:37 Uhr

 

Seltene Erden – jetzt noch seltener

Die Welt braucht sie, China hat sie: Seltene Erden, benötigt für den Bau von Smartphones, Elektromotoren oder Windrädern. Nun drosselt Peking die Produktion.

Was wäre wohl los, wenn die Opec-Staaten morgen bekannt gäben, dass sie die Ölförderung für einen Monat aussetzen, um damit den Preis in die Höhe zu treiben? Die Folgen wären wohl kaum weniger dramatisch als die der beiden Ölkrisen in den 1970er Jahren, welche die Industriestaaten in die Rezession drückten und die Angst ums Öl zur globalen Dauersorge machten. Zu den langfristigen Auswirkungen gehörten ein Umdenken in der Stromwirtschaft, aber auch ressourcenmotivierte Kriege. Ganz ähnlich ist die Politik, die China derzeit bei den Seltenen Erden verfolgt…

Bernhard Bartsch | 19. Oktober 2011 um 12:37 Uhr

 

Dem Teufel das Gesicht waschen

Die einen singen patriotische Lieder, die anderen werden gefoltert. Viele chinesische Medien beschäftigen derzeit die Frage: Wie leben Chinas Häftlinge?

Es muss ein lustiger Abend gewesen sein, als die Insassen des Lufeng-Gefängnisses ihre ehemaligen Kollegen kürzlich zur Gala einluden. Der Knast im zentralchinesischen Changsha, der Hauptstadt der Provinz Hunan, beherbergt 133 korrupte Beamte, die mit einem Auftritt vor Provinzoffiziellen demonstrieren sollten, dass sie hinter Gittern bessere Menschen geworden sind. Sie sangen patriotische Lieder, zeigten Zaubertricks und versteigerten eigene Kunstwerke…

Bernhard Bartsch | 19. Oktober 2011 um 01:49 Uhr

 

Die faule Stelle des Apfels

Steve Jobs hat viel erreicht, eines allerdings nicht: Zweifel an den Produktionsbedingungen bei seinen Zulieferern hat Apple nie ausräumen können.

„Die Welt hat einen wahren Helden verloren und ich einen Freund“, trauerte der taiwanesische Unternehmer Terry Gou um den verstorbenen Apple-Gründer Steve Jobs. Über das persönliche Verhältnis der beiden Männer ist wenig bekannt, doch beruflich verband sie eine Partnerschaft, die für beide gleichermaßen profitabel wie rufschädigend war. Gous Elektronikkonzern Foxconn, in dessen chinesischen Werken auch Apples iPhones und iPads gefertigt werden, steht seit Jahren wegen angeblich schlechter Produktionsbedingungen am Pranger…

Bernhard Bartsch | 17. Oktober 2011 um 11:40 Uhr

 

Amerikanischer Traum – Made in China

Der chinesische Bildhauer Lei Yixin entwarf das Denkmal von Martin Luther King. Viele Amerikaner empört das.

Dem chinesischen Bildhauer Lei Yixin wird an diesem Sonntag eine Ehre zuteil, von der viele meinen, dass sie ihm nicht zusteht. US-Präsident Barack Obama weiht in Washingtons National Mall, direkt zwischen den Denkmälern von Abraham Lincoln und Thomas Jefferson, Leis Standbild von Martin Luther King ein. Viele Amerikaner finden es ein Unding, dass die Statue des Bürgerrechtlers „Made in China“ ist: von einem Chinesen entworfen, in der Volksrepublik aus chinesischem Granit gemeißelt und dann per Container über den Pazifik geschifft, als existiere kein Unterschied zwischen Turnschuhen und einem Nationalmonument. Doch was kann Lei dafür, dass die Amerikaner ihn beauftragt haben?…

Bernhard Bartsch | 15. Oktober 2011 um 02:49 Uhr

 

Chinesischer Spagat

Nach dem Attentatsversuch wollen die USA den Druck auf den Iran erhöhen. Das geht nur mit chinesischer Unterstützung – doch Peking spielt sein eigenes Spiel.

