China zensiert Merkels Termine
China verhindert ein Treffen mit dem Anwalt von Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo – und demonstriert damit das Ausmaß seiner Menschenrechtsprobleme.
Es sollte ein vertrauliches Gespräch werden, geführt in kleinster Runde in einem abhörsicheren Raum der deutschen Botschaft in Peking. Von einem der mutigsten chinesischen Anwälte und einem der kritischsten Journalisten will Bundeskanzlerin Angela Merkel sich am späten Donnerstagabend erklären lassen, wie es in China um die Menschenrechte steht. Wenige Stunden zuvor hat ihr Premierminister Wen Jiabao versichert, dass die Situation immer besser werde: Noch nie hätten die Chinesen mehr Wohlstand, höhere Bildung und größere Rechtssicherheit genossen. Passt das zusammen mit Nachrichten über eine verschärfte Verfolgung von Kritikern, rigide Zensur der Medien und brutale Unterdrückung von Protesten?…
Miss Europa
Angela Merkel reist nach China, doch ihre Gastgeber interessieren sich weniger für die deutsche Kanzlerin als für die europäische Chefsaniererin.
Die Chinesische Akademie für Sozialwissenschaften ist beileibe kein Repräsentationsbau. Der staatliche Thinktank, der landesweit über 3000 Forscher beschäftigt, firmiert in einer angegrauten Büroburg mit niedrigen Decken, dunklen Korridoren und muffigem Interieur. Mag Chinas Weltmachtehrgeiz auch noch so bunte Blüten treiben – seinen Vordenkern verordnet das System demonstrative Bodenständigkeit. Die glanzlose Denkerschmiede ist die erste Station, die Angela Merkel am Donnerstag bei ihrem fünften Chinabesuch als Kanzlerin ansteuert, und ihre Gesprächspartner machen ihr schnell deutlich, welche Erwartungen man in der Volksrepublik an sie hat…
Partnerschaft mit Vorbehalten
Bei ihrem Besuch in China hat Angela Merkal auch unangenehme Themen auf der Agenda. Ob Menschenrechte oder Außenpolitik – China ist ein schwieriger Partner.
Bundeskanzlerin Angela Merkel reist nach China. Am Donnerstag trifft sie zu politischen Gesprächen in Peking ein und reist am Freitag weiter in die südchinesische Metropole Guangzhou, wo vor allem wirtschaftliche Fragen auf dem Programm stehen. Offiziell bezeichnen Deutschland und China einander als Partner. Im Juni 2011 hielten die beiden Regierungen in Berlin erstmals eine gemeinsame Kabinettssitzung ab – ein Symbol für die guten Beziehungen. Doch in Wirklichkeit ist das Verhältnis kompliziert…
Die Bauern stören nur
Für eine chinesisch-deutsche Musterstadt bei Qingdao sollen 14 Dörfer umgesiedelt werden. Deren Bewohner hoffen auf Merkels Hilfe.
„Treibt den Bau des chinesisch-deutschen Ökoparks zügig voran“, steht auf dem Schild am Eingang von Shanwangxi, einem Dorf nahe der chinesischen Hafenstadt Qingdao. „Vorantreiben“ heißt für die Bewohner genau genommen: ihre Heimat aufgeben. Denn Shanwangxi ist eine von 14 Ortschaften, die einer Vision chinesischer und deutscher Wirtschaftspolitiker weichen sollen. Wo heute kleine Gehöfte stehen, soll in den kommenden Jahren eine zehn Quadratkilometer große Musterstadt für umweltfreundliche Lebensweise und zukunftsträchtige Industrien gebaut werden. Es ist das ehrgeizigste Kooperationsprojekt in der Geschichte der deutsch-chinesischen Beziehungen. Und die Bauern der Region erscheinen den Planern dabei offenbar als lästiges Hindernis, das es möglichst schnell und diskret aus dem Weg zu räumen gilt…
Die Wutbürger von Wukan
Ein chinesisches Dorf probt den Volksaufstand gegen die korrupten Behörden – ein Zeichen von tief sitzender sozialer Unzufriedenheit.