Was haben alle Rüpelregime dieser Welt gemeinsam, Iran und Nordkorea, Pakistan und Burma, Syrien und Sudan? Die Antwort: Alle pflegen beste Kontakte nach China. Die Volksrepublik nutzt regelmäßig ihren politischen Einfluss als Vetomacht im Uno-Sicherheitsrat, um ihre Verbündeten vor harten Sanktionen und internationaler Isolation zu bewahren. Auch beim Ringen um eine Reaktion auf die angeblich in Teheran geplanten Anschläge in den USA spielt Peking deshalb eine Schlüsselrolle…

Bernhard Bartsch | 13. Oktober 2011 um 12:47 Uhr

 

Putin drückt aufs Gas

Beim Geld fängt die Freundschaft erst an: Die Rivalen Russland und China ringen um ein Erdgas-Abkommen, das auch Europas Versorgung beeinflussen könnte.

Nordasien rückt ins Zentrum des weltweiten Wettlaufs um Ressourcen. Unmittelbar bevor Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstag in der Mongolei einen großen Rohstoffabkommen festzurren will, stehen auch die großen Nachbarn China und Russland offenbar vor einer Vereinbarung über langfristige Erdgas-Lieferungen…

Bernhard Bartsch | 12. Oktober 2011 um 13:01 Uhr

 

Schweigen oder verschwinden

Vor einem Jahr düpierte der Friedensnobelpreis für Liu Xiaobo Chinas Kommunistische Partei. Seitdem macht das Regime systematisch Jagd auf Kritiker.

«Wenn eine Regierung beginnt, Anwälte zu foltern, ist niemand mehr vor ihr sicher», sagt Jiang Tianyong und spielt nervös mit einer Peperoni. Der Konferenztisch in seinem Pekinger Büro, an dem der Jurist früher mit Kollegen die Verteidigung von Menschenrechtsaktivisten plante, dient nur noch als Abstellfläche für Einkaufstaschen. In einem Regal verstauben die Werbematerialien einer Organisation, die einst gegen die Diskriminierung von HIV-Infizierten kämpfte und deren Gründer ins Ausland floh, weil er sich in China nicht mehr sicher fühlte. Zu Recht. «Was sie mit mir gemacht haben, haben sie auch mit Dutzenden anderer getan», erklärt Jiang. «Wir Bürgerrechtsanwälte hatten nie die Illusionen, dass unsere Arbeit leicht sein würde, aber eine Einschüchterungskampagne wie die seit der Verleihung des letzten Friedensnobelpreises hat noch keiner von uns erlebt.»…

Bernhard Bartsch | 12. Oktober 2011 um 04:09 Uhr

 

Helfen auf eigene Gefahr

Was tun, wenn man einen alten Menschen auf der Straße liegen sieht? In China lautet die Antwort häufig: Liegen lassen – der eigenen Sicherheit wegen.

Peking Herr Li starb am helllichten Tage vor den Augen Dutzender Menschen. Am 4. September war der 88-Jährige aus dem zentralchinesischen Wuhan wie jeden Morgen auf den Markt gegangen, wo er stolperte und sich am Kopf verletzte. Obwohl reger Betrieb herrschte und viele Passanten den Alten kannten, kam ihm niemand zu Hilfe. Eine Stunde lag er am Boden, bis irgendwann ein Arzt auftauchte und seinen Tod feststellte…

Bernhard Bartsch | 06. Oktober 2011 um 04:17 Uhr

 

Kein Frieden mit Konfuzius

Chinas Regierung streicht den umstrittenen Friedenspreis. Zu den Nominierten gehörte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Angela Merkel bleibt dieser Tage wenig erspart, doch zumindest die Gefahr einer diplomatischen Peinlichkeit in China ist aus der Welt. Die deutsche Bundeskanzlerin muss nicht mehr befürchten, den umstrittenen Konfuzius-Friedenspreis verliehen zu bekommen, für den sie kürzlich nominiert worden war, zusammen mit Kandidaten wie Russlands Premier Wladimir Putin…

Bernhard Bartsch | 29. September 2011 um 04:19 Uhr

 

Die Partei baut an

Chinas reichster Mann, Baumaschinenunternehmer Liang Wengen, soll Mitglied im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei werden.