„Alter Xue, leider warst du für Time zu spät.“ Kurznachrichten wie diese verbreiten sich im chinesischen Internetforen derzeit tausendfach – schneller als die Zensoren der Kommunistischen Partei sie entschlüsseln und löschen können. Dabei ist die Anspielung in ihren Augen hoch subversiv: Das amerikanische Nachrichtenmagazin Time hat am Donnerstag Demonstranten in aller Welt zur Person des Jahres 2011 gekürt – und der südchinesische Bauer Xue Jinbo wäre womöglich in die Galerie der berühmtesten Protest-Ikonen aufgenommen worden, wenn sein Tod vor Redaktionsschluss bekannt gewesen wäre. Der 42 Jahre alte Xue war einer der Anführer der größten Demonstrationen, die China seit Jahren erlebt…
Chinas Weg zum Kapitalismus
China feiert zehn Jahre WTO-Mitgliedschaft. Für die Volksrepublik hat sich der Beitritt gelohnt, im Rest der Welt ist man sich weniger sicher.
Es war eine Wette mit hohem Einsatz und großem Risiko: Vor zehn Jahren trat China der Welthandelsorganisation (WTO) bei – eine wirtschaftspolitische Entscheidung, die in der chinesischen Führung und Öffentlichkeit umstritten war wie wenige zuvor. Premier Zhu Rongji, die treibende Kraft hinter den Beitrittsverhandlungen, wurde von Pekings Konservativen als „Verräter“ und „Wirtschaftsnutte“ beschimpft, weil sie hinter der Marktöffnung den Ausverkauf chinesischer Interessen und eine Unterhöhlung der Souveränität sowie der Herrschaft der Kommunistischen Partei sahen…
Grüner Werbegag
China und Deutschland planen einen Öko-Park. Aber was daran „öko“ sein soll, ist noch unklar und der Nutzen höchst zweifelhaft.
Öko zieht immer, mag sich Chinas Wirtschaftsminister Chen Deming gedacht haben, als er seinem deutschen Amtskollegen Rainer Brüderle (FDP) vor zwei Jahren die Gründung eines gemeinsamen Umweltparks vorschlug. China hat gewaltige ökologische Probleme und Deutschland moderne Umwelttechnologie – wie sollte ein Kooperationsprojekt da keine Win-win-Lösung sein? Brüderle gefiel die Idee, und die beiden Minister gaben ihren Beamten Marschbefehle…
Chinas Sorgenkinder
Die Angst chinesischer Eltern um ihren Nachwuchs wächst, seit sich Entführungen, Impfskandale und Unfälle häufen. Der Staat versagt.
Vierte Stunde. “Ethik und Moral” steht auf dem Unterrichtsplan. Die Achtklässler der Pekinger Chen-Jinglun-Schule springen zackig von ihren Pulten auf und verbeugen sich tief. “Guten Morgen, Frau Lehrerin”, rufen sie im Chor, stehen einen Moment lang stramm wie ein Paradebataillon und schnellen dann zurück in die Bänke. “Wir behandeln heute ein sehr aktuelles Thema”, verkündet die Lehrerin. “Wie können wir uns vor Gefahren schützen?”…
China wird zum Sorgenfall
China kann die Weltwirtschaft nicht retten, aber die globale Krise noch verschlimmern. Die jüngsten Daten verheißen nichts Gutes.
Die globale Krise erreicht das einzige Land, das zuletzt noch positive Konjunkturnachrichten vermelden konnte: Chinas Industrieproduktion hat im November zu schrumpfen begonnen. Das zeigt der Einkaufsmanagerindex, der ein gutes Bild von der Auftragslage in den Fabriken gibt und im vergangenen Monat zurückging, zum ersten Mal seit dem Höhepunkt der Finanzkrise vor mehr als zweieinhalb Jahren…
Das Hasenkomplott
Wer im chinesischen Jahr des Hasen geboren wurde, sollte zurzeit etwas Rotes am Körper tragen – das schützt vor Unheil.
Am Wochenende hat mir ein Taschendieb mein Portemonnaie geklaut, im Gedränge eines Pekinger Cafés, dem mein sechster Sinn nicht gewachsen war. Er erbeutete einen Batzen Geld, Bankkarten, Presseausweis und andere Papiere. Muss ich erwähnen, dass ich mich sehr geärgert habe? Muss ich wohl. Denn als ich einer chinesischen Freundin von meinem Erlebnis erzählte, klärte sie mich auf, dass ich erstens selbst schuld sei und zweitens Glück im Unglück gehabt habe…
Autobahnen aus Fernost
Chinesen wollen in die Infrastruktur Europas und der USA investieren. Der Westen ist skeptisch.