“Reichtum ist glorreich”, ermutigte Chinas Reformpatriarch Deng Xiaoping einst seine Landsleute, ihre sozialistischen Glaubenssätze aufzugeben und ungeniert nach materiellem Wohlstand zu streben. Drei Jahrzehnte später nimmt die Kommunistische Partei nun erstmals einen Musterkapitalisten in den inneren Machtzirkel auf: Der Baumaschinenmagnat Liang Wengen, der als Chinas reichster Mann gilt, soll beim Parteikongress im Oktober 2012 Mitglied im Zentralkomitee werden. Das Gremium vereint die 300 mächtigsten Politiker des Landes…

Bernhard Bartsch | 28. September 2011 um 04:10 Uhr

 

Zweifelhafte Ehre

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist für den obskuren Konfuzius-Preis nominiert – wegen ihrer Verdienste um den Frieden in Europa.

Die Euro-Rettung wird teuer, aber vielleicht verdient Angela Merkel bald etwas dazu: Wegen ihrer “Verdienste um den Frieden in Europa” ist die deutsche Bundeskanzlerin für den chinesischen Konfuzius-Preis nominiert, der mit 100 000 Yuan dotiert ist, immerhin 11 300 Euro. Das macht zwar noch keinen Rettungsschirm, aber auch kleine Spenden können helfen, und bei Börsenhändlern stehen chinesische Vertrauensbeweise für die europäische Gemeinschaftswährung ohnehin hoch im Kurs…

Bernhard Bartsch | 20. September 2011 um 02:38 Uhr

 

Abtreibung mit Studentenrabatt

Täglich werden in China 35.000 Kinder abgetrieben. Mangelnde Aufklärung und schlechte medizinische Standards machen Millionen Frauen unfruchtbar.

Die Angst vor dem, was kommt, steht dem Mädchen ins Gesicht geschrieben. Blass und schmal lehnt sie an der Wand, die Augen verheult. Im Arm hält sie eine Puppe, obwohl sie dafür eigentlich schon viel zu alt ist. 14 sei sie, sagt das Mädchen, doch in der einschüchternden Sachlichkeit des Krankenhausflurs fühlt sie sich nicht mehr als Frau, sondern wieder als Kind. Auch der schlaksige Teenager, der verlegen neben ihr steht, ist nicht mehr der junge Mann, der er war, als er seine Mitschülerin vor einigen Wochen zu sich nach Hause lockte…

Bernhard Bartsch | 19. September 2011 um 02:59 Uhr

 

“Dieser Dialog ist Geldverschwendung”

Im Interview kritisiert Anwaltslegende Zhang Sizhi Deutschlands Ergebenheit gegenüber China und sieht dort noch lange keinen Rechtsstaat.

Chinas Rechtssystem produziert derzeit Negativschlagzeilen in Serie. Dutzende Bürgerrechtler und Regimekritiker wurden in den vergangenen Monaten von der Polizei bedroht, verschleppt oder gefoltert. Viele wurden zu hohen Haftstrafen verurteilt. Prominentestes Opfer ist der Künstler und Blogger Ai Weiwei, der 81 Tage ohne Anklage festgehalten wurde. Die Frau des inhaftierten Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo ist seit der Ehrung im vergangenen Jahr verschwunden. Neben chinesischen Aktivisten klagen auch ausländische Unternehmen über Chinas politisch dominierte Justiz, etwa wenn die Behörden sich weigern, effektiv gegen Patentrechtsverletzungen vorzugehen. Die Kommunistische Partei behauptet dennoch beharrlich, in ihrem Land gehe es streng nach Recht und Gesetz zu…

Bernhard Bartsch | 17. September 2011 um 08:13 Uhr

 

China braucht sein Geld zu Hause

China erkauft sich mit Devisenreserven globalen Einfluss. Das Volk ist darüber geteilter Meinung.

Einerseits überheblich, andererseits um Hilfe bettelnd: diesen unsympathischen Charakterzug attestieren die Chinesen den Europäern. Wie mit den unhöflichen Bittstellern umzugehen ist – darüber ist man in China geteilter Meinung. Dass die Länder der Eurozone auf Finanzspritzen der devisenreichen Volksrepublik hoffen, sehen führende Staatsmedien als Zeichen Chinas neuer, mächtiger Rolle auf der globalen Bühne. Gleichzeitig warnen sie aber davor, im Ausland freigebig Milliarden zu verteilen, während ein Großteil des eigenen Volkes noch immer nur knapp über der Armutsgrenze lebt…

Bernhard Bartsch | 17. September 2011 um 08:03 Uhr