Wird China bald in Europa Autobahnen, Stromleitungen oder Mobilfunknetze bauen? Pekings oberster Staatsinvestor zumindest hat daran offensichtlich Interesse. In einem Gastbeitrag für die Financial Times schreibt Lou Jiwei, Chef des Staatsfonds China Investment Corp. (CIC), Europäer und Amerikaner benötigten dringend mehr Investitionen in die Infrastruktur. “China möchte sich da gerne engagieren”, kündigte Lou an. Man beobachte die Sparten Energie, Transport, Wasserversorgung, Kommunikationsnetzwerke und Müllentsorgung. Konkrete Pläne verriet Lou allerdings nicht…
China bekommt Berufsbuddhisten
Tibetische Mönche und Nonnen haben in China künftig Renten- und Versicherungsansprüche. Die Partei will damit ihre Protestbereitschaft schwächen.
Tibetischer Mönch zu sein, ist in China künftig ein anständiger Beruf. Die buddhistischen Geistlichen haben neuerdings Anspruch auf eine Rente und eine staatliche Gesundheitsversicherung, berichtete Pekings offizielle Nachrichtenagentur Xinhua. Dass tibetische Mönche und Nonnen unter den Schirm des staatlichen Sozialsystems kommen, ist Teil einer Kampagne der Kommunistischen Partei, die mit Zuckerbrot und Peitsche – sprich: Geld und Repressionen – versucht, die von Unruhen geprägte Region zu befrieden…
Grau im Grün
Chinas Pläne, Elektroautos massenhaft auf die Straße zu bringen, gehen nicht auf. Hersteller müssen ihre Prognosen drastisch senken – trotz hoher Subventionen.
Die Prototypen sind alle wieder da, oft in grün oder hellblau, und wo bei anderen Autos die Tanköffnung ist, ragen demonstrativ Stromkabel heraus: Auf der Automobilmesse im südchinesischen Guangzhou zeigen internationale und chinesische Marken einmal mehr ihre Vorbereitung für die Ära der Elektroautos, von denen sich viele die nächste große Revolution der Fahrzeugindustrie versprechen. China spielt dabei eine Schlüsselrolle…
“Den ganzen Sommer über geschmolzenes Eis”
Siemens steht in China vor einem Imagedesaster: Ein bekannter Blogger will einen Kühlschrank der Marke öffentlich zerstören, weil er angeblich nichts taugt.
“This is how”, lautet ein Werbespruch von Siemens: So geht’s! Aber so, wie das Unternehmen sich derzeit der chinesischen Öffentlichkeit darstellt, geht es ganz bestimmt nicht. Die Deutschen stehen vor einem Imagedesaster, weil sie eine Qualitätsbeschwerde des populären Bloggers Luo Yonghao ignorierten – oder zumindest nicht so beantworteten, wie dieser und seine Anhänger es sich gewünscht hätten. Aus Rache will Luo nun seinen Siemens-Kühlschrank vor dem Pekinger Firmensitz zertrümmern, unterstützt von anderen Prominenten, die ebenfalls ihre Siemens-Eistruhen mitbringen wollen…
IWF warnt vor Chinas Kreditblase
Der Internationale Währungsfonds sieht Risiken im chinesischen Finanzsystem und fordert Reformen. Ein prominenter Ökonom fürchtet, dass es dafür schon zu spät ist.
China gilt vielen als wirtschaftlicher Stabilitätsanker in turbulenten Zeiten. Doch ein neuer Bericht des Internationalen Währungsfonds (IWF) warnt vor übertriebenen Erwartungen an die chinesische Krisenresistenz. Der zweitgrößten Wirtschaftsmacht drohe eine Kreditblase, auf die seine Banken schlecht vorbereitet seien. Zwar attestiert der IWF China „bemerkenswerte Fortschritte“, doch bei der Frage, ob die Reformen schnell genug vorangehen, um den wachsenden Gefahren vorzubeugen, sind die Experten skeptisch…